Ausspruch vorzüglich darauf, daß er dir, liebe Natalie, die ich so
unendlich schätze und verehre, daß er dir ähnlich ist. Ja, er hat von
dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute,
das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen. Wie oft habe ich
dich nicht im stillen getadelt, daß du diesen oder jenen Menschen
anders behandeltest, daß du in diesem oder jenem Fall dich anders
betrugst, als ich würde getan haben, und doch zeigte der Ausgang meist,
daß du recht hattest. "Wenn wir", sagtest du, "die Menschen nur
nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie
behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie
dahin, wohin sie zu bringen sind." Ich kann weder so sehen noch
handeln, das weiß ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht, Befehl,
das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno sagte:
"Therese dressiert ihre Zöglinge, Natalie bildet sie." Ja, er ging so
weit, daß er mir einst die drei schönen Eigenschaften: Glaube, Liebe
und Hoffnung völlig absprach. "Statt des Glaubens", sagte er, "hat
sie die Einsicht, statt der Liebe die Beharrlichkeit und statt der
Hoffnung das Zutrauen." Auch will ich dir gerne gestehen, eh ich dich
kannte, kannte ich nichts Höheres in der Welt als Klarheit und
Klugheit; nur deine Gegenwart hat mich überzeugt, belebt, überwunden,
und deiner schönen, hohen Seele tret ich gerne den Rang ab. Auch
meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine
Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nichtfinden; aber nicht
das leere Suchen, sondern das wunderbare, gutmütige Suchen begabt ihn,
er wähnt, man könne ihm das geben, was nur von ihm kommen kann. So,
meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine Klarheit nichts; ich kenne
meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und ich achte ihn nur
um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, und alle
meine Einsicht reicht nicht hin zu ahnen, was er wirken kann. Wenn
ich an ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem deinigen, und
ich weiß nicht, wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehören.
Aber ich will es wert sein dadurch, daß ich meine Pflicht tue,
dadurch, daß ich erfülle, was man von mir erwarten und hoffen kann."
"Ob ich Lotharios gedenke? Lebhaft und täglich. Ihn kann ich in der
Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen.
O wie bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler
mit mir verwandt ist, daß die Natur ihn dir so nahe gewollt hat.
Wahrlich, ein Wesen wie du wäre seiner mehr wert als ich. Dir könnt
ich, dir müßt ich ihn abtreten. Laß uns ihm sein, was nur möglich ist,
bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann laß uns zusammen
sein und zusammen bleiben."
"Was werden nun aber unsre Freunde sagen?" begann Natalie.--"Ihr
Bruder weiß nichts davon?"--"Nein! sowenig als die Ihrigen, die Sache
ist diesmal nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiß nicht,
was Lydie Theresen für Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint
dem Abbe und Jarno zu mißtrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime
Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiß, in die
ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn
eingeflößt, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte
sie niemand als mir einigen Einfluß verstatten. Mit meinem Bruder war
sie schon früher übereingekommen, daß sie sich wechselsweise ihre
Heirat nur melden, sich darüber nicht zu Rate ziehen wollten."
Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein,
einige Worte dazuzusetzen, Therese hatte sie darum gebeten. Man
wollte eben siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden ließ. Aufs
freundlichste ward er empfangen, auch schien er sehr munter und
scherzhaft und konnte endlich nicht unterlassen, zu sagen: "Eigentlich
komme ich hieher, um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme
Nachricht zu bringen; sie betrifft unsere Therese. Sie haben uns
manchmal getadelt, schöne Natalie, daß wir uns um so vieles bekümmern;
nun aber sehen Sie, wie gut es ist, überall seine Spione zu haben.
Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazität sehen!"
Die Selbstgefälligkeit, womit er diese Worte aussprach, die
schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, überzeugten
beide, daß ihr Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete lächelnd:
"Wir sind viel künstlicher, als Sie denken, wir haben die Auflösung
des Rätsels, noch ehe es uns aufgegeben wurde, schon zu Papiere
gebracht."
Sie überreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lothario und war
zufrieden, der kleinen überraschung und Beschämung, die man ihnen
zugedacht hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt
mit einiger Verwunderung, überlief es nur, staunte, ließ es aus der
Hand sinken und sah sie beide mit großen Augen, mit einem Ausdruck der
überraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem Gesichte nicht
gewohnt war. Er sagte kein Wort.
Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen, Jarno ging in der
Stube auf und ab. "Was soll ich sagen?" rief er aus, "oder soll ich's
sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu
vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! überraschung gegen
überraschung! Therese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! Das
Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle
Mädchen zu einer Verbindung mit Lothario vorzubereiten."
Jarno sah die Bestürzung der beiden Freunde, welche die Augen zur Erde
niederschlugen. "Dieser Fall ist einer von denen", sagte er, "die
sich in Gesellschaft am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes
dabei zu denken hat, denkt es am besten in der Einsamkeit; ich
wenigstens erbitte mir auf eine Stunde Urlaub." Er eilte in den
Garten, Wilhelm folgte ihm mechanisch, aber in der Ferne.
Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder zusammen. Wilhelm
nahm das Wort und sagte: "Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja
leichtfertig lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, Zutrauen
mit offenen Armen entgegen, ja sie drängten sich zu mir; jetzt, da es
Ernst wird, scheint das Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen.
Der Entschluß, Theresen meine Hand anzubieten, ist vielleicht der
erste, der ganz rein aus mir selbst kommt. Mit überlegung machte ich
meinen Plan, meine Vernunft war völlig damit einig, und durch die
Zusage des trefflichen Mädchens wurden alle meine Hoffnungen erfüllt.
Nun drückt das sonderbarste Geschick meine ausgestreckte Hand nieder.
Therese reicht mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich kann sie
nicht fassen, und das schöne Bild verläßt mich auf ewig. So lebe denn
wohl, du schönes Bild! und ihr Bilder der reichsten Glückseligkeit,
die ihr euch darum her versammelt!"
Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, und Jarno wollte
reden. "Lassen Sie mich noch etwas sagen", fiel Wilhelm ihm ein;
"denn um mein ganzes Geschick wird ja doch diesmal das Los geworfen.
In diesem Augenblick kommt mir der Eindruck zu Hülfe, den Lotharios
Gegenwart beim ersten Anblick mir einprägte und der mir beständig
geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und
Freundschaft, und ohne Aufopferung läßt sich keine Freundschaft denken.
Um seinetwillen war es mir leicht, ein unglückliches Mädchen zu
betören, um seinetwillen soll mir möglich werden, der würdigsten Braut
zu entsagen. Gehen Sie hin, erzählen Sie ihm die sonderbare
Geschichte, und sagen Sie ihm, wozu ich bereit bin."
Jarno versetzte hierauf: "In solchen Fällen, halte ich dafür ist schon
alles getan, wenn man sich nur nicht übereilt. Lassen Sie uns keinen
Schritt ohne Lotharios Einwilligung tun! Ich will zu ihm, erwarten
Sie meine Zurückkunft oder seine Briefe ruhig."
Er ritt weg und hinterließ die beiden Freunde in der größten Wehmut.
Sie hatten Zeit, sich diese Begebenheit auf mehr als eine Weise zu
wiederholen und ihre Bemerkungen darüber zu machen. Nun fiel es ihnen
erst auf, daß sie diese wunderbare Erklärung so gerade von Jarno
angenommen und sich nicht um die nähern Umstände erkundigt hatten. Ja
Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber aufs höchste stieg
ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, als den andern Tag ein Bote von
Theresen ankam, der folgenden sonderbaren Brief an Natalien mitbrachte:
"So seltsam es auch scheinen mag, so muß ich doch meinem vorigen
Briefe sogleich noch einen nachsenden und dich ersuchen, mir meinen
Bräutigam eilig zu schicken. Er soll mein Gatte werden, was man auch
für Plane macht, mir ihn zu rauben. Gib ihm inliegenden Brief! Nur
vor keinem Zeugen, es mag gegenwärtig sein, wer will."
Der Brief an Wilhelmen enthielt folgendes: "Was werden Sie von Ihrer
Therese denken, wenn sie auf einmal leidenschaftlich auf eine
Verbindung dringt, die der ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben
schien? Lassen Sie sich durch nichts abhalten, gleich nach dem
Empfang des Briefes abzureisen. Kommen Sie, lieber, lieber Freund,
nun dreifach Geliebter, da man mir Ihren Besitz rauben oder wenigstens
erschweren will."
"Was ist zu tun?" rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.
"Noch in keinem Fall", versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, "hat
mein Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wüßte
nichts zu tun, so wie ich nichts zu raten weiß."
"Wäre es möglich?" rief Wilhelm mit Heftigkeit aus, "daß Lothario
selbst nichts davon wüßte, oder wenn er davon weiß, daß er mit uns das
Spiel versteckter Plane wäre? Hat Jarno, indem er unsern Brief
gesehen, das Märchen aus dem Stegreife erfunden? Würde er uns was
anders gesagt haben, wenn wir nicht zu voreilig gewesen wären? Was
kann man wollen? Was für Absichten kann man haben? Was kann Therese
für einen Plan meinen? Ja, es läßt sich nicht leugnen, Lothario ist
von geheimen Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich habe selbst
erfahren, daß man tätig ist, daß man sich in einem gewissen Sinne um
die Handlungen, um die Schicksale mehrerer Menschen bekümmert und sie
zu leiten weiß. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse verstehe ich
nichts, aber diese neueste Absicht, mir Theresen zu entreißen, sehe
ich nur allzu deutlich. Auf einer Seite malt man mir das mögliche
Glück Lotharios, vielleicht nur zum Scheine, vor; auf der andern sehe
ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, die mich an ihr Herz ruft.
Was soll ich tun? Was soll ich unterlassen?"
"Nur ein wenig Geduld!" sagte Natalie, "nur eine kurze Bedenkzeit! In
dieser sonderbaren Verknüpfung weiß ich nur so viel, daß wir das, was
unwiederbringlich ist, nicht übereilen sollen. Gegen ein Märchen,
gegen einen künstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und Klugheit uns
bei; es muß sich bald aufklären, ob die Sache wahr oder ob sie
erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit Theresen zu
verbinden, so wäre es grausam, ihm ein Glück auf ewig zu entreißen in
dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint. Lassen Sie uns
nur abwarten, ob er etwas davon weiß, ob er selbst glaubt, ob er
selbst hofft."
Diesen Gründen ihres Rats kam glücklicherweise ein Brief von Lothario
zu Hülfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zurück", schrieb er; "von
meiner Hand eine Zeile ist dir mehr als die umständlichsten Worte
eines Boten. Ich bin gewiß, daß Therese nicht die Tochter ihrer
Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu besitzen, nicht aufgeben,
bis sie auch überzeugt ist und alsdann zwischen mir und dem Freunde
mit ruhiger überlegung entscheidet. Laß ihn, ich bitte dich, nicht
von deiner Seite! Das Glück, das Leben eines Bruders hängt davon ab.
Ich verspreche dir, diese Ungewißheit soll nicht lange dauern."
"Sie sehen, wie die Sache steht", sagte sie freundlich zu Wilhelmen;
"geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem Hause zu gehen."
"Ich gebe es!" rief er aus, indem er ihr die Hand reichte, "ich will
dieses Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und
meinem guten Geist, daß ich diesmal geleitet werde, und zwar von Ihnen."
Natalie schrieb Theresen den ganzen Verlauf und erklärte, daß sie
ihren Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich
Lotharios Brief mit.
Therese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, daß Lothario
selbst überzeugt ist, denn gegen seine Schwester wird er sich nicht
auf diesen Grad verstellen. Ich bin verdrießlich, sehr verdrießlich.
Es ist besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich komme zu
dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht habe, mit der man
grausam umgeht. Ich fürchte, wir sind alle betrogen und werden so
betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund meinen Sinn
hätte, so entschlüpfte er dir doch und würfe sich an das Herz seiner
Therese, die ihm dann niemand entreißen sollte; aber ich fürchte, ich
soll ihn verlieren und Lothario nicht wiedergewinnen. Diesem entreißt
man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu können, von
weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch
größer werden. Ob nicht indessen die schönsten Verhältnisse so
verschoben, so untergraben und so zerrüttet werden, daß auch dann,
wenn alles im klaren sein wird, doch nicht wieder zu helfen ist, mag
die Zeit lehren. Reißt sich mein Freund nicht los, so komme ich in
wenigen Tagen, um ihn bei dir aufzusuchen und festzuhalten. Du
wunderst dich, wie diese Leidenschaft sich deiner Therese bemächtiget
hat. Es ist keine Leidenschaft, es ist überzeugung, daß, da Lothario
nicht mein werden konnte, dieser neue Freund das Glück meines Lebens
machen wird. Sag ihm das im Namen des kleinen Knaben, der mit ihm
unter der Eiche saß und sich seiner Teilnahme freute! Sag ihm das im
Namen Theresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit
entgegenkam! Mein erster Traum, wie ich mit Lothario leben würde, ist
weit von meiner Seele weggerückt; der Traum, wie ich mit meinem neuen
Freund zu leben gedachte, steht noch ganz gegenwärtig vor mir. Achtet
man mich so wenig, daß man glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit
jenem aus dem Stegreife wieder umzutauschen?"
"Ich verlasse mich auf Sie", sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm
den Brief Theresens gab; "Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, daß
Sie das Glück meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein ist mit
dem Dasein meines Bruders so innig verbunden und verwurzelt, daß er
keine Schmerzen fühlen kann, die ich nicht empfinde, keine Freude, die
nicht auch mein Glück macht. Ja ich kann wohl sagen, daß ich allein
durch ihn empfunden habe, daß das Herz gerührt und erhoben, daß auf
der Welt Freude, Liebe und ein Gefühl sein kann, das über alles
Bedürfnis hinaus befriedigt."
Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: "O fahren Sie fort!
Es ist die rechte Zeit zu einem wahren, wechselseitigen Vertrauen; wir
haben nie nötiger gehabt, uns genauer zu kennen."
"Ja, mein Freund!" sagte sie lächelnd mit ihrer ruhigen, sanften,
unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht außer der Zeit,
wenn ich Ihnen sage, daß alles, was uns so manches Buch, was uns die
Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Märchen
erschienen sei."
"Sie haben nicht geliebt?" rief Wilhelm aus.
"Nie oder immer!" versetzte Natalie.
VIII. Buch, 5. Kapitel--1
Fünftes Kapitel
Sie waren unter diesem Gespräch im Garten auf und ab gegangen, Natalie
hatte verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die
Wilhelmen völlig unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.
"Sie vermuten wohl nicht", sagte Natalie, "für wen ich diesen Strauß
pflücke? Er ist für meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch
machen wollen. Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der
Vergangenheit, ich muß Sie diesen Augenblick hineinführen, und ich
gehe niemals hin, ohne einige von den Blumen, die mein Oheim besonders
begünstigte, mitzubringen. Er war ein sonderbarer Mann und der
eigensten Eindrücke fähig. Für gewisse Pflanzen und Tiere, für
gewisse Menschen und Gegenden, ja sogar zu einigen Steinarten hatte er
eine entschiedene Neigung, die selten erklärlich war. "Wenn ich
nicht", pflegte er oft zu sagen, "mir von Jugend auf so sehr
widerstanden hätte, wenn ich nicht gestrebt hätte, meinen Verstand ins
Weite und Allgemeine auszubilden, so wäre ich der beschränkteste und
unerträglichste Mensch geworden: denn nichts ist unerträglicher als
abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man eine reine,
gehörige Tätigkeit fordern kann." Und doch mußte er selbst gestehen,
daß ihm gleichsam Leben und Atem ausgehen würde, wenn er sich nicht
von Zeit zu Zeit nachsähe und sich erlaubte, das mit Leidenschaft zu
genießen, was er eben nicht immer loben und entschuldigen konnte.
"Meine Schuld ist es nicht", sagte er, "wenn ich meine Triebe und
meine Vernunft nicht völlig habe in Einstimmung bringen können." Bei
solchen Gelegenheiten pflegte er meist über mich zu scherzen und zu
sagen: Natalien kann man bei Leibesleben seligpreisen, da ihre Natur
nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht.""
Unter diesen Worten waren sie wieder in das Hauptgebäude gelangt. Sie
führte ihn durch einen geräumigen Gang auf eine Türe zu, vor der zwei
Sphinxe von Granit lagen. Die Türe selbst war auf ägyptische Weise
oben ein wenig enger als unten, und ihre ehernen Flügel bereiteten zu
einem ernsthaften, ja zu einem schauerlichen Anblick vor. Wie
angenehm ward man daher überrascht, als diese Erwartung sich in die
reinste Heiterkeit auflöste, indem man in einen Saal trat, in welchem
Kunst und Leben jede Erinnerung an Tod und Grab aufhoben. In die
Wände waren verhältnismäßige Bogen vertieft, in denen größere
Sarkophagen standen; in den Pfeilern dazwischen sah man kleinere
öffnungen, mit Aschenkästchen und Gefäßen geschmückt; die übrigen
Flächen der Wände und des Gewölbes sah man regelmäßig abgeteilt und
zwischen heitern und mannigfaltigen Einfassungen, Kränzen und Zieraten
heitere und bedeutende Gestalten in Feldern von verschiedener Größe
gemalt. Die architektonischen Glieder waren mit dem schönen gelben
Marmor, der ins Rötliche hinüberblickt, bekleidet, hellblaue Streifen
von einer glücklichen chemischen Komposition ahmten den Lasurstein
nach und gaben, indem sie gleichsam in einem Gegensatz das Auge
befriedigten, dem Ganzen Einheit und Verbindung. Alle diese Pracht
und Zierde stellte sich in reinen architektonischen Verhältnissen dar,
und so schien jeder, der hineintrat, über sich selbst erhoben zu sein,
indem er durch die zusammentreffende Kunst erst erfuhr, was der Mensch
sei und was er sein könne.
Der Türe gegenüber sah man auf einem prächtigen Sarkophagen das
Marmorbild eines würdigen Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt
eine Rolle vor sich und schien mit stiller Aufmerksamkeit
daraufzublicken. Sie war so gerichtet, daß man die Worte, die sie
enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: "Gedenke zu leben!"
Natalie, indem sie einen verwelkten Strauß wegnahm, legte den frischen
vor das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur vorgestellt,
und Wilhelm glaubte sich noch der Züge des alten Herrn zu erinnern,
den er damals im Walde gesehen hatte. "Hier brachten wir manche
Stunde zu", sagte Natalie, "bis dieser Saal fertig war. In seinen
letzten Jahren hatte er einige geschickte Künstler an sich gezogen,
und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen und Kartone zu
diesen Gemälden aussinnen und bestimmen zu helfen."
Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstände freuen, die ihn
umgaben. "Welch ein Leben", rief er aus, "in diesem Saale der
Vergangenheit! Man könnte ihn ebensogut den Saal der Gegenwart und
der Zukunft nennen. So war alles, und so wird alles sein! Nichts ist
vergänglich als der eine, der genießt und zuschaut. Hier dieses Bild
der Mutter, die ihr Kind ans Herz drückt, wird viele Generationen
glücklicher Mütter überleben. Nach Jahrhunderten vielleicht erfreut
sich ein Vater dieses bärtigen Mannes, der seinen Ernst ablegt und
sich mit seinem Sohne neckt. So verschämt wird durch alle Zeiten die
Braut sitzen und bei ihren stillen Wünschen noch bedürfen, daß man sie
tröste, daß man ihr zurede; so ungeduldig wird der Bräutigam auf der
Schwelle horchen, ob er hereintreten darf."
Wilhelms Augen schweiften auf unzählige Bilder umher. Vom ersten
frohen Triebe der Kindheit, jedes Glied im Spiele nur zu brauchen und
zu üben, bis zum ruhigen, abgeschiedenen Ernste des Weisen konnte man
in schöner, lebendiger Folge sehen, wie der Mensch keine angeborne
Neigung und Fähigkeit besitzt, ohne sie zu brauchen und zu nutzen.
Von dem ersten zarten Selbstgefühl, wenn das Mädchen verweilt, den
Krug aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen ihr Bild
gefällig betrachtet, bis zu jenen hohen Feierlichkeiten, wenn Könige
und Völker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Götter am Altare anrufen,
zeigte sich alles bedeutend und kräftig.
Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser
Stätte umgab, und außer den Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten
erregten, außer den Empfindungen, welche sie einflößten, schien noch
etwas andres gegenwärtig zu sein, wovon der ganze Mensch sich
angegriffen fühlte. Auch Wilhelm bemerkte es, ohne sich davon
Rechenschaft geben zu können. "Was ist das", rief er aus, "das,
unabhängig von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefühl, das uns
menschliche Begebenheiten und Schicksale einflößen, so stark und
zugleich so anmutig auf mich zu wirken vermag? Es spricht aus dem
Ganzen, es spricht aus jedem Teile mich an, ohne daß ich jenes
begreifen, ohne daß ich diese mir besonders zueignen könnte! Welchen
Zauber ahn ich in diesen Flächen, diesen Linien, diesen Höhen und
Breiten, diesen Massen und Farben! Was ist es, das diese Figuren,
auch nur obenhin betrachtet, schon als Zierat so erfreulich macht? Ja,
ich fühle, man könnte hier verweilen, ruhen, alles mit den Augen
fassen, sich glücklich finden und ganz etwas andres fühlen und denken
als das, was vor Augen steht."
Und gewiß, könnten wir beschreiben, wie glücklich alles eingeteilt war,
wie an Ort und Stelle durch Verbindung oder Gegensatz, durch
Einfärbigkeit oder Buntheit alles bestimmt, so und nicht anders
erschien, als es erscheinen sollte, und eine so vollkommene als
deutliche Wirkung hervorbrachte, so würden wir den Leser an einen Ort
versetzen, von dem er sich so bald nicht zu entfernen wünschte.
Vier große marmorne Kandelaber standen in den Ecken des Saals, vier
kleinere in der Mitte um einen sehr schön gearbeiteten Sarkophag, der
seiner Größe nach eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte
enthalten haben.
Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und indem sie die Hand
darauflegte, sagte sie: "Mein guter Oheim hatte große Vorliebe zu
diesem Werke des Altertums. Er sagte manchmal: "Nicht allein die
ersten Blüten fallen ab, die ihr da oben in jenen kleinen Räumen
verwahren könnt, sondern auch Früchte, die am Zweige hängend uns noch
lange die schönste Hoffnung geben, indes ein heimlicher Wurm ihre
frühere Reife und ihre Zerstörung vorbereitet." Ich fürchte", fuhr
sie fort, "er hat auf das liebe Mädchen geweissagt, das sich unserer
Pflege nach und nach zu entziehen und zu dieser ruhigen Wohnung zu
neigen scheint."
Als sie im Begriff waren wegzugehn, sagte Natalie: "Ich muß Sie noch
auf etwas aufmerksam machen. Bemerken Sie diese halbrunden öffnungen
in der Höhe auf beiden Seiten! Hier können die Chöre der Sänger
verborgen stehen, und diese ehrnen Zieraten unter dem Gesimse dienen,
die Teppiche zu befestigen, die nach der Verordnung meines Oheims bei
jeder Bestattung aufgehängt werden sollen. Er konnte nicht ohne Musik,
besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die Eigenheit, daß
er die Sänger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen: "Das Theater
verwöhnt uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur gleichsam dem Auge,
sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei Oratorien
und Konzerten stört uns immer die Gestalt des Musikus; die wahre Musik
ist allein fürs Ohr; eine schöne Stimme ist das Allgemeinste, was sich
denken läßt, und indem das eingeschränkte Individuum, das sie
hervorbringt, sich vors Auge stellt, zerstört es den reinen Effekt
jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen, mit dem ich reden soll,
denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und Charakter die
Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt, soll unsichtbar
sein; seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irremachen. Hier
spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der Geist zum Geiste, nicht
eine tausendfältige Welt zum Auge, nicht ein Himmel zum Menschen."
Ebenso wollte er auch bei Instrumentalmusiken die Orchester soviel als
möglich versteckt haben, weil man durch die mechanischen Bemühungen
und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der
Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde. Er pflegte
daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen anzuhören,
um sein ganzes Dasein auf den einzigen, reinen Genuß des Ohrs zu
konzentrieren."
Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die Kinder in dem Gange
heftig laufen und den Felix rufen hörten: "Nein ich! nein ich!"