Natalie versetzte: "über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am

genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluß, den er auf unsere

Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt,

daß die Erziehung sich nur an die Neigung anschließen müsse; wie er

jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und

Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die

Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe. "Man

gibt zu", pflegte er zu sagen, "daß Poeten geboren werden, man gibt es

bei allen Künsten zu, weil man muß und weil jene Wirkungen der

menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn

man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste

Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fähigkeit. Nur

unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiß;

sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den

wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach

Gegenständen, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht,

nicht übereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem

eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem

Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder

durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemäß

ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt daß diese jeden

Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich

einer unbedingten Freiheit zu übergeben.""

"Es ist sonderbar", sagte Wilhelm, "daß dieser merkwürdige Mann auch

an mir teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo

nicht geleitet, doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtümern

gestärkt hat. Wie er es künftig verantworten will, daß er in

Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muß ich wohl

mit Geduld erwarten."

"Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie eine ist, zu

beklagen", sagte Natalie; "denn ich bin freilich unter meinen

Geschwistern am besten dabei gefahren. Auch seh ich nicht, wie mein

Bruder Lothario hätte schöner ausgebildet werden können; nur hätte

vielleicht meine gute Schwester, die Gräfin, anders behandelt werden

sollen, vielleicht hätte man ihrer Natur etwas mehr Ernst und Stärke

einflößen können. Was aus Bruder Friedrich werden soll, läßt sich gar

nicht denken; ich fürchte, er wird das Opfer dieser pädagogischen

Versuche werden."

"Sie haben noch einen Bruder?" rief Wilhelm.

"Ja!" versetzte Natalie, "und zwar eine sehr lustige, leichtfertige

Natur, und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt

herumzufahren, so weiß ich nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen

werden soll. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das

einzige beruhigt mich, daß der Abbe und überhaupt die Gesellschaft

meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhält und was

er treibt."

Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens Gedanken sowohl über diese

Paradoxen zu erforschen als auch über die geheimnisvolle Gesellschaft

von ihr Aufschlüsse zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach

dem ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande zu sprechen anfing.

Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn

zu Mignon führen und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes

vorbereiten.

Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: "Ich habe Ihnen

wunderbare Dinge zu erzählen, die Sie kaum vermuten. Natalie läßt uns

Raum, damit wir freier von Dingen sprechen können, die, ob ich sie

gleich nur durch sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer Gegenwart

so frei nicht abgehandelt werden dürften. Die sonderbare Natur des

guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer

tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das

Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, das

einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne,

beide Gegenstände liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemüt. Sie

mag in der Gegend von Mailand zu Hause sein und ist in sehr früher

Jugend durch eine Gesellschaft Seiltänzer ihren Eltern entführt worden.

Näheres kann man von ihr nicht erfahren, teils weil sie zu jung war,

um Ort und Namen genau angeben zu können, besonders aber weil sie

einen Schwur getan hat, keinem lebendigen Menschen ihre Wohnung und

Herkunft näher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute, die sie in der

Irre fanden und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb mit so

dringenden Bitten, sie nach Hause zu führen, nahmen sie nur desto

eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie

glaubten, das Kind schlafe schon, über den guten Fang und beteuerten,

daß es den Weg zurück nicht wieder finden sollte. Da überfiel das

arme Geschöpf eine gräßliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die

Mutter Gottes erschien und es versicherte, daß sie sich seiner

annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid,

daß sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte

erzählen und in der Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen Hülfe

leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen hier erzähle,

hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere werte Freundin

hat es aus einzelnen äußerungen, aus Liedern und kindlichen

Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen,

zusammengereiht."

Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten

Kindes erklären. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja nichts

vorzuenthalten, was ihm von den sonderbaren Gesängen und Bekenntnissen

des einzigen Wesens bekannt worden sei.

"Oh!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares

Bekenntnis, auf eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern,

viel Anteil haben, die, wie ich fürchte, für Tod und Leben dieses

guten Geschöpfs entscheidend ist."

"Lassen Sie mich hören", versetzte Wilhelm, "ich bin äußerst

ungeduldig."

VIII. Buch, 3. Kapitel--2

"Erinnern Sie sich", sagte der Arzt, "eines geheimen, nächtlichen,

weiblichen Besuchs nach der Aufführung des "Hamlets"?"

"Ja, ich erinnere mich dessen wohl!" rief Wilhelm beschämt, "aber ich

glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden."

"Wissen Sie, wer es war?"

"Nein! Sie erschrecken mich! Um's Himmels willen doch nicht Mignon?

Wer war's? Sagen Sie mir's!"

"Ich weiß es selbst nicht."

"Also nicht Mignon?"

"Nein, gewiß nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu

schleichen, und mußte aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, daß eine

Nebenbuhlerin ihr zuvorkam."

"Eine Nebenbuhlerin!" rief Wilhelm aus. "Reden Sie weiter, Sie

verwirren mich ganz und gar."

"Sein Sie froh", sagte der Arzt, "daß Sie diese Resultate so schnell

von mir erfahren können. Natalie und ich, die wir doch nur einen

entferntern Anteil nehmen, wir waren genug gequält, bis wir den

verworrenen Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu helfen wünschten,

nur so deutlich einsehen konnten. Durch leichtsinnige Reden Philinens

und der andern Mädchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam gemacht,

war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht bei dem Geliebten

zuzubringen, ohne daß sie dabei etwas weiter als eine vertrauliche,

glückliche Ruhe zu denken wußte. Die Neigung für Sie, mein Freund,

war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in Ihren Armen

hatte das gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wünschte

sich nun dieses Glück in seiner ganzen Fülle. Bald nahm sie sich vor,

Sie freundlich darum zu bitten, bald hielt sie ein heimlicher Schauder

wieder davon zurück. Endlich gab ihr der lustige Abend und die

Stimmung des häufig genossenen Weins den Mut, das Wagestück zu

versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war

sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen,

allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, hörte sie ein

Geräusch; sie verbarg sich und sah ein weißes, weibliches Wesen in Ihr

Zimmer schleichen. Sie kamen selbst bald darauf, und sie hörte den

großen Riegel zuschieben.

Mignon empfand unerhörte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer

leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unbekannten

Verlangen einer dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte Natur

gewaltsam an. Ihr Herz, das bisher vor Sehnsucht und Erwartung

lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal an zu stocken und drückte

wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Atem kommen,

sie wußte sich nicht zu helfen, sie hörte die Harfe des Alten, eilte

zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Füßen unter

entsetzlichen Zuckungen hin."

Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stilleschwieg,

fuhr er fort: "Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben

nichts so erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei

dieser Erzählung; ja unsere edle Freundin machte sich Vorwürfe, daß

sie durch ihre Fragen und Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt

und durch die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten Mädchens so

grausam erneuert habe.

"Das gute Geschöpf", so erzählte mir Natalie, "war kaum auf diesem

Punkte seiner Erzählung oder vielmehr seiner Antworten auf meine

steigenden Fragen, als es auf einmal vor mir niederstürzte und, mit

der Hand am Busen, über den wiederkehrenden Schmerz jener

schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich wie ein Wurm an der

Erde, und ich mußte alle meine Fassung zusammennehmen, um die Mittel,

die mir für Geist und Körper unter diesen Umständen bekannt waren, zu

denken und anzuwenden.""

"Sie setzen mich in eine bängliche Lage", rief Wilhelm, "indem Sie

mich eben im Augenblicke, da ich das liebe Geschöpf wiedersehen soll,

mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll

ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit

entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemüt so

gestimmt ist, so seh ich nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll?

Sind Sie als Arzt überzeugt, daß jene doppelte Sehnsucht ihre Natur so

weit untergraben hat, daß sie sich vom Leben abzuscheiden droht, warum

soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und vielleicht

ihr Ende beschleunigen?"

"Mein Freund!" versetzte der Arzt, "wo wir nicht helfen können, sind

wir doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines

geliebten Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstörende Gewalt

nimmt und die Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe

ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit Maß und Ziel! Denn ebenso

kann die Gegenwart eine verlöschende Leidenschaft wieder anfachen.

Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und lassen Sie

uns abwarten, was daraus entsteht."

Natalie kam eben zurück und verlangte, daß Wilhelm ihr zu Mignon

folgen sollte. "Sie scheint mit Felix ganz glücklich zu sein und wird

den Freund, hoffe ich, gut empfangen." Wilhelm folgte nicht ohne

einiges Widerstreben; er war tief gerührt von dem, was er vernommen

hatte, und fürchtete eine leidenschaftliche Szene. Als er hereintrat,

ergab sich gerade das Gegenteil.

Mignon im langen weißen Frauengewande, teils mit lockigen, teils

aufgebundenen reichen braunen Haaren, saß, hatte Felix auf dem Schoße

und drückte ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedner

Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; es schien, als wenn Himmel

und Erde sich umarmten. Sie reichte Wilhelmen lächelnd die Hand und

sagte: "Ich danke dir, daß du mir das Kind wiederbringst; sie hatten

ihn, Gott weiß wie, entführt, und ich konnte nicht leben zeither.

Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die

Lücke ausfüllen."

Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die

Gesellschaft in große Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, daß Wilhelm

sie öfters sehen und daß man sie sowohl körperlich als geistig im

Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich und versprach,

in kurzer Zeit wiederzukommen.

Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man hätte sich

nichts Besseres gewünscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart

hatte den reinsten Einfluß auf junge Mädchen und Frauenzimmer von

verschiedenem Alter, die teils in ihrem Hause wohnten, teils aus der

Nachbarschaft sie mehr oder weniger zu besuchen kamen.

"Der Gang Ihres Lebens", sagte Wilhelm einmal zu ihr, "ist wohl immer

sehr gleich gewesen? Denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen

als Kind macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen.

Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren

nie genötigt, einen Schritt zurück zu tun."

"Das bin ich meinem Oheim und dem Abbe schuldig", versetzte Natalie,

"die meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wußten. Ich erinnere mich

von Jugend an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als daß ich überall die

Bedürfnisse der Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen

empfand, sie auszugleichen. Das Kind, das noch nicht auf seinen Füßen

stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen erhielt,

das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern, die Unfähigkeit

einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen nach

einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert

kleinen, notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien

mein Auge von der Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand

aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu

sehen. Die Reize der leblosen Natur, für die so viele Menschen

äußerst empfänglich sind, hatten keine Wirkung auf mich, beinah noch

weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist

es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt

darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hülfe

aufzufinden.

Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die überflüssigen Kleider

ein, die ich in den Schränken der Meinigen hatte hängen sehen; sah ich

Kinder, die sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so

erinnerte ich mich dieser oder jener Frau, der ich, bei Reichtum und

Bequemlichkeit, Langeweile abgemerkt hatte; sah ich viele Menschen in

einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie müßten in die großen

Zimmer mancher Häuser und Paläste einquartiert werden. Diese Art zu

sehen war bei mir ganz natürlich, ohne die mindeste Reflexion, so daß

ich darüber als Kind das wunderlichste Zeug von der Welt machte und

mehr als einmal durch die sonderbarsten Anträge die Menschen in

Verlegenheit setzte. Noch eine Eigenheit war es, daß ich das Geld nur

mit Mühe und spät als ein Mittel, die Bedürfnisse zu befriedigen,

ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden in Naturalien, und ich

weiß, daß oft genug über mich gelacht worden ist. Nur der Abbe schien

mich zu verstehen, er kam mir überall entgegen, er machte mich mit mir

selbst, mit diesen Wünschen und Neigungen bekannt und lehrte mich sie

zweckmäßig befriedigen."

"Haben Sie denn", fragte Wilhelm, "bei der Erziehung Ihrer kleinen

weiblichen Welt auch die Grundsätze jener sonderbaren Männer

angenommen? lassen Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden?

lassen Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Mißgriffe tun, sich

glücklich am Ziele finden oder unglücklich in die Irre verlieren?"

"Nein!" sagte Natalie, "diese Art, mit Menschen zu handeln, würde ganz

gegen meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft, scheint

mir nie zu helfen; wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten.

Ebenso nötig scheint es mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den

Kindern einzuschärfen, die dem Leben einen gewissen Halt geben. Ja,

ich möchte beinah behaupten: es sei besser, nach Regeln zu irren, als

zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her treibt; und

wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke

zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz

ausgefüllt werden kann."

"So ist also Ihre Handlungsweise", sagte Wilhelm, "völlig von jener

verschieden, welche unsere Freunde beobachten?"

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie können aber hieraus die unglaubliche

Toleranz jener Männer sehen, daß sie eben auch mich auf meinem Wege,

gerade deswegen, weil es mein Weg ist, keinesweges stören, sondern mir

in allem, was ich nur wünschen kann, entgegenkommen."

Einen umständlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr,

versparen wir auf eine andere Gelegenheit.

Mignon verlangte oft, in der Gesellschaft zu sein, und man vergönnte

es ihr um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu

gewöhnen, ihr Herz gegen ihn aufzuschließen und überhaupt heiterer und

lebenslustiger zu werden schien. Sie hing sich beim Spazierengehen,

da sie leicht müde ward, gern an seinen Arm. "Nun", sagte sie,

"Mignon klettert und springt nicht mehr, und doch fühlt sie noch immer

die Begierde, über die Gipfel der Berge wegzuspazieren, von einem

Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu schreiten. Wie

beneidenswert sind die Vögel, besonders wenn sie so artig und

vertraulich ihre Nester bauen."

Es ward nun bald zur Gewohnheit, daß Mignon ihren Freund mehr als

einmal in den Garten lud. War dieser beschäftigt oder nicht zu finden,

so mußte Felix die Stelle vertreten, und wenn das gute Mädchen in

manchen Augenblicken ganz von der Erde los schien, so hielt sie sich

in andern gleichsam wieder fest an Vater und Sohn und schien eine

Trennung von diesen mehr als alles zu fürchten.

Natalie schien nachdenklich. "Wir haben gewünscht, durch Ihre

Gegenwart", sagte sie, "das arme gute Herz wieder aufzuschließen; ob

wir wohlgetan haben, weiß ich nicht." Sie schwieg und schien zu

erwarten, daß Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fiel ihm ein, daß

durch seine Verbindung mit Theresen Mignon unter den gegenwärtigen

Umständen aufs äußerste gekränkt werden müsse, allein er getraute sich

in seiner Ungewißheit nichts von diesem Vorhaben zu sprechen, er

vermutete nicht, daß Natalie davon unterrichtet sei.

Ebensowenig konnte er mit Freiheit des Geistes die Unterredung

verfolgen, wenn seine edle Freundin von ihrer Schwester sprach, ihre

guten Eigenschaften rühmte und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht

wenig verlegen, als Natalie ihm ankündigte, daß er die Gräfin bald

hier sehen werde. "Ihr Gemahl", sagte sie, "hat nun keinen andern

Sinn, als den abgeschiedenen Grafen in der Gemeinde zu ersetzen, durch

Einsicht und Tätigkeit diese große Anstalt zu unterstützen und weiter

aufzubauen. Er kommt mit ihr zu uns, um eine Art von Abschied zu

nehmen; er wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die

Gemeinde sich niedergelassen hat; man scheint ihn nach seinen Wünschen

zu behandeln, und fast glaub ich, er wagt mit meiner armen Schwester

eine Reise nach Amerika, um ja seinem Vorgänger recht ähnlich zu

werden; und da er einmal schon beinah überzeugt ist, daß ihm nicht

viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der Wunsch manchmal vor

der Seele schweben, womöglich zuletzt auch noch als Märtyrer zu

glänzen."

VIII. Buch, 4. Kapitel

Viertes Kapitel

Oft genug hatte man bisher von Fräulein Therese gesprochen, oft genug

ihrer im Vorbeigehen erwähnt, und fast jedesmal war Wilhelm im Begriff,

seiner neuen Freundin zu bekennen, daß er jenem trefflichen

Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten habe. Ein gewisses

Gefühl, das er sich nicht erklären konnte, hielt ihn zurück; er

zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen,

bescheidnen, heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu

ihm sagte: "So muß ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen

und mich in Ihr Vertrauen gewaltsam eindrängen! Warum machen Sie mir

ein Geheimnis, mein Freund, aus einer Angelegenheit, die Ihnen so

wichtig ist und die mich selbst so nahe angeht? Sie haben meiner

Freundin Ihre Hand angeboten; ich mische mich nicht ohne Beruf in

diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der Brief, den sie

Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet."

"Einen Brief von Theresen!" rief er aus.

"Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind glücklich.

Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Glück wünschen."

Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie

bemerkte, daß er blaß ward. "Ihre Freude ist stark", fuhr sie fort,

"sie nimmt die Gestalt des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache.

Mein Anteil ist darum nicht weniger herzlich, weil er mich noch zum

Worte kommen läßt. Ich hoffe, Sie werden dankbar sein, denn ich darf

Ihnen sagen: mein Einfluß auf Theresens Entschließung war nicht gering;

sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise waren Sie eben hier, ich

konnte die wenigen Zweifel, die meine Freundin noch hegte, glücklich

besiegen, die Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist ihr

Entschluß! hier ist die Entwickelung! Und nun sollen Sie alle ihre

Briefe lesen, Sie sollen in das schöne Herz Ihrer Braut einen freien,

reinen Blick tun."

Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt überreichte; es

enthielt die freundlichen Worte:

"Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie

den Meinen, wie Sie sind und wie ich Sie kenne. Was an uns selbst,

was an unsern Verhältnissen der Ehestand verändert, werden wir durch

Vernunft, frohen Mut und guten Willen zu übertragen wissen. Da uns

keine Leidenschaft, sondern Neigung und Zutrauen zusammenführt, so

wagen wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir gewiß, wenn

ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich erinnere; dafür will

ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen drücken. Wollen Sie mein

kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister,

indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wünschte, daß dort

keine neue Einrichtung ohne mich gemacht würde, um sogleich zu zeigen,

daß ich das Zutrauen verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl,

lieber, lieber Freund! geliebter Bräutigam, verehrter Gatte! Therese

drückt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude. Meine

Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen."

Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder völlig vergegenwärtigt

hatte, war auch wieder völlig zu sich selbst gekommen. Unter dem

Lesen wechselten die schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit

Entsetzen fand er lebhafte Spuren einer Neigung gegen Natalien in

seinem Herzen; er schalt sich, er erklärte jeden Gedanken der Art für

Unsinn, er stellte sich Theresen in ihrer ganzen Vollkommenheit vor,

er las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr er erholte sich

so weit, daß er heiter scheinen konnte. Natalie legte ihm die

gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige Stellen ausziehen wollen.

Nachdem Therese ihren Bräutigam nach ihrer Art geschildert hatte, fuhr

sie fort:

"So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt seine Hand anbietet.

Wie er von sich selbst denkt, wirst du künftig aus den Papieren sehen,

in welchen er sich mir ganz offen beschreibt; ich bin überzeugt, daß

ich mit ihm glücklich sein werde."

"Was den Stand betrifft, so weißt du, wie ich von jeher drüber gedacht

habe. Einige Menschen fühlen die Mißverhältnisse der äußern Zustände

fürchterlich und können sie nicht übertragen. Ich will niemanden

überzeugen, so wie ich nach meiner überzeugung handeln will. Ich

denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch nicht ohne Beispiel handle.

Mich ängstigen nur die innern Mißverhältnisse, ein Gefäß, das sich zu

dem, was es enthalten soll, nicht schickt; viel Prunk und wenig Genuß,

Reichtum und Geiz, Adel und Roheit, Jugend und Pedanterei, Bedürfnis

und Zeremonien, diese Verhältnisse wären's, die mich vernichten

könnten, die Welt mag sie stempeln und schätzen, wie sie will."

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 · 第 2 / 9 段