Lothario ging darauf mit dem Abbe in sein Zimmer, Jarno war

Ver.04.29.93*END*

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8

Johann Wolfgang von Goethe

Achtes Buch

Erstes Kapitel

Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzücken,

der schönste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und

Wilhelm genoß den heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien

und herrlichen Welt, und sein Vater nicht viel bekannter mit den

Gegenständen, nach denen der Kleine wiederholt und unermüdet fragte.

Sie gesellten sich endlich zum Gärtner, der die Namen und den Gebrauch

mancher Pflanzen hererzählen mußte; Wilhelm sah die Natur durch ein

neues Organ, und die Neugierde, die Wißbegierde des Kindes ließen ihn

erst fühlen, welch ein schwaches Interesse er an den Dingen außer sich

genommen hatte, wie wenig er kannte und wußte. An diesem Tage, dem

vergnügtesten seines Lebens, schien auch seine eigne Bildung erst

anzufangen; er fühlte die Notwendigkeit, sich zu belehren, indem er zu

lehren aufgefordert ward.

Jarno und der Abbe hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen

sie und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen

entgegen, er traute seinen Augen nicht: es war Werner, der gleichfalls

einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs

zärtlichste, und beide konnten nicht verbergen, daß sie sich

wechselsweise verändert fanden. Werner behauptete, sein Freund sei

größer, stärker, gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem

Betragen angenehmer geworden. "Etwas von seiner alten Treuherzigkeit

vermiß ich", setzte er hinzu. "Sie wird sich auch schon wieder zeigen,

wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben", sagte

Wilhelm.

Es fehlte viel, daß Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf

Wilhelmen gemacht hätte. Der gute Mann schien eher zurück- als

vorwärtsgegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals, sein

spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase länger zu sein, seine Stirn

und sein Scheitel waren von Haaren entblößt, seine Stimme hell, heftig

und schreiend, und seine eingedrückte Brust, seine verfallenden

Schultern, seine farblosen Wangen ließen keinen Zweifel übrig, daß ein

arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig sei.

Wilhelm war bescheiden genug, um sich über diese große Veränderung

sehr mäßig zu erklären, da der andere hingegen seiner

freundschaftlichen Freude völligen Lauf ließ. "Wahrhaftig!" rief er

aus, "wenn du deine Zeit schlecht angewendet und, wie ich vermute,

nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen ein Persönchen geworden,

das sein Glück machen kann und muß; verschlendere und verschleudere

nur auch das nicht wieder: du sollst mir mit dieser Figur eine reiche

und schöne Erbin erkaufen."--"Du wirst doch", versetzte Wilhelm

lächelnd, "deinen Charakter nicht verleugnen! Kaum findest du nach

langer Zeit deinen Freund wieder, so siehst du ihn schon als eine Ware,

als einen Gegenstand deiner Spekulation an, mit dem sich etwas

gewinnen läßt."

Jarno und der Abbe schienen über diese Erkennung keinesweges

verwundert und ließen beide Freunde sich nach Belieben über das

Vergangene und Gegenwärtige ausbreiten. Werner ging um seinen Freund

herum, drehte ihn hin und her, so daß er ihn fast verlegen machte.

"Nein! nein!" rief er aus, "so was ist mir noch nicht vorgekommen, und

doch weiß ich wohl, daß ich mich nicht betriege. Deine Augen sind

tiefer, deine Stirn ist breiter, deine Nase feiner und dein Mund

liebreicher geworden. Seht nur einmal, wie er steht! wie das alles

paßt und zusammenhängt! Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer

Teufel dagegen"--er besah sich im Spiegel--"wenn ich diese Zeit her

nicht recht viel Geld gewonnen hätte, so wäre doch auch gar nichts an

mir."

Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; ihre Handlung war

das fremde Haus, mit welchem Lothario die Güter in Gemeinschaft zu

kaufen die Absicht hatte. Dieses Geschäft führte Wernern hierher; er

hatte keine Gedanken, Wilhelmen auf seinem Wege zu finden. Der

Gerichtshalter kam, die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die

Vorschläge billig. "Wenn Sie es mit diesem jungen Manne, wie es

scheint, gut meinen", sagte er, "so sorgen Sie selbst dafür, daß unser

Teil nicht verkürzt werde; es soll von meinem Freunde abhängen, ob er

das Gut annehmen und einen Teil seines Vermögens daran wenden will."

Jarno und der Abbe versicherten, daß es dieser Erinnerung nicht

bedürfe. Man hatte die Sache kaum im allgemeinen verhandelt, als

Werner sich nach einer Partie L'hombre sehnte, wozu sich denn auch

gleich der Abbe und Jarno mit hinsetzten; er war es nun einmal so

gewohnt, er konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.

Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, befragten und

besprachen sie sich sehr lebhaft über alles, was sie sich mitzuteilen

wünschten. Wilhelm rühmte seine Lage und das Glück seiner Aufnahme

unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen schüttelte den Kopf und

sagte: "Man sollte doch auch nichts glauben, als was man mit Augen

sieht! Mehr als ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, du

lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, führtest ihm

Schauspielerinnen zu, hälfest ihm sein Geld durchbringen und seiest

schuld, daß er mit seinen sämtlichen Anverwandten gespannt sei."--"Es

würde mich um meinet- und um der guten Menschen willen verdrießen, daß

wir so verkannt werden", versetzte Wilhelm, "wenn mich nicht meine

theatralische Laufbahn mit jeder übeln Nachrede versöhnt hätte. Wie

sollten die Menschen unsere Handlungen beurteilen, die ihnen nur

einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil

Gutes und Böses im verborgenen geschieht und eine gleichgültige

Erscheinung meistens nur an den Tag kommt. Bringt man ihnen doch

Schauspieler und Schauspielerinnen auf erhöhte Bretter, zündet von

allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig Stunden

abgeschlossen, und doch weiß selten jemand eigentlich, was er daraus

machen soll."

Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, nach den Jugendfreunden

und der Vaterstadt. Werner erzählte mit großer Hast alles, was sich

verändert hatte und was noch bestand und geschah. "Die Frauen im

Hause", sagte er, "Sind vergnügt und glücklich, es fehlt nie an Geld.

Die eine Hälfte der Zeit bringen sie zu, sich zu putzen, und die

andere Hälfte, sich geputzt sehen zu lassen. Haushälterisch sind sie

soviel, als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu gescheiten Jungen

an. Ich sehe sie im Geiste schon sitzen und schreiben und rechnen,

laufen, handeln und trödeln; einem jeden soll so bald als möglich ein

eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser Vermögen betrifft,

daran sollst du deine Lust sehen. Wenn wir mit den Gütern in Ordnung

sind, mußt du gleich mit nach Hause: denn es sieht doch aus, als wenn

du mit einiger Vernunft in die menschlichen Unternehmungen eingreifen

könntest. Deine neuen Freunde sollen gepriesen sein, da sie dich auf

den rechten Weg gebracht haben. Ich bin ein närrischer Teufel und

merke erst, wie lieb ich dich habe, da ich mich nicht satt an dir

sehen kann, daß du so wohl und so gut aussiehst. Das ist doch noch

eine andere Gestalt als das Porträt, das du einmal an die Schwester

schicktest und worüber im Hause großer Streit war. Mutter und Tochter

fanden den jungen Herrn allerliebst mit offnem Halse, halbfreier Brust,

großer Krause, herumhängendem Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und

schlotternden langen Hosen, indessen ich behauptete, das Kostüm sei

nur noch zwei Finger breit vom Hanswurst. Nun siehst du doch aus wie

ein Mensch, nur fehlt der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden

bitte, sonst hält man dich denn doch einmal unterwegs als Juden an und

fordert Zoll und Geleite von dir."

Felix war indessen in die Stube gekommen und hatte sich, als man auf

ihn nicht achtete, aufs Kanapee gelegt und war eingeschlafen. "Was

ist das für ein Wurm?" fragte Werner. Wilhelm hatte in dem

Augenblicke den Mut nicht, die Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch

immer zweideutige Geschichte einem Manne zu erzählen, der von Natur

nichts weniger als gläubig war.

Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Güter, um sie zu

besehen und den Handel abzuschließen. Wilhelm ließ seinen Felix nicht

von der Seite und freute sich um des Knaben willen recht lebhaft des

Besitzes, dem man entgegensah. Die Lüsternheit des Kindes nach den

Kirschen und Beeren, die bald reif werden sollten, erinnerte ihn an

die Zeit seiner Jugend und an die vielfache Pflicht des Vaters, den

Seinigen den Genuß vorzubereiten, zu verschaffen und zu erhalten. Mit

welchem Interesse betrachtete er die Baumschulen und die Gebäude! Wie

lebhaft sann er darauf, das Vernachlässigte wiederherzustellen und das

Verfallene zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr wie ein Zugvogel

an, ein Gebäude nicht mehr für eine geschwind zusammengestellte Laube,

die vertrocknet, ehe man sie verläßt. Alles, was er anzulegen

gedachte, sollte dem Knaben entgegenwachsen, und alles, was er

herstellte, sollte eine Dauer auf einige Geschlechter haben. In

diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt, und mit dem Gefühl des

Vaters hatte er auch alle Tugenden eines Bürgers erworben. Er fühlte

es, und seiner Freude konnte nichts gleichen. "O der unnötigen

Strenge der Moral!" rief er aus, "da die Natur uns auf ihre liebliche

Weise zu allem bildet, was wir sein sollen. O der seltsamen

Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft, die uns erst verwirrt und

mißleitet und dann mehr als die Natur selbst von uns fordert! Wehe

jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung

zerstört und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Wege

selbst zu beglücken!"

So manches er auch in seinem Leben schon gesehen hatte, so schien ihm

doch die menschliche Natur erst durch die Beobachtung des Kindes

deutlich zu werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur als eine

Menge ausgeschütteter Würfel vorgekommen, deren jeder einzeln auf

seiner Oberfläche bald mehr, bald weniger bedeutet und die allenfalls

zusammengezählt eine Summe machen. Hier im Kinde lag ihm, konnte man

sagen, ein einzelner Würfel vor, auf dessen vielfachen Seiten der Wert

und der Unwert der menschlichen Natur so deutlich eingegraben war.

Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung wuchs mit jedem Tage. Da

es einmal erfahren hatte, daß die Dinge Namen haben, so wollte es auch

den Namen von allem hören; es glaubte nicht anders, sein Vater müsse

alles wissen, quälte ihn oft mit Fragen und gab ihm Anlaß, sich nach

Gegenständen zu erkundigen, denen er sonst wenig Aufmerksamkeit

gewidmet hatte. Auch der eingeborne Trieb, die Herkunft und das Ende

der Dinge zu erfahren, zeigte sich frühe bei dem Knaben. Wenn er

fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme hinkomme, war dem Vater

seine eigene Beschränkung erst recht lebendig; er wünschte zu erfahren,

wie weit sich der Mensch mit seinen Gedanken wagen und wovon er

hoffen dürfe sich und andern jemals Rechenschaft zu geben. Die

Heftigkeit des Kindes, wenn es irgendeinem lebendigen Wesen Unrecht

geschehen sah, erfreute den Vater höchlich als das Zeichen eines

trefflichen Gemüts. Das Kind schlug heftig nach dem Küchenmädchen,

das einige Tauben abgeschnitten hatte. Dieser schöne Begriff wurde

denn freilich bald wieder zerstört, als er den Knaben fand, der ohne

Barmherzigkeit Frösche totschlug und Schmetterlinge zerrupfte. Es

erinnerte ihn dieser Zug an so viele Menschen, die höchst gerecht

erscheinen, wenn sie ohne Leidenschaft sind und die Handlungen anderer

beobachten.

Dieses angenehme Gefühl, daß der Knabe so einen schönen und wahren

Einfluß auf sein Dasein habe, ward einen Augenblick gestört, als

Wilhelm in kurzem bemerkte, daß wirklich der Knabe mehr ihn als er den

Knaben erziehe. Er hatte an dem Kinde nichts auszusetzen, er war

nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm,

und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet hatte,

waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder in ihre

alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Türe niemals hinter

sich zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und sein Behagen

war niemals größer, als wenn man ihm nachsah, daß er den Bissen

unmittelbar aus der Schüssel nehmen, das volle Glas stehenlassen und

aus der Flasche trinken konnte. So war er auch ganz allerliebst, wenn

er sich mit einem Buche in die Ecke setzte und sehr ernsthaft sagte:

"Ich muß das gelehrte Zeug studieren!", ob er gleich die Buchstaben

noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.

Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher für das Kind getan hatte,

wie wenig er zu tun fähig sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die

sein ganzes Glück aufzuwiegen imstande war. "Sind wir Männer denn",

sagte er zu sich, "so selbstisch geboren, daß wir unmöglich für ein

Wesen außer uns Sorge tragen können? Bin ich mit dem Knaben nicht

eben auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon war? Ich zog das liebe Kind

an, seine Gegenwart ergötzte mich, und dabei hab ich es aufs

grausamste vernachlässigt. Was tat ich zu seiner Bildung, nach der es

so sehr strebte? Nichts! Ich überließ es sich selbst und allen

Zufälligkeiten, denen es in einer ungebildeten Gesellschaft nur

ausgesetzt sein konnte; und dann für diesen Knaben, der dir so

merkwürdig war, ehe er dir so wert sein konnte, hat dich denn dein

Herz geheißen, auch nur jemals das geringste für ihn zu tun? Es ist

nicht mehr Zeit, daß du deine eigenen Jahre und die Jahre anderer

vergeudest; nimm dich zusammen, und denke, was du für dich und die

guten Geschöpfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich

knüpfte."

Eigentlich war dieses Selbstgespräch nur eine Einleitung, sich zu

bekennen, daß er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewählt hatte; er

konnte nicht länger zögern, sich es selbst zu gestehen. Nach oft

vergebens wiederholtem Schmerz über den Verlust Marianens fühlte er

nur zu deutlich, daß er eine Mutter für den Knaben suchen müsse und

daß er sie nicht sichrer als in Theresen finden werde. Er kannte

dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine solche Gattin und

Gehülfin schien die einzige zu sein, der man sich und die Seinen

anvertrauen könnte. Ihre edle Neigung zu Lothario machte ihm keine

Bedenklichkeit. Sie waren durch ein sonderbares Schicksal auf ewig

getrennt, Therese hielt sich für frei und hatte von einer Heirat zwar

mit Gleichgültigkeit, doch als von einer Sache gesprochen, die sich

von selbst versteht.

Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, nahm er sich vor, ihr

von sich zu sagen, soviel er nur wußte. Sie sollte ihn kennenlernen,

wie er sie kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte

durchzudenken; sie schien ihm an Begebenheiten so leer und im ganzen

jedes Bekenntnis so wenig zu seinem Vorteil, daß er mehr als einmal

von dem Vorsatz abzustehn im Begriff war. Endlich entschloß er sich,

die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Turme von Jarno zu verlangen;

dieser sagte: "Es ist eben zur rechten Zeit", und Wilhelm erhielt sie.

Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit

Bewußtsein auf dem Punkte steht, wo er über sich selbst aufgeklärt

werden soll. Alle übergänge sind Krisen, und ist eine Krise nicht

Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit vor den Spiegel!

Die Besserung fühlt man, und man sieht nur die Wirkung des

vergangenen übels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die

Umstände hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, seine Freunde hatten

ihn eben nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger

Hast aufrollte, so ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er

fand die umständliche Geschichte seines Lebens in großen, scharfen

Zügen geschildert; weder einzelne Begebenheiten noch beschränkte

Empfindungen verwirrten seinen Blick, allgemeine liebevolle

Betrachtungen gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschämen, und er sah

zum erstenmal sein Bild außer sich, zwar nicht wie im Spiegel ein

zweites Selbst, sondern wie im Porträt ein anderes Selbst: man bekennt

sich zwar nicht zu allen Zügen, aber man freut sich, daß ein denkender

Geist uns so hat fassen, ein großes Talent uns so hat darstellen

wollen, daß ein Bild von dem, was wir waren, noch besteht und daß es

länger als wir selbst dauern kann.

Wilhelm beschäftigte sich nunmehr, indem alle Umstände durch dies

Manuskript in sein Gedächtnis zurückkamen, die Geschichte seines

Lebens für Theresen aufzusetzen, und er schämte sich fast, daß er

gegen ihre großen Tugenden nichts aufzustellen hatte, was eine

zweckmäßige Tätigkeit beweisen konnte. So umständlich er in dem

Aufsatze war, so kurz faßte er sich in dem Briefe, den er an sie

schrieb; er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, wenn's

möglich wäre; er bot ihr seine Hand an und bat sie um baldige

Entscheidung.

Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige Sache noch erst

mit seinen Freunden, mit Jarno und dem Abbe, beraten solle, entschied

er sich zu schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache war für

ihn zu wichtig, als daß er sie noch hätte dem Urteil des

vernünftigsten und besten Mannes unterwerfen mögen; ja sogar brauchte

er die Vorsicht, seinen Brief auf der nächsten Post selbst zu

bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, daß er in so vielen

Umständen seines Lebens, in denen er frei und im verborgenen zu

handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus

der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, eine Art von

unangenehmer Empfindung gegeben, und nun wollte er wenigstens zu

Theresens Herzen rein vom Herzen reden und ihrer Entschließung und

Entscheidung sein Schicksal schuldig sein, und so machte er sich kein

Gewissen, seine Wächter und Aufseher in diesem wichtigen Punkte

wenigstens zu umgehen.

VIII. Buch, 2. Kapitel--1

Zweites Kapitel

Kaum war der Brief abgesendet, als Lothario zurückkam. Jedermann

freuete sich, die vorbereiteten wichtigen Geschäfte abgeschlossen und

bald geendigt zu sehen, und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie so

viele Fäden teils neu geknüpft, teils aufgelöst und nun sein eignes

Verhältnis auf die Zukunft bestimmt werden sollte. Lothario begrüßte

sie alle aufs beste; er war völlig wiederhergestellt und heiter, er

hatte das Ansehen eines Mannes, der weiß, was er tun soll, und dem in

allem, was er tun will, nichts im Wege steht.

Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruß nicht zurückgeben. "Dies

ist", mußte er zu sich selbst sagen, "der Freund, der Geliebte, der

Bräutigam Theresens, an dessen Statt du dich einzudrängen denkst.

Glaubst du denn jemals einen solchen Eindruck auszulöschen oder zu

verbannen?" Wäre der Brief noch nicht fort gewesen, er hätte

vielleicht nicht gewagt, ihn abzusenden. Glücklicherweise war der

Wurf schon getan, vielleicht war Therese schon entschieden, nur die

Entfernung deckte noch eine glückliche Vollendung mit ihrem Schleier.

Gewinn und Verlust mußten sich bald entscheiden. Er suchte sich durch

alle diese Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die Bewegungen

seines Herzens beinahe fieberhaft. Nur wenig Aufmerksamkeit konnte er

auf das wichtige Geschäft wenden, woran gewissermaßen das Schicksal

seines ganzen Vermögens hing. Ach! wie unbedeutend erscheint dem

Menschen in leidenschaftlichen Augenblicken alles, was ihn umgibt,

alles, was ihm angehört!

Zu seinem Glücke behandelte Lothario die Sache groß, und Werner mit

Leichtigkeit. Dieser hatte bei seiner heftigen Begierde zum Erwerb

eine lebhafte Freude über den schönen Besitz, der ihm oder vielmehr

seinem Freunde werden sollte. Lothario von seiner Seite schien ganz

andere Betrachtungen zu machen. "Ich kann mich nicht sowohl über

einen Besitz freuen", sagte er, "als über die Rechtmäßigkeit desselben."

"Nun, beim Himmel!" rief Werner, "wird denn dieser unser Besitz nicht

rechtmäßig genug?"

"Nicht ganz!" versetzte Lothario.

"Geben wir denn nicht unser bares Geld dafür?"

"Recht gut!" sagte Lothario, "auch werden Sie dasjenige, was ich zu

erinnern habe, vielleicht für einen leeren Skrupel halten. Mir kommt

kein Besitz ganz rechtmäßig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen

schuldigen Teil abträgt."

"Wie?" sagte Werner, "so wollten Sie also lieber, daß unsere frei

gekauften Güter steuerbar wären?"

"Ja", versetzte Lothario, "bis auf einen gewissen Grad: denn durch

diese Gleichheit mit allen übrigen Besitzungen entsteht ganz allein

die Sicherheit des Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten,

wo so viele Begriffe schwankend werden, für einen Hauptanlaß, den

Besitz des Edelmanns für weniger gegründet anzusehen als den seinigen?

Nur den, daß jener nicht belastet ist und auf ihn lastet."

"Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Kapitals aussehen?" versetzte

Werner.

"Um nichts schlimmer!" sagte Lothario, "wenn uns der Staat gegen eine

billige, regelmäßige Abgabe das Lehns-Hokuspokus erlassen und uns mit

unsern Gütern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, daß wir sie

nicht in so großen Massen zusammenhalten müßten, daß wir sie unter

unsere Kinder gleicher verteilen könnten, um alle in eine lebhafte,

freie Tätigkeit zu versetzen, statt ihnen nur die beschränkten und

beschränkenden Vorrechte zu hinterlassen, welche zu genießen wir immer

die Geister unserer Vorfahren hervorrufen müssen. Wieviel glücklicher

wären Männer und Frauen, wenn sie mit freien Augen umhergehen und bald

ein würdiges Mädchen, bald einen trefflichen Jüngling ohne andere

Rücksichten durch ihre Wahl erheben könnten. Der Staat würde mehr,

vielleicht bessere Bürger haben und nicht so oft um Köpfe und Hände

verlegen sein."

"Ich kann Sie versichern", sagte Werner, "daß ich in meinem Leben nie

an den Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zölle und Geleite habe ich

nur so bezahlt, weil es einmal hergebracht ist."

"Nun", sagte Lothario, "ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu

machen: denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst

seinen Kindern vorlegt, so ist der nur ein guter Bürger, der vor allen

andern Ausgaben das, was er dem Staate zu entrichten hat, zurücklegt."

Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden ihre besondern Geschäfte

nicht aufgehalten, vielmehr beschleunigt. Als sie ziemlich damit

zustande waren, sagte Lothario zu Wilhelmen: "Ich muß Sie nun an einen

Ort schicken, wo Sie nötiger sind als hier: meine Schwester läßt Sie

ersuchen, so bald als möglich zu ihr zu kommen; die arme Mignon

scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre Gegenwart könnte

vielleicht noch dem übel Einhalt tun. Meine Schwester schickte mir

dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen können, wieviel ihr daran

gelegen ist." Lothario überreichte ihm ein Blättchen. Wilhelm, der

schon in der größten Verlegenheit zugehört hatte, erkannte sogleich an

diesen flüchtigen Bleistiftzügen die Hand der Gräfin und wußte nicht,

was er antworten sollte.

"Nehmen Sie Felix mit", sagte Lothario, "damit die Kinder sich

untereinander aufheitern. Sie müßten morgen früh beizeiten weg; der

Wagen meiner Schwester, in welchem meine Leute hergefahren sind, ist

noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben Weg, dann nehmen Sie

Post. Leben Sie recht wohl und richten viele Grüße von mir aus.

Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wiedersehen, und

sie soll sich überhaupt auf einige Gäste vorbereiten. Der Freund

unseres Großoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege,

hierherzukommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen,

und sie wollten sich zusammen an der Erinnerung früherer Verhältnisse

ergötzen und sich ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der

Marchese war viel jünger als mein Oheim und verdankte ihm den besten

Teil seiner Bildung; wir müssen alles aufbieten, um einigermaßen die

Lücke auszufüllen, die er finden wird, und das wird am besten durch

eine größere Gesellschaft geschehen."

Lothario ging darauf mit dem Abbe in sein Zimmer, Jarno war vorher

weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube; er hatte niemand, dem er

sich vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem er sich

so sehr fürchtete, hätte abwenden können. Der kleine Diener kam und

ersuchte ihn einzupacken, weil sie noch diese Nacht aufbinden wollten,

um mit Anbruch des Tages wegzufahren. Wilhelm wußte nicht, was er tun

sollte; endlich rief er aus: "Du willst nur machen, daß du aus diesem

Hause kommst; unterweges überlegst du, was zu tun ist, und bleibst

allenfalls auf der Hälfte des Weges liegen, schickst einen Boten

zurück, schreibst, was du dir nicht zu sagen getraust, und dann mag

werden, was will." Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine

schlaflose Nacht zu; nur ein Blick auf den so schön ruhenden Felix gab

ihm einige Erquickung. "Oh!" rief er aus, "wer weiß, was noch für

Prüfungen auf mich warten, wer weiß, wie sehr mich begangene Fehler

noch quälen, wie oft mir gute und vernünftige Plane für die Zukunft

mißlingen sollen; aber diesen Schatz, den ich einmal besitze, erhalte

mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Wäre es möglich,

daß dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstört, daß dieses Herz

von meinem Herzen gerissen werden könnte, so lebe wohl, Verstand und

Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du Trieb

zur Erhaltung! Alles, was uns vom Tiere unterscheidet, verliere sich!

Und wenn es nicht erlaubt ist, seine traurigen Tage freiwillig zu

endigen, so hebe ein frühzeitiger Wahnsinn das Bewußtsein auf, ehe der

Tod, der es auf immer zerstört, die lange Nacht herbeiführt!"

Er faßte den Knaben in seine Arme, küßte ihn, drückte ihn an sich und

benetzte ihn mit reichlichen Tränen. Das Kind wachte auf; sein helles

Auge, sein freundlicher Blick rührten den Vater aufs innigste.

"Welche Szene steht mir bevor", rief er aus, "wenn ich dich der

schönen, unglücklichen Gräfin vorstellen soll, wenn sie dich an ihren

Busen drückt, den dein Vater so tief verletzt hat! Muß ich nicht

fürchten, sie stößt dich wieder von sich mit einem Schrei, sobald

deine Berührung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz erneuert!"

Der Kutscher ließ ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu wählen, er

nötigte ihn vor Tage in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl

ein, der Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal in

seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein Erstaunen über den ersten

feurigen Blick, über die wachsende Gewalt des Lichts, seine Freude und

seine wunderlichen Bemerkungen erfreuten den Vater und ließen ihn

einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie über einem

reinen, stillen See emporsteigt und schwebt.

In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus und ritt zurück.

Wilhelm nahm sogleich ein Zimmer in Besitz und fragte sich nun, ob er

bleiben oder vorwärts gehen solle. In dieser Unentschlossenheit wagte

er das Blättchen wieder hervorzunehmen, das er bisher nochmals

anzusehen nicht getraut hatte; es enthielt folgende Worte: "Schicke

mir deinen jungen Freund ja bald; Mignon hat sich diese beiden letzten

Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit ist, so soll

mich's doch freuen, ihn kennenzulernen."

Die letzten Worte hatte Wilhelm beim ersten Blick nicht bemerkt. Er

erschrak darüber und war sogleich entschieden, daß er nicht gehen

wollte. "Wie?" rief er aus, "Lothario, der das Verhältnis weiß, hat

ihr nicht eröffnet, wer ich bin? Sie erwartet nicht mit gesetztem

Gemüt einen Bekannten, den sie lieber nicht wiedersähe, sie erwartet

einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie zurückschaudern,

ich sehe sie erröten! Nein, es ist mir unmöglich, dieser Szene

entgegenzusehen." Soeben wurden die Pferde herausgeführt und

eingespannt; Wilhelm war entschlossen, abzupacken und hierzubleiben.

Er war in der größten Bewegung. Als er ein Mädchen zur Treppe

heraufkommen hörte, die ihm anzeigen wollte, daß alles fertig sei,

sann er geschwind auf eine Ursache, die ihn hierzubleiben nötigte, und

seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit auf dem Billett, das er in der

Hand hielt. "Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das? Das ist

nicht die Hand der Gräfin, es ist die Hand der Amazone!"

VIII. Buch, 2. Kapitel--2

Das Mädchen trat herein, bat ihn herunterzukommen und führte Felix

mit sich fort. "Ist es möglich?" rief er aus, "ist es wahr? Was soll

ich tun? Bleiben und abwarten und aufklären? oder eilen? eilen und

mich einer Entwicklung entgegenstürzen? Du bist auf dem Wege zu ihr

und kannst zaudern? Diesen Abend sollst du sie sehen und willst dich

freiwillig ins Gefängnis einsperren? Es ist ihre Hand, ja sie ist's!

Diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich zu ihr zu

führen; nun löst sich das Rätsel: Lothario hat zwei Schwestern. Er

weiß mein Verhältnis zu der einen; wieviel ich der andern schuldig bin,

ist ihm unbekannt. Auch sie weiß nicht, daß der verwundete Vagabund,

der ihr, wo nicht sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in dem

Hause ihres Bruders so unverdient gütig aufgenommen worden ist."

Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: "Vater, komm! o komm!

sieh die schönen Wolken, die schönen Farben!"--"Ja, ich komme", rief

Wilhelm, indem er die Treppe hinuntersprang, "und alle Erscheinungen

des Himmels, die du gutes Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen

den Anblick, den ich erwarte."

Im Wagen sitzend, rief er nun alle Verhältnisse in sein Gedächtnis

zurück. "So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens! welch

eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam,

daß die Furcht, von der einen Schwester reden zu hören, mir das Dasein

der andern ganz und gar verbergen konnte!" Mit welcher Freude sah er

seinen Felix an; er hoffte für den Knaben wie für sich die beste

Aufnahme.

Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, der Weg nicht der

beste, der Postillon fuhr langsam, Felix war eingeschlafen, und neue

Sorgen und Zweifel stiegen in dem Busen unseres Freundes auf. "Von

welchem Wahn, von welchen Einfällen wirst du beherrscht!" sagte er zu

sich selbst, "eine ungewisse ähnlichkeit der Handschrift macht dich

auf einmal sicher und gibt dir Gelegenheit, das wunderbarste Märchen

auszudenken." Er nahm das Billett wieder vor, und bei dem abgehenden

Tageslicht glaubte er wieder die Handschrift der Gräfin zu erkennen;

seine Augen wollten im einzelnen nicht wiederfinden, was ihm sein Herz

im ganzen auf einmal gesagt hatte. "So ziehen dich denn doch diese

Pferde zu einer schrecklichen Szene! Wer weiß, ob sie dich nicht in

wenig Stunden schon wieder zurückführen werden? Und wenn du sie nur

noch allein anträfest; aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwärtig,

vielleicht die Baronesse! Wie verändert werde ich sie finden! Werde

ich vor ihr auf den Füßen stehen können?"

Nur eine schwache Hoffnung, daß er seiner Amazone entgegengehe, konnte

manchmal durch die trüben Vorstellungen durchblicken. Es war Nacht

geworden, der Wagen rasselte in einen Hof hinein und hielt still; ein

Bedienter mit einer Wachsfackel trat aus einem prächtigen Portal

hervor und kam die breiten Stufen hinunter bis an den Wagen. "Sie

werden schon lange erwartet", sagte er, indem er das Leder aufschlug.

Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, nahm den schlafenden Felix auf

den Arm, und der erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem

Lichte in der Türe stand: "Führe den Herrn gleich zur Baronesse."

Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: "Welch ein Glück! Es sei

vorsätzlich oder zufällig, die Baronesse ist hier! Ich soll sie

zuerst sehen! Wahrscheinlich schläft die Gräfin schon! Ihr guten

Geister, helft, daß der Augenblick der größten Verlegenheit leidlich

vorübergehe!"

Er trat in das Haus und fand sich an dem ernsthaftesten, seinem

Gefühle nach dem heiligsten Orte, den er je betreten hatte. Eine

herabhängende blendende Laterne erleuchtete eine breite, sanfte Treppe,

die ihm entgegenstand und sich oben beim Umwenden in zwei Teile

teilte. Marmorne Statuen und Büsten standen auf Piedestalen und in

Nischen geordnet; einige schienen ihm bekannt. Jugendeindrücke

verlöschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen. Er erkannte eine

Muse, die seinem Großvater gehört hatte, zwar nicht an ihrer Gestalt

und an ihrem Wert, doch an einem restaurierten Arme und an den

neueingesetzten Stücken des Gewandes. Es war, als wenn er ein Märchen

erlebte. Das Kind ward ihm schwer; er zauderte auf den Stufen und

kniete nieder, als ob er es bequemer fassen wollte. Eigentlich aber

bedurfte er einer augenblicklichen Erholung. Er konnte kaum sich

wieder aufheben. Der vorleuchtende Bediente wollte ihm das Kind

abnehmen, er konnte es nicht von sich lassen. Darauf trat er in den

Vorsaal, und zu seinem noch größern Erstaunen erblickte er das

wohlbekannte Bild vom kranken Königssohn an der Wand. Er hatte kaum

Zeit, einen Blick darauf zu werfen, der Bediente nötigte ihn durch ein

paar Zimmer in ein Kabinett. Dort, hinter einem Lichtschirme, der sie

beschattete, saß ein Frauenzimmer und las. "O daß sie es wäre!" sagte

er zu sich selbst in diesem entscheidenden Augenblick. Er setzte das

Kind nieder, das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame zu

nähern, aber das Kind sank schlaftrunken zusammen, das Frauenzimmer

stand auf und kam ihm entgegen. Die Amazone war's! Er konnte sich

nicht halten, stürzte auf seine Knie und rief aus: "Sie ist's!" Er

faßte ihre Hand und küßte sie mit unendlichem Entzücken. Das Kind lag

zwischen ihnen beiden auf dem Teppich und schlief sanft.

Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie

hieß Wilhelmen auf den Sessel sitzen, der zunächst dabeistand. Sie

bot ihm einige Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur

beschäftigt war, sich zu versichern, daß sie es sei, und ihre durch

den Lichtschirm beschatteten Züge genau wiederzusehen und sicher

wiederzuerkennen. Sie erzählte ihm von Mignons Krankheit im

allgemeinen, daß das Kind von wenigen tiefen Empfindungen nach und

nach aufgezehrt werde, daß es bei seiner großen Reizbarkeit, die es

verberge, von einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig und

gefährlich leide, daß dieses erste Organ des Lebens bei unvermuteten

Gemütsbewegungen manchmal plötzlich stillestehe und keine Spur der

heilsamen Lebensregung in dem Busen des guten Kindes gefühlt werden

könne. Sei dieser ängstliche Krampf vorbei, so äußere sich die Kraft

der Natur wieder in gewaltsamen Pulsen und ängstige das Kind nunmehr

durch übermaß, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.

Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie

bezog sich auf den Arzt, der weiter mit ihm über die Sache sprechen

und die Ursache, warum man den Freund und Wohltäter des Kindes

gegenwärtig herbeigerufen, umständlicher vorlegen würde. "Eine

sonderbare Veränderung", fuhr Natalie fort, "werden Sie an ihr finden;

sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen so

großen Abscheu zu haben schien."

"Wie haben Sie das erreicht?" fragte Wilhelm.

"Wenn es wünschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig.

Hören Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, daß ich

immer eine Anzahl junger Mädchen um mich habe, deren Gesinnungen ich,

indem sie neben mir aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden

wünsche. Aus meinem Munde hören sie nichts, als was ich selber für

wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, daß sie nicht

auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in

der Welt gäng und gäbe ist. Fragen sie mich darüber, so suche ich,

soviel nur möglich ist, jene fremden, ungehörigen Begriffe irgendwo an

einen richtigen anzuknüpfen, um sie dadurch, wo nicht nützlich, doch

unschädlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine Mädchen

aus dem Munde der Bauerkinder gar manches von Engeln, vom Knechte

Ruprecht, vom Heiligen Christe vernommen, die zu gewissen Zeiten in

Person erscheinen, gute Kinder beschenken und unartige bestrafen

sollten. Sie hatten eine Vermutung, daß es verkleidete Personen sein

müßten, worin ich sie denn auch bestärkte und, ohne mich viel auf

Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten Gelegenheit

ein solches Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, daß der

Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen

hatten, nahe war; ich versprach, daß ihnen diesmal ein Engel die

kleinen Geschenke bringen sollte, die sie so wohl verdient hätten.

Sie waren äußerst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir

Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage

in ein langes, leichtes, weißes Gewand anständig gekleidet. Es fehlte

nicht an einem goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen

Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Flügel weglassen, doch

bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein Paar großer

goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen wollten. So

trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem Körbchen in der

andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Mädchen und

überraschte mich selbst. "Da kommt der Engel!" sagte ich. Die Kinder

traten alle wie zurück; endlich riefen sie aus: "Es ist Mignon!" und

getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.

"Hier sind eure Gaben", sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man

versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte

sie.

"Bist du ein Engel?" fragte das eine Kind.

"Ich wollte, ich wär es", versetzte Mignon.

"Warum trägst du eine Lilie?"

"So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär ich glücklich."

"Wie ist's mit den Flügeln? Laß sie sehen!"

"Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet sind."

Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage.

Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der

Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie

wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Zither, setzte sich

hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit

unglaublicher Anmut:

So laßt mich scheinen, bis ich werde;

Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!

Ich eile von der schönen Erde

Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh ich eine kleine Stille,

Dann öffnet sich der frische Blick,

Ich lasse dann die reine Hülle,

Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten,

Sie fragen nicht nach Mann und Weib,

Und keine Kleider, keine Falten

Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe,

Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung;

Vor Kummer altert ich zu frühe;

Macht mich auf ewig wieder jung!

Ich entschloß mich sogleich", fuhr Natalie fort, "ihr das Kleid zu

lassen und ihr noch einige der Art anzuschaffen, in denen sie nun auch

geht und in denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern

Ausdruck hat."

Da es schon spät war, entließ Natalie den Ankömmling, der nicht ohne

einige Bangigkeit sich von ihr trennte. "Ist sie verheiratet oder

nicht?" dachte er bei sich selbst. Er hatte gefürchtet, sooft sich

etwas regte, eine Türe möchte sich auftun und der Gemahl hereintreten.

Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einließ, entfernte sich

schneller, als er Mut gefaßt hatte, nach diesem Verhältnis zu fragen.

Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er beschäftigte sich,

das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner neuen, gegenwärtigen

Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht miteinander

zusammenfließen; jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, und dieses

schien fast ihn umschaffen zu wollen.

VIII. Buch, 3. Kapitel--1

Drittes Kapitel

Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im

Hause umzusehen. Es war die reinste, schönste, würdigste Baukunst,

die er gesehen hatte. "Ist doch wahre Kunst", rief er aus, "wie gute

Gesellschaft: sie nötigt uns auf die angenehmste Weise, das Maß zu

erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist."

Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Büsten

seines Großvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde

vom kranken Königssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend und

rührend. Der Bediente öffnete ihm verschiedene andere Zimmer; er fand

eine Bibliothek, eine Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett.

Er fühlte sich so fremd vor allen diesen Gegenständen. Felix war

indessen erwacht und ihm nachgesprungen; der Gedanke, wie und wann er

Theresens Brief erhalten werde, machte ihm Sorge; er fürchtete sich

vor dem Anblick Mignons, gewissermaßen vor dem Anblick Nataliens. Wie

ungleich war sein gegenwärtiger Zustand mit jenen Augenblicken, als er

den Brief an Theresen gesiegelt hatte und mit frohem Mut sich ganz

einem so edlen Wesen hingab.

Natalie ließ ihn zum Frühstück einladen. Er trat in ein Zimmer, in

welchem verschiedene reinlich gekleidete Mädchen, alle, wie es schien,

unter zehn Jahren, einen Tisch zurechtemachten, indem eine ältliche

Person verschiedene Arten von Getränken hereinbrachte.

Wilhelm beschaute ein Bild, das über dem Kanapee hing, mit

Aufmerksamkeit, er mußte es für das Bild Nataliens erkennen, sowenig

es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die ähnlichkeit

schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein

Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust

Nataliens.

"Ich habe das Porträt hier angesehen", sagte er zu ihr, "und mich

verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann.

Das Bild gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es

weder Ihre Züge noch Ihr Charakter."

"Es ist vielmehr zu verwundern", versetzte Natalie, "daß es so viel

ähnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild

einer Tante, die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind

war. Es ist gemalt, als sie ungefähr meine Jahre hatte, und beim

ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. Sie hätten diese

treffliche Person kennen sollen. Ich bin ihr so viel schuldig. Eine

sehr schwache Gesundheit, vielleicht zuviel Beschäftigung mit sich

selbst und dabei eine sittliche und religiöse ängstlichkeit ließen sie

das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden

können. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders

leuchtete."

"Wäre es möglich", versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick

besonnen hatte, indem nun auf einmal so vielerlei Umstände ihm

zusammentreffend erschienen, "wäre es möglich, daß jene schöne,

herrliche Seele, deren stille Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden

sind, Ihre Tante sei?"

"Sie haben das Heft gelesen?" fragte Natalie.

"Ja!" versetzte Wilhelm, "mit der größten Teilnahme und nicht ohne

Wirkung auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift

entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des

Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie

umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmöglichkeit, etwas

in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht

harmonisch war."

"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen,

gerechter gegen diese schöne Natur als manche anderen, denen man auch

dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiß, wie

sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat,

wieviel ihn seine Bildung kostet und wie sehr er doch in gewissen

Fällen nur an sich selbst denkt und vergißt, was er andern schuldig

ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwürfe, daß er nicht zart

genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schöne Natur sich allzu

zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich

überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der

Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art außer uns, was die

Ideale im Innern sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum

Nachstreben. Man lacht über die Reinlichkeit der Holländerinnen, aber

wäre Freundin Therese, was sie ist, wenn ihr nicht eine ähnliche Idee

in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?"

"So finde ich also", rief Wilhelm aus, "in Theresens Freundin jene

Natalie vor mir, an welcher das Herz jener köstlichen Verwandten hing,

jene Natalie, die von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und

hilfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht konnte eine solche

Natur entstehen! Welch eine Aussicht eröffnet sich vor mir, da ich

auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehören,

überschaue."

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie könnten in einem gewissen Sinne nicht

besser von uns unterrichtet sein als durch den Aufsatz unserer Tante;

freilich hat ihre Neigung zu mir sie zuviel Gutes von dem Kinde sagen

lassen. Wenn man von einem Kinde redet, spricht man niemals den

Gegenstand, immer nur seine Hoffnungen aus."

Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, daß er nun auch von

Lotharios Herkunft und früher Jugend unterrichtet sei; die schöne

Gräfin erschien ihm als Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals;

auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten,

liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte

diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er

lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte.

"So bin ich denn", rief er aus, "in dem Hause des würdigen Oheims!

Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die würdige

Priesterin, ja der Genius selbst; ich werde mich des Eindrucks von

gestern abend zeitlebens erinnern, als ich hereintrat und die alten

Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir standen. Ich erinnerte

mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber diese Bilder

hatten über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst an

und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick.

Diesen unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines

Großvaters finde ich hier zwischen so vielen andern würdigen

Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die Natur zum Liebling dieses

guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwürdigen finde ich nun auch

hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher Gesellschaft!"

Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um

ihren kleinen Beschäftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien

allein geblieben war, mußte ihr seine letzten Worte deutlicher

erklären. Die Entdeckung, daß ein schätzbarer Teil der aufgestellten

Kunstwerke seinem Großvater angehört hatte, gab eine sehr heitere,

gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit dem Hause

bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem

Erbteile wieder. Nun wünschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat

ihn, sich noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die

Nachbarschaft gerufen worden, wieder zurückkäme. Man kann leicht

denken, daß es derselbe kleine, tätige Mann war, den wir schon kennen

und dessen auch die "Bekenntnisse einer schönen Seele" erwähnten.

"Da ich mich", fuhr Wilhelm fort, "mitten in jenem Familienkreis

befinde, so ist ja wohl der Abbe, dessen jene Schrift erwähnt, auch

der wunderbare, unerklärliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders

nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht

geben Sie mir einige nähere Aufschlüsse über ihn?"

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 · 第 1 / 9 段