winkte dem Steward. „Ich habe meine eigene Methode. Die Verbrecher
werden dadurch zutraulich und geben schließlich ihr Geheimnis preis.
Mit der Güte kommt man immer am weitesten. Vielleicht kann man dem Mann
eine weitere Erleichterung verschaffen, indem man ihm jeden Tag zwei
Stunden zum Spazierengehen freigibt. Es müßte natürlich dafür gesorgt
werden, daß er mit den Passagieren nicht in Berührung kommt.“
Das war für den Kapitän eine Kleinigkeit. Zwei Matrosen wurden
abkommandiert, die Dodd während seines Spazierganges auf dem Achterdeck
zu bewachen hatten. Er fand sich schließlich in die fatale Lage mit
einigem Humor. Ob er nun im Hospital auf dem Achterdeck oder in der
Kajüte auf dem Promenadendeck die Ueberfahrt machte, konnte ihm
gleichgültig sein. Daß Peter Voß mit an Bord war, blieb die Hauptsache.
In Valparaiso war die Sache doch zu Ende. Es galt nur die Gefahr
abzuwenden, daß der Verbrecher in Valparaiso verschwand, bevor sich
Dodd vor den Behörden legitimieren konnte.
„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ wiederholte Peter Voß zum
zehnten Male seine Frage.
„Sie sind ein Narr!“ knurrte Dodd ärgerlich und drehte ihm den Rücken
zu.
Peter Voß erkannte daraus, daß eine weitere Unterhaltung vorläufig
zwecklos sei, und ging zu Polly, die auf dem Promenadendeck in einem
langen Stuhle saß.
„Mr. Dodd!“ empfing sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und reichte
ihm die zarte Hand, die er an den Mund führte, wobei er ihr zärtlich in
den kleinen Finger biß. „Was macht der Gefangene?“
„Er scheint Sehnsucht nach Ihnen zu haben!“ versetzte Peter Voß.
„Wollen Sie ihn nicht trösten gehen?“
„Nein!“ erwiderte sie sehr abweisend. „Ich will ihn nicht wiedersehen,
er hat meine Liebe für immer verscherzt. Ich sehe es nun ein, einen
Millionendieb liebt man nicht.“
Die Passagiere, die Dodds Spaziergänge beobachteten und deren Neugier
befriedigt werden mußte, begnügten sich mit der Erklärung, daß der
Mann verrückt geworden sei. Sie bedauerten seine arme Frau und fanden
es verständlich, daß sie sich von Peter Voß, aus dem sie geschwind
einen Irrenarzt machten, etwas trösten ließ. Kapitän Flintwell, der sie
am liebsten selbst getröstet hätte, fand Peter Voßens Verhalten etwas
merkwürdig.
„Sie sind ziemlich vertraut mit Mrs. Voß!“ meinte er anzüglich.
„Was bleibt mir anderes übrig?“ lächelte Peter Voß. „Auch bei ihr
versuche ich es in Güte. Sie ist, wie Sie ja wissen, seine Komplicin,
sie weiß ganz sicher den Versteck des Geldes, aber sie ist noch zäher
als er.“
„Hm!“ machte der Kapitän nachdenklich. „Aber warum hat sie ihn denn
verraten?“
„Sie kennen eben die Weiber nicht, Herr Kapitän!“ belehrte ihn Peter
Voß wohlwollend. „Das ist ein besonderes Kapitel in der Weltgeschichte.
Sie hat ihn verraten, weil sie ihn los sein will. Sie will die zwei
Millionen ohne ihn verzehren. Sie wird sich jedenfalls siebenunddreißig
Liebhaber anschaffen, sobald ihr Mann im Zuchthaus sitzt. Und dann hat
sie doch gleich einen ganz famosen Scheidungsgrund.“
Dem Kapitän traten ob solch tiefer Verworfenheit die Haare kreuzweis
zu Berge. Sie begaben sich erst bei der vierten Flasche Sekt in ihre
Gewohnheitslage zurück.
Dodd aber zerbrach sich den Kopf. Es blieb ihm nichts anderes übrig,
als zu versuchen, den Kapitän auf seine Seite zu ziehen. Er machte sich
den Steward, der ihm das Essen brachte, geneigt, indem er ihm seine
goldene Uhrkette schenkte. Dafür sollte er ihm eine Unterredung mit dem
Kapitän ermöglichen. Der Steward richtete auch treulich seinen Auftrag
aus, ohne aber von der Uhrkette etwas zu verraten.
Kapitän Flintwell fragte Peter Voß nach seiner Meinung.
„Immer gehen Sie zu ihm!“ erwiderte der zuvorkommend. „Vielleicht
gesteht er Ihnen, wo er die Millionen versteckt hat. Vergessen Sie
nicht, daß zweitausend Dollar zu verdienen sind.“
Der Kapitän begab sich zu Bobby Dodd, der erst gar nicht den Versuch
machte, den Kapitän von seinem Irrtum zu überzeugen. Er fing es von der
andern Seite an.
„Sie halten mich für Peter Voß!“ begann er ruhig. „Es wird sich in
Valparaiso herausstellen, daß ich Bobby Dodd bin. Sie werden dort
eine sehr lächerliche Figur machen, daß Sie sich von einem solchen
Schurken haben hinters Licht führen lassen. Das kann Ihnen aber nicht
gleichgültig sein. Deshalb schlage ich Ihnen vor, setzen Sie diesen
Mann hier neben mich gefangen und übergeben Sie uns beide der Polizei.
Wenn er wirklich Bobby Dodd ist, dann wird er kaum gegen diesen
Vorschlag etwas einwenden dürfen.“
„Oho!“ rief der Kapitän entrüstet. „Meinen Sie vielleicht, es ist
angenehm, in diesem Loch zu sitzen?“
„Es genügt, wenn er sich kurz vor unserer Ankunft hineinbegibt!“ schlug
Dodd vor. „Sie besitzen auf dem Schiffe die Polizeigewalt. Man kann
Ihnen keinen Vorwurf machen, wenn Sie Vorsicht üben. Mein Vorschlag ist
durchaus loyal. Das werden Sie ohne weiteres zugeben.“
„Verrückt ist er!“ lachte der Kapitän los. „So dumm bin ich nicht. Ich
soll den Detektiv einsperren, damit Sie hinterher auskneifen können.
Nein, mein bester Herr, darauf falle ich nicht hinein. Ihre Frau hat
Ihre Identität bezeugt. Punktum!“
„Es ist seine Frau!“ brauste Bobby Dodd auf.
„Ihre Frau ist seine Frau, und seine Frau ist Ihre Frau!“ lachte
der Kapitän belustigt. „Sie haben also zusammen eine Frau. Das soll
vorkommen. Sie können sich in Valparaiso darüber weiter unterhalten,
wem sie von Rechts wegen gehört. Ihre Frau hat Sie im Stich gelassen.
Well, sie will die Millionen allein durchbringen. Ich sollte die
Weiber nicht kennen!“
Damit ließ er ihn sitzen.
Bobby Dodd wühlte sich in den Haaren. Kein Zweifel, Peter Voß hatte
alle Stichkarten in der Hand. Auch an Land war ihm so leicht nicht
beizukommen. Ehe Dodds Signalement von St. Louis nach Valparaiso
telegraphiert werden konnte, mußte Bobby Dodd erst einmal dorthin
telegraphieren können. Das aber konnte verdammt lange dauern. Bis dahin
war der Verbrecher längst über die Anden.
Es galt zu handeln. Und Dodd handelte. Den Steward machte er sich
ganz geneigt, indem er ihm zu der goldenen Kette die dazugehörige Uhr
schenkte. Stockes mußte es bezahlen. Dafür schmuggelte ihm der Mann
eine Feile in die Zelle.
Denn Dodd wollte ausbrechen, ausbrechen wie ein richtiger
Millionendefraudant, der sich wider Willen in den Händen der
menschlichen Gerechtigkeit sieht. Er wollte vor Valparaiso, noch ehe
das Schiff zu Anker ging, aus der Zelle schlüpfen, sich irgendwo
gut verstecken und erst an Land gehen, wenn Peter Voß nicht mehr
an Bord war. An Land zu schwimmen wagte er nicht, denn mit seinen
Schwimmkünsten war es nicht weit her.
Der amerikanische Konsul mußte ihm helfen.
Drei Nächte blieben ihm noch für die Arbeit, und er feilte noch ärger
drauf los als in Dui. Peter Voß, der die Augen offen hielt, verfolgte
gespannt den Fortgang der Arbeit und unterließ jede Störung. Im
Gegenteil, er freute sich millionendiebisch darüber. Er hatte Dodds
Gedankengang sofort erraten und wachte.
In der letzten Nacht war die Arbeit vollendet. Als der „King Edward“ in
der Morgendämmerung auf die Reede von Valparaiso einschwenkte und eine
halbe Seemeile von der Küste den Anker warf, bog Dodd das Fenstergitter
nach außen und streckte den Kopf durch das Loch. Hinter dem Hospital
waren noch ein halber Meter Decksplanken. Dann kam das Bordgeländer.
Der Steward hatte ihm ein sicheres Plätzchen im Magazin reserviert.
Es mußte gewagt werden.
„Guten Morgen, Mr. Voß!“ begrüßte ihn Peter Voß mit dem Revolver in der
Hand. „Sie haben mich verdammt lange warten lassen. Konzentrieren Sie
sich bitte rückwärts, sonst knall ich los. Das könnte Ihnen so passen!
Ueber Bord springen, an Land schwimmen, so wie damals vor Southampton!
Und ich kann mir wieder einmal die Hacken ablaufen, bis ich Ihre werte
Spur wiedergefunden habe.“
„Sie werden nicht schießen!“ schnaubte Dodd, ohne sich zurückzuziehen.
„Sie werden nicht neben Ihrer Defraudation noch einen Mord auf Ihre
Seele laden!“
„Sie haben recht, Mr. Voß!“ bekannte Peter Voß und steckte den Revolver
weg. „Ich bin ein Gemütsmensch. Ich tauge aus diesem Grunde eigentlich
nicht zum Detektiv. Ich werde nicht schießen. Und Sie werden nicht
über Bord springen. Das Baden im Hafen von Valparaiso ist polizeilich
verboten, schon wegen der zahlreichen Haifische.“
Und schon tauchten zwei Matrosen auf. Die chilenische Hafenpolizei
kam an Bord. Dodd wurde gefesselt. Das zerfeilte Fenstergitter bewies
hinlänglich seine Schuld. Er sträubte sich nicht und beschränkte sich
darauf, gegen diese Behandlung zu protestieren. Zwei Wachtleute packten
ihn links und rechts.
„Zweitausend Dollar Belohnung sind ausgesetzt!“ sprach Peter Voß zu dem
Hafenkommissar. „Ich werde dafür sorgen, daß sie Ihnen ausgehändigt
werden. Geben Sie mir Ihre Adresse. Nur lassen Sie den Mann nicht
entwischen.“
Dann öffnete er ihm die Augen über die Eigenarten und die
außerordentliche Gefährlichkeit des Verbrechers. Peter Voß begleitete
den Transport bis zum Gefängnis. Bobby Dodd verlangte fortgesetzt, zum
amerikanischen Konsul geführt zu werden.
„Meine Verhaftung ist ein Justizirrtum!“ rief er an der Tür des
Gefängnisses. „Ich bin Bobby Dodd, der Detektiv!“
„Jede Verhaftung ist in den Augen des Verhafteten ein Justizirrtum!“
beruhigte ihn Peter Voß sarkastisch und klopfte ihm höhnisch auf die
Schulter. „Bemühen Sie sich nicht weiter, Mr. Voß, und erholen Sie sich
in diesem behördlichen Hotel von den Strapazen der Seereise. Die Sache
bei dem nordamerikanischen Konsul vermag ich auch ohne Ihre Hilfe zu
ordnen.“
Das war zu viel für einen Mann wie Bobby Dodd. Er riß sich los, stürzte
sich auf Peter Voß und würgte ihn.
„Du Hund!“ brüllte er außer sich. „Ich will dich zeichnen, daß dich
jeder auf den ersten Blick wiedererkennt.“
Dabei griff er nach Peter Voßens linker Ohrmuschel in der festen
Absicht, sie ihm abzureißen. Aber es glückte ihm nur zum Teil. Immerhin
gab es einen sehr bösen Riß, und das Blut lief in Strömen. Bobby Dodd
wurde von den beiden Polizisten energisch zurückgerissen und mußte auf
weitere Tätlichkeiten verzichten. Man schaffte ihn in die sicherste
Zelle des Gefängnisses, schloß ihn seiner Gefährlichkeit halber an die
Wand und ließ ihn allein.
Peter Voß gab dem Gefängniswärter ein Goldstück.
„Pflegen Sie ihn gut!“ bat er den Mann. „Er ist nicht ganz normal. Er
wird wohl eher im Irrenhause als im Zuchthause endigen.“
„Sie bluten, mein Herr!“ rief der Wärter und deutete auf das lädierte
Ohr.
„Ich weiß!“ versetzte Peter Voß und wischte das Blut mit dem
Taschentuch fort. „Mein Beruf ist ein wenig gefahrvoll. Man muß sich
damit abfinden und es nicht zu ernst nehmen.“
Er ging zum Arzt und ließ sich verbinden. Dann konferierte
er mit dem amerikanischen Konsul. Der wies ihn wegen der
Auslieferungsverhandlungen an die Botschaft in Santiago und versprach,
den Gefangenen unter Beobachtung zu halten.
„Daß Sie ihn besuchen, ist nicht nötig!“ beruhigte ihn Peter Voß. „Ich
sorge schon für ihn.“
Peter Voß aber fuhr nicht nach Santiago. Er hatte gar keine Sehnsucht,
die persönliche Bekanntschaft des Botschafters zu machen. Er fragte
bei der Kosmosagentur, ob die sechstausend Mark für Franz Müller
eingelaufen seien, und ließ sie zurückgehen. Dann begab er sich an Bord
des „King Edward“, schenkte Kapitän Flintwell zum Andenken und zum Dank
für seine Hilfe bei der Dingfestmachung des Verbrechers Dodds silberne
Zigarettendose und ging mit Dodds Koffern von Bord. Polly war schon
allein an Land gegangen und wartete auf ihn bei der Post.
Darauf zog er sich mit Polly in ein stilles Café zurück, um zu beraten,
was weiter zu tun sei. Es kam alles auf die Kupferpapiere an. Peter Voß
langte die Prensa vom Nagel und durchsuchte den Kurszettel.
„Hurra!“ rief er plötzlich und schwenkte das Riesenblatt wie eine
Fahne. „Kupferhausse! Wahnsinnige Kupferhausse! Nach Hause! Schnell
nach Hause!“
Als er mit Polly acht Wochen später über Buenos Aires und New Orleans
auf der Union-Station in St. Louis eintraf, rannte er im Gewühl
mit einem Mann zusammen, der eben mit einem Zuge aus San Francisco
angekommen war. Es war Bobby Dodd, der sich inzwischen in Valparaiso
auf legalem Wege die Freiheit zu verschaffen gewußt hatte und nun
nach St. Louis zurückgekehrt war, um der Firma Stockes & Yarker den
unausführbaren Auftrag zurückzugeben.
Er stutzte einen Augenblick, packte zu und brüllte: „Peter Voß!“
Drei Polizisten kamen ihm zu Hilfe, aber sie hätten es gar nicht nötig
gehabt.
„Endlich!“ lachte Peter Voß, ohne sich im geringsten zu sträuben. „Das
hat lange genug gedauert, Mr. Dodd.“
So fing er doch noch den Millionendieb.
Die Firma Stockes & Yarker aber war gerettet.
20.
Peter Voß stand im Justizpalast von St. Louis vor dem Richter, der die
Voruntersuchung führte.
„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ fragte ihn der mit streng
gefurchter Stirn.
„Um die Millionen verstecken zu können,“ erwiderte Peter Voß
ebenso ernsthaft, „müßte ich sie doch erst einmal gehabt haben.
Diese Annahme Ihrerseits ist aber ein Irrtum. Ich erkläre hiermit
zum dreihundertfünfundsechzigsten Male, daß ich die Millionen
überhaupt nicht gestohlen habe. Ich sitze ganz unschuldigerweise in
Untersuchungshaft und müßte längst auf freien Fuß gesetzt worden sein.“
„Damit Sie sich die Millionen holen!“ sprach der Richter. „Wir kennen
diesen neuen Trick der Millionendiebe. Sie stehlen, verstecken, reißen
aus, stellen sich dann freiwillig, um ein möglichst mildes Urteil
herauszuschlagen, behaupten, sie hätten das Geld verloren oder es sei
ihnen von dritter Seite wieder gestohlen worden, sitzen ihre Strafe ab
und leben dann als Millionäre vergnügt bis an ihren Tod. Wir kennen,
wie gesagt, diese schöne Praxis und haben die feste Absicht, sie nicht
um sich greifen zu lassen. Sie werden es sich noch sehr überlegen,
ob Sie die Millionen mit zwanzig Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit
bezahlen wollen. Es wird sogar ein Antrag auf lebenslängliche schwere
Kerkerhaft gestellt werden, mit der Einschränkung, daß die Strafe auf
fünf Jahre leichte Haft zu ermäßigen ist, sobald sich durch die Hilfe
des Verurteilten die gestohlenen Millionen wiederfinden lassen.“
„Ich beglückwünsche Sie zu dieser Erfindung!“ rief Peter Voß
begeistert. „Sie werden sich den Dank aller nordamerikanischen
Bankhäuser verdienen. Aber bei mir die Wirkung dieser Methode zu
erproben, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar widersinnig. Denn
ich habe die Millionen nicht nur nicht versteckt, sondern sie überhaupt
gar nicht gestohlen. Ich bin kein Millionendieb.“
„Dies ist eine Behauptung, der leider der Beweis fehlt!“ versetzte
der Richter achselzuckend. „Oder sind Sie imstande, diesen Beweis zu
erbringen?“
„Imstande wohl!“ antwortete Peter Voß. „Ich habe einen Zeugen.“
„Einen Komplicen!“ verbesserte ihn der Richter. „Sie haben also den
Diebstahl nicht allein ausgeführt.“
„Nein, einen richtiggehenden Zeugen!“ rief Peter Voß. „Einen so guten,
so vortrefflichen Zeugen, wie er noch keinem des Millionendiebstahls
Beschuldigten zu seiner völligsten Entlastung zur Verfügung gestanden
hat. Dieser Mann braucht nur den Mund aufzutun und zu sagen: Peter
Voß ist kein Millionendieb! Und kein Mensch, der es hört, wird an der
Wahrheit dieser Aussage zweifeln. Auch Sie nicht, Herr Richter. Sie
werden es dem Mann sogar glauben, ohne daß er seine Aussage durch einen
Eid bekräftigt.“
„Nun gut!“ schmunzelte der Richter. „Nennen Sie den Zeugen. Nach Ihrer
Behauptung zu urteilen, muß ich ihn nicht nur kennen, sondern auch von
seiner absoluten Glaubwürdigkeit überzeugt sein. Ich mache Sie aber
darauf aufmerksam, daß ich an eine absolute Zeugenglaubwürdigkeit nicht
glaube. Aber trotzdem, nennen Sie den Namen. Es gibt Umstände, die eine
partielle absolute Glaubwürdigkeit möglich erscheinen lassen. Wenn zum
Beispiel der Entlastungszeuge sich durch seine Aussage eines mit dem
Millionendiebstahl in direkter Verbindung stehenden Mordes bezichtigen
würde. Der Fall aber wird nach menschlichem Ermessen niemals eintreten.
Also auch bei Ihrem Delikt nicht, wobei übrigens nach meinem Wissen
niemand ermordet worden ist.“
„Nach meinem auch nicht!“ bestätigte Peter Voß diese freundliche
Annahme.
„Also nennen Sie Ihren Komplicen!“ forderte ihn der Richter zum dritten
Male auf.
„Das verbietet mir leider meine Noblesse!“ erwiderte Peter Voß und warf
sich in die Brust. „Ich bin diesem Zeugen zu großem Danke verpflichtet,
und ich werde ihn niemals in eine unangenehme Situation bringen.“
„Aber das ist ja heller Wahnsinn!“ fuhr ihn der Richter an. „Nur um
einen Menschen nicht in eine unangenehme Situation zu bringen, lassen
Sie sich zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilen.“
„Lebenslänglich!“ betonte Peter Voß. „Darauf kommt es an. Der Mann
hat mir nämlich einmal das Leben gerettet. Und ich leide an einem
vorzüglichen Gedächtnis. Außerdem gibt es noch eine Revisionsinstanz.
Ich hoffe jedoch zuversichtlich, schon im ersten Justizgange
freigesprochen zu werden.“
„Woraufhin?“ fragte der Richter verblüfft.
„Auf die Eröffnungen, die ich noch zu machen habe!“ sagte Peter Voß.
„Ich behalte sie mir für die Verhandlung vor. Aus rein taktischen
Gründen.“
„Sie wollen sich also jetzt auf die Aussage beschränken, daß Sie die
Millionen nicht gestohlen haben?“ fragte der Richter kopfschüttelnd.
„Jawohl!“ antwortete Peter Voß kopfnickend. „Das genügt vorerst. Ich
überlasse es der Justiz, den Beweis zu erbringen, daß ich die Millionen
gestohlen habe. Im übrigen pflege ich mein Pulver niemals vor der
Zeit zu verschießen. Sorgen Sie nur dafür, daß der Termin recht bald
angesetzt wird.“
Darauf verabschiedete er sich mit einer korrekt-liebenswürdigen
Verbeugung.
In der Zelle erhielt er den Besuch des Anwalts. Das war ein selbst für
amerikanische Verhältnisse äußerst gerissener Junge.
„Selbstverständlich!“ sagte er zu Peter Voß. „Sie haben die Millionen
versteckt und wollen Sie späterhin nutznießen. Das ist Ihnen nur zu
gönnen. Bitte unterschreiben Sie Vollmacht und Garantieschein. Mit
dem Honorar gedulde ich mich, bis Sie wieder aus dem Zuchthaus heraus
sind. Es liegt Ihnen natürlich daran, nur auf möglichst kurze Zeit
hineinzukommen.“
„Freigesprochen will ich werden!“ gestand Peter Voß ehrlich. „Und zwar
mit Glanz, Pauken und Trompeten.“
„Lieber Freund!“ schmunzelte der Anwalt und klopfte ihm auf die
Schulter. „Sie schrauben Ihre Ansprüche zu hoch. Sagen wir drei Jahre
Zuchthaus. Das kann ein so kerngesunder Mensch wie Sie mit Leichtigkeit
durchhalten. Für zwei Millionen Dollar ist das ein Spaß. Ich würde sie
auch absitzen, wenn man mir zwei Millionen Dollar dafür gibt.“
„Aber ich nicht!“ rief Peter Voß entrüstet. „Und zwar einfach aus dem
Grunde nicht, weil ich die Millionen gar nicht gestohlen habe.“
„Hm!“ lächelte der Anwalt verständnisinnig. „Sie haben das schon dem
Untersuchungsrichter gegenüber behauptet. Ich habe die Akten soeben
eingesehen.“
„Wer hat Sie mit meiner Verteidigung beauftragt?“ forschte Peter Voß.
„Wer sonst als Ihre Frau!“ rief der Anwalt. „Ein entzückendes Frauchen.
Sie muß Sie sehr lieb haben, denn sie ist felsenfest von Ihrer Unschuld
überzeugt. Nun, ich habe ihr den schönen Traum nicht zerstört. Sie wird
Ihnen treu bleiben, auch wenn Sie lebenslänglich ins Zuchthaus müßten.
Sie würde dieses Urteil stets für einen Justizirrtum halten.“
„Ich auch!“ rief Peter Voß.
„Gut, gut!“ lachte der Anwalt. „Mir brauchen Sie nichts vorzumachen.
Ich soll also auf Ihren Freispruch plädieren. Wird gemacht! Aber
woraufhin? Etwa auf Ihre famose Behauptung, daß Sie die Millionen nicht
gestohlen haben? Mir müssen Sie schon reinen Wein einschenken. Also im
Vertrauen gesagt, wo haben Sie die Millionen versteckt?“
„Das ist doch rein um mit Keulen drein zu schlagen!“ schrie Peter Voß
in komischer Verzweiflung und reckte die geballten Fäuste gegen die
Wand.
„Dazu ist nicht der geringste Grund vorhanden, mein Lieber!“ beruhigte
ihn der Anwalt. „Sie werden von mir unmöglich verlangen können, daß ich
mich lächerlich mache. Sobald ich jedoch auf Ihren Freispruch plädiere,
mache ich mich unsterblich lächerlich. Sie haben die Millionen
gestohlen. Ich komme soeben von der Lektüre Ihrer Akten. Es ist ein
schönes Bündel. Es liegen die von Ihnen geführten Geschäftsbücher der
Firma Stockes & Yarker dabei. Sie sind musterhaft geführt. Das wird
Ihnen sogar der Staatsanwalt bestätigen. Auch die Berichte Bobby Dodds
liegen dabei. Sie lesen sich wie ein spannender Roman, wenn nur der
Stil nicht gar zu trocken wäre. Und aus all den Beilagen geht mit
unverrückbarer Gewißheit hervor, daß Sie und kein anderer die Millionen
gestohlen haben. Auf welche Ausrede hin soll ich Ihren Freispruch
erzielen können? Wie wollen Sie diese Beweise entkräftigen?“
„Sehr einfach!“ versetzte Peter Voß, der inzwischen eingesehen hatte,
daß er von seinem aufs beste getrockneten Pulver diesem Anwalt
gegenüber ein wenig losbrennen mußte. „Ich habe den Diebstahl nur
fingiert.“
Der Anwalt lächelte ungläubig.
„Ich bin Kassierer bei der Firma Stockes & Yarker gewesen,“ erklärte
Peter Voß; „der Chef dieser Firma, übrigens ein braver Mann, hat in der
Zeit meines Kassiererseins zwei Millionen Dollar verspekuliert. Nicht
auf einmal, sondern im Laufe einiger Jahre. Ich war der einzige, der
über den Vermögensstand der Firma genau orientiert war. Der Inhaber der
Firma hat sich immer auf mich verlassen. Die Firma ging dem sichern
Ruin entgegen. Ich hatte eine gute, vortrefflich bezahlte Stellung,
die ich unbedingt verloren hätte, wenn die Firma aufgeflogen wäre.
Ich begann deshalb die Bücher zu fälschen, allerdings erst im letzten
Quartal, da uns das Wasser bereits an der Kehle stand. Ich hoffte
immer noch auf einen guten Coup. Aber der Chef war ein ausgemachter
Pechvogel.“
Das ungläubige Lächeln des Anwalts verstärkte sich.
„Zuletzt ging es nicht mehr weiter. Wo das Bargeld fehlt, helfen die
bestgefälschten Bilanzen nicht. Da habe ich, um die Firma über Wasser
zu halten, zwei Millionen Dollar aus dem Geldschrank gestohlen, die gar
nicht darin vorhanden waren. Ich habe die Firma vor dem Zusammenbruch
gerettet, denn die gestohlene Summe wurde ihr von dem Gläubiger
gestundet.“
Der Anwalt lachte nun schallend auf.
„Ich habe mich fast zwei Jahre lang als Millionendieb verfolgen
lassen, bis sich die Firma wieder erholt hatte. Das ersah ich aus dem
Kurszettel. Wir hatten uns nämlich an Kupferpapieren überkauft, die
damals total auf den Hund waren. Und nun stehen sie zweimal so hoch wie
beim Einkauf. Die Firma Stockes & Yarker steht glänzend da. Sie wird
die zwei Millionen, die ihr damals gestundet worden sind, gewiß längst
zurückbezahlt haben. Und deshalb habe ich mich von dem Detektiv fangen
lassen.“
„Großartig!“ rief der Anwalt aufs höchste begeistert. „Das ist einfach
eine entzückende Geschichte. Es läßt sich gar keine bessere erfinden.
Wenn sie wahr wäre, was sie leider nicht ist, dann müßten Sie sofort
entlassen werden.“
„Sie ist wahr!“ rief Peter Voß wütend.
„Allright!“ besänftigte ihn der Anwalt. „Nehmen wir an, sie sei wahr.
Man wird es uns ohne Beweise nicht glauben. Sie behaupten, die Bücher
nachträglich gefälscht zu haben. Sie werden die gefälschten Zahlen
heraussuchen.“
„Ich habe sie alle im Kopfe!“ sagte Peter Voß und begann sie dem Anwalt
zu diktieren.
„Wir werden diese Eintragungen von einem Schreibsachverständigen
prüfen lassen. Sodann muß der Inhaber der Firma aussagen. Ich werde
ihn bearbeiten. Er wird einsehen, daß er die Millionen doch nicht
wiederbekommt, und er ist Ihnen schließlich zu Dank verpflichtet,
natürlich immer von unserer Voraussetzung aus betrachtet, daß diese
famose Geschichte wahr ist.“
„Gehen Sie zu ihm!“ sprach Peter Voß. „Es kann nichts schaden, wenn Sie
ihm diese Geschichte so erzählen, wie sie sich in Wahrheit zugetragen
hat.“
Zwei Stunden später stürzte der Anwalt in Peter Voßens Zelle.