Tür. „Ich habe dem Inhaber der Firma Stockes & Yarker die Geschichte
erzählt, diese ganz unglaubliche Geschichte, diese rührend sentimentale
Geschichte von dem Kassierer, der sich für die Firma opfert, diese
Geschichte, die wert ist, in alle Weltsprachen übersetzt zu werden.
Ich habe ihm die Geschichte Ihres fingierten Millionendiebstahls
erzählt, und was meinen Sie? Er hat sie mir geglaubt!!! Er hat sie
mir abgenommen von A bis Z. Nicht ein einziges Mal hat er den Kopf
geschüttelt. Nur sehr überrascht ist er gewesen, daß er einen so
treuen Kassierer zwei Jahre lang für nichts und wieder nichts durch
die Welt hat hetzen lassen. Er will sogar für Sie aussagen, nur im
allergünstigsten Sinne. Jetzt hoffe ich wirklich, Sie frei zu bekommen.
Mr. Stockes hat mir bewiesen, daß man Ihre unglaubliche Geschichte
glauben kann. Ich werde dafür sorgen, daß sich die Mehrzahl der Richter
ihm anschließt.“
„Darum allein ist es mir zu tun!“ sagte Peter Voß und drückte ihm die
Hand. „Es sind da aber noch einige andere Paragraphen verletzt worden.
Irreführung der Behörden, Benutzung falscher Pässe und dergleichen
mehr. Hoffentlich ist das mit einer Geldstrafe abzubüßen.“
„Freigesprochen werden Sie!“ entschied der Anwalt. „Sie kommen vor die
Geschworenen. Wenn Mr. Stockes glaubt, werden die Geschworenen auch
glauben. Sie entscheiden nach dem Gefühl. Und ein so treuer Kassierer,
der sich für die Firma opfert, die ihm zudem einen wahren Hungerlohn
zahlt, ein so treuer Beamter, der sich aus reinem Idealismus die
größten Strapazen auferlegt, ein solcher Mensch verdient von Rechts
wegen einen Orden und eine staatliche Pension.“
Er war schon mitten drin in seinem Plaidoyer.
Und der große Tag kam, an dem Peter Voß vor die Geschworenen trat.
Gleich von Anfang an ging die Sache schief. Die Gutachten der
Schreibsachverständigen, die zur Vorlesung gebracht wurden, leugneten
ganz entschieden, daß die betreffenden Ziffern, die in Summa eine runde
Doppelmillion ausmachten, nachträglich in die Bücher hineingefügt
worden waren.
Das hat man nun davon, wenn man gar zu gut fälscht! dachte Peter Voß
ärgerlich.
Der Prokurist des Hauses Stockes & Yarker schilderte die Entdeckung
des Diebstahls. Peter Voßens juristische Aktien sanken von Minute zu
Minute. Bobby Dodd ließ überhaupt kein gutes Haar an ihm und schilderte
ihn als den Verbrecher der Verbrecher.
Nun kam Jim Stockes an die Reihe, der sich bis dahin außerhalb des
Sitzungssaales befunden hatte. Er konnte, obschon er alles zugab, was
Peter Voß und sein Anwalt von ihm verlangten, doch nicht mehr die
gänzlich verfahrene Karre auf das rechte Gleis ziehen.
Der Staatsanwalt beantragte zwanzig Jahre schweren Kerkers, nachdem er
die rührende Geschichte von dem treuen Kassierer in ihre unglaublichen
Einzelheiten wie ein Gänseblümchen zerpflückt hatte. Jim Stockes bekam
von ihm für seine bewiesene Sanftmut einen Lorbeerkranz aufs Haupt
gesetzt, wodurch seine für den Angeklagten günstigen Aussagen erledigt
waren.
Der Anwalt blieb bei der Stange und versuchte das Unmögliche. Da er
aber selbst nicht an Peter Voßens Unschuld glaubte, wirkte seine Rede
nur unfreiwillig humoristisch.
Als sich die Geschworenen zur Beantwortung der Schuldfrage
zurückgezogen, wurde Peter Voß zum erstenmal schwül zumute. Er kam bös
in die Klemme, wenn Jim Stockes nicht den Mund auftun wollte. Der aber
saß auf der Zeugenbank, sah geradeaus und schaute nicht links und nicht
rechts. Sein bleiches Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Keine Fiber
zuckte darin. Er wartete auf den Spruch der Geschworenen.
Die kamen bald wieder in den Saal und erstatteten Bericht von ihrer
geheimnisvollen Tätigkeit, indem sie die Schuldfrage mit allen Stimmen
bejahten.
Jetzt stand Jim Stockes langsam auf und machte drei Schritte gegen die
Schranke, hob zwei Finger auf und sprach mit lauter Stimme: „Peter Voß
ist kein Dieb. Wir haben die Sache damals zusammen verabredet.“
Nach diesem Bekenntnis war es eine ganze Weile mäuschenstill im
weiten Sitzungssaale. Nicht ein einziger zweifelte an der Wahrheit
der Aussage, nicht einmal der Staatsanwalt, obschon sie gar nicht
beschworen worden war.
Nachdem die Richter ihr grenzenloses Erstaunen bemeistert hatten,
setzten sie die juristische Strafmaschinerie wieder in Gang.
Nun kam die andere Hälfte der Wahrheit ans Licht. Im Zuhörerraum wurde
jede Aussage Peter Voßens mit wachsendem Beifallsgetrampel begrüßt. Das
Gefühl für diesen treuesten aller Bankkassierer brach sich Bahn. Die
Volksseele entlud sich stürmisch. Auch die Geschworenen zeigten den
Enthüllungen gegenüber wachsendes Interesse. Am meisten imponierte
ihnen die Sicherheit, mit der Peter Voß das Steigen der Kupferpapiere
vorausberechnet hatte. Dagegen wogen alle die kleinen Delikte, die er
auf seiner Flucht begangen hatte, federleicht.
Das Rechtsgefühl siegte, der Paragraph unterlag. Peter Voß wurde zu 50
Dollar Geldstrafe verurteilt wegen schlechter Buchführung.
Der erste, der ihm gratulierte, war Bobby Dodd.
Das Publikum im Zuschauerraum klatschte wie bei einer wohlgelungenen
Theateraufführung.
Als Peter Voß am Arm Jim Stockes’ aus dem Gerichtsgebäude trat, wurden
sie beide von der begeisterten Volksmenge auf die Schultern gehoben und
im Triumph durch die Straßen getragen. Die Zeitungen tobten drei Tage
lang in spaltenlangen Artikeln über diesen einzigartigen Fall. Bobby
Dodds Ruhm stieg in die Puppen. Aber er war daran unschuldig. Peter
Voß wurde interviewt und bekam von Barnum & Bailey eine Einladung,
seine geniale Flucht vor dem Detektiv für eine Welttournee auf der
Zirkusmanege zu inszenieren, was er aber ablehnte.
Und die Firma Voß, Stockes & Yarker in St. Louis mußte ihr Personal
verdreifachen, um die Aufträge, die von allen Seiten einliefen,
erledigen zu können.
„Voß!“ sagte Stockes zu seinem neuen Kompagnon, als die Tage wieder
ein wenig ruhiger geworden waren. „Wir sind mit einem blauen Auge
davongekommen. Aber ein zweites Mal riskiere ich das Manöver nicht.“
„Ich auch nicht!“ gestand Peter Voß.
Und dann lagen sie sich in den Armen.
Jim Stockes war wieder der alte Draufgänger, der am liebsten alles auf
eine Karte setzte, und besonders jetzt, wo Dick Patton mit spielender
Leichtigkeit bezahlt worden war und die Firma an der Spitze aller
westunionistischen Bankfirmen marschierte. Er war ein alter Eigensinn,
aber Peter Voß war ein junger Eigensinn und gab erst recht nicht nach.
Allen Herzenswünschen Jim Stockes’ widersetzte er sich hartnäckig.
Der wurde schließlich wütend über die mangelnde Einsicht seines neuen
Teilhabers und fuchtelte mit Bleistift und dem Notizblock, der seine
Beweisführung trug, höchst despektierlich in der Luft herum.
Da beugte sich Peter Voß, der ihm gegenübersaß, weit über die beiden
Schreibtische, nahm Jim Stockes zuerst den Bleistift und dann den
Notizblock aus den Fingern und setzte sich wieder.
„Gehen Sie spazieren, Mr. Stockes!“ bat er ihn freundlich. „Aber nicht
auf die Börse, sondern lieber auf den Carondeletpark zu. Holen Sie
meine Frau ab und gehen Sie mit ihr ins Theater oder sonst wohin. Sie
dürfen so liebenswürdig zu ihr sein, wie Sie es als alter Junggeselle
können.“
Jim Stockes machte ein Gesicht wie eine verärgerte Dogge.
„Wenn wir so spekulieren, wie Sie wollen,“ fuhr Peter Voß fort, „dann
muß ich in spätestens zwei Jahren wieder die Bücher verbessern und
eine Weltreise machen. Nur daß dann niemand mehr auf den Schwindel
hineinfällt. Ich pensioniere Sie mit halben Gehalt, wenn Sie sich nicht
bessern.“
Jim Stockes lächelte über diese Drohung, gab nach und ging. Nach einer
Stunde kehrte er ziemlich niedergeschlagen zurück.
„Haben Sie meine Frau nicht getroffen?“ fragte Peter Voß verwundert.
„O doch!“ antwortete Jim Stockes und tupfte sich den Schweiß von der
Stirn. „Aber sie hatte für heute abend schon eine Einladung. Ich habe
sie begleitet, aber es war eine Strapaze. Sie wollte mich verheiraten.
Und Sie wissen doch, wie ich über diesen Punkt denke.“
„Stockes!“ sprach Peter Voß, trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf
die Schulter. „Sie sind ein eingefleischter Junggeselle. Und deshalb
brauchen Sie Gesellschaft. Ich werde an meinen Onkel telegraphieren.
Der langweilt sich da drüben in Strienau genau so schauderhaft wie
Sie hier. Denn das werden Sie wohl gemerkt haben, im Geschäft kann
nur einer herrschen. Sie haben genug geschafft, jetzt ruhen Sie sich
aus. Sie kommen nur noch morgens eine Stunde her, um mir die nötigen
Unterschriften zu liefern. Dann haben Sie den ganzen Tag frei. Bis mein
Onkel da ist, können Sie sich die Zeit bei den Elevatoren vertreiben.
Oder Sie fahren meinem Onkel bis nach New York entgegen. Er ist ein
prächtiger Herr, der gut zu Ihnen passen wird. Auch für Ihren Klub
bringe ich ihn in empfehlende Erinnerung. Daß Sie ihn aber unbeschädigt
abliefern und ihn nicht gar zu arg unter Whisky setzen. Denn für eine
Taufe braucht man zwei Paten.“
Jim Stockes streckte beide Hände aus, um auf diese unerwartete
Nachricht hin zu gratulieren.
„Danke!“ lächelte Peter Voß vergnügt. „Es hat schwer genug gehalten.
Wir haben beschlossen, es Jim Bobby zu taufen, wenn es ein Junge wird.
Was ich übrigens so gut wie sicher glaube. Der Erbe der Firma Voß,
Stockes & Yarker ist unterwegs. Und ich bin der Verantwortliche.“
Jim Stockes ging zu den Getreideelevatoren und hernach in den Klub,
wo noch immer von nichts anderem gesprochen wurde als von den zwei
Millionen, die nicht vorhanden gewesen waren und doch gestohlen werden
konnten.
Am nächsten Morgen, als Stockes seine Unterschriften geliefert und sich
empfohlen hatte, meldete sich Bobby Dodd bei der Firma Voß, Stockes &
Yarker.
„Sie wollen gewiß Mr. Stockes sprechen?“ fragte Peter Voß und bot ihm
einen Stuhl an.
Aber Bobby Dodd verneinte und rückte sofort mit seinem Anliegen heraus.
Er wollte der Firma sein nicht unbeträchtliches Vermögen zwecks
spekulativer Vermehrung anvertrauen. Außerdem gedachte er sich ein
kleines Landgut mit Park und Villa zuzulegen, da er seinen Beruf ganz
aufgeben wollte.
„Aha!“ lachte Peter Voß und bot ihm eine Zigarre an. „Ich habe Ihnen
das Geschäft ein bißchen verleidet. Es ist eben leichter, einen
Schuldigen zu greifen, als einen Unschuldigen, der nicht durch ein
böses Gewissen beschwert ist.“
„Nein!“ erklärte Bobby Dodd einfach. „Ich möchte nicht wieder in die
Lage kommen, einen Unschuldigen verfolgen zu müssen. Und das mit den
Zeitungen hat mich auch stutzig gemacht. Ich bin vielleicht gar nicht
der geniale Detektiv, für den mich die Leute ausposaunt haben.“
„Mr. Dodd!“ rief Voß begeistert und umarmte ihn. „Ich werde Ihr
Vermögen in kurzer Zeit verdoppeln und verdreifachen. Sie sind ein
Mensch, den man trotz seiner Schwächen liebhaben muß. Sie wollen sich
zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Dazu gehört eine Frau. Gehen
Sie zu Mrs. Voß. Sie hat gestern den Versuch gemacht, Jim Stockes unter
die Haube zu bringen. Aber es war ein Versuch am untauglichen Objekt.
Gehen Sie ruhig zu ihr, wenn Sie auch kein gutes Gewissen haben. Sie
hat Ihnen schon längst verziehen. Lassen Sie sich von ihr glücklich
machen. Sie versteht das. Sie hat Routine darin. Bei Ihnen kommt
natürlich nur das indirekte Verfahren in Betracht. Sie hat sicher was
für Sie auf Lager. Sie hat eine ganze Reihe Freundinnen, die alle zum
Anbeißen sind.“
„Im Ernst?“ fragte Dodd interessiert.
„Aber gewiß!“ lachte Peter Voß. „Im vollen Ernst. Sie hat ein
Heiratsbureau. Jede Frau, die glücklich verheiratet ist, ist eine
gewerbsmäßige Heiratsvermittlerin ohne Konzession. Gehen Sie hin und
schütten Sie ihr das Herz aus. Es wäre wunderhübsch, wenn Sie eines
von diesen patenten Mädels, die immer um sie herum sind, wegfischten.
Denn sie fallen mir, offen gestanden, schon ein bißchen auf die Nerven.
Ich denke es mir großartig, wenn wir den freundschaftlichen Verkehr,
den wir dort drüben in Europa begonnen haben, weiter pflegen würden.
Malen Sie sich das Bild aus. Wir sitzen Sonntag nachmittags da draußen
irgendwo in Ihrem entzückenden Landhaus bei einer Ananasbowle und
tauschen unsere Erinnerungen aus.“
Dodd malte sich das Bild aus und war einige Wochen später auf dem
besten Wege, es in die Wirklichkeit zu verwandeln.
Dann kam Landgerichtsrat Pätsch an und ging mit Jim Stockes zu den
Elevatoren.
Und so waren sie alle zufriedengestellt.
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Mein Vortragsbuch. Ernste und heitere Balladen
Buntes Blut. Neun exotische Humoresken. 5. Auflage
Das Schlesische Werk. 1. Band: Siebenzehn Schlesische Schwänke. 2.
Band: Schlesien, ein Buch Balladen. 3. Band: Zwischen Polen und
Böheimb, zwanzig Historien. 2. Auflage
Die Weiber von Löwenberg. Historisches Spektakulum in 5 Akten
Riffe der Liebe. Ein Blankeneser Roman. 2. Auflage
Top. Heitere Seegeschichten. 3. Auflage
Meerfahrt. Lustige Verse mit Bildern
Zurück zur Scholle. Roman. 2. Auflage
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Chinesen, 4 dramatische Spiele; Der Stürmer, Roman; Ueber den
Watten, Roman; Zwischen den Wäldern, Roman; An der Riviera, Leute
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geläutert hervorgeht.
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16. bis 20. Tausend
Der Roman schildert die Liebesidylle eines jungen Fliegeroffiziers, der
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