Peter Voß, der sich inzwischen von der Hauptpost seinen amerikanischen

Bürgerbrief abgeholt hatte, befand sich nicht auf dem japanischen

Dampfer, sondern auf der „Klondyke“, und zwar als Trimmer unter dem

Namen Ralph Smithson. Die Besatzungen der amerikanischen Dampfer

wiesen immer Lücken auf, da sich die weißen Leute gegen farbige

Arbeiter, vor allen Dingen gegen Japaner, ablehnend verhielten. Peter

Voß hatte das japanische Kostüm abgelegt und war wieder zu seinem

alten Maschinistenanzug zurückgekehrt. Da er nur ein echtes, aber

kein falsches Legitimationspapier hatte, mußte er darauf verzichten,

ordnungsmäßig anzumustern, und sich damit begnügen, sich ohne Heuer

hinüberarbeiten zu dürfen. Sein einziges Gepäck war sein japanisches

Kostüm, das er seinem Gastfreund abgekauft hatte.

Als er im Heizraum zum ersten Male die Mütze vom kahlen Schädel nahm

und das Hemd auszog, so daß seine quittengelbe Haut zum Vorschein kam,

erhoben seine weißen Genossen einen höllischen Skandal und fingen an zu

boxen.

„Mit einem japanischen Hund arbeiten wir nicht zusammen!“ brüllten sie

wie ein Mann.

„Da hast du was für den Hund!“ brüllte Peter Voß zurück und gab dem

ärgsten Schreihals eine echt amerikanische Maulschelle.

Da sahen sie sofort ihren Irrtum ein, und der nationale Friede im

Heizraum war wieder hergestellt.

Das Anbordkommen der Passagiere beobachtete Peter Voß durch das

Bullauge seiner unter der Back befindlichen Koje, die er mit einem

Arbeitskollegen teilte. Der Mann hatte jetzt Wache. Als Peter Voß Dodd

und Polly das Fallreep heraufkommen sah, legte er sich aufs Ohr, denn

er hatte Freiwache.

Gleich darauf ging der Dampfer in See.

Polly umgab dickste Finsternis. Sie wußte weder, wo Peter Voß war, noch

hatte sie eine Vorstellung davon, welche Tollheit er beabsichtigte.

Aber sie ängstigte sich nicht um ihn. Die gute Sache war auf seiner

Seite, wenn es auch den Anschein des Gegenteils hatte.

Peter Voß hatte übrigens weder die Gelegenheit noch die Zeit,

ihr einen nächtlichen Besuch abzustatten. Wenn er nicht in den

Bunkern herumkroch, mußte er an seinem Plane schmieden, der ihm

alle Entbehrungen des letzten Jahres hundertfach vergelten sollte.

Tausendmal drehte er ihn um und um, um gegen jeden störenden Zufall

gewappnet zu sein. Er stellte ganz genau fest, wie sich Dodd an Bord

der „Klondyke“ die Zeit vertrieb. Bis zum Dinner flirtete er mit

Polly, dann pokerte er im Rauchsalon und trank Whisky mit Soda. Vor

Mitternacht pflegte er selten seine Kabine aufzusuchen, während Polly

meistens gleich nach dem Dinner verschwand. Ihre Kabine lag auch nicht

neben der seinen. Sein Argwohn hatte sich bis Honolulu schlafen gelegt.

Am letzten Abend der Ueberfahrt war Peter Voß mit seinem Plan völlig

im reinen. Um acht Uhr kam er von Wache, und sein Kollege nahm seine

Stelle bei den Kohlen ein. Rasch schlüpfte er ins Kimono und schlich

sich, da das Dinner noch nicht zu Ende war, ungesehen durch den

Kajütsgang in Pollys Kabine. Daß er nicht in die falsche geraten war,

sah er an den Toilettengegenständen. Vor dem Steward sicherte er sich

durch den Riegel.

Polly erkannte er am Schritt und ließ sie ein. Sie sank ihm wortlos an

die Brust und hielt ihn fest. Erst gegen Mitternacht waren sie so weit,

daß er sie in seinen Plan einweihen konnte.

„Morgen abend kommen wir in Honolulu an!“ flüsterte er. „Der ‚King

Edward‘ wird spätestens übermorgen früh, jedenfalls aber noch in der

Nacht in See gehen. Er wartet schon auf uns. Denn wir haben 24 Stunden

Verspätung. Dodd wird sofort an Land stürzen, um mich zu verhaften. Es

wird sich aber herausstellen, daß ich mit dem japanischen Dampfer nicht

angekommen bin. Nun wird er sich auf die Passagiere der ‚Klondyke‘

werfen, vielleicht gar auf die Besatzung. Aber ich werde nicht mehr auf

diesem Schiffe sein.“

„Ja, willst du denn an Land gehen?“ fragte sie ganz ängstlich.

„Ich gehe mit dir auf den ‚King Edward‘!“ fuhr er lächelnd fort. „Das

ist nämlich der Kniff. An Bord der ‚Klondyke‘ bin ich der Trimmer Ralph

Smithson, an Bord des ‚King Edward‘ werde ich der Detektiv Bobby Dodd

sein.“

Polly starrte ihn entsetzt an.

„Nichts leichter als das!“ sagte er ruhig. „Dodd wird dir in Honolulu

nahelegen, an Land zu gehen. Er wird sein Gepäck ebenfalls dahin

dirigieren. Sobald er nun fort ist, wirst du Gegenorder geben und mit

seinem Gepäck an Bord des ‚King Edward‘ gehen. Du wirst zwei Kabinen

belegen und Dodds Gepäck in die eine bringen lassen. Sobald die Sache

so weit gediehen ist, werde ich auftauchen und als Bobby Dodd von

dieser Kabine Besitz ergreifen.“

„O!“ rief sie begeistert. „Und dann fährt der Dampfer ab, weil alle

Passagiere an Bord sind, und wir beide sind endlich allein.“

„Und Dodd?“ fragte er schmunzelnd. „Er riecht sofort den Braten,

signalisiert, kommt uns nach und hat mich schon beim Wickel. Oder wenn

er den Dampfer nicht mehr erreicht, telegraphiert er nach Valparaiso

und ich bin erst recht in der Falle. Nein, es gibt nur ein Mittel, er

muß unschädlich gemacht werden. Ich werde ihn an Bord des ‚King Edward‘

als Peter Voß verhaften.“

Polly rang nach Atem.

„Diese Verhaftung darf aber erst vor sich gehen, wenn der ‚King

Edward‘ auf hoher See ist. Dodd wird sicher erst im letzten Augenblick

ankommen, dann mußt du ihn sofort in Empfang nehmen und ihn in

deiner Kabine festhalten. Flirte mit ihm, mach ihm Hoffnungen,

verdrehe ihm den Kopf; sage, daß du entschlossen bist, dich von mir

scheiden zu lassen; jedenfalls halte ihn fest. Laß dir von ihm eine

neue Liebeserklärung machen. Setz meinethalben schon den Termin der

Verlobung fest, nur laß ihn nicht heraus. Traust du dir das zu?“

„O Peter!“ seufzte sie kraftlos. „Es ist furchtbar.“

„Wenn du es dir nicht zutraust,“ sprach er stirnrunzelnd, „dann muß

der Trimmer Ralph Smithson allein nach San Franzisko fahren, während

du das zweifelhafte Vergnügen hast, mit dem echten Bobby Dodd nach

Valparaiso zu gondeln.“

„Aber wie willst du ihn denn verhaften?“

„Ich verhafte ihn einfach als Millionendieb Peter Voß,“ versetzte er

kühl, „indem ich mich dem Kapitän gegenüber als Bobby Dodd legitimiere.

Er wird doch nicht alle Legitimationspapiere mit nach Honolulu

hinübernehmen. Und die er mitnimmt, erkläre ich für gefälscht.“

„Aber wenn er drüben den Kapitän des ‚King Edward‘ trifft,“ warf sie

ein, „oder irgendeinen Mann der Besatzung?“

„Macht nichts!“ wies er den Einwurf zurück. „Er hat sie eben hinters

Licht geführt, bis ich ihn entlarve.“

„Aber wenn nun ein Passagier an Bord des ‚King Edward‘ ist, der Bobby

Dodd persönlich kennt?“

„Den brandmarke ich als Komplicen!“ sprach er mit einer abfertigenden

Handbewegung. „All diese Einwürfe sind hinfällig vor der Schlagkraft

meines Beweises. Denn du, liebe Polly, wirst ihn nämlich als deinen

Mann identifizieren müssen. Ich erlaube dir sogar, daß du ihm vor

versammeltem Tribunal einen Kuß gibst, aber nur einen Theaterkuß. Das

mache ich mir aus!“

Kraftlos sank sie gegen die Lehne des Sofas, Peter Voß drückte sich

hinaus, nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Luft rein war. Fünf

Minuten später schleppte er schon als Ralph Smithson den ersten vollen

Kohlenkorb aus dem Bunker.

Die „Klondyke“ kam abends um acht Uhr in Honolulu an und hatte es fast

noch eiliger als der „King Edward“, der schon seit vierundzwanzig

Stunden auf sie wartete. Dodd fuhr sofort an Land, ohne sich weiter um

sein Gepäck zu kümmern. Die „Klondyke“ hatte noch die halbe Nacht zu

kohlen, ehe sie weitergehen konnte.

Polly nahm die Gelegenheit wahr, ließ ihr und Dodds Gepäck ausbooten

und begab sich auf der Dampfbarkasse des Schiffsagenten an Bord des

„King Edward“. Sie waren die einzigen beiden Passagiere, die von der

„Klondyke“ gemeldet waren. Sie wurde am Fallreep von dem Kapitän

Flintwell, einem alten Seebären, der nicht gerade bester Laune war, in

Empfang genommen.

„Wo ist der Mann, der zu der Lady gehört?“ brüllte er über Bord in die

Agenturbarkasse hinein.

„Ihr müßt warten!“ kam’s von unten herauf. „Es ist ein Detektiv, der

einen Millionendieb sucht.“

„Darauf kann ich nicht warten!“ schrie der Kapitän zurück. „In einer

halben Stunde gehe ich in See. Ganz gleich, ob er an Bord ist oder

nicht!“

„Warten Sie, Mr. Flintwell!“ sprach Polly und sah ihn bittend an.

Da knurrte er eine Entschuldigung und zog sich zurück. Polly belegte

zwei Kabinen und beaufsichtigte das Verteilen der Koffer. Dann ging sie

wieder an Deck, um Dodd sofort abzufangen, und stellte sich neben das

schlecht beleuchtete Fallreep, das von einem Matrosen bewacht wurde.

Ihr Herz pochte zum Zerspringen.

„Halloh!“ rief da einer von unten. „Noch eine Kiste von der ‚Klondyke‘.“

Das war Peter Voßens Stimme. Der Matrose beugte sich über die Reling,

tappende Schritte kamen herauf. Peter Voß trat gewichtig an Bord, eine

ziemlich große Kiste, die anscheinend sehr schwer war, auf dem Rücken.

Der Matrose wollte ihm helfen.

„Laß nur!“ winkte Peter Voß ab. „Hier ist schon die Lady, der die Kiste

gehört. Sie wird so freundlich sein, mir den Weg zu zeigen.“

Polly lief voraus und stieß Dodds Kabine auf. Aber Peter Voß warf die

Kiste, die merkwürdig hohl klang, weil sie leer war, in Pollys Kabine

ab. Dann schlüpfte er in Dodds Kabine.

„Geh an Deck und schick den Matrosen herunter, daß er mir hilft!“

flüsterte er. „Er wird mich nicht finden, da ich mich hier einschließen

werde. Wenn er wieder hinaufkommt, sag ihm, daß ich bereits das

Fallreep hinuntergegangen und fortgerudert sei.“

„Aber das Boot!“ fragte sie atemlos.

„Es hat ein Loch!“ versetzte er und ging Dodds Koffer mit einem krummen

Draht zu Leibe. „Es wird eben weggesackt sein, schätze ich.“

Sie eilte an Deck und benachrichtigte den Matrosen, der sofort bereit

war, sich ein Trinkgeld zu verdienen. Nach einigen Minuten kehrte er

unverrichteter Sache zurück.

„Der Mann ist eben das Fallreep hinuntergegangen!“ sprach Polly arglos

und drückte ihm einen Dollar in die Hand. „Er hat es doch wohl noch

allein bestritten.“

„Danke!“ sagte der Matrose und griff an die Mütze. „Die Kiste steht in

der Kabine.“

Dann schielte er über die Reling und sah, daß das Boot verschwunden war.

Nach einer halben Stunde riß Kapitän Flintwell an der Signalleine, der

„King Edward“ brüllte einigemal dumpf auf. Seine Kessel bliesen schon

Dampf ab. Um zehn Uhr lag er noch immer unbeweglich auf seinem Platze.

Die Passagiere zogen sich in ihre Kabinen zurück.

19.

Dodd hatte inzwischen mit Hilfe der Polizei festgestellt, daß der

Verbrecher nicht mit dem japanischen Dampfer gelandet war. Dieser

Dampfer hatte überhaupt keine Passagiere in Honolulu abgegeben. Der

Verdacht, auf eine falsche Spur gelockt worden zu sein, kam ihm nicht.

Außerdem wäre dieser Verdacht durchaus ungerechtfertigt gewesen, denn

er befand sich ja auf der rechten Spur. Der Verbrecher hatte also auf

einer andern Route den Weg nach Valparaiso eingeschlagen. Auf dem „King

Edward“ konnte er nicht sein, da er dann das Telegramm in Jokohama

sehr viel früher hätte aufgeben müssen. Denn dieser Dampfer war gegen

die „Klondyke“ ein langsames Schiff. Auch mußte man dann noch die

Ueberfahrt von Jokohama nach den Philippinen in Berechnung bringen.

Doch hier stutzte er plötzlich. Er hatte keinen Beweis dafür, daß die

Haushälterin das Telegramm umgehend zurückexpediert hatte. Es war also

doch möglich, daß der Verbrecher an Bord des „King Edward“ war. War das

der Fall, dann brauchte Dodd nichts zu überstürzen. Die Ueberfahrt nach

Valparaiso dauerte mindestens drei Wochen.

Er fuhr mit der Polizeibarkasse zuerst zur „Klondyke“ zurück, wo die

Trimmer und Heizer noch immer an den Kohlenpforten tätig waren, hörte

hier, daß Mrs. Voß schon an Bord des „King Edward“ gegangen war, und

trat zehn Minuten später über das Fallreep dieses Dampfers.

Polly erkannte ihn schon von weitem an seiner Stimme und schickte den

Matrosen zum Kapitän mit der Nachricht, daß Mr. Dodd angekommen sei.

Als Polly ihn begrüßte, rasselte die Ankerkette in die Höhe.

Sie hielt seine Hand fest und sprach mit zitternder Stimme. „Mr. Dodd,

kommen Sie mit in meine Kabine, ich muß allein mit Ihnen sprechen. Ich

bin mit meiner Kraft zu Ende. Helfen Sie mir, den Mann zu vergessen,

dem meine Liebe zu wenig galt.“

Dodd reichte ihr den Arm und führte sie sorgsam die Stufen hinunter.

„O Mrs. Voß!“ sprach er leise. „Sie machen mich überglücklich. Ich

werde den Schurken laufen lassen, so weit der Himmel blau ist. Sobald

wir in Valparaiso angekommen sind, werde ich Stockes & Yarker den

Auftrag zurückgeben.“

Dann klappte die Tür hinter ihnen zu, während sich die Tür der

Nebenkabine leise auftat.

Peter Voß erschien auf der Bildfläche als Bobby Dodd, eine kleine

Reisetasche in der Hand. Er ging zu Kapitän Flintwell auf die Brücke

und stellte sich vor.

„Bobby Dodd!“ sagte er mit einer leichten Verbeugung und setzte die

Tasche hin.

„Flintwell!“ knurrte der Kapitän. „Haben Sie ihn endlich erwischt?“

„Noch nicht!“ versetzte Peter Voß kaltblütig. „Aber ich werde ihn bald

haben. Er ist hier an Bord.“

„Damn!“ entfuhr es dem Kapitän. „Unter einem falschen Namen?“

„Ich glaube kaum,“ sagte Peter Voß, „sonst würde er doch nicht mit

seiner Frau zusammen in einer Kabine sitzen. Lassen Sie die festeste

Zelle im Hospital klar machen. Ich werde erst ein paar Flaschen Sekt

mit Ihnen trinken und dann zu seiner Verhaftung schreiten. Es ist jetzt

elf Uhr. Um ein Uhr, denke ich, wird es Zeit sein. Ich möchte kein

Aufsehen machen.“

„He!“ meinte der Kapitän kritisch und kraute sich hinterm Ohr. „Wäre es

nicht einfacher, wir kehrten noch einmal um?“

„Nein, nein!“ wehrte Peter Voß energisch ab. „Fahren Sie nur ruhig

weiter. Ich muß doch mit ihm nach Valparaiso. Dort nämlich hat er

irgendwo die Millionen versteckt.“

„Aha!“ rief der Kapitän erleichtert und klingelte dem Steward.

Als sie bei der zweiten Flasche waren, hatte der Kapitän den Detektiv

bereits ins Herz geschlossen.

„Aber wie ist denn dieser verfluchte Millionendieb hier an Bord

gekommen?“ fragte er erbost.

„Ich verfolge den Mann jetzt schon über ein ganzes Jahr!“ sprach Peter

Voß ernst. „Er ist der raffinierteste Verbrecher, der mir jemals unter

die Finger gekommen ist. Schon dreimal habe ich ihn gehabt, und immer

wieder ist er mir ausgekniffen, einmal sogar im Koffer.“

„So ein Satanskerl!“ fuhr der Kapitän auf. „Da ist er wohl gar im

Koffer an Bord gekommen?“

„Jedenfalls!“ bestätigte Peter Voß kopfnickend. „Ich vermute es so gut

wie sicher.“

„Aber zum Kreuzdonnerwetter!“ schrie der Kapitän und schlug auf den

Tisch. „Da muß doch der Kerl rein verrückt sein, daß er sich hier auf

das Schiff wagt, wo Sie doch an Bord sind.“

„Ich sagte Ihnen schon,“ klärte ihn Peter Voß auf, „daß wir es hier

mit einem äußerst raffinierten Menschen zu tun haben. Seine Frau ist

seine Komplicin und hält sich immer in seiner Nähe auf. Ich habe

seine Spur manchmal nur wiederfinden können, indem ich seine Frau

verfolgte. Sie ist übrigens keine unebene Person und hübsch obendrein.

Aber sie steht ganz unter seinem verderblichen Einfluß. Es soll mich

gar nicht wundern, wenn sie bei seiner Verhaftung schlankweg seine

Identität leugnet. Das hat sie übrigens schon einmal versucht. Es

ist ihr allerdings nicht geglückt. In Jokohama kam ich den beiden

auf die Spur. Sie wollten nach Valparaiso, um das Geld zu heben. Ich

fing ein chiffriertes Telegramm auf, aber ich versah mich im Dampfer.

Ich nahm den Japaner, der gestern hier angekommen ist, während das

Verbrecherpaar die „Klondyke“ benutzte. Das Raffinierteste dieses

Burschen ist nämlich, daß er sich für mich ausgibt. Er ist unter meinem

Namen auf die „Klondyke“ gegangen.“

Kapitän Flintwell sperrte den Mund auf.

„Jawohl!“ bestätigte Peter Voß todernst. „Es sind durchaus moderne

Verbrecher. Sie schrecken vor nichts zurück. Sie haben mir sogar

etliche wichtige Papiere gestohlen, aber Gott sei Dank nicht alle.“

„Aber das geht ja auf keine Kuhhaut!“ brüllte der Kapitän los.

„Man muß dafür schon eine Elefantenhaut nehmen!“ nickte Peter Voß und

öffnete die vierte Flasche.

„Und die Koffer, die hier an Bord gekommen sind?“

„Ich reise nur mit einer Handtasche!“ versetzte Peter Voß, holte sie

heran und griff hinein. „Am besten ist wohl, ich legitimiere mich

sofort. Denn wenn die Frau wirklich die Identität leugnet, dann bin ich

so gut wie machtlos. Ich habe zwar Photographien und Fingerabdrücke,

auch verschiedene Steckbriefe. Aber das sind alles unzuverlässige

Beweismittel.“

„Lassen Sie nur stecken!“ wehrte der Kapitän ab.

Polly saß unterdessen auf dem Sofa ihrer Kabine und flirtete mit Bobby

Dodd. Und wie sie flirtete! Die Zeit verging im Fluge. Er brannte schon

seit anderthalb Stunden lichterloh.

„O Mrs. Voß!“ schwärmte er sie an. „Sie lassen mich hoffen, alles

hoffen.“

„Machen Sie keinen Kniefall vor mir, Mr. Dodd!“ lächelte sie ihn

verlockend an. „Mein Mann hat auch damit angefangen. Hoffen dürfen Sie,

aber hoffen Sie nicht zu viel.“

„O, ich bin so bescheiden!“ sprach er und haschte nach ihrer Hand.

„Mr. Dodd!“ warnte sie ihn und legte die Hände in den Nacken, wobei

sie ihm einen schmachtenden Blick zuwarf. „Ueber den Punkt, wo die

Bescheidenheit anfängt unbescheiden zu werden, läßt sich streiten. Ich

habe Ihnen nur eine Plauderstunde gewährt. Das ist alles.“

„Das ist alles!“ wiederholte er mit anderer Betonung.

„Oder nichts!“ lachte sie.

In diesem Augenblick sprang die Tür auf. Draußen standen Peter Voß,

Kapitän Flintwell und zwei handfeste Matrosen.

„Peter Voß, Sie sind verhaftet!“ rief Peter Voß mit starker Stimme.

Polly schrie gellend auf und preßte die Hände gegen ihre Wangen.

Dodd prallte zurück. Dann packten sie sich beide am Kragen, um sich

gegenseitig zu verhaften. Dabei brüllten sie sich unausgesetzt an, daß

man kein Wort verstehen konnte, und zogen sich hin und her.

„Gib Ruhe, du verdammter Millionendieb!“ schrie Kapitän Flintwell und

packte Bobby Dodd vor der Brust.

Gleich darauf sah er sich in der Gewalt der Matrosen.

Es trat ein Augenblick völliger Ruhe ein.

„Hab ich dich endlich, du hundsgemeiner Lump!“ schnaubte Peter Voß.

„Jetzt sollst du mir nicht wieder entwischen. Fort mit ihm!“

„Betrug!“ röchelte Bobby Dodd. „Infamer Betrug. Er ist Peter Voß, ich

bin Bobby Dodd. Ich habe Papiere!“

„Gestohlen!“ schnauzte ihn der Kapitän an. „Ich bin über die ganze

Geschichte vollständig orientiert. Geben Sie sich keine Mühe. Sie sind

der Millionendieb Peter Voß, und das da ist Ihre Frau. Wie sind Sie

überhaupt hier an Bord gekommen?“

„Ich bin auf die schmachvollste Art und Weise hintergangen worden!“

stöhnte Bobby Dodd. „Dies ist Mrs. Voß. Ich bin gar nicht verheiratet.

Sie hat mich hier in die Kajüte gelockt. Sie ist mit im Komplott.“

„Mrs. Voß!“ wandte sich jetzt Peter Voß an seine Frau, die mit dem

Anschein völliger Gebrochenheit an der Wand lehnte und das Taschentuch

gegen die Augen preßte. „Wollen Sie endlich vor diesen Zeugen hier

gestehen, daß dies Ihr Mann ist. Es ist das letztemal, daß ich diese

Frage an Sie richte. Sollten Sie wieder vorziehen, diese Frage zu

verneinen, so müßte ich Sie mitverhaften.“

Sie rührte sich vorerst nicht. Das Geständnis fiel ihr gar zu schwer.

„Mrs. Voß!“ fuhr er sie heftiger an. „Ihr Schweigen ist schon ein

halbes Eingeständnis. Beeilen Sie sich, die andere Hälfte hinzuzufügen.

Bezeugen Sie die Identität dieses Verhafteten mit dem Millionendieb

Peter Voß?“

Bobby Dodd stand da, bleich, die Fäuste geballt, die Zähne

aufeinandergepreßt, die Haare wirr in die Stirn hängend und stierte

auf den Teppich. Hinter ihm standen die beiden Matrosen, die ihn an den

Armen festhielten.

Polly näherte sich ihm.

„Peter!“ seufzte sie und strich ihm die Haare aus der bleichen Stirn.

„Peter, sei gut. Gib die Millionen heraus, die du gestohlen hast.“

Bobby Dodd rührte sich nicht. Unendlich wohl tat ihm diese Hand und

zugleich weh. Er machte keine Bewegung, dieser Berührung auszuweichen.

Sogar Kapitän Flintwell konnte sich einer gewissen Rührung nicht

entziehen.

„Na also!“ sagte er und räusperte sich. „Da geben Sie doch endlich die

Millionen heraus, wenn Sie sie bei sich haben.“

„Sie müssen sofort umkehren!“ stöhnte Bobby Dodd. „Sofort umkehren,

Herr Kapitän, und nach Honolulu zurückfahren. Dort ist es mir ein

leichtes, die beiden Betrüger zu entlarven.“

„Fahren Sie ruhig weiter, Herr Kapitän!“ sagte Peter Voß. „Ich weiß

genau, daß die Millionen in Valparaiso versteckt sind. Ich werde die

Zeit der Ueberfahrt dazu benutzen, diesem Menschen das Geheimnis des

Verstecks zu entlocken.“

Bobby Dodd fügte sich ins Unvermeidliche. Wenn er nicht den Verbrecher

hatte, so hatte der Verbrecher ihn. Das war schließlich auch schon ein

Erfolg.

Peter Voß aber wandte sich an seine Frau.

„Mrs. Voß!“ sprach er freundlicher. „Ich danke Ihnen für die

Unterstützung. Das Gute hat gesiegt. Mein Streben wird sein, Sie für

immer von dem verderblichen Einfluß dieses Menschen zu befreien. Ich

hoffe sogar, daß Sie mir beistehen werden, die Verstocktheit dieses

Verbrechers zu brechen. Fort mit ihm!“

Dodd wurde abgeführt und in die mittelste Hospitalzelle gesetzt.

Das Fenster war mit einem dicken Gitter versehen. Auf Peter Voßens

Befehl wurden dem Gefangenen, der nicht den geringsten Widerstand

leistete, die Taschen geleert. Es kamen da zum Vorschein ein

scharfgeladener Revolver, ein Schlagring, verschiedene Schlüssel,

einige Legitimationspapiere und eine Handfessel.

„Gut ausgerüstet hast du dich,“ sprach Peter Voß und steckte alles ein,

„um den Detektiv zu spielen, das muß dir der Neid lassen!“

Uhr, Zigarren und Portefeuille ließ er ihm. Die Tür wurde durch zwei

Schlösser gesichert, deren Schlüssel Peter Voß in Verwahrung nahm. Eine

Klappe in der Tür diente der Verpflegung.

Peter Voß legte seinen amerikanischen Bürgerbrief zu den konfiszierten

Legitimationspapieren, begab sich zum Kapitän und ließ eine Flasche

Sekt kommen.

„Da sehen Sie, Mr. Flintwell,“ rief er und breitete die Schätze vor ihm

aus, „Peter Voß! Es stimmt!“

„Jawohl, es stimmt!“ sprach der Kapitän. „Sie sind ein unglaublich

tüchtiger Kerl. Prosit, Mr. Dodd.“

Die Passagiere erfuhren nichts. Der Kapitän hatte den beiden Matrosen

strengstes Stillschweigen auferlegt, und ein gutes Trinkgeld von Peter

Voß tat ein übriges.

In der folgenden Nacht fand Polly schon den Weg in die Nebenzelle.

„O, Peter!“ flüsterte sie, an seinem Halse hängend. „Was soll daraus

werden?“

Er verschloß ihr den Mund mit einem Kuß.

„Ich heiße Bobby Dodd, Mrs. Voß,“ sprach er ernst. „Sie werden sich

von jenem Verbrecher scheiden lassen. Ich werde ihn in Valparaiso den

chilenischen Behörden übergeben, und dann werde ich seine Auslieferung

beantragen, ohne mich dabei zu übereilen. Es wird alles von den

Kupferpapieren abhängen.“

„Wie bist du zu dem Boote gekommen?“ fragte sie neugierig.

„Es hing an einer Kohlenschute!“ flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich habe

meine Mütze ins Wasser geworfen, um das Boot benutzen zu können.“

„Und die Kiste?“ forschte sie weiter.

„Sie lag auf einer andern Schute!“ antwortete er und steckte sich eine

von Dodds Zigaretten an, die er Dodds silberner Zigarettendose entnahm.

„Ich habe sie weggenommen, ohne um Erlaubnis zu fragen.“

„Peter!“ flüsterte sie ängstlich. „Du bist ja ein Dieb!“

„Und ein Einbrecher!“ fügte er hinzu, wies auf die Koffer und holte

die dazu gehörigen Schlüssel, die er Dodd abgenommen hatte, aus seiner

Tasche. „Es gehört zum Beruf eines Detektivs. Ich bin sogar in die

Taschen des Verbrechers eingebrochen. Im übrigen mache ich Sie darauf

aufmerksam, Mrs. Voß, daß Sie mich nun schon zum zweiten Male mit Ihrem

Manne verwechselt haben. Beim dritten Male ziehe ich die Konsequenzen.“

Jeden Morgen ging Peter Voß aufs Achterdeck des „King Edward“, der mit

dreizehn Knoten Fahrt durch den Stillen Ozean auf Valparaiso zustrebte,

schaute durchs Türloch, um sich zu überzeugen, daß sein Häftling

noch vorhanden war, und fragte ihn, wo er die zwei Millionen Dollar

versteckt hätte.

Bobby Dodd würdigte ihn tagelang überhaupt keiner Antwort.

„He!“ rief Peter Voß dringender. „Du wirst schon mürbe werden, du

verdammter Millionendefraudant. Ich setze dich auf halbe Rationen, bis

dir der Magen knurrt, und du vor Hunger um Gnade winselst.“

Dann aber schickte er ihm die doppelte Portion und zwei Flaschen Sekt.

Kapitän Flintwell wunderte sich darüber.

„Trinken Sie doch lieber den Sekt allein!“ meinte er beinahe beleidigt.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 18 / 20 段