Aber mit der Wimper hatte er doch gezuckt. Deshalb glaubte der Arzt,

auf die Siegellackprobe verzichten zu dürfen. Er stellte Ohnmacht fest,

verordnete Ruhe, gab dem Lazarettgehilfen die nötigen Weisungen und

ging auf die Brücke, um den Vorfall dem Kapitän zu melden. Aber der

hatte den Kopf voll, denn der Dampfer sollte in wenigen Stunden wieder

in See gehen, daß er sich durch einen ohnmächtigen Heizer nicht von der

Weinflasche weglocken ließ, hinter der er mit dem Agenten saß.

„Lassen Sie den Mann ruhig liegen!“ befahl er kurz. „Er wird schon

wieder zu sich kommen.“

Also schlief Peter Voß zum ersten Male wieder seit langer Zeit in einem

ordentlichen sauberen deutschen Bett. Um Mitternacht erwachte er,

stellte fest, daß sich der Dampfer bereits auf hoher See befand, legte

sich beruhigt von Steuerbord nach Backbord und schlief weiter.

Am nächsten Morgen bei der Ronde erschien der Kapitän an seinem Bett.

Peter Voß gähnte und rieb sich die Augen. Er schaute den Kapitän

verwundert an.

„Wo bin ich denn?“ fragte er ganz verblüfft. „Ich glaube, ich bin

gestern in meiner Besoffenheit auf ein falsches Schiff geraten.“

„Der Kerl gehört ja gar nicht zu unserer Besatzung!“ rief der erste

Maschinist empört.

Peter Voß kam hoch und machte ein ganz unbeschreiblich dummes Gesicht,

als wäre er soeben erst vom Himmel heruntergefallen.

„Auf welchem Dampfer bist du gewesen?“ schrie ihn der Kapitän an und

schüttelte ihn kräftig.

„Auf der ‚City of Bristol‘!“ log Peter Voß bestürzt. „Meine Effekten,

meine Heuer! Ich muß nach Jokohama, sonst verlier ich sie. Lieber,

bester Herr Kapitän, nehmen Sie mich mit, setzen Sie mich nicht

unterwegs ab. Ich bin gänzlich mittellos. Ich will gern arbeiten. Ich

verlange nichts umsonst. Helfen Sie einem Landsmann.“

Und schon liefen ihm ein paar dicke Krokodilstränen über die

schmutzigen Wangen.

„Also besoffen warst du, du Schwein!“ schnauzte der Kapitän, schon

weniger wütend. „Marsch, in den Heizraum mit dir!“

Der erste Maschinist übergab ihn dem zweiten Maschinisten, der Peter

Voß vor das mittelste Kesselfeuer stellte, wo es am heißesten war.

He! dachte er, nahm den Twistlappen in die Hand und fuhr mit dem

Schürhaken in die höllische Glut. Mich kannst du nicht meinen! Ich

fürcht mich noch lange nicht!

Sie liefen noch etliche Zwischenhäfen an. Als er nach dem Namen gefragt

wurde, gab er an, Franz Lehmann zu heißen. Es gefiel ihm sehr gut

zwischen seinen neuen Kollegen. Das Trimmen besorgten chinesische

Kulis. Er fühlte sich als doppelter Millionendieb zwischen den

Feuertüren dieses Ozeandampfers vollständig sicher.

Der zweite Maschinist bezeigte ihm des öftern seine vollste

Zufriedenheit und schenkte ihm sogar einen alten, abgelegten Anzug.

„Es ist hier viel schöner als auf der ‚City of Bristol‘!“ sagte er

eines Tages zu ihm. „Ich hätte schon Lust, hier an Bord zu bleiben.“

„Wir wollen mal sehen, was sich machen läßt!“ meinte der Maschinist

gutmütig und ging, die Manometer und die Wasserstandsgläser zu

kontrollieren.

18.

Als Peter Voß in Jokohama ankam, pumpte er seine Kollegen im Heizraum

um ein paar Jen an und ging in dem abgelegten Anzug des zweiten

Maschinisten auf die Suche nach der „City of Bristol“ in der festen

Hoffnung, daß sie noch nicht angekommen oder schon wieder abgefahren

sei. Das letztere wäre ihm natürlich viel lieber gewesen.

Aber sie war leider da. Sie hatte sogar, um nur recht aufzufallen, über

die Toppen geflaggt.

Schade! dachte er, warf dem Lloyddampfer einen Abschiedsblick zu und

ging in eine Hafenschenke, um sich in aller Ruhe zu überlegen, wie er

sich weiter durch die Welt schlagen könnte, ohne Dodd in die Hände zu

laufen. Zunächst mußte er sich über den Kursstand der amerikanischen

Kupferpapiere orientieren. Zu dem Zweck blätterte er in der englischen

Tokio-Times, suchte aber darin vergeblich die Kupferkurse, für die

sich die japanische Oeffentlichkeit offenbar nicht mehr interessierte,

weil sie gar zu tief standen. Dagegen fand er etwas anderes, was für

ihn noch interessanter war, nämlich seinen Steckbrief. Die genaue

Beschreibung seiner Physiognomie und seiner früheren Kleidung ließ

nichts zu wünschen übrig. Als Unterschrift trug der Steckbrief: Bobby

Dodd, Tokio, Tokio-Hotel.

Hm! dachte Peter Voß, der sich in dem abgelegten Maschinistenanzug, dem

die Uniformknöpfe fehlten, durchaus sicher fühlte. Ich muß doch mal

sehen, ob Polly noch bei ihm ist!

Mit der Eisenbahn fuhr er die kurze Strecke nach Tokio hinauf und

hatte bald das Hotel gefunden. Von dem gegenüberliegenden Teehause aus

hielt er das Portal des Hotels unter scharfer Beobachtung. Als Deckung

diente ihm eine große amerikanische Zeitung, in deren Kurszettel er

sich vertiefte. Da aber diese Nummer schon vor drei Wochen gedruckt

worden war, konnte sie ihm über die Kupferpapiere, die tatsächlich in

den letzten Tagen leise angezogen hatten, noch nichts Erfreuliches

mitteilen.

Da sauste eine Jinrikscha, eine von einem Kurumaya, dem Wagenmann,

gezogene zweirädrige Karre, die in Tokio die Stelle der Droschke

vertritt, die Straße herauf und hielt vor dem Hotel. Ein Mann stieg

aus, der Peter Voß sehr bekannt vorkam.

Es war kein anderer als Bobby Dodd, sein Verfolger. Er schien sehr

große Eile zu haben, denn er vergaß sogar, dem lahmen Bettler, der

neben dem Hotelportal hockte, ein Almosen zu geben, obschon ihm dieser

arme Mann sein löffelförmiges Sammelbrett dicht unter die Nase hielt.

Mit langen Schritten schoß Dodd ins Hotel.

Peter Voß war nicht überrascht und handhabte die schützende Zeitung mit

gesteigerter Vorsicht. Gleich darauf sah er Polly, wie sie ein Fenster

im zweiten Stock aufstieß und neugierig auf das bunte Straßengewühl

herunterschaute. Peter Voßens Herz tat einen Freudensprung. Zum

Anbeißen schön war sie. Sie lächelte sogar und schien gänzlich

unbekümmert zu sein, als sei ihr Mann soeben Mitinhaber der Firma

Stockes & Yarker geworden.

Tausend Möglichkeiten schossen durch sein Hirn, wie er sich ihr

gefahrlos nähern könnte, aber alle verwarf er, getreulich seinem

Grundsatz, lieber tausend Prozent Vorsicht zu viel als ein Prozent zu

wenig aufzuwenden.

Neben dem Hotel standen einige Jinrikschamänner mit ihren leichten

Gefährten. Wenn er mit einem die Rollen tauschte, dann würde er,

wenn Polly erschien, sich herandrängen, um mit ihr im rasenden Tempo

davonzufahren, bis die Gegend einsam genug war, daß er ihr um den Hals

fallen konnte. Da aber in diesem Moment ein mindestens drei Zentner

schwerer holländischer Pflanzer aus dem Hotel trat und schnaufend auf

eines der Wägelchen kroch, sah Peter Voß auch von diesem Plane ab.

Es war ihm überdies schon was Besseres eingefallen. Der alte, lahme,

kahlköpfige Bettler schien ihm für einen Rollentausch geeigneter

zu sein. Fast jeder Hotelgast, der aus dem Portal trat, legte dem

Unglücklichen etwas auf das breite Sammelbrett. Der Mann brauchte gar

nicht den Mund aufzutun. Peter Voß beobachtete ihn längere Zeit sehr

genau und prägte sich seine Gesten und seine bejammernswerte Miene ganz

genau ein. Er sah auch wirklich rein zum Erbarmen aus. Ueber dem linken

Auge klebte ihm ein schwarzes Pflaster, und die Finger seiner Hände

waren von irgendeiner schrecklichen Krankheit nach den verschiedensten

Richtungen krumm gezogen.

Der Kerl hat eine gute Einnahme! dachte Peter Voß und überzählte in

Gedanken seine wenigen Jenstücke. Was er wohl dafür verlangt, um mich

ein paar Stunden an seinen Platz zu lassen? Ich könnte ihm ja auch die

Hälfte der Einnahme geben!

Und er wartete. Als die Hitze am heftigsten stach und das Leben auf

der Straße und vor dem Hotel einschlief, setzte sich der lahme Bettler

auf allen Vieren in Bewegung. Dicht bei Peter Voß kam er vorbei. Seine

Hände stützte er auf zwei Griffbrettchen, das Sammelholz hielt er

zwischen den Zähnen. Peter Voß nahm sofort seine Verfolgung auf. An

der dritten Straßenecke aber gab es für ihn eine große Ueberraschung.

Der Bettler sprang urplötzlich auf seine zwei gesunden Beine, steckte

die Handstützen und die Sammellöffel ein, riß das Pflaster von seinem

linken Auge und trabte mit einer bewundernswerten Schnelligkeit davon.

Na warte, du Kujon! dachte Peter Voß und sauste hinter ihm drein. Jetzt

hab ich dich!

Und er erwischte ihn glücklich, als der so wunderbar schnell geheilte

Krüppel in einem niedlichen Häuschen verschwinden wollte. Der harmlose

Betrüger erschrak furchtbar, als er sich ertappt sah. Er konnte genug

Englisch, um die Drohungen seines Entlarvers zu verstehen, und zitterte

vor Angst. Als Peter Voß ihn erst so weit hatte, zog er sanftere

Saiten auf und machte ihm begreiflich, daß er ihn auf ein paar Stunden

vertreten müsse, um eine Wette zu gewinnen.

„Tausend Dollar!“ rief Peter Voß und hantierte mit allen zehn

Fingern durch die Luft, um dem Bettler diese schwindelerregende Zahl

begreiflich zu machen. „Die Hälfte sollst du haben!“

Das wirkte. Der falsche Krüppel zog Peter Voß in sein Häuschen und

entwickelte eine fabelhafte Schnelligkeit und Geschicklichkeit, aus

dem Fremden sich selbst zu machen. Er schor ihn kahl, schmierte ihn mit

einer braunen Salbe ein, klebte ihm das linke Auge zu und behängte ihn

mit seinen Lumpen.

„Starker Tobak!“ sagte Peter Voß, als er sich in einem Spiegelscherben

betrachtete. „Ich sehe nicht gerade zum Verlieben aus. Wenn sie nur

nicht in Ohnmacht fällt.“

Dann ließ er sich von dem Mann einen Bleistift geben und schrieb auf

die eine Seite des Bettelbretts: „Liebe Polly: Erschrick nicht zu sehr.

Ich bin Dein Mann Peter Voß.“

Das Mann unterstrich er dreimal. Den Bleistift steckte er ein. Dann

ließ er sich von dem Bettler an die Straßenecke bringen, wo unbedingt

mit dem Kriechen begonnen werden mußte. Er krümmte seine Finger zu

abenteuerlichen Gebilden, packte damit die Handstützen, nahm den

Gabenlöffel, mit der Schrift nach unten, zwischen die Zähne und kroch

mit einer Gewandtheit und Sicherheit durch das inzwischen wieder

erwachte Straßengewühl, als wenn er sich seit seinem ersten Lebensjahr

nicht anders als auf allen Vieren fortbewegt hätte.

Etwas mühsam! dachte er und spuckte einem Kurumaya, der ihm zu nahe

gekommen war, auf die staubigen Füße.

Endlich hockte er auf dem blankgescheuerten Parkettplatz vor dem

Tokio-Hotel. Seine Miene war so wirkungsvoll und seine Maske war so

echt, daß sich auch der dickfellige Holländer, der eben von seiner

Ausfahrt zurückkam, nicht des Mitleids erwehren konnte.

Peter Voß hielt jedem das Sammelbrett hin, mit der Schrift nach unten.

Er hatte schon ein erkleckliches Sümmchen beisammen, als Bobby Dodd und

Polly heraustraten. Dodd begann sofort mit zwei Jinrikschamännern zu

verhandeln, während Peter Voß die Gelegenheit wahrnahm und Polly die

Schrift vor die Augen hielt.

Sie las und erschrak nicht. Im ehelichen Verkehr mit einem

steckbrieflich verfolgten Millionendieb durfte man keine übermäßig

erregbaren Nerven haben. Sie fiel also weder in Ohnmacht, noch erschrak

sie. Peter Voß drehte befriedigt den Löffel wieder um.

„Oh!“ rief Polly und legte einen blanken Dollar auf die unbeschriebene

Löffelseite. „Du armer Mann! Wie du leidest. Kommen Sie, Mr. Dodd, und

schenken Sie ihm auch einen Dollar.“

Dodd gehorchte, und Peter Voß steckte dabei die allerjämmerlichste

Miene auf, die jemals ein lahmer Bettler auf dieser Erde zur Schau

getragen hatte.

„Ekelhaft!“ entfuhr es Dodd unwillkürlich, als er sich mit einer

Bewegung des Abscheus von ihm wandte.

Polly stieg ein. Dodd nahm den zweiten Wagen.

„Nach dem Museumspark!“ hörte Peter Voß ihn noch rufen, dann stürmten

die beiden Jinrikschamänner davon.

Peter Voß begab sich sofort wieder auf die Wanderschaft, kroch in

irgend einen dunkeln Winkel der Nebenstraße, schliff an einem rauhen

Stein die Schrift, die ihre Schuldigkeit getan hatte, ab und ersetzte

sie durch ein neue: „Fahre ohne Dodd aus, ich folge.“

Dann kehrte er auf seinen alten Platz zurück und machte vortreffliche

Geschäfte, denn die Gäste kehrten jetzt zum Dinner zurück. Auch Polly

und Dodd erschienen wieder, ohne daß Peter Voß Gelegenheit gehabt

hätte, ihr die verbesserte Löffelrückseite vor Augen zu führen. Sie

nahm überhaupt keine Notiz von ihm.

Während des Dinners aber erschien sie auf einen Augenblick vor dem

Portal und ließ achtlos eine kleine Papierkugel fallen, die wie von

ungefähr dem Bettler vor die Füße rollte. Als Peter Voß die Papierkugel

erst in den Fingern hatte, begann er seine Kriecherei von neuem, gab

sie aber schon hinter der ersten Straßenecke auf, weil er auf zwei

Beinen mindestens die zehnfache Knotenzahl zurücklegen konnte.

So fiel er denn dem falschen Krüppel, den er vertreten und der vor

seinem Häuschen schon voller Sorgen nach ihm ausgeschaut hatte, fast in

die Arme.

„Gewonnen!“ schrie er, riß sich die Lumpen vom Leibe, wobei die

gesammelten Geldstücke auf den Fußboden fielen, und schwang den Zettel,

der die hastig hingekritzelten Worte enthielt: „Morgen früh fährt Dodd

nach Jokohama. Ich hoffe dich im Museumspark zu treffen. Tausend und

abertausend süße Küsse von deiner Polly.“

„Und ob du mich treffen wirst!“ lachte Peter Voß vergnügt und wollte

wieder in seinen alten Anzug hineinkriechen.

Allein der kahle Kopf und die gelbe Hautfarbe wollten durchaus nicht

dazu passen. Unterdessen hatte der gesunde Krüppel die Geldstücke

zusammengelesen und war so überrascht von der Höhe des Gewinnstes,

daß er Peter Voß allen Ernstes vorschlug, bei ihm zu bleiben, um das

Geschäft gemeinsam zu betreiben. Wie es sich nun herausstellte, besaß

der Mann nicht nur das Häuschen zu eigen, sondern verfügte außer seinen

Lumpen über die Garderobe eines reichen Japaners, die er aber nur

des Abends benutzte, wo er sich von seiner täglichen Kriecherei zu

erholen pflegte. Er bot Peter Voß einen seidenen Kimono an, der sich

schon sehen lassen konnte. Alles, was zur Ausstattung eines japanischen

Gigerls gehörte, von den Sandalen bis zum Sonnenschirm, war vorhanden.

Peter Voß ging scheinbar auf das Anerbieten ein und blieb bei dem

Bettelkomödianten über Nacht. Am nächsten Morgen drang er von neuem in

ihn, sein Kompagnon zu werden, da ihn keiner so gut vertreten könne als

er.

Peter Voß versprach ihm, sich die Sache zu überlegen, und verließ das

Häuschen als wohlgekleideter Japaner. Eine Jinrikscha brachte ihn zum

Museumspark im Norden Tokios. Hier spazierte er im japanischen Kostüm

mit der Grandezza eines Altkastiliers und der unerschütterlichen Würde

eines nordamerikanischen Multimilliardärssohnes auf den zierlichen

gewundenen Pfaden einher, bis Polly auftauchte. Sie erkannte ihn nicht,

aber er ließ sie nicht lange im ungewissen, folgte ihr bis an eine

Stelle, wo die Büsche dicht genug waren, und vertrat ihr den Weg.

„Peter!“ jauchzte sie und hing schon an seinem Halse.

Die Begrüßung dauerte bedeutend länger, als es sich für einen von

dem berühmten Bobby Dodd verfolgten doppelten Dollarmillionendieb

schickte. Er kam zuerst zur Besinnung und zog sie tiefer in die Büsche

hinein, wo er schon vorher eine verschwiegene Bank entdeckt und sich

den Platz genau gemerkt hatte.

„Peter!“ flüsterte sie. „Ich verzehre mich vor Sehnsucht nach dir. Ich

halte es einfach nicht länger aus.“

Er antwortete ihr nur mit Küssen.

„Höre, Peter!“ rief sie und drängte ihn von sich. „Ich habe etwas

gefunden, etwas sehr Wichtiges. Rate wo? In Dodds Koffer. Er hatte

heute morgen vergessen, ihn zu verschließen. Ich habe in seinen

Papieren herumgestöbert. Gewiß, es ist schändlich, aber ich habe es

getan. Ich hatte es mir schon lange vorgenommen.“

Damit zog sie aus ihrer Handtasche ein in acht Teile zerrissenes und

wieder zusammengeklebtes Telegramm, auf dem zwei Reihen Zahlen standen.

Es stammte aus Strienau und bewies durch sein Vorhandensein, daß Dodd

trotz des unverschlossenen Koffers ein sehr ordnungsliebender Mann war.

Peter Voß schüttelte den Kopf.

„Das ist dein Telegramm aus Berlin!“ klärte ihn Polly auf. „Ich habe

selbst gesehen, wie Onkel es zerrissen und in den Papierkorb geworfen

hat.“

„Aber wie kommt es in Dodds Hände?“ fragte er ratlos.

„Durch die Haushälterin!“ flüsterte sie und sah sich ängstlich um.

„Onkel hat sie auch im Verdacht gehabt.“

„Was du sagst!“ rief er. „Also die unverehelichte Martha Zippel. Das

sieht der ganz ähnlich. Aber das ist ja großartig. Da haben wir ja

ein unfehlbares Mittel, ihn auf den Holzweg zu schicken und unsere

unterbrochenen Flitterwochen ungestört fortsetzen zu können. Und dazu

noch in Japan!“

„Ja!“ flüsterte sie etwas verschämt. „Ich habe es mir schon ganz

genau ausgedacht, wie wir es machen müssen. Ich habe eine Zeitung

mitgebracht, darin mußt du einen Dampfer suchen, der nach San Franzisko

fährt. Aber ein recht langsamer muß es sein, daß Dodd ihn mit dem

nächsten Schiff überholen kann. Einen Tag, bevor er abfährt, schicken

wir ein Telegramm nach Strienau, worin du Onkel um Geld bittest.

Er soll es an irgend eine Agentur in San Franzisko schicken. Die

Haushälterin wird das Telegramm finden und es Dodd sofort übermitteln.

Er wird mit dem nächsten Dampfer, auf dem er dich vermutet, nach San

Franzisko fahren. Und wir beide bleiben hier!“

„Wir?“ lächelte Peter Voß kopfschüttelnd. „Ich wohl, aber du

nicht. Meinst du, daß Dodd nicht sofort etwas merkt, wenn du hier

zurückbleiben willst? Unterschätze den Mann nicht, wenn auch sein Ruhm

zum größten Teil auf dem Zeitungspapier steht. Und das ist bekanntlich

sehr geduldig.“

„Ich habe es mir so schön ausgedacht!“ schmollte sie und ließ die

Unterlippe hängen. „Wir können es ja einmal versuchen. Vielleicht fährt

er doch allein und läßt mich hier!“

„Nein!“ entschied er, und seine Stirn furchte sich vom anhaltenden

Nachdenken. „Dazu ist dein Plan viel zu fein, daß wir ihn so

leichtsinnig aufs Spiel setzen dürften. Ich werde ihn zum großen Teil

benutzen und einen viel besseren daraus schmieden. Wir werden alle drei

hinüberfahren, aber nicht nach Nordamerika, sondern nach Südamerika,

und zwar auf ein und demselben Schiff.“

Polly fuhr erschreckt zusammen.

„Auf ein und demselben Dampfer!“ wiederholte er mit ernster

Entschiedenheit. „Ich in der Maschine, und du mit Dodd in der Kabine.“

„Um Gottes willen!“ stieß sie erschreckt heraus. „Wenn er das merkt?“

„Das laß nur meine Sorge sein!“ tröstete er sie und gab ihr das

Telegramm zurück. „Leg es wieder in den Koffer, genau an dieselbe

Stelle, wo du es weggenommen hast. Und dann gib mir Geld. Wieviel hast

du?“

„Fünfzigtausend Rubel!“ erwiderte sie und holte ein kleines Paket aus

der Tasche. „Von Stockes.“

Und nun tauschten sie ihre russischen Erlebnisse aus. Peter Voß nahm

nur eine Tausendrubelnote, schon um Dodd keinen Grund zum Argwohn zu

geben. Dann wurde der Schlachtplan entworfen.

„Es ist wahrscheinlich, daß die Zippel Dodds Adresse weiß!“ meinte

er zum Schluß. „Um aber ganz sicher zu gehen, werde ich ein zweites

Telegramm nach Strienau in deinem Namen schicken, und zwar sofort.

Darin werde ich dem Onkel die nötigen Aufklärungen geben, daß es auch

klappt. Ich werde darin die Haushälterin von Dodd grüßen lassen.

Das zweite Telegramm kommt dann von mir, wenn ich die passende

Schiffsgelegenheit ausgeknobelt habe. Das ist nämlich das schwierigste.

Es ist auch möglich, daß wir nach Australien müssen. Die Sache muß

ganz scharf auskalkuliert werden, daß sie im richtigen Augenblick

einschnappt wie ein gut geöltes Sicherheitsschloß.“

„Peter, Peter!“ seufzte sie matt und umschlang ihn. „Was hast du vor?“

„Das weiß ich noch nicht ganz genau!“ lachte er und küßte sie zum

Abschied. „Es kommt alles auf die Schiffsverbindungen an. Aber wenn

es sich irgendwie arrangieren läßt, dann wird es eine ganz tolle

Geschichte. Denn je toller eine Sache, um so eher gelingt sie. Denk an

den Hauptmann von Köpenick.“

Er begleitete sie bis auf die Straße, wo der Jinrikschamann, mit dem

sie hergekommen war, noch wartete, und verabschiedete sich von ihr wie

von einer fremden Dame, die er auf den rechten Weg gebracht hatte.

Dann nahm er die neueste Nummer der Tokio-Times, die sie ihm

mitgebracht hatte, und studierte die Schiffahrtspläne. Dank seiner

Fixigkeit und seiner seemännischen Sachkenntnis hatte er bald eine

brauchbare Kombination gefunden. In drei Tagen lief von Jokohama der

nordamerikanische Dampfer „Klondyke“ über die Hawaiinseln nach San

Franzisko und hatte in Honolulu Anschluß an den englischen Dampfer

„King Edward“, der von den Philippinen kam und nach Valparaiso ging.

Vierundzwanzig Stunden vor der „Klondyke“ ging ein Dampfer der

japanischen Konkurrenzreederei von Jokohama über Honolulu nach San

Franzisko. Die Hafenverhältnisse in Honolulu kannte Peter Voß genau,

er war als Matrose schon zweimal dort gewesen. Auch den alten „King

Edward“ hatte er schon dort getroffen.

Am nächsten Abend liefen in Strienau beim Landgerichtsrat a. D. Pätsch

kurz hintereinander zwei Telegramme ein, das eine aus Tokio, das andere

aus Jokohama. Die Haushälterin geriet sofort in eine begreifliche

Aufregung. Der Landgerichtsrat, der auf seine Erholungsreise verzichtet

hatte, um immer auf dem Posten zu sein, öffnete das erste. Es stammte

von Peter Voß und lautete nach der Dechiffrierung also: „Herzliche

Grüße aus Tokio, wo Polly und Dodd im Tokio-Hotel. Zippel steckt

mit Dodd unter einer Decke. Also Vorsicht. Grüße sie von Dodd und

sage ihr seine Adresse. Dieses Telegramm verbrennen. Das andere auf

dem Schreibtisch liegen lassen. Daß du das Geld schickst, ist nicht

unbedingt nötig.“

Der Landgerichtsrat öffnete das zweite Telegramm, das folgende

unchiffrierte Mitteilung enthielt: „Muß noch heute über Honolulu nach

Valparaiso. Schicke sofort sechstausend Mark dorthin an Kosmos-Agentur

unter Franz Müller.“

Der Onkel überlegte ein wenig. Als erfahrener Jurist hatte er den

springenden Punkt bald erfaßt. Die Hauptsache war nicht das Geld,

sondern die Uebermittlung des zweiten Telegramms an Dodd. Der Mann

sollte irregeführt werden. Dazu brauchte es nicht der Mitwirkung

der unverehelichten Zippel. Es war jedenfalls unsicher, ihr die

Zurückbeförderung des Telegramms anzuvertrauen. Schon die hohen

Telegrammgebühren konnten sie kopfscheu machen.

Darum verzichtete der Landgerichtsrat darauf, ihr den fingierten Gruß

zu übermitteln, steckte beide Telegramme ein und ging zu seinem

Bankier, um sechstausend Mark für Franz Müller nach Valparaiso

übermitteln zu lassen. Dann begab er sich auf die Post, wo er, um

unliebsames Aufsehen der Beamten zu vermeiden, das zweite Telegramm

nach dem alten Schlüssel chiffrierte und an Bobby Dodd sandte. Auf dem

Heimweg zerriß er die beiden Telegramme in kleine Stücke und warf sie

in den Stadtgraben. Die Haushälterin hatte diesmal das Nachsehen.

Das gut geölte Sicherheitsschloß war fertig zum Einschnappen.

Dodd entzifferte das Telegramm mit leichter Mühe und stürzte sich mit

Vehemenz auf die Schiffslisten. Daß sich Peter Voß die sechstausend

Mark nach Valparaiso und nicht nach Honolulu erbeten hatte, war Dodd

durchaus verständlich. Honolulu war Boden der Union.

Der japanische Dampfer, mit dem Peter Voß dem Telegramm zufolge

abgefahren sein mußte, war schon zwölf Stunden in See. Dodd belegte für

sich und Polly zwei Kabinenplätze auf der „Klondyke“ und kabelte das

Signalement des Millionendiebes nach Honolulu.

„Ich habe seine Spur wiedergefunden!“ sprach er zu Polly. „Hoffentlich

erwische ich ihn schon in Honolulu. Sonst müssen wir nach Valparaiso.

Auf jeden Fall will ich zwei Plätze auf dem „King Edward“ reservieren

lassen. Es wäre ja möglich, daß er eine andere Route eingeschlagen hat.

Dann erwarten wir ihn in Valparaiso.“

Polly war alles recht. Sie fühlte instinktiv, daß sie diesmal nur eine

stumme Rolle hatte, aber sie spielte sie meisterhaft.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 17 / 20 段