ehrlicher Makler vorkam, verlor allmählich seine Geduld und unterhielt
sich inzwischen damit, seinen Iwan Basarow zu beobachten, der eben den
Misthaufen zum 463. Male über den Hof karrte.
Da trat Dodd zum Direktor herein und zahlte ohne lange Einleitungen die
erste Rate von 50 000 Rubel auf den Tisch.
„Danke!“ sagte der Direktor und steckte das Geld sorgfältig in die
Brusttasche. „Sie dürfen jetzt zu ihm hinuntergehen.“
„O, das hat keine Eile!“ versetzte Dodd, nachdem er sich durch einen
Blick aus dem Fenster überzeugt hatte, daß Peter Voß die Grenze
des Irrsinns noch vor sich hatte. „Es ist mir sogar lieber, dieser
Millionendieb kommt etwas aus dem Gleichgewicht. Ich warte gern die
Wirkung Ihrer Methode ab. Es ist mir sogar sehr erwünscht, wenn der
Mann in die Zwangsjacke gesteckt wird. Wann werden Sie ihn so weit
haben? Ich muß das ungefähr wissen, da ich ihn auf einem Wagen abholen
werde. Ich bringe ihn dann nach Dui hinunter und sofort auf den ersten
Dampfer, der nach Japan geht. Sie haben nur dafür zu sorgen, daß die
Flucht nicht vor dem dritten Tage entdeckt wird.“
„Und die zweite Rate?“ fragte der Direktor begierig.
„Die zweiten 50 000 Rubel erhalten Sie am dritten Tage nach der
Auslieferung!“ versetzte Dodd ruhig. „Sie verstehen, wenn ich mir den
Rücken decke. Die Dame, die mich begleitet, wird sie Ihnen auszahlen.
Sie wird erst mit dem nächsten Dampfer abreisen.“
Aber er gedachte sich den Rücken noch weiter zu decken, indem er mit
Peter Voß nicht nach Dui hinunter, sondern schnurstracks über die
japanische Grenze kutschieren wollte. In Japan durfte er hoffen, als
amerikanischer Detektiv, nicht aber als Nihilist anerkannt zu werden.
Der Direktor zeigte sich mit allem einverstanden und erbot sich
endlich, den vermeintlichen Millionendieb heraufrufen zu lassen.
„O!“ rief Dodd und sprang auf. „Sie wollen die Methode unterbrechen?
Das wäre sehr schade. Ich müßte dann noch länger warten. Erlauben Sie,
daß ich mich zu ihm hinunterbegebe, um festzustellen, wie weit er schon
ist.“
Bald darauf trat Dodd zu Peter Voß, der bei jedem Spatenstich einen
Fluch ausstieß.
„Das ist ja rein zum Verrücktwerden!“ stöhnte er auf englisch, als er
Dodd bemerkte, und schob mit hochgetürmter Karre ab.
„Peter Voß!“ rief Dodd und stellte sich ihm in den Weg. „Wo haben Sie
die Millionen versteckt?“
„Millionen?“ erwiderte Peter Voß auf englisch und setzte sich gemütlich
auf die Karre. „Ich vermute sie in diesem Misthaufen, deshalb wühle
ich ihn um und um. Und ich finde sie sicher, wenn ich nicht vorher
verrückt werde.“
„Das ist auch der Zweck dieser Arbeit!“ klärte ihn Dodd auf. „Der
Direktor hat diese Methode ersonnen, um unbequeme und gefährliche
Sträflinge dem Narrenhaus überliefern zu können.“
„So ein Satansbraten!“ versetzte Peter Voß, ohne seine Miene zu
verändern, denn er sah, daß der Direktor oben am Fenster stand und die
Szene beobachtete. „Ich habe es längst geahnt. Jedenfalls bin ich Ihnen
sehr dankbar dafür, daß Sie mich auf diese Gefahr aufmerksam machen.“
„Es gibt ein sehr einfaches Mittel!“ bemerkte Dodd freundlicher, „um
diese Dankbarkeit zu beweisen.“
„Ich weiß es,“ sprach Peter Voß. „Aber ich weiß wirklich und beim
besten Willen nicht, wo die Millionen sind. Es ist ein Jammer, daß Sie
es mir nicht glauben. Und wenn die ganze Erde ein einziger Misthaufen
wäre, Mr. Dodd, ich würde sie Ihnen zuliebe von vorn bis hinten
durchwühlen, nur um die vertrackten zwei Millionen zu finden.“
„Machen Sie keine Flausen!“ rief Dodd ärgerlich. „Die Sache ist für Sie
außerordentlich ernst.“
„Gewiß!“ bestätigte Peter Voß mit Grabesstimme. „Ich habe so ein ganz
deutliches Gefühl, als wenn ich noch im Laufe dieses Tages verrückt
werden müßte. Nur weiß ich noch nicht, ob ich mir an jener oder an
dieser Mauer den Schädel einrennen werde. Oder meinen Sie, daß ich im
Irrenhaus auch Mist karren muß? Dann bleibe ich lieber vernünftig. Man
sieht hier wenigstens das Meer, und wenn man auch nur einen kleinen
Zipfel davon sieht.“
„Sie sind ein Narr!“ sprach Dodd und wandte sich, mit Rücksicht auf den
Direktor am Fenster, unter einer ärgerlichen Bewegung ab.
Heimlich aber freute er sich, daß sein Plan gedieh. Wenn alles glückte,
so steckte Peter Voß heute abend in der Zwangsjacke.
„Der Mann ist schon halb verrückt!“ sprach Dodd, als er wieder zum
Direktor trat, mit zufriedener Miene. „Sein Gedanken verwirren sich
schon.“
„Sehen Sie!“ rief der Direktor triumphierend. „Meine Methode! Sie ist
unfehlbar, so simpel sie ist.“
Dann standen sie beide am Fenster und beobachteten den karrenden
Sträfling, der sich bei jedem zehnten Spatenstich herzhaft in die
Hände spuckte und noch immer nicht das erste Anzeichen der beginnenden
Geistesverwirrung zeigen wollte.
Dodd kehrte nach Dui zurück und berichtete Polly von seinem Erfolg.
„So halten Sie den Vertrag?“ rief sie empört.
„Vertrag oder nicht Vertrag!“ rief er triumphierend. „Ich habe den Dieb
und werde ihn zu halten wissen.“
Jim Stockes erhielt telegraphischen Bericht.
„Abwarten!“ schmunzelte der. „Von Sachalin bis St. Louis ist ein weiter
Weg.“
Dann warf er einen besorgten Blick auf den Kupferkurs, der noch immer
nicht anziehen wollte, ging in den Klub und behielt das Telegramm für
sich. Er war kein Freund von blindem Feuerlärm.
17.
Der Direktor des Strafbergwerkes Petrokowskji merkte allmählich, daß
aus Dodd keine Kopeke mehr herauszupressen war, und wandte sich daher
an Peter Voß _alias_ Iwan Basarow.
„Merk auf, mein Söhnchen!“ sprach er und rieb sich nachdenklich die
Wodkanase. „Dein Freund will nichts für deine Freiheit zahlen. Wieviel
ist sie dir wert?“
„Nichts!“ erwiderte Peter Voß mit Gleichmut. „Die Freiheit ist eine
Schimäre. Ich habe hier eine sehr gesunde Beschäftigung. Die ist mir
mehr wert als die Freiheit, faulenzen zu müssen.“
„Nun gut!“ schmunzelte der Direktor und nahm einen herzhaften
Schluck aus der Flasche. „Ich werde dich an die Mauer schließen und
dich faulenzen lassen. Zur Abwechslung kannst du jeden Tag zwanzig
Knutenhiebe bekommen.“
„Das wäre mir, offen gestanden, weniger angenehm!“ bekannte Peter Voß
ehrlich. „Wieviel kostet meine Freiheit?“
„50 000 Rubel! Nicht eine Kopeke weniger.“
„Viel Geld!“ seufzte Peter Voß.
„Ihr Nihilisten habt viel Geld, mehr als die Regierung. Also her damit.
Zahle 50 000 Rubel, und ich lasse dich laufen.“
„Aber woher nehmen und nicht stehlen?“
„Das ist deine Sache! Denk nach, mein Söhnchen. Schreib an das Komitee.“
„Schreiben?“ dachte Peter Voß und kraute sich hinterm Ohr. „Das hilft
nichts. Die Leute verlangen Sicherheiten.“
„Und ich auch!“ trumpfte der Direktor auf. „Erst das Geld, dann die
Freiheit.“
Peter Voß zergrub sein Hirn nach neuen Möglichkeiten.
„Ich hab’s!“ rief er plötzlich und tippte sich an die Stirn, daß die
Ketten rasselten. „Ihr behaltet meinen Freund als Bürgen zurück, und
ich gehe und hole das Geld.“
„Hm!“ knurrte der Direktor, erwog den Plan und fand ihn annehmbar. „Das
ist eine gute Idee. Wird dein Freund damit einverstanden sein?“
„Kaum!“ wagte Peter Voß zu zweifeln. „Aber er wird gar nicht gefragt.
Unser Solidaritätsgefühl verlangt es. Wenn er nicht imstande ist, die
50 000 Rubel loszueisen, mir ist es eine Kleinigkeit. Ich bin der
Sekretär des Pariser Komitees, während er nur einen kleinen Posten
in New York vertritt. Ich wundere mich überhaupt, daß man einen so
unbedeutenden Menschen für diese Mission ausgewählt hat. Er kann ja
nicht einmal ordentlich Russisch. Er ist ein Idiot. Lassen Sie ihn Mist
karren, bis ich wiederkomme.“
„Ich will es mir überlegen!“ versetzte der Direktor nach einer Pause
angestrengtesten Nachdenkens.
Peter Voß kehrte zu seiner Beschäftigung zurück und schaufelte den
längst zu Staub zermahlenen Misthaufen in die andere Ecke hinüber.
Bobby Dodd aber saß in Dui und feilte auf Teufel komm heraus, er feilte
Schlüssel. Die Wachsabdrücke hatte er sich von den Universalschlüsseln,
die in dem Bureau des Direktors hingen, genommen. Darin übertraf Dodd
den fingerfertigsten Einbrecher.
Und er brachte die Schlüssel zustande, einen großen, der das äußere
Tor, einen mittleren, der die Zellen, und einen kleinen, der die
Fesseln öffnete. Alle drei verband er durch einen Schlüsselring. Auf
dem Ringe gravierte er den Namen Polly ein.
Gegen Abend begab er sich nach Petrokowskji hinauf. Der Wärter, der das
Tor öffnete, empfing ihn mit einem vergnügten Schmunzeln, das Dodd mit
einem Trinkgeld belohnte.
Peter Voß hatte sein Tagewerk beendet und löffelte in der Zelle seine
Suppe. Dodd ging dicht an dem Misthaufen vorbei und ließ unversehens
die drei Schlüssel fallen, die sich kraft ihrer Schwere tief in den
Staub einbohrten.
Im Bureau des Direktors wurde er von drei handfesten Wärtern gepackt,
trotz seines Protestes gefesselt und in eine leere Zelle gesteckt.
„Ich bin amerikanischer Bürger!“ schrie er.
„Du bist ein russischer Nihilist, mein Söhnchen!“ klärte ihn der
Direktor freundlich auf. „Mach kein Geschrei, sonst kriegst du die
Knute. Und morgen wirst du für deinen Freund Mist karren, bis er die
anderen 50 000 Rubel bringt.“
Bobby Dodd stand da wie eine Bildsäule.
Peter Voß wurde seiner Ketten entledigt. Vergnügt rieb er sich die
Handgelenke. Er bekam Dodds Kleider, und sie paßten ihm auch. Nur die
Hosen waren ihm etwas zu kurz. In der hinteren Tasche fand sich etwas
Kleingeld, das dem Direktor entgangen war.
„Beeil dich, Iwan Basarow!“ rief der Direktor und bot ihm sogar einen
Wodka an. „Mach, daß du wiederkommst.“
„Wiederkommen?“ meinte Peter Voß und machte ein sehr kritisches
Gesicht. „Ich werde Euch die 50 000 Rubel lieber schicken. Es ist
sicherer. Denn am Ende sperrt Ihr mich wieder ein und laßt meinen
Freund laufen, damit er mich auslöst. Das gäbe eine Schraube ohne Ende.“
„Du bist ein ganz durchtriebener Bursche!“ erwiderte der Direktor und
opferte noch einen Wodka.
Abends um zehn Uhr verließ Peter Voß das Gefängnistor, dem Wärter, der
ihm öffnete, gab er zehn Rubel aus Dodds Tasche.
Dann blieb er mitten auf der Straße stehen und überlegte. Polly war
in Dui. Seine Sehnsucht nach ihr war geradezu überwältigend. Aber er
bezwang sich und schlug sich südwärts auf die japanische Grenze zu.
Am nächsten Morgen wurde Dodd in Ketten zum Misthaufen geführt, um
Peter Voßens Arbeit da aufzunehmen, wo er sie liegen gelassen hatte.
Schon beim dritten Spatenstich traf er auf die drei Universalschlüssel.
Aber er nahm sie nicht auf, denn der Wärter stand zu nahe. Dodd
arbeitete mit einer wahren Wut.
Gegen Mittag, als er den Haufen zum siebenundzwanzigsten Male
disloziert hatte, zeigten sich schon deutliche Spuren einer
Geistesverwirrung.
Am Abend, als er den Haufen zum fünfzigsten Male um und um gewendet
hatte, wurde er tobsüchtig.
Unter furchtbarem Gebrüll fuhr er mit seinem Kopf in den Misthaufen
hinein, wühlte mit beiden Fäusten darin herum und brachte dabei die
drei Schlüssel in seine Tasche, ohne daß es der Wärter, der ihn zu
betreuen hatte, oder der Direktor, der auf das Gebrüll hin zum Fenster
geschossen war, bemerkt hätten.
Bobby Dodd hatte einen so täuschenden Tobsuchtsanfall, schlug mit
Armen und Beinen so ziellos um sich, rollte die Augen, fletschte die
Zähne und brüllte, brüllte, brüllte, wobei er jede Gewalt über seine
Stimme verloren zu haben schien, daß sich der Wärter in respektvoller
Entfernung hielt.
„In die Zelle zurück!“ schrie der Direktor hinunter. „Siehst du denn
nicht, daß der Mann tobsüchtig geworden ist?“
Zum Beweise nahm Bobby Dodd beide Hände voll Mist und wollte sie
in seinen Mund stopfen, als sei er der Meinung, auf einem Haufen
Beluga-Kaviar zu sitzen. Das Hinzuspringen des Wärters bewahrte ihn
davor, diesen wenig geschmackvollen Beweis zu Ende zu führen. Ein
zweiter Wärter lief herbei. Dodd wurde bei den Handgelenken und beim
Kragen gepackt, und so schleppten sie ihn, halb schwebend, halb
schleifend, in seine Zelle, wo sie ihn mit drei Ketten fest an die Wand
schlossen.
Schließt nur! dachte er. Ich kann auch schließen! Und das viel besser
als ihr!
Und er brüllte, daß die Wände bebten, schlug um sich, daß ihm die
Gelenke unter den eisernen Manschetten schmerzten, und brüllte wie ein
Stier.
Darauf fiel er in Ohnmacht, verfolgte aber ganz genau, was um her
ihn vorging. Der Arzt, selber ein Sträfling, kam, und stellte _furor
maniacus_ fest.
„Meine Methode!“ sagte der Direktor und rieb sich freudig die fetten
Wurstfinger.
Es war eine stockfinstere Nacht. Die Gefängnisuhr schlug gerade drei,
als Bobby Dodd unbemerkt den allzu gastlichen Ort verließ. Im Gegensatz
zu Peter Voß schlug er sich auf Dui zu, wo er am Morgen einem
ausreitenden Kosakenpikett in die Hände fiel. Er wurde dem Gouverneur
von Dui übergeben, der ihn zunächst ins Gefängnis setzte.
Peter Voß aber hielt die südliche Richtung inne, indem er immer durch
das Unwegsamste strebte. Da war er vor den Kosaken am sichersten.
Dodds Flucht wurde am Morgen entdeckt. Der Direktor benachrichtigte
sofort den Gouverneur von Dui und die Grenzstationen davon. Dodd
bestritt, Iwan Basarow zu sein, und Polly kam ihm zu Hilfe. Also blieb
er vorerst im Gefängnis von Dui sitzen. Der Fall lag zu verzwickt, als
daß die russische Justiz ihm sofort gewachsen gewesen wäre.
Inzwischen kletterte Peter Voß in den Felsen herum, die den Tiaraberg
umgaben, und suchte nach etwas Eßbarem. Die wenigen Beeren, die er
fand, waren nur geeignet, seinen Appetit noch heftiger zu reizen.
Seit sechsundreißig Stunden hatte er keinen ordentlichen Bissen mehr
gegessen. Am Tage durfte er sich nicht über den fünfzigsten Breitengrad
wagen, der in Sachalin die Grenze bildete. Und bis zur Dunkelheit
konnte er, seinem Riesenhunger nach zu urteilen, schon dreimal
verhungert sein. Es blieb ihm nichts weiter übrig, er mußte aus den
Felsenregionen hinabsteigen, um zu Menschen zu kommen. Und er suchte
und suchte, stieg auf freistehende Felsen, um Umschau zu halten,
kletterte auf Bäume. Doch nirgends sah er eine Spur von Rauch, die auf
eine Ansiedelung hätte schließen lassen können.
Bei dieser Kletterei aber fand er ein Vogelnest mit sechs Eiern.
Er hätte es nicht gefunden, wenn er das brütende Weibchen nicht
unversehens aufgescheucht hätte. Nun saß es auf dem nächsten Ast und
schimpfte mörderlich. Das Männchen kam herbei und half nach Noten.
Diese Vögel waren braun und etwas größer als Drosseln.
„Entschuldigen Sie!“ sagte Peter Voß und lüftete die Mütze. „Ein
reisender Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe. Hoffentlich
haben Sie die Eier noch nicht zu stark angebrütet.“
Und er trank sie unter dem Protest der beiden Erzeuger der Reihe nach
leer. Nur das letzte schmeckte ein wenig bitter.
In der Not frißt der Teufel Fliegen! dachte er, bedankte sich höflich
für die Bewirtung, kletterte vom Baum herunter und suchte weiter nach
Nestern, denn die Jahreszeit war dafür günstig.
Und da fand er einen Mann mit einem großen, wilden, schwarzen Bart,
gelbbrauner Hautfarbe und mit rauhen Fellen bekleidet, die durch
Bastbinden zusammengehalten wurden. Er hatte zwei große Hunde bei sich
und trug ein frisch erlegtes Reh auf der Schulter. Als er Peter Voßens
ansichtig wurde, erschrak er. Die beiden Hunde nicht minder.
„Ich habe Hunger!“ sagte Peter Voß auf russisch.
Doch der Mann verstand es nicht, er verstand überhaupt keine
europäische Sprache. Da machte Peter Voß die Bewegung des Essens nach
dem offenen Munde hin.
Nun begriff der Mann, der dem aussterbenden Volke der Aino angehörte,
legte das Wildbret nieder, zog ein Messer und löste einen Ziemer los,
den er dem Flüchtling reichte.
Peter Voß schüttelte den Kopf und suchte dem Manne begreiflich zu
machen, daß er kein rohes Fleisch vertragen könne. Er hatte schnell
erkannt, daß der Wilde ein sehr gutmütiger Mensch war, und gab ihm nun
durch einen großen Aufwand von erläuternden Gebärden zu verstehen, daß
er mit nach seiner Hütte gehen wolle.
Und der Mann nahm ihn mit. Nach einer halben Stunde erreichten sie ein
Dorf, das aus einem Dutzend größerer und kleinerer Hütten bestand,
die auf kurzen Pfählen saßen und mit Binsen behangen waren. Die
hervorstechendste Eigenschaft dieser Niederlassung war der Schmutz,
der sich in einer wahrhaft beängstigenden Weise überall bemerklich
machte. In einem Raum, der kaum drei Meter im Geviert maß, hockte eine
siebenköpfige Familie, die Peter Voß beim Abendbrot zusah. Eine riesige
Schüssel Hirsebrei stand vor ihm, aus der er mit den Händen löffeln
mußte.
Andere Völker, andere Sitten! dachte er und bemühte sich, möglichst
wenig von der verpesteten Luft, die in dem Raume herrschte und die sich
ihm sogar auf den Appetit legte, einzuatmen.
Nachbarn kamen hinzu, den Fremdling zu betrachten, und bald war die
Unterhaltung im Gange. Peter Voß führte das Wort. Es gab einige unter
den Leuten, die etwas Russisch verstanden. Sie wußten auch, daß er ein
entsprungener Sträfling war. Da sie aber recht unverdorbene Naturkinder
waren, deren Faulheit ebenso groß war wie ihre Gutmütigkeit, und da
Peter Voß so vorzüglich zu betteln verstand, gaben sie ihm alles, was
er haben wollte, einen Sack mit Mundvorrat, einen Spieß, ein Messer und
ein bißchen Kautabak, der allerdings, weil er auf Sachalin gewachsen
war, nichts Hervorragendes an sich hatte.
Ueberglücklich fiel Peter Voß der ältesten, häßlichsten und
schmutzigsten Ainogroßmutter, die anwesend war, um den Hals und gab ihr
einen echt russischen Kuß. Damit hatte er die Herzen aller erobert.
Zwei junge Leute erboten sich sogar, ihn auf einem Schleichweg
über die Grenze zu bringen. Gleichzeitig gedachten sie die günstige
Gelegenheit zu benutzen, um auf dem Rückweg zu schmuggeln. Denn der
Spiritus war in Japan bedeutend billiger als in Rußland.
Um Mitternacht brachen sie mit Peter Voß auf. Hunde nahmen sie nicht
mit. Deren Gebell hätte sie nur verraten können. Diese Leute, die
jeden Fußsteig im Finstern fanden und Peter Voß in die Mitte nahmen,
wußten mit einer Treffsicherheit sondergleichen genau an dem Punkt den
fünfzigsten Breitengrad und damit die Grenze zu überschreiten, wo die
Kosakengefahr am geringsten war.
Am Morgen erreichten sie das erste japanische Ainodorf, wo Peter Voß
wieder mit Hirsebrei bewirtet wurde.
„Das verträgt mein Magen auf die Dauer nicht!“ sagte er, bedankte sich
bei den Führern und machte, daß er weiter nach Süden kam.
Das Gebirge, in dessen Schutze er die Grenze überquert hatte, fiel
langsam zur Terpjenjabai ab. Sein Augenmerk war auf zwei Dinge
gerichtet, erstens möglichst schnell ans Meer zu gelangen, und zweitens
möglichst weit von der Telegraphenlinie abzubleiben, die auf der andern
Seite der Bai weit nach Süden hinablief.
Als er endlich das Meer aufblinken sah, bemerkte er einen Bohrturm
und ein paar Petroleumbassins daneben. Auf der Reede, nicht weit vom
Strande, lag sogar ein Petroleumdampfer, der nach Nagasaki bestimmt war.
Jokohama wäre mir allerdings lieber gewesen! dachte Peter Voß und ging
an Bord, um sich dem Kapitän als Matrose anzubieten.
Das war ein kleiner, geschmeidiger Japaner, der ein paar Brocken
Englisch konnte, aber keine Lust hatte, einen russischen Flüchtling
mitzunehmen.
Aber er mußte ihn doch mitnehmen. Peter Voß hatte bei seinem Besuch
genug gesehen, um in der Nacht wieder an Bord gelangen zu können. Er
schwamm eine kurze Strecke, erreichte eine Schute, die längsseits lag,
und versteckte sich im Kettenkasten des Dampfers.
Als der Anker am Morgen heraufgeholt wurde, nahm sich Peter Voß in
acht, daß er mit der schweren Kette nicht in Kollision kam. Vier
Stunden später erschien er an Deck.
Der Kapitän überschüttete ihn mit einem Schwall wutgetränkter Worte und
wollte ihn höchsteigenhändig über Bord werfen. Peter Voß streifte sich
langsam beide Aermel hoch, da kamen ein paar tätowierte Seemannsarme
zum Vorschein. Das schien den Kapitän einigermaßen zu beruhigen. Er
verlangte von Peter Voß, er solle in den Heizraum steigen, um Kohlen zu
trimmen.
„Warum nicht!“ lachte Peter Voß und gehorchte. „Arbeit schändet nicht.
Besonders, wenn es eine vernünftige Arbeit ist. Lieber japanische
Kohlen trimmen als russischen Mist karren!“
Und er trimmte, daß den beiden japanischen Heizern angst und bange
wurde, so flogen ihnen die schweren Kohlenkörbe an den Nasen vorbei.
Aber dafür aß Peter Voß noch einmal so viel als sie beide zusammen.
Dodd aber saß in Dui und kämpfte mit der ihm eigenen Zähigkeit um seine
Freiheit. Er telegraphierte nach St. Petersburg, nach Moskau, nach New
York, nach St. Louis. Nichts wollte helfen. Schließlich wollte er es
mit der Kraft des blanken Rubels versuchen. Da aber stieß er auf Pollys
Widerstand, die das Geld in Verwahrung hatte.
„Halten Sie so unsern Vertrag?“ rief Dodd zähneknirschend.
„Davon steht nichts drin!“ erwiderte sie ruhig und ließ ihn sitzen.
Er telegraphierte an Stockes & Yarker um fünftausend Dollar. Aber Jim
Stockes war diesmal schwerhörig.
Da kam ihm Hilfe von Peter Voß, der inzwischen in Nagasaki angekommen
war und nun in aller Sicherheit an Polly telegraphierte:
„Tokio, Tokio-Hotel.“
Das Telegramm wurde Polly erst ausgehändigt, nachdem es vom Gouverneur
begutachtet und Bobby Dodd vorgelegt worden war.
Außerdem trafen jetzt die fünftausend Dollar von Stockes & Yarker ein.
Und so konnte Bobby Dodd die Verfolgung weiter aufnehmen. Noch von Dui
aus machte er die japanische Polizei mobil, indem er ihr den Steckbrief
des Millionendiebs Peter Voß telegraphisch übermittelte.
„Geben Sie das Rennen noch nicht auf?“ fragte Polly lächelnd.
„Nein!“ stieß er heraus und ballte die Fäuste. „Ich habe sogar die
Hoffnung, daß er sich noch den Hals brechen wird. Damit wäre uns allen
geholfen. Sie brauchten sich dann nicht erst von ihm scheiden zu
lassen.“
„Ich bewundere Ihre Geduld!“ lachte sie.
Dann brachen sie nach Japan auf. Sie mußten über Wladiwostok fahren.
Von hier telegraphierte Dodd nach Strienau, aber nicht an den
Landgerichtsrat, sondern an seine Haushälterin. Das Telegramm enthielt
nicht viel mehr als seine zukünftige Adresse: Tokio, Japan, Tokio-Hotel.
Die unverehelichte Martha Zippel begriff sofort diese freundliche
Erinnerung und hielt den Telegrammverkehr des Landgerichtsrats auch
weiterhin unter schärfster Kontrolle.
Peter Voß, der Trimmer, aber war in Nagasaki und sah sich nach einer
Gelegenheit um, billig nach Jokohama zu kommen.
Diesmal reiste er sogar ohne Zahnbürste!
Dodds Anzug war durch den Aufenthalt im Kohlenbunker bis zur
Unkenntlichkeit nachgedunkelt.
Es lagen viele Schiffe im Hafen, Schiffe der verschiedensten Nationen,
auch etliche deutsche, von denen aber leider keins nach Jokohama ging.
Aber ein Engländer, die „City of Bristol“, war da, der dorthin wollte.
Das wär schon was! dachte Peter Voß und machte sich bereit, an Bord zu
gehen.
Aber da kam eben ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd das Fahrwasser
herauf und legte sich neben die „City of Bristol“.
Der ist besser! dachte Peter Voß. Schade, daß ich da nicht auch einen
Michel Mohr an Bord habe!
Mit einer Kohlenschute wagte er sich hinüber und kletterte an Deck,
wo er von dem wachthabenden Offizier, der ihn für einen Mann
der Schiffsbesatzung hielt, fürchterlich angeschnauzt und höchst
überflüssigerweise gefragt wurde, wie er sich unterstehen könne, mit
seinen schmierigen Pfoten auf dem weißgescheuerten Deck herumzutrampeln.
Oben bin, oben bleib ich! dachte Peter Voß, verdrehte auf der Stelle
die Augen und fiel so natürlich auf die sauberen Planken, daß der
Offizier sofort dem Bootsmann flötete, um den ohnmächtigen Feuermann
augenblicklich ins Lazarett bringen zu lassen. Auch als er im Bett
lag, rührte Peter Voß keinen Finger. Der Schiffsarzt bemühte sich
vergeblich, ihn ins Bewußtsein zurückzurufen. Er stach ihm sogar mit
einer Nadel in die Herzgrube und unter die Fingernägel. Es tat einfach
scheußlich weh. Aber Peter Voß hielt dieser medizinischen Tortur stand
wie ein Held.