„Die zweitausend Mille sehe ich nicht wieder!“ behauptete Stockes

traurig und begann die Karten zu mischen.

Als Bobby Dodd das Telegramm erhielt, zögerte er nicht länger, seine

Auslagen zu vergrößern, und mußte die überraschende Beobachtung machen,

daß die Beamten eigentlich schon lange darauf gewartet hatten. Nun

ließen sie sich rein um die Finger wickeln. Ihr schnöder Verdacht

war wie weggeblasen. Sie waren auch so ehrlich, ihm zu gestehen, daß

sie über Iwan Basarow nicht das geringste wußten, gaben ihm aber die

Versicherung, daß er ohne Zweifel nach Petrokowskji zurückgeschickt

werden würde. Der Polizeipräsident gab ihm sogar eine Empfehlung an den

Direktor dieser Strafanstaltsmine mit, der sein Kriegskamerad war.

Warum sollte er ihm nicht auch etwas von dem Gelde der revolutionären

Nihilisten zukommen lassen! Denn ein Nihilist blieb Bobby Dodd trotz

alledem!

Sogar der amerikanische Konsul, übrigens ein Stockrusse, hielt ihn für

alles andere eher als für einen Detektiv. Seine Legitimation sah man an

und dachte sich das Beste. Dafür war man eben in Rußland.

Bobby Dodd reiste nach Dui zurück und gab nach wenigen Tagen bei

dem Direktor des Strafbergwerks Petrokowskji seine Empfehlung ab.

Schnurrbartzwirbelnd empfing er den Fremden, musterte ihn mit

militärisch durchdringendem Blick und nahm mit gnädigem Kopfnicken den

Hundertrubelschein entgegen, den ihm Bobby Dodd für die Wohlfahrtskasse

des Bergwerks zur beliebigen Verwendung überreichte. Auch für diesen

Direktor, dem der Polizeipräsident von Wladiwostok ganz privatim

längst ein paar orientierende Zeilen geschrieben hatte, war Dodd

ein Nihilist. Allein dieser Eisenfresser, dem seine militärische

Untüchtigkeit in der Schlacht von Mukden diesen Verbannungsposten

eingetragen hatte, besaß nicht im entferntesten die Kunst der

Verstellung, um sich gegen Dodd auf die Dauer behaupten zu können.

Vorläufig jedoch schöpfte dieser noch keinen Argwohn.

„Können Sie sich eines Sträflings erinnern, der Iwan Basarow hieß?“

fragte er den Direktor.

„Iwan Basarow!“ rief der Bramarbas und sprang auf. „An diesen

hundsgemeinen Kerl sollte ich mich nicht erinnern können! Das ist

der abgefeimteste Spitzbube, den ich jemals unter den Fingern gehabt

habe. Er hat in Petersburg Bomben fabriziert und revolutionäre Blätter

gedruckt. Und hier hat er einen Aufstand angezettelt, hat mir drei

Aufseher invalid geschlagen, das heißt nicht er, sondern die vierzehn,

die mit ihm ausgerissen sind. Denn er ist ein feiger Hund. Nicht einen

einzigen habe ich zurück bekommen. Alle sind sie über die japanische

Grenze gegangen. Und diese gelben Affen liefern natürlich nicht aus.“

„Es ist ein Iwan Basarow vor mehreren Wochen in Moskau verhaftet

worden!“ berichtete Dodd weiter.

„Was Sie sagen!“ schrie der Direktor voll ehrlicher Wut. „Sie haben ihn

wieder erwischt? Sie werden ihn hierher zurückschicken? O, wie werde

ich diesen Schurken zwiebeln! Ich presse ihm die Seele aus dem Leibe.

Ich habe eine vorzügliche Methode. Ich mache einen stumpfsinnigen

Kadaver aus ihm. Der wird mir nie wieder eine Verschwörung anzetteln.“

„Sie werden die Knute gebrauchen?“ forschte Dodd, von diesen echt

russischen Drohungen sichtlich unangenehm berührt, und schaute zum

Fenster hinaus, das den Blick auf den Gefängnishof und die Aussicht auf

das nahe Meer freigab.

„O nein!“ wehrte der Direktor ab. „In meinem Bezirk wird nicht

geprügelt. Ich bin kein Anhänger dieser Knutenkultur. Meine Methode

ist eine viel raffiniertere. Ich habe sie selbst erfunden. Sie wirkt

todsicher. Ich habe sie schon zweimal mit dem besten Erfolg angewendet.“

„Es wäre mir sehr interessant, diese Methode kennen zu lernen!“

versetzte Dodd.

„Sie sollen sie kennen lernen!“ erwiderte der Direktor und griff nach

der Wodkaflasche. „Bleiben Sie hier. Seien Sie mein Gast. Der erste

Transport ist mir bereits angekündigt. Vielleicht ist dieser Schuft

schon dazwischen. Ich werde ihn sofort vornehmen. Ich werde Ihnen meine

Methode an ihm demonstrieren. Es ist eine ganz einfache, eine simple

Methode sozusagen. Nicht ein Fünkchen Gewalt wird angewendet. Aber ich

garantiere Ihnen, daß der Kerl schon am dritten Tage mit dem Kopf gegen

die Wand rennt, um sich das Leben zu nehmen. Die beiden andern haben es

auch getan.“

Dodd überlegte. Da diese Methode von Gewaltmitteln absah, war sie

ihm nicht unsympathisch. Je unerträglicher sich für Peter Voß die

Gefangenschaft gestaltete, um so eher würde er Farbe bekennen und sein

wahres Gesicht zeigen. Dann war noch immer Zeit, den Direktor in das

Doppelspiel einzuweihen. Am einfachsten wäre es natürlich gewesen,

wenn der Direktor den falschen Iwan Basarow, auf Grund seiner genauen

Personalkenntnis des richtigen, einfach zurückwies. Doch das war sehr

wenig wahrscheinlich. Dieser Direktor war trotz seiner gepriesenen

Methode nicht viel mehr als ein harmloser Dummkopf. Der Umschwung mußte

bei Peter Voß beginnen. Denn dessen falsche Behauptung, Iwan Basarow zu

sein, war unter den Umständen, in denen er sich augenblicklich befand,

von einer nicht zu erschütternden Beweiskraft. Sogar das Zeugnis seiner

Frau hätte dagegen nichts ausrichten können.

Dodd nahm die Einladung des Direktors nicht an, versprach aber

wiederzukommen, und kehrte nach Dui zurück. Hier erstattete er Polly,

die ihn mit begreiflicher Unruhe erwartete, wahrheitsgetreu Bericht.

Nur von des Direktors Methode verriet er nichts.

„Wir müssen ihn sofort zu befreien suchen!“ rief sie außer sich. „Schon

auf dem Wege zum Bergwerk.“

„Ganz unmöglich!“ wies er den Vorschlag zurück. „Einen Gefangenen gegen

seinen Willen zu befreien, ist so gut wie ausgeschlossen. Außerdem wird

er als wieder eingefangener Flüchtling besonders scharf bewacht werden.

Ich habe keine Lust, an seiner Seite in jenem Bergwerk zu arbeiten.

Und bis zur nächsten japanischen Grenze sind über zwei Tagereisen. Die

ganze Grenze ist mit Kosaken besetzt. Ehe wir uns nicht mit ihm in

direkte Verbindung gesetzt haben, läßt sich nichts machen.“

„Also warten!“ seufzte sie und nahm die amerikanische Zeitung auf, die

Dodd aus Wladiwostok mitgebracht hatte.

Es war eine sehr alte Nummer, worin der Kurs der amerikanischen

Kupferpapiere wieder um einige Cent tiefer notiert war, obschon sie

längst zum Stehen gekommen waren.

„Sie studieren die Kurse?“ fragte Dodd überrascht. „Spekulieren Sie?“

„Ein wenig!“ erwiderte sie und legte das Blatt weg.

Dodd entwarf ihr eine humoristische Schilderung des Bergwerkdirektors.

„Denken Sie lieber an unsern Vertrag!“ sprach sie gelangweilt.

„Strengen Sie Ihren Geist an, ein Mittel zu finden, wie wir ihn

befreien können.“

„Dieser Direktor gehört dazu!“ sprach er ernsthaft und schilderte ihn

weiter. „Wir werden ihn bestechen, daß er ihn entfliehen läßt. Das

Bergwerk liegt eine Stunde von der Küste. Wir werden einen kleinen

Dampfer mieten!“

„Also wie in St. Malo?“ fragte sie interessiert.

„Jawohl!“ bestätigte er. „Nur ins Russische übersetzt.“

Dann schlug er ihr einen Spaziergang nach dem Hafen vor und sie

nahm ohne Zwang seinen Arm, den er ihr anbot. Sie waren ja wieder

Bundesgenossen geworden. In Dodds Herzen rührte sich wieder ganz

bedenklich die alte Liebe.

Seine Lage wurde immer verzwickter.

Peter Voßens Lage aber war viel einfacher. Er befand sich als Iwan

Basarow mit etwa dreißig andern schweren Verbrechern im Hofe des

Gefängnisses zu Slatoust und wartete darauf, mit der sibirischen

Bahn nach Osten befördert zu werden. Er war von seiner Verhaftung in

Moskau an ganz langsam und gemächlich von einem Gefängnis zum andern

abgeschoben worden, immer in der Richtung nach Sibirien zu, um in

Slatoust Anschluß an einen größeren Verbrechertransport zu finden. Sein

Schicksal, besonders den Empfang auf Sachalin, malte er sich durchaus

nicht in rosigen Farben aus.

Er war überhaupt nicht beneidenswert. Die russischen Staatsverbrecher

lernten weder die französische Galanterie noch die preußische

Korrektheit kennen. Aber eine gewisse Gutmütigkeit war den russischen

Soldaten und Gefängniswärtern nicht abzusprechen. Flegel, Grobiane

und Berserker ließ Peter Voß über sich ergehen wie der Schlehdorn den

Hagelschlag. Einmal bekam er unversehens einen Knutenhieb über den

Rücken.

Pfui Deibel! dachte er und rieb sich die getroffene Stelle an der Wand.

Auf die Dauer kann das höchst unangenehm werden! Ich muß wirklich

darauf sinnen, wie ich weiter komme!

Und er kam weiter, aber nicht als Peter Voß, sondern als Iwan Basarow.

Zwei schmiedeeiserne Manschetten, die durch kräftige Ketten verbunden

waren, mußte er sich um Hand- und Fußgelenke legen lassen. Das war

nun einmal hier so Sitte. Zur erhöhten Sicherheit wurden immer fünf

Sträflinge an einer langen Kette zusammengeschlossen. Das brachte

zwar für die betreffenden eine ganze Menge Unbequemlichkeiten mit

sich, hatte aber das Gute, daß sich keiner in dem großen unwirtlichen

Sibirien verlaufen konnte.

Peter Voß kam in die Mitte der dritten Kette und freundete sich mit

seinen Nebenmännern sofort an. Der eine war ein junger Beamter aus

Odessa, der mehrere Unterschlagungen begangen hatte und zu fünf Jahren

Strafarbeit verurteilt worden war.

„Jeder russische Beamte lebt von Unterschlagungen und Bestechungen!“

meinte er mit Gleichmut. „Sie müßten alle nach Sibirien transportiert

werden.“

Sein hinterer Nachbar war ein alter, graubärtiger Bauer aus dem

Gouvernement Perm.

„Ich habe meinen Vater totgeschlagen!“ bekannte er auf Peter Voßens

neugierige Frage, ohne bei diesem traurigen Bekenntnis irgendwelche

Gemütsbewegung zu verraten.

Da bin ich in eine nette Gesellschaft geraten! dachte Peter Voß und

rückte so entschieden von dem Bauern ab, daß die Kette rasselte.

„Er war krank,“ fuhr der Mann fort, „neunzig Jahre zählte er und hatte

sehr große Schmerzen. Schon zehn Jahre plagte er sich damit. Da sagte

er zu mir: Wassilew, nimm die Axt und schlag mich tot! Und da Gott

befiehlt, man soll seinem Vater immerdar gehorsam sein, nahm ich die

Axt und gehorchte ihm. Die Richter haben es nicht geglaubt, daß ich

ein gehorsamer Sohn bin. Sie glaubten es besser zu wissen. Sie sagten,

ich hätte ihn wegen der Erbschaft totgeschlagen. Aber sie wissen nichts

von Gott und halten nicht seine Gebote.“

Peter Voß rückte wieder heran, die Konsequenz dieses arglosen Gemüts

imponierte ihm.

„Und was hast du getan?“ fragte der Beamte.

„Ich habe eine revolutionäre Gesinnung!“ bekundete Peter Voß als Iwan

Basarow; er war einfach nicht imstande, seine Schandtaten genauer

aufzuzählen, weil er sie nicht wußte.

„Du bist der Schlimmste von uns!“ sprach der Bauer, und der Beamte war

derselben Meinung.

Trotzdem blieben sie gute Freunde, lebten in Gütergemeinschaft und

teilten sogar die letzte Zigarette miteinander.

Solange der Zug rollte, schliefen die Soldaten, die den Transport

begleiteten. Die Gefangenen, die auf dem Fußboden lagen und saßen,

durften nur leise miteinander sprechen. Jede dritte Station hielt der

Zug. Jetzt durften die Gefangenen einige Minuten an die frische Luft,

durften sich im schmelzenden Schnee die eingeschlafenen Füße vertreten

und die Leute auf dem Bahnhof um Gaben ansprechen. Und alle gaben den

armen Verurteilten um Gottes willen. Peter Voß war ehrlich erstaunt

über diese russische Wohltätigkeit, vergaß aber darüber das Nehmen und

das Danken nicht. Ein Teil der gesammelten Gaben mußte an die Soldaten

abgeliefert werden, die dadurch immer in Hülle und Fülle hatten und

deshalb selten schlechter Laune waren.

Und das war sehr wichtig!

Es läßt sich hier leben! dachte Peter Voß und steckte sich eine

Zigarette an. Man darf nur nicht verwöhnt sein. Hauptsache ist, daß

ich weiterkomme. Und wie schön, daß ich auf russische Staatskosten

befördert werde! Dafür kann man schon einige Unbequemlichkeiten mit in

Kauf nehmen.

Der Landschaft, die sich draußen vorbeischob, konnte er kein Interesse

abgewinnen. Außerdem war es streng verboten, hinauszublicken. Erst

hinter Irkutsk am Ufer des Baikalsees, den die schneebedeckten

Bergriesen ernst und drohend umgaben, lohnte es sich, das Verbot zu

übertreten. Bald darauf sichtete Peter Voß den ersten Chinesen.

Nur Geduld! dachte er vergnügt, zog ein altes Kartenspiel heraus, das

ihm eine mitleidige Seele geschenkt hatte, und versuchte seine beiden

Nachbarn in die Kunst des Dreimännerskats einzuweihen. Der Beamte hatte

es schnell begriffen, aber der Bauer konnte mit den vielen bunten

Blättern nicht zurechtkommen. Also ging Peter Voß zum Schafskopf über,

wobei der Bauer den Zuschauer spielte. Zwischendurch horchte er auf die

leisen, melancholischen Gesänge seiner Genossen.

Bei Kaidalow wurde der Gefangenentransport von der transsibirischen

Bahn auf einen Nebenstrang geleitet, der am linken Ufer der Schilka bei

Srjetensk sein Ende fand. Von hier aus ging die Reise zu Wasser weiter,

zuerst in einem kleinen, von Blagowjeschtschensk aus auf einem größeren

Dampfer, der sie den ganzen Amur hinunter direkt nach Dui bringen

sollte. Je näher sie dem Ort ihrer Bestimmung kamen, um so vergnügter

wurde die Stimmung. Alle waren froh, daß die Reise zu Ende ging. Wenn

die Ketten an ihren Händen nicht gewesen wären, die Fußsesseln hatte

man ihnen an Bord abgenommen, man hätte meinen können, freiwillige

Auswanderer vor sich zu haben.

So kamen sie in Dui an.

Nachdem man den Gefangenen die Fußfesseln wieder angelegt und die

Schlösser geprüft hatte, wurde der ganze Transport an Land gesetzt und

vor der Kaserne des Kosakenpiketts, das in Dui stationiert war, in Reih

und Glied aufgestellt. Neugierige und Mildtätige drängten sich in Menge

heran. Und die Gefangenen streckten ihre Hände aus. Auch Peter Voß

heimste ein, was er kriegen konnte, Brot, Fleisch, Speck, Zigaretten,

Tabak, Schnaps und Zucker, und stopfte sich damit die Taschen seines

durchlöcherten Mantels voll.

„Guten Tag, Mr. Voß!“ rief jemand auf englisch.

Dodd! dachte Peter Voß, ohne den Gruß zu beachten, und warf auf den

Mann einen blitzschnellen Seitenblick. Er hatte sich nicht getäuscht.

Es war Bobby Dodd. Er kam heran, offenbar hatte er die Kosaken

bestochen. Denn sie hielten ihn nicht auf.

„Mein Herr, geben Sie mir ein paar Zigarren!“ rief Peter Voß _alias_

Iwan Basarow auf deutsch. „Man kann nicht immerzu dieses entsetzliche

Papier kauen.“

„Bitte!“ sagte Dodd und zog seine Zigarrentasche.

Peter Voß ließ nicht eine einzige darin, die Tasche gab er zurück.

„Danke!“ sagte er herablassend, griff an die Mütze und nahm eine von

Dodds guten Zigarren zwischen die Zähne. „Nun noch etwas Feuer.“

Auch damit konnte Bobby Dodd dienen.

„Wollen Sie nicht endlich die Maskerade aufgeben, Mr. Voß?“ fragte

er ihn auf englisch. „Schlimmer als Ihr augenblicklicher Zustand

wird unmöglich der andere sein, der nach Ihrer Verurteilung als

Millionendieb eintritt.“

Peter Voß schaute sich um. Es war kein Mensch in der Nähe, der auch nur

ein Wort Englisch verstand. Eine Falle also war nicht zu befürchten.

Warum sollte er sich nicht mit Bobby Dodd aussprechen? Der Mann

hatte es durch sein intensives Interesse, das er an ihm nahm, längst

verdient, daß er ihm ein paar freundliche Worte gönnte.

„Lange werden Sie das Spiel doch nicht treiben können!“ drängte Bobby

Dodd. „Wozu halten Sie also die Entwicklung auf? Sagen Sie, wo Sie die

Millionen versteckt haben, und ich garantiere Ihnen, daß Sie in wenigen

Tagen ein freier und unverfolgter Mann sind. Mrs. Voß ist übrigens auch

hier. Wir haben auf Sie gewartet.“

Peter Voß zuckte bei dieser Neuigkeit wohl ein wenig zusammen. Aber die

Zeiten seiner Eifersucht lagen längst hinter ihm. Er wußte, daß Polly

nur an ihn dachte, wenn sie in Dodds Begleitung reiste.

„Grüßen Sie die Dame von mir!“ sprach er auf deutsch zu Dodd und

schüttelte ihm kettenrasselnd die Hand. „Ich werde mich freuen, wenn

Sie sich weiterhin ihrer annehmen.“

„Damn!“ knirschte Dodd, wütend über diese Kaltblütigkeit des

Verbrechers. „Wir stehen doch hier nicht beieinander, um Komplimente

zu wechseln. Sagen Sie auf der Stelle, wo die Millionen sind.“

Dabei vergaß er im Eifer seines Amts ganz die merkwürdige Situation, in

der er sich befand, und packte Peter Voß, den Millionendieb, _alias_

Iwan Basarow vor der Brust.

„Sie wollen mich wohl wieder verhaften?“ rief Peter Voß vergnügt auf

russisch und holte zum Boxen aus.

Allein seine neuen Freunde kamen ihm zuvor. Bobby Dodd bekam plötzlich

von allen Seiten Püffe und Fußtritte und flog aus dem Haufen der

Gefangenen heraus wie ein Ball aus dem Fenster.

Gleich darauf setzte sich die Kolonne nach dem Bergwerk Petrokowskji in

Bewegung, bewacht von berittenen Kosaken.

Bobby Dodd kehrte ziemlich verzweifelt zu Polly zurück.

„Mrs. Voß!“ sprach er und befühlte die eben erhaltenen Beulen. „Wenn

Mr. Voß weiter so hartnäckig bleibt, werde ich den Vertrag kündigen

müssen.“

„Sie haben ihn gesprochen?“ fragte sie erstaunt.

„Der Transport ist soeben weiter gegangen!“ nickte er.

„Und Sie haben mich nicht davon benachrichtigt!“ rief sie außer sich.

„So halten Sie den Vertrag?“

„Davon steht nichts darin!“ erwiderte er gereizt. „Was hätte es auch

für einen Sinn gehabt. Oder wollen Sie vielleicht die Identität des

Sträflings Iwan Basarow mit dem Millionendieb Peter Voß bezeugen?“

„Nicht eher, bis er sie selbst zugibt!“ erwiderte sie ruhig.

„Außerdem war er durchaus nicht salonfähig!“ setzte er entschuldigend

hinzu.

Darauf gab sie ihm keine Antwort.

Dodd hoffte noch immer, hoffte aber weniger auf die geheimnisvolle

Methode des Bergwerkdirektors als auf das Bergwerk selbst. Allzulange

würde es selbst ein so durchtriebener Bursche, wie Peter Voß es war,

nicht darin aushalten. Wenn er trotz alledem nicht mürbe wurde, blieb

noch immer die Bestechung des Direktors übrig. Diesmal mußte er

gewinnen.

Vierzehn Tage lang wurde schon Peter Voß _alias_ Iwan Basarow

ununterbrochen nach der Methode des Direktors, dem das Strafbergwerk

unterstellt war, behandelt, ohne daß der erwünschte Erfolg eingetreten

wäre. Im Gegenteil, er schwang jeden Morgen fröhlicher seine Schaufel

und pfiff vergnügt vor sich hin. Nur die Fesseln an den Händen und den

Füßen waren ihm bei der Arbeit etwas unbequem.

Die Methode, die bei ihm durchaus nicht anschlagen wollte, bestand

nämlich darin, einen großen Haufen Dünger mit der Schubkarre aus einer

Ecke des großen Gefängnishofes in die gegenüberliegende zu befördern.

Sobald der Haufen rund und schön an seinem Bestimmungsort angelangt

war, kam der Befehl, ihn schnellstens wieder an seinen ursprünglichen

Platz zurückzuschaffen.

Wenn’s weiter nichts ist! dachte Peter Voß und karrte, karrte, karrte.

Siebenunddreißigmal hatte er den Haufen hin und her geschoben, und noch

immer zeigte der Delinquent zum Aerger des Direktors keine Spur einer

geistigen oder körperlichen Anomalie.

„Warte nur, Bürschchen!“ knurrte er hinter dem Fenster seines Bureaus,

von wo er die ordnungsgemäße Ausübung seiner Methode überwachte. „Warte

nur, ich will dich schon mürbe kriegen! Beim tausendsten Mal rennst du

sicher mit dem Schädel gegen die Wand!“

Und Peter Voß karrte unverdrossen weiter. Beim fünfzigsten Male kam ihm

die Arbeit bereits ziemlich einförmig vor.

Dodd stattete dem Direktor hin und wieder einen Besuch ab und brachte

ihm jedesmal ein paar Flaschen Wodka mit.

„Es geht los!“ rief er eines Tages und zog Dodd zum Fenster. „Sehen

Sie, er arbeitet schon bedeutend schneller. Diese ungewöhnliche Hast

ist das erste Symptom der geistigen Verwirrung. Jetzt geht es mit

Riesenschritten vorwärts, das heißt abwärts mit ihm. Heut abend hat er

sicher den ersten Tobsuchtsanfall.“

Dodd krauste die Stirn. Zuerst hatte er über die Methode gelächelt.

Aber nun begann er einzusehen, daß sie, unablässig fortgesetzt,

schließlich doch die gewünschte Wirkung erzielen konnte. Ein

tobsüchtiger Millionendieb paßte durchaus nicht in sein Programm.

Außerdem hatte Peter Voß, nach seinen bisherigen Taten zu urteilen,

unbedingt Anlage zum Irrsinn. Und Dodd rückte daher mit der Wahrheit

heraus.

„Dieser Iwan Basarow ist der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis!“

erklärte er dem Direktor.

„Ich weiß!“ erwiderte der seelensvergnügt und goß ein Glas Wodka hinter

die Binde. „Mein Freund aus Wladiwostok hat mir alles geschrieben. Sie

sind ein Nihilist, der Geld hat. Wieviel wollen Sie für Ihren Freund

geben?“

„Wieviel wollen Sie haben?“ fragte Dodd zurück, ohne den Irrtum

richtigzustellen.

„100 000 Rubel!“ versetzte der Direktor gemütlich.

„Viel Geld!“ meinte Dodd verstimmt. „Aber ich werde versuchen, es

herbeizuschaffen. Die Hälfte sofort, die andere Hälfte, sobald der Mann

sicher auf dem Schiff ist.“

„Bringen Sie nur erst die eine Hälfte!“ rief der Direktor und trank

noch ein Glas Wodka.

„Nun wohl!“ rief Dodd nach einigem Ueberlegen. „Vorher aber muß ich mit

dem Mann eine Unterredung haben.“

„Wozu?“ fragte der Direktor mit argwöhnisch hochgezogenen Brauen. „Ich

sehe es ungern, daß die Methode eine Unterbrechung erfährt.“

„Sie halten mich für einen Nihilisten!“ versetzte Dodd ruhig. „Ich bin

es ebensowenig, wie jener Mann da unten Iwan Basarow ist. Lassen Sie

mich zu ihm hinunter. Ich hoffe, er wird schon mürbe genug sein, um den

Versteck der gestohlenen Millionen zu verraten.“

„Haha!“ lachte der Direktor laut auf. „Sie sind ein sonderbarer Kauz.

Dieser Mann soll zwei Millionen gestohlen haben? Das wollen Sie mir

weismachen? Wäre er dann hier? Wäre er hier, wenn er nicht Iwan Basarow

wäre? Er behauptet selbst, es zu sein. Soll ich Ihnen mehr glauben

als ihm? Sobald ich die ersten 50 000 Rubel habe, dürfen Sie mit ihm

sprechen, eher nicht.“

Dodd kehrte nach Dui zurück und beriet sich mit Polly, die mit der

Bestechungsaktion durchaus einverstanden war. Jim Stockes mußte das

Geld geben. Das Schwierige war, ihn über die unbedingte Notwendigkeit

dieser großen Summe und ihre Verwendungsart aufzuklären, ohne daß die

russischen Telegraphenbeamten Argwohn schöpften. Dodd zerbrach sich

vergeblich den Kopf.

„Geben Sie her!“ sagte Polly, nahm ihm die Feder aus der Hand und

schrieb: „Stockes & Yarker, St. Louis, United States. Sofort 50 000

Dollar. Polly Voß.“

„Das soll genügen?“ rief er erstaunt.

„Ich hoffe!“ lächelte sie. „Wir können es ja versuchen.“

Am nächsten Abend kam die Antwort: „Geld in Nikolajewsk Sibirische

Bank.“

Dodd und Polly fuhren sofort hinüber, um es zu holen. Polly behielt die

Hälfte des Geldes.

Der Direktor von Petrokowskji aber wartete. Er nahm das vorgeschlagene

Geschäft durchaus von der ernsten Seite. Er gedachte die ersten 50 000

der nihilistischen Rubel einzustecken, dann wollte er versuchen, nicht

nur die zweite Rate, sondern womöglich noch mehr zu ergattern, ohne

Iwan Basarow freizugeben. Schlug das fehl, wollte er dem Gefangenen

wohl die Flucht ermöglichen, um die zweiten 50 000 einzusäckeln, dann

aber nicht nur Iwan Basarow, sondern auch seinen Freund und Befreier

einfangen lassen. Dazu waren nicht einmal die Kosaken nötig, das konnte

er von seinen Wärtern besorgen lassen. Und so wurde die Sache nicht

erst an die große Glocke gehängt. Dann wollte er die beiden Nihilisten

so lange peinigen, bis er ihnen die letzte Kopeke abgepreßt hatte,

seinen Abschied einreichen und nach Nizza übersiedeln, nicht ohne die

beiden Nihilisten seinem Nachfolger warm ans Herz gelegt zu haben.

Dodd hatte dagegen einen ganz anderen Plan. Er nahm das vorgeschlagene

Geschäft von der allerernsthaftesten Seite. Da Jim Stockes das Geld

geschickt hatte, war Dodd skrupellos genug, es seiner Bestimmung

zuzuführen. Aber 50 000 Rubel waren auch genug! Der Haken, an dem die

Aktion festgeraten konnte, lag nicht bei dem Direktor, sondern bei

Peter Voß. Gutwillig würde er sich nicht befreien lassen.

Aber es gab ein vortreffliches Mittel, Peter Voßens Willen völlig

auszuschalten. Und das war der springende Punkt in Bobby Dodds

reichlich erwogenem Plan.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 15 / 20 段