Dodd konnte sich nicht rühren. Die rechte Hand stak wie festgeschraubt

in der Tasche. Nur den linken Unterarm konnte er etwas bewegen. Doch

das genügte nicht, um die vertrackte Decke loszuwerden.

Polly reiste gegen Mittag nach Strienau zurück.

Erst sechs Stunden später wurde Dodd aus seiner seltsamen Haft befreit.

„Der Schurke soll es mir büßen!“ rief er wutentbrannt, schüttelte die

Faust gegen das Fenster und kaufte sich eine russische Grammatik.

Peter Voß aber fuhr von Thorn aus, nachdem er sich bei einem Althändler

einen Schafpelz und eine Pelzmütze gekauft hatte, ins heilige Rußland

hinüber.

15.

Die Pelzmütze über beide Ohren gezogen, den Kragen hochgeklappt, im

linken Mundwinkel eine russische Zigarette, stiefelte Peter Voß durch

Warschaus verschneite Straßen. Glücklich war er als Iwan Basarow durch

die Paßrevision geschlüpft.

Er suchte ein Postamt, von dem aus er nach Strienau telegraphieren

konnte.

Da knallte es mehrmals, und eine Kugel flog ihm an der Nase vorbei.

Pfui Deibel! dachte er und zog den Kopf tiefer in den Pelzkragen. Hier

wird geschossen und dazu noch scharf. Da ist es wohl am besten, ich

verduft gleich nach Moskau.

Und daran tat er gut, denn in Warschau war wieder einmal eine kleine

Revolution im Gange.

Seine Fahrt nach Moskau gestaltete sich etwas wild. Bald mit Eisenbahn,

bald mit dem Schlitten drang er nach Osten vor, immer darauf bedacht,

seine Spur zu verwischen.

So kam er nach Bolowsk, dem nördlichen Zipfel des Gouvernements

Witebsk. Jetzt wollte er es wieder mit der Eisenbahn versuchen.

Auf der Trödlergasse in Bolowsk wechselte er sein deutsches und

sein amerikanisches Geld in russisches um. Dann unterzog er seine

Brieftasche, die schon recht strapaziert aussah, einer eingehenden

Revision. Es schien ihm rätlich, sich, solange er in Rußland war, von

seinen amerikanischen Papieren zu trennen. Einfach wegwerfen wollte

er sie nicht. Wie leicht konnten die Kupferpapiere mit einem Sprung

in die Höhe gehen, so daß er sich plötzlich vor die Notwendigkeit

gestellt sah, seine Identität mit Peter Voß zu beweisen. Sein Kurs lief

ostwärts durch Sibirien. Dahinter lag Japan. Sofort entschloß er sich,

sie hauptpostlagernd nach Tokio zu senden, und zwar auf den Namen des

Studenten Iwan Basarow.

Also ging er aufs Postamt und drückte dem Beamten einen Fünfrubelschein

in die Hand.

„Ich möchte ein chiffriertes Telegramm nach Deutschland aufgeben.“

„Bitte!“ erwiderte der Beamte freundlich. „Vielleicht glückt es.“

Nun war guter Rat teuer. Ein Hotel in Moskau kannte Peter Voß nicht.

Das einzige Gebäude, von dem er den Namen wußte, war der Kreml, den

jedes Schulkind kennt.

*Ein* Tor wird er wenigstens haben! dachte er, indem er die Feder

ansetzte. Und wenn er mehrere Tore hat, dann ist eins davon sicher das

Haupttor.

Und er setzte kurz entschlossen folgendes Telegramm auf: „Frau Polly

Voß Strienau Landgerichtsrat Pätsch Freitag 12 Uhr Moskau Kreml

Haupttor.“

Diese Mitteilung übersetzte er nach dem alten Rezept in Ziffern. Dann

reichte er es dem Beamten, der ohne weiteres an den Apparat ging und

die Zahlen herunterklapperte, nachdem er die Leitung über Dünaburg,

Wilna nach Warschau frei gemacht hatte.

Das Telegramm lief am Abend in Strienau ein und wurde von dem

Landgerichtsrat a. D. in kurzer Zeit entziffert.

„Dein Mann wünscht mit dir ein Rendezvous in Moskau!“ sprach er

lächelnd zu Polly. „Es ist nur gut, daß wir schon deinen Paß besorgt

haben. Allerdings reicht er nur bis Warschau. Dort mußt du ihn

verlängern lassen.“

„Du willst mich allein reisen lassen?“ fragte sie ängstlich.

„Diese schnöde Absicht habe ich allerdings!“ lächelte er. „In Rußland

kann ich dir nichts nützen, denn ich kann ebensowenig Russisch wie du.

Und dann mein Asthma. Ich glaube auch, ich kann dir viel mehr nützen,

wenn ich hier bleibe. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, daß Dodd

hier irgendwo auf der Lauer liegt und nur auf deine Abreise wartet.

Denn anders ist euer Zusammentreffen in Berlin nicht zu erklären.“

„Aber wie?“ rief sie erschreckt. „Er wird seine Spur gefunden haben.“

„Oder das Telegramm!“ sprach er leise und deutete auf die Tür. „Die

Martha Zippel gefällt mir nicht mehr. Sie geht seitdem herum wie das

leibhaftige böse Gewissen. Der Sache muß ich auf den Grund kommen.“

„Er hat sie bestochen!“ rief Polly. „Sie horcht an den Türen, sie

spioniert uns aus.“

„An eine Bestechung glaube ich nicht!“ sprach er und wiegte das Haupt.

„Viel eher glaube ich, daß sie unter seinem psychischen Druck steht. Am

Ende hat er ihr die Heirat versprochen.“

„Dazu ist er fähig!“ fuhr Polly auf. „Liebeserklärungen gehören

anscheinend zu seinem Geschäft.“

„Machen wir die Probe aufs Exempel!“ erwiderte der Rat und drückte auf

die Glocke.

Obschon die Haushälterin draußen gehorcht, aber leider nichts erhorcht

hatte, verging doch eine geraume Zeit, bis sie eintrat.

„Wir haben eben ein Telegramm erhalten,“ sprach er und hob das Papier

vom Schreibtisch, „aus New York. Es kommt von einem gewissen Herrn

Dodd, Bobby Dodd, derselbe Herr, der vor einigen Wochen hier war. Er

zeigt uns seine Verlobung an. Und läßt Sie schön grüßen, Fräulein

Zippel.“

Die Angeredete erblaßte weder, noch wurde sie rot. Bobby Dodd in New

York? Das war ein Irrtum. Der wohnte im Hotel „Zum goldenen Kreuz“ auf

dem Strienauer Ringe und hatte sie erst gestern abend, als der Herr

Landgerichtsrat und sein Besuch im Konzert waren, in der Küche besucht.

So dumm war sie noch lange nicht, um auf solche Lügen hereinzufallen!

Sie hielt ihre Augen schon offen, damit der Herr Rat nicht ins Unglück

rannte. Und so bedankte sie sich ruhig und kühl für den fingierten Gruß

und verschwand wieder in die Küche. Das eine war sicher. Ein Telegramm

war angekommen. Und davon mußte sie Dodd in Kenntnis setzen. Aber

erst mußte sie es haben. Der Papierkorb war ihr erst morgen früh beim

Aufräumen erreichbar.

„Sie verstellt sich!“ sprach der Landgerichtsrat und hielt das

Telegramm über die brennende Gaslampe, daß es zu Zunder verkohlte.

„Sicher ist sicher. Wir wollen sie auch über dein Reiseziel gründlich

hinters Licht führen.“

Dann studierten sie zusammen das Kursbuch und setzten die Abreise auf

Montag abend fest. Die Haushälterin erfuhr vorläufig nichts davon.

Auch den Sonntag über sollte sie keinen Verdacht schöpfen können.

Polly wollte ganz allein und unauffällig ihren Koffer packen. Die

Uebersetzung des Telegramms barg sie in ihrem Handtäschchen.

Aber die unverehelichte Martha Zippel hatte längst Lunte gerochen.

Zwar verlief die Durchsuchung des Papierkorbs ohne Ergebnis, die

Zunderflocken auf dem Schreibtisch besagten ihr genug. Doch sie

überstürzte sich nicht. Erst am Nachmittag, wo sie ihren gewöhnlichen

Sonntagsspaziergang machte, ging sie ins „Goldne Kreuz“, um Bericht zu

erstatten.

Bobby Dodd lag in seinem Hotelzimmer auf dem Sofa und paukte russische

Vokabeln. Die Grammatik, die er sich in Berlin gekauft hatte, machte

bereits den Eindruck eines zerlesenen Schmökers. Er lernte mit eiserner

Energie. Mit russischen Verben ging er zu Bett, mit russischen

Redensarten stand er auf. Hastig nahm er seine Mahlzeiten ein, um ja

nichts von der teuren Zeit zu verlieren, denn jeden Tag konnte das

zweite Telegramm eintreffen. Er trug jetzt nur noch die Maske des

alten, distinguierten Theaterherrn.

Als er die Zippel am Klopfen erkannte, warf er die Grammatik weg und

sprang auf.

„Das Telegramm ist angekommen?“ rief er erregt. „Haben Sie es

mitgebracht?“

„Er hat es verbrannt, über der Lampe!“ flüsterte sie hastig. „Sie packt

schon den Koffer.“

„Und Sie wissen nicht, wohin sie reist?“ forschte er. „Damn! so laufen

Sie doch, daß sie uns nicht entwischt. Ich werde heute den ganzen Tag

am Telephon sitzen.“

Hals über Kopf stürzte sie davon. Aus ihrem

Sonntagsnachmittagsspaziergang wurde nichts. Als sie der

Landgerichtsrat durch den Garten kommen sah, runzelte er die Stirn.

„Es geht unbedingt etwas vor!“ sprach er zu Polly, die eben ihren

Koffer abgeschlossen hatte. „In dieser Verfassung habe ich meinen

Hausdrachen noch nie gesehen.“

Und schon riß er die Tür auf und stand der aufs höchste erschreckten

Martha Zippel gegenüber.

„Wo kommen Sie her?“ herrschte er sie an.

„Ich?“ rief sie bestürzt von dem gänzlich unerwarteten Angriff. „Ich

bin spazieren gegangen.“

Zäh wie Schuhleder! dachte der Landgerichtsrat und räumte das Feld.

Beim Abendessen sprach er zu der Haushälterin: „Meine Nichte reist

morgen abend nach Hamburg. Sorgen Sie dafür, daß um sieben Uhr eine

Droschke da ist.“

Fräulein Zippel schlief diese Nacht sehr schlecht. Immer glaubte sie im

Traum die Haustür gehen zu hören. Als sie aber am Morgen Pollys Koffer

im Garderobenzimmer und ihre Schuhe vor der Schlafzimmertür fand, ging

sie schnurstracks zum Telephon und verlangte die Nummer des „Goldnen

Kreuzes“. Dahin telephonierte sie immer, wenn eine Droschke gebraucht

wurde, denn vor diesem Hotel standen immer Droschken. Der Portier

pflegte dann die Bestellung an einen der Kutscher weiter zu geben.

Diesmal aber kam es etwas anders, weil Bobby Dodd das Hoteltelephon

unausgesetzt bewachte. Kaum meldete sich die Martha Zippel, so

stürzte Dodd auf den Hotelportier, dem er das Gespräch schon gestern

angekündigt hatte, und entriß ihm das Hörrohr. Auch der Landgerichtsrat

Pätsch lauschte auf das, was seine Haushälterin ins Telephon hineinrief.

„Schicken Sie heute abend um sieben eine Droschke her!“ befahl sie dem

vermeintlichen Portier. „Die Dame, die bei uns zu Besuch ist, will

abreisen.“

Sie bestellt die Droschke! dachte der Landgerichtsrat und legte sich

aufs andere Ohr.

„Allright!“ rief Dodd am andern Ende der Leitung. „Wohin reist sie?“

„Nach Hamburg!“ gab die Haushälterin zurück, die ihn sofort an der

Stimme erkannt hatte.

Schwindel! dachte er und hängte ab. Sie hat Argwohn geschöpft und will

mich auf eine falsche Fährte locken. Aber ich werde sie nicht aus den

Augen lassen.

Abends um sieben Uhr spazierte er bereits auf dem Bahnsteig hin und

her, zwei Fahrkarten hatte er in der Tasche, die eine nach Breslau,

die andere nach der russischen Grenzstation, denn die Züge aus beiden

Richtungen begegneten sich hier. Sein Gepäck hatte er im Hotel fertig

zum Absenden zurückgelassen. Nur eine kleine in Strienau gekaufte

Handtasche, die das Allernötigste barg, trug er in der Hand.

Polly nahm herzlichen Abschied von dem Onkel, der ihr ein Coupé des

Zuges öffnete, der von Breslau kam. Dodd stieg als alter Theaterherr

ins Nebencoupé. Da der Zug aus Durchgangswagen bestand, konnte er Polly

unauffällig überwachen.

So fuhren sie zusammen nach Rußland.

Peter Voß kam schon am nächsten Abend nach Moskau, wo er sich, ohne

von der Polizei behelligt zu werden, schon am folgenden Morgen den

Kreml beschaute. Zu seiner großen Ueberraschung war das nicht ein

Gebäude, sondern eine ganze Stadt, die mit einer fünftorigen Mauer

umgürtet war. Und das schlimmste war, jedes dieser fünf Tore konnte den

Anspruch erheben, ein Haupttor zu sein. Unter diesen Umständen war das

Rendezvous mit Polly reichlich verzwickt. Wie sollte er alle diese fünf

Tore gleichzeitig im Auge behalten! Er mußte ein Automobil requirieren

und Freitag mittag immer um den Kreml herumfahren, bis Polly an

irgendeiner Stelle auftauchen würde.

Sie erreichte Donnerstag abend Moskau. Ein alter, weißbärtiger Herr,

den sie unterwegs öfter gesehen hatte, war ihr in der Auswahl des

Hotels behilflich, als sie sich ratlos nach einem Wagen umschaute. Sie

bedankte sich und verlor ihn aus den Augen. Der Oberkellner des Hotels

sprach etwas Deutsch und Englisch und besorgte ihr am Freitag mittag

eine Droschke zum Kreml. Vor dem Erlösertor stieg sie aus, entlohnte

den Kutscher und wartete. Es war bereits eine Viertelstunde nach

zwölf. Gleich darauf sah sie den alten Herrn, den sie von der Fahrt

her kannte, mit zwei jüngeren Leuten herankommen. Er grüßte höflich

und betrachtete interessiert das wundertätige Heiligenbild, das in dem

Tor angebracht war. Seine beiden Begleiter schienen Fremdenführer oder

Bekannte zu sein, denn sie gaben ihm auf seine Fragen die gewünschten

Erklärungen.

Schon fünfmal war Peter Voß im schnellen Tempo rund um die goldene Burg

von Rußland gesaust, da erblickte er Polly. Er ließ das Auto etwas

abseits halten und trat langsam näher. In dem schmierigen Schafspelz,

den er trug, sah er weniger wie ein Student, mehr wie ein russischer

Viehhändler aus. Sie erkannte ihn nicht und wich scheu zur Seite, als

sie sein schmutziger Rock streifte.

„Polly!“ flüsterte er und ging weiter, entblößte vor dem Heiligenbild

andächtig den Kopf und stellte sich zu den drei Herren, die ihm

einigermaßen verdächtig vorkamen, denn sie konnten sich von dem Bilde

nicht trennen, obwohl sie weder wie Kunstverständige noch wie Pilger

aussahen.

Polly war erschrocken zurückgefahren, als ihr Name an ihr Ohr geklungen

war. Sollte dieser entsetzliche Bauer Peter Voß sein? Das war

unmöglich! Und sie verfolgte ihn mit ihren Blicken.

Peter Voß bemerkte es und ging wieder auf die Straße hinaus, in der

Hoffnung, daß ihm Polly unauffällig folgen würde. Allein sie war ihrer

Sache nicht sicher und rührte sich nicht vom Fleck.

Wer aber bereits seiner Sache sicher war, das war Bobby Dodd, der mit

zwei Kriminalpolizisten vor dem Heiligenbild stand.

„Aufgepaßt!“ flüsterte er. „Das ist er!“

Der eine Polizist lüftete darauf den Hut, als wenn er sich

verabschiedete, und ging auf die Straße, um dem Verbrecher den Rückzug

abzuschneiden.

Peter Voß entging das Manöver nicht, aber seine Sehnsucht nach Polly,

die blühend und reizend wie am Tage ihrer Hochzeit vor dem Tore

stand und nicht vorwärts und rückwärts wußte, ließ ihn die Gefahr

unterschätzen.

Er schritt wieder auf sie zu, um ihr im Vorbeigehen ein Erkennungswort

zuzurufen. Noch war er drei Schritte von ihr entfernt, schon leuchteten

ihre Augen in der Freude des Erkennens, da ließ sie ein scharfer

Trillerpfiff zurückschrecken.

„Da ist Dodd!“ flüsterte Peter Voß ihr schnell und unauffällig ins Ohr.

„Verrate mich nicht. Ich heiße Iwan Basarow.“

In demselben Augenblick wurde er von vorn und hinten gleichzeitig

gepackt.

„Hol mich der Teufel!“ fluchte er auf russisch. „Was soll das?“

„Guten Morgen, Mr. Voß!“ sagte der alte Theaterherr aus Strienau auf

englisch. „Mein Name ist Dodd.“

„Was will der Kerl?“ fragte Peter Voß verwundert. „Ich verstehe ihn

nicht.“

„Komm nur mit, du Millionendieb!“ schrie der eine Polizist und

bugsierte ihn mit Hilfe seines Kollegen in eine leere Droschke. „Das

übrige wird sich schon finden.“

Und fort fuhren sie mit ihm.

„Mrs. Voß!“ sprach Dodd und lüftete vor Polly höflich den Hut. „Haben

Sie die Güte, mir zu folgen!“

„So halten Sie den Vertrag!“ zischte sie ihn an.

„Sie haben ihn gebrochen, nicht ich!“ erwiderte er. „Sie haben gegen

mich gearbeitet, anstatt mir behilflich zu sein. Ich bedaure, daß ich

den Vertrag nicht wieder erneuern kann, denn ich habe endlich mein Ziel

erreicht.“

„Sie haben ihn noch nicht!“ rief sie und sah ihm fest in die

triumphierenden Augen. „Dieser Mann ist gar nicht Peter Voß. Ich werde

dafür sorgen, daß er wieder in Freiheit gesetzt wird. Denn Sie haben

ihn zu Unrecht verhaften lassen!“

Er biß sich auf die Lippen und winkte das leere Automobil heran, half

ihr beim Einsteigen und fuhr mit ihr aufs Polizeipräsidium.

Da hatte man bereits Peter Voß _alias_ Iwan Basarow in schärfstes

Kreuzverhör genommen. Polly bestritt entschieden seine Identität mit

ihrem Manne, und der untersuchende Polizeileutnant stierte ratlos auf

den echten Paß.

„Das ist Peter Voß!“ rief Dodd energisch. „Ich werde Beweise bringen.

Der Paß ist gefälscht.“

„Das ist nicht mein Mann!“ rief Polly. „Ich kenne ihn nicht.“

„Ich bin der Student Iwan Basarow!“ behauptete Peter Voß mit eiserner

Stirn und pochte auf seinen Paß. „Ich bin niemals in Amerika gewesen,

deshalb kann ich dort auch keine Millionen gestohlen haben. Und die

schöne Dame kenne ich auch nicht und bedauere lebhaft, daß sie nicht

meine Frau ist.“

Der Polizeileutnant schien derselben Meinung zu sein, strich sich

herausfordernd den Schnurrbart und sah Polly an wie der Fuchs die

reifen Trauben. Und da sie eine Amerikanerin war, ließ sie sich das

gern gefallen.

Daraufhin wurde das Protokoll geschlossen und Peter Voß festgehalten.

Als er ins Untersuchungsgefängnis abgeführt wurde, blickte ihm Polly so

teilnahmslos nach, als sei er wirklich niemand anders als der Student

Iwan Basarow, den sie zum ersten Male in ihrem Leben sah.

Sie ließ sich von Dodd ins Hotel bringen, wo er sich von ihr

beurlaubte. Mit Peter Voßens Photographie und seinem Fingerabdruck

bewaffnet, fand er sich wieder bei der Polizei ein. Aber er merkte

bald, daß er in Rußland war. Für den Polizeileutnant, der die

Untersuchung führte und der das Pulver nicht erfunden hatte, war ein

Fingerabdruck noch lange kein Beweis, und eine Photographie, die nicht

einmal stimmte, erst recht nicht.

Dodd sah ein, daß er nur etwas ausrichten konnte, wenn es ihm gelang,

Polly umzustimmen.

Allein sie war sehr hartnäckig und lehnte alles ab.

Peter Voß aber saß wieder einmal in einer sicheren Zelle. Seine

Brieftasche hatte man ihm gelassen. Und er nahm einen Fünfrubelschein

heraus und drückte ihn dem Wärter wortlos in die Hand. Dieser Mann ließ

sich gern bestechen und besah sich draußen den Schein im Lichte seiner

Laterne.

Der Kerl ist eine goldne Kuh! dachte er vergnüglich schmunzelnd. Und

ich werde ihn melken!

Peter Voß opferte noch einen Schein. Als aber der Wärter noch immer

keine Anstalten machte, ihn herauszulassen, knöpfte er seine Tasche zu.

Unterdessen war der Paß Iwan Basarows auf das eingehendste visitiert

worden und hatte sich als echt erwiesen. Allein eine Eintragung in der

Verdächtigenliste der politischen Polizei erwies sich als mindestens

ebenso echt. Danach war der Student Iwan Basarow vor knapp zwei Jahren

wegen politischer Geheimbündelei und Verschwörung zu zehn Jahren

Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt worden. Und die kurze Notiz, die

darunter stand, war wohl das Echteste vom Echtesten. Sie besagte nichts

anderes, als daß dieser notorische Verbrecher im dritten Monat seiner

Strafzeit mit mehreren anderen aus dem Bergwerk Petrokowskji bei Dui

auf Sachalin über die japanische Grenze entwichen war.

Dieser sehr wenig erfreuliche Bescheid ging nun mit Beschleunigung

an den untersuchenden Polizeileutnant zurück und wurde Peter Voß

vorgelesen.

„Bist du dieser schlechte Hund?“ brüllte ihn der Beamte an.

„Es ist möglich!“ bekannte Peter Voß nachdenklich. „Ich kann mich

auf jene Vorgänge nicht mehr so genau besinnen, da ich voriges Jahr

ein schweres Nervenfieber gehabt habe, wodurch mein Gedächtnis sehr

gelitten hat.“

Er wurde wieder in die Zelle gesperrt, und die Akten kamen an den

Gerichtshof der politischen Polizei. Da Peter Voß steif und fest

behauptete, Iwan Basarow zu sein, und nicht bestritt, aus Petrokowskji

ausgebrochen zu sein, lag die Sache sonnenklar.

Und stracks wurde er verurteilt, seine unterbrochene Zwangsarbeit in

dem Bergwerk Petrokowskji bei Dui auf Sachalin wieder aufzunehmen. Für

sein Entweichen bekam er weitere zehn Jahre zudiktiert.

Wenn es sein muß! dachte er und sträubte sich nicht, als man ihn in ein

anderes Gefängnis überführte. Wo dieser Iwan Basarow ausreißen konnte,

da finde ich wohl auch ein Loch. Von Sachalin nach Japan ist nur ein

Sprung.

Seine Brieftasche wurde mit Beschlag belegt, sein Vermögen der

Staatskasse für verfallen erklärt. Bobby Dodd zu benachrichtigen, fand

man gar nicht für nötig. Er erhielt erst Kunde davon, als er auf der

Polizei erschien, um sie sich selbst zu holen.

„Nach Sibirien!“ stieß er heraus, und zum ersten Male verließ ihn seine

Fassung. „Der Kerl ist toll! Es ist Peter Voß. Ich werde einen neuen

Beweis bringen.“

Und sofort eilte er zu Polly zurück, die noch beim Frühstück saß.

„Sie deportieren ihn nach Sibirien!“ rief er atemlos. „Der Mann, für

den er sich ausgibt, ist ein entflohener Sträfling.“

Polly legte das Messer hin und starrte ihn wortlos an. Sie glaubte ihm

einfach nicht. Diese Nachricht war nur erfunden, um sie aus der Fassung

zu bringen.

„Was werden Sie tun?“ fragte sie ruhig, nahm das Messer wieder auf und

strich sich den Honig aufs Brötchen.

„Ich werde ihm nachreisen!“ erwiderte er, noch immer außer sich. „Und

Sie müssen mitkommen, Mrs. Voß. Sie müssen seine Identität nachweisen.

Sie müssen ihn befreien.“

Jetzt merkte sie endlich, daß er die Nachricht nicht erfunden hatte,

und vor Schreck blieb ihr der Bissen im Halse stecken. Ein Zittern

überfiel sie. Sie bekam einen Erstickungsanfall. Schnell flößte er ihr

einen Schluck Wasser ein. Es gelang ihr, den Bissen zu bezwingen, damit

aber war auch der ganze Anfall vorüber.

„Ist es sehr schlimm, nach Sibirien transportiert zu werden?“ fragte

sie mit schwacher Stimme.

„O!“ rief er entsetzt. „Es gibt nichts Schlimmeres. Es ist die Hölle!“

Aber sie hatte sich schon gefaßt, griff wieder nach dem Brötchen und

versuchte schon, zu lächeln.

„Sie übertreiben,“ wehrte sie ab. „Ich glaube vielmehr, Mr. Voß hat das

kleinere Uebel gewählt. Ich kenne ihn. Er ist nicht verrückt. Er ist

nur sehr mutig. Ich werde ihm nachreisen. Und Sie, Mr. Dodd?“

„Ich werde mich Ihnen anschließen!“ sagte er und ließ sich auf den

Stuhl fallen. „Wenn Sie es erlauben.“

„Nur unter der Bedingung, daß wir unsern alten Vertrag erneuern!“

machte sie sich aus.

Wohl oder übel mußte er darauf eingehen.

So vertrugen sie sich wie zwei Gegner, die sich, dem Zwange der

Verhältnisse gehorchend, gegen einen dritten gemeinsamen Feind

verbinden mußten.

Und dieser gemeinsame Feind war Sibirien.

Eine Woche später brachen sie nach Osten auf und reisten sehr langsam.

Ueberall zogen sie Erkundigungen ein, ohne Erfolg. Von Iwan Basarow war

nichts zu hören, noch viel weniger von Peter Voß.

16.

Auch in Sibirien und sogar auf Sachalin merkte man endlich etwas vom

Frühling. Bobby Dodd und Polly warteten in Dui, wo sie sich in dem

einzigen, sehr primitiven Gasthaus eingemietet hatten, noch immer

vergeblich auf Peter Voß _alias_ Iwan Basarow. Er wollte nicht kommen.

Zweimal fuhr Dodd nach Wladiwostok hinüber und mußte, da der Amur

noch nicht eisfrei war, den Seeweg wählen, um sich nach Iwan Basarow

zu erkundigen. Allein die russischen Behörden zeigten ihm sehr wenig

Entgegenkommen. Das einzige, was er in Erfahrung zu bringen vermochte,

war, daß die Sträflingstransporte nach Sachalin über den Amur geleitet

wurden.

Zu den Erzählungen Dodds über den Millionendieb lächelte man in

Wladiwostok sehr skeptisch. Man neigte vielmehr ernstlich dazu,

Bobby Dodd für den Komplicen Iwan Basarows zu halten, und hielt ihn

schließlich auch wirklich dafür, als auf eine Anfrage von Dui der

Bericht einlief, daß dieser Mann, der vorgab, ein amerikanischer

Detektiv zu sein, mit der Frau des vermeintlichen Millionendiebes im

besten Einvernehmen Tür an Tür wohnte.

Jetzt fand Dodd überhaupt nur taube Beamtenohren. Der amerikanische

Konsul zuckte über seine Beschwerde mit den Achseln, da er ihm

beim besten Willen nicht helfen konnte, und verwies ihn auf den

inoffiziellen Weg der Bestechung.

Bobby Dodd holte sich aber erst für diese neuen, unerwarteten Ausgaben

auf telegraphischem Wege die Erlaubnis seines Auftraggebers ein.

Er hat ihn noch immer nicht erwischt! schmunzelte Jim Stockes mit einem

Blick auf die Kupferkurse, die endlich zum Stehen gekommen waren, und

telegraphierte sofort nach Wladiwostok zurück: Kosten Nebensache.

Erwarte, daß Sie ihn auf jeden Fall packen.

Darauf ging er in den Klub und zeigte seinen drei Pokerpartnern das

Telegramm.

„Er kriegt ihn!“ sprach Dick Patton seelensruhig.

„Abwarten!“ lachte Peacock. „Ich glaub’s nicht.“

„Ich auch nicht!“ schrie Splarks.

„Wetten!“ schlug Dick Patton vor. „Um die Kosten!“

Aber die beiden andern lachten nur.

„Ihr habt gut lachen!“ stöhnte Stockes. „Meine Millionen hat er längst

ausgegeben. Was soll ich tun?“

„Karten geben“, tröstete ihn Dick Patton, „und den Mut nicht verlieren.“

Peter Voß, der Millionendieb · 第 14 / 20 段