sie seit Wochen unter strengster Aufsicht hielt. Jeden Tag leerte
sie ihn. Diesmal lag nichts weiter darin als die acht Stücke des
zerrissenen Telegramms. Schnell ließ sie diese wohl beschädigte, aber
durchaus nicht vernichtete Posturkunde in der Tasche verschwinden.
Dann lief sie mit dem Marktkorb davon.
Zehn Minuten später pochte sie an Bobby Dodds Hotelzimmertür. Er putzte
sich gerade die Zähne.
„Sie fährt heut morgen nach Berlin!“ flüsterte sie hastig und legte das
Telegramm auf den Tisch.
„Ich auch!“ erwiderte Dodd und setzte seine Toilette fort. „Falls ich
ihn erwische, werde ich dafür Sorge tragen, daß Ihnen die Belohnung von
2000 Dollar ausgezahlt wird.“
Martha Zippel verdrehte die Augen und verabschiedete sich mit einem
tiefen, dankbaren Knicks. Dodd schaute nach der Uhr, klingelte dem
Kellner, bezahlte die Rechnung, gab Befehl, sein Gepäck an den Berliner
Zug zu befördern, klebte das zerrissene Telegramm sorgfältig zusammen,
steckte es ein und verwandelte sich wieder in den alten Theaterherrn.
Eine Stunde später stieg er in die Droschke, um zum Bahnhof zu fahren.
Der Portier griff verwundert an das Mützenschild. Den Gast sah er zum
ersten Male.
Polly und der Landgerichtsrat standen schon auf dem Perron und
warteten. Dodd hielt sich in respektvoller Entfernung.
Sein Herz fing wieder Feuer. Frisch und rosig glänzten Pollys Wangen.
Ihre Augen leuchteten. Aufgeregt schwatzte sie mit dem Onkel.
„Und das alles um einen infamen Millionendieb!“ knirschte Dodd und
ballte die Faust in der Tasche seines Ueberziehers, wo die blanke
Stahlfessel leise klirrte, bereit zum sofortigen Gebrauch.
Brausend schoß der Eilzug heran, und pustend rollte er nach einem
Aufenthalt von einer Minute davon. Polly ließ ihr Taschentuch flattern,
und der Onkel schwenkte den Hut.
Dodd aber vertiefte sich in die Geheimschrift des Telegramms. Da sich
Peter Voß bei der Niederschrift des alten Schlüssels bedient hatte, war
das Entziffern nicht schwer.
Zimmer 200-240? las er mit einiger Verwunderung. Er logiert also
bereits in einem dieser Zimmer. Das vereinfacht die Sache wesentlich.
Im Speisewagen ließ sich Polly nicht blicken. Erst in Berlin bekam er
sie wieder zu Gesicht. Auf dem Bahnhof Friedrichstraße stieg sie aus
und fuhr im Automobil zum Hotel Esplanade.
Dodd hatte es nicht so eilig. Er übergab seinen Gepäckschein einem
Dienstmann mit der Weisung, die beiden großen Koffer und die
Handtasche, deren Verschluß er sorgsam prüfte, ins Hotel Esplanade zu
schaffen.
Dann fuhr er aufs Polizeipräsidium, um sich zu legitimieren und sich
die Unterstützung der Behörde zu sichern. Nach einer viertelstündigen
Konferenz mit dem Direktor der Kriminalabteilung machte sich Dodd in
Begleitung eines mittleren Beamten in Zivil nach dem Esplanade-Hotel
auf.
Hier war Polly eben abgestiegen und hatte sich Zimmer 217 geben lassen.
Xaver Tielemann _alias_ Peter Voß hatte sie nicht ankommen sehen, denn
er war gerade mit dem Gepäckfahrstuhl im dritten Stock. Aber ihren
Koffer kannte er um so genauer. Er stürmte damit den Gang entlang und
platzte, ohne anzuklopfen, ins Zimmer hinein. Polly hatte gerade ihren
Hut abgelegt und ordnete sich vor dem Spiegel ihr Haar.
„Empörend!“ rief sie außer sich. „Können Sie denn nicht anklopfen?“
„Nein!“ grinste Xaver Tielemann, der Hausdiener, stellte den Koffer auf
den Bock, schloß die Tür ab und ging auf Polly los. „Hier wird das so
gemacht!“
Schon wollte sie losschreien, da erkannte sie ihn an seinen
Augenwinkeln.
„Peter!“ seufzte sie und sank ihm in die Arme. „Endlich!“
Zehn Minuten dauerte es, bis sie sich sattgeküßt hatten. Xaver
Tielemann sprang auf, nahm in die linke Hand seine Mütze, in die
rechte die Türklinke und machte ein linkische Verbeugung.
„Wünschen das gnädige Fräulein sonst noch was?“ grinste er höflich.
„Aber Peter!“ rief sie und die Freudentränen standen ihr in den Augen.
„Du bist hier wirklich Hausknecht?“
„Xaver Tielemann ist mein Name!“ erwiderte er mit einem Bückling. „Und
wenn das gnädige Fräulein wieder so nett zu mir sein will, dann komme
ich heut abend wieder. Aber nichts verraten!“
Er legte den Finger auf den Mund und war draußen. Polly sank auf einen
Stuhl und schaute wie geistesabwesend in den Spiegel.
„O Peter, Peter!“ seufzte sie halb glücklich, halb unglücklich. „Was
bist du doch für ein schrecklicher Mensch!“
Als Xaver Tielemann wieder mit seinem Fahrstuhl im Hausflur war, bekam
er von dem Portier einen gehörigen Rüffel. Ein ganzer Berg Koffer
wartete schon auf ihn. Mit hurtigen Griffen schleppte er sie zum
Fahrstuhl. Der Portier hatte auf jedes Gepäckstück die Zimmernummer mit
Kreide geschrieben.
„Wohin soll das?“ fragte der Hausdiener und wies auf die letzten beiden
Koffer und eine größere Tasche, die etwas abseits standen.
„Ist noch nicht bestimmt!“ erwiderte der Portier und drehte sich um.
Strienau! las Peter Voß mit steigendem Argwohn auf dem Bahnzettel
dieser drei Gepäckstücke. Sollte das Dodd sein?
Und sofort verschwand er mit der Tasche im Gepäckfahrstuhl. Leise zog
er die Tür zu und drehte den Hebel. In der dritten Etage hielt er an.
Hier konnte ihn keiner überraschen. Die Tasche trug am Schloßbügel
den Namen einer großen Kofferfirma in St. Louis. Da verging Peter Voß
der letzte Zweifel. Er stieg aus und holte sich aus dem Dienstzimmer
einen Draht. Den bog er so lange in dem Schloß herum, bis der Riegel
zurückschnappte. Das erste, was ihm in die Finger kam, war seine
Brieftasche.
Schon wollte er sie in seine Tasche stecken. Da stutzte er plötzlich.
Bemerkte Dodd den Verlust, mußte sein Verdacht sofort auf den
Hausdiener fallen.
Unter dieser Bedingung hätte Peter Voß sofort das Weite suchen müssen.
Aber das wollte er schon um Pollys willen nicht. Die 4000 Dollar liefen
ihm nicht fort. Rasch legte er die Brieftasche an den Ort zurück,
wo er sie gefunden hatte, da klirrte etwas. Eine feine, elegante
Stahlfessel mit zwei Handschellen. Er zog sie heraus. Das Ding konnte
ihm sehr unangenehm werden.
Muß konfisziert werden! dachte er und ließ sie in seine Hosentasche
gleiten.
Dann verschloß er die Handtasche und verteilte die einzelnen
Gepäckstücke in die Zimmer.
Die Handtasche nahm er wieder mit ins Vestibül hinunter und stellte sie
neben die beiden Koffer.
Jetzt hieß es, auf der Hut zu sein, um Dodd nicht gradenwegs in die
Arme zu laufen.
Der saß unterdessen mit dem Kriminalbeamten im Salon des Hoteldirektors
und weihte ihn in seine Mission ein.
„Ich werde natürlich mit der größten Vorsicht zu Werke gehen,“
beruhigte er ihn, „ich bitte aber um Ihr wertes Entgegenkommen. Es
kann Ihnen doch nicht angenehm sein, einen derartigen Verbrecher zu
beherbergen.“
„Weshalb nicht?“ gab der Generaldirektor lächelnd zurück. „Ich
unterscheide nur zwischen zahlungsfähigen und zahlungsunfähigen Gästen.“
„Die Dame hat Zimmer 217. Ich muß eins von den anliegenden Zimmern
haben,“ fuhr Dodd fort. „Vorausgesetzt, daß eine Tür dazwischen ist.“
„Gewiß! Zwischen den meisten unserer Zimmer sind Doppeltüren,“
erwiderte der Direktor und blätterte in der Tagesliste. „Aber beide
anliegende Zimmer sind besetzt.“
„Dann muß ein Gast umquartiert werden,“ sprach Dodd energisch. „Geben
Sie ihm ein besseres Zimmer.“
„Allright!“ antwortete der Direktor lächelnd. „Wenn er darauf eingeht
und Sie die Differenz bezahlen.“
Damit erklärte sich Dodd einverstanden. Der Direktor telephonierte
einmal nach Zimmer 218, dann nach Zimmer 216, dann mit der Zentrale,
und die Sache war für ihn erledigt. Der Gast aus 216 war damit
einverstanden, nach Zimmer 141 überzusiedeln.
„216!“ sagte der Portier und schrieb mit Kreide die Nummer an die
beiden Koffer und an die Handtasche. Xaver Tielemann trug die
Gepäckstücke in den Fahrstuhl.
Zwei Minuten später schleppte er sie in das Zimmer 216, wo der
ausquartierte Gast eben mit Packen beschäftigt war. Peter Voß
benachrichtigte seinen Kollegen vom unteren Korridor, die Sachen zu
holen.
Dodd ließ sich vorerst nicht sehen. Er war so diskret, seinen Vorgänger
erst ausziehen zu lassen.
Am besten ist es, ich kneife sofort aus! dachte Peter Voß und pochte an
die Tür des Nebenzimmers, um von Polly Abschied zu nehmen.
Doch sie war nicht da. Er bekam sie auch in den folgenden Stunden nicht
zu Gesicht, wie sehr er sich auch nach ihr umsah. Sie war offenbar
ausgegangen.
Um sechs Uhr wurde er abgelöst und zog sich in seine Schlafkammer
zurück. Er holte die Fessel ans Licht und studierte ihren Mechanismus.
Die Handschellen standen offen. Beim geringsten Druck schnappte ein
Haken ein, der sich automatisch sicherte. Peter Voß durchzuckte ein
guter Gedanke. Er suchte sich eine Feile und begann diese Haken zu
verbessern. Es war ein mühseliges Stück Arbeit. Aber seine Ausdauer
wurde belohnt. Er probierte mehrmals. Der Haken schnappte wohl ein,
aber er öffnete sich von selbst wieder, wenn man kräftig an der Kette
riß. Er legte sich die schmalen Stahlreifen an die Handgelenke, ließ
sie einschnappen und riß daran und sofort fielen sie ab. Nun blieb nur
übrig, die verbesserte Fessel wieder in Dodds Handtasche zurück zu
praktizieren. Doch das hatte seine Schwierigkeiten.
Dodd schickte sich inzwischen an, mit Zimmer 217 in kriminalistische
Verbindung zu treten. Zu diesem Zwecke entnahm er seinem Koffer ein
eigentümliches Instrument eigener Erfindung, den Empfänger eines
lautsprechenden Telephons, der wie ein Schlüssel geformt war. Die
aufnehmende Membrane hatte die Größe des Schlüsselbartes.
Er öffnete die innere Zwischentür und steckte das Instrument durch
das Schlüsselloch der zweiten. Die Schwierigkeiten, die sich ihm
entgegenstellten, besiegte er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit.
Zuerst überzeugte er sich, daß Polly nicht anwesend war, dann stieß
er den Schlüssel, der auf der anderen Seite steckte, zurück, daß er
klirrend herunterfiel, und verbog mit einem Meißel die jenseitige
Lochplatte. Nun schob er seinen niedlichen Apparat hindurch, so daß die
Membrane wie ein ovaler Knopf unter der Türklinke in das andere Zimmer
hineinragte, und schaltete den Strom ein, indem er den Kontakt in die
Steckdose seiner Nachttischlampe drückte.
Dann horchte er angespannt. Deutlich hörte er das Ticken einer
Taschenuhr. Und er nickte befriedigt. Auch das leiseste Gespräch
konnte man mit diesem ingeniösen Maschinchen behorchen, nur mußte man
aufpassen, daß der Apparat nicht lauter sprach als der Belauschte.
Zu diesem Zweck war ein veränderlicher Stromwiderstand eingeschaltet,
der vermittelst eines kleinen Hebels bedient werden konnte.
Dodd zog den Horcher zurück, schob den Meißel ins Schlüsselloch,
damit der drinnen heruntergefallene Schlüssel nicht wieder ins Loch
zurückgesteckt werden konnte, und wartete. Das war überhaupt seine
Stärke.
Gegen acht Uhr kehrte Polly heim und wartete auf Peter. Doch der saß
jetzt im Dienstzimmer und beobachtete den großen Schaltkasten an der
Wand, der bald diese, bald jene Nummer zeigte. Dazu gab es draußen auf
dem Korridor lautlose Lichtsignale.
Es war ihm im übrigen etwas schwül zumute. Am einfachsten war es,
Fersengeld zu geben, ohne erst von Polly Abschied zu nehmen. Denn daß
Dodd im Nebenzimmer auf der Lauer lag und jeden bei seiner Nachbarin
Aus- und Eintretenden überwachte, war so gut wie sicher. Er hätte es an
seiner Stelle genau so gemacht.
Dodd lauschte, das Ohr am Schlüsselloch, und stellte fest, daß
Polly außerordentlich unruhig war. Sie erwartete ihren Mann, den
Millionendefraudanten. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und
drückte auf den untersten Klingelknopf. Dodd streckte den Kopf durch
die Korridortür. Das Lichtsignal wies auf den Hausdiener.
Hm! dachte Dodd, ohne Argwohn zu schöpfen, und brachte wieder das Ohr
ans Schlüsselloch.
Ein Gespräch mit dem Hausdiener zu belauschen, dazu genügte sein
natürlicher Horchapparat.
„Nummer 217!“ rief ein Kellner. „Hausdiener!“
Xaver Tielemann hob den Kopf. Jetzt war es zu spät zum Auskneifen. Er
mußte ins Gefecht. Und er stand auf und tat seine Pflicht.
Ohne anzuklopfen, öffnete er Pollys Tür.
Das ist der Hausdiener nicht! dachte Dodd argwöhnisch. Sollte das schon
der Verbrecher sein?
Und schon hatte er die Gewißheit seiner Vermutung.
„Peter!“ rief Polly und fiel ihm um den Hals.
„Um Gottes willen!“ flüsterte er hastig. „Nur leise, Dodd ist nebenan.“
Dodd verstand nichts von dem, nur den Ausruf Pollys hatte er gehört.
Und der genügte ihm vollkommen. Er wich nicht von seinem Platze.
Zwei Wege standen ihm offen. Entweder sofort hinüberzustürzen und den
Mann zu verhaften, oder weiter zu lauschen. Es handelte sich aber in
erster Linie um die gestohlenen Millionen. Wie nahe lag es, daß die
beiden den Versteck des Geldes in ihrem Gespräch erwähnen würden.
Und sofort schob Dodd seinen Horchapparat geräuschlos durchs
Schlüsselloch. Das ging nicht allzuschnell. Bis der Strom
eingeschaltet war, hatte Peter Voß seine Frau bereits in alles
eingeweiht.
„Hast du Geld?“ fragte er leise.
Sie gab ihm alles, was sie hatte.
„Morgen früh reise ich nach Rußland!“ flüsterte er. „Du kehrst zum
Onkel zurück und wartest auf mein Telegramm.“
„Aber heut nacht bleibst du bei mir!“ erwiderte sie schämig.
„Wie gerne!“ erwiderte er leise und küßte sie herzhaft. „Aber es geht
wirklich nicht. Ich muß Stiefel putzen und Kleider bürsten.“
Jetzt begann Dodds Apparat zu arbeiten. Er hörte einen langen, innigen
Kuß und verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Morgen früh zwischen fünf und sechs komme ich noch einmal!“ tönte des
Verbrechers Stimme deutlich aus der Horchkapsel.
Dann klappte die Tür.
Dodd fuhr mit dem Kopf auf den Korridor hinaus. Aber er kam um den
Bruchteil einer Sekunde zu spät. Der Verbrecher sauste eben um die Ecke.
„Macht nichts!“ schmunzelte Dodd und rieb sich die Hände. „Jetzt hab
ich ihn!“
Daß das Lichtsignal erloschen war, beachtete er nicht in seiner
freudigen Erregung. Für ihn logierte der Dieb als Hotelgast in einem
der Zimmer von 200-240.
Es ging auf zehn Uhr. Dodd stellte seinen Wecker auf vier Uhr und
kleidete sich aus. Auch die lästige Maske legte er ab. Den Anzug und
den Ueberrock hing er zum Reinigen in den kleinen Schrank zwischen den
Doppeltüren. Auch seine Stiefel stellte er hinaus. Die Handschellen
ließ er, seiner Gewohnheit nach, in der linken Ueberrocktasche stecken.
An denen vergriff sich doch keiner.
Dann legte er sich schlafen.
Um elf Uhr begann Xaver Tielemann die Stiefel der Gäste zu sammeln,
schrieb die Zimmernummern auf die Sohlen und trug sie in die
Putzkammer. Seine einmal übernommenen Pflichten wollte er wenigstens
noch einmal erfüllen. Und er schmierte und bürstete drauf los, daß
es nur so rauchte. Pollys kleine Stiefelchen nahm er zuerst vor und
erzeugte darauf einen Glanz, daß er sich darin spiegeln konnte. Bei
den andern gab er sich lange nicht so viel Mühe, und auf Dodds Stiefel
spuckte er nur verächtlich und fuhr einmal _pro forma_ mit der Bürste
darüber. Dann stellte er die Fußbekleidungsstücke wieder zwischen die
verschiedenen Doppeltüren und sammelte die Garderobenstücke. Dodds
Anzug und Ueberrock wollte er zur Strafe ungereinigt hängen lassen.
Da fühlte er etwas Hartes, sonderbar Geformtes in der Tasche des
Ueberrocks.
Noch eine Stahlfessel!
Und er änderte augenblicklich seine schnöde Absicht und nahm den
Ueberrock mit. In der Putzkammer angelangt, vertauschte er die beiden
Fesseln miteinander. Die unverbesserte steckte er ein, um sie morgen
aus der Eisenbahn zu werfen.
Dann bürstete er die Jacken und Hosen seiner Gäste, daß ihm der
Berliner Staub in Wolken um die Nase flog, und brachte alles wieder
an seinen Ort zurück. Damit waren seine Hausdienerpflichten erfüllt.
Es war ein Uhr. Er bat den wachthabenden Kellner, ihn um fünf Uhr zu
wecken, warf sich angekleidet aufs Lager und schlief sofort ein.
Um vier Uhr schnurrte Dodds Wecker. Da er die Zwischentür geschlossen
hatte, wurde Polly von dem Geräusch nicht geweckt, obschon sie sehr
unruhig schlief und alle Stunden nach der Uhr sah.
Leise holte er Stiefel, Anzug und Ueberrock herein, fühlte nach der
Handschelle und begann sich anzukleiden. In die rechte Tasche versenkte
er einen geladenen Revolver. Sogar den Hut tat er auf den Kopf. Dann
setzte er sich auf den Stuhl und nahm das Hörrohr in die Hand. Denn
das Gespräch der beiden mußte er auf jeden Fall belauschen. Sobald
der Verbrecher wieder aus dem Zimmer trat, wollte er ihn festnehmen.
Diesmal sollte er ihm nicht entschlüpfen!
Und er lauschte mit angespannter Aufmerksamkeit.
Kurz vor fünf Uhr erhob sich Polly und machte sehr schnell Toilette.
Sie hüllte sich in ihren Morgenrock und schob den Riegel zurück.
Noch eine Viertelstunde verging. Da huschten leise Schritte über
den Läufer, und die Tür nebenan wurde geöffnet und sofort wieder
geschlossen.
Wieder hörte Dodd einen langen, innigen Kuß, der ihm naturgemäß großes
Unbehagen verursachte.
„Du willst wirklich fort?“ flüsterte Polly.
„Es bleibt dabei!“ erwiderte Peter Voß ebenso leise, wie fest
entschlossen. „Ich gehe nach Rußland. Und du mußt sehen, wie du Dodd
abschütteln kannst. Eher können wir uns nicht treffen.“
„Aber wie soll ich das machen?“ seufzte sie an seinem Halse.
„Du mußt eben selbst dein Köpfchen anstrengen,“ erwiderte er. „Fahr
zum Onkel zurück, der wird schon wissen, was zu machen ist. Ich
telegraphiere frühestens von Warschau.“
Du wirst nicht nach Warschau kommen! dachte Dodd und schlich auf den
Korridor hinaus.
Noch fünf Minuten stand er, dann streckte Peter Voß seinen Kopf heraus,
um zu sehen, ob die Luft rein sei.
Mit einem fabelhaft schnellen Griff hatte ihn Dodd am Kragen und drehte
ihm die Luft ab.
Peter Voß schlug mit Armen und Beinen um sich und hatte plötzlich die
Fessel an den Handgelenken. Das brachte ihn sofort zur Besinnung.
Keuchend lehnte er in der offenen Doppeltür. Polly sank in Ohnmacht.
„Hinein!“ schnaubte Dodd und stieß den endlich erwischten Verbrecher
ins Zimmer. „Da in die Ecke und Hände hoch!“
Damit zog er den Revolver.
Peter Voß grinste, stellte sich in die Ecke und tat die Arme in die
Höhe. Die Kette, mit der er gefesselt war, maß etwas über einen Meter.
Sie spannte sich über seinem Kopfe. Aber er hütete sich, sie zu stark
anzuziehen.
Immer mit der rechten Hand auf ihn zielend, hob Dodd jetzt die
zusammengesunkene Polly vom Boden auf und legte sie auf den Diwan, über
den ganz lose ein dicke, weiche Decke gebreitet war.
Polly kam zu sich und schrie auf.
„Mrs. Voß!“ sprach Dodd zu ihr, ohne die Waffe auch nur einen
Millimeter aus der Zielrichtung zu lassen. „Beruhigen Sie sich. Sie
sehen, ich erfülle nur den Vertrag, den wir in New York geschlossen
haben. Der Verbrecher ist ohne die Mitwirkung der Polizei in meiner
Gewalt.“
„Er ist ja gar kein Verbrecher!“ rief sie und wankte auf Peter Voß
zu. „Er hat die Millionen ja gar nicht gestohlen. Es ist ja nur eine
Fiktion!“
Aber Dodd vertrat ihr den Weg. Eins war ihm nun klar. Polly war keine
Verbrecherin, sie war von diesem verabscheuungswürdigen Menschen nur
getäuscht worden.
„Ich habe ihr was vorgelogen!“ sagte Peter Voß und grinste hämisch wie
ein mehrfach rückfälliger Verbrecher. „Natürlich habe ich die Millionen
gestohlen!“
„Peter!“ schrie Polly außer sich und sank verzweifelt auf das Sofa.
„Wollen Sie das Geld herausgeben?“ fragte Dodd.
„Darüber ließe sich reden!“ erwiderte Peter Voß ganz vernünftig.
„Aber erst stecken Sie das Schießeisen weg und lassen mich die Arme
herunternehmen. Sie schlafen mir sonst ein.“
„Nun wohl!“ versetzte Dodd und steckte den Revolver weg. „Nehmen Sie
die Arme herunter, aber nach hinten, und gestehen Sie, wo Sie das Geld
versteckt haben. Sobald ich es in Händen habe, sind Sie frei.“
„Na!“ sagte Peter Voß gemütlich und nahm die Arme nach hinten herunter,
daß er die Kette im Rücken hatte. „Das will überlegt sein. Sie erlauben
wohl, daß ich mich ein wenig setze.“
Damit ging er zum Diwan und setzte sich auf das niedrige Ende. Die
dicke Decke war etwas heruntergerutscht. Dodd ließ ihn nicht aus den
Augen und deckte sich den Rücken mit dem Tisch. Den Revolver steckte er
ungesichert in die rechte Ueberrocktasche. Polly saß da, starr wie eine
Bildsäule. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Was würde nun kommen!
„Hm!“ sprach Peter Voß nachdenklich, lehnte sich etwas hintenüber und
stützte sich auf, daß seine Hände an die Kante der Diwandecke kamen.
„Also ich soll die Millionen herausgeben. Sie können sich denken, daß
das für mich sehr bitter ist. Aber um der Sache ein Ende zu machen. Sie
sollen sie haben!“
Dabei faßte er krampfhaft in die Decke hinein.
„Es freut mich, daß Sie so vernünftig sind!“ rief Dodd, ganz Gentleman.
„Wo liegt das Geld? Hier in Deutschland? Ein Telephon steht hier. Wir
können die Sache hier in diesen vier Wänden abmachen.“
„Jawohl, das können wir!“ meinte Peter Voß gemütlich. „Lassen Sie sich
mal mit der Deutschen Bank verbinden.“
Dodd griff das Hörrohr und setzte sich gleichzeitig.
In diesem Augenblick schnellte Peter Voß in die Höhe, mit ihm die
Diwandecke, und vor Dodds Augen wurde es plötzlich pechfinster. Er fuhr
mit der Hand in die Tasche, machte aber zu seiner größten Bestürzung
die Wahrnehmung, daß er sie nicht mehr herausbringen konnte. Der
Ueberfall war zu planmäßig geschehen, als daß er nicht hätte glücken
sollen. Peter Voß hatte ihm die schwere Decke über den Kopf gezogen
und ihm über der Decke mit der Kette der Handschellen die Ellenbogen
festgeschnürt. Beim Ruck des Knotenknüpfens waren sie ihm von den
Händen geglitten.
Dodd fiel auf den Diwan und schrie aus Leibeskräften um Hilfe. Allein
die dicke Decke erstickte seine stimmlichen Anstrengungen zu einem
Gemurmel. Er strampelte mit den Beinen.
Peter Voß nahm die zweite Fessel aus der Tasche und knotete ihm die
Füße zusammen. Dann wickelte er den Unterkörper kunstgerecht in die
Steppdecke des Bettes und band sie mit der Vorhangschnur fest. Auch die
Tischdecke und sogar die Telephonlitze mußten daran glauben. Mit einem
Wort: er machte aus Dodd in wenigen Minuten ein gutverschnürtes Paket,
das auf dem Diwan lag und nur durch leises Zucken verriet, daß Leben in
ihm war.
Polly erholte sich von ihrer Erstarrung.
„Er erstickt!“ rief sie, entsetzt von der Kaltblütigkeit ihres Mannes.
Peter Voß zog sein Messer, tastete nach Dodds Nase und schnitt an
dieser Stelle ein winziges Löchlein in die Decke.
„So!“ sagte er direkt an Dodds Ohr und zog dessen Nasenspitze ans
Licht. „Schreien Sie nicht, Mr. Dodd, sonst mache ich das Loch wieder
zu. Und bewegen Sie sich nicht, sonst verrutscht es, und Sie enden als
Selbstmörder.“
Polly wankten die Knie vor Angst.
„Wenn es entdeckt wird!“ stöhnte sie auf.
„Dann bin ich längst über der Grenze!“ lachte Peter Voß froh und rieb
sich die Handgelenke. „Doch man kann in diesen Dingen nicht vorsichtig
genug sein. Laß mich nur machen.“
Schnell entschlüpfte er in Dodds Zimmer und riß den Horchapparat aus
dem Schlüsselloch.
„Schließ auf!“ rief er und pochte an.
Polly suchte mit zitternden Fingern den heruntergefallenen Schlüssel.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das lange Zeit nicht benutzte
Schloß bezwungen hatte. Als die Tür endlich nachgab, sah sie Peter Voß
in Dodds Kleiderkoffer wühlen.
„Was tust du da?“ rief sie entsetzt.
„Ich zieh mich um!“ lachte er nur und stieg in Dodds Hosen, die ihm
ausgezeichnet paßten. Sie hatten beide die Durchschnittsfigur.
Zuletzt fischte er sich aus der Handtasche seine Brieftasche heraus.
Dann trug er Dodd ins Zimmer 216 zurück, legte ihn fein säuberlich aufs
Bett und zog ihm noch einmal die Nase durchs Loch.
„Leben Sie wohl, Mr. Dodd!“ rief er ihm ins Ohr. „Wollen Sie nicht bald
das Rennen aufgeben?“
Ein dumpfes, unverständliches Gemurmel war die Antwort.
Peter Voß schloß die beiden Zwischentüren und küßte Polly herzhaft ab.
Dann sprang er zur Korridortür.
„Und ich?“ rief Polly und hing sich an ihn.
„Du fährst zum Onkel zurück!“
„Aber Dodd wird mir nachkommen!“
„Ich telegraphiere!“ rief er und war mit einem Satz draußen.
Das letzte, was sie von ihm sah, war Dodds steifer Hut, der ihm etwas
schief und sehr unternehmungslustig auf den braunen Haaren saß.
Glücklich kam er aus dem noch schlafenden Hotel, ohne mit Xaver
Tielemann, dem Hausdiener, verwechselt zu werden.