Die zweitausend Mille werden nicht weit davon sein! dachte er ganz

logisch und machte sich daran, die Waben aus der oberen Etage in die

untere, leere zu hängen. Jetzt aber fingen die Bienen an, den Humor

zu verlieren. Es blieb ihm nichts übrig, als im Finstern weiter zu

arbeiten, denn sobald das Licht aufblitzte, hatte er einige dieser

rabiaten Immen im Gesicht zu kleben.

Etwas mühsam! dachte er kaltblütig, ohne sich abschrecken zu lassen.

In diesem Stock fanden sich die Millionen nicht. Schnell packte er die

Strohmatten hinein und schloß ihn.

Jetzt kam der andere Stock an die Reihe.

Der Gedanke, daß die zwei Millionen in diesem zweiten Stock lagen, war

ihm nun zur absoluten Gewißheit geworden. Und mutig ging er gegen die

Waben vor, die voll schwarzer, ganz gefährlich summender Bienen hingen.

Jetzt ließ er stechen, was stechen wollte! Immer hastiger wurden seine

Bewegungen, den Stock bis zur hintersten Wabe zu durchforschen. Als er

die letzte Wabe herauszog, stürzte ein Klümpchen der kleinen schwarzen

Bestien auf den Boden des Stockes. Im Nu zerteilte er sich. Zwanzig

Stachel bohrten sich ihm gleichzeitig ins Gesicht. Nur noch einen

letzten Blick wagte er in den Stock zu werfen.

Das Geld war wirklich nicht darin!

Dann nahm er Reißaus. In der Eile verfehlte er die Gartenpforte und

setzte über den Zaun, wo er am Stacheldraht die Hälfte seines linken

Ueberrockflügels zurückließ.

Zu Fuß legte er den Weg nach Strienau zurück. Morgens gegen fünf

Uhr traf er im Hotel ein. Der verschlafene Hausknecht, den er

herausklingelte, erkannte ihn nicht wieder, so verschwollen war die

nähere und weitere Umgebung seiner Nase. Er konnte kaum aus den Augen

sehen. Mit wilder Hast stürmte er die Treppen hinauf und vergrub das

brennende Gesicht in der Waschschüssel. An Schlaf war nicht zu denken.

Er mußte in einem fort kühlen und immer wieder kühlen.

Morgens um acht Uhr, als es hell wurde, lag er auf dem Sofa, ein nasses

Handtuch über sein verbeultes Gesicht gebreitet, und gab sich Mühe,

seinen Schmerz mannhaft zu verbeißen. Nicht einmal auf die Straße

durfte er sich wagen! Noch viel weniger ins Zuchthaus gehen.

Allein die Millionen lagen sicherlich bei dem Landgerichtsrat! Das war

wenigstens ein Erfolg.

Um diese Zeit ging Minkwitz, kurz bevor die Schule begann, in den

Garten. Hier entdeckte er sofort den Einbruch in die Bienenstöcke,

denn der zweite Stock stand offen.

Aergerlich über diese Frechheit des Amerikaners entfernte er die Spuren

des nächtlichen Einbruchs. Dann ging er ins Schulzimmer, ließ das

Morgengebet sprechen und behandelte mit den Kindern der Mittelstufe das

siebente Gebot.

13.

Peter Voß hatte sich in Breslau inzwischen umkostümiert. Ein

Trödler hinter dem Neumarkt nahm den schönen landgerichtsrätlichen

Biberpelz gegen einen lächerlich geringen Preis in Zahlung, und

Peter Voß ging aus dem dunklen Laden mit der schäbigen Eleganz eines

heruntergekommenen Hausmaklers hervor.

Bei der Umkleidung hatte er bemerkt, daß er die Schlüssel des Onkels

in der Eile mit eingesteckt hatte. Auf dem nächsten Postamt legte

er sie in eine leere Zigarrenkiste, tat die goldene Brille, die ihm

jetzt nur hinderlich war, dazu und überlegte, ob er Polly nicht einen

schönen Gruß mitschicken sollte. Er riß ein Telegrammformular vom

Nagel und setzte die Feder an. Aber getreu seinem Grundsatz, lieber

ein bißchen mehr Vorsicht anwenden, als gerade nötig war, und um sich

im Chiffrieren zu üben, schrieb er die Mitteilung nicht in Buchstaben,

sondern in Zahlen nieder. Zu dem Zweck bezeichnete er die Buchstaben

des Alphabets mit den Ziffern von 1-24, doch so, daß er zuerst die

ungeraden und dann die geraden Zahlen nahm.

Mochte sich der Onkel ein bißchen den Kopf zerbrechen! Er würde es

schließlich doch herauskriegen.

Und überdies war die Mitteilung, die er schließlich auch jederzeit

widerrufen konnte, nur vorbereitender Natur. Dann legte Peter Voß das

Formular in die Zigarrenkiste und schickte sie, gehörig verschnürt und

mit der Adresse versehen, eingeschrieben an den Landgerichtsrat Pätsch.

Dann überlegte er, wie er seine Brieftasche aus dem Bienenstock in

Pograu wiederbekommen könnte. Am sichersten war’s, er holte sie sich

selbst. Und da er sich über Strienau nicht wagen durfte, wollte er es

von der anderen Seite versuchen.

Aber es eilte damit nicht. Erst mußte er sich einen russischen Paß

besorgen. In Berlin, das wußte er, konnte er leicht einen bekommen.

Aber er blieb vorerst in dem gemütlichen Breslau, schlief in einem sehr

anrüchigen Gasthaus einer versteckten Winkelstraße, wo die dunkelsten

Ehrenmänner zu verkehren pflegten, und nannte sich ganz unverfänglich

Franz Lehmann.

In einem Blatt fand er die erfreuliche Nachricht, daß der Sträfling

Emil Popel auf eine geradezu raffinierte Art und Weise aus dem

Strienauer Zuchthaus entwichen war. Auf seine Ergreifung und

Wiedereinlieferung war keine Belohnung ausgesetzt worden. Ein

Urkundenfälscher war der Justiz nicht so wertvoll wie ein Millionendieb.

Dodd hatte den ganzen Vormittag sein Gesicht mit Salmiakgeist behandelt

und konnte gegen Mittag riskieren, wieder unter die Leute zu gehen. Er

fuhr in der Droschke zum Zuchthaus und hörte hier von dem Direktor, wie

der vermeintliche Emil Popel den Weg zur Freiheit gefunden hatte.

Dodd verzog keine Miene. Der Ausnahmezustand seines Gesichts war dazu

nicht sonderlich geeignet.

„Wissen Sie auch,“ fragte er den Direktor, „daß der Landgerichtsrat

Pätsch der Onkel dieses von mir verfolgten Peter Voß ist?“

„Was wollen Sie damit sagen?“ rief der Direktor empört.

„Nicht viel mehr,“ versetzte Dodd, „als daß ich diese Flucht für das

Resultat einer Verabredung zwischen Onkel und Neffen halte.“

„Herr!“ fuhr der Direktor entrüstet auf. „Welch einen Verdacht wagen

Sie da auszusprechen. Sie bezichtigen ja den Landgerichtsrat geradezu

der Gefangenenbefreiung!“

„Das tue ich!“ sagte Dodd kühl. „Weil ich von Ihnen soeben gehört habe,

daß der Mann, den Sie für Emil Popel, ich aber für Peter Voß halte,

nach der Flucht in das Haus des Landgerichtsrats Pätsch eingedrungen

ist. Seine Frau war anwesend und hat ihm weitergeholfen. Ihre Ausrede,

daß sie den Flüchtigen für den Landgerichtsrat gehalten hat, ist

unglaubwürdig.“

„Aber das ist ja Wahnsinn!“ rief der Direktor und griff sich an die

Stirn.

„Durchaus nicht!“ antwortete Dodd. „Warum soll ein Landgerichtsrat

gerade gegen die unheimlich bestechende Wirkung von zwei Millionen

Dollar gefeit sein? Sein Gehalt beträgt nicht acht Millionen Mark.

Ferner habe ich mich längst davon überzeugt, daß Onkel und Neffe sich

sehr ähnlich sehen.“

„Na also!“ rief der Direktor. „Daher die Verwechslung mit dem

Landgerichtsrat.“

„Sie halten Peter Voß doch für Emil Popel!“ warf Dodd ein.

„Nein! Ja!“ rief der Direktor, dem die Sache nun doch zu bunt wurde.

„Das Ganze ist nichts anderes als eine amerikanische Phantasterei.“

Dodd erhob sich. Er hatte kein Interesse mehr daran, den Direktor eines

Besseren zu überzeugen. Peter Voß war nicht mehr im Zuchthaus, also

mußte er irgendwo anders gefaßt werden, falls die Millionen nicht bei

dem Landgerichtsrat lagen.

Es galt jetzt, das Versteck zu finden, ohne daß die beiden Komplicen

Argwohn schöpften.

Er fuhr ins Hotel zurück und entnahm dem einen seiner Koffer eine

geflickte, blaue Arbeitsbluse, ein Paar teerfleckige Hosen, eine

schmierige Mütze und machte sich im Gesicht und an den Händen

einige Schmutzflecke. Dann steckte er in die Brusttasche ein Bund

Nachschlüssel und in die Hosentasche Rohrzange, Meißel und Feilen, und

der Gasarbeiter als Einbrecher war fertig.

In diesem Aufzuge begab er sich auf die Feldstraße und untersuchte

eingehend die ersten drei Gaslaternen von der Ecke an gerechnet.

Die dritte stand vor dem 25. Hause. Nach einer halben Stunde traten

der Landgerichtsrat und Polly heraus, offenbar angelockt von dem

strahlenden Wetter. Dem Onkel hatte der gestrige Baldriantee so gut

getan, daß er weder im Bett noch im Zimmer zu halten war, sondern

durchaus seinen Spaziergang machen wollte.

Kaum waren sie um die Ecke, begehrte der vermeintliche Gasarbeiter

Einlaß. Die unverehelichte Martha Zippel öffnete, aber die

Sicherheitskette löste sie vorerst nicht.

„Ich muß die Gasleitungen untersuchen!“ sagte Dodd mürrisch und fuhr

sich mit den Teerfingern ins Gesicht, als wenn er sich schneuzen müßte.

„Bei uns ist alles in Ordnung!“ erwiderte die Haushälterin und wollte

die Tür zuschlagen.

Aber er hatte schon den Fuß zwischen Tür und Schwelle gesetzt.

„Das können Sie gar nicht beurteilen!“ meinte er ärgerlich. „Ehe Sie

sich’s versehen, kommt eine Explosion, und die ganze Bude fliegt in

die Luft. Und Sie mit. Wenn Sie mich nicht hineinlassen, hol ich die

Polizei.“

Nun bekam sie es doch mit der Angst, und die Sicherheitskette fiel.

Zuerst ging er in den Keller, wo die Gasmesser standen, und leuchtete

mit dem brennenden Streichholz die Röhren entlang. Wie ein richtiger

Gasarbeiter, der es mit seiner Aufgabe außerordentlich genau nimmt,

klopfte er auch die Wände ab.

Die Haushälterin schaute ihm eine Weile zu, dann wurde es ihr doch zu

langweilig, und sie ging wieder in die Küche hinauf.

Darauf hatte er nur gewartet. Er ließ die Gasröhren und Streichhölzer,

zog die elektrische Taschenlampe und begann den ganzen Keller zu

durchsuchen. Sogar die Gläser mit dem Eingemachten nahm er vom Bord

herunter. Kein Winkel, kein Kasten, keine Mauernische war vor ihm

sicher. Selbst in dem Kohlenhaufen wühlte er herum. Das ging nicht ohne

Rumor ab.

„Was machen Sie denn da?“ rief die Haushälterin von oben. „Sind Sie

denn noch nicht fertig?“

„Nur Geduld!“ erwiderte er und kam die Kellertreppe herauf. „Da unten

ist alles in Ordnung. Was ist denn das hier für ein Zimmer?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, trat er ins Schlafzimmer und kroch

zunächst unter das breite Bett des Landgerichtsrats.

„Da sind doch gar keine Gasröhren!“ rief sie.

„Aber Gas!“ belehrte er sie und krebste mit Händen und Füßen weiter.

„Wenn nämlich so ein Gasrohr in der Mauer platzt, dann dringt das Gas

in die Wände und kommt irgendwo heraus, wo man es gar nicht ahnt.“

Und wieder strich er ein Streichholz an.

„Aber ich rieche doch nichts!“ begehrte sie auf.

„Dann schaffen Sie sich nur eine bessere Nase an!“ riet er ihr

wohlwollend. „Ich rieche es. Und wo ich was rieche, da muß ich meine

Pflicht tun. Sie brauchen gar keine Angst zu haben, daß ich was

einstecke. Wenn ich hier aus dem Hause gehe, werde ich meine Taschen

umkehren, nur damit Sie ruhig schlafen können.“

Da ließ sie ihn wieder allein, und er durchsuchte das ganze

Schlafzimmer von unten bis oben, von einer Ecke bis zur anderen. Er

klopfte die Wände ab, um Gasröhren zu suchen und um Millionen zu finden.

Plötzlich klang die Wand hohl. Da befand sich ein Stahlschränkchen.

Aber weder Türritze noch Schlüsselloch waren zu entdecken.

Aha! dachte er und ging ins Nebenzimmer, wo der Schreibtisch des

Landgerichtsrats stand. Hier fand er die Tür des Wandschränkchens mit

einem kunstvoll geschnittenen Schlüsselloch. Aber er zog nicht die

Nachschlüssel heraus. Der breite Schreibtisch, dessen Türen und Fächer

unverschlossen waren, erweckte sein Interesse in weit höherem Maße.

Fanden sich hier die Millionen, dann brauchte er nicht das Schränkchen

zu öffnen. Mit schnellen Fingern begann er in den Fächern zu wühlen,

immer bereit, auf den nächsten Stuhl zu springen, von dem aus er die

Gaskrone, die in der Mitte des Zimmers hing, erreichen konnte.

Doch die Haushälterin ließ ihn in Frieden. Aber weder die Millionen

noch irgend ein Beweis für das Einverständnis zwischen Onkel und

Neffen kamen zum Vorschein. Nun machte sich Dodd an den breiten,

zweitürigen Bücherschrank, ohne aber irgendwie seinem Ziele näherkommen

zu können. Endlich war noch eine alte geschnitzte Truhe und das

Zigarrenschränkchen zu untersuchen. Als diese Arbeit beendet war, hatte

sich die Wahrscheinlichkeit, daß die beiden Millionen im Wandschrank

lagen, bedeutend erhöht.

Jetzt half nichts mehr, das Schloß mußte daran glauben. Schon zuckte

seine Hand nach dem Schlüsselbund, da erklang draußen die Glocke. Der

Landgerichtsrat und Polly, von dem Spaziergang aufs beste angeregt und

erfrischt, kamen zurück.

Sofort sprang Dodd zum Schreibtisch und fuhr mit dem brennenden

Streichholz an dem Gummischlauch der Schreibtischlampe hin und her.

„Nanu?“ rief der Rat, als er ins Zimmer trat und den fremden Mann

bemerkte. „Was machen Sie denn hier?“

„Er kontrolliert die Gasleitung!“ erklärte die Wirtschafterin.

„Ach so!“ sagte der Rat und ließ sich in den weichen Sessel am Fenster

gleiten, wo er sich mit Behagen eine von seinen nikotinfreien Zigarren

ansteckte.

Den Nervenchok von gestern schien er völlig überwunden zu haben.

Polly nahm ihm gegenüber Platz. Dodd kontrollierte seine Gasleitung

und beobachtete die beiden heimlich. Aber sie sprachen nur von

gleichgültigen Dingen und von den Leuten, die sie unterwegs getroffen

hatten.

Da kam die Wirtschafterin herein und verlangte eine größere Summe

Geldes, um eine Rechnung zu bezahlen. Der Rat erhob sich sofort und

griff in die Tasche.

„Wo sind denn meine Schlüssel?“ fragte er verwundert.

Polly wurde rot, sie dachte sofort an Peter.

„Also hat dieser Emil Popel auch meine Schlüssel mitgehen heißen?“ rief

der Rat mehr vergnügt als ärgerlich und wandte sich darauf an Dodd.

„Sie, Gasmann, können Sie wohl ein Schloß aufmachen?“

„Ja!“ erwiderte Dodd mürrisch. „Wenn ich nur einen guten Nachschlüssel

habe. Schicken Sie doch die Haushälterin zum nächsten Schlosser!“

Martha Zippel mußte laufen. Dodd beschäftigte sich weiter mit seinen

geliebten Gasröhren, turnte auf den Tisch und leuchtete das Rohr an der

Decke ab, das zur Gaskrone führte. Zufällig fiel sein Blick zum Fenster

hinaus, wo eben ein gelber Postwagen um die Ecke bog und vor dem Hause

hielt. Der Postbeamte brachte ein kleines Paket, so groß wie eine

Zigarrenkiste. Polly öffnete der Kürze halber das Fenster.

„Es scheint ein Schlüsselbund drin zu sein!“ meinte der Beamte und

bedankte sich für das Trinkgeld.

„In der Tat!“ sprach der Rat sichtlich erfreut, nachdem er die Schnur

durchschnitten und die Kiste geöffnet hatte. „Dieser Emil Popel besitzt

mehr Anstand, als ich glaubte.“

Dann brachte er ein ziemlich großes Bund durch täglichen Gebrauch

blankgeschliffener Schlüssel heraus.

Polly packte unterdessen die goldene Brille aus.

„Sieh da!“ rief der Rat, auf das angenehmste überrascht, und bekam

plötzlich ein Telegrammformular in die Finger.

In diesem Augenblick trat die Haushälterin mit den Nachschlüsseln

herein.

„Es ist nicht mehr nötig!“ winkte ihr der Landgerichtsrat ab. „Ich habe

soeben die Schlüssel wiederbekommen.“

Die unverehelichte Martha Zippel stand, als wüßte sie nicht aus noch

ein, während der Landgerichtsrat das Wandschränkchen öffnete, ihm

einiges Geld entnahm, das Telegrammformular hineinlegte und die kleine

Eisentür wieder verschloß.

Dodd entging nicht die kleinste Bewegung.

„Hier haben Sie Geld!“ sagte der Rat zur Haushälterin. „Und die

Nachschlüssel tragen Sie nur gleich wieder zurück.“

„Schließen Sie aber vorher den Haupthahn zu!“ sagte Dodd von oben

herab. „Ich muß die ganze Krone auseinandernehmen. Es wird gleich

schlecht riechen im Zimmer. Und geraucht darf jetzt hier drin auch

nicht werden.“

„Da ist es wohl besser, wir gehen so lange in dein Zimmer hinauf!“

sprach der Rat zu Polly.

Und Dodd war endlich wieder allein. Er schraubte jedoch nicht die

Gaskrone auseinander, sondern ging sofort mit seinen Nachschlüsseln

dem Wandtresor zu Leibe. Das nicht allzu kunstvoll gebaute Schloß

konnte seiner langjährigen Uebung nicht widerstehen. Die Tür gab nach,

aber die zwei Millionen kamen nicht zum Vorschein. Nur ein größerer

Betrag an Bargeld war vorhanden. Und für die Schuldscheine und

Hypothekenpapiere, die dabei lagen, interessierte sich Dodd nicht.

Was aber sein höchstes Interesse hervorrief, das war das

Telegrammformular, auf dem drei lange Reihen von Ziffern standen. Das

war eine chiffrierte Mitteilung von Peter Voß. Vielleicht gab sie über

den Aufenthalt der Millionen Aufschluß.

Dodd setzte sich kaltblütig an den Schreibtisch und nahm eine Abschrift

davon. Auch die Umhüllung des Pakets, die der Rat in den Papierkorb

geworfen hatte, steckte er ein. Dann legte er das Telegramm an seinen

alten Platz zurück und verschloß den Schrank.

Noch eine Stunde suchte er in der Wohnung herum, bis er sich zu der

Ueberzeugung bequemen mußte, daß das Geld anderswo versteckt war. Im

25. Hause auf der Feldstraße war es nicht.

„Sind Sie endlich fertig?“ giftete sich die Haushälterin, als der die

Haustür öffnete. „Drehen Sie einmal Ihre Taschen um.“

„Guten Abend!“ sagte Dodd und ging hinaus.

Im Hotel angekommen, verwandelte er sich wieder in den Gentleman und

machte sich an die Enträtselung der Ziffernreihen. Bald hatte er den

Schlüssel gefunden und konnte die vielsagenden Worte zusammenstellen:

Berlin, nicht Warschau. Genaue Zeit und Treffpunkt kommt telegraphisch.

Tausend Grüße an Dich und Onkel. Dein Peter.

Dann prüfte Dodd die Umhüllung des Pakets. Es war in Breslau aufgegeben

worden.

Um dieselbe Zeit hatte auch der Onkel das Telegramm entziffert. Polly

wollte sofort nach Berlin abreisen. Aber der Onkel mahnte zur Geduld.

Nun sollte er ihr versprechen, sie zu begleiten.

„Nach Berlin?“ lächelte er. „Dorthin findest du schon allein.“

Nachdenklich schritt Dodd in seinem Zimmer auf und ab. Seine

Voraussetzungen waren bestätigt worden. Der Defraudant stand mit dem

Landgerichtsrat in bestem Einvernehmen und durch dessen Einfluß war

Polly mit ins Komplott gezogen worden.

Und hier wurde Dodd von seiner beruflichen Härte verlassen. Polly

konnte er sich als Hehlerin durchaus nicht vorstellen. Um sie zu

retten, mußte Peter Voß vernichtet werden. Dieser Mann war gar nicht

verrückt! Ins Zuchthaus gehörte er, nicht ins Sanatorium! Der Vertrag

mit Polly war gelöst. Jetzt hatte Dodd in der Auswahl seiner Mittel

freie Hand. Und er schwor es sich zu, diesem Verbrecher gegenüber

gleich zu den schärfsten Mitteln zu greifen.

Er holte nun aus dem Koffer zwei feine stählerne Handfesseln, steckte

die eine in die Tasche seines neuen Ueberrockes, denn der alte hing zum

Teil am Stacheldraht des Pograuer Schulzaunes, und die andere Fessel

zur Reserve in die Handtasche.

Darauf ließ er sich telephonisch mit dem Hause des Landgerichtsrats

verbinden und hatte Glück, daß sich die Haushälterin meldete. Er gab

sich zu erkennen und bat um ihre Hilfe. Dazu war sie mit Freuden

bereit.

„Ich muß Sie heute Abend noch sprechen!“ sagte er. „Ich bin gegen elf

Uhr an der Küchentür.“

Die unverehelichte Martha Zippel erwartete ihn und ließ ihn ein.

„Sie sind schon zu Bett gegangen!“ flüsterte sie.

Dodd beruhigte sie zunächst darüber, daß er nichts gegen den

Landgerichtsrat vorhätte, sondern nur gegen den Besuch.

„Diese Frau ist eine Verbrecherin!“ sagte er leise. „Ich will ja nicht

behaupten, daß sie dem Herrn Rat nach dem Leben trachtet, aber passen

Sie gut auf, sie hat es jedenfalls auf ihn abgesehen.“

„O Gott!“ entfuhr es der Haushälterin. „Ich denke, die ist schon

verheiratet!“

„So eine Amerikanerin setzt sich über alles hinweg. Horchen Sie nur

fleißig an den Türen. Sie erweisen dem Herrn Rat einen großen Dienst

damit. Er wird es Ihnen später noch einmal danken, wenn er es jetzt

auch noch nicht einsieht. Schreiben Sie alles, was Sie Verdächtiges

sehen und hören, auf und schicken Sie es mir ins Hotel „Zum goldenen

Kreuz“. Oder noch besser, geben Sie es für mich beim Portier ab. Vor

allen Dingen suchen Sie die Telegramme zu erwischen. Durchsuchen Sie

stets den Papierkorb. Die Telegramme, die nur Ziffern enthalten, sind

mir besonders wichtig. Wenn irgend etwas am Tage vorfällt, komme ich um

elf Uhr abends hierher. Es soll Ihr Schaden nicht sein.“

Und damit drückte er ihr ein Zwanzigmarkstück in die Hand, kehrte ins

Hotel zurück und wartete. Nur in der Dunkelheit ging er aus, und dann

noch verkleidet, um die beiden Komplicen nicht argwöhnisch zu machen.

Aber es kam vorläufig nichts an den Tag, wie sehr auch die Haushälterin

die Ohren spitzte und den Papierkorb durchwühlte. Es kam kein Telegramm

aus Berlin noch sonstwoher.

Doch Dodd war zähe und blieb in Strienau. Solange Polly da war, hatte

er nicht den geringsten Grund, abzureisen. Wie die Sachen jetzt lagen,

brauchte er sich nur an ihre Fersen zu heften, um sicher auf Peter Voß

zu stoßen.

Am vierten Abend nach der Flucht ging Dodd in der Dämmerung über die

Bahnhofstraße. Der Landgerichtsrat und Polly kamen ihm entgegen.

Schnell drückte er sich in den Schatten eines Baumes und hörte, wie

Polly sehr lustig auflachte und sich eng an den alten Herrn schmiegte.

Sollte sie so verdorben sein? fragte sich Dodd wehmütig.

Und er blieb in Strienau, Peter Voß in Breslau, bis der Vorrat im

Portemonnaie des Onkels auf die Neige ging. Dann fuhr er vierter Klasse

nach Berlin.

14.

In Berlin machte sich Peter Voß _alias_ Franz Lehmann sofort daran,

mit dem Manne in Verbindung zu treten, der einen schwungvollen Handel

mit guten unverfälschten Legitimationspapieren trieb. Er selbst bekam

diesen dunklen Ehrenmann nicht zu Gesicht. Die Papiere gingen durch

drei, vier Hände, ehe sie zu ihm gelangten. An russischen Pässen war

kein Mangel. Peter Voß zahlte die Taxe, wobei der Inhaltsrest des

landgerichtsrätlichen Portemonnaies dahinschwand, und bekam zwei

schöne, vertrauenerweckende Papiere mit einem Signalement, das mit den

Angaben des Fahndungsblattes aufs Haar genau übereinstimmte. Es war ein

russischer Paß, der auf den Studenten Iwan Basarow lautete, und ein

deutsches Militärpapier, das für den Hausknecht Xaver Tielemann aus

Feldmoching bei München ausgestellt worden war.

Mit kritischen Blicken musterte Peter Voß diese Namen.

Zuerst wollte er es als Xaver Tielemann versuchen.

Eine halbe Stunde später stand er vor dem Generaldirektor des

Esplanade-Hotels in Berlin. Es war ein vornehmer Herr, der mühelos die

fünf Weltsprachen beherrschte, nur Russisch konnte er nicht. Damit

konnte aber Peter Voß aufwarten.

„Wo sind Sie zuletzt in Stellung gewesen?“ fragte der Generaldirektor,

dem dieser Xaver Tielemann auf den ersten Blick gefiel.

„Als Obersteward auf einem amerikanischen Dampfer,“ erklärte Peter Voß

mit eiserner Stirn. „Wir haben bei Kap Hatteras Schiffbruch erlitten,

wobei ich meine ganzen Effekten verloren habe. Ich habe mich dann als

Trimmer herüberarbeiten müssen.“

„Es ist zwar keine Stelle frei,“ sagte der Generaldirektor. „Aber wir

können Sie ja einmal versuchsweise einstellen als Hausdiener, für den

Gepäckfahrstuhl und die Zimmer 200-240.“

So wurde Peter Voß als Xaver Tielemann Hausdiener im Esplanade-Hotel.

Er ließ sich den Bart abnehmen, erhielt eine grüne Schürze und eine

grüne Mütze mit geradem Schild, auf der der Name Esplanade in goldenen

Messingbuchstaben glänzte, und stellte sich im Hoteleingang an den

Gepäckaufzug. Der würdevolle Portier war sein direkter Vorgesetzter.

Um neun Uhr abends kam das langersehnte Telegramm in Strienau an,

eine halbe Stunde später hatte es der Landgerichtsrat entziffert. Es

lautete: „Erwarte Dich umgehend Hotel Esplanade Berlin, Zimmer 200-240.

Peter.“

Polly packte sofort ihre Koffer und wollte noch mit dem Abendzug

abreisen.

„Aber Kind!“ rief der Onkel beinahe eifersüchtig. „So eilt die Sache

denn doch nicht.“

Also wurde die Reise auf den nächsten Morgen festgesetzt. Polly

bestellte das Frühstück bei Martha Zippel, und zwar eine halbe Stunde

früher als sonst.

Die lag schon längst auf dem Sprunge, das Telegramm zu erwischen. Der

Landgerichtsrat zerriß es dreimal und warf es in den Papierkorb. Es

hatte seine Schuldigkeit getan.

Die Haushälterin schlief diese Nacht ebenso schlecht wie Polly; bei

Polly war die freudige Aufregung der Grund, bei Martha Zippel das böse

Gewissen.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 12 / 20 段