regungslos mit fast geschlossenen Augen auf dem Sofa. Und er sah, wie
Polly dem alten Herrn einen Blick zuwarf, der das Geheimnis, das sie
verband, blitzartig beleuchtete.
Das arme Kind! dachte Dodd bei sich und kam wieder hoch.
„Was soll das heißen!“ rief Polly und rang die Hände. „Sie wollen ihn
nicht weiter verfolgen? Das ist gegen unsere Abmachung.“
„O nein!“ lächelte Dodd schwach. „Ich bin fertig. Ich werde Stockes &
Yarker den Auftrag zurückgeben, und wenn mein ganzes Renommee darüber
zugrunde geht. Ich bekenne offen, Peter Voß ist mir über.“
„Ha!“ stieß sie heraus: es sollte bedauernd klingen, war aber der
blanke Triumph.
„Sie wollen wirklich die Verfolgung aufgeben?“ mischte sich der Rat ins
Gespräch.
„Jawohl!“ erwiderte er geknickt und wandte sich an Polly. „Ich werde
noch heute abreisen. Werden Sie mich begleiten?“
„Was denken Sie von mir!“ rief sie empört. „Wenn Sie die Flinte ins
Korn werfen, ich weiß, was meine Pflicht ist. Ich werde nicht eher
ruhen, bis ich ihn gefunden habe.“
„Ich glaube auch, daß Sie mehr Glück haben werden, als ich gehabt
habe!“ erwiderte er leise und erhob sich. „Leben Sie wohl, Mrs. Voß.“
Sie begleitete ihn bis zur Haustür und reichte ihm hier zum Abschied
die Hand, auf die er seine Lippen preßte.
Er hatte längst erkannt, daß er die Partie nur gewinnen konnte, wenn er
sie aufgab. Und nachdenklich ging er ins Hotel zurück.
„Gewonnen!“ rief Polly und fiel dem Onkel um den Hals.
„Immer langsam!“ mahnte er sie. „Nur nicht zu früh jubeln! Dieser Dodd
ist durchaus kein Dummkopf. Der hat es faustdick hinter den Ohren
sitzen, obschon er aussieht, als könnte er kein Wässerlein trüben. Um
uns das zu erzählen, brauchte er nicht zurückkommen. Das hätte er auch
schreiben können.“
„Aber er ist doch verliebt in mich!“ rief sie und schmiegte sich an ihn.
„Dann freilich!“ sprach er lachend und gab ihr einen Kuß. „Das kann ich
verstehen.“
„Wo mag Peter sein?“ fragte sie und breitete ihre Arme aus.
„Er wird sich schon melden!“ beruhigte er sie. „Ich denke mir, wenn er
irgendwo in Sicherheit ist, wird er uns benachrichtigen. Also Geduld,
mein liebes Herz!“
Dodd aber fuhr nicht nach Amerika, sondern nur nach Konradswaldau, dem
Geburtsort Emil Popels. Es galt, Peter Voß mit stärkeren Mitteln zu
beschwören. Und dank seiner Weltgewandtheit brachte er es zustande, daß
der Amtsvorsteher, ein dicker, reicher Gutsherr, der Küster und der
Gendarm sich bereit erklärten, mit ihm nach Strienau zu fahren, um den
Millionendieb zu entlarven.
Hier von Konradswaldau aus sandte Dodd an Jim Stockes ein sehr
hoffnungsvolles Telegramm.
Peter Voß aber lag auf der Pritsche und überdachte seinen genialen
Fluchtplan zum eintausendunddritten Male bis in die fernsten Winkel.
Wenn nicht das Zuchthaus abbrannte oder der Himmel einfiel, dann mußte
es gelingen. Darauf schlief er ein.
Jim Stockes hielt am nächsten Morgen das Telegramm in Händen, das ihm
Dodd geschickt hatte. Es lautete: Hoffe in spätestens vier Wochen mit
dem Millionendieb einzutreffen. Er sitzt bereits in Haft.
„Aus!“ stöhnte Stockes und sank mit zitternden Händen und schlotternden
Knien in den Stuhl.
Dann zerriß er das Telegramm in kleine Stücke und warf es wütend in den
Papierkorb.
12.
Am folgenden Morgen erschien Dodd mit seinen drei Kronzeugen und in
Begleitung des Direktors bei Peter Voß.
„Kennen Sie diese Leute?“ fragte Dodd auf englisch.
„Es tut mir leid!“ erwiderte Peter Voß auf deutsch. „Polnisch verstehe
ich nicht.“
Dodd preßte die Lippen zusammen und wiederholte die Frage auf deutsch.
„Gewiß!“ antwortete Peter Voß und nahm all seine Kombinationskraft
zusammen. „Das ist der Amtsvorsteher, bei dem ich Schreiber war, das
ist der Gendarm aus Konradswaldau, und das ist der Schulmeister.“
„Falsch!“ rief der. „Ich bin der Küster.“
„Na ja!“ machte Peter Voß wegwerfend. „Schulmeister und Küster, das ist
doch dasselbe.“
„Eben nicht!“ sprach der Amtsvorsteher. „Wir haben in Konradswaldau
einen Schulmeister und einen Küster. Das müssen Sie doch wissen.“
„Ich hab mich nur versprochen!“ meinte Peter Voß mit Gleichmut.
„Erkennen Sie in diesem Menschen den Urkundenfälscher Emil Popel
wieder?“ wandte sich Dodd siegesgewiß an den Gendarm.
Der wiegte das behelmte Haupt hin und her. Auch dem Amtsvorsteher
schien die wahrheitsgemäße Beantwortung dieser Frage sichtlich schwer
zu fallen.
„Emil Popel ist das nicht!“ antwortete der Küster, der überhaupt nicht
gefragt worden war, und die anderen beiden Zeugen nickten schließlich
dazu.
Diese Behauptung kam dem Direktor überaus unerwartet.
„Kerl!“ fuhr er Peter Voß zornig an. „Willst du jetzt endlich gestehen,
wer du bist?“
„Ich hab nichts zu gestehen!“ erwiderte Peter Voß eigensinnig.
„He!“ schrie der Direktor, rot vor Wut. „Heraus mit der Sprache, oder
ich setz dich auf Wasser und Brot.“
„Dagegen kann ich mich nicht wehren!“ meinte Peter Voß verstockt.
„Was sagen Sie zu so einer Frechheit!“ wandte sich der Direktor an Dodd.
„Ich glaube, wir können das Verhör einstweilen schließen!“ antwortete
der. „Es genügt mir vor der Hand, Sie überzeugt zu haben, daß dieser
Emil Popel nicht der richtige Emil Popel ist.“
Der Direktor verließ die Zelle und diktierte draußen dem Sträfling, der
sich für Emil Popel ausgab, drei Tage Wasser und Brot.
„Wenn der Mann ein Geständnis machen will, führen Sie ihn sofort zu
mir,“ sprach er zu dem Wärter und ging mit Dodd wieder in sein Bureau.
Die drei Kronzeugen wurden entlassen, nachdem ihnen Dodd ihre Auslagen
erstattet hatte. Es ging alles auf Kosten der Firma Stockes & Yarker.
„Sind Sie nun überzeugt?“ fragte Dodd.
„Beinahe!“ erwiderte der Direktor. „Ich werde ihn schon mürbe kriegen!
Wenn er nicht bald ein umfassendes Geständnis ablegt, lasse ich ihn an
die Mauer schließen.“
„Das tun Sie nur!“ meinte Dodd hartherzig. „Der Mensch hat das zehnfach
verdient. Vor allen Dingen versuchen Sie ihm zu entlocken, wo er die
Millionen versteckt hat.“
„Da können Sie sich auf mich verlassen!“ rief der Direktor. „Wenn ich
erst hinter eine Sache hake, dann kommt sie sicher ans Tageslicht.“
„Ich hoffe,“ fuhr Dodd fort, indem er den Hut nahm, „daß ich auch ohne
sein Geständnis schließlich das Geld aufstöbere. Ich werde mich heute
abend sofort auf die Suche machen. Finde ich es, werde ich unverzüglich
den Antrag auf Auslieferung stellen. Außerdem werde ich dafür sorgen,
daß Ihnen die ausgesetzte Belohnung von 2000 Dollar ausgezahlt wird.“
Damit war der Direktor mehr als zufrieden und schüttelte ihm schon im
voraus dankbar die Hand.
Dodd hielt sich nicht lange in Strienau auf. Er mußte vermeiden, mit
Polly oder dem Landgerichtsrat zusammenzutreffen. Und er machte, daß er
nach Pograu hinüberkam.
Um diese Zeit klingelte Peter Voß den Wärter herbei und begehrte, vor
den Direktor geführt zu werden, da er ein Geständnis zu machen hätte.
„Aha!“ rief der Wärter erfreut und packte ihn fest am Arm.
Mit einer geradezu erbarmungswürdigen Miene trat Peter Voß über die
Schwelle des Bureaus.
„Sieh da!“ rief der Direktor, noch erfreuter als der Wärter, der sich
auf seinen Wink hinaus begab und vor der Tür Posto faßte. „Also du
willst ein Geständnis ablegen. Heraus damit! Du bist nicht Emil Popel?“
„Nein!“ erwiderte Peter Voß und ließ den Kopf hängen. „Ich heiße Franz
Müller.“
„Kerl, wenn du lügst!“ drohte der Direktor.
„Aber lieber Herr Direktor!“ jammerte Peter Voß in herzbewegenden
Tönen. „Mir ist gar nicht zum Lügen zumut. Ich hab noch viel, viel
Schlimmeres auf dem Gewissen als eine Urkundenfälschung.“
„Hast du die Millionen gestohlen?“ forschte der Direktor.
„Leider nicht!“ meinte Peter Voß ganz kleinlaut. „Wenn ich das getan
hätte, dann hätte ich wohl nichts Schlimmeres getan.“
„Du hast also noch andere Straftaten auf dem Gewissen?“
„Ja!“ erwiderte Peter Voß in weinerlichem Tone. „Und furchtbar schlimme
dazu. Meinetwegen sitzen zwei Unschuldige im Zuchthaus lebenslänglich.
Und jetzt schlägt mich das Gewissen so, immer wie mit einer Keule auf
den Kopf, besonders des Nachts, wenn ich so allein liege, daß ich mir
nicht anders helfen kann. Und nun will ich ein Bekenntnis ablegen, daß
die beiden unschuldigen Leute herauskommen.“
„Vorwärts, vorwärts!“ drängte der Direktor und setzte die tintennasse
Feder aufs Papier.
„Ach, Herr Direktor!“ seufzte Peter Voß und faltete die Hände, wobei er
einen Augenaufschlag von geradezu hinreißender Wirkung anbrachte. „Sie
sind ein zu gestrenger Herr. Bei Ihnen bringe ich mit dem besten Willen
kein Wort über die Lippen. Da will mir das Geständnis nicht heraus. Ich
mag mir Mühe geben, wie ich will. Sie dürfen mir das nicht übelnehmen.
Ich kann halt nicht.“
Damit griff er sich an die Gurgel, als wenn ihm da eine Schlinge säße.
„So, so?“ sagte der Direktor und legte die Feder hin. „Willst du das
Geständnis lieber dem Herrn Pastor machen?“
„Ach nein!“ erwiderte Peter Voß und preßte sich zwei erbsengroße Tränen
heraus. „Dem Herrn Pastor kann ich diese schrecklichen Geschichten erst
recht nicht erzählen. Aber ich weiß einen, dem könnte ich sie wohl
erzählen. Das ist nämlich der Herr Landgerichtsrat Pätsch, der mich
damals verurteilt hat. Aber es darf keiner dabei sein, auch nicht der
Wärter, sonst bring’ ich kein Wort heraus.“
„Ein sonderbares Verlangen!“ sprach der Direktor. „Warum willst du das
Geständnis gerade dem Richter machen, der dich verurteilt hat?“
„Ja, sehen Sie, lieber Herr Direktor,“ bekannte Peter Voß und schlug
seine ehrlichen braunen Augen zu ihm auf, „das ist halt so ein alter,
guter Herr, der Herr Landgerichtsrat Pätsch. Ich habe es hier drinnen
in meinem Herzen ganz genau gefühlt, daß er mich nicht gern verurteilt
hat. Sehen Sie, und deswegen habe ich ein so großes Vertrauen zu ihm.
Und nur wo ich Zutrauen habe, da kann ich reden.“
Der Direktor schwankte noch etwas, aber nur, weil es ihm nicht ganz
angenehm war, direkt an den Landgerichtsrat heranzutreten.
„Da haben Sie ja ein Telephon!“ sagte Peter Voß und wies ganz
demütig auf den braunen Kasten an der Wand. „Da brauchen Sie nur
hineinzusprechen. Denn wenn er nicht sofort kommt, dann tu ich mir was
an. Dann kommt die Verzweiflung über mich. Das halt ich nicht länger
aus. So weiterleben kann ich nicht. Das geht einfach über meine Kräfte.“
Nun ging der Direktor ans Telephon und ließ sich zuerst mit der Wohnung
des Landgerichtsrats verbinden. Die Haushälterin antwortete, daß der
Herr Rat noch auf dem Gericht sei. Also fragte der Direktor dort an.
„Er wird in einer halben Stunde hier sein!“ sagte er dann zu Peter Voß
und rief den Wärter herein.
„Gott sei Dank!“ seufzte Peter Voß erleichtert auf und ließ sich von
dem Wärter in seine Zelle zurücktransportieren.
Landgerichtsrat Pätsch erledigte die kleine Strafkammersitzung und fuhr
sofort zum Zuchthaus, ohne erst seine Robe abzulegen. Schließlich war
dieses Verhör auch eine amtliche Handlung. Außerdem war draußen sehr
schlechtes Wetter, und sein weiter Kaisermantel war zwar umfangreich,
aber nicht sehr dick. Und die wacklige Droschke, die schon seit vielen
Jahren ihren Stand beim Gericht hatte, war durchaus nicht winddicht.
Er drückte sich den breiten, weichen Filzhut tiefer in die Stirn und
putzte sich seine goldene Brille.
Der Zuchthausdirektor weihte ihn in die Geständnisschmerzen Emil Popels
ein und gab ihm die Akten mit.
„Er will mit Ihnen allein sprechen!“ sagte der Direktor. „Es wird aber
gut sein, wenn sich der Wärter in der Nähe aufhält. Denn dieser Emil
Popel hat schon einmal einen Ueberfall gemacht.“
„Seien Sie ohne Sorge!“ lächelte der Landgerichtsrat. „Ich habe keine
Furcht. Leute, die ein Geständnis zu machen haben, sind niemals
aggressiv.“
Mit langsamen Schritten erstieg er die drei Treppen. An Peter Voßens
Zellentür stand schon der Wärter.
„Stören Sie uns nicht!“ sprach der Rat freundlich und keuchte dabei ein
wenig, denn mit dem Winter stellte sich bei ihm immer etwas Asthma ein.
„Schließen Sie die Tür, ich klingle, wenn ich fertig bin.“
Die Tür tat sich auf, und Emil Popel, _alias_ Franz Müller, _alias_
Peter Voß saß auf dem Schemel, das Gesicht in die Hände vergraben. Die
Tür schloß sich lautlos, und hastig rasselten die Schlüssel im Schloß.
Peter Voß sprang auf.
„Onkel!“ stieß er heraus, war mit einem Sprung bei ihm und packte ihn
am Arme. „Du bist meine einzige Rettung. Du mußt mir hier heraushelfen.
Gib mir Mantel, Hut und Akten. Du bleibst an meiner Stelle hier. Denn
wenn du es nicht tust, dann muß ich dich überwältigen, binden und
knebeln, ohne Rücksicht auf unsere nahe Verwandtschaft.“
Das war für das gute Herz des Landgerichtsrats zu viel. Es setzte
einige Male aus. Die Akten Emil Popels entfielen seiner Hand. Er mußte
sich an die Wand lehnen.
Sein leibhaftiger Neffe Peter Voß, den er längst in Sibirien oder
sonstwo wähnte, hier im Zuchthause!
Das ging über seine körperlichen und geistigen Kräfte! Vor seinen Augen
flimmerte es. Er machte noch eine abwehrende Handbewegung. Dann sank er
ohnmächtig in seines Neffen Arme.
Nur einen Augenblick stand der verdutzt. Dann legte er den Leblosen auf
die Pritsche und horchte auf seine Herztöne. Sie waren regelmäßig.
Das hat weiter keine Gefahr! dachte Peter Voß und begann, ihn
blitzschnell bis auf die Unterkleider auszuziehen. Auch die Stiefel und
die Brille vergaß er nicht. Rasch hüllte er den Regungslosen in seine
Sträflingsgewandung. Kurze Haare hatten sie beide. Nun fuhr er mit
einer Geschwindigkeit sondergleichen in des Onkels Kleider und hing
sich den weiten, wallenden Mantel um. Hut und Brille vervollständigten
die Maskierung. Endlich fischte er nach den Akten, um die Zelle zu
verlassen.
Da fiel sein Blick auf die schwarze Toga. Flugs riß er aus dem
schwarzen Tuch ein paar lange Streifen, daß es nur so zischte, und
begann hurtig dem Onkel Hände und Füße zusammenzuschnüren.
Unter dieser Arbeit kam er wieder zu sich. Er wollte etwas sagen.
„Gleich bist du still!“ rief Peter Voß leise. „Du wirst dir schaden.
Oder soll ich dich vielleicht noch knebeln? Sofort fällst du wieder in
Ohnmacht und wachst nicht eher auf, bis der Wärter kommt.“
Der gute Onkel gehorchte, weil ihm nichts weiter übrig blieb.
„Polly ist bei mir!“ flüsterte er noch, dann schloß er die Augen und
wandte das Gesicht gegen die Wand.
Peter Voß reckte sich auf, legte sein Gesicht in landgerichtsrätliche
Respektfalten und drückte auf den Klingelknopf.
Nach kaum zehn Sekunden tat sich die Tür auf.
„Stören Sie den Mann nicht!“ sprach der vermeintliche Onkel seines
vermeintlichen Neffen zu dem Wärter und drückte mit eigener Hand die
Tür ins Schloß. „Sein Geständnis hat ihn aufs schwerste erschüttert.
Geben Sie diese Akten dem Herrn Direktor und sagen Sie ihm, ich
würde morgen um diese Zeit wiederkommen, um mit ihm Rücksprache zu
nehmen. Ich habe zu Hause noch etliches nachzuprüfen. Es sind einfach
furchtbare Dinge, die mir der Mann anvertraut hat. Sagen Sie das dem
Herrn Direktor!“
Der Wärter nahm mit einer linkischen Verbeugung die Akten Emil Popels
an sich. Der falsche Landgerichtsrat, den aber jeder Mensch für den
echten halten mußte, stieg mit hörbarem Keuchen und schwerfälligen
Schritten die drei Treppen hinunter. Die scharfe Brille auf der Nase
war ihm etwas hinderlich. Auf den letzten drei Stufen versah er sich,
trat daneben und wäre sicherlich böse gestolpert, wenn ihm der Portier
nicht zu Hilfe geeilt wäre. Höflich stützte er den alten Herrn, der
einen gar sehr gebrechlichen Eindruck machte, und führte ihn bis auf
das Trottoir hinaus, wo die Droschke stand.
„Danke sehr!“ sagte der falsche Rat und wandte sich an den Kutscher.
„Fahren Sie auf die Feldstraße! Sie wissen ja, wo ich wohne.“
In gemächlichem Zuckeltrapp setzte sich die Droschke in Bewegung. Der
Portier legte die Finger an die Mütze. Zehn Minuten später stieg Peter
Voß aus. Er hatte in der Hosentasche des Onkels längst ein umfängliches
Schlüsselbund entdeckt und öffnete mit dem daran befindlichen Drücker
die Haustür.
Und schon stand er Polly gegenüber.
„Onkel!“ rief sie erstaunt und schlug die Hände zusammen. „Du bist
schon zurück?“
Allein der vermeintliche Onkel schloß sie außerordentlich herzhaft in
die Arme und gab ihr einen sehr langen, innigen Kuß auf den Mund.
An diesem Kuß erkannte sie ihren Peter wieder. Ohne ein Wort zu sagen,
mit geschlossenen Augen, ließ sie sich in das Schlafzimmer des Onkels
ziehen. Die Haushälterin war zum Glück ausgegangen. Peter Voß, der
falsche Landgerichtsrat, hätte sie sonst sicher mit einem Briefe
fortgeschickt.
Er riß sich die Kleider vom Leibe und griff in des Onkels Schrank,
um sich neu auszustaffieren. Inzwischen erzählte er seine Abenteuer.
Er hatte sofort gemerkt, daß Polly vom Onkel inzwischen aufgeklärt
worden war. Sie stellte keine Fragen, wenn ihr auch in seinem kurzen,
abgehackten Bericht manches unklar blieb.
„Dodd hat dich entdeckt!“ rief sie außer sich. „O dieser Schwindler!
Und hier erzählte er, daß er die Verfolgung aufgeben wolle.“
„Also sieh dich vor!“ lachte Peter Voß und stieg in seines Onkels
besten Anzug. „Er hat dich durchschaut. Er will sich deiner entledigen.
Jetzt kannst du ihm nichts mehr helfen. Er hat es herausgefühlt, daß du
gegen ihn arbeitest. Bleib also hier beim Onkel.“
„Nein, nein!“ rief sie leidenschaftlich. „Ich trenne mich nicht mehr
von dir. Ich lasse dich nicht allein abreisen.“
„Nimm Vernunft an!“ rief Peter Voß, faßte sie mit beiden Händen beim
Kopf und küßte sie dermaßen ab, daß ihr die Luft wegblieb. „Ich muß
allein reisen. Bedenke doch, du würdest Dodd nur in die Hände arbeiten.“
Da fing sie bitterlich zu weinen an.
„Aber es gibt einen Ausweg!“ rief er, indem er sich den Schlips umband.
„Ich sehe ein, es ist nötig, daß wir uns hin und wieder treffen.
Also merk auf. Hier beim Onkel ist die Vermittlungsstelle. Ich werde
hierher hin und wieder ein chiffriertes Telegramm senden. Daraus
wird hervorgehen, wo du mich finden kannst. Und du bist imstande,
mir auf dieselbe Weise deinen Aufenthaltsort mitzuteilen. Das ist
eine großartige Idee! Wir werden uns wiedersehen, wenn die Luft
rein ist, und uns trennen, sobald Dodd im Anzuge ist. Bist du damit
einverstanden?“
Ueberglücklich sank sie ihm an die Brust.
„Schon gut, schon gut, du armes Ding!“ sagte er gerührt und strich
ihr das wellige, nußbraune Haar aus der Stirn. „Zuerst geh ich über
die russische Grenze. Dodd kann nicht Russisch. Also ist er da drüben
einfach aufgeschmissen. Von Warschau aus telegraphiere ich dir dann
zuerst. Der Onkel wird dir einen russischen Paß besorgen. Er kann auch
mitkommen, wenn er will.“
Sie war mit allem einverstanden. Aber der Abschied dauerte noch eine
Viertelstunde länger, als Peter Voß berechnet hatte. In der Tür rannte
er die Haushälterin fast über den Haufen. Er mußte sich in Trab setzen,
um noch den Zug nach Breslau zu erreichen. Eingehüllt in seines Onkels
Biberpelz, einen nagelneuen, schwarzen Schlapphut auf dem Kopfe, die
schützende Brille vor den Augen, begehrte er am Schalter ein Billett
nach Oppeln, aber er fuhr nach Breslau, denn die Züge kreuzten sich
hier wegen des Anschlusses nach Priesteldorf.
So kam er nach Breslau, zahlte an der Sperre für sein Versehen, in
den falschen Zug eingestiegen zu sein, aus des Onkels wohlgespicktem
Portemonnaie und ging in die Stadt hinein.
Lustig spazierte er um den Breslauer Ring, wo der Kindelmarkt im besten
Gange war. Im Schweidnitzer Keller verzehrte er in einem Aufsitzen
sieben Paar Würstchen.
Um diese Zeit wollte sich der Wärter überzeugen, wieviel Emil Popel von
dem nassen Wasser und dem trockenen Brot schon vertilgt hatte. Er sah
den Mann ganz unvorschriftsmäßig am Tage auf der Pritsche liegen und
rüttelte ihn energisch wach.
Da endlich verließ den Landgerichtsrat Pätsch seine stundenlange
Ohnmacht.
„Helfen Sie mir!“ röchelte er und hielt dem Wärter die gefesselten
Hände hin, der sofort zur Zelle hinausschoß und den Direktor holte.
Erst durch dessen tatkräftiges Eingreifen kam der Rat wieder auf die
Beine. Durch eine Handbewegung, die den hohen Grad seiner Erschöpfung
deutlich erkennen ließ, schnitt er alle Fragen ab und verlangte einen
Wagen. Der Direktor stellte ihm seinen eigenen Mantel zur Verfügung und
erstattete sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die unverzüglich
die nötigen Maßnahmen zur Wiederergreifung des entsprungenen Emil Popel
verfügte.
So kam der Landgerichtsrat als verkleideter Sträfling heim. Die
Haushälterin fiel fast in Ohnmacht. Polly aber verließ ihre
Geistesgegenwart nicht.
Der Onkel legte sich ins Bett und schickte die unverehelichte Martha
Zippel zum Arzt. Polly gab ihr das Sträflingshabit und den Mantel des
Zuchthausdirektors mit. Beides brachte sie dorthin, wohin es gehörte.
Polly aber erzählte unterdessen dem Onkel, wie Peter Voß seine weitere
Flucht gestaltet hatte und welches seine Absichten für die Zukunft
waren.
„So ein verfluchter Kerl!“ stöhnte der Onkel, halb vor Aerger, halb vor
Bewunderung. „Warum in aller Welt hat er sich einsperren lassen? Ich
bin in der Tat auf seine weiteren Tollheiten äußerst gespannt.“
Dann kam der Hausarzt, untersuchte den Kranken und verlangte in
energischem Tone die sofortige Einreichung des Urlaubsgesuches.
Und da ihn Polly unterstützte, gab der Onkel nach und unterzeichnete es
im Bett. Die Haushälterin mußte es sofort aufs Gericht tragen.
„Ich gehöre ins alte Eisen!“ sagte der Onkel, nachdem sich der Arzt
empfohlen hatte.
„Nicht doch, Alterchen!“ erwiderte Polly und streichelte ihn. „Du wirst
mein Reisemarschall.“
„Auch das noch!“ seufzte er und schloß die Augen.
Aber er durfte nicht eher einschlafen, bis er den Baldriantee getrunken
hatte.
Dodd klopfte an diesem Abend an das Pograuer Schulhaus. Minkwitz
öffnete und war erstaunt, den amerikanischen Detektiv wiederzusehen.
„Ich muß hier Haussuchung abhalten!“ erklärte er kurz. „Sie können mir
es verweigern, würden sich aber dadurch in den Verdacht der Hehlerei
bringen. Das kann Ihnen als Beamter nicht angenehm sein. Lassen Sie mir
freie Hand, helfen Sie mir mitsuchen, dann bleibt die Sache unter uns.
Mir ist es nur um die Herbeischaffung der zwei Millionen zu tun.“
„Bitte sehr!“ sprach Minkwitz zuvorkommend. „Suchen Sie nur. Aber sagen
Sie mir Bescheid, wenn Sie zwei Millionen gefunden haben. Ich möchte
auch mal so viel Geld auf einem Haufen sehen. Aber helfen werde ich
Ihnen nicht. Ich geh schlafen.“
Dodd untersuchte zuerst das Bett, dann Minkwitzens Kleider, dann das
Schlafzimmer und schloß es ab.
Und dann suchte er weiter, vom Keller bis zum Dachboden, die
elektrische Taschenlampe in der Hand. Es war einfach ausgeschlossen,
daß sich etwas vor seinem logisch und systematisch geschulten Spürsinn
verbergen konnte. Die unmöglichsten Dinge stöberte er auf, besonders
auf dem Boden, wo allerhand langjähriger ausgedienter Hausrat, noch von
Minkwitzens Vorgängern stammend, herumlag.
Und Dodd suchte mit einer geradezu bewundernswerten Ausdauer, jede
Dachsparre betrachtete er eingehend und fand nicht einen roten Heller,
geschweige denn zwei Millionen Dollar. Um drei Uhr nachts schloß er das
Schlafzimmer wieder auf, verabschiedete sich kurz von Minkwitz, der
sich auf die andere Seite legte und weiterschlief, und trat durch die
Haustür ins Freie.
Und da erblickte er in der Dunkelheit die beiden Bienenstöcke. Wie ein
Pfeil schnellte er auf sie zu, beleuchtete die Tür des ersten und fand
wohlbekannte Fingerspuren daran.
Vorsichtig öffnete er die Tür und begann die Strohdecken wegzunehmen.
Er war kein Imker und hatte zudem nur eine Hand frei. Mit der anderen
mußte er die Taschenlaterne halten. Schön warm war es im Stock, und die
Bienen wurden lebendig. Das grelle Licht machte sie sogar wütend.
In demselben Augenblicke, als er die Hand nach einem Paketchen
ausstreckte, das über den Waben lag, bekam er den ersten Stich.
Rasch zog er die Hand zurück.
„Vorsicht!“ flüsterte er und fand unter dem Dach des Stockes eine lange
Zange, womit er den verdächtigen Gegenstand herausfischte.
Es war die ihm sehr vertraute Brieftasche von Peter Voß. Die 4000
Dollar, sechs Hundertmarkscheine nebst Feilen und Sägen lagen darin.
Er steckte sie ein und legte später das Legitimationspapier, das er
Emil Popel abgenommen hatte, dazu.