„Das war eben die Fälschung!“ belehrte er sie schmunzelnd. „Er hat

zu diesem Mittel gegriffen, um die Firma über Wasser zu halten. Und

als es nicht mehr ging, hat er mit den zwei Millionen, die er im

Lauf der Jahre in die Bücher hineingefälscht hatte, die aber gar

nicht vorhanden waren, das Weite gesucht. Mr. Dodd ist hinter einem

Millionendieb her, der gar keiner ist.“

„Das ist unmöglich!“ stieß sie hervor.

„Weshalb unmöglich?“ meinte der Landgerichtsrat. „Ich habe in meiner

vierzigjährigen Praxis anders über die Möglichkeiten des menschlichen

Lebens denken gelernt.“

„Aber das ist ja heller Wahnsinn!“ begehrte sie auf.

„Es ist vielmehr ein Geniestreich!“ rief er. „Ich habe jetzt nur noch

den einen Wunsch, daß er gelingen möge.“

Polly sah in zwei treue, etwas schalkhafte Augen, die fast genau so

blickten wie die braunen Augen ihres Peter, und in die sie sich zuerst

verliebt hatte. In ihrem Köpfchen begann es zu dämmern. Sie erinnerte

sich plötzlich an die Szene in Hamburg. Da hatte er dasselbe behauptet.

Aber sie hatte ihm nicht geglaubt, weil sie ihn für verrückt gehalten

hatte.

„Du bleibst bei mir und läßt Dodd laufen!“ schlug er vor.

„Nein, nein! Dodd darf ihn nicht kriegen!“ rief sie und sprang auf.

„Wir haben einen Vertrag geschlossen, aber ich traue ihm nicht.“

Und nun erzählte sie ihm, was sie mit Dodd abgemacht hatte.

„Ah!“ rief er, aufs höchste interessiert. „Das ändert freilich die

Sache aus dem Grunde. Jetzt rate ich dir sogar, bei Dodd zu bleiben,

ihn zu überwachen und ihn womöglich auf die falsche Spur zu lenken,

wenn er einmal auf der rechten sein sollte. Nichts ist besser, als ein

heimlicher Verbündeter in des Feindes Lager. Aber verstellen mußt du

dich, und schlau mußt du sein, recht schlau.“

„O, das will ich schon!“ rief sie und schlug plötzlich die Hände vors

Gesicht, wobei sie aufstöhnte. „O Peter, Peter, daß du mir das antun

konntest!“

„Pst!“ machte der Onkel und hob warnend den Finger, indem er zum

Fenster hinausluchste. „Meine Haushälterin hat feine Ohren.“

Die unverehelichte Zippel war zurückgekehrt und ging in die Küche

hinüber.

In diesem Augenblick schrillte das Telephon im Hausflur. Am anderen

Ende der Leitung stand Bobby Dodd. Polly horchte.

„Ich habe soeben ein Telegramm aus New York erhalten: Peter Voß,

Millionendieb aus St. Louis, festgenommen!“

Sie schrie auf und ließ das Hörrohr fallen. Der Onkel führte sie ins

Zimmer, übergab sie der Obhut der Haushälterin, die herbeilief, und

kehrte wieder ans Telephon zurück.

„Was werden Sie tun?“ fragte er Dodd. „Mrs. Voß ist augenblicklich

nicht fähig, das Gespräch fortzuführen.“

„Das bedaure ich sehr!“ erwiderte Dodd. „Ich glaube aber, sie haben da

drüben wieder einen falschen Peter Voß verhaftet!“

„Das scheint mir auch!“ rief der Rat sarkastisch.

„Ich bitte Sie, Mrs. Voß zu beruhigen!“ sprach Dodd. „Ich reise sofort

nach New York ab. Sollten sie den Falschen erwischt haben, bin ich in

spätestens drei Wochen wieder zurück. Sonst telegraphiere ich.“

„Bitte sehr!“ antwortete der Rat höflich und klingelte ab.

Polly zu beruhigen, war nicht gerade leicht. Sie hielt es durchaus

nicht für ausgeschlossen, daß Peter Voß nach New York zurückgekehrt sei.

„Er wagt alles!“ schluchzte sie.

„Sie haben da drüben einen Falschen erwischt!“ tröstete sie der Onkel.

„Dodd ist übrigens derselben Meinung.“

„Er lügt!“ rief sie zitternd vor Angst. „Warum fährt er dann hinüber?“

„Er will sicher gehen!“ sagte der Onkel leichthin. „Es ist ja auch nur

ein Katzensprung.“

Polly aber wollte das nicht gelten lassen.

Dodd hatte nur den einen Teil des Telegramms verraten. Es stand

nämlich noch darin, daß dieser in New York festgenommene Peter Voß ein

echtes Legitimationspapier hätte. Das mußte er irgendwo erhalten oder

gestohlen haben. Und nur dieses Papieres wegen fuhr Dodd nach New York,

in der Tasche den beweiskräftigen Fingerabdruck.

Der Weg zum Bahnhof führte ihn dicht an der Zuchthausmauer vorbei,

hinter der Peter Voß als Emil Popel saß und auf einen Fluchtplan sann.

Denn das Sitzen wurde auf die Dauer sehr unangenehm.

Und er fand wirklich einen Plan, mit dem sich schon etwas anfangen

ließ. Nur sehr überlegt mußte er werden.

11.

Emil Popel, der richtige, befand sich in einer luftigen Zelle der

New Yorker Polizeioffice und hatte große Angst, nach Deutschland

ausgeliefert zu werden. Das einzige, was ihn seiner Meinung nach vor

diesem Schicksal bewahren konnte, war, steif und fest zu behaupten,

Peter Voß zu heißen.

Denn er wußte nicht, daß er sich für einen leibhaftigen Millionendieb

ausgegeben hatte.

So sehr er sich auch Mühe gab, den Grund seiner Verhaftung bei dem

Wärter zu erfragen, er bekam keine Antwort. Denn der Mann verstand kein

Deutsch und Emil Popel kein Englisch.

So fiel ihm denn ein schwerer Stein vom Herzen, als am Ende der zweiten

Haftwoche ein Mann in seine Zelle trat und ihn auf deutsch anredete.

„Sie geben an, Peter Voß zu heißen?“ fragte Bobby Dodd.

„Ich heiße Peter Voß!“ behauptete Emil Popel und zog sein

Legitimationspapier heraus, das man ihm gelassen hatte.

„Wie kommen Sie in den Besitz dieses Papiers?“

„Ich habe,“ stotterte Emil Popel und wußte nicht weiter.

„Sie haben es jedenfalls gestohlen!“ sagte Dodd mit kühlem Lächeln.

„Nein, nein!“ stöhnte Emil Popel und lehnte bleich und mit zitternden

Knien an der Zellenwand.

Das Papier entfiel ihm, Dodd hob es auf und steckte es ein.

„Wollen Sie mir jetzt endlich Ihren richtigen Namen sagen?“ herrschte

er ihn an.

Aber Emil Popel schwieg hartnäckig.

„Halten Sie mich nicht länger auf!“ sagte Dodd ärgerlich. „Ich kenne

das Papier. Es ist echt. Ich habe es schon einmal in den Händen gehabt.

Aber Sie sind nicht der echte Peter Voß. Warum kommen Sie nach Amerika

unter falschem Namen? Und noch dazu unter diesem Namen?“

Emil Popel tat die Lippen nicht auseinander.

„Sie werden jedenfalls etwas auf dem Kerbholz haben!“ fuhr Dodd

unbeirrt fort. „Wenn Sie jetzt nicht sofort den Mund auftun, werde ich

Sie mit nach Deutschland hinüber nehmen, denn Sie sind ein Deutscher.“

Emil Popel machte jetzt einen vergeblichen Versuch, zu sprechen, aber

die Worte wollten ihm nicht aus der Kehle heraus.

„Haben Sie einen totgeschlagen?“ fuhr ihn Dodd an.

„O nein!“ preßte sich Emil Popel heraus. „So ein schlechter Mensch bin

ich nicht. Ich habe nur eine Urkundenfälschung begangen.“

„Nicht mehr?“ erwiderte Dodd freundlicher. „Da sind Sie ja noch ein

verhältnismäßig anständiger Mensch. Wenn Sie mir jetzt Ihren Namen

sagen und gestehen, woher Sie das Papier haben, dann verspreche ich

Ihnen, daß Sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Peter Voß nämlich,

auf dessen Papier Sie herübergefahren sind, ist ein Millionendieb.“

„Nicht möglich!“ rief Emil Popel außer sich.

Statt der Antwort hielt ihm Dodd eine Nummer des Fahndungsblattes vor

die Nase.

Nun endlich kam Emil Popel aus der Reserve heraus.

„Ein Millionendieb!“ rief er wütend. „O dieser gemeine Kerl! Er hat mir

das Papier geschenkt.“

„Wo hat er es Ihnen gegeben?“ fragte Dodd neugierig. „Vielleicht in

Strienau?“

Emil Popel stockte plötzlich.

„Immer vorwärts!“ drängte Dodd energisch. „Wie Sie nach Strienau

gekommen sind, kann ich nötigenfalls auch von der dortigen Polizei

erfahren. Es kostet nur ein Telegramm.“

„Nein!“ schrie Emil Popel ängstlich. „Da will ich lieber alles

gestehen. Ich bin aus dem dortigen Zuchthaus ausgebrochen.“

„Aha!“ rief Dodd erfreut. „Das ist ja außerordentlich interessant. Also

du bist bereits verurteilt. Zu wieviel?“

„Zu einem Jahr!“ erwiderte Emil Popel dumpf.

„Und wieviel hast du davon verbüßt?“

„Noch nicht drei Stunden.“

„Alle Wetter!“ sprach Dodd schmunzelnd. „Und nun erzähle mir den ganzen

Vorgang. Wo hast du Peter Voß getroffen?“

Jetzt stockte Emil Popel nicht mehr. Wahrheitsgetreu, kurz und bündig

erzählte er seine Erlebnisse von dem Augenblicke an, wo er den Wärter

überwältigt hatte, bis zu seiner Verhaftung in New York.

„Du hast Peter Voß also bei einem einsam liegenden Hause verlassen?“

fragte Dodd. „War es vielleicht ein Schulhaus?“

„Ich glaube wohl!“ erwiderte Emil Popel nach kurzem Bedenken. „Es war

eine große Retirade dabei. Wir sind über die Oderbrücke und eine gute

Stunde über Land gegangen.“

Dodd wußte genug und ließ den falschen Peter Voß zwischen Hangen und

Bangen allein. Es war kein Zweifel, die Spur führte nach Pograu. Dort

waren die weiteren Nachforschungen anzustellen, dort lag das Geld! Emil

Popel war nur nach New York geschickt worden, um eine falsche Spur zu

erzeugen.

Um aber ganz sicher zu gehen, ließ Dodd telegraphisch bei der

Zuchthausdirektion zu Strienau anfragen, ob da wirklich ein Emil Popel

entsprungen sei.

Die Antwort, die darauf am nächsten Morgen einlief, traf Dodd wie ein

Keulenschlag. Sie lautete nämlich: Emil Popel entsprungen, drei Tage

später freiwillig gestellt, sitzt noch hier.

Ein geradezu wahnwitziger Verdacht stieg in Dodd auf. War jener Emil

Popel etwa Peter Voß? Dodd stand vor einem Rätsel.

Der Mensch scheint wirklich wahnsinnig zu sein! dachte er und

beantragte bei der Polizei, den richtigen Emil Popel zu entlassen.

Sein Delikt, Beilegung eines falschen Namens, wurde gegen die

Untersuchungshaft aufgerechnet. Da er gesund war und noch genug Geld

besaß, hatte die Einwanderungsbehörde, die ihn verhaftet hatte, nichts

gegen seine Freilassung einzuwenden.

„Sie sind frei!“ sprach Dodd zu ihm. „Machen Sie, daß Sie nach dem

Westen kommen, und versuchen Sie einmal, ein ganzes Jahr keine Urkunden

zu fälschen. Man kann auch auf anständige Weise sein Leben fristen.“

„Das will ich tun!“ rief Emil Popel beglückt. „Das will ich wirklich

tun, ich will ein hochanständiger Mensch werden.“

„Stellen Sie sich das nicht zu leicht vor!“ warnte ihn Dodd und

übergab ihn dem Wärter, der ihn unverzüglich an die frische Winterluft

beförderte.

Dodd aber fuhr sofort mit der „Olympic“ nach Europa zurück, um den

falschen Emil Popel zu entlarven.

In Strienau war inzwischen der Winter eingezogen, und man rüstete sich

allmählich auf das Weihnachtsfest. Mutter Knulle saß zwar noch immer in

ihrer Obstbude auf dem Ringe, hatte aber einen dicken Wattemantel an

und eine Wärmflasche unter den Füßen.

Alle Leute, die bei ihr vorbeikamen, machten fröhliche Gesichter, und

auf dem Neumarkt standen die grünen Tannenbäume in langen Reihen,

ausgerichtet wie die Grenadiere bei der Parade.

Das Pensionsgesuch des Landgerichtsrats Pätsch war inzwischen bewilligt

worden, und zwar mit dem Ablauf der augenblicklichen Amtsperiode. Da

er nicht noch um Krankheitsurlaub einkommen wollte, ließ er es bei dem

bewenden. Man entlastete ihn nach Möglichkeit, so daß er sehr viel Zeit

für Polly übrig hatte.

Jeden Morgen, wenn er keinen Termin hatte, ging er mit ihr über die

Promenade und erwog schon ernstlich den Gedanken, späterhin nach St.

Louis zu übersiedeln, denn es wäre ihm sehr schwer geworden, sich von

ihr zu trennen, besonders jetzt, wo sie keinen Beschützer hatte. Ihre

Angst, daß Peter Voß in New York festgenommen worden war, hatte er ihr

glücklich ausgeredet.

„Er ist längst in Moskau oder Petersburg!“ tröstete er sie.

Sie vertrug sich so gut mit dem alten Herrn, daß sie, zum hellen

Entsetzen der Martha Zippel, eines schönen Tages aus dem Hotel „Zum

goldenen Kreuz“ in das Haus des Onkels übersiedelte.

In Strienau fiel das nicht weiter auf, da der alte Herr Rat, der zudem

einen stadtbekannten Herzfehler hatte, über jeden schnöden Verdacht

erhaben war. Außerdem war es ja eine richtige Nichte von ihm. Wie diese

näheren Verwandtschaftsbeziehungen gestaltet waren, darin gingen die

Meinungen der guten Strienauer allerdings auseinander, denn Polly hielt

sich unter ihrem Mädchennamen auf.

Die Haushälterin war geschwind dahinter gekommen, daß den Herrn Rat

und die junge Amerikanerin ein tiefes Geheimnis verband. Sie pflegten

stets ihr Gespräch abzubrechen, wenn die Haushälterin hereintrat,

und unterhielten sich nur ganz leise, wenn sie draußen an der Tür

stand und horchte. Diese schmachvolle Vertrauensunwürdigkeit, mit der

sie nun ihre langjährigen treuen Dienste belohnt sah, schmerzte sie

aufs tiefste. Aber um so schärfer paßte sie auf. Und so konnte sie

denn wirklich ein ganz kurzes Gespräch belauschen, das die beiden

im Hausflur führten, gerade als sie zu ihrem täglichen Spaziergang

aufbrechen wollten.

„Dodd müßte längst hier sein!“ sagte Polly und ließ sich von dem alten

Herrn Rat in den Mantel helfen.

„Er ist gewiß schon wieder auf dem Rückwege!“ erwiderte er. „Wenn er

das Rennen nicht ganz aufgibt, was für uns das beste und für ihn das

vernünftigste wäre. Denn er kriegt ihn doch nicht.“

„Da kennst du ihn schlecht!“ rief sie lebhaft. „Der ist zäh wie

Büffelleder. Aber er soll nur wiederkommen. Ich werde ihm alle seine

Frechheiten heimzahlen, und das gehörig.“

Alsdann gingen sie hinaus. Die unverehelichte Martha Zippel schlug sich

von diesem Augenblicke an zu Dodds Partei.

Sie wollte ihm schon die Augen öffnen über das Komplott! Denn sie haßte

Polly von Herzensgrunde.

Drei Tage später traf Dodd in Strienau ein. Es war ein nebliger Abend,

als er in die Feldstraße einbog. Zögernd zog er die Klingel, und es

öffnete ihm die Haushälterin. Sie stieß einen leichten Schrei der

Ueberraschung aus. Der Herr Rat und sein Besuch waren eben ins Theater

gegangen.

„Kommen Sie nur herein!“ lockte sie. „Ich muß Ihnen was erzählen.“

Und da er unentschlossen stehen blieb, zog sie ihn am Aermel herein und

drückte die Haustür zu.

„Nehmen Sie sich in acht!“ flüsterte sie. „Die Frau ist wütend auf Sie.

Sie will Ihnen alle Frechheiten gehörig heimzahlen.“

„So, so!“ machte Dodd und dachte dabei: Sehr gut! Sie hat sich also

dermaßen in das Vertrauen des alten Herrn einzuschmeicheln gewußt, daß

sie sogar schon auf mich schimpft.

„Trauen Sie den beiden nicht!“ schlug die hastige Stimme der Warnerin

an sein Ohr. „Sie schmieden etwas gegen Sie. Sie wohnt auch schon bei

uns.“

Das hatte Dodd allerdings nicht erwartet. Er schöpfte Argwohn. Polly

war ein schwaches Weib. Und zwei Millionen Dollar waren Geld genug, um

auch einen starken Mann zu Fall zu bringen.

„Danke, danke!“ sagte er und lüftete den Hut. „Verraten Sie nicht, daß

ich hier gewesen bin. Und das weitere wird sich finden.“

Er reichte ihr sogar die Hand, worüber sie mit einem tiefen Knicks

quittierte.

Spornstreichs eilte er ins Hotel, wo inzwischen seine Koffer angekommen

waren, und machte Toilette. In dem alten, weißbärtigen, etwas gebückten

Jubelgreis, der eine halbe Stunde später, in einen weiten Mantel

gehüllt, vor dem Hotel in die Droschke stieg, hätte kein Strienauer

einen amerikanischen Detektiv vermutet. An der Theaterkasse erkundigte

er sich nach der Loge des Landgerichtsrats Pätsch und ließ sich in der

leeren Nebenloge einen Platz geben.

Man spielte „Die Jungfrau von Orleans“ recht und schlecht, wie es

sich für ein Provinztheater zweiten Grades schickte. Man war noch im

ersten Akt. Polly schien das Publikum viel amüsanter zu finden als die

Vorgänge auf der Bühne. So konnte es auch ihrer Aufmerksamkeit nicht

entgehen, daß in der Nebenloge ein Zuschauer auftauchte. Sie musterte

ihn ungeniert und wandte ihm dann den Rücken. Der Onkel neigte sich zu

ihr. Mit Rücksicht auf den Nachbar sprach er Englisch.

„Gefällt es dir nicht?“ fragte er sie.

„Ich mag die klassischen Sachen nicht!“ schmollte sie. „In Amerika

spielt man sie besser.“

„Kein Wunder!“ flüsterte er und schaute ihr lächelnd in die Augen. „In

Amerika gibt es auch keine deutschen Kleinstädte.“

Polly erwiderte unbefangen seinen Blick, und Dodds Argwohn stieg. Bald

darauf war der erste Akt vorüber, und die Lampen flammten wieder auf.

Dodd drückte sich in die dunkelste Ecke seiner Loge und lauschte mit

geschlossenen Augen auf das Gespräch der beiden. Plötzlich hörte er

seinen Namen.

„Dodd?“ lachte Polly unbekümmert auf. „O dieser Narr, er soll mir nur

kommen! Wie werde ich ihn an der Nase herumführen!“

Also doch! dachte Dodd und verschwand mit Beginn des zweiten Aktes

lautlos, wie er gekommen war.

Im Hotel kleidete er sich wieder um und ließ sich mit der

Zuchthausdirektion telephonisch in Verbindung setzen. Es war noch

nicht neun Uhr, und da er sich als der Absender des New-Yorker

Telegramms zu erkennen gab, wurde er vorgelassen.

Er legitimierte sich, und der Direktor hieß ihn höflich willkommen.

„Sie wollen sich nach Emil Popel erkundigen?“ fragte er ihn.

„Nicht nach diesem Manne,“ erwiderte Dodd, „sondern nach dem, der für

ihn die Strafe absitzt.“

„Unmöglich!“ fuhr der Direktor auf.

„Bitte sehr!“ beruhigte ihn Dodd. „Es ist eine Vermutung von mir. Sie

haben ihn doch sicher bei seiner Einlieferung gemessen und rubriziert.“

„Und photographiert!“ setzte der Direktor hinzu. „Das heißt, erst

bei seiner zweiten Einlieferung. Bei seiner Ueberführung aus dem

Untersuchungsgefängnis war der photographische Apparat defekt.“

„Damn!“ entfuhr es Dodd, der jetzt erst die Schwierigkeit seines

Unternehmens ganz übersah. „Und auf Grund dieses defekten Apparats ist

es möglich gewesen, daß in der Zelle, wo Sie nach Ihren Registern den

Urkundenfälscher Emil Popel vermuten, ein ganz anderer Mann sitzt, und

zwar der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis.“

„Herr!“ rief der Direktor und sprang auf.

Dann holte er die Akten Emil Popels herbei und verglich selbst den

Fingerabdruck, der sich darin befand, mit dem Abdruck, den Dodd auf

dem Wandkalender vorwies.

„Sie gleichen sich aufs Haar!“ sagte Dodd hochbefriedigt und steckte

das vortreffliche Beweismaterial ein. „Peter Voß hat sich für Emil

Popel einsperren lassen.“

„Aber das ist ja eine komplette Verrücktheit!“ schrie der Direktor und

schlug mit der Hand auf die Akten.

„Das war vor etlichen Tagen auch meine Meinung!“ gestand Dodd und

erhob sich. „Aber ich bin davon abgekommen. Die Sache ist gar nicht

so verrückt, wie sie im ersten Augenblick erscheint. Dieser Peter Voß

hat schon einmal freiwillig im Gefängnis gesessen. Es ist also nicht

das erstemal, daß er zu diesem Trick greift. Denn wo ist er vor mir

sicherer? Und außerdem kann er sich, sobald er das Jahr abgesessen hat,

um so ungestörter als Emil Popel dem Genuß der gestohlenen Millionen

hingeben.“

„Bab!“ machte der Direktor und fiel auf den Stuhl zurück.

„Für mich ist dies vielmehr der vollgültige Beweis,“ fuhr Dodd fort,

„daß ich es hier mit einem Verbrecher von unerhörtem Raffinement zu tun

habe, wie er mir noch niemals unter die Finger gekommen ist. Aber nun

hab ich ihn doch erwischt! Wollen Sie mich zu ihm lassen?“

Der Direktor klingelte einem Beamten, der mit angezündeter Laterne die

drei Treppen emporstieg bis auf den obersten Korridor. Dodd folgte ihm

auf dem Fuße, der Direktor machte den Beschluß.

Leise schüttelte er den grauen Kopf. Die Sache war ihm denn doch zu

toll und unglaublich, mit einem Wort: zu amerikanisch.

Peter Voß wollte eben einschlafen, als die drei hereintraten. Der

Wärter leuchtete ihm ins Gesicht.

Jetzt bin ich nicht mehr zu sprechen! dachte Peter Voß und zuckte mit

keiner Wimper.

Da trat Dodd heran, packte ihn an der Schulter, schüttelte ihn und rief

sehr energisch: „Wachen Sie auf, Peter Voß, ich verhafte Sie!“

Peter Voß verlor seine Geistesgegenwart nicht, denn er war ja Emil

Popel, ließ seine Augen vorerst noch zu, um der neuen Gefahr möglichst

kaltblütig begegnen zu können, und holte zweimal recht tief Atem.

Er wußte, das war Dodd, sein Verfolger.

„Verstellen Sie sich nicht!“ rief er und schüttelte ihn wie ein Sieb

hin und her. „Sie sind verhaftet!“

„Träum ich?!“ fragte Peter Voß schlaftrunken und preßte die Fäuste in

die Augenhöhlen. „Ich bin doch schon verhaftet. Ich bin sogar schon

verurteilt. Was wollen Sie eigentlich von mir?“

Der Zuchthausdirektor war über diese Antwort hochbefriedigt. In seiner

Anstalt konnten und durften solche wahnwitzigen Dinge überhaupt nicht

vorkommen!

Dodd hatte unterdessen die Laterne vom Boden aufgenommen und leuchtete

Peter Voß ins Gesicht.

Nun sahen sich die beiden zum ersten Male in die Augen.

„Das ist der Millionendieb Peter Voß!“ rief Dodd und wandte sich an den

Direktor.

„Es tut mir leid!“ erwiderte der höflich und hob die Schultern. „Der

Mann ist für mich vorläufig Emil Popel.“

„Ich heiße Emil Popel!“ rief Peter Voß.

„Ihr Leugnen wird Ihnen nichts helfen!“ erwiderte Dodd kurz. „Es ist mir

eine Kleinigkeit, zu beweisen, daß Sie nicht Emil Popel sind.“

„Darauf bin ich sehr gespannt!“ sagte Peter Voß _alias_ Emil Popel.

„Ich lasse mir nicht meinen ehrlichen Namen nehmen.“

„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ fuhr er ihn an.

„Das wird ja immer schöner!“ begehrte Peter Voß zu des Direktors großer

Befriedigung auf. „Millionen soll ich gestohlen haben? Das ist direkt

eine Beleidigung. Das ist einfach eine Gemeinheit, so was von mir zu

behaupten! Eine Unterschrift hab ich gefälscht.“

Dodd verließ die Zelle. Die beiden andern folgten ihm. Peter Voß war

wieder allein.

Jetzt wird es aber höchste Zeit, daß ich weiter komme! dachte er und

überdachte sich seinen Fluchtplan zum eintausend und zweiten Male.

Dodd und der Direktor waren in das Bureau zurückgekehrt. Vergeblich

bemühte sich Dodd, den Direktor zu überzeugen, daß Emil Popel in

Amerika und Peter Voß im Zuchthaus zu Strienau war.

„Die Nichtidentität dieses Sträflings mit Emil Popel zu beweisen, ist

mir eine Kleinigkeit!“ sagte Dodd energisch. „Ich bitte, ihn nur mit

dem Richter, der ihn verurteilt hat, zu konfrontieren.“

Der Direktor blätterte in den Akten.

„Landgerichtsrat Pätsch hat den Vorsitz geführt!“ erwiderte er.

Dodd zuckte nicht zusammen, sondern überlegte weiter. Der

Landgerichtsrat Pätsch war als Komplice völlig untauglich für dieses

Experiment.

„Oder noch einfacher!“ rief Dodd schnell. „Wir konfrontieren ihn mit

dem Wärter, der ihn im Untersuchungsgefängnis unter sich gehabt hat.“

Der Vorschlag wurde vom Direktor akzeptiert. Sie beschlossen, am

nächsten Morgen um neun Uhr den Versuch zu machen.

Peter Voß war auf alles gefaßt. Als sich die Tür auftat, erkannte er

sofort den alten Franzelt aus dem Untersuchungsgefängnis und fiel vor

Freude, ihn wiederzusehen, ihm fast um den Hals.

„Ah, Herr Franzelt!“ rief er begeistert. „Welche Ehre!“

Der alte Wärter stand starr.

„Erkennen Sie in diesem Mann den Untersuchungsgefangenen Emil Popel

wieder?“ fragte der Direktor.

„Freilich, freilich!“ erwiderte der alte Franzelt kopfnickend. „Er hat

sich wohl ein bißchen verändert. Das kommt aber von den kurzen Haaren.

Es ist auch schon gut vier, fünf Wochen her, daß ich ihn zuletzt

gesehen habe. Bei mir geht es immer wie im Taubenschlage aus und ein.“

„Ist das Emil Popel?“ sprach Dodd, und seine Stimme bebte vor Aufregung.

Der Wärter sah sich erst Peter Voß, dann den Direktor an und nickte

endlich ostentativ.

Der Direktor machte eine bezeichnende Handbewegung, als wollte er

sagen: Na also, ich hab es ja gleich gewußt!

Und Peter Voß sah sich wieder allein.

Mag er sitzen! dachte Dodd, als er wieder auf der Straße stand. Zuerst

das Geld, dann den Verbrecher!

Die Sache mit Polly fiel ihm schwer auf die Seele.

Noch hoffte er das Beste für sie und sich, obschon sein Verdacht groß

genug war. Um diesen Verhältnissen auf den Grund zu kommen, begehrte er

gegen Mittag Einlaß in dem 25. Hause auf der Feldstraße.

Die Haushälterin empfing ihn an der Tür mit einem sehr

verständnisinnigen Augenzwinkern. Polly kam ihm in freudiger Aufregung

entgegen.

„Endlich sind Sie da!“ rief sie und reichte ihm die Hand. „Wie habe ich

mich nach Ihnen gesehnt!“

Aha! dachte Dodd, indem er Hut und Mantel ablegte. Im Theater hörte ich

es anders. Das ist außerordentlich verdächtig!

Dann trat er ins Zimmer und begrüßte den Landgerichtsrat, der ihn

mit vollendeter Liebenswürdigkeit empfing und ihm eine von den

nikotinfreien Zigarren anbot.

Noch verdächtiger! dachte Dodd und nahm eine davon.

Und nun erzählte er, ganz matt und abgespannt, von der völligen

Ergebnislosigkeit seiner Reise nach New York.

„Was habe ich Ihnen gesagt!“ triumphierte der Landgerichtsrat.

Dodd nickte zerknirscht.

„Und was wird nun?“ fragte Polly gespannt.

„Ach!“ sagte Dodd kraftlos und ließ die Arme herabhängen. „Ich gebe es

auf.“

Peter Voß, der Millionendieb · 第 10 / 20 段