Wetter klärte sich plötzlich auf. Peter Voß schob Emil Popel in die
Retirade und befahl ihm zu warten. Dann schlich er um das Haus herum,
als hätte er nur den Schlüssel zur Hintertür, und holte aus dem
Bienenstock seine Brieftasche, ohne daß er einen Stich bekam.
Wieder bei Emil Popel angekommen, zündete er ein Streichholz an und
leuchtete ihm ins Gesicht. Prüfend musterte er seine erschreckten,
ängstlichen Züge.
„Nicht übel!“ sagte er und warf das Streichholz weg. „Augen und Haare
stimmen. Nur deine Nase ist ganz ordinär. Aber dafür kannst du nichts.“
„Krieg ich nun das Geld?“ fragte Emil Popel zaghaft.
„Hier!“ erwiderte Peter Voß und nahm im Finstern ein paar von seines
Onkels Hundertmarkscheinen aus der Tasche. „1, 2, 3 und 4! Das sind
vierhundert Mark. Damit kommst du nach Australien, wenn’s sein muß.
Natürlich Zwischendeck. Und hier ist das Legitimationspapier, darauf
steht bescheinigt, daß du amerikanischer Bürger bist. Lern unterwegs
ein bißchen Englisch. Du heißt jetzt Peter Voß, also verplapper dich
nicht.“
„Peter Voß!“ papageite Emil Popel und steckte das Papier ein.
„Das heißt,“ fuhr Peter Voß fort, „in New York heißt du wieder Emil
Popel. Geld hast du. Und Urkundenfälscher werden nicht ausgeliefert.
Also keine Angst! Du brauchst meinen Namen nicht länger zu mißbrauchen,
als es unbedingt nötig ist.“
„So einer bin ich nicht!“ sagte Emil Popel in grundehrlichem Tone,
dachte aber genau das Gegenteil.
Dann verschwand er auf den Wald zu.
Peter Voß trug die Brieftasche wieder in den Bienenstock.
Darauf pochte er ans Fenster, hinter dem Minkwitz schlief. Mit der
brennenden Lampe in der Hand öffnete der die Tür und erschrak ganz
außerordentlich über den Zuchthauswärter in Sträflingskleidern, der
auf der Schwelle stand.
„Peter!“ rief er entsetzt und mußte die Lampe hinstellen, so zitterten
ihm die Hände. „Was ist denn los?“
„Ich hab einem armen Teufel fortgeholfen!“ lachte Peter Voß und drückte
die Tür zu. „Er ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen!“
Dann erzählte er ihm den ganzen Hergang und setzte sich in der
Sträflingskleidung zum Abendbrot nieder. Minkwitz schwankte zwischen
Bewunderung und Entsetzen.
„Ein Urkundenfälscher!“ tröstete ihn Peter Voß. „Ein dummer Kerl. In
Amerika wird er keine Urkunden fälschen. Da muß er erst mal Englisch
lernen.“
Doch die Rache war schon unterwegs. Kaum eine Viertelstunde nach Emil
Popels Ausbruch war die gesamte Polizei von Strienau auf den Beinen.
Der Beamte an der Oderbrücke gab die Richtung an. Ein Polizeihund nahm
die Spur auf. Um Mitternacht bellte er vor dem Pograuer Schulhaus.
Peter Voß, der eben beim dritten Glas Grog war, spitzte die Ohren. Mit
einem Sprung war er im Garten. Eine tolle Jagd begann. Nicht lange und
er lief dem Wachtmeister, der die Dorfstraße besetzt hielt, in die
Arme.
„Haben wir dich endlich, du Ausreißer!“ schnaufte der dicke Milzler
und leuchtete ihm mit der elektrischen Taschenlampe ins Gesicht. „Dir
wollen wir deine Frechheiten versalzen.“
Peter Voß gab jeden Widerstand auf. Er wurde gefesselt und zur Schule
geführt, wo Minkwitz in heller Verzweiflung zurückgeblieben war.
„Wie kommst du in die Schule?“ schnauzte Milzler.
„Ich wollte Kleider stehlen!“ log Peter Voß.
Minkwitz fiel ein Stein vom Herzen.
„Natürlich Kleider stehlen und Geld!“ brüllte der Wachtmeister und
knuffte ihn in die Seite. „Du verdammter Galgenstrick. Du kannst dich
auf drei Jahre gefaßt machen.“
„Ein bißchen viel!“ versetzte Peter Voß mit Gleichmut. „Zwei tun es
auch.“
„Da schneide dich man nicht in den Finger!“ rief der dicke Milzler und
packte ihn im Genick.
Wo bin ich vor Dodd sicherer als in einem preußischen Zuchthause!
dachte Peter Voß seelenruhig und ließ sich auf einen schnell
requirierten Wagen laden.
Im Trabe ging’s nach Strienau zurück, wo ihn der Wärter, der von Emil
Popel überwältigt worden war, bewillkommnete.
„Du verfluchter Saukerl!“ brüllte der und riß ihm den Mantel herunter.
„Dir will ich das Fell vergerben. Und wie hast du Schwein meinen Mantel
zugerichtet?“
„Verzeihung!“ erwiderte Peter Voß höflich. „Das schlechte Wetter!“
Dann wurde er vor den Direktor geführt. Der hatte im Gegensatz zu
seinem Kollegen in St. Malo nicht den geringsten wissenschaftlichen
Ehrgeiz und begnügte sich einzig und allein damit, ein möglichst
korrekter Beamter zu sein.
„Das ist also der Ausbrecher?“ fragte er und musterte ihn kritisch.
„Ach, Herr Direktor!“ jammerte Peter Voß gar erbärmlich und rang die
Hände. „Tun Sie mir nichts. Ich hab’s gar nicht gerne getan. Es ist
halt so plötzlich über mich gekommen.“
„Fort mit ihm!“ befahl der Direktor mit einer energischen Handbewegung.
„Gleich das Protokoll aufnehmen! Photographie, Fingerabdrücke! Oder ist
der Apparat noch nicht in Ordnung? Und dann drei Tage Wasser und Brot.“
Zehn Minuten später saß Peter Voß in der Badewanne. Das Wasser war
reichlich kalt.
„Wie oft wird hier am Tage gebadet?“ fragte er arglos.
Schwupp! tauchte ihm der erboste Wärter den Kopf unter Wasser, daß ihm
die Luft verging.
„Aber hören Sie mal!“ rief Peter Voß ungehalten, nachdem er das
verschluckte Wasser von sich gesprudelt hatte. „Ich bin eine derartige
Behandlung nicht gewohnt.“
„Maul halten!“ brüllte der Wärter ihn an. „Hier hast du nur deine
Schnauze aufzureißen, wenn du gefragt wirst.“
„Danke für die Belehrung!“ meinte Peter Voß, die übrigen Worte
erstarben in einem unverständlichen Gegurgel.
Als er wieder in die Höhe kam, war sein Gesicht blaurot.
Junge, Junge! dachte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. Hier
sind die Leute bei weitem nicht so gemütlich wie in St. Malo!
Beim Photographieren steckte er ein höchst bekümmertes Gesicht auf,
nachdem er vorher seine Nase durch heftiges Reiben und Drücken auf
ein größeres Volumen und auf ein geradezu ordinäres Format gebracht
hatte. Er sah jetzt wirklich mehr wie Emil Popel als wie Peter Voß
aus. Nun wurde er von unten nach oben gemessen, wobei es ihm gelang,
sich um einen halben Zentimeter zu verkleinern. Brustumfang und
Fingerabdrücke und was sonst noch zur wissenschaftlichen Feststellung
einer verbrecherischen Individualität gehörte, kamen haargenau ins
Protokollbuch. Dann erschien der Arzt und behorchte ihn.
„Tadellos gesund!“ bemerkte er und ging wieder hinaus.
Eine Viertelstunde später saß der falsche Emil Popel in der vorletzten
Zelle auf der rechten Seite des obersten Korridors.
Das ist aber schnell gegangen! dachte er und legte sich auf die
Pritsche, weil er hundemüde war.
Friedrich Minkwitz dankte seinem Schöpfer, daß er noch so davongekommen
war. Emil Popel aber sauste längst als Peter Voß durch Oesterreich nach
Süden.
Auch Dodd und Polly, die noch immer in Hamburg waren, warteten
vergeblich auf die Wirkung des Steckbriefes. Daß man daraufhin den
Kapitän Siems mitten auf dem Jungfernstieg festgenommen hatte, war
nicht gut als Erfolg anzusehen.
Dodd mußte schließlich die Annahme, daß sich Peter Voß noch immer
in Hamburg aufhielt, fallen lassen. Weiter wälzte er die Hamburger
Anmelderegister, um schließlich festzustellen, daß der Gesuchte während
seiner früheren Anwesenheit in Hamburg als Matrose bei der Logiswirtin
Hansen auf der Adolfstraße gewohnt hatte.
Mit Mutter Hansen wurde der gewandte Dodd im Handumdrehen fertig.
Sie war eine viel zu ehrliche Natur, um sich erst aufs Leugnen zu
verlegen. Daß sie dadurch Peter Voß schaden könnte, das glaubte sie
nicht. Er war ja unschuldig.
Mit ihrer Hilfe stellte Dodd Peter Voßens neues Signalement fest und
fragte sie auch sonst gehörig aus.
„Er wollte nach Berlin!“ bekannte sie endlich.
Das war die Wahrheit, und Berlin war groß. Da sollte er ihn erst mal
finden!
Noch an demselben Tage übersandte Dodd dem Fahndungsblatt einen
revidierten Steckbrief und ließ ihn außerdem in einigen der
verbreitetsten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen.
Dann schickte er an Stockes & Yarker ein beruhigendes Telegramm, worin
er mitteilte, daß er die verlorene Spur wieder aufgefunden hätte, und
seine weitere Reiseroute angab.
Nun fuhr er mit Polly nach Berlin.
Peter Voß saß in seiner sicheren Zelle und löffelte seine dicken
Erbsen, in denen ein winziges Stücklein Speck schwamm.
Wenn das so weiter geht, dachte er, muß ich krank werden! Vielleicht
ein kleiner Tobsuchtsanfall. Am Ende komme ich dann in die
Irrenanstalt. Da gibt’s wenigstens ein bißchen Unterhaltung.
Als der Wärter am Abend hereinkam, um die Zelle zu revidieren, stand
Peter Voß gerade in der Mitte des kleinen Raumes und machte Kniebeugen
mit Armstrecken, ganz ordnungsmäßig in drei Zeiten. Er zählte sogar
dazu.
„Stramm gestanden!“ fuhr ihn der Wärter an.
Peter Voß schoß an die Wand und machte sich steif wie ein Ast.
„Was machen Sie denn für ein bärbeißiges Gesicht, Herr Inspektor?“
fragte Peter Voß bekümmert. „Sie müssen es mir nicht übel nehmen, daß
ich Sie damals so hinterrücks überfallen habe. Das ist sonst meine Mode
nicht. Aber manchmal, da weiß ich nicht recht, was ich tue. Ich habe
die Sache schon furchtbar bereut.“
„Hm!“ machte der Wärter wütend. „Die Flausen kenn ich.“
Er ging, und Peter Voß begann das linke Bein und den rechten Arm zu
rollen, zwölfmal vorwärts und zwölfmal rückwärts.
Ob ich das wohl zwei Jahre aushalte? dachte er dann und legte sich auf
die Pritsche.
10.
Dodd und Polly waren in Berlin und warteten. Acht Tage lang hielt Polly
diese quälende Ungewißheit aus, dann war sie nahe am Verzweifeln. Sie
konnte sich beim besten Willen nicht auf den Ort besinnen, wo Peter
Voß von seinem Onkel erzogen worden war. Sie hatte nun einmal kein
Gedächtnis für geographische Namen. Dodd blieb nichts anderes übrig,
als nach Hamburg zurückzufahren und von neuem die Melderegister zu
wälzen.
Und das Glück wollte ihm wohl. Er fand in den Registern des Jahres 1892
einen Peter Voß, der nach Strienau in Schlesien abgemeldet worden war.
Mit diesem Befund eilte er unverzüglich zu Polly zurück und teilte es
ihr mit.
„Strienau!“ rief sie und schlug die Hände zusammen. „Ganz richtig. Das
ist die Stadt. Sein Onkel ist da am Gericht tätig.“
Aber den Namen dieses Onkels wußte sie nicht.
Am nächsten Mittag trafen sie in Strienau ein, wo sich Dodd, nachdem
er Polly im Hotel „Zum goldenen Kreuz“ zurückgelassen hatte, sofort
aufs Rathaus begab und Einsicht in die Anmelderegister verlangte.
Der Jahrgang von 1892 war bei einem Stubenbrand vor etlichen Jahren
vernichtet worden.
Der Beamte konnte sich des Namens Peter Voß nicht erinnern. Dodd kehrte
zu Polly zurück und fragte sie, ob Peter Voß eine gewöhnliche oder eine
höhere Schule besucht hätte.
„Eine höhere!“ versetzte sie schnell. „Er kann Latein. Und er hat mir
manches von den Professoren erzählt.“
Fünf Minuten später trat Dodd ins Gymnasium und verlangte von dem
Pedell, zum Direktor geführt zu werden.
Direktor Plimpel hatte ein sehr schlechtes Gedächtnis und zog daher den
alten Professor Zuntermann zu Rate.
„Peter Voß!“ rief der und schnalzte fast vor Vergnügen. „Dieser Mensch
ist hier in unserer Anstalt gewesen. Und zwar genau sechs Jahre und
sieben Monate. Ich habe es mir gemerkt, weil er eines schönen Tages
fortgelaufen ist. Er war einer der größten Taugenichtse, ohne alle
mathematischen Fähigkeiten. Es wäre mir sehr interessant, zu hören,
was aus ihm geworden ist. Meiner Berechnung nach wird er im Zuchthaus
endigen.“
Dodd zuckte bedauernd mit den Achseln.
„Er soll nach Amerika gegangen sein!“ fuhr der Professor, zum Direktor
gewendet, fort, der unterdessen in einem alten Schülerverzeichnis
herumblätterte.
„Es stimmt!“ sagte er und wies auf eine Eintragung. „Er wohnte bei
seinem Onkel, dem Landgerichtsrat Pätsch.“
„Darf ich um dessen Adresse bitten?“ fragte Dodd.
„Feldstraße 25!“ erwiderte Professor Zuntermann aus dem Kopfe.
Dodd notierte es sich und wollte sich empfehlen.
„Sie wissen also nicht, was aus ihm geworden ist?“ sprach der Direktor
neugierig.
Dodd schwankte einen Augenblick, dann war er entschlossen, vorläufig
nichts von dem Millionendiebstahl verlauten zu lassen, einmal um
Pollys willen, dann aber, um die etwaigen Komplicen des Defraudanten
nicht kopfscheu zu machen. Denn die Annahme, daß er sich zuerst nach
der Stadt seiner Schulzeit gewandt hatte, weil er hier am leichtesten
Vertraute finden konnte, lag zu sehr auf der Hand.
„Ich bin leider nicht orientiert!“ erwiderte er höflich.
„Schade!“ sagte der Professor. „Dieser Peter Voß war ein ganz unklarer
Kopf und ein ausschweifender Phantast. Solche Menschen entgleisen
immer. Denn nur auf den Grundlagen der mathematischen Wissenschaft
erwächst die wahre Gesittung.“
Dodd empfahl sich.
Immer wahrscheinlicher wurde ihm die Möglichkeit, daß Peter Voß hier in
Strienau das Geld versteckt hatte. Es war nun nötig, festzustellen, ob
er wirklich hier gewesen war und bei wem er sich aufgehalten hatte.
Zu diesem Zweck ließ sich Dodd bei dem Polizeiinspektor melden. Ohne
sich als Detektiv zu legitimieren, stellte er sich als Amerikaner vor,
der in einer Familienangelegenheit herübergekommen sei.
„Ich suche einen Menschen,“ sagte er, „der sich offenbar unter einem
falschen Namen in dieser Gegend aufhält.“
Und dann beschrieb er Peter Voß ganz genau nach seinem letzten
Signalement. Der Polizist Milzler wurde geholt.
„Der Mensch ist mir aufgefallen!“ sagte der, nachdem er das Signalement
geprüft hatte. „Ein Matrose. Natürlich! Im Blauen Hirsch hat er ein
paarmal gegessen. Und der Lehrer aus Pograu saß bei ihm. Aber seit
vierzehn Tagen, drei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
Dodd notierte sich die Adresse des Lehrers und fragte, wie er am
leichtesten nach dieser Schule kommen könnte. Der Inspektor gab
ihm bereitwilligst Auskunft, und Milzler wurde auf seinen Posten
zurückgeschickt mit der Mahnung, sofort zu melden, wenn sich der Mann
wieder sehen ließe.
Dann kehrte Dodd zu Polly ins Hotel zurück, die mit steigender Ungeduld
auf ihn gewartet hatte.
Nun fuhren sie zusammen auf die Feldstraße. Der Wagen hielt vor der
Nummer 25. Dodd lohnte den Kutscher ab, und Polly zog unterdessen die
Klingel. Ihr Herz klopfte hörbar.
Die unverehelichte Martha Zippel öffnete, diesmal ohne die
Sicherheitskette zu benutzen, denn der Herr Rat war zu Hause. Er
hatte die beiden Besucher längst durch das Fenster gesichtet, und ihm
schwante sofort das Richtige.
„Was wünschen Sie?“ fragte die Haushälterin.
„Eine Auskunft!“ erwiderte Dodd trocken. „Es handelt sich um einen
Mann, einen Seemann, der vor einigen Tagen hier zu Besuch gewesen sein
soll.“
Da stieß Polly einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Ihr Blick war
auf den Landgerichtsrat gefallen, der eben aus seinem Zimmer getreten
war. Er hatte seine Brille abgelegt, und seine Aehnlichkeit mit Peter
Voß war einfach verblüffend.
„Sie wünschen mich zu sprechen?“ fragte er mit einem verbindlichen
Lächeln und machte eine einladende Handbewegung. „Bitte, treten Sie nur
näher.“
Die Haushälterin erkannte mit brennender Eifersucht, daß der Herr
Landgerichtsrat ein sehr großes Interesse an der jungen Dame nahm.
Dodd schaute sich suchend im Zimmer um, während Polly der Einladung des
alten Herrn folgte und auf dem Sofa Platz nahm.
„Mein Name ist Bobby Dodd!“ sagte er mit einer leichten Verbeugung.
„Ich bin Detektiv.“
„Und Sie sind hinter meinem Neffen Peter Voß her!“ ergänzte der
Landgerichtsrat freundlich, indem er sich mit untergeschlagenen Armen
an seinen schweren, eichenen Schreibtisch lehnte.
„Er war bei Ihnen?“ fragte Dodd energisch.
„Ich merke schon, es wird ein Verhör!“ fuhr der Landgerichtsrat fort.
„Ich werde Ihnen die Arbeit erleichtern. Peter Voß war bei mir und hat
mir sein Verbrechen gestanden, worauf ich ihn schleunigst fortgeschickt
habe.“
„Es wäre Ihre Pflicht gewesen, ihn verhaften zu lassen!“ rief Dodd.
„Mr. Dodd!“ rief Polly gekränkt. „Sie vergessen unsere Abmachung.“
„Verzeihung!“ sagte er mit einer Verbeugung.
„Sie werden es menschlich verzeihlich finden,“ lächelte der Rat
überlegen, „daß ich ihn nicht verhaften ließ. Zudem werden Sie es
kaum beweisen können, daß ich von der Wahrheit seines Geständnisses
überzeugt gewesen war. Falls Sie meine Bestrafung wünschen, werde
ich Ihnen die Arbeit erleichtern und noch heute mein Abschiedsgesuch
einreichen.“
„Mr. Dodd!“ rief Polly empört. „Sie werden das unterlassen.“
„Ich habe nur das Geld herbeizuschaffen!“ versetzte Dodd ruhig. „Sogar
die Festnahme des Defraudanten betreibe ich nur, um zu den entwendeten
Millionen zu kommen. Alles andere hält mich auf, ist also unnütz. Ich
bin nur von der Firma Stockes & Yarker, aber nicht von der Polizei
engagiert. Und Sie können mir keinen Anhaltspunkt geben, wohin sich der
Verbrecher von hier aus gewandt hat?“
„Leider nicht,“ versetzte der Rat, und um seine Mundwinkel zuckte es.
„Seitdem er vor vier Wochen aus dieser Tür getreten ist, habe ich
nichts wieder von ihm gehört und gesehen.“
„Hatte er die Millionen bei sich?“ fragte Polly gespannt.
„Meines Wissens nicht!“ erwiderte der Rat mit einem feinen Lächeln.
Dodd merkte sich dieses Lächeln und dachte sich seinen Teil. Die
Wahrscheinlichkeit, daß die zwei Millionen in diesem Hause versteckt
waren, war durch dieses Lächeln bedeutend gewachsen.
„Sie wissen also nicht, daß sich Ihr Neffe noch weiterhin hier in
Strienau aufgehalten hat?“ fragte Dodd lauernd. „Und zwar unter dem
falschen Namen Franz Müller?“
„Davon weiß ich nichts!“ erwiderte der Rat ernst. „Ich würde das, falls
es sich bestätigen sollte, sehr bedauern. Denn Sie können sich denken,
daß mir in meiner Stellung ein solcher steckbrieflich verfolgter Neffe
nicht sehr angenehm ist.“
Komödie! dachte Dodd und erhob sich.
Seine Mission war hier vorläufig zu Ende. Nun mußte der Lehrer in
Pograu examiniert werden.
Dodd wandte sich zur Tür, und Polly erhob sich zögernd.
„Ich hoffe, Sie recht bald wiederzusehen!“ sagte der Rat sehr warm zu
ihr und drückte ihr zärtlich die Hand.
„Mrs. Voß!“ sagte Dodd, als sie wieder im Hotel waren. „Der alte Herr
weiß mehr, als er uns verraten hat. Ich bitte Sie, gehen Sie morgen zu
ihm und horchen Sie ihn aus.“
„Ich soll spionieren?“ rief sie entrüstet. „Was glauben Sie von mir?“
„Ich glaube,“ erwiderte er aufrichtig, „daß Sie alles tun wollen, um
Mr. Voß zu retten. Erzählen Sie dem alten Herrn von unserem Vertrag,
vielleicht wird er unser Bundesgenosse.“
„Also gut!“ sprach sie, sofort umgestimmt. „Ich werde zu ihm gehen!“
Um dieselbe Zeit machte sich Friedrich Minkwitz daran, seine Bienen
für die Winterruhe zu verpacken, und fand dabei die Brieftasche Peter
Voßens. Er sah, was darin war, und ließ sie liegen.
Als er beim Abendbrot saß, pochte es an die Haustür.
Draußen stand Bobby Dodd. Sehr höflich lüftete er den Hut und bat um
eine Unterredung. Minkwitz nötigte ihn herein.
„Bei Ihnen hat sich ein Mann Namens Peter Voß aufgehalten?“ fragte Dodd
ohne Umschweife.
„Peter Voß?“ stotterte Minkwitz bestürzt. „Allerdings! Nein.“
„Leugnen Sie nicht lange!“ sprach Bobby Dodd energisch. „Ich bin
Detektiv. Sagen Sie die Wahrheit. Wo ist er?“
„Hier nicht!“ bekannte Minkwitz aufatmend. „Er ist fort. Schon seit
vierzehn Tagen.“
„Wohin hat er sich gewandt?“ forschte Dodd und sah sich im Zimmer um.
Minkwitz hob hilflos die Schultern.
Bobby Dodd fragte nicht weiter, denn er hatte mehrere verschiedenartige
Fingerabdrücke auf dem Wandkalender entdeckt. Er nahm ihn, ohne erst um
Erlaubnis zu fragen, vom Nagel.
„Sie erlauben wohl!“ sprach er und schickte sich an, das steife Papier
zusammenzufalten.
„Oh!“ entfuhr es Minkwitz, und er griff danach.
„Bitte sehr!“ sagte Dodd. „Drücken Sie nur tüchtig. Es ist mir sehr
lieb, wenn auch Ihre Finger darauf abgebildet sind.“
Sofort ließ Minkwitz los, und der Wandkalender verschwand in Dodds
Ueberrocktasche.
Minkwitz war sprachlos, er hatte nicht einmal die Energie, diesem
offenkundigen Dieb die Tür zu weisen.
„Ich danke Ihnen!“ sprach Dodd verbindlich. „Auf Wiedersehen.“
Dann eilte er mit seinem unschätzbaren Fund nach Strienau zurück.
Auf der Bahn verglich er die verschiedenen Fingerabdrücke, die der
Wandkalender aufwies. Der Abdruck neben dem 27. November war ohne
Zweifel von Peter Voßens Zeigefinger verursacht worden. Nun hatte er
ein untrügliches Mittel, die Identität des Verbrechers ohne Pollys
Hilfe feststellen zu können.
In Strienau angekommen, kaufte er einen Wandkalender für das neue
Jahr und ließ ihn an den Lehrer in Pograu schicken. Damit war sein
amerikanisches Gewissen vollauf beruhigt.
Im Hotel erfuhr er, daß Polly vor kaum einer Viertelstunde mit der
Droschke fortgefahren sei. Er wußte wohin. Und er gönnte sich etwas
Ruhe und vertiefte sich von neuem in den Wandkalender.
Wenn die zwei Millionen nicht bei dem Landgerichtsrat lagen, dann waren
sie sicher da draußen in der Schule versteckt!
Landgerichtsrat Pätsch saß an seinem Schreibtisch und hatte eben sein
Pensionsgesuch unterzeichnet, als die Droschke mit Polly vor dem Hause
hielt. Schnell versiegelte er das Schreiben und übergab es seiner
Haushälterin mit der Weisung, es sofort auf die Post zu tragen.
Polly wollte eben den Klingelknopf niederdrücken, als die
unverehelichte Zippel aus der Tür trat. Sie maß Polly mit einem
kampfbereiten Blick.
„Kommen Sie nur herein, ich habe Sie schon erwartet!“ rief der
Landgerichtsrat fröhlich und streckte Polly beide Hände entgegen.
Aufs höchste erstaunt über diesen überaus freundlichen Empfang, zögerte
sie, aber er faßte sie bei den Händen und zog sie sanft ins Zimmer.
„Kommen Sie, liebe, kleine Frau!“ sagte er und drückte sie in einen
weichen Sessel. „Wie freue ich mich, Sie endlich kennen zu lernen. Nun
aber sagen Sie mir das eine, wie kommen Sie dazu, in Begleitung dieses
Detektivs hierher zu reisen?“
„Wie ich dazu komme?“ versetzte sie ganz bestürzt. „Ich muß ihm helfen,
meinen Mann zu fangen. Er hat doch zwei Millionen Dollar gestohlen. Und
die muß er herausgeben. Wir bringen ihn dann in ein Sanatorium, und die
Sache hat weiter kein gerichtliches Nachspiel.“
„So, so?“ sagte der Rat schmunzelnd. „Jetzt kann ich es mir schon
zusammenreimen. O Peter, Peter, wie wird es dir ergehen, wenn du dich
kriegen läßt!“
Polly war einfach starr über diese Fröhlichkeit des Onkels.
„Ja, aber!“ rief sie und sprang auf. „Herr!“
„Sag ruhig Onkel zu mir, mein Kind!“ erwiderte er und nahm ihre kalten,
zuckenden Finger zwischen seine warmen Hände. „Peter, dieser Junge,
ist wirklich ein Prachtkerl. Und es freut mich aufrichtig, daß er ein
solches Prachtmädel drüben in Amerika gefunden hat.“
Da stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen.
„Was ist denn? Was hast du denn, Kind?“ rief er ganz erschreckt.
„Ach!“ schluchzte sie aus tiefstem Herzensgrunde auf. „Er ist doch
ein Millionendieb. Er ist geisteskrank. Er hat sich im Geschäft
überarbeitet. Ich bin ja so schrecklich unglücklich.“
„Na, na!“ lächelte er und strich ihr sanft über die blassen Wangen.
„Beruhige dich nur, mein Kind. Er hat die Millionen nicht gestohlen,
und er ist geistig ganz auf der Höhe. Wenn die Kupferpapiere erst
wieder gestiegen sind, kriegst du deinen lieben Peter wieder. Und ich
gebe dir mein Wort, du wirst deine helle Freude an ihm haben.“
Langsam versiegten ihre Tränen. Wie geistesabwesend starrte sie ihn an.
War denn der Onkel auch verrückt geworden?
„Siehst du, mein liebes Kind!“ tröstete er sie. „Er ist hier bei mir
gewesen und hat mir alles erzählt. Die Millionen, die er gestohlen
hat, existieren in Wirklichkeit gar nicht. Sie existieren nur in
der Einbildung der anderen Leute. Und auf dieser Einbildung beruht
vorläufig die ganze Existenz der Firma Stockes & Yarker. Das will
natürlich nicht in dein kleines Köpfchen hinein. Aber gib acht. Wenn
man es nur von der rechten Seite betrachtet, ist es ganz leicht zu
begreifen. Die Firma Stockes & Yarker hat in den letzten Jahren
schlecht gewirtschaftet, und Peter hat die Bücher gefälscht, du
versteht, zugunsten der Firma.“
Aber Polly verstand nichts. In ihrem Köpfchen ging das bekannte Mühlrad
herum.
„Er hat die Bücher gefälscht?“ stöhnte sie auf. „Wie ist das möglich.
Mr. Dodd hat mir erzählt, gerade aus den Büchern hat man das Fehlen des
Geldes nachgewiesen.“