„Allerdings nicht!“ sagte er plötzlich. „Das Strafgesetzbuch ist mir

das unsympathischeste Buch, das ich mir denken kann. Und die Richter

sind mir eben nicht sympathischer. So ein Richter teilt die Menschen

ein in Verbrecher und Nicht-Verbrecher. Aber das ist verkehrt. Es

gibt nämlich Verbrecher, Nicht-Verbrecher -- das sind die Philister --

und Leute, die weder Verbrecher noch Philister sind. Dazu gehöre ich.

Das ist die numerisch stärkste Gruppe. Und die Haupttriebkraft dieser

Menschen ist vornehmlich die Phantasie. Damit sehen sie die Dinge

voraus, die die andern noch nicht sehen, und suchen die Verhältnisse

schon im voraus zu beeinflussen, damit schließlich der gewünschte

Erfolg eintritt. Und dieser Erfolg kann doch auch gerade das Gegenteil

des Verbrecherischen sein. Nehmen wir einmal folgenden Fall an aus

meiner jetzigen Praxis. Ich bin zum Beispiel der erste Buchhalter und

Kassierer des Bankhauses Stockes & Yarker, mit einem Wort, die rechte

Hand des Chefs. Dieses Bankhaus kommt durch die tollen Spekulationen

seines Inhabers an den Rand des Ruins. Nun nimm weiter an, ich wäre

dem Inhaber zu großem Danke verpflichtet, was ja auch der Fall ist,

da er mich auf der St. Louis Bridge vor dem Selbstmord zurückgehalten

hat. Ich kann ihn aber nicht von seinen Spekulationen zurückhalten. Was

wird geschehen? Es wird zu krachen beginnen. Der Bank wird der Kredit

entzogen werden. Nun habe ich aber die Bücher in Händen und fälsche sie

zugunsten der Firma.“

„Das könntest du tun?“ rief der Onkel empört.

„Angenommen!“ lachte Peter Voß. „Und warum nicht? In Amerika ist alles

möglich. Also ich fälsche die Bücher, ohne daß der Chef etwas merkt. Er

überzeugt sich aus diesen Büchern von dem angeblich guten Finanzstand

seines Geschäfts. Was wird geschehen?“

Der Onkel schüttelte den Kopf, er kam offenbar nicht mehr mit.

„Der Mann wird weiter spekulieren!“ sagte Peter Voß. „Er wird die Firma

immer mehr hineinreiten, und ich, sein getreuer Kassierer, kann nichts

anderes tun, als die Fälschungen weiter fortsetzen, in der stillen

Hoffnung, daß dem Inhaber schließlich doch noch ein großer Börsencoup

gelingt, um den Unterschied zwischen Sein und Schein auszugleichen.

Eine solche Bücherfälschung ist natürlich viel, viel schwieriger als

die gewöhnliche Bücherfälscherei durchgehender Bankkassierer. Es wird

also weiter spekuliert. Sogar der Kassierer beteiligt sich daran, aber

auch das ist vergeblich. Was geschieht?“

„Dann erfolgt der Zusammenbruch!“ sagte der Onkel, dessen Interesse an

der Fiktion zusehends wuchs.

„Noch nicht!“ erwiderte Peter Voß und hob abwehrend die Finger. „Noch

steht die Firma nach außen hin glänzend da, besser als jemals. Ihre

Bilanzen sind vorzüglich, sie erhöht die Gehälter ihrer Beamten. Es

wird, wie gesagt, nichts versäumt, dem Publikum ordentlich Sand in die

Augen zu streuen. Nun hat aber diese Firma am nächsten Morgen zwei

Millionen Dollar zu bezahlen. Diese Summe muß unter allen Umständen

bezahlt werden! Und nun entspringt in der Phantasie des Kassierers, in

seiner verbrecherischen Phantasie, würdest du sagen, die famose Idee,

die zwei Millionen Dollar, die gar nicht vorhanden sind, zu stehlen

und damit das Weite zu suchen. Und nun frage ich dich als Onkel und

Landgerichtsrat: Wie beurteilst du diesen Kassierer?“

„Ja!“ sagte der Onkel ganz verblüfft. „Wem ist damit geholfen? Die

Firma muß trotzdem fallieren. Der Plan ist schlechthin wahnwitzig zu

nennen.“

„Oho!“ rief Peter Voß beleidigt. „Die zwei Millionen Dollar werden

natürlich nicht bezahlt, denn der Gläubiger, an den sie bezahlt werden

sollen, muß auf Grund des Diebstahls, und in der Hoffnung, das Geld

noch zu bekommen, der Firma Stockes & Yarker Stundung gewähren.“

„Hm!“ meinte der Onkel und beugte sich vor. „Das ist aber ein gewagtes

Spiel. Einmal wird dieser Betrug doch aufgedeckt werden.“

„Das glaube ich nicht!“ entgegnete Peter Voß siegesgewiß. „Angenommen,

die Firma verdient in der Zwischenzeit an ihren Kupferpapieren, die

augenblicklich so gut wie nichts wert sind, drei Millionen Dollar. Sie

wird nicht nur imstande sein, sich über Wasser zu halten, sondern auch

die zwei Millionen zu bezahlen. Der Kassierer kehrt zurück, gesteht

dem Chef die Fälschungen und die fingierte Defraudation ein und wird

gerührt ans Herz gedrückt, weil er die Firma gerettet hat.“

Der Onkel schöpfte noch immer keinen Argwohn. Die Sache war denn doch

zu haarsträubend und absurd.

„Nun beantworte mir die Frage!“ sagte Peter Voß und tippte ihm auf die

Schulter. „Hältst du diesen Kassierer für einen Verbrecher?“

„Unbedingt!“ versetzte der Landgerichtsrat ernsthaft. „Er ist ein

Betrüger. Die vier Punkte, die zum Betrug gehören, sind vorhanden. 1.

Täuschungshandlung, 2. Irrtumserregung, 3. Vermögens-Disposition, 4.

Vermögens-Schädigung.“

„Die ersten drei Punkte gebe ich ohne weiteres zu,“ erwiderte Peter

Voß, „aber den vierten Punkt keinesfalls. Wer wird denn geschädigt?

Im Gegenteil, wenn die Firma Stockes & Yarker zusammenbricht, werden

Tausende von Menschen mehr oder weniger geschädigt. Und der Mann, an

den die Millionen zu bezahlen sind, hat sie doch vorläufig noch gar

nicht verloren. Es ist vielmehr noch immer Hoffnung vorhanden, daß er

sie bekommt, sobald nämlich die Kupferpapiere in den nächsten Jahren

in die Höhe gehen. Ob also der Kassierer ein Betrüger ist, kann sich

doch erst, vorausgesetzt, daß er sich nicht erwischen läßt, nach Ablauf

dieser Frist herausstellen.“

„Das ist allerdings richtig!“ gab der Onkel zu, von dem Scharfsinn

seines Neffen ganz verblüfft. „Und außerdem müssen diesem Manne

mildernde Umstände zugebilligt werden, wenn man die Motive, aus denen

er gehandelt hat, ins Auge faßt.“

„So gefällst du mir schon besser!“ rief Peter Voß vergnügt und setzte

sich nieder. „Du würdest also diesen Kassierer freisprechen?“

„Freisprechen?“ fragte der Onkel verwundert. „Vom Betrug wohl, aber

nicht von der Bücherfälschung.“

Peter Voß wollte sich eben als dieser vom Betrug freizusprechende

Kassierer der Firma Stockes & Yarker aus St. Louis zu erkennen geben,

als die Hausglocke ging. Es war der Briefträger.

Der Onkel nahm ihm Briefe und Zeitungen an der Tür ab.

„Du erlaubst wohl,“ sagte er, als er wieder ins Zimmer trat, öffnete

ein paar Briefe, und überflog sie.

Peter Voß steckte sich inzwischen eine neue Zigarre an. Der Onkel legte

die Briefe beiseite. Es war nichts von Bedeutung darunter. Mechanisch

griff er zur neuesten Nummer des Fahndungsblattes, das unverpackt

zwischen den Zeitungen lag. Peter Voß überlegte inzwischen, wie er

sein Geständnis, in Rücksicht auf den leidenden Zustand des Onkels,

möglichst schonend anbringen könnte.

Landgerichtsrat Pätsch schlug inzwischen die erste Seite des

Fahndungsblattes herum und begann die zweite Seite zu überfliegen. Da

verlor er plötzlich den Halt. Sein Atem setzte aus, er verdrehte die

Augen.

„Peter Voß, der Millionendieb von St. Louis!“ stöhnte er noch, dann

sank er röchelnd hintenüber.

Peter Voß sprang hinzu. Ein Blick ins Fahndungsblatt genügte, um

die Ursache dieser plötzlichen Ohnmacht zu entdecken. Da stand sein

Steckbrief. Unterzeichnet mit Bobby Dodd. Ausgestellt in Hamburg.

Angegeben war das Signalement des Kapitäns Siems.

Peter Voß bettete den Ohnmächtigen, der sich noch immer nicht regte,

aufs Sofa. Puls und Atem waren herabgemindert. Er flößte ihm etwas

Wasser ein und nach einer Weile schlug der Onkel die Augen wieder auf,

war aber noch unfähig zu sprechen.

„Liebster, bester Onkel!“ flüsterte Peter Voß. „Es tut mir furchtbar

leid, daß du dich so erschrocken hast.“

„Millionendieb!“ röchelte der Onkel. „Hinaus mit dir.“

„Das hab ich kommen sehen!“ erwiderte Peter Voß traurig. „Obschon du

mich freisprechen wolltest, weist du mir doch die Tür.“

Nun kam der Onkel ein wenig in die Höhe.

„Du verlangst doch nicht etwa,“ stöhnte er auf, „daß ich als

Landgerichtsrat einen Millionendieb bei mir beherberge!“

„Aber ich bin doch gar kein Dieb,“ rief Peter Voß, „ich gebe mich doch

nur für einen aus. Kannst du das nicht begreifen? Ich bin das Gegenteil

eines Hochstaplers, ein Tiefstapler, wenn du willst. Die Millionen, die

ich gestohlen habe, sind doch gar nicht vorhanden.“

Der Onkel richtete sich ganz auf. Noch glaubte er dem Fahndungsblatt

mehr als seinem Neffen.

„Sieh mal an,“ erklärte ihm Peter Voß und legte ihm die Hand auf die

gebeugte Schulter, „wenn ich wirklich die beiden Millionen gestohlen

hätte, würde ich dann wohl zu dir gekommen sein und dir die ganze

Geschichte erzählt haben?“

Landgerichtsrat Pätsch hatte sich so weit erholt, daß er seine Gedanken

wieder ordnen konnte. Er schaute Peter Voß in die ehrlichen, treuen

Augen und glaubte ihm. Aber von seiner weiteren Beherbergung wollte er

durchaus nichts wissen.

„Schade!“ sagte Peter Voß. „Ich hatte es mir so schön vorgestellt. Ich

wollte hier die zwei Jahre bleiben, bis sich alles wieder beruhigt

hatte, und dann hätte ich meine Frau nachkommen lassen. Das wäre doch

sehr schön gewesen. Und außerdem wäre es auch nicht so teuer geworden.“

„Du brauchst also Geld?“ sagte der Onkel und ging mit schwankenden

Schritten auf das geheime Wandschränkchen zu.

„Für zwei Jahre sind meine Mittel allerdings etwas beschränkt!“ gestand

Peter Voß. „Ich konnte die Firma nicht noch mehr belasten.“

Der Onkel entnahm dem Geldschränkchen zehn Hundertmarkscheine.

„Hier nimm!“ rief er und hielt sie ihm hin. „Ich kann sie entbehren.

Aber du mußt sofort aus Strienau verschwinden!“

„Freilich!“ sagte Peter Voß, indem er das Geld einsteckte. „Ich werde

über die russische Grenze gehen. Dodd kann sicher nicht Russisch.“

„Wer ist Dodd?“ fragte der Onkel milder gestimmt, weil er nun hoffen

durfte, den schrecklichen Neffen los zu werden.

„Der Detektiv, der hinter mir her ist!“ erklärte Peter Voß und nahm

seine Mütze aus der Tasche. „Und das tollste ist, meine Frau ist

bei ihm. Sie hält mich nämlich für total verrückt. Nun könntest du

mir eigentlich den Gefallen tun und nach Hamburg fahren, um ihr das

gründlich auszureden.“

Der Onkel schüttelte den Kopf.

„Oder hältst du mich auch für verrückt?“ rief Peter Voß.

„Geh, mein Junge, geh!“ sagte der Onkel und drückte ihm herzhaft die

Hand. „Sonst läufst du noch der Martha Zippel in die Hände. Wenn du in

zwei Jahren wieder in St. Louis bist und dir die ganze Sache geglückt

ist, dann will ich mich gern pensionieren lassen und hinüber kommen.

Vorläufig aber muß ich jede Berührung mit dir vermeiden. Ich halte dich

nicht für verrückt, ich halte dich auch nicht für einen Dieb, du bist

nur ein Wagehals. Wenn Charaktere, wie du einer bist, überhand nehmen,

müssen wir das ganze Strafgesetzbuch umkrempeln.“

„Na, dann Adieu, lieber Onkel!“ erwiderte Peter Voß und ging betrübt

zur Tür.

„Also viel Glück, mein Junge!“ sagte der Onkel an der Haustür. „Ich

kenne dich jetzt besser als jemals, ich weiß, du würdest auch für

mich Kopf und Kragen wagen. Es scheint wirklich eine neue Menschheit

unterwegs zu sein.“

Dann drückte er leise die Tür von drinnen ins Schloß, und Peter Voß

war draußen. Es war auch die höchste Zeit gewesen. Eben schoß die

Wirtschafterin durch die Gartenpforte herein.

„Das ist doch eine bodenlose Frechheit!“ keifte sie los und stellte die

hochbepackte Markttasche nieder.

Peter Voß zog furchtsam die Mütze und streckte die Hand aus.

„Der Herr Landgerichtsrat hat mir auch was gegeben!“ flehte er und

schaute sie so jämmerlich an, daß es rein zum Erbarmen war. „Schenken

Sie mir doch einen Pfennig. Ich hab seit drei Tagen keinen warmen

Bissen in den Leib gekriegt.“

Und o Wunder! die unverehelichte Zippel zog das Portemonnaie und gab

ihm ein blankes Zweipfennigstück. Peter Voß steckte es ein.

„Alter Drache!“ sagte er dann grüßend und ging weiter.

9.

Als Peter Voß wieder auf dem Strienauer Ringe stand, war er fest

entschlossen, seiner Stiefvaterstadt den Rücken zu kehren.

Immer darauf bedacht, seine Spur zu verwischen, auch wenn er seinen

Verfolger nicht direkt hinter sich hatte, gedachte er nicht die Bahn zu

benutzen, sondern sich über die Dörfer nach der nächsten Parallelbahn

hinüberzuschlagen. Von hier aus wollte er nach Berlin zurück, um sich

einen russischen Paß zu besorgen. Mit dem wollte er dann unter dem

Doppeladler sein Glück versuchen. Den Steckbrief fürchtete er nicht,

der konnte höchstens dem Kapitän Siems gefährlich werden. Er kaufte

sich zum zweiten Frühstück bei Mutter Knulle eine Tüte Aepfel und

wollte über die Oderbrücke gehen.

Aber es fing plötzlich an bindfadenstark zu regnen. Darum ging er in

den „Blauen Hirsch“ und saß bis zum Abend hinter dem Bierglas. Dann

ließ er sich ein Zimmer geben.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und so machte er sich getrost über

die Oderbrücke auf die Wanderschaft nach Osten.

Da kam ihm eine lange, überschlanke, schwarze Gestalt

entgegengewandelt. Sofort blieb Peter Voß stehen, betrachtete sich

den Mann näher und erkannte Friedrich Minkwitz, seinen Schulgenossen,

der in der Sekunda neben ihm gesessen hatte. Der Mann ging in tiefe

Gedanken versunken der Stadt zu und hatte kein Auge für den Fremdling.

Peter Voß schaute sich um. Da kein Mensch in der Nähe war, wagte er es

und vertrat ihm den Weg.

„Guten Tag, Friedrich!“ rief er vergnügt. „Kennst du mich nicht mehr?“

Der Angerufene blieb stehen und erwachte aus seinen Träumen. Die

wasserblauen, treuherzigen Augen weitaufgerissen, starrte er auf den

heruntergekommenen Matrosen und wußte sich nicht zu erklären, wie er zu

dieser merkwürdigen Bekanntschaft kam.

„Aber Friedrich!“ sagte Peter Voß und faßte ihn an den obersten Knopf

seines schwarzen Rockes. „Also auch du erkennst mich nicht mehr? Ich

bin doch Peter Voß!“

Jetzt begann es in Friedrich Minkwitzens Hirn zu dämmern. Seine Lippen

zuckten, und sein Gesicht rötete sich vor Freude.

„Ja ja ja!“ stotterte er ganz aufgeregt. „Du bist wirklich Peter Voß.

Das ist aber eine Ueberraschung! Wie kommst du denn hierher?“

„Hm!“ meinte Peter Voß vorsichtig, „wenn ich dir das erzählen soll,

dann müssen wir uns erst einen stillen Fleck aussuchen, wo uns niemand

belauschen kann. Lieb wäre es mir auch, wenn du meinen Namen nicht bei

jeder Gelegenheit in die Luft hinausschreien wolltest. Es ist nämlich

einer hinter mir her, der mich fangen will.“

Der Schulfreund prallte entsetzt zurück.

„Nur ruhig Blut, du Angsthase!“ lachte Peter Voß und hakte sich bei ihm

ein. „Es handelt sich nämlich um eine Wette. Du verstehst, ich komme

aus Amerika.“

„Ach so!“ rief Minkwitz, und ein Stein fiel ihm vom Herzen. „Also aus

Amerika? Dein Gesicht sieht auch ganz amerikanisch aus. Ich hätte dich

beim besten Willen nicht wiedererkannt.“

„Das freut mich!“ lächelte Peter Voß und ging mit ihm zur Brücke

zurück. „Du bist eine treue Haut, du wirst mich schon nicht verraten.

Am besten ist’s, du nennst mich Müller, Schulze oder Lehmann.“

Und sie kamen überein, daß Peter Voß von nun an Franz Müller heißen

sollte. Dicht vor der Brücke machte Peter Voß halt und zog den Freund

zum Ufer hinunter.

„Komm mit!“ sagte er. „Wir nehmen ein Boot und rudern ein bißchen. Ich

hab dir eine Menge zu erzählen.“

„Und ich dir auch,“ erwiderte Minkwitz, „wenn auch wenig Erfreuliches.“

Fünf Minuten später stießen sie in den Strom hinaus, ließen sich etwas

abwärts treiben und legten sich hinter einer einsamen, mit Weiden

bewachsenen Buhne fest. Hier weihte Peter Voß den Freund in seinen

fingierten Diebstahl ein. Der nahm die Sache ganz anders auf als der

Landgerichtsrat Pätsch. Bewundernd schaute er zu dem Freunde empor, der

im Eifer seiner Erzählung aufgesprungen war und die Haupttreffer mit

bezeichnenden Gesten unterstrich. Diese Lebhaftigkeit des Erzählens

stammte noch aus seiner Schauspielerperiode. Zuletzt kam der Abschied

vom Onkel daran.

„Du kannst natürlich so lange bei mir bleiben, wie du willst!“

versicherte Minkwitz, ohne nur einen Augenblick zu zögern. „Ich habe

ein ganzes Haus zur Verfügung, und das liegt sehr einsam. Ich bin

nämlich Dorfschullehrer in Pograu. Zum Studieren langte es nicht. Ich

mußte im ersten Semester umsatteln.“

„Also Schulmeister?“ lachte Peter Voß. „Das scheint mir trotzdem ein

ganz ehrenwerter Beruf zu sein. Ich würde allerdings nicht dazu taugen.

Deine Einladung nehme ich natürlich mit Freuden an, denn ich habe es

mir einmal in den Kopf gesetzt, hier in Strienau meine zwei Jahre

abzudienen. Es ist nun einmal meine zweite Vaterstadt, und wenn Dodd

wirklich hierher kommt, in deiner abgelegenen Schule sucht er mich

gewiß nicht. Du bist ja von jeher ein frommer Bruder gewesen. Die Haare

trägst du noch immer recht lang.“

„Und du um so kürzer!“ lächelte Minkwitz. „Du siehst aus wie ein

Sträfling.“

„Das hat seinen guten Grund!“ belehrte ihn Peter Voß. „Ich brauche nur

erwischt zu werden, und schon muß ich ins Gefängnis. Man lebt übrigens

da drin gar nicht so schlecht, wie es sich ein Draußenstehender

ausmalt. Ich habe in St. Malo ganz gemütliche Wochen verlebt. Es war

ganz so wie eine kleine Sommerfrische.“

„Danke sehr!“ versetzte Minkwitz abwehrend. „Ich würde doch lieber zu

Hause bleiben, als eine solche Sommerfrische beziehen.“

So schwatzten sie weiter. Als sie die Zigarren ausgeraucht hatten,

verzehrten sie die Aepfel. Dann fuhren sie zurück und gingen über die

Brücke in die Stadt, wo Minkwitz einige Besorgungen zu machen hatte.

Als sie über den Ring gingen, wurden sie von dem Polizisten Milzler,

der den Pograuer Lehrer kannte, gegrüßt.

Peter Voß legte dem weiter keine Bedeutung bei und setzte sich in den

„Blauen Hirsch“ hinter ein Glas Bier, um auf Minkwitz zu warten.

Da das Wetter gut war, legten sie den Weg nach Pograu, wo die Schule

lag, zu Fuß zurück. Minkwitz erzählte von seinem geruhigen Dasein und

Peter Voß war ausgelassen.

Kopfschüttelnd beschaute er sich das Schulhaus, das windschief und

altersschwach hinter dem Dorf in einem großen Garten lag. Zwei

Bienenstöcke standen darin.

„Das werd ich mir mal gleich zunutze machen!“ sagte Peter Voß, öffnete

den einen und steckte seine Brieftasche hinein.

Jetzt schüttelte Minkwitz den Kopf.

„Stechen sie auch?“ fragte Peter Voß und tippte an die vorderste Wabe.

Picks! klebte ihm eine der über die Störung erbosten Immen am

vorwitzigen Zeigefinger.

Hochbefriedigt schloß er den Stock.

Dann richtete er sich häuslich ein. Das wacklige Sofa diente ihm als

Lager. Während Minkwitz die Kinder unterrichtete, schmökerte Peter Voß

die ganze Schulbibliothek durch von Gustav Nieritz bis zu Emil Frommel.

Nachmittags schlugen sie die Zeit mit Schwatzen und

Sechsundsechzigspielen tot.

Zuweilen spazierte Peter Voß nach Strienau, um sich nach dem noch

immer sinkenden Kurs des amerikanischen Kupfers zu erkundigen und die

Leihbibliothek unsicher zu machen. Mit der Polizei, die der dicke

Milzler auf dem Ringe vertrat, vermied er geflissentlich jede nähere

Berührung. Milzler aber fiel der Mann im blauen Seemannsanzug auf. Und

er merkte sich den Fall.

Drei Tage später aber tastete Peter Voß schon mit ungeduldigen Fingern

auf dem Wandkalender herum.

„Was suchst du denn da?“ forschte Minkwitz.

„Was ich wohl suche!“ grollte Peter Voß. „Den 27. November, da hat

Polly Geburtstag.“

Und schon saß neben diesem Datum ein wunderbar scharfer Fingerabdruck.

Trotz des schlechten Wetters lief Peter Voß am 25. November nach

Strienau. Es war schon spät Abends, als er anlangte. Er wollte wieder

einmal seinem Onkel einen Besuch machen. Als Franz Müller war das

weiter nicht gefährlich.

„Wollen Sie schon wieder betteln?“ schrie ihn die Martha Zippel durch

den Türspalt an. „Ich hol die Polizei!“

Wie ein Blitz war Peter Voß um die nächste Ecke.

Das Wetter wurde zusehends schlechter. Es stürmte und goß so anhaltend,

daß man keinen Hund vor die Tür jagte. In einem Promenadengebüsch

gegenüber dem Zuchthause suchte er Schutz. Da stand eine alte Ulme, an

deren schrägen Stamm er sich drückte.

Die Rathausuhr schlug. Er zählte. Schon neun Uhr! dachte er.

Pechfinster war es! Und der Sturm heulte wütend wie ein wilder Wolf

in der Ulme. Die Zweige pfiffen, und die Aeste knarrten. Der Posten

drüben an der Zuchthausmauer machte drei zaghafte Schritte bis zur

flackernden Gaslaterne und retirierte sofort wieder ins Schilderhaus.

Wie dumm! dachte Peter Voß ärgerlich. Wär ich lieber in Pograu

geblieben!

In demselben Augenblick huschte eine gebückte Gestalt über die Straße,

schoß mit einem Seitensprung in das Gebüsch hinein und schlich geduckt

auf die Ulme zu.

„Nanu!“ entfuhr es Peter Voß.

Aber weiter kam er nicht, schon fühlte er zwei Fäuste an seiner Kehle.

„Ich erwürge dich, Kerl,“ hörte er eine rauhe Stimme an seinem Ohr,

„wenn du mir nicht sofort deine Kleider gibst!“

„Aber gewiß, gerne!“ röchelte Peter Voß, ohne Widerstand zu leisten.

„Ich will dir alles geben, was ich auf dem Leibe trage. Nur möchte ich

nicht gerade nackend nach Hause gehen.“

„Du kriegst meine Sachen dafür!“ antwortete der andere, schon um ein

Bedeutendes ruhiger. „Ich bin eben aus dem Zuchthaus ausgebrochen.“

„Sieh mal an!“ erwiderte Peter Voß anerkennend und zog bereitwilligst

seine blaue Jacke aus. „Brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich bin

auch bloß ein Mensch.“

„Gib her!“ atmete der andere erleichtert auf, warf Mantel und Mütze

von sich, streifte das Sträflingszeug ab und beeilte sich, in Peter

Voßens Kleider zu fahren. Auch die Stiefel mußte dieser hergeben. Die

Zuchthausmontur des anderen paßte ihm wie angemessen.

„Was ist denn das für ein Mantel?“ fragte er verwundert.

„Der gehört dem Wärter!“ flüsterte der Ausbrecher. „Der hing draußen

auf dem Korridor. Ich hab den Kerl in der Zelle niedergeschlagen und

eingesperrt. Und die Mütze habe ich ihm auch weggenommen. Sonst wäre

ich nicht durchgekommen.“

„Alle Achtung!“ erwiderte Peter Voß, hing sich den Mantel um und setzte

sich die Mütze auf. „Jetzt kann’s losgehen! Immer hinter mir her.“

Nun ging’s mit schleichenden Schritten über die Promenade rund um

die schlafende Stadt, Peter Voß immer voran, der Ausbrecher wie sein

Schatten hinterdrein.

Peter Voß war ein vorzüglicher Führer. Er fühlte jedes Gebüsch auf fünf

Meter im Finstern.

Bei der Oderbrücke stand ein Polizist im Schutze der Selterwasserbude,

den Kragen seines Wettermantels hoch über beide Ohren geschlagen. Das

konnte man übrigens dem Manne gar nicht verdenken! Denn es goß wie mit

Mulden vom Himmel.

Peter Voß legte im Vorbeihasten den Finger an den Mützenrand, und der

Polizist dankte in derselben militärisch exakten Form. So kamen die

beiden, ohne an dieser gefährlichen Klippe Schiffbruch zu leiden, über

die Oderbrücke und erreichten nach einigen Minuten das freie Feld.

Trotzdem das Wetter nicht besser, eher schlechter wurde, nahm sich

Peter Voß nun etwas mehr Zeit. Der Ausbrecher hielt sich dicht an

seiner Seite. Auf Peter Voßens Ermunterung begann er zu berichten, daß

er Emil Popel hieße, vorbestraft sei und wegen Urkundenfälschung ein

Jahr Zuchthaus abbekommen hätte. Und zwar vor dem Schwurgericht unter

dem Vorsitz des Landgerichtsrats Pätsch. Emil Popels Geburtsort war

Konradswaldau im Kreise Kreuzburg, und in seiner bürgerlichen Stellung

war er Schreiber beim dortigen Amtsvorsteher gewesen. Peter Voß fragte

ihn, wie es seine Art war, recht gründlich aus.

„Wie lange sitzt du schon?“ fragte er.

„Seit heute,“ erwiderte Emil Popel.

„Und jetzt willst du natürlich nach Amerika?“

„Am besten wär’s schon!“ meinte Emil Popel. „Da bin ich am sichersten.

Aber ich hab kein Geld.“

„Das sollst du haben, mein Junge!“ sagte Peter Voß freundlich. „Ich

geb dir’s gerne. Du schlägst dich dann durch die Wälder zur Bahn

hinüber, das sind gut vier Stunden, und fährst mit dem ersten Zug

nach Oberschlesien und heidi! über die österreichische Grenze. Ueber

Hamburg auszureißen, ist ganz verkehrt. Da erwischen sie dich sicher.

Aber Triest, das ist ein ander Ding. Die Leute dort sind froh, wenn sie

einen Passagier haben. Ich geb dir ein Papier, und du fährst einfach

auf meinen Namen.“

„Wenn nur das Signalement stimmt!“ warf Emil Popel ein.

„Wird schon stimmen!“ beruhigte ihn Peter Voß im rüstigen

Weiterschreiten. „Wie groß bist du denn? Nach den Kleidern zu urteilen,

haben wir dieselbe Statur.“

„1,69!“ erwiderte Emil Popel prompt, denn das stand auf seinem

Militärpaß.

„Das geht an!“ versetzte Peter Voß befriedigt. „Haare?“

„Braun,“ antwortete Emil Popel zögernd.

„Hell oder dunkel?“

„Das weiß ich nicht genau.“

„Augen?“

Hier versagte Emil Popel völlig.

„Aber hör mal an!“ rief Peter Voß empört über diese große Unwissenheit

und blieb stehen. „Haben sie nicht im Zuchthaus sofort dein genaues

Signalement aufgenommen?“

„Nein!“ bekannte Emil Popel.

„So eine Bummelei!“ brummte Peter Voß.

„Sie wollten mich wohl messen und photographieren,“ erklärte Emil Popel

kleinlaut, „aber es kam nicht dazu, ich glaube, der Apparat war kaputt.“

„Das sind ja himmelschreiende Zustände!“ rief Peter Voß grimmig und

stampfte mit den schweren Zuchthäuslerschuhen durch den aufgeweichten

Schmutz der Landstraße.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 8 / 20 段