„Darf ich hoffen, Mrs. Voß?“ fragte er leise.
Aber sie antwortete nicht, sie schluchzte nur und schüttelte den Kopf.
Mit Hilfe der Hamburger Polizei gelangte der neue Steckbrief in das
Fahndungsblatt.
Peter Voß aber war in Berlin und geriet mehr aus Neugier, denn aus
Solidaritätsgefühl in eine Verbrecherkneipe des Berliner Nordostens.
Hier hörte er von einer Stelle erzählen, wo jeder, dem der
vaterländische Boden zu heiß geworden war, gegen Geld und gute Worte
falsche Papiere erhalten könnte.
Brauch ich nicht! dachte Peter Voß. Ich fahr nach Strienau zu meinem
Onkel.
Und das tat er denn auch am nächsten Morgen.
8.
Am Montag vor dem Buß- und Bettag zog Peter Voß im hellsten
Sonnenschein in seine zweite Vaterstadt Strienau ein. Er trug seinen
alten blauen Anzug, mit dem er in St. Malo im Gefängnis gesessen
hatte, und in dem er außerordentlich mitgenommen aussah. Die Hände
in den Taschen, die Mütze weit im Nacken, die Zigarette im linken
Mundwinkel, so schlenderte er gemütlich über die Promenade der Stadt
zu. Sein Gesicht war amerikanisch glattrasiert. Seine Zahnbürste trug
er in der Tasche. Ein dunkelblauer Sweater ersetzte ihm die Wäsche.
Die Sache mit Polly ging ihm noch immer im Kopfe herum. Aber was ließ
sich dabei machen? Sie hielt ihn eben für verrückt. So schmerzlich es
ihm auch war: seine privaten Angelegenheiten mußten vor den Interessen
der Firma Stockes & Yarker zurücktreten.
Manchem Bekannten aus seiner Jugendzeit begegnete er, aber er hütete
sich wohl, sich zu erkennen zu geben. Endlich gelangte er auf den
Marktplatz mit dem alten Rathaus. Da saß noch immer die dicke Mutter
Knulle. Sie war in den zwölf Jahren, da er sie nicht gesehen hatte,
nicht dünner geworden und hatte den Mund und das Herz noch immer auf
dem rechten Fleck. Er blieb stehen und betrachtete sie lächelnd. Wie
oft hatte er sich mit ihr herumgezankt! Ob sie ihn wohl noch kannte?
Und er trat näher und wagte das Experiment.
„Guten Tag, Mutter Knulle!“ rief er jovial.
„Nu, guten Tag auch!“ erwiderte sie und stützte die Fäuste auf die
Wucht ihrer gigantischen Hüften. „Sie kommen wohl von weit her?“
„Direkt aus China!“
„Nu, ja ja, Sie sind wohl ein Matrose, und da kommen Sie halt durch
die ganze Welt. Und China, das ist doch das Land, wo die Apfelsinen
wachsen?“
„I woher denn, Mutter Knulle! Die Apfelsinen kommen aus Messina. In
China gibt’s Mandarinen, das sind die ganz kleinen Apfelsinen! Wenn sie
faulig sind, werden sie dort Minister.“
„Ach nein!“ rief sie ungläubig. „Man hört doch alle Tage was Neues.
Aber woher kennen Sie mich denn? Ich kenne Sie doch nicht!“
„Dann ist’s gut!“ lachte er und kaufte ihr ein paar Birnen ab.
Mit der offenen Tüte in der Hand spazierte er weiter und kaute auf
beiden Backen. Da kam der Professor Zuntermann angewackelt. Er war ein
kleines, eisgraues Männlein, das sich seinerzeit vergeblich bemüht
hatte, Peter Voß in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Peter
Voß spuckte das Kernhaus aus, das er gerade zwischen den Zähnen hatte,
und vertrat dem Professor den Weg.
Zuntermann war in Strienau wegen seines ausgezeichneten Gedächtnisses
bekannt, auf Zahlen, Namen und Personen war er geradezu geeicht.
„Ich bin einer Ihrer früheren Schüler!“ behauptete Peter Voß keck und
machte einen Kratzfuß.
„Sie?“ sprach der Professor erstaunt und betrachtete die wenig
vertrauenerweckende Außenseite des Fremden mit kritischen Blicken. „Ich
kann mich sonst auf jeden meiner Schüler besinnen, obwohl ich sehr,
sehr viele gehabt habe. Da muß ein Irrtum Ihrerseits vorliegen!“
„Dann entschuldigen Sie nur!“ meinte Peter Voß, nahm eine neue Birne
zwischen die Zähne und ging bis zum Gymnasium.
Hier hörte er die Stimme des Direktors Plimpel, der ihn mit dem Latein
weidlich geplagt hatte, schon von weitem. Da das Wetter schön war, und
um für sich Reklame zu machen, unterrichtete er bei offnem Fenster.
Außerdem war er äußerst schreckhaft.
Rache ist süß! dachte Peter Voß, blies die leere Birnendüte auf, legte
sie an die Wand und schlug mit der flachen Hand darauf. Das gab einen
Knall, so laut wie ein grober Pistolenschuß: denn Mutter Knullens Tüten
waren gut geleimt. Sofort erschien des Direktors wachsbleiches Gesicht
über ihm.
„Sie wünschen?“ fragte Peter Voß höflich.
Der Direktor fuhr wütend zurück, er hatte nicht die geringste Ursache,
sich mit einem so verwahrlosten Proleten zu unterhalten.
Nun lenkte Peter Voß in die Feldstraße ein und blieb vor dem 25. Hause
stehen, das er schon deshalb sehr gut kannte, weil er sechs Jahre
darin gewohnt hatte. Da stand wahrhaftig noch immer auf dem schmalen
Rasenfleck des Vorgartens der kleine Tonhase, dem er einmal den
linken Löffel abgeschlagen hatte. Am Pfeiler der Gartenpforte glänzte
blankgeputzt das ehrwürdige Messingschild, darauf der Name und Stand
seines Onkels zu lesen waren.
„Landgerichtsrat!“ las Peter Voß. „Sieh mal an. Also ist er doch
inzwischen etwas weiter gekommen.“
Und schon zog er die Klingel. Drinnen näherte sich jemand
mit schleichenden Schritten der verschlossenen Haustür. Die
Sicherheitskette wurde vorgelegt, der Schlüssel schnappte, und die Tür
tat sich eine Handbreit auf. Eine sehr spitze Nase erschien, darüber
ein Paar graue lauernde Augen, darunter ein Mund mit schmalen Lippen,
die auf Zahnlücken deuteten.
„Hier wird nicht gebettelt!“ ließ sich eine keifende Stimme vernehmen.
„Können Sie nicht lesen?“
Da stand wirklich auf einem ovalen Porzellanschild die Bemerkung:
Mitglied des Vereins gegen Hausbettelei.
„Ich möchte den Herrn Landgerichtsrat sprechen!“ sagte Peter Voß.
„Das kennt man schon!“ kam’s höchst ärgerlich zurück. „Das ist die alte
Ausrede. Der Herr Landgerichtsrat ist nicht zu Hause!“
Damit warf sie die Tür heftig zu.
Wo hat er sich bloß diese Bestie aufgegabelt? dachte Peter Voß, indem
er dem ungastlichen Hause den Rücken kehrte.
Also bog er bei der nächsten Ecke in die menschenleere Promenade
ein, denn das war der Weg, auf dem der Onkel das Gerichtsgebäude zu
erreichen pflegte. Und da kam ihm auch schon ein ziemlich schlanker,
älterer Herr mit glattrasiertem Gesicht und goldener Brille
entgegengewandelt. Unter dem rechten Arm trug er eine Aktenmappe. Das
war niemand anders als Landgerichtsrat Pätsch. Er sah Peter Voß, seinem
Neffen, so ähnlich, als sei er ihm aus dem Gesicht geschnitten.
„Guten Tag, Herr Landgerichtsrat!“ sagte er mit Betonung und blieb
stehen.
Der Landgerichtsrat dankte kurz, indem er an den breiten Schlapphut
griff, und blieb zu seiner eigenen Verwunderung gleichfalls stehen. Die
Aehnlichkeit dieses verkommenen Matrosen mit seinem durchgebrannten
Neffen war gar zu groß.
„Wie heißen Sie?“ fragte er unsicher und fuhr, als Peter Voß anstatt zu
antworten herausfordernd lächelte, fort: „Sie erinnern mich an meinen
Neffen.“
„Sehr schmeichelhaft, lieber Onkel!“ erwiderte Peter Voß und zog die
Mütze.
„Peter, du bist es wirklich?“ rief er ganz entsetzt. „Wie siehst du
aus. Wie kommst du hierher?“
„Teils auf zwei Beinen, teils per Bahn, teils per Schiff, teils per
Automobil.“
„Bist du damals wirklich zur See gegangen?“
„Freilich bin ich so dumm gewesen!“ versetzte er zerknirscht.
„Ich weiß schon!“ sprach der Onkel herablassend. „Du willst natürlich
Geld haben. Wir können das aber nicht hier abmachen. Zudem kannst du
in diesem erbarmungswürdigen Anzug unmöglich zu mir kommen. Wenigstens
nicht offiziell. Meine Haushälterin --“
„Kenn ich!“ lachte Peter Voß. „Um die beneid ich dich nicht. Ich komme
eben von dort.“
„Um Gottes willen!“ rief der Onkel erschreckt. „Hast du dich etwa zu
erkennen gegeben? Die bringt es noch heute herum. Bedenke, Strienau ist
eine Kleinstadt.“
Peter Voß berichtete, daß sie ihn nur für einen Bettler gehalten hätte.
„Dann ist es gut!“ erwiderte der Landgerichtsrat aufatmend. „Ich werde
sie ins Konzert schicken. Um acht Uhr erwarte ich dich. Uebrigens habe
ich jetzt noch zu arbeiten.“
„Na schön!“ meinte Peter Voß treuherzig. „Dann komme ich also um acht.
Wenn du willst, kann ich mir ja hier in einem Geschäft eine neue Jacke
kaufen.“
„Nein, nein!“ rief der Onkel entsetzt. „Dann würde es morgen auch herum
sein. Du verstehst, in meiner Stellung muß ich alles vermeiden. Und mit
einer neuen Jacke ist es auch nicht getan. Du siehst außerordentlich
heruntergekommen aus! Ich gebe dir heute abend etwas Geld, und du
fährst nach Breslau, um dich zu equipieren. Dann kommst du als
anständiger Mann zurück und machst mir einen offiziellen Besuch. Du
kannst natürlich bleiben, solange du willst.“
Damit ging der Onkel eilig davon. Und Peter Voß vertrieb sich die
Zeit. Auf der Lindenstraße begegnete er dem alten Gefängnisdirektor
Franzelt, der ihn aber auch nicht erkannte. Beim Fleischer Zeidlich
auf dem Ringe kaufte er sich ein Stück Knoblauchwurst, für die er als
Junge zum Entsetzen des Onkels immer so geschwärmt hatte, und schickte
sich an, es auf der Uferpromenade zu verzehren. Aber es schmeckte ihm
nicht. Entweder lag es an der Wurst oder an ihm. Er spazierte über die
Oder auf die Aue hinaus, wo er als Junge seinen Drachen hatte steigen
lassen. Auch heute standen wohl ein Dutzend dieser leichten Papiervögel
hoch und niedrig in der Luft und ließen im frischen Winde ihre Schwänze
zappeln.
Wenn ich die Haushälterin und ein Stück Tau mitgenommen hätte, dachte
er, dann würde ich sie sofort steigen lassen!
Darauf kehrte er wieder in die Stadt zurück. Bis auf die neue
eiserne Oderbrücke, das bessere Straßenpflaster und die elektrische
Beleuchtung waren die zwölf Jahre seiner Abwesenheit spurlos an dem
Städtchen vorübergegangen. Im gemächlichen Tempo schlenderte er auf
den ausgedehnten Promenadenanlagen rund um die ganze Stadt herum. Da
schaute die Hinterseite des Gefängnisses herüber, und fünf Minuten
später sah er die gelbe Mauer des Zuchthauses durch die herbstlich
entlaubten Ulmen schimmern.
Das Hotel in St. Malo war bedeutend freundlicher! dachte er, trank
in der alten Kutscherkneipe an der nächsten Ecke einen Schoppen von
dem hellen, dünnen Aktienbier, das keinem Trinker etwas zuleide tat,
schmauchte dazu eine echte Hawansener mit Ohlauer Deckblatt und
erschien endlich wieder Punkt acht Uhr auf der Feldstraße.
Der Onkel öffnete ihm selbst die Tür und zog ihn sofort in sein Zimmer.
Da stand ein gedeckter Tisch mit einer Flasche Rotwein in der Mitte.
Die Gaskrone brannte, die Fenster waren verhängt.
„Schweinebraten ist auch da!“ rief Peter Voß vergnügt und setzte sich
aufs Sofa vor das einzige Besteck, das aufgelegt war: „Also spielen wir
mal den verlorenen Sohn oder den verlorenen Neffen. Prost, alter Herr!“
Der Onkel stand noch immer. Er hatte weder ein Besteck noch ein Glas.
Peter Voß sprang auf, entschuldigte sich, lief zum Büfett, stellte
alles auf den Tisch und schoß schließlich zur Tür hinaus. Mit einem
halben Schinken und drei Flaschen Rotwein erschien er wieder.
Der Onkel hatte unterdessen auf dem Stuhl Platz genommen und stieß mit
seinem Neffen an, obschon ihm dessen ungeniertes Benehmen reichlich
unangebracht erschien.
„Mir scheint,“ sagte er und musterte ihn, indem er die Augenbrauen
runzelte, „du hast zu diesem Uebermut eigentlich recht wenig Grund. Du
befindest dich offenbar in sehr derangierten Verhältnissen.“
„Wieso?“ lachte ihn Peter Voß aus. „Ich tausche nicht mit dir,
geliebter Onkel! Wie du mich hier sitzen siehst, bin ich wohlbestallter
Kassierer des Bankhauses Stockes & Yarker in St. Louis. Ich beziehe an
Gehalt ungefähr das Doppelte an Dollar, was ein Königlich Preußischer
Landgerichtsrat in Mark verdient. Ich habe sogar begründete Hoffnung,
in spätestens zwei Jahren Mitinhaber dieser hervorragenden Firma zu
werden. Was sagst du nun dazu? Das hast du mir sicher nicht zugetraut!“
„Verhält sich das wirklich so?“ fragte der Onkel höchlichst überrascht.
„Glaubst du, ich bin hier herübergekommen, um dir einen Bären
aufzubinden?“ rief Peter Voß und hieb in den Schweinsbraten ein.
„Wenn du auch sonst allerhand dumme Streiche gemacht hast,“ bekannte
der Onkel ehrlich, „belogen hast du mich eigentlich nie.“
„Na also!“ rief Peter Voß und hob wieder das Glas. „Das Lügen hab ich
erst viel später gelernt. Da wollen wir also Frieden schließen. Ich
habe mich sogar vor kurzem verheiratet.“
„Aber in einem solchen Anzuge zu reisen!“ bemerkte der Onkel
kopfschüttelnd.
„Bequemlichkeit!“ meinte Peter Voß und holte triumphierend seine
Zahnbürste heraus. „Dies ist mein einziges Gepäck. Ideal! Was?“
„Und verheiratet bist du auch?“ fragte der Onkel und wiegte den
kurzgeschorenen Kopf. „Warum hast du deine Frau nicht mitgebracht?“
Peter Voß spreizte die Finger und wiegte ganz genau so wie der Onkel
seinen Kopf hin und her.
„Das hat verschiedene Gründe!“ wich er geschmeidig aus. „Selbst wenn
ich sie dir alle auseinandersetzen wollte, würdest du es doch nur halb
verstehen. Denn du bist ein alter, eingefleischter Junggeselle! Und
überdies, die Amerikanerinnen sind ein Kapitel für sich.“
„Bist du denn glücklich mit ihr?“ fragte der Onkel besorgt.
„O gewiß, sehr glücklich!“ rief Peter Voß ausgelassen. „Aber wie die
Verhältnisse nun einmal liegen, wir können nicht beieinander sein. Sie
muß mit einem andern reisen.“
„Das verstehe ich wirklich nicht!“ sagte der Onkel und lenkte das
Gespräch auf seines Neffen frühere Perioden.
Und Peter Voß erzählte alles genau hintereinander, nur die Schmuggelei
in China, die Meuterei und den Ausbruch aus dem Gefängnis in Iquique
unterschlug er. Wozu sollte er den alten Herrn ärgern? Wohl zwei
Stunden erzählte Peter Voß in einem Biegen. Für das, was er weglassen
mußte, hatte er immer noch genügend Ersatz. Als er endlich fertig
war, schenkte sich der Onkel ein neues Glas Rotwein ein, hielt es
nachdenklich gegen die Lampe und trank es mit einem Zuge aus.
„Du bist bei alledem doch ein Glückspilz gewesen!“ sagte er dann
befriedigt. „Ich kann es dir gestehen, daß mich das aufrichtig
freut. Ich hatte schon befürchtet, du würdest im Unglück verkommen,
denn du hast von Jugend auf einen bösen Feind in dir gehabt, das war
deine Phantasie. Alle deine Streiche, die du hier verübt hast, trugen
vornehmlich dieses Merkmal.“
„Aber Onkel,“ unterbrach ihn Peter Voß, beinahe ärgerlich, „ich bin
doch nicht hierher zu dir gekommen, damit du mir eine Moralpauke
hältst!“
„Du hast recht!“ lenkte der Onkel ein. „Du bist erwachsen und handelst
unter deiner eigenen Verantwortlichkeit.“
Als sie mit dem Essen fertig waren, lief Peter Voß zum
Zigarrenschränkchen. Da stand wirklich noch die ihm wohlbekannte Kiste
mit den schwarzen, schweren Brasilzigarren.
„Rauchst du noch immer das Kraut?“ fragte Peter Voß verwundert, steckte
sich eine zwischen die Zähne und ein halbes Dutzend in die Tasche und
präsentierte den Rest seinem Onkel.
„Ich danke!“ lehnte er lächelnd ab. „Ich rauche nur noch nikotinfrei,
es hat sich nämlich bei mir ein kleiner Herzfehler herausgestellt.“
„Aha!“ meinte Peter Voß und holte die andere Kiste, worin die fahlen,
ausgelaugten Tabaksnudeln lagen.
Dann tranken und rauchten sie eine Stunde um die Wette, und der Onkel
taute sichtlich auf.
Plötzlich schaute er nach der Uhr.
„Du mußt fort!“ rief er ängstlich. „In einer Viertelstunde ist das
Konzert aus.“
„Fällt mir nicht im Traume ein!“ sagte Peter Voß und legte sich aufs
Sofa. „Hier bin ich, und hier bleibe ich liegen und schlafe bis morgen
früh. Und wenn dein Drache kommt und mich stört, dann schmeiß ich ihr
die Stiefel an den Kopf, daß sie vor Angst ins nächste Mausloch fährt.“
„Aber Peter!“ rief der Onkel entsetzt und sprang auf. „Du untergräbst
ja geradezu meine Stellung.“
„Das ist mir schnuppe!“ erwiderte Peter Voß rührungslos und rekelte
sich auf dem Sofa. „Einen Herzklaps hast du schon weg, natürlich von
den vielen Aufregungen mit den Verbrechern, die du tagaus tagein
verknacksen mußt. Laß dich pensionieren, du bist reif dazu! Und komm
mit nach St. Louis. Meine Frau wird sich freuen, mit dir spazieren zu
gehen, denn ich hab keine Zeit dazu. Ich muß Dollar machen.“
„Meine Haushälterin!“ stöhnte der Onkel.
„Ich weiß schon!“ lachte Peter Voß und war mit einem Satze auf den
Beinen. „Du willst, daß dein alter Hausdrache von meiner Anwesenheit
nichts merkt. Kleinigkeit für mich! Aber verstoßen lasse ich mich
nicht. Ich soll womöglich heute noch nach Breslau fahren, mich ins
Coupé dritter Klasse setzen, wo ich hier eine so schöne, weiche
Sofaecke gefunden habe. Hältst du mich vielleicht auch für wahnsinnig?“
Der Onkel saß wieder auf seinem Stuhl und fand keine Antwort. Sein
Herz machte sich bemerklich. Peter Voß trug zunächst den Schinken und
die beiden leeren Weinflaschen, die er mit Wasser füllte und zukorkte,
in die Speisekammer zurück. Dann spülte er das eine Besteck und das
Weinglas aus, polierte es blank und brachte alles wieder kunstgerecht
im Büfett unter. Im Vorbeigehen nahm er draußen im Korridor seine blaue
Mütze vom Nagel und steckte sie in die Tasche.
„So!“ sagte er befriedigt, nahm die letzte Weinflasche unter den Arm
und wies auf den Schreibtisch. „Und jetzt schreibst du einen Brief.
Wenn du nicht weißt, an wen, schreib meinetwegen an Jim Stockes einen
schönen Gruß.“
„Aber warum denn in aller Welt!“ rief der Onkel entsetzt.
„Damit wir morgen früh den alten Drachen wegschicken können!“ erklärte
Peter Voß und ging in des Onkels Schlafzimmer, wo ein Diwan mit einem
dicken Eisbärenfell stand. In das hüllte sich Peter Voß ein, nachdem er
sich die Jacke ausgezogen hatte, und nahm noch einen Schluck aus der
Flasche.
Der Onkel schrieb wirklich noch einen Brief, an einen nebensächlichen
Bekannten, und ließ ihn auf dem Schreibtisch liegen. Dann löschte er
das Licht und kam ins Schlafzimmer. Kopfschüttelnd schaute er auf den
Neffen, der gerade den zweiten Schluck aus der Flasche nahm.
„Entschuldige!“ sagte er und nahm die Flasche in den Arm. „Ich pflege
sonst nicht aus der Flasche zu trinken. Aber die Umstände gebieten
es. Hol nur dein Weinglas herein und stell es auf den Nachtschrank,
damit dein alter Hausdrache meint, du hättest die Flasche im Bett
ausgetrunken. Es war dies jedenfalls früher eine deiner beliebtesten
Angewohnheiten.“
Der Onkel gehorchte, zog sich die Stiefel aus, stellte sie vor die Tür
und riegelte ab. Jetzt erst wagte er aufzuatmen. Er hielt seinem Neffen
das leere Glas hin, der so gnädig war, es ihm zu füllen.
„Schäm dich!“ sagte Peter Voß. „Königlich Preußischer Landgerichtsrat,
und nicht mal Herr im eignen Hause! Gute Nacht, alter Herr, und bessere
dich.“
„Aber morgen früh!“ flüsterte der Onkel ängstlich. „Du kannst doch
morgen nicht aus dem Hause in diesem Anzug.“
„Du wirst wohl einen neuen Anzug übrig haben!“ lachte Peter Voß
übermütig. „Wir haben ja dieselbe Größe und dieselbe Figur.“
Einigermaßen beruhigt legte sich der Onkel ins Bett, schlürfte den Wein
und löschte das Licht. Und bald waren die beiden eingeschlafen. Die
Haushälterin, die eine Viertelstunde später kam, hörten sie nicht mehr.
Peter Voß erwachte am Morgen, als die Haushälterin die Stiefel des
Landgerichtsrats vor die Tür stellte.
„Hören Sie mal!“ rief er, indem er so genau den Ton seines Onkels
nachahmte, daß der ganz verstört aus den Kissen fuhr. „Da liegt ein
Brief auf dem Schreibtisch. Der muß sofort besorgt werden. Stellen Sie
das Frühstück zurecht, ich muß sogleich aufs Gericht. Sie können dann
direkt auf den Markt gehen.“
„Jawohl, Herr Landgerichtsrat!“ flötete sie zurück und eilte, den
Frühstückstisch zu decken.
Der Onkel lag in den Kissen und hielt sich den Bauch, um nicht laut
herauslachen zu müssen. Peter Voß holte seine Zahnbürste heraus und
machte Toilette. Als der Schlüssel in der Haustür schnappte, fuhr er
hinter die Gardine und stellte fest, daß die Haushälterin wirklich mit
der Markttasche die Feldstraße hinaufeilte.
„Wie heißt dieses entzückende Wesen?“ fragte er den Onkel, der
schnaufend aus dem Bett fuhr.
„Es ist die unverehelichte Martha Zippel!“ erwiderte er in
gerichtsnotorischem Tone, von Peter Voßens Ausgelassenheit bereits
merklich angesteckt.
„Und wie lange pflegt diese unverehelichte Zippel auf dem Markt zu
feilschen?“
„Unter zwei Stunden kommt sie nicht zurück!“ erwiderte der Onkel und
stieg in seine Beinkleider. „Du bist doch ein ganz verdammter Kerl!“
„Also fix!“ rief Peter Voß und lief in die Küche. „Der Kaffee wird
kalt.“
Als der Onkel sich an den Tisch setzte, erschien Peter Voß mit der
dampfenden Bratpfanne, in der sechs Spiegeleier lagen.
„Keine Angst!“ beruhigte er ihn. „Sie merkt es nicht. Es steht da
in der Küche eine ganze Kiste mit Eiern, die hat sie sicher nicht
nachgezählt.“
Und er ließ es sich schmecken. Der Onkel verzichtete. Er aß morgens nur
eine halbe Semmel.
Mit Bewunderung sah er auf Peter Voß, der sich zu seinen Spiegeleiern
ein Pfund Schinken legte.
„In Amerika ißt man wohl sehr stark?“ bemerkte er lächelnd.
„Und in Deutschland schläft man desto mehr!“ erwiderte der Neffe, auf
sämtlichen gesunden Zähnen kauend. „Nach dem Gesetz von der Erhaltung
der Kraft kommt es auf dasselbe hinaus, es handelt sich nur darum,
welche Methode einem mehr Spaß macht.“
Nachdem er die Pfanne geleert hatte, trug er sie in die Küche, wo er
sie mit Schrubber und Scheuersand in den vorigen Zustand zurückbrachte
und sie wieder an den Nagel hing. Dann steckte er die Eierschalen in
die Tasche und entfernte die sonstigen Spuren seiner kulinarischen
Tätigkeit restlos.
„Nun mußt du aber gehen!“ sagte der Onkel und schaute nach der Uhr.
„Zwei Stunden!“ lachte Peter Voß und steckte sich eine Zigarre an.
„Hör mal!“ versetzte der Onkel argwöhnisch. „Du willst doch nicht etwa
bleiben, bis sie zurückkommt?“
„Nur keine Angst!“ beruhigte ihn Peter Voß.
„Geld brauchst du wohl nicht?“ fragte der Onkel zögernd.
„Aber wenn man mir welches anbietet, schlage ich es nicht aus.“
Der Onkel lächelte und zog sein Schlüsselbund aus der Tasche.
„Laß dir Zeit!“ bat Peter Voß und hielt ihn am Aermel fest. „Ich hab
noch allerhand auf dem Herzen. Du solltest dich wirklich pensionieren
lassen. Für deinen Herzklappenfehler hast du doch einen reichlich
aufreibenden Beruf.“
„Wenn ich meinen Beruf nicht hätte,“ wies ihn der Onkel zurück,
„könnte ich mich sofort hinlegen. Der Beruf hält mich am Leben.
Ueber berufliche Dinge rege ich mich überhaupt nicht mehr auf.
Man stumpft dagegen ab. Man wird allmählich eine reine Akten- und
Paragraphenmaschine.“
„Um so eher würde ich doch den ganzen Krempel über den Haufen
schmeißen!“ rief Peter Voß entschlossen. „Du hast doch dein Schäfchen
im trocknen. Wenn du nicht reisen willst, setz dich an den Gardasee.
Oder komm mit nach St. Louis hinüber.“
„Du bist und bleibst ein Phantast!“ lächelte der Onkel gutmütig. „Zum
Juristen hättest du nichts getaugt.“
Dann schwiegen sie beide eine kurze Zeit, und der Onkel schaute
sinnend auf die schönen Rauchringe, die Peter Voß mit einer Präzision
sondergleichen zur Decke emporschickte.