William Schmidts Plan wollten sie sich unbemerkt an Bord schleichen und
sich im Laderaum verstecken.
„Einen Augenblick!“ flüsterte Peter Voß und öffnete unter einer
Gaslaterne seine Brieftasche. „Ich glaube, ich hab ein wenig Kleingeld.
Wenn es langt, chartern wir das ganze Schiff.“
„Allright!“ erwiderte der andere.
Peter Voß fand die vier Tausenddollarnoten, fand sechs feine Stahlsägen
und sechs Feilen, und fand schließlich die Zeilen, die Polly
geschrieben hatte.
„Sehr fein!“ schmunzelte er. „Die Schrift ist täuschend nachgeahmt.
Dieser Dodd ist weit gefährlicher, als ich dachte.“
Nun übernahm er die Führung.
Es war gegen Mitternacht, als sie den Schiffer der „Marguerite“
weckten. Peter Voß hielt ihm eine seiner vier Tausenddollarnoten unter
die Nase. Und der Schiffer war nicht dumm und wußte sofort, daß hier
ein Geschäft zu machen war, wie es alle zehn Jahre nur einmal vorkam.
„Nach London!“ befahl Peter Voß. „Und zwar auf der Stelle!“
Der Schiffer griff nach dem Schein.
„Damn!“ rief William Schmidt und entriß ihm die Note. „So dumm sind wir
nicht! Erst den Anker hoch und aus dem Hafen hinaus, dann wollen wir
weiter sehen!“
Der Schiffer gehorchte. Er schraubte die Laternen ganz niedrig und
machte sich davon.
Als die Sonne aufging, hatte die „Marguerite“ längst Jersey hinter sich.
Am Morgen fand Dodd in der Zelle Nr. 19 weder Peter Voß noch die
Brieftasche. Das Loch in der Wand belehrte ihn, daß er auf eigene Faust
die Freiheit gesucht und gefunden hatte.
Nach allen Seiten begann der Telegraph zu spielen. Eine Abteilung
Soldaten wurde in den nächsten Wald geschickt.
Der „Marguerite“, die diese Nacht in See gegangen war, wurde ein
Kabelspruch nach Jersey nachgeschickt.
Als das Schiff bis zum nächsten Morgen nicht in Jersey angekommen
war, wußte Dodd, wo die rechte Fährte war, und benachrichtigte alle
Hafenbehörden auf beiden Seiten des Kanals, nach diesem Zweimastschoner
Ausschau zu halten. Dann kehrte er nach Brighton zurück, um Polly über
die Ergebnislosigkeit seines Experiments zu unterrichten.
Sie war ganz verzweifelt.
Noch an demselben Abend erhielt er aus Dover die Nachricht, daß die
„Marguerite“ vor 24 Stunden die Straße in nördlicher Richtung passiert
hätte.
Zwölf Stunden später wurde sie von Gravesand gemeldet.
„Nach London!“ rief er Polly zu und bat sie, sofort ihre Koffer zu
packen.
Drei Stunden später stiegen sie im Ritz-Carlton-Hotel ab. Dodd machte
sich sofort auf, den Schoner zu suchen, und stand zwei Stunden später
im Victoria-Dock vor dem fluchenden Schiffer.
„Diese beiden Spitzbuben!“ schrie er und ballte die Fäuste nach der
Millionenstadt hinüber. „Keinen Pfennig haben sie mir bezahlt!“
Dodd war nicht imstande, den Mann zu bedauern. Er zeigte ihn auch nicht
an. Er war genug bestraft worden.
Peter Voß, der Millionendieb aus St. Louis, und William Schmidt, der
Einbrecher aus St. Malo, waren in London spurlos untergetaucht.
Bobby Dodd blieb nichts anderes übrig, als wieder zu dem alten Mittel
des Steckbriefs zu greifen.
7.
Ohne große Mühe fand Bobby Dodd diesmal Peter Voßens Spur, der
sich in London nur eine Nacht aufgehalten hatte. Er war zuletzt am
Victoria-Bahnhof gesehen worden, wo er ein Billett nach Dover genommen
hatte.
Dodd fuhr ins Hotel zurück und teilte Polly seine Entdeckungen mit. Sie
war sofort bereit, mit ihm die frische Spur zu verfolgen. Vier Stunden
später waren sie in Dover. Sie setzten nach Calais über und hatten
hier das Glück, zu erfahren, daß Peter Voß in Calais ein Billett nach
Amsterdam genommen hätte. Hier aber verlor sich die Spur völlig.
„Er ist sicher nach Deutschland gegangen!“ rief Polly. „Er stammt aus
Hamburg.“
Am folgenden Tage waren sie in Hamburg.
Im Hotel Esplanade stiegen sie ab und nahmen Zimmer 23 und 24 mit dem
Ecksalon. Dodd trat Polly sein Zimmer ab und nahm das ihre, da es nach
der Straße zu lag, versäumte aber, diesen Tausch dem Portier zu melden.
Und Peter Voß war wirklich auch in Hamburg.
In Amsterdam war er so vorsichtig gewesen, sich umfrisieren zu lassen.
Doch hatte er sich diesmal nicht den ganzen Bart abnehmen, sondern
nur das Kinn ausrasieren und das Haupthaar auf drei Millimeter
stutzen lassen. Die stehengebliebenen Bartkoteletten behandelte er
selbst mit Höllenstein, daß sie grau wurden. Er legte sich bei einem
Altkleiderhändler einen hochfeinen Anzug, gelbe Gamaschen und einen
Rohrstock mit versilberter Krücke zu und fuhr als fideler Lebegreis
nach Hamburg. Seinen blauen, schon bedeutend strapazierten Anzug
schickte er zollpostlagernd ebendahin.
In Hamburg angekommen, machte er eine Käse-Rundfahrt, frühstückte
bei Lünsmann und setzte sich vor den Alsterpavillon. Er schwankte
lange, ob er seiner alten Matrosenwirtin einen Besuch abstatten
sollte. Unschlüssig schaute er auf die Wagen und Autos, die an ihm
vorbeisausten.
Und da sah er plötzlich in einer ganz gewöhnlichen Droschke eine Dame
sitzen, die er sehr gut kannte, neben einem Manne, der ihm völlig
unbekannt war. Daß dieser Mann Bobby Dodd sein könnte, fiel ihm
natürlich nicht im Traume ein.
Es war aber doch Bobby Dodd, der eben mit Polly eine Fahrt um die
Alster machte. Sie hatte diesen Wunsch ausgesprochen, und er war sofort
darauf eingegangen.
Peter Voß fuhr blitzschnell in die Höhe. War das nicht Polly? Saß
an ihrer Seite nicht ein wildfremder Mann? Kein Zweifel, er hatte
sie entführt! Schon im Begriff, dem Wagen nachzulaufen, um dem
Schurken an die Kehle zu fahren, besann er sich plötzlich auf seinen
Millionendiebstahl. Die Berührung mit der Polizei, zu der dieser
Ueberfall fast mit Sicherheit führte, mußte er auf jeden Fall
vermeiden. Er stürzte zum nächsten Automobil und befahl dem Chauffeur,
der Droschke nachzufahren.
„Ich bin ein Detektiv!“ erklärte er leise, und der Führer nickte
verständnisinnig.
So nahm Peter Voß die Verfolgung seines Verfolgers auf, ohne es
zu wissen, daß es sein Verfolger war. Immer zehn Meter hinter der
Droschke, die im gemächlichen Tempo dahinrollte, schnurrte das
elektrische Auto.
Peter Voß ließ das Gefährt nicht aus den Augen. Doch so sehr er sich
auch anstrengte, er konnte nichts Ordnungswidriges erkennen. Der Mann,
offenbar ein Amerikaner, markierte den Gentleman, und Polly lehnte
ziemlich erschöpft in den Polstern, schwieg und ließ sich von ihrem
Begleiter die schöne Aussicht erklären.
Es ging um die ganze Außenalster herum. Nach einer knappen Stunde hielt
die Droschke vor dem Esplanade-Hotel. Der Mann stieg aus und bot Polly
den Arm, den sie auch, nach kurzem Zögern, annahm.
„Gott verdamm mich nochmal!“ knirschte Peter Voß wütend und stieg
gleichfalls aus. „Da hört denn doch die Gemütlichkeit auf!“
Der Portier kam heran und zog die Mütze. Schon wollte sich Peter Voß
nach dem Namen des Entführers seiner Frau erkundigen, da stutzte er
plötzlich. Es gab einen anderen Weg der Verständigung.
„Einen Augenblick, ich komme wieder!“ sagte er zu dem Portier und
befahl dem Führer des Automobils, nach den Landungsbrücken zu fahren.
Der Portier trat grüßend zurück.
Am Holstenplatz gab Peter Voß Gegenorder und stieg am Jungfernstieg
aus. Hier spazierte er ein wenig auf und ab und verschwand
schließlich in dem kleinen, dunkelgrünen Pavillon des öffentlichen
Fernsprechautomaten, der dort stand.
„Kling, kling!“ machten die beiden Nickel. Die Verbindung mit der
Hotelzentrale war geschwind hergestellt.
„Ich möchte mit Mrs. Voß aus St. Louis sprechen.“
„Bitte sehr,“ sagte der Kellner, der die Zentrale bediente, „Zimmer 23.“
Da aber wohnte Bobby Dodd. Polly hatte Zimmer 24.
„Hier Bobby Dodd.“
Peter Voß taumelte zurück, der Hörer entsank ihm, aber er faßte sich
sofort wieder.
„Hier Peter Voß!“ brüllte er in das Sprachrohr hinein.
„Sehr erfreut!“ rief Bobby Dodd zurück, nachdem er seine Ueberraschung
bemeistert hatte. „Ich hatte bisher noch nicht die Ehre.“
„Sie gemeiner Lump, Sie Verführer! Wie kommen Sie dazu, meine Frau zu
entführen?“
„Ich habe sie nicht entführt, sie ist aus freien Stücken mitgekommen,
sie begleitet mich.“
„Schuft, ich schieße dich nieder!“
„Durchs Telephon wird es sich nicht gut machen lassen. Wenn Sie aber
wünschen, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“
„Himmelhund, ich erwürge dich!“
„Allright, kommen Sie nur ins Esplanade-Hotel, Zimmer 23.“
„Sie werden meine Frau unverzüglich nach St. Louis zurückschicken.“
„Ich denke nicht daran!“ gab Dodd zurück. „Mrs. Voß versteht
einen Gentleman von einem Millionendefraudanten schon sehr gut zu
unterscheiden. Ich werde es ihr auch bald begreiflich gemacht haben,
daß sie sich auf jeden Fall von Ihnen scheiden lassen muß! Well, das
tue ich, schon aus wahrer Menschlichkeit. Ich werde sie dann selbst
heiraten.“
Jetzt war’s mit Peter Voßens Selbstbeherrschung vorbei. Er wußte
wirklich nicht mehr, was er sprach.
„Ich habe ja gar keine Millionen gestohlen!“ brüllte er.
„Das wollen Sie mir doch nicht vorreden!“ versetzte Dodd kühl. „Eine so
faule Ausrede hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Wenn Sie mir die zwei
Millionen ausliefern, erhalten Sie Ihre Frau zurück, sonst nicht!“
Peter Voß spie sämtliche Schimpfwörter, die ihm zur Verfügung standen,
deutsche und englische, in das Telephon hinein, hängte den Hörer an und
verließ fluchtartig die Telephonzelle. Auf dem Rathausmarkt bestieg
er die Straßenbahn nach St. Pauli und wechselte unterwegs dreimal den
Wagen, um keine Spur zu hinterlassen.
Fünf Minuten später sauste Bobby Dodd den Jungfernstieg herunter, hielt
vor dem kleinen, dunkelgrünen Pavillon, in dem sich die öffentliche
Fernsprechstelle befand, und schaute hinein. Er hatte beim Amt die
Nummer erfragt, von der aus er angeläutet worden war, und bei der
Auskunft den Standort des Apparates. Die Zelle war leer. Dodd machte
trotzdem ein höchst befriedigtes Gesicht. Peter Voß hatte angebissen,
er zappelte wie ein Fisch an der Angel. Die Droschkenkutscher, die bei
dem Pavillon standen, hatten allerdings niemanden bemerkt.
Dodd sauste ins Hotel zurück und forschte den Portier aus. Dem war
natürlich der Mann mit den grauen Bartkoteletten aufgefallen. Dodd
stellte das neue Signalement fest und sprang zu Polly hinauf, die in
dem Salon auf dem Diwan lag. Sie war ziemlich abgespannt.
„Er ist hier!“ rief er freudig. „Er hat mich soeben antelephoniert.“
„Ah!“ rief sie außer sich. „Sie haben ihn gesprochen? Wird er das Geld
herausgeben?“
„So weit sind wir noch nicht!“ versetzte er. „Er hat das Gespräch
leider vorzeitig abgebrochen. Begeben Sie sich sofort zum
Alsterpavillon und setzen Sie sich dort auf die Terrasse dicht an der
Brüstung, damit er Sie sieht. Er hält sich sicher dort in der Nähe auf.“
„Und was soll ich tun, wenn er kommt?“ fragte sie ganz aufgeregt.
„Am Nebentisch wird ein Kriminalbeamter in Zivil sitzen!“ beruhigte er
sie. „Ich werde das sofort veranlassen.“
„Nein, nein!“ rief sie und rang die Hände. „Nicht verhaften lassen.“
„Nur keine Angst!“ tröstete er sie. „Ich lasse ihn nur beobachten. Von
dem Beamten brauchen Sie nicht die geringste Notiz zu nehmen. Er wird
Sie in Ihrem Gespräch mit Ihrem Manne nicht stören. Nur wenn Mr. Voß in
seiner Unzurechnungsfähigkeit einen Angriff auf Sie unternehmen sollte,
wird der Mann natürlich zu Ihrem Schutze da sein. Ich fahre jetzt zur
Polizeioffice. Sobald der Beamte an seinem Platze ist, werde ich es
Ihnen telephonieren.“
Polly befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Während sie in
ihr Zimmer lief, um Toilette zu machen, ging Dodd hinunter und erteilte
dem Portier die nötigen Weisungen.
„Der Mann wird wahrscheinlich wiederkommen! Ich vermute, daß er nur auf
mein Weggehen wartet, um wieder aufzutauchen. Sollte er nach Mrs. Voß
aus St. Louis fragen, so sagen Sie ihm, sie wäre zum Alsterpavillon
gegangen. Nimmt er einen anderen Weg, schicken Sie ihm einen Ihrer Boys
nach, um festzustellen, wo er logiert.“
Der Portier griff an die Mütze, und Dodd begab sich aufs
Polizeipräsidium. Bereitwillig ging man hier auf seine Vorschläge
ein und stellte ihm einen weltgewandten Kriminalbeamten zur
Verfügung. Gleichzeitig wurde das Signalement des Millionendiebes
an alle Polizeistationen gegeben. Nachdem Dodd an Polly ins Hotel
telephoniert hatte, begann er die alten Register zu durchforschen,
um festzustellen, zu welchen Leuten Peter Voß früher hier in Hamburg
Beziehungen unterhalten hatte. Das war eine langwierige Arbeit. Aber
er konnte den Zeitverlust verschmerzen, da er seine Wachen vorzüglich
instruiert und auf die besten Plätze gestellt hatte.
Inzwischen war Peter Voß in heller Verzweiflung bei Mutter Hansen auf
der Adolfstraße angekommen. Sie fiel aus allen Wolken, als sie den
feinen alten Herrn herein- und gleich die Treppe hinaufstürzen sah.
„Ein Rasiermesser!“ schrie er schon auf der Treppe und lief in das
erste beste Zimmer, wo er sich sofort auszukleiden begann.
Mutter Hansen folgte ihm und schlug die Hände überm Kopf zusammen, als
sie ihn wiedererkannte.
„Peter,“ schrie sie, „bist du all wieder da!“
„Mutter Hansen,“ stieß er hastig heraus, „hinter mir ist einer her,
aber ich bin unschuldig.“
„Das weiß ich!“ sprach die alte Frau seelensruhig. „Du tust nichts
Unrechtes. Da sollte ich dich wohl kennen.“
„Also ein Rasiermesser!“ drängte er sie. „Nur schnell, daß ich den
vertrackten Bart los werde. Und dann läufst du zum Schneider und holst
mir einen alten Anzug für einen ganz dicken Kapitän, es kann auch ein
neuer sein. Und vergiß die Mütze nicht, Hapagwappen!“
„Aber wozu denn in aller Welt?“ rief sie erstaunt.
„Frag nicht, frag nicht, nur fix, daß er mich nicht erwischt!“
Mutter Hansen eilte so schnell die Treppe hinunter, als es ihre alten
Beine nur vermochten. Ein Rasiermesser war bald gefunden. Peter Voß
schabte sich die Bartkoteletten fort. Mutter Hansen stand neben ihm,
die Hände in die breiten Hüften gestemmt, und schüttelte ein über das
andere Mal den Kopf.
„Jetzt zum Barbier!“ fuhr er sie plötzlich an. „Und besorg mir einen
dünnen, blonden Zwickelbart, der bis hierher geht.“
Dabei zeigte er auf den zweiten Westenknopf.
„Herrgott, Herrgott!“ rief sie erschreckt, tat aber doch, was er
verlangte.
Denn Peter Voß mußte Gewißheit haben. Er mußte herauskriegen, wie
seine Frau dazu kam, sich von diesem verdammten Detektiv in der Welt
herumführen zu lassen! Hielt sie ihn wirklich für einen Millionendieb?
Hatte Jim Stockes versäumt, sie aufzuklären? Oder war er nicht mehr
dazu gekommen, weil Dodd sie entführt hatte?
An Jim Stockes zu telegraphieren, hätte für beide Teile höchst
gefährlich werden können. Also mußte Peter Voß auf eigene Faust
handeln, und zu dem Zweck blieb ihm nichts anderes übrig, als ins
Esplanade-Hotel einzudringen und Polly zur Rede zu stellen.
Mutter Hansen erschien sehr bald mit einem funkelnagelneuen
Kapitänsanzug, den sie bei einem nahen Marineschneider aufgetrieben
hatte. Auch eine Mütze brachte sie mit, die das Kompagniewappen der
Hamburg-Amerika-Linie trug. Vor dem Spiegel machte Peter Voß Toilette.
Die umfangreiche Weste wurde mit einem Kopfkissen ausgefüllt, und
dann kam der Bart an die Reihe. Sogar den Leim zum Ankleben hatte
Mutter Hansen nicht vergessen. Dafür war sie auch die vorsorglichste
Matrosenwirtin von ganz Hamburg.
„Ist es möglich!“ rief sie. „Der Kapitän Siems, wie er leibt und lebt!“
Peter Voß nickte befriedigt, er hatte das Gesicht des braven Kapitäns
der „Pennsylvania“ lange genug studiert, um es annähernd treffen zu
können.
„Nun noch einen kleinen Handkoffer!“ rief er und betrachtete sich
würdevoll im Spiegel.
Die Mütze stand ihm ausgezeichnet.
Mutter Hansen besorgte auch ein kleines, neues Köfferchen, das mit
Zeitungen gefüllt wurde.
Zehn Minuten später entstieg Peter Voß schnaufend einem Auto, das vor
dem Esplanade-Hotel hielt.
„Guten Tag, Herr Kapitän!“ rief der Portier höflich, zog die Mütze und
nahm das Handgepäck, das ihm der Chauffeur reichte.
Genau so wiegend und gewichtig, wie Kapitän Siems von der
„Pennsylvania“ dahinzuschreiten pflegte, ging Peter Voß durch das
Vestibül. Er begehrte bei der Zentrale ein Zimmer und verwarf mehrere
Nummern, ehe er eine wählte. Es war Nummer 26. Hier wollte er sich auf
die Lauer legen, um Polly abzufangen. Und er hatte Glück. Sie trat
eben aus ihrem Zimmer, um in den Alsterpavillon zu gehen, und kam ihm
entgegen. Sehr bleich und furchtbar aufgeregt war sie.
Plötzlich sah sie ihren Weg durch einen sehr gewichtigen Schiffskapitän
versperrt, der einfach die Arme um ihren Hals legte und sie küßte.
Sie stieß ihn zurück, wobei ihr auffiel, daß er einen außergewöhnlich
weichen Bauch hatte.
„Schrei nicht, Polly, ich bin’s!“ flüsterte er. „Peter Voß, dein Peter.“
Nun wollte sie erst recht losschreien, aber er legte ihr die Hand
auf den Mund und zog sie ins Zimmer 26 hinüber, das er mit schnellen
Griffen durch die Riegel der Doppeltür sicherte. Polly stand an der
Wand und sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er näherte sich ihr
mit der größten Entschiedenheit.
„Rühr mich nicht an!“ rief sie, ein Bild des vollkommensten Schreckens.
„Ich fürchte mich.“
„Aber Polly!“ lachte er und rückte ihr näher.
„Du bist geisteskrank!“ schluchzte sie. „Du hast dich im Geschäft
überarbeitet. Gib das Geld heraus, das du genommen hast.“
„Zum Teufel, ich hab ja gar kein Geld genommen!“ rief er, von diesem
unerwarteten Empfang höchlichst überrascht.
„Ja ja, Mr. Dodd hat recht, du bist wirklich geisteskrank!“ jammerte
sie und drückte sich das Taschentuch gegen die Augen.
„Du glaubst mir nicht?“ schrie er empört und ballte die Fäuste.
„Wie kann ich dir glauben, wenn du doch verrückt bist!“ schluchzte sie
und fiel plötzlich vor ihm auf die Knie. „Peter, lieber Peter, ich
bitte dich, gib das Geld heraus. Es wird keine gerichtlichen Folgen
haben, er hat es mir versprochen. Du gehst in ein Sanatorium, und ich
pflege dich gesund.“
Peter Voß gab sich die allererdenklichste Mühe, sie blieb bei ihrer
Meinung, sie ließ es sich nicht ausreden, daß er vollkommen verrückt
sei. Das völlig Unglaubliche seiner Behauptung, den Millionendiebstahl
nur fingiert zu haben, um die Firma zu retten, wirkte auf sie geradezu
niederschmetternd.
„Ach!“ stöhnte er auf und sank verzweifelt in den Stuhl, und dann
lachte er so laut, daß es von den Wänden widerhallte.
Vor diesem Lachen verging Polly der letzte Zweifel. So konnte nur
ein Irrsinniger lachen! Sie zog sich wieder in eine Ecke zurück und
beobachtete ihn voller Angst.
Endlich trat er dicht vor sie hin.
„Hat Mr. Stockes mit dir gesprochen?“ fragte er beinahe rauh.
„Nein! Ja!“ jammerte sie. „Er wollte mit mir sprechen. Aber was hätte
es für einen Zweck gehabt. Ich hatte ja schon alles durch Mr. Dodd
erfahren. Gib das Geld heraus, lieber Peter, wir können ja auch hier in
Deutschland bleiben, bis du wieder gesund bist.“
„Gottverdammich!“ brüllte er los. „Ich hab ja gar kein Geld, es ist
alles Lug und Trug. Ich schlage Mr. Dodd den Schädel ein, wenn ich ihn
treffe.“
Dabei rollte er die Augen wie ein verrückt gewordener Gewohnheitsmörder.
Polly streckte abwehrend ihre Arme aus: das Vorurteil, das Bobby Dodd
in ihr erweckt hatte, konnte Peter Voß weder durch Güte noch durch
Gewalt ausrotten.
„Also gut!“ sagte er und stampfte mit dem Fuße auf. „Du bist nicht zu
bekehren. Halte mich also für einen Millionendieb. Aber wenn du dich
von mir scheiden läßt und den verdammten Dodd heiratest, dann machst
du mich zum dreifachen Mörder. Erst bringe ich ihn um, dann dich, und
endlich mich, das merke dir. Halte mich also immerhin für verrückt, das
ist sogar besser. Dann traust du mir diesen furchtbaren Tripelmord um
so eher zu.“
„Aber ich will mich ja gar nicht von dir scheiden lassen!“ stöhnte sie
auf und sank in einen Sessel. „Ich werde niemals Mr. Dodd heiraten.“
„Verstell dich nicht!“ trumpfte Peter Voß auf. „Er hat es mir soeben
durchs Telephon gestanden.“
„Aber nein!“ rief sie ehrlich empört. „Das ist eine Gemeinheit. Ich
werde ihn dafür zur Rede stellen. Er hat allerdings schon öfters solche
Andeutungen gemacht.“
„So ein Lump!“ schrie er wütend. „Und mit so einem Menschen fährst du
hinter mir her. Augenblicklich kehrst du nach St. Louis zurück.“
„Aber das geht doch nicht!“ seufzte sie und faltete ergeben ihre Hände.
„Peter, du bist doch schwer krank. Du siehst es nur nicht ein. Du mußt
die Millionen herausgeben! Peter, kannst du denn das nicht einsehen?“
„Da schlag doch ein Kreuzmillionhimmeldonnerwetter drein!“ brüllte er
los. „Hier bleibt einem wirklich der Verstand stehen!“
„Das ist es ja eben!“ schluchzte sie unter Tränen. „Wenn du bei
Verstande wärst, hättest du doch nicht das Geld genommen. Siehst du das
nicht ein? Ein vernünftiger Mensch stiehlt doch nicht zwei Millionen.
Das ist doch ein Verbrechen! Lieber, lieber Peter, sag mir, wo du das
Geld hingetan hast, dann ist ja alles gut. Tu es doch mir zuliebe!“
So jammerte sie, während er regungslos dasaß und Kopf und Arme hängen
ließ.
Er war mit seinem Latein zu Ende.
„Ich gebe die Millionen nicht heraus!“ sagte er ruhiger. „Und zwar
aus dem einfachen Grunde, weil ich sie gar nicht habe. Wenn du dem
verdammten Dodd mehr glaubst als mir, dann ist die Sache allerdings
schlimm genug. Aber ich verlange, daß du sofort nach St. Louis
zurückkehrst.“
„Nein, nein, das kann ich wirklich nicht tun!“ flehte sie ihn an.
„Sonst wird er dich der Polizei ausliefern, und du kommst ins
Gefängnis. Nur wenn ich bei ihm bin, dann wagt er es nicht. Wir haben
einen Vertrag geschlossen, und er hat mir versprochen, die Sache in
Güte zu erledigen!“
Peter Voß griff sich mit beiden Händen an den Kopf.
„Und das glaubst du, Polly?“ fragte er und tippte sich an die Stirn.
„Er schleppt dich nur mit sich herum, um dich zu verführen, jawohl, das
ganz allein ist seine Absicht.“
Jetzt meldete sich bei Polly die Amerikanerin.
„Mr. Dodd ist ein Gentleman!“ sagte sie und erhob sich. „Und außerdem
weiß ich ganz genau, was ich mir selbst schuldig bin. Du aber scheinst
es nicht zu wissen.“
„Da hast du das wohl wirklich geschrieben?“ rief er und riß die
Brieftasche heraus.
„Die Brieftasche!“ stieß sie heraus. „Du hast sie! Du warst wirklich im
Gefängnis von St. Malo!“
Das war zu viel für sie. Sie sank in den Sessel und schloß die Augen.
Peter Voß nahm die Gelegenheit wahr, sie in die Arme zu schließen und
sie so lange zu küssen, bis ihr der Atem ganz verging.
Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie allein auf dem Sofa. Peter
Voß war verschwunden. Unfähig, nach dem Alsterpavillon zu gehen, kehrte
sie auf ihr Zimmer zurück, sank auf einen Stuhl und weinte leise in ihr
Taschentuch hinein. Vergeblich wartete der Kriminalbeamte auf sie.
Peter Voß war längst wieder bei Mutter Hansen. Das Kopfkissen gab er
ihr zurück. Den Anzug trug sie wieder zum Schneider und bezahlte die
Leihgebühr. Sie holte auch das Paket aus Amsterdam vom Zollamt. Der
Zwickelbart verschwand. Peter Voß saß bald wie vor Jahren als echter
Janmaat an Mutter Hansens Tisch, aß rote Grütze und Pfannkuchen und
trank Grog, als wenn er sieben Monate auf See gewesen wäre, rauchte
einen Brösel, erzählte seinen zechenden Tischgenossen ein paar
fürchterliche Lügengeschichten, die er sich ohne Schwierigkeiten
aus den Fingern sog, löste noch an demselben Abend auf dem Altonaer
Hauptbahnhof eine Fahrkarte nach Berlin und ließ Mutter Hansen als
Bezahlung die Garderobe des fidelen Lebegreises zurück, die sie
unverzüglich zum Trödler trug.
Als Dodd ins Hotel zurückkehrte, fand er Polly in Tränen aufgelöst.
Unter fortwährendem Schluchzen erzählte sie ihm, was vorgefallen war.
Und nun erwies sich sein Mitleid und seine Liebe zum ersten Male
stärker als sein beruflicher Ehrgeiz. Er nahm die Verfolgung vorerst
nicht auf, sondern blieb bei Polly, um sie zu trösten.
„Mrs. Voß!“ sprach er sanft. „Sie haben sich nun wohl überzeugt, daß
Ihr Mann nach jeder Richtung hin unzurechnungsfähig ist, und daß er die
Millionen wirklich gestohlen hat. Sie werden an seiner Seite niemals
das Glück Ihres Lebens finden. Lassen Sie mich also hoffen, Mrs. Voß,
versprechen Sie mir, die Meine zu werden, dann lasse ich diesen
Verrückten laufen, wohin er will. Wir werden nach Amerika zurückkehren
und ihn zu vergessen suchen.“