„Ich fiel vor etlichen Tagen im Kanal über Bord eines Schiffes,“ begann

er mit tiefem Bedauern zu erzählen, „ich fiel auf den Kopf, dabei

verlor ich mein ganzes Gedächtnis. Sogar den Namen des Schiffes, von

dem ich gefallen bin, habe ich vergessen. Mein Kopf ist augenblicklich

ein leerer Topf mit weißen Wänden.“

„Sie behaupten also, Ihr ganzes Gedächtnis verloren zu haben?“ fragte

der Richter lauernd.

„Total!“ versetzte Peter Voß achselzuckend.

„Dann müßten Sie ja auch die Sprache verloren haben!“ sagte der Richter.

„Wieso!“ begehrte Peter Voß auf. „Dann habe ich eben, mit Ihrer

Erlaubnis, nur ein Stück von meinem Gedächtnis verloren.“

„Wir werden Ihnen Ruhe und Gelegenheit geben, das verlorene Stück

wiederzufinden!“ versetzte der Richter sarkastisch und ließ ihn

abführen.

Peter Voß marschierte in seine Zelle zurück und pfiff sich eins. Auch

der musikalische Teil des Gedächtnisses stand ihm noch zur Verfügung.

Der Schiffer Penfold wurde zu sechs Monaten, der Matrose zu acht Wochen

und der Schiffsjunge zu vier Wochen verurteilt. Die „Queen“ wurde

versteigert und ging als „Marguerite“ unter französischer Flagge in See

nach Jersey. Jede dritte Nacht verbrachte sie in St. Malo. Peter Voß,

der sie beobachtete, freute sich über ihre Anhänglichkeit.

Er schlief in seiner Zelle meistens bis tief in den Tag hinein.

Zuweilen erkundigte er sich bei seinem Nachbar nach dem Fortschritt der

Befreiungsarbeiten. Doch der war nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er

nicht gemeinsame Sache mit ihm machen wollte.

„Was wollt Ihr drüben in London?“ fragte Peter Voß. „Habt Ihr wieder so

einen kleinen Einbruch vor?“

„Man muß leben!“ erwiderte William Schmidt. „Geschäft ist Geschäft.“

„Es lebt sich doch hier ganz schön!“ behauptete Peter Voß keck.

„Ohne Whisky?“ kam es zurück. „Den besten Whisky gibt es in Chelsea.“

„Prosit!“ telegraphierte Peter Voß zurück, legte sich auf die andere

Seite und schlief sofort ein.

Der Gefängnisdirektor von St. Malo aber konnte nicht schlafen. Der

Untersuchungshäftling auf Zelle Nummer 19, der sein Gedächtnis total

oder auch nur zum Teil verloren haben wollte, raubte ihm den Schlaf.

Dieser Direktor war nämlich ein Mann von wissenschaftlichen Neigungen.

Fast in jedem Verbrecher, dessen Beherbergung man ihm von Rechts

wegen anvertraute, witterte er einen interessanten Fall. Im Gegensatz

zu den Richtern, auf deren vorläufige Entscheidung hin Peter Voß im

sicheren Gewahrsam gehalten wurde, stand dieser Gefängnisdirektor auf

dem Standpunkt, daß der Häftling Nummer 19 nicht im entferntesten ein

gefährlicher Simulant, sondern vielmehr ein psychologisches Problem

erster Ordnung sei.

Hin und wieder ließ er sich den Mann vorführen und unterhielt sich sehr

freundlich mit ihm. Peter Voß roch sofort den Braten und blieb treu und

fest bei seiner Behauptung, nicht nur seinen Namen, sondern auch sein

ganzes Vorleben vergessen zu haben.

Die wissenschaftlichen Neigungen des Direktors hatten ihn in dem

Nervenarzt von St. Malo einen begeisterten Mitarbeiter finden lassen.

Der wurde nun zu Rate gezogen. Er untersuchte den Mann ohne Gedächtnis

aufs genaueste und war schließlich geneigt, die Ansicht des Direktors

zu teilen. Um aber ganz sicher zu gehen, kamen sie überein, den

Gefangenen Nummer 19 auf Wasser und Brot zu setzen.

„Nanu?“ sagte Peter Voß zu dem Wärter, als er ihm die angeordnete

Nahrung brachte. „Soll ich bei diesem Fraß mein Gedächtnis

wiederfinden? Dazu brauche ich mindestens Krankenkost in doppelten

Portionen.“

Doch die bekam er nicht.

Am nächsten Morgen mimte er einen schweren Ohnmachtsanfall, am

folgenden Tage verfiel er in Krämpfe. Der Gefängnisarzt wurde geholt

und verordnete Krankenkost. Als Peter Voß das braun-gebackene Beefsteak

roch, kam er wieder zu sich und ließ es sich gut schmecken.

Man muß sich im Gefängnis zu benehmen wissen! dachte er und wischte

sich den Mund.

Der Nervenarzt untersuchte ihn daraufhin zum andernmal, schrieb eine

Abhandlung über ihn und schickte sie zum Abdruck an die bekannteste

medizinische Monatsschrift in Paris.

Peter Voß aber telegraphierte wieder zu William Schmidt hinüber, dessen

Arbeit inzwischen zum Stillstand gekommen war.

„Mein Meißel ist mir hinuntergefallen,“ erwiderte er.

„Was nun?“ fragte Peter Voß.

„Ich mache mir einen neuen,“ war die Antwort.

„Woraus denn?“

„Aus dem Bettbolzen,“ kam es von drüben.

Peter Voß sah auf sein Bett. Es war von Eisen. Da ließ sich wohl

irgendwo ein kleines Stück ablösen und als Meißel zuschärfen.

Dieser William Schmidt ist kein dummer Kerl! dachte Peter Voß bei sich.

Es muß ein Vergnügen sein, mit ihm auszubrechen.

Aber er spielte nur mit dem Gedanken. Dazu war noch immer Zeit, wenn es

ihm hier nicht mehr gefiel.

Das Interesse des Gefängnisdirektors an dem Häftling Nummer 19

war durch den grundlegenden Aufsatz seines medizinischen Freundes

ganz bedeutend gewachsen. Denn inzwischen war dieser Aufsatz auch

erschienen.

Er ließ sich wieder einmal den Mann vorführen.

„Wie gefällt es Ihnen hier bei uns?“

„Ausgezeichnet!“ rief Peter Voß begeistert. „Die Kost ist hervorragend.

Die Behandlung rücksichtsvoll und sanft. Wenn ich nur mein Gedächtnis

wiedergefunden hätte, würde ich mit vollster Sicherheit behaupten

dürfen, noch niemals in einem so komfortablen Hotel gewohnt zu haben.“

Das tat dem Direktor wohl. Peter Voß bekam weiter Krankenkost.

Immer höflich! dachte er und verzehrte mit vortrefflichem Appetit das

zarte, junge Huhn, das ihm der Wärter gebracht hatte. Eine gute Kritik

kann Wunder wirken!

Kurz vor Mitternacht meldete sich William Schmidt. Er hatte wieder Pech

gehabt. Sein neuer Meißel war ihm zerbrochen.

„Zieh einen Bolzen aus deinem Bett!“ telegraphierte er herüber.

Peter Voß, diensteifrig und hilfbereit wie immer, untersuchte sofort

sein Bett und fand auch bald den betreffenden Bolzen.

„Er ist auf der einen Seite vernietet!“ morste er hinüber.

„Losbrechen!“ befahl William Schmidt.

„Teufel noch mal!“ sagte Peter Voß zu sich. „Aus freien Händen zwei

Nieten losbrechen, das will schon was heißen.“

Aber er machte sich doch an die Arbeit, und sie glückte auch. Am Abend

des zweiten Tages hatte er den Bolzen in der Hand. Jetzt mußte er

angeschärft werden. William Schmidt sparte nicht mit guten Ratschlägen.

Peter Voß, der durchaus nicht auf den Kopf gefallen war, erkannte in

ihm einen Mann, der ihm in diesen Dingen durchaus überlegen war. Er

schliff den Bolzen auf den Steinen des Fußbodens scharf und begann

in die Zwischenwand ein kleines Loch zu bohren. Die Mauer bestand

aus rotgebrannten Backsteinen und war nur zwei halbe Ziegel dick.

Nicht ganz so lang war der Bolzen. Aber William Schmidt arbeitete

ihm mit seinem zerbrochenen Bolzen entgegen, nachdem er die Stelle

ganz genau ausgehorcht hatte. Schon nach vier Stunden war der neue

Bolzen bei William Schmidt drüben. Das Loch war etwa in Kniehöhe und

wurde auf beiden Seiten durch kleine Zementpfropfen verschlossen.

Peter Voß steckte den seinen ins Loch hinein wie einen Korken in

den Flaschenhals. Der Wärter merkte nichts davon. Am Abend öffnete

Peter Voß das Loch und konnte sich ganz genau mit seinem Nachbarn

unterhalten.

„Komm mit!“ flüsterte der. „In einigen Tagen ist Neumond, dann versuch

ich mein Glück.“

„Ich habe keinen Durst nach Whisky!“ behauptete Peter Voß kühn. „Ich

bin Abstinenzler.“

„Ho ho ho!“ lachte der von drüben. „Wer dir das glaubt, mein Junge. Du

brauchst nur das Loch so weit zu vergrößern, daß du hindurchschlüpfen

kannst. Wenn du nicht zu dick bist, ist das in einer Stunde getan.“

„Ich will mir das Ding beschlafen,“ sagte Peter Voß. „Du kannst mich ja

benachrichtigen, wenn die Sache so weit ist.“

Am nächsten Morgen machte er sich daran, den anderen Bolzen aus

dem Bett zu ziehen. Zwei mußten darin bleiben, sonst wäre es

zusammengebrochen. Auch dieses Werk brachte er nach langen Mühen

zustande und schärfte den Bolzen an.

Man muß immer aufs Schlimmste gefaßt sein! dachte er und versteckte ihn

in der Matratze.

Der Wärter dachte gar nicht daran, die Zelle zu durchsuchen. Er hatte

seine helle Freude an diesem kuriosen Kerl, der wohl sein Gedächtnis,

aber nicht seine Fröhlichkeit verloren hatte.

„Weißt du immer noch nicht, wie du heißt?“ fragte er ihn neugierig.

„Nein!“ erwiderte Peter Voß vergnügt und schüttelte den Kopf. „Aber wie

wär’s, Monsieur Cerberus, wenn du mir ein wenig nachdenken hilfst?“

Da lachte der Wärter, daß er sich die Seiten halten mußte.

6.

Bobby Dodd und Polly Voß aber waren in Brighton. Hier sollte Polly

sich erholen. Ihre Nerven waren durch die fortwährenden Aufregungen so

ergriffen worden, daß sie unbedingt Ruhe brauchte.

Dodd aber ließ nicht locker. Auf der Agentur in Plymouth hatte sich

noch immer niemand gemeldet. Die Ansicht, daß er durch die Brieftasche

auf eine falsche Fährte gelockt werden sollte, hatte er fallen

gelassen, denn die Entdeckung, daß diese Brieftasche Peter Voß gehörte,

war schließlich nur dem Zufall zu verdanken.

Bald im Automobil, bald mit dem Dampfer raste Dodd an der englischen

Küste hin und her und ermüdete nicht, die Leute auf das gründlichste

auszufragen.

So kam er endlich auch nach Falmouth und hörte da von dem kleinen

Zweimastschoner „Queen“, der in der fraglichen Nacht, in der Peter Voß

über Bord gesprungen war, in der Nähe von Plymouth gewesen sein konnte.

Schon über vier Wochen waren seitdem verstrichen. Dodd begann sich

sofort für dieses kleine Küstenfahrzeug lebhaft zu interessieren und

stellte endlich fest, daß es in Plymouth mit Whisky, Streichhölzern

und Kautabak für Cherbourg beladen worden war. Allein in Cherbourg

war es nicht angekommen. Er riet sofort auf einen Schmuggler, kehrte

nach Falmouth zurück und verhörte mit Hilfe der Polizei die Frau des

Schiffers Penfold, die mit großer Angst auf die Wiederkehr ihres Mannes

wartete. Sie gab vor, nichts von seinen Geschäften zu wissen, für

Dodd ein neuer Beweis, daß sie nicht reinlicher Natur waren. Auch in

den Hafenschänken, wo er als Matrose verkleidet herumlungerte und das

Gespräch immer wieder auf die ausgebliebene „Queen“ brachte, vermochte

er nichts über ihren Verbleib zu erkunden.

Nachdem er Polly in Brighton einen kurzen Besuch abgestattet und sie

bedeutend wohler angetroffen hatte, ging er mit dem Wochenschiff von

Southampton nach St. Malo hinüber. Es galt jetzt festzustellen, wo das

Schiff seine Ladung losgeworden war.

St. Malo, als sehr belebter Hafen, kam gar nicht in Frage. Dodd wandte

sich sofort den normanischen Küstendörfern zu. Aber ihre dickköpfigen

Bewohner hüteten sich wohl, ihm ihre heimlichen Geschäfte auf die Nase

zu binden. Die „Queen“ blieb ebenso spurlos verschwunden wie Peter Voß.

Unverrichteter Sache kam Dodd nach Falmouth zurück. Und nun war ihm

das Glück hold, denn der Schiffsjunge der „Queen“ war inzwischen

zurückgekehrt.

Dodd verhörte ihn mit Hilfe der Polizei. Der Junge behauptete, um nicht

gestehen zu müssen, daß er im Gefängnis gesessen habe, das Schiff sei

im Kanal irgendwo untergegangen, und er hätte sich durch Schwimmen

gerettet. Bald darauf war der Junge verschwunden. Er war mit einem

Kohlendampfer nach Südamerika in See gegangen. Und Dodd hatte das

Nachsehen.

Er blieb vorläufig in Falmouth und wartete, denn an den Untergang der

„Queen“ glaubte er nicht.

Hin und wieder fuhr er nach Brighton, um sich nach Pollys Befinden zu

erkundigen. Ihr Zustand besserte sich zusehends. Das schöne Klima des

Seebades und die gute Gesellschaft, die Polly als Amerikanerin wohl zu

schätzen wußte, taten ihr wohl. Sie konnte jetzt sogar schon an Peter

Voß denken, ohne daß ihr gleich die Tränen in die Augen traten.

Dodd erschien niemals, ohne ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Sie

erkannte, daß er wirklich ein Gentleman war.

Als er zum fünften Male nach Falmouth kam, wurde seine Zähigkeit

belohnt. Denn jetzt war der Matrose der „Queen“ zurückgekehrt.

Diesmal verzichtete Dodd auf die Polizei, schlüpfte in seinen

Schifferanzug, setzte sich mit dem Mann an den Tisch und bezahlte für

ihn eine Flasche Whisky.

Da kam es denn heraus, wie Peter Voß aufgefischt und als Schmuggler

mitverhaftet worden war.

Dodd wußte genug. Nun galt es, die Spur in St. Malo aufzufinden und

weiter zu verfolgen. Denn daß Peter Voß, der an der Schmuggelei ganz

unschuldig war, noch immer im Gefängnis saß, konnte Dodd unmöglich

annehmen.

Ohne Polly zu benachrichtigen, fuhr er wieder nach St. Malo hinüber und

ging schnurstracks zum Gefängnisdirektor.

„Womit kann ich Ihnen dienen?“ fragte der ihn überaus höflich.

„Sitzt hier ein Schiffer Penfold aus Falmouth?“

„Verurteilt zu sechs Monaten wegen Schmuggelei!“ bestätigte der

Direktor. „Wollen Sie ihn sprechen?“

„Nein!“ versetzte Dodd. „Es handelt sich gar nicht um ihn, sondern um

den Mann, den er vor Plymouth aufgefischt hat.“

„Aha!“ rief der Direktor erfreut und brachte den grundlegenden Aufsatz

seines medizinischen Freundes über den Mann, der sein Gedächtnis

verloren hatte. „Sie haben gewiß diese Abhandlung gelesen?“

Dodd nahm mit der ihm eigenen Höflichkeit die Zeitschrift entgegen und

überflog den Absatz.

„Ein sehr interessanter Fall!“ sagte er schließlich. „Nur schade, daß

der Mann nicht mehr hier ist.“

„Er ist hier!“ erwiderte der Direktor triumphierend. „Wollen Sie ihn

sehen?“

Dodd verzog keine Miene. Wohl war er überzeugt, daß der Mann ohne

Gedächtnis Peter Voß war. Aber er hatte kein Mittel, es dem Direktor zu

beweisen. Auf Polly konnte er nicht rechnen. Sie hätte ganz sicher die

Identität geleugnet.

„Gewiß!“ entgegnete er zögernd. „Aber ich möchte nicht gern von ihm

gesehen werden, damit er sich nicht beunruhigt. Er ist offenbar krank

und gehört wohl richtiger in die Irrenanstalt.“

„Kommen Sie!“ winkte ihm der Direktor. „Es ist ein Guckloch in seiner

Tür. Uebrigens gefällt es ihm hier ausgezeichnet. Ich bin stolz darauf,

diesen interessanten Fall in meinen Mauern zu haben.“

„Sie halten ihn also aus wissenschaftlichen Gründen fest?“ forschte

Dodd, als sie über den Hof des Gefängnisses schritten. „Er kann doch

unmöglich härter bestraft werden als der Matrose.“

„Er ist überhaupt noch nicht verurteilt!“ belehrte ihn der Direktor.

„Das Gericht nimmt an, daß er ein schwerer Verbrecher ist und aus

diesem Grunde das verlorene Gedächtnis simuliert. Doch das ist eine

juristische Torheit. Er wäre sicher schon entlassen worden, wenn ein

entsprechender Antrag vorläge. Da er aber seinen Namen nicht weiß,

kann er einen solchen Antrag nicht ausfertigen. Ich selbst habe keinen

Grund, seine Entlassung zu fordern, da ich der Wissenschaft nicht

dieses vortreffliche Versuchsobjekt entziehen möchte. Außerdem hindert

mich meine Menschenliebe daran, einen Entlassungsantrag zu stellen.

Was soll dieser Mann ohne Gedächtnis draußen im Leben? Er kommt sofort

unter die Räder. Ich bin ein Philanthrop.“

Sie standen jetzt vor der Zellentür Nummer 19. Der Direktor machte nach

dem Guckloch eine einladende Handbewegung. Dodd schaute längere Zeit

angespannt hindurch. Da lag ein Mensch auf dem Bett im friedlichen

Schlummer. Das mußte Peter Voß sein, trotz des kurzen Vollbartes, der

ihm inzwischen gewachsen war.

Nun galt es, ihn aus diesem Gefängnis herauszubringen. Das war viel

schwieriger, als es auf den ersten Blick aussah.

Dodd trat zurück.

„Es hat also keinen Zweck,“ flüsterte er dem Direktor zu, „diesen

Menschen nach seinem Namen zu fragen?“

„Vollkommen aussichtslos!“ bestätigte der Direktor.

„Und wenn ich nun seine Entlassung beantrage?“ fragte Dodd.

„Wie wollen Sie diesen Antrag begründen?“ rief der Direktor

achselzuckend. „Oder wissen Sie etwa den Namen des Mannes?“

„Ich vermute ihn zu wissen,“ wich Dodd vorsichtig aus, „und ich hoffe,

durch ein kleines Experiment den Mann wieder zu seinem Gedächtnis

verhelfen zu können. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie mich dabei

unterstützen.“

„Sie können noch daran zweifeln?“ rief der Direktor förmlich

elektrisiert. „Ich warte ja nur auf den Augenblick, daß dieser Aermste

sein Gedächtnis wiederfindet. Welches Experiment haben Sie vor?“

„Es ist an demselben Tage, an dem dieser Mann im Kanal aufgefischt

worden ist, in Plymouth bei einer Schiffsagentur eine Brieftasche

abgegeben worden, von der ich annehme, daß sie das Eigentum dieses

Mannes. Ich möchte ihm nun diese Brieftasche durch das Fenster zuwerfen

lassen und ihn dabei heimlich beobachten.“

„Exzellent!“ rief der Direktor mit echt französischer Lebhaftigkeit.

„Das ist ein großartiger Kniff. Steckt er die Tasche ein, dann hat

er sein Gedächtnis wiedergefunden. Läßt er sie liegen, dann ist das

Experiment mißglückt. Haben Sie die Tasche bei sich?“

„Leider nicht!“ versetzte Dodd und griff zum Hut. „Ich werde aber

sofort hinüberfahren, um sie zu holen.“

Er dampfte nach Southampton zurück und war am nächsten Morgen in

Brighton. Polly saß in einem bequemen Stuhl vor der Kurkapelle, die

eben den Brautmarsch aus „Lohengrin“ intonierte.

„Ich habe ihn!“ flüsterte er ihr zu.

„Wo ist er? Wo ist er?“ rief sie außer sich und zog ihn zum Strand

hinunter.

Und er erzählte ihr alles wahrheitsgetreu.

„Im Gefängnis?“ stöhnte sie auf. „Als Schmuggler? Wie schrecklich! Sie

müssen ihn befreien.“

„Das ist meine Absicht!“ sprach er ernst. „Ich brauche zu diesem Zweck

die Brieftasche, dahinein werde ich die nötigen Instrumente legen.

Die Brieftasche werde ich ihm mit Hilfe des Direktors in die Hände

spielen. Wir legen uns dann im Hafen von St. Malo mit einem kleinen

Dampfer auf die Lauer. Er wird ausbrechen, das Gefängnis ist übrigens

miserabel gebaut, ich werde den Posten ablenken. Alles Kleinigkeiten!

Er entkommt glücklich dem Gefängnis und flüchtet zu Ihnen auf den

Dampfer. Und dann haben wir ihn. Sie haben nur nötig, ihm einige

aufklärende Worte in die Brieftasche zu legen. Der Dampfer wird dicht

unter dem Gefängnis festgemacht. Wir werden am Tage die Flagge der

Union und bei Nacht zwei rote Laternen aufstecken.“

Nun begann sie zu begreifen. Hastig holte sie die Brieftasche ihres

Mannes herbei und schrieb auf ein Blatt, was ihr Dodd diktierte.

Nachdem sie ihren Namen darunter gesetzt hatte, nahm Dodd das Blatt und

die Brieftasche an sich.

„Und wenn wir ihn auf dem Schiff haben?“ fragte sie gespannt.

„Dann werden wir ihn schon zur Vernunft bringen!“ lächelte Dodd

siegesgewiß. „Das heißt, wenn es überhaupt möglich ist. Ich hoffe

aber, daß er sich durch Ihre Gegenwart veranlaßt fühlen wird, die zwei

Millionen herauszugeben.“

„Und wenn er sich dennoch weigert?“ rief sie und sprang auf.

„Dann kommt er ins Sanatorium, wo er Zeit hat, sich zu besinnen!“

beruhigte er sie. „Aus meinem Plan ersehen Sie, wie ernst ich es mit

unserem Vertrag nehme. Ich gehe jetzt, etliche Feilen und Sägen zu

kaufen, die ich in dieses Blatt wickeln und in die Tasche legen werde.“

„Aber wenn ihm etwas passiert!“ rief sie. „Wenn der Posten auf ihn

schießt?“

„Sein Leben ist mir zwei Millionen Dollar wert!“ erwiderte er. „Ich

werde dicht neben dem Posten stehen. Falls er schießt, wird der Schuß

in die Luft gehen.“

Da reichte sie ihm aufatmend die Hand.

Der Gefängnisdirektor von St. Malo empfing Dodd mit einem Freudensprung

und rief sofort seinen medizinischen Freund herbei, der das Experiment

durch seine Gegenwart wissenschaftlich verschönen sollte.

Gegen Abend wurde der Posten instruiert, ein junger Mensch, der mit

geschultertem Gewehr vor der Front des Gefängnisses auf und ab tappte.

Dodd hatte die Brieftasche verschnürt und gab sie nicht aus der Hand.

Mit Leichtigkeit konnte man mit dem aufgepflanzten Seitengewehr bis an

das Gitter des Zellenfensters reichen.

„Es muß den Anschein haben,“ erläuterte Dodd dem Direktor, „als wenn es

ihm von befreundeter Hand zugeworfen würde. Und dazu müssen wir die

Nacht abwarten.“

„Famos, famos!“ rief der Direktor und rieb sich die Hände.

An diesem Abend saß Peter Voß auf seinem Schemel und langweilte sich

zum ersten Male. Seine Laune war längst nicht mehr auf der Höhe. Er zog

den Pfropfen aus dem Loche und rief William Schmidt an.

„He, alter Junge, wie geht’s?“

„Danke!“ brummte der. „Ich breche heute nacht aus.“

„Viel Glück!“

„Brauch ich nicht!“ versetzte William Schmidt kaltblütig. „Wir haben

Neumond. Und die „Marguerite“ liegt wieder im Hafen. Morgen vor

Sonnenaufgang fährt sie nach Jersey. Ich beobachte sie schon seit

mehreren Wochen.“

„Aber der Posten!“ warnte Peter Voß.

„Der kriegt eins auf die Nase!“ erwiderte William Schmidt entschlossen.

„Das ist ein ganz grüner Junge.“

„Mach’s nur nicht zu arg!“ entgegnete Peter Voß. „Der arme Junge ist

doch nicht daran schuld, daß du eingebrochen bist.“

„Keine Sorge!“ lachte William Schmidt. „Ein Mörder bin ich nicht. Dazu

fehlt mir das Talent. Aber ich kann boxen. Willst du mitkommen?“

Peter Voß überlegte. Seine Lust, mit auszubrechen, war in der letzten

Zeit ganz bedeutend gewachsen. Auch der Fluchtplan leuchtete ihm

ein. Doch was William Schmidt konnte, das konnte er auch! In einer

finsteren, regnerischen Nacht brauchte man nicht einmal dem Posten eins

auf die Nase zu geben. Sein Meißel war gut, und seine Fenstereisen

saßen nicht fester in der Mauer als die der Nebenzelle. Und so wünschte

er seinem Nachbar glückliche Reise und legte sich aufs rechte Ohr.

Er erwachte von einem leichten Fall. Es war stockdunkel in der Zelle.

Ueberrascht fingerte er auf dem Boden herum und fand endlich eine

zusammengeschnürte Brieftasche, seine Brieftasche! Beim ersten Griff

hatte er sie erkannt. Er stand, als hätte ihn der Blitz getroffen.

Das war Dodd! Er hatte ihn entdeckt! Und nun warf er die Tasche herein,

um die Identität festzustellen!

Peter Voß sprang zum Loch und riß den Pfropfen heraus.

„William Schmidt!“ flüsterte er. „Ich komme mit!“

„Dann ist es aber die höchste Zeit!“ erwiderte der und begann sofort

mit dem Meißel der Mauer zu Leibe zu gehen.

Da rasselten draußen Schlüssel.

„Der Wärter!“ flüsterte Peter Voß, verstopfte das Loch, warf die

Brieftasche hin, wo sie gelegen hatte, und legte sich nieder.

Schon trat der Wärter herein mit einer außergewöhnlich hellen Lampe.

Daran erkannte Peter Voß, daß etwas Besonderes los war. Der Wärter

leuchtete durch die Zelle, ließ die Brieftasche liegen, als sähe er sie

nicht, und leuchtete Peter Voß ins Gesicht, der keine Miene verzog und

schnarchte.

Die Zellentür schloß sich wieder. Draußen auf dem Gange stand Dodd mit

dem Direktor und dem Nervenarzt.

„Er schläft!“ meldete der Wärter. „Die Tasche liegt noch da, wo sie

hingefallen ist.“

„Wir müssen also bis morgen warten!“ erklärte Dodd und trat zurück. „Am

besten ist, Sie lassen den Mann gänzlich ungestört. Der Fall liegt zu

kompliziert.“

Und der Nervenarzt nickte zustimmend.

Also gingen sie wieder davon. Dodd hatte sein Ziel erreicht. Morgen

wollte er feststellen, wie weit Peter Voß mit dem Fenstergitter

gekommen war, und danach den Dampfer mieten.

Aber Peter Voß ging nicht gegen das Gitter, sondern gegen die Mauer

vor. William Schmidt half von der anderen Seite. Als die ersten beiden

Steine gelockert waren, hatten sie gesiegt. Das Loch zu erweitern

war Spielerei. Nun erst steckte Peter Voß seine Brieftasche ein.

Geschmeidig schlüpfte er in die Nebenzelle. Ihren vereinten Kräften

konnte das gelockerte Fenstergitter nicht widerstehen. William Schmidt

streckte vorsichtig den Kopf hinaus. Die Luft war rein. Mit einem

Sprung verschwand er; Peter Voß folgte ihm, ohne sich lange zu besinnen.

Der Posten machte gerade an der anderen Ecke der Gefängnisfront kehrt.

Ehe der junge Rekrut, der zudem nicht besonders mutig war, sein Gewehr

gehoben oder auch nur den Mund aufgetan hatte, sah er sich durch einen

heftigen, wohlgezielten Schlag gegen den Gürtel unschädlich gemacht.

Das Gewehr entfiel ihm. Unfähig, sich zu regen oder einen Ton von sich

zu geben, saß er mit dem Oberkörper gegen die Mauer gelehnt und hielt

sich den Bauch. Peter Voß klopfte ihm beruhigend auf die Schulter, und

William Schmidt erleichterte ihm den Gürtel vom Revolver.

Nun eilten sie auf den Hafen zu, nachdem sie in einem dunklen

Winkel die Jacken getauscht hatten, denn William Schmidt trug

Sträflingskleidung.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 5 / 20 段