Bald darauf tauchte Peter Voß in das Gewühl der Bovery, kaufte in

einem Barbierladen eine Flasche braune Haarfarbe und ließ sich in

einem kleinen Hotel ein Zimmer geben. Das Geld dafür mußte er im

voraus bezahlen, da er außer Zahnbürste, Taschenmesser und Brieftasche

kein Gepäck besaß. Hier wollte er seinem Haar wieder die alte Farbe

verleihen, es gelang ihm aber daneben. Nachdem er eine Viertelstunde

geschmiert und gerieben hatte, leuchtete ihm sein Scheitel im

brennendsten Rot aus dem Spiegel entgegen.

Kein Wunder, denn die Haarfarbe war echt amerikanischen Ursprungs.

„Auch gut!“ rief er und verließ das Hotel.

Seine roten Haare, so kurz sie auch waren, erregten Aufsehen, und er

freute sich diebisch darüber. Jetzt konnte er über den roten Zettel,

der auf dem gelben Steckbrief klebte, lachen.

Er setzte über den Hudson und schlenderte gemächlich, wie ein

stellungsloser Seemann, die Docks von Hoboken entlang. Bei

jedem Eingang standen doppelte Schutzmannsposten. Beim Dock der

Hamburg-Amerika-Linie blieb er stehen und las die Schiffsliste. Morgen

früh ging die „Pennsylvania“ in See. Da lag der große, breite, sichere

Kasten, auf dem er schon einmal eine Reise als Matrose gemacht hatte.

Das wär schon was! dachte er, wobei sein Blick wie von ungefähr auf ein

gelbes Plakat fiel.

Auch hier klebte sein Steckbrief mit dem alten Signalement. Es dauerte

aber gar nicht lange, da kam ein radelnder Schutzmann und klebte den

roten Verbesserungszettel darüber.

Die beiden Polizisten, die den Eingang bewachten, machten sich sofort

an das Studium des neuen Signalements, ohne darüber den Eingang aus dem

Auge zu lassen. Wer hineinwollte, wurde angehalten und mußte ohne Gnade

zurück, wenn er sich nicht ausweisen konnte.

Ueber Peter Voß, der ihnen gegenüber Aufstellung genommen hatte und so

tat, als wenn er auf einen Bekannten wartete, machten sie zwischendurch

schlechte Witze. Die Röte seiner Haare war auch direkt polizeiwidrig.

Peter Voß schwankte schon, ob er sich diese angeregte Stimmung der

beiden Ordnungswächter zunutze machen sollte, um durchzuschlüpfen.

Da hielt plötzlich vor dem Eingang ein kleiner Lastwagen, auf dem ein

ungewöhnlich langer Koffer lag. „Passagierstück für die Pennsylvania

nach London Metropol Varieté“ stand auf dem Ticket. Noch größer waren

die Buchstaben:

_VORSICHT! GLAS! NICHT STUERZEN!_

die auf allen vier Seiten und auf dem Deckel der Kiste prangten.

Wenn ich nur in dieser Kiste läge! dachte Peter Voß und betrachtete sie

liebevoll von allen Seiten.

Der Kutscher, der die Kiste gebracht hatte, blieb ruhig auf seinem Bock

sitzen. Da sprang ein Mann über den Fahrdamm, wollte in das Dock hinein

und fühlte sich plötzlich von vier nervigen Fäusten gepackt. Denn

dieser Mann trug nicht nur einen gelben Staubmantel, sondern auch eine

gelbe Staubmütze, und hatte zum Ueberfluß etwas angegrautes Haar. Er

sah aus wie ein Schauspieler auf Reisen.

Er schimpfte wie ein Rohrspatz, gab an, Frank Murrel zu heißen, und

wollte als Jongleur und Zauberkünstler vom Metropol Varieté in London

engagiert sein.

Sein Gesicht wies mit Peter Voßens Photographie einige Aehnlichkeit

auf, besonders in der Stirn- und Augenpartie. Die Schutzleute aber

waren ganz fest überzeugt, in ihm den Millionendieb gefaßt zu haben.

Zum Unglück hatte der Mann kein Billett. Er behauptete frech, es läge

noch auf der Agentur.

Er mußte mit zur Wache.

„Ich komme sofort wieder!“ sagte er zu dem Kutscher. „Geben Sie ja

gut auf den Koffer acht! Es sind sehr zerbrechliche Theaterrequisiten

darin.“

Der eine Polizist führte ihn ab, der andere verdoppelte seine

Aufmerksamkeit. Bald darauf schlug die Uhr sechs, und die Dockarbeiter

strömten ein und aus. Peter Voß hätte es jetzt wohl wagen können,

unbemerkt bei dem Polizisten vorbeizuschlüpfen. Doch was hätte das

geholfen? Ohne Billett hätte man ihn nicht auf das Schiff gelassen, und

irgend einen Freund, den er hätte besuchen können, wußte er nicht an

Bord. Obschon er immerhin als wahrscheinlich voraussetzen durfte, daß

unter der vierhundertköpfigen Schiffsbesatzung einer seiner früheren

Bekannten sein konnte.

Und deshalb blieb er stehen und wartete.

Gleich darauf traten drei handfeste Matrosen unter Führung eines noch

kernigeren Bootsmannes an den großen Kistenkoffer. Dieser Mann gefiel

Peter Voß auf den ersten Blick.

„Schneller!“ schrie er dem vierten Matrosen zu, der nun überaus

gemächlich heranschlenderte. „Du gottverdammigter Hollandschmann, ich

geb dir einen an deinen Achtersteven, daß du auf deinen Bauch sechzehn

Knoten in der Stunde machst!“

Der Mann muß mein Freund werden! dachte Peter Voß und trat auf den

Bootsmann zu.

„Hummel!“ begrüßte er ihn.

Die Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

„Guten Tag, Landsmann!“ rief Peter Voß vergnügt. „Wir sollten uns doch

kennen?“

„Ich kenne dich nicht!“ sagte der Bootsmann ruhig. „Du hast mir viel zu

rote Haare.“

„Macht nichts!“ erklärte Peter Voß. „Kommst du heute abend mit nach

Coney Island, ich gebe einen aus.“

„Das ist ein ander Ding!“ meinte der Bootsmann und schlug ein. „Ich

will man bloß die verteufelte Kiste an Bord bringen, da sind Glassachen

drin.“

Peter Voß trat zurück.

„Angefaßt!“ kommandierte der Bootsmann. „Ganz vorsichtig aufsetzen.

Moritz Pietje, wenn du die Kiste fallen läßt, dann brau ich dir einen

Grog, von dem dir die Ohren vier Wochen lang steif bleiben.“

In diesem Augenblick kam Frank Murrel, der Besitzer der Riesenkiste,

über die Straße gestürzt. Er hatte inzwischen der Polizei mit Hilfe

eines in der Nähe wohnenden Kollegen beweisen können, daß er mit Peter

Voß nicht identisch war.

„Vorsicht, nicht stürzen!“ brüllte er ganz verzweifelt, als Moritz

Pietje zu zeitig los ließ. „Bringen Sie den Koffer in meine Kabine.“

„Welche Kabine haben Sie?“ fragte der Bootsmann.

Aber Frank Murrels Billett lag noch immer auf der Agentur.

„Da stellen wir eben den Koffer solange in den Gepäckraum,“ schlug der

Bootsmann vor. „Da steht er noch sicherer als in irgend einer Kabine,

die vielleicht schon ein anderer belegt hat. Morgen können Sie sich ja

den Koffer in Ihre Kabine kommen lassen.“

Gleich darauf verschwand das sehr umfängliche Gepäckstück in der

zweiten Ladeluke auf dem Verdeck. Frank Murrel überzeugte sich durch

Augenschein, wo und wie er stand, gab dem Bootsmann ein Trinkgeld

und trat wieder aus dem Dock, nicht ohne den beiden Polizisten einen

Verachtungsblick zugeworfen zu haben.

Ich bin doch neugierig, ob er kommt! dachte Peter Voß und wartete.

Und der Bootsmann kam wirklich, er hatte sich inzwischen fein gemacht.

„Nun kann’s losgehen!“ meinte er zu Peter Voß. „Das sag ich dir aber,

wenn du so einer von den gottverdammten Landhaien bist, bei mir kommst

du nicht auf die Rechnung. Ich hau zu, wenn’s so weit ist.“

„Aber Bootsmann!“ erwiderte Peter Voß gekränkt. „Seh ich so aus?“

„Nur friedlich!“ lenkte der andere ein. „Du hast zwar rote Haare, aber

ein ehrliches Gesicht. Du erinnerst mich an einen alten Freund, mit dem

ich mal zusammen gefahren bin. Darauf kannst du dir was einbilden. Denn

jede Einladung nehm ich nicht an.“

Schon saßen sie auf der Riesenfähre, die sie nach Brooklyn

hinüberbrachte. Bald waren sie auf Coney Island, dem großen New Yorker

Rummelplatz. Peter Voß bezahlte. Sie fuhren auf dem Riesenrad und auf

der Berg- und Talbahn.

„Hier kann ja einer seekrank werden!“ bemerkte der Bootsmann und wollte

aussteigen.

Mit einem Wort: sie amüsierten sich großartig. Aus einem überfüllten

Tanzlokal wurden sie zusammen an die Luft gesetzt und fanden sich im

Sande wieder.

„Ganz wie in St. Pauli!“ rief der Bootsmann vergnügt und steuerte der

nächsten Bar zu, um einige Drinks zum besten zu geben.

Peter Voß verlor bei alledem nicht sein Ziel aus den Augen und lotste

den Bootsmann endlich in eine kleine, gemütliche Bierkneipe. Peter Voß

setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand, und der brave Bootsmann

pflanzte sich mit seiner ganzen gewichtigen Breitseite ihm gegenüber

auf. Sie tranken Brüderschaft, ohne sich nach ihren Namen gefragt zu

haben, was Peter Voß nur angenehm war. Denn er hätte sich einem so

wackeren Bootsmann gegenüber nicht gern einen falschen Namen beigelegt.

Plötzlich kam der Bootsmann steif in die Höhe und schaute mit weit

geöffneten Augen geradeaus auf die Wand. Da hatte eben der Kellner ein

grellgelbes Plakat hingehängt mit einer Photographie in der Mitte.

Peter Voß konnte es nicht sehen, weil er ihm den Rücken zukehrte.

„Was!“ rief der Bootsmann verblüfft. „Peter Voß hat zwei Millionen

Dollar gestohlen? Das ist nicht wahr!“

Peter Voß drehte sich um: da hing sein Steckbrief! Aber noch ohne den

berichtigenden roten Zettel.

„Kennst du ihn denn?“ fragte er überrascht.

„Kennen!“ schrie Michel Mohr wütend. „Das ist mein allerbester Freund,

den ich überhaupt habe. Mit dem bin ich Schiffsjunge gewesen auf einer

französischen Bark. Und wir haben zusammen den ersten Steuermann

vertrimmt.“

Und da erkannte Peter Voß seinen alten Freund Michel Mohr. Und sein

Herz machte einen Freudensprung. Die heimliche Sympathie, die ihn zu

dem Bootsmann gezogen hatte, war also doch tiefer begründet gewesen.

Michel Mohr hatte sich total verändert. Er hatte sich ein schönes

Bootsmannsbäuchlein und ein sehr würdiges Aussehen angeschafft.

„Dann wird es eben ein anderer Peter Voß sein.“

„Das ist mein Freund Peter Voß!“ schrie Michel Mohr durchs ganze

Lokal, indem er auf das Bild wies. „Peter Voß, wie er leibt und lebt.

Schwindel ist der ganze Steckbrief.“

Jetzt drängten sich die anderen Gäste um das Plakat. Peter Voß mußte

mit Gewalt an sich halten, daß er sich nicht verriet.

„Damned!“ schrie einer aus dem Schwarm. „Zweitausend Mill zu stehlen,

das soll ihm erst einer nachmachen. Aber der große Dodd aus St. Louis

ist schon hinter ihm her, der kriegt ihn sicher!“

„Da soll er sich nur ranhalten!“ lachte Michel Mohr. „Peter Voß ist ein

ganz geriebener Junge!“

Peter Voß wurde unruhig, er fühlte sich von einem wohlfrisierten

Barbiergehilfen, dem das übernatürlich gerötete Haar aufgefallen

war, scharf fixiert. Da sich sein Kopf direkt unter dem Bilde des

Steckbriefs befand, forderte er zu Vergleichen geradezu heraus.

„Damn!“ rief er und drehte sich um, wie um das Plakat zu lesen. „Diese

Detektivs fischen den anständigen Menschen die besten Brocken vor der

Nase weg. Wer verdient nicht gern 2000 Dollar?“

„Er hat recht!“ riefen die Gäste durcheinander, und die Aufmerksamkeit

des Barbiergehilfen war abgelenkt.

„Komm mal mit heraus!“ sagte Michel Mohr ganz ruhig zu Peter Voß, der

dazu mit Freuden bereit war.

Bald standen sie hinter einem Gebüsch.

„Sag mal!“ stieß Michel Mohr zwischen den Zähnen hervor. „Würdest du

Peter Voß anzeigen, wenn du wüßtest, wo er ist? Ich meine, um die

zweitausend Dollar zu verdienen.“

Peter Voß wußte wirklich nicht, was er auf diese kuriose Frage

antworten sollte, und zuckte lächelnd mit den Schultern.

„Du hundsgemeiner Denunziant!“ knirschte Michel Mohr wütend und

versetzte ihm eine wohlgezielte Ohrfeige.

„Menschenskind!“ stöhnte Peter Voß auf und schnappte längere Zeit nach

Luft. „Ich werd mich doch nicht selbst anzeigen!“

„Peter!“ keuchte Michel Mohr.

„Freilich, du Kamel!“ lachte Peter Voß und rieb sich die getroffene

Stelle. „Und nun geh und zeig mich an.“

„Mensch, du bist wohl verrückt! Ich dich anzeigen? Wo du mein

allerbester Freund bist.“

Und er fiel ihm vor Freude um den Hals.

„Aber wo hast du die zwei Millionen?“

„Komm!“ drängte Peter Voß. „Das erzähl ich dir, wenn wir an Bord sind.

Du mußt mich nämlich hinüberschmuggeln.“

„Aha!“ sagte Michel Mohr. „Die beiden Polizisten vor dem Dock passen

wohl auf dich?“

„Jedenfalls!“ erwiderte Peter Voß. „Durchs Tor komme ich nicht, ohne

angehalten zu werden.“

„Brauchst du auch nicht,“ sagte Michel Mohr treuherzig. „Ich hol dich

mit der Jolle vom Zollponton.“

„Das ist eine gute Idee!“ sagte Peter Voß vergnügt. „Dafür geb ich dir

eine Million, wenn wir glücklich drüben sind.“

„Nein!“ sagte Michel Mohr ganz entschieden. „Ich nehm nichts. Ich will

ein ehrlicher Kerl bleiben.“

„Das ist brav von dir!“ lächelte Peter Voß und klopfte ihm leutselig

auf die Schulter.

Gegen elf Uhr, als schon alles schlief, stieg Peter Voß hinter Michel

Mohr von der Wasserseite her auf der Lotsenleiter an Bord. Die Zöllner

saßen friedlich im Rauchsalon.

Moritz Pietje, der Hollandschmann aber, der die Wache hatte, schlief

diesmal merkwürdigerweise nicht und nahm mit Verwunderung wahr, daß der

Bootsmann einen rothaarigen Gast mitbrachte, und noch dazu über die

Lotsenleiter.

Michel Mohr schnauzte Moritz Pietje an, daß er fast auf den Rücken

fiel. Dann ging er mit Peter Voß voraus, wo die Mannschaftsräume lagen.

Der Bootsmann hatte hier eine geräumige Kajüte mit zwei Kojen.

„Ueber diesen verdammten Hollandschmann werd ich mich noch zu Tode

ärgern!“ giftete er sich. „Gestern mußte ich ihn dreimal aus der Koje

jagen, und gerade jetzt tut er mir den Tort an und hat die Augen offen.

Aber es hat keine Gefahr, ich verstau dich im Raum, wo dich keiner

findet, und bring dir jeden Tag das Essen.“

Dann braute er einen sehr steifen Grog.

Um zwölf Uhr wurde Moritz Pietje abgelöst. Er legte sich in seine

geliebte Koje und spitzte die Ohren, als er nebenan Gläserklirren

hörte. Der Fremde, der bei dem Bootsmann saß, kam ihm sehr verdächtig

vor. Und dem groben Bootsmann eines auszuwischen, darauf lauerte Moritz

Pietje schon lange. Er preßte das Ohr an die Holzwand, konnte aber kein

Wort verstehen. So holte er denn in aller Seelenruhe einen kleinen

Bohrer aus der Tasche und begann ihn so langsam in die Holzwand zu

schrauben, daß er nicht das geringste Geräusch verursachte. Nach fünf

Minuten war das Loch fertig. Und was Moritz Pietje nun zu hören bekam,

war außerordentlich interessant.

Peter Voß hatte seinen Freund inzwischen in alles eingeweiht, und

Michel Mohr hatte sich, als ihm die tolle Sache erst klar geworden war,

mit beiden Fäusten auf den Knien herumgetrommelt und vor Vergnügen

losgebrüllt.

„Junge, Junge, du bist ja ein ganz verfluchter Kerl. Und nun helf ich

dir erst recht übers Wasser. Laß mich nur machen.“

Ei, wie spitzte da Moritz Pietje die Ohren!

„Wir können doch hier nicht belauscht werden?“ fragte Peter Voß

vorsichtig.

„Keine Angst!“ lachte Michel Mohr. „Nebenan schläft der Hollandschmann,

der ist selbst zum Horchen zu faul.“

Und sie tranken unbesorgt weiter.

„Zweitausend Dollar ist eigentlich ein bißchen wenig für dich!“

scherzte Michel Mohr beim vierten Glase. „Du bist unter Brüdern viel

mehr wert.“

„Jawohl!“ bestätigte Peter Voß todernst. „Zwei Millionen.“

„Wo hast du denn die gelbe Tasche?“

„Vor Louisville habe ich sie über Bord geworfen, sie schwimmt längst im

Mississippi. Ich schätze so zwischen Kairo und Memphis.“

Moritz Pietje kam allmählich dahinter, daß der Fremde, der bei dem

Bootsmann saß, ein steckbrieflich verfolgter Millionendieb war, auf

dessen Ergreifung eine Belohnung von zweitausend Dollar ausgesetzt war.

Die will ich mir morgen früh verdienen! dachte Moritz Pietje und

schlief ein.

Eine Stunde nach Mitternacht, als das ganze Schiff wie ausgestorben

dalag, nahm der Bootsmann seinen allerbesten Freund an der Hand und

führte ihn durch verschiedene dunkle Gänge und Löcher in den großen

Raum mittschiffs, der für das Passagiergepäck bestimmt war. Die Hälfte

des Raumes war schon gefüllt, in langen Reihen standen hier die großen

Koffer nebeneinander. Eine einzige Glühbirne brannte da. Michel

Mohr schraubte sie aus der Fassung und steckte sie ein. Und es ward

pechfinster.

„Im Laderaum brechen wir jetzt die Beine,“ sprach er ganz leise. „Da

ist kein Licht. Morgen früh beizeiten komm ich wieder. Schließlich

kannst du, wenn’s hell wird, selbst hinunterkriechen. Du weißt ja an

Bord Bescheid, und der Dümmste bist du nicht. Leg dich nur hier auf

den langen Koffer, da sehen dich die Stewards nicht, wenn sie hier

durchkommen. Und hier hast du eine Decke.“

Peter Voß gehorchte, kroch bis zum Hals unter die Persenning, die der

Bootsmann aus der Ecke herausgeschleppt hatte, und schloß die Augen.

„Adjüs!“ flüsterte Michel Mohr und schlich davon.

Peter Voß wollte einschlafen, aber er hörte etwas, und das hielt ihn

wach. Ganz in der Nähe tickte eine Taschenuhr. Dieses Ticken, so

schwach es auch war, irritierte ihn mächtig. Er hielt den Atem an und

lauschte. Das Ticken kam aus dem Koffer, auf dem er lag. Nun wurde er

nervös.

Zum Teufel! dachte er. Wenn diese vermaledeite Uhr nicht bald stille

steht, werde ich die ganze Nacht kein Auge zumachen.

Aber die Uhr tickte unentwegt weiter. Peter Voß fingerte an den beiden

Schlössern des Koffers herum. Der Gedanke, die Uhr auf jeden Fall zum

Stehen zu bringen, war inzwischen bei ihm zur fixen Idee geworden. Es

war ein unverantwortlicher Leichtsinn von dem Besitzer des Koffers,

eine aufgezogene Uhr darin zu verpacken.

Die beiden Schlösser waren nichts weniger als sinnreich. Mit seinem

Taschenmesser, das, echt amerikanisch, sieben Klingen, darunter einen

Champagnerhaken, eine Säge und einen Schraubenzieher besaß, ging er den

Nägeln und Schrauben zu Leibe. Gewaltsam bog er die beiden Klammern

beiseite. Der Deckel bog sich von selbst, als hätte er eine geheime

Feder.

„Damn!“ flüsterte eine Stimme. „Kommst du endlich? Ich hab einen

furchtbaren Durst. Mit dem Whisky bin ich schon lange fertig.“

Peter Voß, den so leicht nichts aus der Fassung bringen konnte,

packte den Kofferpassagier vor der Brust und sprach mit leiser, aber

furchtbar ernster Stimme: „Mann, Ihr seid ein Betrüger!“

Doch der andere ließ sich ebensowenig verblüffen, griff zu, und schon

zerrten und balgten sie sich in dem dunklen Raum hin und her. Der

Fremde war ein schlanker, sehniger Kerl und verfügte über Riesenkräfte,

so daß Peter Voß geschwind ins Gedränge kam. Geschickt entschlüpfte

er ihm, und der andere boxte nun wie unsinnig gegen die Kofferecken.

So kam er allmählich von Kräften, daß ihn Peter Voß schließlich

unterlaufen und wieder in den Koffer hineinschleudern konnte. Mit

kühnem Griff klappte er den Deckel herunter. Bis auf den Kopf und die

linke Hand war der ungeschlachte Berserker gefangen.

„Wollt Ihr jetzt Frieden geben?“ keuchte Peter Voß.

„Eine ganz verteufelte Lage!“ ächzte der andere. „Drückt nicht so,

sonst quetscht Ihr mir den Hals ab.“

„Bitte sehr!“ sagte Peter Voß entgegenkommend und lüftete den Deckel

ein wenig. „Wenn Ihr manierlich sein wollt, könnt Ihr es besser haben.

Zuerst sagt mir, wer Ihr seid und wie Ihr in diesen Koffer kommt?“

Der andere berichtete kleinlaut, daß er Sam Fletcher hieße und mit

seinem Freund Frank Murrel ein feines Plänchen ausgeheckt hätte,

um ohne Billett nach Plymouth zu fahren. Sie waren beide am

Metropol-Varieté in London engagiert, Sam Fletcher als Musikklown und

Frank Murrel als Jongleur und Verwandlungskünstler.

„Und wer seid Ihr?“ fragte er gespannt.

„Ich bin der Schah von Persien!“ sagte Peter Voß, dem gerade nichts

Besseres einfiel, verbesserte sich aber schnell. „Ich gehöre mit zur

Besatzung.“

Sam Fletcher traten die Haare zu Berge. Kein Zweifel, er war in die

Hände eines verrückten Stewards oder Matrosen gefallen. Und schon sann

er darauf, wie er wieder die Oberhand gewinnen könnte.

„Habt Ihr ein Streichholz?“ fragte Peter Voß. „Ich glaub, ich habe mein

Messer verloren.“

„Hier habt Ihr meine elektrische Taschenlampe,“ erwiderte der andere

beflissen, um den gemeingefährlichen Menschen bei guter Laune zu

erhalten.

„Danke!“ sagte Peter Voß und ließ den Deckel fahren. „Laßt Euch aber ja

nicht einfallen, aufzustehen, sonst schmeiß ich Euch über Bord!“

Dann machte er sich auf die Suche. Der andere verfolgte ihn mit

flackernden Blicken, erhob sich lautlos aus seinem Gefängnis und

stürzte, als Peter Voß sich nach dem Messer bücken wollte, von hinten

auf den Feind. Drei Sekunden später lag Peter Voß im Koffer, und der

Deckel klappte unbarmherzig herunter.

„Halloh!“ rief er und pochte heftig. „Laßt Eure verdammten Späße, oder

der Teufel soll Euch lotweise holen.“

„Noch ein Wort,“ drohte Sam Fletcher, „und ich verstopfe die

Luftlöcher.“

„He!“ lachte Peter Voß, „ich schneide mir neue.“

„Dann müßt Ihr schon zwei Messer haben!“ höhnte der andere und

begann die Schlösser wieder anzuschrauben, wobei ihm Peter Voßens

Messer vortreffliche Dienste leistete. Sam Fletcher strich dabei ein

Streichholz nach dem andern an.

„Na, denn nicht!“ meinte Peter Voß seelenruhig. „Ich liege hier drin

sehr gut!“

Sam Fletcher hatte jetzt die Hände frei, aber seine Streichhölzer

gingen auf die Neige. Das Messer warf er weg.

„Gebt das Feuerzeug heraus!“ befahl er.

Als Antwort begann Peter Voß laut zu schnarchen. Sein Wunsch war in

Erfüllung gegangen, er lag im sicheren Koffer.

Fluchend begann Sam Fletcher ein neues Versteck zu suchen. Mit Hilfe

des letzten Streichholzes fand er ein Loch, fühlte dahinter einen

niedrigen Gang, eine Treppe, kroch auf allen Vieren immer tiefer in

den Bauch des Riesenschiffes hinein, stieß sich da und dort blaue

Flecke, purzelte und überschlug sich, kletterte über Kohlen und

Stückgut und sank endlich, halb verzweifelt und erschöpft, auf ein paar

weiche Säcke, wo er sofort einschlief.

Peter Voß unterzog währenddessen seine kleine Kabine einer gründlichen

Untersuchung. Die elektrische Taschenlampe funktionierte vortrefflich.

In einer Ecke war eine ganze Batterie Selterflaschen kunstvoll

aufgeschichtet. Brot, kaltes Geflügel, Konserven und eingemachte

Früchte nahmen im freundlichen Gemisch die andere Ecke ein. Die

Whiskyflaschen waren leider leer. Trotzdem ließ es sich hier in diesem

engen Kämmerchen ganz vergnüglich leben. Sogar ein paar Rollen Kautabak

von der feinsten Sorte waren vorhanden.

Peter Voß labte sich an Speise und Trank und streckte sich in die

weichen Kissen. Gleich darauf war er eingeschlafen und schlief so fest

und tief, wie nur ein Mensch mit einem guten Gewissen schlafen kann.

Beim Morgengrauen erwachte auf Deck das Leben. Michel Mohr kam in

den Kofferraum, fand Peter Voß nicht mehr vor und dachte sich das

Nächstliegende, nämlich, daß er allein den Weg hinunter in den Laderaum

gefunden hätte.

Dann trat er zum ersten Offizier und teilte ihm mit, daß Moritz Pietje

ein paar Minuten Landurlaub haben wollte.

Das wurde in Anbetracht der kurz bevorstehenden Abfahrt verweigert. Nun

ging Moritz Pietje ohne Erlaubnis an Land, und zwar über die beiden

hinteren Festmachtrossen. Die zweitausend Dollar wollte er auf keinen

Fall fahren lassen. Er wandte sich an die beiden Kriminalpolizisten,

die den Eingang des Docks besetzt hielten, und meldete, daß er wüßte,

wo ein Millionendieb sei. Aber erst wollte er die Belohnung haben. Der

eine Beamte fuhr mit ihm auf die Polizeioffice. Auch da war Moritz

Pietje ohne Geld nicht zum Sprechen zu bringen.

Dem Polizeioffizier, der ihn verhörte, blieb schließlich nichts anderes

übrig, als zweitausend Dollar auf den Tisch zu legen.

Nun gab Moritz Pietje an, daß der Millionendieb an Bord der

„Pennsylvania“ sei, und zwar in der Kammer des ersten Bootsmannes.

Schnell wollte er das Geld einstecken. Aber er wurde eines Besseren

belehrt. Erst mußte sich die Wahrheit der Aussage herausstellen. Also

blieb Moritz Pietje ruhig sitzen und wartete. Die zweitausend Dollar

waren ihm sicher. Dafür konnte er schon seine Heuer und seine Effekten

an Bord im Stich lassen.

Wenige Minuten später traten fünf Polizeimänner über die Laufbrücke der

„Pennsylvania“, verständigten sich unauffällig mit dem ersten Offizier,

der zwar über die Nachricht, daß Michel Mohr, sein braver Bootsmann,

einen Millionendieb beherberge, den Kopf schüttelte, und drangen in die

Kammer ein, wo sie nichts fanden. Sie durchsuchten die nebenliegenden

Mannschaftsräume, wiederum vergeblich. Nun gingen sie zu Kapitän Siems

und teilten ihm mit, daß sie das ganze Schiff durchsuchen müßten.

„Aber beeilen Sie sich, meine Herren!“ sagte der, strich sich ärgerlich

den dünnen, blonden Kinnbart und zog sich mit einem Ruck die Weste über

den Kugelbauch. „Ich möchte in zwei Stunden in See gehen.“

Und sie suchten eine Stunde lang ohne Erfolg. Die Passagiere kamen an

Bord. Die dritte Luke auf dem Verdeck verschlang mit unermüdlicher Gier

einen Koffer nach dem andern.

Nanu! dachte Peter Voß und legte sich auf die andere Seite. Ist das ein

Rumor! Dabei soll nun ein anständiger Mensch schlafen können!

Peter Voß, der Millionendieb · 第 2 / 20 段