„Haben Sie ihn noch nicht?“ knurrte der Kapitän wütend. „Die

Steuerbordwache soll suchen helfen.“

Der erste Offizier stieß in die Flöte. Die Matrosen der

Steuerbordwache, angeführt von dem dritten und vierten Offizier

und von Michel Mohr, verteilten sich stöbernd in die Laderäume.

Auch ein Teil des Maschinenpersonals und die Mehrzahl der Stewards

wurden herangezogen. Durch das ganze Schiff wimmelte es wie in einem

aufgewühlten Ameisenhaufen.

Und Michel Mohr suchte seinen guten Freund Peter Voß, aber er suchte

ihn nicht, um ihn der Polizei auszuliefern, sondern um ihn so gut

zu verstecken, daß er überhaupt nicht aufzufinden war. Seine Leute

schickte er hierher und dorthin, wo sie ihm nicht in den Weg laufen

konnten. Die Polizisten krochen in den Bunkern herum. Die Backbordwache

machte unterdessen das Schiff seeklar. Dreimal brüllte die Dampfpfeife.

Da erschien ein Polizeileutnant an Deck.

„Das Schiff darf nicht eher den Hafen verlassen, bis der Verbrecher

gefunden ist!“ sprach er zum Kapitän.

„_Well!_“ sagte der kaltblütig. „Jede Minute kostet hundert Dollar. Wir

brauchen nur noch die Leinen loszuwerfen.“

In diesem Augenblick fand Michel Mohr den Missetäter im untersten Raum,

friedlich schlafend auf zwei Wollsäcken. Er sah auf den ersten Blick,

daß es nicht Peter Voß war.

„Ich hab ihn!“ brüllte er und hielt ihn fest.

Der Mann schlug um sich wie ein Verzweifelter, sträubte sich heftig und

boxte, als sei er ganz von Sinnen. Aber Michel Mohrs Fäuste waren wie

von Eisen. Die Polizisten sprangen auf sein Geschrei herbei, doch erst

nach langer Gegenwehr konnten sie den Rasenden überwältigen. Er wurde

gefesselt. Nun brüllte er, als ob er gespießt werden sollte. Darum

mußte man ihn knebeln. Sechs Polizeifäuste griffen zu, hoben ihn hoch

und im Hui!, die „Pennsylvania“ hatte sich schon vom Kai gelöst, ging’s

über das Fallreep auf den kleinen Polizeidampfer hinunter.

Michel Mohr schaute über die Reling und lachte sich heimlich ins

Fäustchen. Peter Voß war noch an Bord.

Jungedi! dachte der Bootsmann. Der Kerl hat sich so verkrochen, daß ich

ihn nicht einmal finden kann, und das will doch allerhand besagen!

„Sam! Sam!“ schrie da plötzlich eine Stimme aus der untersten

Bullaugenreihe.

Es war Frank Murrel, der voll Entsetzen zu sehen glaubte, wie man ihm

seinen guten Freund und Kollegen Sam Fletcher entführte.

„Sam?“ fragte sein Nachbar, der den Kopf durch das zweitnächste

Rundloch streckte, denn die Nebenkabine war unbesetzt. „Sam heißt der

nicht. Das ist Peter Voß aus St. Louis, der Millionendieb.“

Frank Murrel fiel ein großer Stein vom Herzen, und er rief dem

Steward, der wie gehetzt durch den Gang sauste, nach, sofort seinen

großen Koffer aus dem Gepäckraum in die Kabine zu bringen. Dann goß er

aufatmend einen Kognak hinunter, während die „Pennsylvania“, von zwei

starken Schleppdampfern gezogen, in den Hudson einschwenkte.

Peter Voß hatte von all dem nichts bemerkt und schlief in seinem Koffer

wie ein Murmeltier.

4.

Dodd und Polly waren im Metropol-Hotel abgestiegen. Polly hatte sich

inzwischen von der tollen Automobilfahrt erholt und ging an demselben

Morgen, als die „Pennsylvania“ in den Hudson einschwenkte, über den

Broadway. Das erste, was ihr in die Augen fiel, war das gelbe Plakat

mit dem Bilde ihres Mannes. Sie stand zur Bildsäule erstarrt. So also

hielt Dodd sein Versprechen!

Aufs äußerste empört, kehrte sie ins Hotel zurück, um ihn zur Rede zu

stellen.

Er war nicht da. Kurz nachdem sie ohne sein Wissen das Hotel verlassen

hatte, war er telephonisch von der Polizeioffice angerufen worden.

„Peter Voß gefangen. Er befindet sich hier. Leugnet es zu sein.

Aehnlichkeit mit der Photographie vorhanden.“

Sofort war Dodd zur Stelle und trat Sam Fletcher gegenüber. Daneben

stand Moritz Pietje, der Denunziant, der steif und fest behauptete,

daß der Gefangene, obschon er schwarze Haare hatte, der gesuchte

Millionendieb sei. Denn der brave Hollandschmann wollte die zweitausend

Dollar nicht gutwillig fahren lassen.

Sam Fletcher benahm sich wie ein freier, amerikanischer Bürger, der

sich ohne ersichtlichen Grund in den Händen der Polizei sieht. Er war

schon von Natur aus frech. Moritz Pietje hielt sich in respektvoller

Entfernung.

„Die Identität dieses Mannes mit Peter Voß werden wir geschwind

festgestellt haben!“ sagte Dodd.

„Da bin ich aber sehr neugierig!“ sagte Sam Fletcher und steckte die

Fäuste in die Hosentaschen.

„Halten Sie ihn fest, ich werde seine Frau holen!“ rief Dodd dem

Polizeioberst zu und sprang hinaus.

Sam Fletcher schickte ihm ein schallendes Gelächter nach und hob die

geballte Faust gegen Moritz Pietje.

In demselben Augenblick, als Pollys Empörung über Dodds offenbaren

Wortbruch ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat er in den Salon, der

zwischen ihren Zimmern lag.

„Sie haben infam gehandelt!“ rief sie ihm entgegen. „Sie haben die

Sache der Polizei übergeben, obschon Sie mir versprochen haben, es

nicht zu tun. Sie sind kein Gentleman.“

„Sie haben den Steckbrief gesehen!“ rief er bestürzt. „Nun gut, ich

gestehe meine Schuld ein. Ich sah keinen anderen Ausweg, es geschah zu

seinem Besten.“

„Nein!“ rief sie und brach in Tränen aus. „Sie wollen ihn vernichten.

Aber ich werde es zu verhindern wissen.“

Und dabei trat sie mit dem Fuße auf wie ein trotziges Kind. Was er auch

vorbrachte, sich zu entschuldigen, nichts verschlug bei ihrem Eigensinn.

„Mrs. Voß!“ sagte er endlich. „Sie müssen mir vertrauen. Das ist die

erste Bedingung, sonst arbeiten wir gegeneinander.“

„Das werde ich tun!“ stieß sie triumphierend heraus. „Ganz bewußt werde

ich gegen Sie arbeiten, denn Sie wollen ihn ins Unglück stürzen. Sie

halten ihn für einen Verbrecher. Sie denken gar nicht daran, daß er

krank ist. Das haben Sie mir nur eingeredet, um mich hierher zu locken.

Ich habe Ihr Spiel durchschaut, Mr. Dodd, und verweigere Ihnen die

Gefolgschaft. Ich werde ihn auf eigene Faust suchen und nach St. Louis

zurückbringen.“

„O Mrs. Voß!“ erwiderte er ganz unglücklich. „So wie ich ist selten ein

Mann verkannt worden. Ich schwöre Ihnen ...“

„Schwören Sie nicht!“ schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich kenne Sie! Sie

sind ein Mann, der vor einem falschen Eid nicht zurückschreckt, wenn

er dadurch sein Ziel erreichen kann. Und dieses Ziel ist, Sie wollen

meinen Mann ins Zuchthaus bringen.“

„Ins Sanatorium!“ verbesserte er sie und erlangte durch seine Zähigkeit

allmählich die Oberhand. „Der Steckbrief ist nur in New York verbreitet

worden. Und was, Mrs. Voß, ist denn so ein Steckbrief weiter! Es steht

doch in allen Zeitungen, in St. Louis, in New York, in San Francisco,

daß Mr. Voß zwei Millionen entwendet hat. Und habe ich es vielleicht

hineinsetzen lassen?“

Darauf wußte sie nichts zu erwidern, aber ihre zusammengepreßten Lippen

verrieten nur zu deutlich, daß sie noch immer nicht geneigt war, ihren

einmal gefaßten Argwohn gutwillig fahren zu lassen.

„Und überdies,“ fuhr er fort, „wozu streiten wir? Peter Voß sitzt

bereits auf der Polizeioffice. Es ist nur nötig, ihn seiner Identität

zu überführen. Und dazu bitte ich um Ihre Mitwirkung.“

Polly kam in die Höhe.

„Sie haben ihn?“ schrie sie auf.

„Ich hoffe es!“ sagte er bescheiden. „Und wenn er nur sofort das Geld

abliefert, verspreche ich Ihnen sogar, ihn bei der Ueberführung nach

St. Louis entschlüpfen zu lassen.“

Sie stand einen Augenblick und sah ihn starr an. Seinen Worten konnte

sie noch immer keinen Glauben schenken. Sie war sofort entschlossen,

mit ihm zu gehen, um die Identität abzuleugnen, falls sie vorhanden

war. Und so willigte sie endlich ein und fuhr mit ihm nach der

Polizeioffice.

Sam Fletcher wurde vorgeführt. Polly wandte sich schaudernd ab, sie

hatte nicht nötig, die Identität zu leugnen.

„Was wollten Sie auf dem Schiffe?“ forschte Dodd.

„Ich bin Zwischendeckspassagier!“ log Sam Fletcher kühl. „Ich werde

die Polizei für meine Verluste verantwortlich machen, wenn ich mein

Engagement in London verliere.“

„Wie kommen Sie in den Laderaum?“

„Ich habe mich im Finstern verlaufen! Wenn ich nur gewußt hätte, wie

ich da hineingekommen bin, so wäre ich sicher nicht drin geblieben.“

Auch die Vernehmung Moritz Pietjes förderte nichts zutage. Es blieb

schließlich nichts anderes übrig, als die beiden Schelme laufen zu

lassen. Auf der Straße gerieten sie sich in die Haare, wobei zwei

wachthabende Polizisten ruhig zusahen, wie Moritz Pietje für seine

Denunziation hinreichend bezahlt wurde. Denn Sam Fletcher verstand zu

boxen wie Jim Jeffries.

„Der Verbrecher befindet sich noch an Bord der „Pennsylvania“,“

entschied Bobby Dodd. „Wir werden ihm sofort ein drahtloses Telegramm

nachschicken. Ich selbst fahre morgen mit der „Mauretania“ nach

Liverpool und werde ihn in Plymouth in Empfang nehmen.“

Eine Stunde später, die „Pennsylvania“ hatte Staten Island längst

hinter sich, brachte der Bordtelegraphist dem Kapitän Siems ein

drahtloses Telegramm, das folgenden Wortlaut hatte: „Der Millionendieb

Peter Voß aus St. Louis, auf dessen Ergreifung eine Belohnung

von zweitausend Dollar gesetzt ist, befindet sich an Bord der

„Pennsylvania“, Sie werden ersucht, ihn sofort zu verhaften.“

„Steward!“ rief der Kapitän. „Bringen Sie mir mal die Passagierliste.“

Doch darin war kein Peter Voß zu finden. Der Kapitän ließ dieses

Resultat zurücktelegraphieren.

Sofort kam die Antwort: „Der Dieb sitzt im Schiffsraum.“

„Noch einer!“ knurrte der Kapitän ärgerlich. „Was sich die Leute bloß

denken!“

Dann ließ er den ersten Offizier und den ersten Bootsmann holen.

„Michel!“ sagte er zu ihm. „Da soll noch ein Millionendieb im Raum

stecken.“

„Das kann doch nicht gut möglich sein!“ antwortete Michel Mohr

treuherzig.

„Er muß gesucht werden!“ sagte der Kapitän und sah den ersten Offizier

fragend an.

„Wenn ihn der erste Bootsmann nicht findet,“ antwortete der Offizier,

der keine Lust hatte, sich in den Räumen die Uniform zu beschmutzen,

„dann findet ihn keiner. Er kann ja den Zimmermann zu Hilfe nehmen!“

„Der Zimmermann hat jetzt keine Zeit,“ meinte Michel Mohr. „Ich will

erst mal selbst zusehen. Ausreißen kann er nicht mehr. Später können

wir ja mit mehr Leuten suchen.“

„Er hat recht!“ sagte der Kapitän, und damit war die Angelegenheit vor

der Hand erledigt.

Michel Mohr verlangte vom Obersteward den Schlüssel zum Gepäckraum.

„Da sind eben zwei Stewards hinten, die den großen Koffer für Mr.

Murrel holen,“ sagte der.

Und richtig, da kamen die beiden Stewards schon keuchend unter der

schweren Last durch den schmalen Kajütsgang.

Frank Murrel schlief in seiner Kabine allein. Wenn er sich den ohnehin

engen Raum mit diesem Riesenkoffer füllen wollte, so war das seine

eigne Sache.

„Nicht stürzen, um Gottes willen nicht stürzen!“ rief er und öffnete

die Kabinentür. „Immer ganz sanft aufsetzen. Es sind Glassachen darin.“

Du wirst dich wundern! dachte Peter Voß schadenfroh.

Die beiden Stewards bekamen ein Trinkgeld und zogen ab.

Frank Murrel war mit seinem Koffer allein. Rasch riegelte er die Tür

ab, löste mit fliegenden Händen die Schloßriegel und prallte entsetzt

zurück.

„Guten Morgen, Mr. Murrel!“ sagte Peter Voß, stieg heraus, klappte

den Deckel zu und setzte sich darauf, wobei er Arme und Beine nach

Herzenslust streckte.

„Sie sind,“ ächzte Frank Murrel, als sähe er ein leibhaftes Gespenst,

„Sie sind Peter Voß.“

„Ganz recht!“ nickte Peter Voß. „Ich bin der Millionendieb aus St.

Louis. Es freut mich sehr, daß mein Ruhm schon bis zu Ihnen gedrungen

ist.“

„Was wünschen Sie?“ preßte sich Frank Murrel heraus.

„Können Sie sich das gar nicht denken?“ lachte Peter Voß. „Sie werden

mich an Stelle Ihres Freundes mit nach London nehmen. Ich habe aber

nicht die Absicht, acht Tage hier in der Kabine zu sitzen.“

„Sie wollen an Deck?“ stöhnte Frank Murrel entsetzt. „Das ist

unmöglich.“

„O,“ lächelte Peter Voß abwehrend, „wenn man sich nur Mühe gibt und

etwas mehr als die unbedingt nötige Vorsicht anwendet, ist nichts

unmöglich. Sie halten es vielleicht für unmöglich, zwei Millionen zu

stehlen. Ich versichere Ihnen, es war mir eine Kleinigkeit. Daß ich

jetzt hier an Stelle Ihres Freundes auf dem Koffer sitze, hätten Sie

gestern noch für unmöglich gehalten. Wie Sie sehen, ist es bereits eine

unumstößliche Tatsache, mit der Sie sich abzufinden haben. Einigkeit

macht stark, Mr. Murrel. Ich schlage vor, wir schließen einen Vertrag.

Wenn Sie ihn halten, bin ich imstande, Sie fürstlich zu belohnen.“

„Wo haben Sie das Geld?“ forschte Frank Murrel neugierig.

„Auf der Bank von England!“ erwiderte Peter Voß. „Das ist eine ideale

Anstalt für Defraudanten. Dort liegt es so sicher wie in Abrahams

Schoß. Wenn ich erwischt werde, was ich allerdings nicht hoffe, sitze

ich meine Jahre ab und hole es mir dann. Eine sehr einfache Sache.“

„Goddam!“ sagte Frank Murrel und reichte ihm die Hand hin. „Ich bin

einverstanden, übernehmen Sie die Führung.“

„Sie sind ein vernünftiger Kerl!“ rief Peter Voß und schlug ein. „Wir

werden uns schon vertragen. Sind Sie schon an Deck gewesen?“

„Nein!“ versetzte Frank Murrel. „Ich mußte doch erst den Koffer öffnen.“

„Famos!“ sagte Peter Voß. „Dann ist es kinderleicht. Ich gehe an Deck,

und Sie bleiben unten.“

Frank Murrel versuchte nicht erst zu protestieren und senkte den Kopf.

Es blieb ihm nichts weiter übrig, als auf den Vorschlag einzugehen.

„Na!“ sagte Peter Voß gutmütig und klopfte ihm auf die Schulter. „In

der Nacht können Sie hin und wieder an Deck gehen und ein bißchen Luft

schöpfen. Wir haben ja eine gewisse Aehnlichkeit miteinander. Das

haben Sie wohl auf der Polizeiwache gemerkt! Das Schlimmste ist Ihre

Verpflegung. Die Vorräte im Koffer halten keine drei Tage vor. Wie

haben Sie sich das eigentlich gedacht?“

Nun kam es heraus, daß Frank Murrel überhaupt nicht so weit gedacht

hatte.

„Es wird sich schon ein Ausweg finden!“ meinte Peter Voß und setzte

sich vor den Spiegel. „Zuerst muß ich die verdammte Farbe loswerden.“

Und schon ging er mit Seife und Bürste seinen knallroten Haaren zu

Leibe.

„Ich habe etwas Besseres!“ sagte Frank Murrel und brachte eine Flasche

zum Vorschein. „Als Bühnenkünstler muß man dergleichen immer zur Hand

haben.“

„Bitte!“ lächelte Peter Voß und ließ sich von Frank Murrel gehörig den

Kopf waschen, bis die rote Farbe allmählich verging. Dafür kam eine

andere Farbe zum Vorschein.

„Zum Teufel!“ begehrte Peter Voß auf. „Jetzt hab ich grüne Haare.“

„Nur Geduld!“ tröstete ihn Frank Murrel und holte, nachdem er sich ein

paar Handschuhe angezogen hatte, eine andere Flasche hervor. „Jetzt

Nußbraun, das brauche ich selbst.“

Nach einer halben Stunde war das Werk vollbracht. In der Dunkelheit

sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich, aber im Licht konnte nur ein

sehr Kurzsichtiger Peter Voß für Frank Murrel halten und umgekehrt.

Da klopfte es an die Tür. Peter Voß ging öffnen. Frank Murrel kroch vor

Schreck in die Koje. Draußen stand der Steward und begehrte das Billett.

„Komm herein, mein Junge!“ sagte Peter Voß gemütlich und zog die Tür

hinter dem Steward zu. „Siehst du, da ist noch einer, und wir haben nur

ein Billett!“

Der Steward schaute betroffen von einem zum andern. Frank Murrel wäre

am liebsten vor Angst in den Koffer gekrochen. Nur Peter Voß behielt

seine Ruhe.

„Guck dir den Koffer an!“ fuhr er fort. „Es handelt sich nämlich um

eine Wette. Der Herr wird dir sofort zwanzig Dollar geben. Ebensoviel

kriegst du in Plymouth von ihm. Wir wollen dich nicht etwa bestechen

oder in Ungelegenheiten bringen, mein Junge. Aber wir verlangen nichts

umsonst. Für dich steckt der Mann da stets im Koffer, auch wenn er

auf dem Sofa liegt. Verstanden? Sonst sind die zweiten zwanzig Dollar

futsch. Und wenn du ihn gut fütterst, lege ich noch zehn Dollar zu.“

Der Steward war nicht dumm und hatte bald begriffen. Fünfzig Dollar!

Soviel betrug fast die halbe Passage. Er nickte nur und streckte die

Hand aus. Frank Murrel zog das Geld mit süßsaurer Miene aus der

Hosentasche.

Dann wurde der große Koffer aufgekantet, in der Ecke festgelascht, und

Peter Voß ging als Frank Murrel an Deck. Er hatte sich dazu einen schön

gestreiften Sakkoanzug ausgesucht.

Der erste Bootsmann aber suchte und suchte das ganze Schiff durch. Er

rief Peter Voß mit Namen, aber niemand meldete sich.

Er ist wohl doch nicht mehr an Bord! dachte Michel Mohr und machte dem

Kapitän Meldung davon, der sofort nach New York zurücktelegraphieren

ließ.

Michel Mohr ging darauf über Deck, um seinem Freunde Peter Voß ein

stilles Glas Grog zu weihen. Da strich ein Passagier an ihm vorbei, der

einen nobelgestreiften Rock anhatte, einen steifen, schwarzen Hut auf

den kurzgeschorenen, braunen Haaren trug und zwischen den Zähnen eine

Zigarette hielt. Er sah Peter Voß sogar ein bißchen ähnlich. Die Hände

hatte er mit den Daumen in die Hosentaschen gehängt. Mit den übrigen

acht Fingern spielte er vor Vergnügen Klavier an den Hosennähten.

„Michel!“ flüsterte dieser Passagier plötzlich, ohne die Zigarette aus

den Zähnen zu nehmen. „Sorg dich nicht, ich bin fein zuwege.“

Und schon war er um die Ecke verschwunden. Michel Mohr glotzte ihm nach.

So ein Kerl! dachte er. So ein gottverdammter Kerl! Wie kommt er bloß

in die Kajüte! Da schlag doch einer lang hin!

Dann machte er, daß er in seine Kammer kam, um das innere Gleichgewicht

vermittelst einiger Grogs wiederherzustellen.

Beim Lunch wurde Peter Voßens Messer als gefunden ausgeläutet. So kam

er wieder zu seinem Eigentum zurück.

Inzwischen hatte Dodd mit Polly einen schweren Stand. Sie wollte

durchaus in New York bleiben, weil sie ihren Mann noch immer hier

vermutete. Dodd dagegen hatte schon Kabinen auf der „Mauretania“

belegt, die zwei Tage eher in Liverpool anlangte, als die

„Pennsylvania“ in Plymouth.

„Mrs. Voß,“ beschwor er sie, „warum vertrauen Sie mir nicht!“

„Wegen des Steckbriefs!“ trumpfte sie auf. „Ich bleibe hier. Und wenn

ich ihn hier nicht finde, werde ich ihn in Deutschland suchen. Dort hat

er Verwandte, einen Onkel. Er hat mir sehr viel von ihm erzählt.“

„Wissen Sie, wo dieser Onkel wohnt?“ fragte Dodd interessiert.

„Ich habe den Namen der Stadt vergessen,“ erklärte sie. „Es war eine

kleine Stadt. Aber er wird mir schon wieder einfallen.“

„Mrs. Voß, ich mache Ihnen einen Vorschlag,“ sagte Dodd aufrichtig,

„daraus werden Sie erkennen, wie ernst ich es mit meinem Versprechen

nehme. Ohne die Hilfe der Polizei bin ich machtlos. Ich kann auf den

Steckbrief ebensowenig verzichten wie auf Ihre Hilfe. Sollte jedoch Mr.

Voß irgendwo gefaßt werden, so stelle ich Ihnen frei, seine Identität

schlankweg zu leugnen. Und man wird ihn auf der Stelle freilassen.

Dann aber werden Sie sich heimlich mit ihm verständigen und sich

ihm anschließen. Sie geben mir dann Nachricht, und ich komme darauf

zu Ihnen, und wir erledigen die ganze Sache in Güte unter uns. Ins

Sanatorium aber muß er auf alle Fälle.“

Polly fuhr auf und starrte ihn an. Wie war es möglich gewesen, daß

dieser Mann ihre geheimsten Gedanken erraten hatte!

„Sie werden also gar nicht nötig haben, gegen mich zu arbeiten,“ fügte

er hinzu.

„Wie können Sie wissen?“ stieß sie fassungslos heraus.

„Daß Sie so etwas schon heimlich erwogen haben,“ versetzte er lächelnd.

„Es lag ja auf der Hand, und ich rate Ihnen selbst dazu, um mir wieder

Ihr Vertrauen zu erringen. Denn Ihre Sympathie ist mir außerordentlich

wertvoll.“

„Was soll das heißen!“ rief sie außer sich.

„Ich liebe Sie!“ sagte er ganz einfach.

„Mr. Dodd!“ lachte sie verzweifelt auf. „Sie sind in meinen Augen eine

komische Figur.“

„Es mag sein!“ erwiderte er ernst. „Aber ich denke, Sie werden

allmählich lernen, mich nicht humoristisch zu nehmen. Ich halte Mr.

Voß für einen hoffnungslosen Paralytiker. Es kommt die Zeit, wo Ihnen

nichts anderes übrig bleiben wird, als sich von ihm zu trennen.“

„Niemals!“ rief sie entrüstet.

„Und dann werden Sie sich meiner erinnern!“ fuhr Dodd unbeirrt fort.

„Ich werde warten.“

Polly preßte die Hände gegen die fiebernden Wangen.

„Ich werde Sie niemals lieben!“ rief sie und sank weinend in den Sessel.

Ihr Widerstand war besiegt.

„Sie sind vorläufig noch gar nicht in der Lage, das entscheiden zu

können!“ bemerkte er sanft. „Mein Vorschlag bringt die Lösung. Nehmen

Sie ihn an und fahren Sie mit mir nach England. Ich werde Ihnen

beweisen, daß ich ein Gentleman bin. Ist Peter Voß nicht verrückt,

dann kommt er ins Zuchthaus. Kommt er nicht ins Zuchthaus, dann ist

er verrückt. Und bei seiner außerordentlichen Intelligenz kann es

nur unheilbarer Wahnsinn sein, der ihn antrieb, nach den Millionen

zu greifen. In beiden Fällen werden Sie sich von ihm scheiden lassen

müssen. Und dann, Mrs. Voß, werde ich erscheinen, und Sie werden mich

nicht zurückstoßen.“

„Nein, nein!“ seufzte sie mit ersterbender Stimme. „Er wird gesund

werden, er muß gesund werden. Ich werde ihn pflegen.“

In diesem Augenblicke wurde Dodd das drahtlose Telegramm gebracht, nach

dem Peter Voß auf der „Pennsylvania“ nicht aufzufinden war.

„Sie haben knapp zwei Stunden gesucht!“ sprach er ärgerlich und warf es

auf den Tisch. „Er ist doch an Bord!“

Am nächsten Morgen fuhr er und Polly mit der „Mauretania“ auf

Liverpool zu. Die ersten Tage hatten die Schiffe drahtlose Verbindung

miteinander, und Dodd forderte den Kapitän Siems auf, weitere

Nachforschungen nach dem Millionendieb anzustellen. Doch es kam keine

Antwort, für Kapitän Siems war die Sache völlig erledigt. Er hatte

es satt, sich mit diesen verdammten amerikanischen Millionendieben

herumzuärgern.

Frank Murrel ließ es sich drei Tage lang wohl sein, wurde von dem

Steward sehr gut verpflegt und söhnte sich mit den Widerwärtigkeiten

seines Schicksals aus. Aber dann wurde er seekrank, und zwar auf

eine so erbarmungswürdige Weise, daß Peter Voß mit Hilfe des Stewards

nachtsüber in die leere Nebenkabine übersiedelte.

Erst am sechsten Tage wurde Frank Murrel wieder besser, allerdings nur

körperlich. Aus seinem Geiste lagerte ein dumpfer Druck. Den ganzen

Tag saß er in der Koje und hatte den Kopf zwischen den Händen. Eine

sehr moderne Krankheit war bei ihm im Anzuge, die Kabinenangst. Peter

Voß merkte es wohl und riet ihm mehrfach, in der Nacht an Deck zu

schlüpfen. Aber Frank Murrels Furcht, entdeckt zu werden, war immer

noch größer als seine Kabinenangst.

Da ließ ihn Peter Voß sitzen. Bald war es ja überstanden. Die

„Pennsylvania“ näherte sich schon stark der englischen Küste.

Peter Voß war der Held des Decks, er hatte eine ganze Gesellschaft

um sich versammelt und unterhielt sie mit seinen Schnurren und

Kartenkunststückchen. Dafür galt er ja als Frank Murrel, der

Varietékünstler. Zu jonglieren lehnte er entschieden ab, weil das

Schiff nicht genügend still lag. Er konnte es natürlich nicht. Ein

paar Backfische fanden ihn einfach himmlisch. Am letzten Abend

der Ueberfahrt war das Kapitänsessen. Peter Voß hielt dabei eine

schwungvolle Rede auf den wackeren Kapitän Siems und wurde von ihm zu

einem Glase Bier eingeladen.

„Mr. Murrel!“ sagte er beim zweiten Glase. „Sie sind ein ganz patenter

Kerl. Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“

„Meine Mutter war eine Hamburgerin,“ versetzte Peter Voß bescheiden.

„Also auch ein Hamburger Jung!“ rief der Kapitän begeistert und stieß

mit ihm an.

Aber die Gesellschaft an Deck wollte nicht länger auf Peter Voßens

gesellschaftliche Talente verzichten und ließ ihn durch den Decksteward

herunterbitten.

Bald saß er wieder mitten unter ihnen und brachte sie in wenigen

Augenblicken zum Lachen, kaltblütig wie ein gewerbsmäßiger Spaßmacher.

Und da platzte die Bombe, und daß sie platzte, daran war nichts anderes

als Frank Murrels Kabinenangst schuld. Sie hatte jede Vernunft in

ihm erstickt. Er mußte hinauf! Sonst wäre er verrückt geworden. Er

hätte sich aus dem Bullauge ins Meer gestürzt, wenn die Kabinentür

abgeschlossen gewesen wäre. Groß genug war es dazu.

Jetzt war ihm alles gleich. Er wankte an Deck auf Peter Voß zu, den

Hahn im Korbe der Gesellschaft.

Da standen sich plötzlich zwei Frank Murrels gegenüber. Die beiden

Backfische fielen in Ohnmacht.

„Betrüger!“ zischte der echte Murrel und hob die Faust.

Peter Voß, der Millionendieb · 第 3 / 20 段