Peter Voß,
der Millionendieb
Roman
von
Ewald Gerhard Seeliger
16. bis 19. Tausend
1913
Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
vorbehalten.--Copyright 1913 by Ullstein & Co
1.
In der Office der Bankfirma Stockes & Yarker in St. Louis war
Feierabend gemacht worden. Nur zwei elektrische Lampen brannten noch,
und zwar vor dem gewaltigen, sechstürigen Geldschrank, der in der Mitte
des größten Saales stand.
Jim Stockes, der Inhaber der Firma, und Peter Voß, sein erster
Kassierer und Buchhalter, saßen davor und schauten hinein und hatten
längst festgestellt, daß die zwei Millionen Dollar, die morgen an Dick
Patton, den Baumwollkönig von Missouri, gezahlt werden sollten, nicht
darin waren.
„Mr. Stockes, Sie sind ein Dieb!“ sagte Peter Voß mit der größten
Gemütsruhe, die ihm als amerikanisiertem Hamburger zur Verfügung stand,
und strich sich seinen braunen, halblangen, wohlgepflegten Vollbart.
„Sie haben innerhalb zweier Jahre zwei Millionen verspekuliert. Sie
haben die grundsolide Firma Stockes & Yarker darum bestohlen. Man
sollte Sie von Rechts wegen einsperren!“
Jim Stockes nickte zerknirscht. Er kannte Peter Voßens Sprechweise und
nahm keinen Anstoß mehr daran. Im übrigen hatte er bitter recht.
„Jede Ihrer Spekulationen, vor der ich Sie warnte,“ fuhr Peter Voß
unbeirrt fort, „ist mißglückt. Es wird Ihnen nichts übrig bleiben, als
die Depositen anzugreifen.“
„Niemals!“ rief Stockes und hob abwehrend die Hände. „Ich werde morgen
Konkurs anmelden und übermorgen eine Chance als Kornumstecher bei den
Elevatoren suchen. In ein paar Jahren bin ich wieder oben.“
Dabei hatte Mr. Stockes das fünfzigste Jahr bereits hinter sich. Aber
er war ein Amerikaner und obendrein ein Junggeselle.
„Mr. Stockes!“ sagte Peter Voß ganz ernst und dämpfte plötzlich seine
Stimme. „Sie werden morgen nicht Konkurs anmelden.“
„Sie wissen einen Ausweg!“ rief Jim Stockes ungläubig. „Ach, es gibt
keinen. Es ist ausgeschlossen. Die verdammten Kupferpapiere. Ja wenn
ich ein paar Monate Aufschub erlangen könnte. Sie steigen wieder, sie
müssen steigen, sonst geht die ganze Industrie zum Teufel. Aber Dick
Patton ist ein Dickkopf. Er wird es nicht einsehen. Ich sage Ihnen,
lieber Voß, ich bin fertig.“
„Da es keinen Ausweg gibt,“ sprach Peter Voß verschmitzt lächelnd,
„müssen wir einen machen. Bitte, schauen Sie in dieses Fach. Was
erblicken Sie? Vier Pakete zu je fünfhundert Tausend-Dollarnoten, also
in Summa zwei Millionen.“
„Damn!“ rief Jim Stockes und stürzte sich darauf. „Wie ist das möglich!“
„Pst!“ machte Peter Voß und vertrat ihm den Weg. „Bleiben Sie in
einiger Entfernung. Es könnte nämlich sehr leicht der Fall eintreten,
daß Sie nur den oberen Schein für echt ansehen, und das wäre mir sehr
fatal.“
„Ach!“ stöhnte Stockes und sank vernichtet in den Stuhl. „Jetzt können
Sie noch solche Scherze machen?“
„Sie müssen nämlich felsenfest davon überzeugt sein,“ fuhr Peter Voß
mit seinem ernsthaftesten Gesicht fort, „daß in diesem Schrank wirklich
zwei Millionen liegen, eben dieselben, mit denen Sie morgen Dick Patton
bezahlen wollen.“
„Ich bin überzeugt!“ seufzte Stockes achselzuckend.
„Und diese zwei Millionen Dollar werde ich Ihnen heute nacht stehlen!“
flüsterte Peter Voß mit triumphierender Miene. „Ich, Ihr Kassierer,
werde den Dieb spielen, um das Haus Stockes & Yarker vor dem Konkurs zu
retten.“
Jim Stockes starrte sprachlos in Peter Voßens übermütige Augen und
schüttelte den Kopf.
„Sie scheinen die Tragweite dieser überaus famosen Fiktion noch nicht
völlig zu übersehen,“ flüsterte Peter Voß wie ein Verschwörer. „Sie
gehen morgen zu Dick Patton und erzählen ihm meine nichtswürdige
Defraudation. Und was wird geschehen?“
„Er wird es nicht glauben!“
„Sie werden vorher den Diebstahl bei der Polizei anmelden und mir den
großen Bobby Dodd nachschicken.“
„Der kriegt Sie! Der kriegt Sie noch vor New York!“ rief Jim Stockes
erregt. „Bedenken Sie, welche Folgen das für mich haben kann. Und erst
für Sie!“
„Bobby Dodd kriegt mich nicht!“ behauptete Peter Voß keck.
„Er ist der geriebenste Detektiv von Nordamerika!“ stöhnte Stockes.
„Nehmen Sie lieber einen anderen.“
„Gerade der geriebenste muß es sein!“ lachte Peter Voß. „Der
berühmteste! Die allererste Kraft auf diesem Gebiet! Von dem die
Zeitungen am meisten schreiben! Verstehen Sie das nicht, Mr. Stockes?
Ueber Bobby Dodd veröffentlichen die Zeitungen spaltenlange Berichte,
sie bringen seine Photographie, sie loben ihn über den grünen Klee,
sie verhimmeln ihn. Wer schreibt die Berichte? Er selbst, oder die
von seinem Genie inspirierten Reporter. Er läßt es sich schweres Geld
kosten. Die Zeitungen machen nichts umsonst. Schön dumm wären sie.
Geschäft, Mr. Stockes! Er bezahlt nicht nur mit Geld, o nein, sondern
auch mit interessanten, pikanten Neuigkeiten. Für einen solchen Mann
gehen die Zeitungen durchs Feuer. Da sehen Sie, was er kann. Sein Ruhm
ist Papier.“
„Ja aber!“ rief Stockes außer sich. „Tatsache ist, daß er bis jetzt
jeden Verbrecher erwischt hat.“
„Steht in den Zeitungen!“ lächelte Peter Voß. „Ueber die, die er
nicht gekriegt hat, wird er schon nichts veröffentlichen lassen. Aber
zugegeben, er hat sie alle gekriegt! Diese Verbrecher standen eben
auch alle unter der Zeitungshypnose. Sie hielten ihren Verfolger für
einen Menschen mit höheren Fähigkeiten. Das machte sie unsicher.
Sie vertappten sich, und schon hatte er sie beim Wickel. Aber ich
garantiere Ihnen, daß Bobby Dodd nur ein ganz gewöhnlicher Mensch ist.
Nicht dumm, durchaus nicht, anständiger Durchschnitt, dafür ist er
Amerikaner, er versteht nicht nur bei den Zeitungen sein Geschäft zu
machen. Die Zeitungen aber dürfen sich nur für die gute Mittelmäßigkeit
begeistern. Das liegt in der Natur ihres Geschäfts. Ich gehe jede
Wette ein, daß ich Bobby Dodd ein ganzes Jahr an der Nase herumführe,
ohne daß er auch nur einen Rockzipfel von mir zu Gesicht bekommt.
Ein ganzes Jahr, Mr. Stockes, bis Ihre Kupferpapiere in die Höhe
geklettert sind! Denn ich stehe im Gegensatz zu Dick Patton nicht unter
Zeitungshypnose. Und eben deswegen muß es Bobby Dodd sein.“
„Das wollen Sie für mich tun?“ stöhnte Stockes auf und wischte sich den
Schweiß von der Stirn.
„Mr. Stockes!“ sagte Peter Voß einfach und strich sich durch das
braunlockige Haar. „Sie haben mich vor zwei Jahren drüben auf der St.
Louis Bridge festgehalten, als ich, vor Krankheit und Hunger schwach
und auch sonst total verzweifelt, in den Mississippi springen wollte.
Sie haben sich von mir zwei Ohrfeigen eingesteckt und doch nicht
losgelassen. Ohne Sie wäre ich heute ein toter Mann. Und das wäre mir
höchst unangenehm, besonders da ich seit acht Wochen sehr glücklich
verheiratet bin.“
„Aber Dick Patton!“ seufzte Jim Stockes.
„Wenn er überzeugt ist, daß ich Ihnen das Geld wirklich gestohlen habe,
wird er Ihnen Stundung gewähren, bis ich erwischt bin. Natürlich wird
er auf Bobby Dodd bestehen. Solange er noch die kleinste Hoffnung hat,
das Geld zu bekommen, muß er Stockes & Yarker halten, sonst wäre er ein
schlechter Kaufmann, und das ist er nicht. Wenn Sie aber morgen zu ihm
gehen und ihm Ihre verfehlten Spekulationen gestehen, wird er Sie ohne
Gnade und Barmherzigkeit fallen lassen, und froh sein, zehn Prozent aus
dem Konkurs zu fischen.“
„Aber Bobby Dodd!“ warf Stockes ein, schon halb für den mehr als
abenteuerlichen Plan gewonnen. „Sie unterschätzen den Mann wirklich.“
„Und Sie unterschätzen mich!“ lachte Peter Voß. „Bobby Dodd hat bei
all seinen bisherigen Jagden auf der Gegenseite immer einen guten
Verbündeten gehabt, das war das böse Gewissen. Bei mir fehlt es
vollständig. Ich besitze sogar einen Ueberfluß vom Gegenteil. Und
außerdem werde ich Ihnen jetzt ein Geständnis machen, Mr. Stockes.
Sie sind zwar kein richtiger Yankee, denn als solcher hätten Sie mich
damals ruhig ins Wasser springen lassen müssen. Aber ein smarter
Gentleman sind Sie doch, denn Sie haben mich Ihres höchsten Vertrauens
gewürdigt, ohne die geringste Neugier nach meinem Vorleben zu bekunden.
Und darüber sollen Sie jetzt das Nötigste erfahren, nur damit Sie
einsehen, daß ich mich vor zehn Bobby Dodds nicht zu fürchten brauche.
Ich bin nämlich ein Junge, der mit allen Hunden gehetzt ist, obschon
ich sehr gewöhnlich aussehe. Mit meinem Allerweltsgesicht kann ich in
jede Maske hineinkriechen. Jawohl, auch Schauspieler bin ich gewesen,
auf einer ungarischen Schmiere. Bis zu meinem siebenten Jahr war
ich bei meinen Eltern. Mein Vater war ein höherer Medizinalbeamter
in Hamburg. Im Cholerajahr starb er, ebenso meine Mutter. Ich kam
dann zu meinem Onkel nach Strienau, einer Mittelstadt an der Oder in
Schlesien. Mein Onkel war dort Amtsrichter, ein ganz gescheiter und
anständiger Kerl. Nur mit seinen Erziehungsgrundsätzen war ich nicht
ganz einverstanden. Anstatt in die Obersekunda zu gehen, lief ich nach
Hamburg, kroch in den Kohlenraum eines englischen Trampdampfers und
kam erst im Atlantik an Deck. Erst gab’s was zu essen, dann Prügel.
Aber ich hatte meinen Willen durchgesetzt. Acht Jahre habe ich mich so
in der Welt herumgetrieben, als Stiefelputzer und Kameltreiber, als
Kellner und Bierkutscher, als Polizeimann und Tramp. Ich war Cowboy
in Texas und Heizer auf einem Mississippiboot. In Frisco habe ich
Kisten genagelt, und in New York bin ich als Sandwichman herumgelaufen.
Zwischendurch war ich immer wieder an Bord, auf See, als Matrose,
als Steward, als Kohlenzieher und sogar als Zahlmeister. Ich habe in
China Opium geschmuggelt und war in Odessa Krankenwärter in einer
Cholerabaracke. In Iquique lag ich drei Tage in Eisen, weil ich dem
englischen Kapitän den Pott mit den madigen Bohnen an den Kopf geworfen
hatte. Das war Meuterei. Am vierten Tag war ich draußen, und in der
Mauer des Gefängnisses war ein großes Loch. Ich spreche und schreibe
vier Sprachen und kann mich außerdem in einem halben Dutzend ganz
passabel verständigen. Ich habe in Chicago als Großreeder Konkurs
gemacht und in Key West ein Vermögen verspielt. Bis ich schließlich auf
die St. Louis Bridge ging. Und das übrige wissen Sie.“
„Aber wie kamen Sie auf die Brücke?“ rief Jim Stockes erstaunt. „Ein
Mensch von Ihren Fähigkeiten!“
„Die Liebe ist eine schwere geistige Krankheit!“ sagte Peter Voß
beinahe ernst. „Damals wollte Polly nichts von mir wissen. Erst als ich
Ihr Buchhalter wurde, hat sie sich mit mir verheiraten wollen.“
„Und wenn er Sie trotz alledem erwischt?“ rief Stockes.
„Dann werde ich die erste Gelegenheit benutzen, ihm wieder
auszukneifen,“ erwiderte Peter Voß siegesgewiß.
„Aber bedenken Sie, den Zufall haben Sie nicht in der Gewalt!“ warnte
Jim Stockes. „Angenommen, er bringt Sie hierher zurück und stellt Sie
vor den Strafrichter. Dann werde ich als Betrüger entlarvt.“
„I wo!“ lachte Peter Voß gerade heraus. „Ich nehme den ganzen Trick
auf meine eigene Rechnung. Denn woher wissen Sie denn den Stand Ihrer
Firma? Aus den Büchern, die ich führe. Wenn ich nun diese Bücher schon
seit zwei Jahren systematisch gefälscht hätte zugunsten der Firma! Wie
sieht dann die Sache aus? Ich habe den ganzen Schwindel ohne Ihr Wissen
eingefädelt, um die Firma Stockes & Yarker zu retten. Und wenn Sie mir
dann den besten Anwalt besorgen, rechne ich sogar auf einen Freispruch
mit auffälliger Rührung im Zuhörerraum.“
„Damned!“ stieß Jim Stockes zwischen den Zähnen hervor. „Sie sind ein
dreimal verteufelter Kerl. Ihr Deutschen seid uns Yankees über, ihr
habt mehr Phantasie. Wenn Sie Ihren Hals für mich in die Schlinge
stecken wollen, dann sehe ich nicht ein, was mich davon zurückhalten
sollte, es ebenfalls zu tun. Ich werde morgen Dick Patton breitreden
wie einen Pfannkuchen.“
„Großartig!“ rief Peter Voß vergnügt, umarmte ihn und klopfte ihm
ermunternd auf den Rücken. „So gefallen Sie mir, Mr. Stockes. In
spätestens zwei Jahren haben wir die Firma saniert. Dann bringe ich
Ihnen als reuevolles Schaf die zwei Millionen zurück.“
„He!“ machte Mr. Stockes überrascht und schnappte nach Luft. „Wozu das?“
„Na!“ lächelte Peter Voß und tippte sich an die Stirn. „Meinen Sie
vielleicht, daß ich auch nur eine Minute länger als Millionendieb in
der Welt herumrasen will, als es unbedingt nötig ist? Im Gegenteil, ich
will rehabilitiert werden. Ich bringe das Geld zurück und stelle mich
den Richtern. Wenn sie mich auch nicht freisprechen, ich bin doch der
Held des Tages.“
„Ja, aber!“ rief Stockes verzweifelt. „Dann kommt ja der Schwindel
heraus. Die zwei Millionen existieren doch gar nicht.“
„Aber sie existieren in Ihrer Einbildungskraft, Mr. Stockes,“ beruhigte
ihn Peter Voß. „Ich bin Ihr Kassierer und habe Sie getäuscht. Ich
habe falsche Bilanzen gemacht. Das wirft kein schlechtes Licht auf
Sie. Sie haben mir eben vertraut. Die Bücher werde ich sofort in
Ordnung bringen. Was wollen Sie? Ich gestehe diese Fälschungen vor
Gericht ruhig ein, ich gebe zu, daß ich Ihnen mit den zwei Millionen
im Geldschrank einen blauen Dunst vorgemacht habe, um Sie, meinen
Lebensretter, zu retten. Ich breche damit jeden Kassiererrekord. Man
wird sich um mich reißen, auch wenn ich ein paar Monate ins Gefängnis
marschieren muß. Und dann denken Sie an die kolossale Reklame für die
Firma Stockes & Yarker.“
„Voß!“ keuchte Stockes, außer sich vor diesen sich stetig überbietenden
Kühnheiten seines Kassierers. „Voß, in Gottes Namen, ich gebe mich in
Ihre Hände. Tun Sie, was Sie wollen. Sie sind mir über! Ich bin mit
allem einverstanden. Das eine aber sage ich Ihnen! Besteht die Firma
noch in zwei Jahren, dann wird sie heißen: Voß, Stockes & Yarker!“
„Topp!“ sagte Peter Voß und schlug ein. „Ich nehme an. Schon um die
Firma in der Folgezeit vor Ihren tollen Spekulationen zu schützen. Da
werde ich Ihnen nämlich einen großen Riegel vorschieben.“
„Schieben Sie, schieben Sie!“ rief Jim Stockes glücklich und umarmte
ihn. „Bei Ihnen darf ich ruhig in die Schule gehen, ohne daß sich meine
grauen Haare darüber ärgern.“
Peter Voß reichte ihm Hut und Stock.
„Gehen Sie, sonst versäumen Sie den Klub. Sie können Dick Patton
ein bißchen vorbereiten. Aber Vorsicht! Der Mann ist so scheu, wie
er dick ist. Inzwischen werde ich die Bücher berichtigen. Ich werde
dafür sorgen, daß von morgen ab kein Mensch, der in diese Bücher
gesehen hat, daran zweifelt, daß heute abend in diesem Fach wirklich
zweitausend Mille gelegen haben. Es wird später im Prozeß sonnenklar
daraus hervorgehen, daß ich diese Fälschungen schon seit zwei Jahren
betrieben habe, um die Verluste, die Ihre Spekulationen verursacht
haben, zugunsten der Firma zu verschleiern. Denn nun kann ich es
Ihnen gestehen, auch ich glaube an die Kupferpapiere. Nur muß man es
aushalten können. Und darum stehle ich Ihnen auch die beiden Millionen,
die gar nicht vorhanden sind. Vor Mitternacht empfehle ich mich dann.
Es steht Ihnen frei, nach dem Klub noch einmal hierher zu kommen.“
„Wohin wollen Sie?“
„Nach Deutschland. Ich habe etwas Heimweh. Ich will meinem Onkel einmal
Guten Tag sagen. Vielleicht ist er schon preußischer Justizminister.
Denn gestrebt hat er immer. Und nun noch eins, und das ist sehr
wichtig. Ich muß leider meine kleine Frau unaufgeklärt zurücklassen.
Führe ich jetzt zu ihr hinaus und enthüllte ihr den famosen Plan,
sie würde mich unter keiner Bedingung weglassen. Sie würde vielmehr
siebenunddreißig Aerzte herbeitelephonieren und mich von ihnen
auf meine Nerven untersuchen lassen. Und gelänge es mir auch, sie
schließlich zur Einsicht zu bringen, würde ich meinen Vorsprung
verlieren, den ich unbedingt haben muß. Denn heute ist der letzte
Termin. Auch würde sie mich dann keinesfalls allein reisen lassen. Aber
dann hätte mich Dodd sicher schon in Pittsburg beim Kragen. Sie werden
einsehen, daß ein Defraudant nicht mit seiner Frau fliehen kann, selbst
wenn er sie noch so sehr liebt.“
„Goddam!“ erwiderte Stockes betroffen. „Das stimmt. Sie denken aber
auch an alles.“
„Mr. Stockes, Sie übernehmen es wohl, ihr reinen Wein einzuschenken.
Sonst hält sie mich am Ende gar für einen richtigen Dieb, und das wäre
mir schon aus dem Grunde ärgerlich, weil ich sie später, wenn die Luft
rein ist, nachkommen lassen will. Vor allen Dingen, Mr. Stockes, nichts
schriftlich, und auch nichts durchs Telephon. Nur mündlich und ohne
Zeugen. Man kann gerade darin nicht vorsichtig genug sein.“
„Und wenn wir nun hier belauscht worden sind?“
„Da kennen Sie Peter Voßen schlecht!“ lachte er leise, schlug das
Hauptbuch auf und fuhr mit der Feder ins Tintenfaß.
Jim Stockes trat zwanzig Minuten später in den Exzelsiorklub. Da saßen
schon Dick Patton, sein Millionengläubiger, Reginald Splarks, der
allmächtige Getreidehändler, und Merrymann Peacock, der Direktor des
Tabaktrustes, an einem runden Tische und winkten mit den Pokerkarten.
Stockes nahm Platz und spielte sehr vorsichtig.
„Mr. Stockes hat keinen Mut!“ schnaubte Dick Patton.
„Ich habe morgen zweitausend Mille zu bezahlen!“ knurrte Stockes.
„So etwas greift an. Ich habe sie eben mit meinem Kassierer zusammen
abgezählt und in den Geldschrank gelegt.“
„Blödsinn!“ knurrte Splarks. „Man legt keine zweitausend Mille in
seinen Geldschrank.“
„Sie vergessen,“ bemerkte Jim Stockes etwas von oben herab, „daß die
Firma Stockes & Yarker keine Bank nötig hat, da sie selber eine ist.
Bei Ihnen mag das anders sein.“
„Gut gegeben!“ lachte Peacock schallend auf.
„Hätten Sie nur das Geld gleich mitgebracht!“ schnaufte Dick Patton.
„Ich pflege niemals vor dem Termin zu bezahlen,“ erklärte Jim Stockes
kühl.
„Ich halte!“ schrie Peacock. „Und wer noch einmal von Geschäften
spricht, zahlt hundert Dollar in die Pinke.“
So pokerten sie, bis sie sich wie immer um elf Uhr trennten.
Jim Stockes fuhr noch einmal in seine Office. Es fiel das nicht weiter
auf, weil er gewohnt war, abwechselnd mit Peter Voß den elektrischen
Lärmapparat zu kontrollieren, der seinen Riesengeldschrank mit der
Wache der Schließgesellschaft verband, deren Wächter eben die Straße
hinabpatrouillierte. Die beiden elektrischen Birnen brannten noch immer
vor dem Geldschrank. Man pflegte sie der Sicherheit halber die ganze
Nacht brennen zu lassen.
Irgendwo im Dunkeln stand Peter Voß. Die Bücher waren in Ordnung.
„Allright!“ flüsterte er. „Leben Sie wohl, Mr. Stockes, und fallen
Sie nicht aus der Rolle. Morgen um neun benachrichtigen Sie die
Kriminalpolizei von dem Diebstahl und engagieren Bobby Dodd. Dann gehen
Sie zu Dick Patton. Haben Sie ihn im Klub getroffen?“
„Ich denke,“ nickte Mr. Stockes, „er wird mit sich reden lassen.“
„Hab ich es Ihnen nicht gleich gesagt?“ triumphierte Peter Voß. „Dann
aber fahren Sie sofort zu meiner Frau. Sie wird heute nacht kein
Auge zutun. Es hat absolut keine Gefahr, sie einzuweihen. Vor der
vollendeten Tatsache wird sie schon die Segel streichen. Denn sie ist
nicht nur die hübscheste, sondern auch die gescheiteste Amerikanerin
zwischen New York und Frisco. Und nun, fort mit Ihnen! Geben Sie dem
Wächter draußen ein Trinkgeld, daß er mich auch hier herauskommen
sieht. Sie haben mich natürlich nicht angetroffen. Offiziell tauche ich
erst kurz nach Ihnen hier in der Office auf.“
„Alles Glück!“ stöhnte Jim Stockes, preßte ihm die rechte Hand fast
entzwei und ging, indem er alle Schlösser von draußen zusperrte. Im
gemächlichen Tempo führte ihn sein Automobil über den glatten Asphalt.
Am oberen Ende der Straße traf er den Wächter und drückte ihm fünf
Dollar in die Hand.
Der Mann verstand, grüßte dankend und stiefelte die leere Straße
hinunter. Vor der Office Stockes & Yarker nahm er Aufstellung.
Es dauerte gar nicht lange, so wurden drinnen einige Schlösser
geöffnet, die Tür sprang auf, und der Wächter griff zu.
„Nanu, was fällt Euch ein!“ rief der vermeintliche Dieb und stieß ihn
mit der kleinen, gelben, ledernen Handtasche kräftig vor den Bauch.
„Seht Euch doch erst die Leute an!“
„Mr. Voß!“ rief der Wächter ganz verdutzt und löste den Klammergriff.
„Entschuldigen Sie nur die Uebereilung.“
„Macht nichts, guter Freund!“ erwiderte Peter Voß vergnügt und gab ihm
eine Zigarette. „Ihr habt nur Eure Pflicht getan. Ihr konntet nicht
wissen, daß ich heute noch so spät den Lärmapparat kontrollieren würde,
zumal soeben Mr. Stockes selbst hier gewesen ist.“
„Aber wie können Sie wissen, daß er dagewesen ist?“ fragte der Wächter
und blieb stehen.
„Aus dem Kontrollbuch!“ erklärte Peter Voß seelenruhig. „Es hängt neben
dem Apparat.“
„Darf ich Ihnen behilflich sein?“ fragte der Wächter, um seine
Unhöflichkeit wieder gut zu machen.
„Bitte sehr!“ sagte Peter Voß, überließ ihm gnädigst die Handtasche und
steckte sich eine Zigarette an.
Da kam hinter ihnen ein gelbes Automobil angetöfft. Es hatte die Nummer
1177.
„Eine Zahl, die sich leicht merken läßt!“ meinte Peter Voß und winkte
dem Chauffeur.
Das Auto hielt. Der Wächter riß diensteifrig den Schlag auf und reichte
Peter Voß die Handtasche hinein.
„Haben Sie auch genug Benzin?“ fragte er den Chauffeur, der den Motor
nicht erst abgestellt hatte.
„Eben aufgefüllt!“ erwiderte der. „Wohin wünscht der Herr zu fahren?“
„St. Louis Bridge!“ kommandierte Peter Voß und griff an den Hut, um
sich von dem Wächter zu verabschieden.
Der stand auf dem Kantstein und zog höflich die Mütze. Gleich darauf
verschwand das gelbe Auto mit Peter Voß um die nächste Ecke. Das
letzte, was der Wächter sah, war die hellerleuchtete Nummer.
„1177!“ sagte er zu sich. „Das ist wirklich eine Zahl, die man nicht so
leicht vergißt.“
Dann trabte er zufrieden die Straße wieder hinunter.
2.
Am nächsten Morgen trat Jim Stockes pünktlich um neun Uhr aus seinem
Privatkontor in den großen Officesaal und fragte nach Peter Voß. Sein
Platz war leer.
„Die Schlüssel stecken!“ rief Stockes und runzelte die Stirn. „Der
Schrank ist offen! Und Mr. Voß nicht da?“
Der zweite Kassierer bekam es mit der Angst. Jim Stockes war mit einem
langen Sprunge beim Schrank, riß die Flügeltüren der Hauptabteilung auf
und erbleichte! Sämtliche Fächer waren offen, und das mittelste war
leer.
„Ich bin bestohlen worden!“ sagte er dann ganz ruhig, aber man merkte
der Stimme die namenlose Aufregung an, in der er sich befand. „Meine
Herren, man hat mich heute nacht um zwei Millionen Dollar bestohlen!“
„Er ist durchgebrannt!“ entschlüpfte es dem Prokuristen, einem älteren
Herrn, der der Korrespondenzabteilung vorstand.
„Was wagen Sie da zu sagen!“ schrie ihn Stockes an, krebsrot vor Wut.
„Mr. Voß ist ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Sie alle können
sich an ihm ein Muster nehmen.“
Da klingelte das Telephon wie besessen. Am andern Ende rang Frau Polly
Voß verzweiflungsvoll die Hände. Ihr Mann war die ganze Nacht nicht
heimgekommen. Mit schluchzender Stimme fragte sie an, ob er in der
Office sei.
„Bedaure!“ antwortete der Prokurist. „Er ist noch nicht hier
eingetroffen.“
„Mr. Voß war diese Nacht nicht in seiner Wohnung!“ meldete er dann mit
innerer und äußerer Genugtuung seinem Chef.
Der sank auf einen Stuhl und wischte sich mechanisch die Stirn. Er war
anscheinend mit seiner Kraft zu Ende. Kein Wunder, denn er hatte diese
Nacht ebensowenig wie Polly Voß ein Auge geschlossen.
„Die Polizei!“ stöhnte er auf. „Zwei Kommissare sollen kommen, das
Protokoll aufzunehmen. Bobby Dodd soll kommen. Ich zahle ihm jedes
Honorar, wenn er den Dieb erwischt.“
Dann schloß er die Augen. Die Angestellten, die in aufgeregten Gruppen
miteinander flüsterten, bedauerten ihn aufs tiefste. Der Prokurist
telephonierte an die Polizei.
Da stürzte der Wächter der Schließgesellschaft herein. Der Lärmapparat
war nicht abgestellt worden. Der zweite Kassierer erzählte ihm, was
heute nacht geschehen war. Der Wächter prallte zurück.
„Mr. Voß!“ schrie er. „Um Mitternacht ist er hier gewesen. Ich habe ihm
sogar die Tasche getragen. Er ist in ein gelbes Automobil gestiegen. Es
hatte die Nummer 1177.“
Jetzt lachte Jim Stockes so laut, daß alle erschraken.
Er schnappt über! dachte der Prokurist.
Aber Stockes schnappte nicht über. Er erholte sich allmählich von
seinem Lachen, bot aber noch immer ein Bild vollkommenster Verzweiflung.
„Warten Sie hier auf die Polizei!“ befahl er dem Wächter; dann wandte
er sich an den Prokuristen: „Fahren Sie zu Mr. Patton und teilen
Sie ihm mit, was hier vor sich gegangen ist. Sobald das Protokoll
aufgenommen ist, werde ich selbst zu ihm kommen.“
Der Prokurist eilte davon. Stockes blieb sitzen, wo er saß, und
schüttelte nur zuweilen sein graues Haupt.
Zehn Minuten später traten zwei Polizeikommissare herein, um das
Protokoll aufzunehmen.
Der Wächter machte seine Aussagen. Als er bei der gelben Handtasche
angelangt war, warf ihm Stockes einen vernichtenden Blick zu.
Und dann kam Bobby Dodd, der große Bobby, wie man ihn in St. Louis
mit Vorliebe nannte. Er war ein smarter Gentleman, sonst war
nichts Besonderes an ihm. Sein glattrasiertes Gesicht wußte er zu
beherrschen. Seine grauen Augen waren lauernd.
Die beiden Polizeikommissare begrüßten ihren berühmten Kollegen mit
vorzüglicher Hochachtung.
Er prüfte das Protokoll sehr flüchtig, schaute etwas länger in die
Bücher hinein, ohne Peter Voßens raffinierte Fälschungen zu entdecken,
und prüfte die Löschblätter vergeblich nach Fingerabdrücken. Dem
Geldschrank schenkte er kaum einen Blick.
„Mr. Stockes, Sie haben mich rufen lassen,“ sagte er dann kurz und
verbindlich. „Ich habe seit einigen Tagen mein Verhältnis zu der
Behörde gelöst. Das heißt, wenn ich eine Sache in die Hand nehme, wird
sich die Behörde damit begnügen, mich zu unterstützen. Ueber die Höhe
des Honorars werden wir uns verständigen, wenn ich den Dieb abliefere.“
„Es ist mir weniger um den Dieb, als um das Geld zu tun,“ warf Jim
Stockes ein.
„Er wird das Geld nicht gestohlen haben, um es in den Mississippi zu
werfen!“ lächelte Doddy verbindlich. „Ich bringe Ihnen natürlich den
Dieb und das Geld.“
„Und Sie werden ihn erwischen?“ fragte Stockes schweratmend.
„Well, ich hoffe es!“ sagte Dodd einfach. „Er müßte denn auf den Mond
auskneifen. Hat dieser Peter Voß Verwandte?“
„Eine junge Frau!“ erwiderte der zweite Kassierer, seinem Chef
zuvorkommend. „Sie hat uns soeben nach dem Verbleib ihres Mannes
antelephoniert.“
„Sehr gut!“ sagte Dodd und zog sich die Handschuhe aus. „Ich bitte um
ihre Adresse.“
Er notierte sich die Wohnung, wandte sich an den Wächter und ließ sich
von ihm die Vorgänge der vergangenen Nacht ganz genau erzählen. Dann
verlangte er einen Zirkel. Mit diesem schritt er zu der Karte der
Vereinigten Staaten von Nordamerika, die an der Wand hing, maß eine
bestimmte Entfernung in Kilometern ab und schlug einen Kreis mit St.
Louis als Mittelpunkt.
„Diese Linie hat das gelbe Automobil 1177 bei Tagesanbruch erreicht,“
belehrte er die beiden Polizeibeamten. „Telegraphieren Sie sofort an
alle Stationen, die dicht bei diesem Strich liegen. Daß der Defraudant
die St. Louis Bridge als Ziel angegeben hat, ist nur ein Trick von ihm,
um uns weiszumachen, er wäre nach New York durchgebrannt.“
Die Polizeibeamten schrieben sich eiligst die Namen der betreffenden
Städte auf. Bobby Dodd verfaßte inzwischen eine Notiz, die er den
Polizisten überreichte.
„Vervielfältigen und an die Zeitungen geben!“ befahl er kurz. „Sobald
sich etwas meldet, benachrichtigen Sie mich nach dieser Adresse.“
Damit wies er ihnen das Blatt, auf dem Polly Voßens Adresse stand, die
sie gleichfalls notierten.
Während die beiden Polizeibeamten davoneilten und Dodd selbst mit der
höchsten Geschwindigkeit seiner Maschine nach dem kleinen Landhaus
hinter dem Carondelet-Park sauste, wo Polly, noch immer in Tränen
aufgelöst, auf die Heimkehr ihres Mannes wartete, trat Jim Stockes in
das Privatkontor Dick Pattons.
„Stockes, Stockes!“ empfing ihn der dicke Baumwollkönig und wankte
mit wuchtigen Schritten auf ihn zu. „Das ist ja eine gottsverdammte
Geschichte. Was machen wir nun?“
„Ich mache Bankrott!“ sagte Stockes gebrochen.
Da faßte ihn Dick Patton am obersten Westenknopf und schrie ihn an:
„Und meine zwei Millionen? Ich brauche sie. Ich habe damit gerechnet.“
„Es tut mir leid,“ seufzte Stockes ergeben. „Gegen durchgehende
Kassierer gibt es keine Versicherung.“
„Well, setzen wir uns!“ stöhnte Dick Patton auf. „Sie werden nicht
Bankrott machen. Ich werde Ihnen die Zahlung stunden, bis der Schurke
erwischt ist. Ich stelle aber die Bedingung, daß Sie ihm Bobby Dodd
nachschicken.“
„Ist bereits geschehen.“
„Sehr gut! Er wird ihn kriegen, und Sie werden mir dann zahlen.“
„Und wenn er ihn nicht kriegt?“
„Ausgeschlossen! Aber gut, setzen wir den Fall. Dann zahlen Sie, wann
Sie können.“
„Ich werde nicht zahlen können, Mr. Patton. Ich werde meine Office
zumachen müssen. Ich habe mich an Kupferaktien überkauft; diese Papiere
sind die einzige Sicherheit, die ich bieten kann.“
„Danke sehr! Ich nehme sie nicht geschenkt.“
„Sie werden wieder in die Höhe klettern, sonst geht die ganze Industrie
zum Teufel.“
„Mag sie!“
„Also werde ich Konkurs anmelden.“
„Der Teufel soll Sie holen!“ schrie Dick Patton, erbost über diese
Hartnäckigkeit. „Meinen Sie, ich will meine zwei Millionen verlieren?
So dick habe ich sie nicht sitzen. So wahr ich Dick Patton heiße, ich
lasse Sie nicht fallen! Sie sitzen mit mir an einem Klubtisch. Sie
werden sich durchbeißen. Wieviel brauchen Sie?“
„Ich will es versuchen!“ erwiderte Stockes bekümmert.
Dann machten sie einen Vertrag, wodurch Dick Patton zu einem Drittel in
die Firma Stockes & Yarker zu sitzen kam, ohne daß es jemand erfuhr.
Jim Stockes empfahl sich, kaum daß er dankte.
„Das Schlimmste ist überstanden!“ seufzte er erleichtert auf, als er
wieder in seinem Wagen saß, um nach dem kleinen Landhaus hinter dem
Carondelet-Park zu fahren. „Jetzt muß ich nur noch Mrs. Voß aufklären.“
Aber Bobby Dodd war längst bei ihr. Unter strömenden Tränen hatte
sie ihn empfangen. Dodd war von ihrer großen Schönheit überrascht.
Er erkannte sofort, sie hatte keinen Anteil an dem Verbrechen ihres
Mannes. Und da Dodd ein Gentleman war, empfand er es als eine
Notwendigkeit, ihr die furchtbare Sache so schonend wie möglich
mitzuteilen.
„Mrs. Voß!“ begann er. „Meine Zeit ist kostbar. Sie werden begreifen,
daß ich keine Umschweife mache. Mr. Voß steht in dem Verdacht, heute
nacht der Firma Stockes & Yarker zwei Millionen Dollar gestohlen und
damit das Weite gesucht zu haben.“
Wie geistesabwesend starrte sie ihn an, dann schrie sie auf: „Nein,
nein! Das ist unmöglich. Mein Mann hat das nicht getan. Niemals!“
„Well!“ sagte Dodd mitleidig. „Ich bin derselben Ansicht. Er hat es
sicher nur in einem Anfall von Geistesstörung getan. Er war in der
letzten Zeit sehr nervös, wie in der Office festgestellt worden ist.
Sie werden mir das gewiß bestätigen können.“
Polly nickte unter fortwährendem Schluchzen.
„Mir ist der Auftrag geworden, das Geld wieder herbeizuschaffen. Nur
darum ist es mir zu tun, nicht um die Bestrafung Ihres Mannes.“
„Ach!“ seufzte sie aus tiefstem Herzensgrunde. „Er hat es sicher nicht
getan. Es muß ein Irrtum vorliegen.“
„Ein Irrtum ist ausgeschlossen!“ sagte er mit lebhaftem Bedauern in der
Stimme und schaute ihr dabei tief in die hellgrauen Augen, die sie groß
und erschreckt auf ihn gerichtet hielt.
„Entsetzlich!“ stöhnte sie auf und warf sich schluchzend mit dem
Gesicht in die Kissen des Diwans.
„Mrs. Voß!“ beruhigte er sie und berührte sie leise an den zuckenden
Schultern. „Die Sache ist gar nicht so schlimm, wie sie aussieht. Ich
mache Ihnen folgenden Vorschlag: Wir versuchen Mr. Voß zu finden,
überreden ihn im guten, das Geld herauszugeben, und schicken ihn auf
ein paar Wochen ins Sanatorium. Dort pflegen Sie ihn wieder gesund.
Irgend welche gerichtliche Folgen hat die Sache dann nicht. Darauf gebe
ich Ihnen mein Ehrenwort. Nur im Falle er die zwei Millionen nicht
herausgeben will, müßte ich zu stärkeren Mitteln greifen. Aber ich
hoffe, wenn Sie mich begleiten, wird es nicht nötig sein.“
Polly hörte auf zu schluchzen und richtete sich auf. Dodds sanfte,
fast zärtliche Stimme hatte sie aus ihrer Verzweiflung gerissen. Sie
schöpfte Hoffnung. Es war ja gar nicht anders denkbar! Peter Voß konnte
das Geld nur in einem Zustand augenblicklicher Zerstreutheit genommen
haben.
„Wo ist er?“ fragte sie und strich sich die blonden Locken aus der
zarten, faltenlosen Stirn. „Führen Sie mich zu ihm.“
„Das wird etwas umständlich sein,“ sagte Dodd erfreut, daß sie auf
seinen Vorschlag so bereitwillig einging, „aber wir werden ihn schon
finden. Ich denke, in spätestens einer halben Stunde die Route seiner
Flucht unzweifelhaft feststellen zu können. Ich will es Ihnen auch
gestehen, daß mein Vorschlag auch auf einem guten Teil Eigennutz
beruht. Ich kenne Mr. Voß nicht, Sie aber kennen ihn.“
„Hier ist sein Bild!“ sagte sie und reichte ihm eine Photographie,
dann sank sie wieder auf den Diwan, schlug ihre Hände vors Gesicht und
schluchzte: „O Peter, Peter, daß du mir so etwas antun konntest! Ist
das deine Liebe?!“
„Fassen Sie sich!“ beruhigte Dodd sie und betrachtete aufmerksam die
Photographie. „Ein hochintelligentes Gesicht! Wir werden unsere liebe
Not mit ihm haben. Den Vollbart wird er sich natürlich abnehmen
lassen. Und dann werde ich ihn überhaupt nicht erkennen können. Aber
bei Ihnen, Mrs. Voß, ist das anders. Sie werden ihn sicher auch ohne
Bart erkennen.“
„Unter Tausenden würde ich ihn herauskennen!“ rief sie und sprang auf.
Da pochte es an die Tür, und der eine der beiden Polizeibeamten trat
herein. Polly prallte vor der Uniform förmlich zurück.
„Das gelbe Automobil 1177 ist vor zwei Stunden in Louisville gewesen!“
meldete er Dodd.
„Also doch New York!“ flüsterte er überrascht. „Wir haben es entweder
mit einem harmlosen Anfänger oder mit einem total Verrückten zu tun.“
„Das Auto kann gegen Mittag in Cincinnati sein,“ sagte der Polizist.
„Sollen wir es anhalten und den Mann verhaften lassen?“
„Nein!“ rief Polly außer sich. „Nicht verhaften! Keine Polizei!“
Dodd sann ein paar Augenblicke nach.
„Nein!“ sagte er dann zu dem Polizeibeamten. „Ich werde selbst die
Verfolgung aufnehmen. Telegraphieren Sie nach Cincinnati, daß man das
gelbe Automobil ganz genau beobachten soll, falls es eintrifft. Ich
werde mir dort selbst die Auskunft holen. Und dann bestellen Sie
sofort bei William Webster & Son den größten und schnellsten Wagen mit
den beiden zuverlässigsten Chauffeuren. In wieviel Minuten können Sie
reisefertig sein?“ wandte er sich an Polly.
„Sofort!“ rief sie und lief ins Nebenzimmer, um sich anzukleiden.
„Bestellen Sie den Wagen telephonisch für mich!“ sagte Dodd zu
dem Polizisten und wies auf das Telephon, das draußen im Hausflur
angebracht war. „In einer Viertelstunde muß er da sein.“
Während der Beamte sich mit der großen Automobilfabrik von William
Webster & Son verbinden ließ, durchsuchte Dodd den Schreibtisch
Peter Voßens. Und wie konnte Dodd suchen! Es war ein Vergnügen, ihm
zuzusehen. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Er hatte einen
deutschen Militärpaß gefunden, der das genaue Signalement des
Flüchtlings enthielt. Schnell warf er einige Zeilen auf ein Papier und
drückte es nebst dem Paß dem Polizisten in die Hand.
„Das ist der Steckbrief. Schnell fort damit. Die Photographie hat
keinen Zweck. Sie verwirrt nur. Er hat sich sicher den Bart abnehmen
lassen. Und ja nicht vergessen, nach Cincinnati zu telegraphieren.“
Der Beamte verschwand, Dodd suchte weiter. Besonders die Löschblätter
der Schreibmappe und den Papierkorb durchstöberte er mit staunenswerter
Sachkenntnis und Geschwindigkeit. Aber er fand keinen Fingerabdruck.
Auch gut! dachte er, gab das Suchen auf und schritt nachdenklich im
Zimmer auf und ab.
Er fühlte nur den Beruf in sich, die zwei Millionen wieder
herbeizuschaffen, und zwar möglichst ohne Mrs. Voß zu kränken, die
einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Doch nicht nur sein
Mitleid mit ihr, auch sein Gerechtigkeitsgefühl sträubte sich dagegen,
Peter Voß wie einen gemeinen Verbrecher zu behandeln. Ein Mann, der von
einem solch entzückenden, unschuldigen Wesen geliebt wurde, war kein
gewöhnlicher Defraudant, ein solcher Mann konnte den Diebstahl wirklich
nur in einem Anfalle von geistiger Störung begangen haben. Außerdem
hatte Dodd als Privatdetektiv den brennenden Ehrgeiz, auf eigene Faust,
möglichst ohne die Mitwirkung der öffentlichen Organe, seine Aufgaben
zu lösen.
Das war auch letzten Endes der Grund gewesen, warum er dem öffentlichen
Sicherheitsdienst den Rücken gewandt hatte. Für ihn kam die Polizei nur
noch als Ermittelungsinstrument in Betracht.
Der Fall Peter Voß lag sonnenklar. Er hatte sich in das gelbe Automobil
1177 gesetzt. Dieses Auto war in Louisville gesehen worden.
Da trat der andere Polizeibeamte herein und berichtete von den weiteren
Nachforschungen, die man inzwischen in Louisville angestellt hatte.
„Der Mann ist um sieben Uhr vor dem Bristol-Hotel abgestiegen. Er hatte
einen dunkelblonden Vollbart.“
Dodd lächelte. Welch ein Stümper von Defraudant! Dieser Peter Voß
konnte unmöglich normal sein.
„Wo hatte er die Handtasche?“ forschte er.
„Eine Handtasche hatte er gar nicht bei sich. Er machte ein sehr
vergnügtes Gesicht und trank Champagner. Beim Wirt erkundigte er sich
nach dem Weg nach Cincinnati.“
„Ich habe schon Anweisung gegeben, nach Cincinnati zu telegraphieren!“
sprach Dodd ruhig. „Das Auto soll beobachtet, aber nicht angehalten
werden. Wir haben es mit einem Geisteskranken zu tun. Er hat das Geld
offenbar versteckt, darum darf er nicht verhaftet werden. Wie leicht
kann er bei der Verhaftung seinen Verstand völlig verlieren, und dann
sind die zwei Millionen unauffindbar. Oder der Schlag kann ihn treffen.
Was noch schlimmer wäre! Die Sache muß mit der allergrößten Vorsicht
angefaßt werden.“
Auch der zweite Beamte verschwand, indem er seinen großen Kollegen
uneingeschränkt bewunderte.
„Sind Sie fertig?“ fragte Dodd höflich an der Tür, die ins
Ankleidezimmer führte.
„Ich komme sofort!“ rief Polly zurück.
Armes Kind! dachte Dodd und sah sich wieder der Photographie des
Defraudanten gegenüber.
Peter Voß war ein Verrückter. Er trug noch den Vollbart. Der Steckbrief
durfte nicht ohne das Bild hinausgehen. Dodd griff danach und sprang
zum Fenster. Der Beamte war fort. Dafür sauste jetzt ein großes
Automobil mit zwei Chauffeuren um die Ecke. Ein kleinerer Wagen hielt
eben vor der Tür. Dodd sah den Inhaber der Firma Stockes & Yarker
aussteigen und ins Haus treten. Gleich darauf stand er Dodd gegenüber.
„Sie sind noch hier?“ fragte Jim Stockes ganz verdutzt.
„Sie kommen wie gerufen!“ rief Dodd und drückte ihm die Photographie
in die Hand. „Bringen Sie das Bild sofort auf die Polizeioffice, damit
der Steckbrief nicht ohne Klischee hinausgeht. Die ersten dreitausend
Exemplare sollen expreß nach New York geschickt werden.“
„New York?“ sagte Stockes und mußte sich auf den Stuhl setzen, so
zitterten ihm die Knie. „So haben Sie die Spur schon gefunden?“
„Eilen Sie!“ drängte Dodd, ohne auf seine Frage einzugehen.
„Ich wollte aber erst ein paar Worte mit Mrs. Voß sprechen!“ meinte
Stockes eigensinnig.
„Unnötig, sie begleitet mich!“ erwiderte Dodd und wies auf die Tür.
Da kam Polly reisefertig aus dem Nebenzimmer gestürzt.
„Das Auto ist schon da!“ rief sie und erkannte plötzlich Jim Stockes.
„Ach, Mr. Stockes. Ich bin todunglücklich. Verzeihen Sie ihm und
zeigen Sie ihn um Gottes willen nicht an. Wir wollen ihn in Güte dazu
bringen, daß er das Geld wieder herausgibt. Er hat es in einem Anfall
von Geistesstörung getan! Bitte, bitte, guter, lieber Mr. Stockes,
nicht der Polizei anzeigen. Mr. Dodd hat mir versprochen, daß es keine
gerichtlichen Folgen haben wird. Haben Sie mir das nicht versprochen?“
wandte sie sich an Dodd.
„Ich werde es halten,“ versicherte er, „ich werde die Polizei nur
bemühen, wenn es durchaus notwendig ist. Das heißt also, wenn er die
Millionen nicht gutwillig herausgeben will.“
„Da hören Sie’s!“ rief Polly und lief hinaus, um die Dienstboten zu
instruieren.
Jim Stockes stand wie versteinert und schaute auf Peter Voßens Bild.
Es war vielleicht besser, Mrs. Voß erfuhr die Wahrheit nicht. In
Dodds Gegenwart wäre es überdies ganz ausgeschlossen gewesen, sie
einzuweihen. Sie kehrte gewiß bald zurück. Da war noch immer Zeit, ihr
die Wahrheit mitzuteilen.
„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Dodd und schob ihn zur Tür
hinaus. „Sie haben keine Zeit zu verlieren.“
Jim Stockes blieb nichts übrig, als zu gehorchen.
Dodd fuhr zuerst nach seiner Wohnung, um seine Koffer, die immer fertig
gepackt waren und alles Nötige enthielten, mitzunehmen.
Fünf Minuten später knatterte der hundertundzwanzigpferdige Riesenwagen
von William Webster u. Son, bei dem eine Panne von vornherein
ausgeschlossen war, über die St. Louis Bridge. Unermüdlich warf dieses
schnaubende Ungetüm einen Kilometer nach dem andern hinter sich. Da es
nirgends Halt machte, überholte es spielend den schnellsten Expreßzug.
Der eine Chauffeur schlief, der andere fuhr.
„Tahitaha!“ schrie das Signalhorn.
Polly lehnte in den Polstern und war bald vor Erschöpfung
eingeschlafen. Auch Dodd schloß die Augen. Noch konnte er sich Ruhe
gönnen. Polizeileute und Passanten schimpften hinter dem stinkenden,
ratternden Untier hinterdrein. Am Abend hatte es Cincinnati erreicht.
Das gelbe Automobil mit seinem bärtigen Insassen war hier gegen Mittag
mehrfach beobachtet worden, hatte Benzin eingenommen und war in
östlicher Richtung verduftet. Zehn Minuten Aufenthalt genügten, um das
festzustellen.
„Also doch nach New York!“ rief Dodd verwundert.
Es war jetzt kein Zweifel mehr möglich, Peter Voß war ein Irrsinniger.
Dann ging es weiter durch die Nacht nach Osten. Vier Scheinwerfer,
blendend wie Sonnen, klärten den Weg auf. Polly schlief, sie hatte sich
an das Trompetengeschrei des Signalhorns schon gewöhnt. Dodd flößte ihr
zuweilen ein Glas Wein ein.
Denn er war nicht nur ein Gentleman, sondern er hatte auch ein warmes
Herz. Das schöne, zarte, unschuldige Geschöpf, das da in den Kissen
lag, dauerte ihn aufs höchste. Dieses entzückende Wesen, hilflos wie
ein Kind, war an einen geisteskranken Millionendieb gekettet und liebte
ihn obendrein. Als wenn es nicht genug anständige Männer auf der Welt
gäbe! Und Dodd warf schnell einen zufriedenen Blick auf sein Bild, das
ihn aus dem schmalen Wandspiegel herausfordernd ansah.
Sobald vor ihnen ein gelbes Automobil auftauchte, hatten die
Chauffeure ein bestimmtes Signal mit der Hupe zu geben, die wie ein
altgermanisches Kriegshorn brüllte. Dreimal schon war Polly davon
geweckt worden. Das erstemal war es eine Mietsdroschke aus Grafton, das
zweitemal ein großer Vergnügungswagen mit einer ganzen Familie an Bord,
das dritte Mal ein Lastfuhrwerk gewesen. Im Morgengrauen erreichten
sie die Vorberge der Alleghany. Jetzt erst konnte der Wagen seine
Leistungsfähigkeit beweisen. Ohne Verminderung seiner Schnelligkeit
schob er sich die ununterbrochene Steigung empor. Am Morgen wurde in
Cumberland eine Frühstückspause gemacht.
Polly hatte sich etwas erholt, aß aber wenig. Dodd bediente sie mit
einer geradezu hinreißenden Liebenswürdigkeit.
Um zehn Uhr morgens hatten sie die Höhe des Gebirges hinter sich.
Und da erblickte Polly das gelbe Automobil 1177. Die Hupe brüllte.
Wie ein Windspiel stob es den gegenüberliegenden Abhang hinunter und
verschwand blitzschnell um die Ecke.
„Das ist er!“ rief sie außer sich und begann am ganzen Leibe zu zittern.
Dodd trieb die Chauffeure zur höchsten Eile an. Aber was half’s? Auf
den geraden Strecken konnten sie wohl die ganze Kraft ihrer Maschine
ausnützen, aber an den zahlreichen Windungen und Kehren mußten sie viel
stärker bremsen als der kleine Wagen, der wie ein Wiesel vorauslief. Da
griff Dodd zum letzten Mittel. Kurz bevor das gelbe Auto um die nächste
Ecke schoß, riß er seinen Browning heraus. Polly fiel ihm aufschreiend
in den Arm. Erst mußte er ihr hoch und heilig versprechen, nicht auf
Peter Voß, dessen steifer Hut deutlich im Fond des Wagens zu sehen
war, zu schießen. Bei der nächsten Biegung krachte Dodds Waffe dreimal
hintereinander. Die letzte Kugel traf, der rechte Vorderreifen platzte
mit einem Knall. Das gelbe Auto wurde gegen die Felswand geschleudert.
Der steife Hut schoß gegen das vordere Fenster.
Mit drei Sprüngen war Dodd heran, packte den Defraudanten mit festem
Polizeigriff und ließ ihn sofort wieder fahren. Der vermeintliche
Verbrecher bestand nämlich aus zwei Polstern, einem Luftkissen, dem
schon bekannten steifen Hut und einem Ueberrock. Der gelbe Chauffeur,
der mit ein paar Schrammen davongekommen war, machte das dümmste
Gesicht, das überhaupt einem Chauffeur zur Verfügung stand.
„Ueberlistet!“ knirschte Dodd ergrimmt.
Polly aber fiel in Ohnmacht, als sie den Hut und den Ueberrock ihres
Mannes erkannte. Dodd fing sie auf und bettete sie im Wagen.
Aus dem Chauffeur des gelben Autos war nichts herauszufragen. Er
hatte bis zum letzten Augenblick einen lebendigen Reisenden zu fahren
geglaubt. Um drei Uhr nachts war der Passagier in Grafton eingestiegen,
und in der ganzen Zeit hatte der Wagen nicht ein einziges Mal gehalten.
„Zurück nach Cumberland!“ befahl Dodd seinen Chauffeuren.
„Mein Geld!“ schrie der gelbe Chauffeur und ballte die Fäuste
hinterdrein.
3.
Den lärmenden Broadway in New York spazierte ein Mann entlang,
der in einen gelben Staubmantel gehüllt war und auf dem grauen,
kurzgeschnittenen Haar eine gelbe Mütze mit Automobilbrille trug. Sein
Gesicht war bartlos.
Es war niemand anders als Peter Voß, der Millionendieb aus St. Louis.
Er war kurz nach Cumberland bei einer scharfen Steigung aus dem gelben
Automobil gesprungen, war in die Stadt zurückgekehrt, hatte sich bei
dem ersten Barbier den Bart abnehmen, bei dem zweiten das Haar stutzen,
bei dem dritten mit einer kräftigen Höllensteinlösung grau färben
lassen, hatte sich in einem Modemagazin mit Staubmantel und Mütze
kostümiert und war mit dem Expreßzug ohne Unfall nach New York gelangt.
Jetzt ging er über den Broadway, um nach Hoboken überzusetzen, wo er
ein geeignetes Schiff für die Ueberfahrt nach Hamburg suchen wollte.
Denn die Passage zu bezahlen, dazu hatte er nicht die geringste Lust.
Plötzlich blieb er vor einer Anschlagsäule stehen, von der ein gelbes
Plakat herunterleuchtete. Da hing sein eigener Steckbrief. Schmunzelnd
las er ihn und betrachtete mit innigem Vergnügen seine bärtige
Photographie, die es in Lebensgröße verzierte.
Zweitausend Dollar Belohnung! stand in fetten Buchstaben darüber.
„Ist das nicht ein bißchen wenig?“ knurrte er verstimmt.
Unterschrieben war der Steckbrief mit Bobby Dodd.
Da kam um die nächste Ecke, hinter der die Polizeioffice lag, ein
Schutzmann gesaust, der an seinem Fahrrade einen Leimtopf hängen
hatte. Vor der Anschlagsäule saß er ab, schwang den Pinsel quer über
Peter Voßens Bart, und schon klebte darüber ein roter Zettel. Ohne sich
umzusehen, sauste der Schutzmann die Straße hinauf zur nächsten Säule.
Peter Voß las mit steigender Verwunderung die Worte, die auf dem roten
Zettel standen: „Der Flüchtling trägt keinen Bart, hat sich die Haare
grau färben lassen und ist bekleidet mit einem gelben Staubmantel und
gelber Automobilmütze.“
Jetzt wird’s brenzlich! dachte Peter Voß und sprang in die nächste
Droschke, deren Kutscher er zurief, den Broadway hinunterzufahren.
Zunächst entledigte er sich seines Staubmantels, den er zusammengerollt
neben sich legte. Bei dem nächsten großen Eckrestaurant ließ er halten
und verschwand darin, um zwei Minuten später aus der anderen Tür mit
einer blauen Mütze wieder zu erscheinen. Die Droschke ließ er im Stich.
Der Kutscher mochte sich mit dem Mantel bezahlt machen.