Und wieder einmal war, wie so manchmal, aus dem Pfarrhause lieber

Besuch gekommen. Charlotte Flemming saß im Garten neben Frau Friederike

und beide sahen lächelnd Luise zu, die einen Zweig des Baumes, unter

dem die Frauen saßen, herabgezogen hatte und einige gelbe Frühbirnen

abpflückte. »Wirklich, man kann sie schon essen,« sagte sie und biß

herzhaft mit ihren weißen Zähnen in die saftige Frucht, »schade, daß

ich nun schon zu groß bin, ich möchte gleich hinaufklettern, oben

sitzen die allerschönsten.« Sie sprang ein wenig empor und suchte

einen Ast zu erhaschen, dabei verfing sich ihr lockiges Haar in den

Zweigen, und dann mußte sie sich erst mühsam aus der unfreiwilligen

Gefangenschaft befreien, »wie weiland Absalom,« rief sie übermütig.

»Du bist und bleibst ein Wildfang, Luise,« sagte die Mutter, und

doch ruhten ihre Augen mit zärtlichem Wohlgefallen auf dem blühenden

Mädchen. Ja, hübsch war die kleine Luise geworden, groß und schlank,

das dunkle Haar, das wieder nachgewachsen war, krauste sich noch immer

eigensinnig um die weiße Stirn, die dunkeln Augen strahlten noch immer

im alten Übermut, und noch immer lachten die roten Lippen so gern. Es

war ihr gelungen, eine ganze Anzahl von Birnen zu pflücken, die sie

nun auf dem Tische ausbreitete. »Hoffentlich kommt Renate bald, um

meinen Raub mit mir zu teilen,« sagte sie -- »doch, ach, da kommt sie,

als hätte sie meinen Ruf gehört.« Luise sprang hastig auf und eilte

der Freundin entgegen, die die lange Ulmenallee vom Herrenhaus her

entlangkam. »Endlich, endlich!« rief sie, sich an deren Arm hängend.

Renate hatte ihren großen Hut abgenommen und trug ihn am Arm, ein

helles Kleid umschloß ihre schlanke Gestalt, das feine Gesicht mit der

hohen edeln Stirn, um die schlicht das blonde Haar lag, und den großen,

sanften Augen, trug, wie immer, einen Ausdruck sinnigen Ernstes. »Ich

war bei der Großmutter Romeike, die sehr schwach ist,« sagte sie,

»unterwegs sah ich deinen Vater kommen, Luise, der aus der Stadt

zurückkehrte, er wird bald herüberkommen, er sagte, er brächte eine

freudige Überraschung mit.«

»O, sicher einen Brief von Hans-Heinrich,« jubelte Luise, »glauben Sie

es nicht auch, Tante?«

Frau Friederike nickte freundlich. »Wir wollen es hoffen,« sagte sie,

»ich sehne mich nach einer Nachricht von ihm.«

Die Mädchen hatten sich an dem Tisch niedergelassen, Luise nahm eine

Arbeit zur Hand, und flink, wie die Nadel, ging auch ihr Zünglein.

In ihrer lebhaften Art besprach sie eifrig den Inhalt des erwarteten

Briefes, der sicher von Hans-Heinrich war. Der junge Mann weilte seit

einigen Monaten in Berlin, als Gast des alten Generals von M., bei dem

er auf der Rückfahrt von Leipzig gewesen war. Der hatte ihn seitdem oft

herzlich eingeladen, aber erst in diesem Jahre war Hans-Heinrich der

freundlichen Aufforderung gefolgt. Nun, da die Ernte beginnen sollte,

wurde der junge Herr zurückerwartet, denn Frau von Seeheim hatte die

Verwaltung des Gutes in des Sohnes Hände gelegt, an dessen Seite

schaffte, an Stelle des bei Leipzig gefallenen Vogts, Friedrich, der

achtfingrige, wie Fritz ihn nannte.

Charlotte Flemming erkundigte sich unterdessen bei Renate nach der

Großmutter Romeike, und diese erzählte von ihrem Besuche, ernst und

verständig sprach sie mit der mütterlichen Freundin, deren Blicke voll

herzlicher Liebe auf ihr ruhten. Die sanfte, stille Renate war der

Liebling aller Kranken und Bedürftigen im Dorf, aber Frau Charlotte

wünschte im Herzen oft, sie möchte heiterer sein, mehr von Luises

froher Lebenslust besitzen, einmal recht glücklich werden und ihr

Jugendleid verwinden.

»Dort kommt der Vater,« unterbrach Luise ihre eigene Rede. Sie sprang

lebhaft auf, riß beinahe den ganzen Tisch um und eilte dem Pfarrer

entgegen, der mit Fritz daherkam, er zeigte schon von weitem einen

Brief, den er dann lächelnd der Hausfrau überreichte.

»Ich bringe ihn selbst aus der Stadt mit, liebe Freundin, hoffentlich

steht eine gute Nachricht darin!«

Frau Friederike erbrach das Siegel, sie durchflog rasch das Schreiben,

es waren nur wenige Zeilen.

Aus Luises Gesicht stand die Neugier, und die Hausfrau sagte lachend:

»Na, Mariellchen, du scheinst gar nicht wissen zu wollen, was in dem

Briefe steht?«

»Er ist so kurz, das ist ein Zeichen, daß Hans-Heinrich bald

heimkommt,« rief das Mädchen fröhlich.

»Ja, er kündet nun endlich seine Rückkehr an,« sagte Frau von Seeheim

mit freudestrahlendem Gesicht. »Auch von einer Überraschung schreibt

er noch, hört nur: Einen sehr lieben Gast für das Pfarrhaus bringe ich

mit; ich bin sicher, er wird dort mit offenen Armen aufgenommen werden.

Wie er heißt, mag Fräulein Luise in ihrer sechzehnjährigen Weisheit

erraten.«

Luise verzog schmollend den Mund. »Immer neckt mich Hans-Heinrich, und

dabei ist er kaum vier Jahre älter als ich; aber wer mag der Gast sein?«

Man riet hin und her, endlich sagte der Pfarrer: »Vielleicht ist es

Herr von Lühenaar. Im vergangenen Winter schrieb er mir, daß er zum

Sommer eine Reise beabsichtige und hoffe, dabei auch nach Kloningken

kommen zu können.«

»Sicher, Väterchen, haben Sie richtig geraten,« rief Luise, und auch

die Mutter nickte: »Es könnte wohl so sein, aber wer auch kommen mag,

herzlich willkommen wollen wir ihn heißen.«

Frau Friederike, die nochmals das Schreiben gelesen, sagte: »Nach

Hans-Heinrichs Brief zu urteilen, können die Reisenden bald eintreffen,

er schreibt, sie wollten am nächsten Tag ihre Reise antreten und nur in

Küstrin einen kurzen Aufenthalt nehmen.«

Man saß noch eine Weile zusammen und sprach von dem zu erwartenden

Gast. In den vergangenen Jahren waren zwischen dem einstigen Pflegling

und dem Pfarrer oft Briefe gewechselt worden, und das in schwerer Zeit

geknüpfte Freundschaftsband hatte sich nicht gelockert. Wie an einen

Sohn in der Ferne, so dachten die Pfarrersleute an den jungen Mann,

und Hans-Heinrich hatte auch in ihm einen älteren Freund gefunden.

Bisher hatten die Verhältnisse Herrn von Lühenaar die weite Reise noch

nicht gestattet, auch er mußte in seiner Heimat aufbauen, was der Krieg

zerstört hatte. Nun man ihn erwartete, rückte sein Bild allen nahe.

Frau Charlotte gedachte mit mütterlicher Liebe des jungen Mannes, und

Luise erging sich in allerlei Fragen, wie er Hans-Heinrich wohl in

Berlin getroffen haben könnte, und wie wunderbar dies sei.

»Nicht ganz so wunderbar,« mischte sich der Pfarrer ein, »da mir

Hans-Heinrich erzählte, er habe einen Brief an Herrn von Lühenaar

gerichtet und von seiner Reise geschrieben.«

Luise nahm sich vor, das Grab des Franzosen noch zu schmücken, obgleich

der Rosenstock, der darauf gepflanzt worden war, in voller Blüte stand.

So verging mit Plänemachen und Erinnerungen die Zeit, und Frau

Charlotte mahnte an den Aufbruch. Sie meinte, es sei gut, noch heute

einen Kuchen zu backen, zum festlichen Empfang des Gastes. So schied

man froh voneinander, Luise hüpfte singend den Wiesenweg zum Heimathaus

hin. »Morgen kommt vielleicht Hans-Heinrich,« trällerte sie nach einer

selbsterfundenen Melodie. Die Eltern gingen still nebeneinander, nur

einmal sagte die Pfarrerin aus schmerzlichem Erinnern heraus: »Könnten

wir doch unsern Jungen so erwarten!«

Renate hatte still im fröhlichen Kreise gesessen und mit versonnenen

Augen träumerisch in die Weite geschaut, was kümmerte sie der junge

Mann, der da als Gast im Pfarrhaus einkehren wollte. Dennoch half sie

am kommenden Morgen fleißig der Pfarrerin bei den Vorbereitungen für

den Besuch. Diese schaffte gar emsig, denn, so blitzblank auch alles

war, so entdeckte ihr scharfes Auge doch immer noch ein Stäubchen.

Luise eilte, ein Liedchen singend, treppauf, treppab, neckte sich

inzwischen einmal mit Fritz, hob das Kätzchen liebkosend auf den Arm,

und umschlang im nächsten Augenblick Renate mit dem Jubelruf: »Ach, bin

ich froh, ich kann es gar nicht sagen!« Dann lief sie wieder die Treppe

hinab, denn aus der Küche erscholl der Mutter Stimme, die ihre Hilfe

haben wollte.

Renate stieg die schmale Holztreppe hinauf, in das Zimmer, das für den

Gast hergerichtet worden war. Oben stand sie einige Minuten still,

da links lag die Kammer, die einst Walter bewohnt hatte, sie war

unverändert geblieben, ein kleiner Erinnerungstempel für die Seinen.

Auch heute hätte Renate gern diesen friedlichen, kleinen Winkel

aufgesucht, sie dachte aber an ihr Versprechen, zu helfen, und so ging

sie den Gang entlang, bis zu dem Fremdenzimmer. Das war schlicht, wie

alle Räume im Pfarrhaus; Wand und Decke weiß getüncht und mit einer

breiten, blauen Kante abgesetzt, das blendend weiße Bett, ein birkenes

Spind, ein Waschtisch, einige Stühle und in der Mitte ein runder Tisch,

über den eine zierlich gestickte Decke gebreitet war, bildeten die

Einrichtung. Als einzigen Schmuck stellte das Mädchen eine hübsche

Meißener Vase hin, die ein Staatsstück der Pfarrerin war, Renate hatte

sie mit frischen Blumen gefüllt, damit, wenn der Gast kam, das Zimmer

bereit war, welkten die Blumen inzwischen, so schadete es nichts, im

Garten standen sie in köstlicher Fülle. Die Zentifolien und Balsaminen

strömten süßen Duft aus, und der alte Lindenbaum vor dem Hause streckte

seine Äste bis an das geöffnete Fenster heran, in seinen Zweigen

zwitscherten die Vögel, denen er Wohnung gab. Sonst war es still im

Zimmer. Regungslos stand Renate und sah hinaus in das weite Land, sie

dachte an jenen Vorfrühlingstag, da sie von Walter Flemming Abschied

genommen hatte. Sehnsuchtsvoll sah sie den ziehenden Wolken nach, die

wie weiße Vögel am tiefblauen Sommerhimmel hinschwebten, könnte ich mit

ihnen ziehen, dachte die einsame Träumerin, könnten sie mir wenigstens

sein Grab zeigen, dann würde ich ruhiger werden.

[Illustration]

In ihrem Sinnen hatte sie den leichten Schritt überhört, der die Treppe

heraufkam, und sie fuhr nun erschreckt zusammen, als Luises helle

Stimme ihren Namen rief. Luise hatte schon wieder etwas Wichtiges der

Freundin mitzuteilen, dabei sah sie sich fröhlich im Zimmer um und

rief: »Wie schön du die Blumen geordnet hast, nein, wirklich niemand

kann es so gut wie du, sie stecken so zart und duftig in der Vase, daß

es eine Freude ist, sie anzusehen. Ah sieh, Braut im Haar und brennende

Liebe ist auch dabei,« sie drohte schelmisch mit dem Finger, »Renate,

Renate, wer weiß, was das für eine Bedeutung hat! Ich denke schon immer

daran, ob dir der geheimnisvolle Gast nicht gefährlich wird, wenn es

wirklich dieser Herr von Lühenaar wäre, er war damals schon so nett zu

dir, mich behandelte er immer wie ein Kind.«

»Du nennst mich eine Träumerin, Luise, und träumst doch selbst am

hellen Tag!«

»Ich bin so froh, Renate, und das muß doch eine gute Vorbedeutung

haben,« rief Luise lachend, die Freundin umschlingend.

»Vielleicht rührt deine heitere Stimmung auch davon her, daß

Hans-Heinrich zurückkommt?« neckte Renate.

Da wurde Luise blutrot. »Ach Unsinn!« rief sie und eilte, so rasch sie

konnte, die Treppe hinab, damit die Freundin ihre Verlegenheit nicht

sehen sollte.

Renate lachte ihr leise nach. Die Neckerei hatte sie fröhlich gemacht,

und eifrig putzte sie nun noch einmal im Stübchen jeden Gegenstand ab,

als erwartete sie, daß Herr von Lühenaar die allerstrengste Prüfung

vornehmen würde.

[Illustration]

Schlußkapitel.

Durch Leid zum Glück.

Am Spätnachmittag dieses Tages kam Renate von dem Hof Daniel Romeikes,

wo die alte Großmutter Marie krank lag, sie hatte bei der alten Frau

gesessen und ihr aus der Bibel vorgelesen. Das Gehöft des Bauern lag

etwas abseits vom Dorfe, und so schlug das Mädchen einen Feldweg ein,

der dicht beim Pfarrhaus endete. Sie strich, während sie so dahinging,

mit ihrer Hand über die Ähren, die bereits einen goldenen Schimmer

trugen und die bald die Hand des Schnitters niederstrecken würde. Die

Sonne stand tief im Westen, und wenn Renate aufsah, blendete ihr heller

Glanz sie, sie legte die Hand vor die Augen, um besser sehen zu können.

Luise hatte ihr entgegenkommen wollen, und sie schaute nach ihr aus.

Die Freundin war nicht zu sehen, aber dort, wo der Feldweg auf die

Landstraße mündete, stand, an einen Baum gelehnt, ein Mann. Sie konnte

ihn nicht erkennen, daß es keiner der Bauern war, sah sie freilich,

ein Fremder schien es ihr zu sein. Seine Figur hob sich dunkel von dem

im leuchtendsten Abendrot glühenden Himmel ab. Einen Augenblick dachte

sie, vielleicht ist es Herr von Lühenaar, aber ebenso rasch verwarf sie

den Gedanken, der würde ja mit Hans-Heinrich zusammen kommen.

Sie schritt mit gesenktem Kopf weiter, und auf einmal fiel ein langer,

schwarzer Schatten auf den sonnenbeschienenen Weg.

Sie schrak zusammen, blieb stehen und sah auf; vor ihr stand der Fremde.

Narrte sie das blendende Licht, war es ein Traum, der sie umfangen

hielt?

Es flimmerte ihr rot vor den Augen, wie in einem Wirbel drehte sich

alles um sie, die Bäume tanzten, die Felder schienen ineinander zu

wogen, und wie ein starkes Brausen ging es durch die Luft.

Renate schwankte, da legten sich zwei Arme um sie, und aus dem Tosen

heraus klang, wie aus einer fernen, fernen Welt eine Stimme an ihr Ohr.

»Renate, meine Renate!«

Ein Lächeln glitt über ihre Züge, »wie schön ist der Traum,« flüsterte

sie.

»Nein, Renate, kein Traum, es ist Wahrheit, o sieh mich an!«

[Illustration: Renate erblickt Walter]

Da öffnete sie die Augen, groß, angstvoll, daß der Traum ihr

entschwinden könnte, und sah in ein gebräuntes Männergesicht, das ihr

so fremd und doch so vertraut war. Ein Gesicht, an das sie im Wachen

und Träumen, in heißen Schmerzen alle die Jahre gedacht hatte. War sie

nur wirklich wach? Da lag das Pfarrhaus, da die wogenden Felder, die

Sonne leuchtete rot, alles wie vorher und doch -- »Walter,« rief sie

plötzlich, »Walter, bist du es wirklich, du lebst, o mein Gott!«

»Ja, Renate,« sagte der Mann, »ich bin es, kein Geist; Fleisch und

Blut, ich, dein alter Freund.«

»Du, ach du, kann denn das sein,« schluchzte Renate und umklammerte den

Heimgekehrten. »Du, du lebst ja!«

Fritz Flemming stand im Pfarrgarten und hielt Umschau unter den

Himbeerbüschen, er sah dabei den Weg entlang, und da fielen ihm vor

Schreck die zwei dicken, roten Beeren, die er gerade in den Mund

stecken wollte, aus der Hand, ja, was war denn das? Dort stand Renate,

und ein Mann hielt sie ganz fest, der Mann aber war ihm ganz fremd,

Hans-Heinrich war es nicht, und sein guter Freund, der Onkel Franz aus

Schönheide, auch nicht. Eine Weile blieb Fritz ganz verwundert stehen,

dann aber ließ er seine Beeren im Stich und lief eilends nach dem

Pfarrhaus, um dort zu erzählen, was er gesehen hatte. »Draußen auf der

Straße steht Renate, und ein ganz, ganz fremder Mann küßt sie immerzu,«

schrie der kleine Kerl und stürmte in das Zimmer, in dem die Eltern

und Luise saßen. Zuerst verstanden diese die Worte gar nicht, und der

Pfarrer fragte: »Was hast du gesehen, Fritz, sprich?«

Und Fritzchen erzählte, mit vieler Wichtigkeit, was er soeben erlebt

hatte. Frau Charlotte wurde totenbleich, ihre Lippen bebten, und mit

einem beinahe angstvollen Ausdruck sah sie zu ihrem Manne hin, ihre

Blicke senkten sich ineinander, und einer las in des andern Augen,

Furcht und Hoffen. »Es wird Hans-Heinrich sein,« stammelte sie.

»Aber nein, Mutter, Hans-Heinrich ist's gewiß nicht,« rief Fritzel, »er

sieht doch ganz anders aus.«

»Komm, wir wollen gehen und sehen, wer es ist,« sagte der Pfarrer, und

seine Stimme klang gepreßt. Hand in Hand ging Charlotte Flemming mit

ihrem Gatten, sie gingen wie zwei Kinder, die die Hoffnung auf eine

große Freude haben und die doch fürchten, sie könnten getäuscht werden.

So traten sie beide in die Haustür, gerade als Walter mit Renate durch

den Garten kam. »Walter!« -- »Mein Sohn!«

In diesen Rufen lag all der heiße Schmerz der langen Jahre, den die

Elternherzen um ihren Sohn gelitten hatten, das namenlose Glück, ihn

wiederzuhaben.

Sie hielten ihn in ihren Armen und meinten zu träumen, gerade wie

vorher Renate.

Und dann saßen sie im Zimmer, mitten unter ihnen der Totgeglaubte, der

so heiß Beweinte, die Eltern hielten seine Hände in den ihren, und

die Tränen liefen ihnen aus den Augen, aber es waren Freudentränen.

Und Luise lachte und weinte und versicherte immer wieder, sie hätte

geahnt, daß der Bruder wiederkehren würde, sie umarmte Renate, die ganz

still, mit großen, verklärten Augen dasaß, und Fritzel jauchzte, und

in allen Jubel, alles Fragen und Antworten hinein sagte die Mutter mit

bebender Stimme: »Er ist es wirklich, o, mein Gott, wie danke ich dir!«

Und dann kamen vom Herrenhaus her Frau Friederike und Hans-Heinrich,

letzterer rief schon an der Tür: »Ist der Gast, den ich euch brachte,

nicht willkommen?«

Walter Flemming ist wieder da, der Totgeglaubte zurückgekehrt!

Die Kunde kam ins Dorf, so schnell wie damals die Nachricht von dem

großen Sieg bei Leipzig. Jungfer Karoline kam gleich nach ihrer Herrin,

sie war noch schnell in den Garten gelaufen und hatte Blumen gepflückt,

in ihrer Aufregung hatte sie lauter große, leuchtende Feuerlilien

abgebrochen, daran roch sie unterwegs fortwährend, und so wurde ihre

Nase ganz gelb. Als sie in das Zimmer kam und Walter sitzen sah, da

vergaß sie sogar ihre feierlichen Verbeugungen, ihre geschraubten

Redensarten, sie fiel dem jungen Mann einfach um den Hals, und ihr

altes, gutes Gesicht strahlte vor Freude; im Überschwang der Gefühle

umarmte sie dann Luise und gab ihr die Feuerlilien. Dann tat sich

wieder die Tür auf, und der Magister Fürchtegott Richter erschien.

»Ist's möglich, ist's möglich, hat unser lieber Herrgott ein Wunder

getan?« rief er.

Franz Strobeck, der Schmied, ließ den Hammer wuchtig niederfallen, als

seine Frau die Worte in die Werkstatt rief: »Pfarrers Walter ist wieder

da!«

»Daß gleich das Donnerwetter dreinschlage, Alte, was sagst du?«

Franz Strobeck lief zur Schmiede hinaus, dem Pfarrhaus zu, und nahm

sich nicht einmal Zeit, die Ärmel seines blauen Hemdes wieder über

seine rußigen Arme zu streifen. Einer nach dem andern kam, um den

Heimgekehrten zu begrüßen, und Walter Flemming hatte kaum Zeit, all die

Hände zu drücken, die sich ihm entgegenstreckten, und alle die Fragen

zu beantworten: »Wo er so lange gewesen sei?«

»In französischer Gefangenschaft!«

»Der Teufel soll die Franzmänner holen,« rief der Schmied, und kratzte

sich verlegen hinter den Ohren, als er auf den Pfarrer blickte. Die

Schmiedsfrau aber, die gerade eintrat, sagte zu Jungfer Karoline: »Mein

Mann ist und bleibt ein Hitziger!«

»Warum er nicht geschrieben hätte?« fragte Daniel Romeike.

»Der Brief müsse verloren gegangen sein.«

»Wo man ihn gefangen gehalten habe?«

»In einer kleinen Festung an der spanischen Grenze!«

»Eintränken müsse man es den Franzosen, es wäre doch lange Frieden.«

So schwirrten Fragen und Antworten durcheinander, und wenn die Leute

zurückgingen, dann standen sie noch auf der Dorfstraße und redeten

lebhaft miteinander. Einer der Ihren heimgekehrt, ein Sohn des Dorfes,

war es nicht als wäre jedem Hause eine heilige Freude widerfahren?

In manchem Herzen regte sich da leise eine Hoffnung, zwar, man hat

ihn bestimmt totgesagt, aber wer weiß, wenn der Walter Flemming

zurückgekehrt war, o Gott, vielleicht wäre es doch noch möglich!

Die alte Mutter Romeike sandte noch am Abend ins Pfarrhaus und ließ um

Jesu willen bitten, der Herr Pfarrer möge doch mit seinem Sohn kommen,

bei ihr ging's gewiß zum Sterben, und sie hätte noch den einen Wunsch,

den Heimgekehrten zu sehen. Vater und Sohn gingen noch hin, die Enkelin

mußte mit einem brennenden Kienspan Walters Gesicht beleuchten, damit

die Großmutter mit ihren halberblindeten Augen ihn sehen konnte.

»Ja, er ist es,« murmelte sie, und dann forschte sie, ob er nichts von

ihrem Enkel wußte. Walter konnte ihr keine Auskunft geben. »Er fiel bei

Laon,« sagte der Pfarrer.

Die alte Frau nickte, »so sagen sie, und da werde ich ihn bald

wiedersehen,« dann legte sie segnend ihre welken, arbeitsmüden Hände

auf Walters Haupt.

Am Abend kam von Schönheide der Freiherr Franz herübergeritten, der

lange Friedrich hatte ihm einen Boten gesandt, er saß mit in dem

Familienkreise, und nun erst konnte Walter seine Erlebnisse berichten,

sie saßen alle zusammen in dem Wohnzimmer, durch das offene Fenster

strömte die warme Sommerluft in das Gemach, und Nachtschmetterlinge

flatterten, von dem Licht angezogen, herein: »Wie schön es daheim ist,«

sagte Walter leise, »ach wie oft habe ich an die Heimat gedacht. Im

Schlachtenlärm, bei den langen Märschen, im Feindesland und dann in der

langen, langen Gefangenschaft. Bei Leipzig bin ich gut fortgekommen,

und dann später auch bei unserm Marsch nach Frankreich. Bis zu dem Tag

von La Chaussee, es war kein heißer Tag, wie der von Leipzig, aber doch

fiel mancher meiner Kameraden. Wir waren ein Häuflein, das abgetrennt

war von den andern, unser Oberst war verwundet worden, unsere Fahne

in Gefahr, da haben wir denn versucht, den Rückzug zu decken, bis die

Verstärkung kam. Ich erhielt einen Schuß, wie ein Schlag war es, und

ich weiß nur noch, daß ich das laute Siegesgeschrei der Unsern hörte,

wie ich zu Boden sank. Ich mußte wohl lange ohne Besinnung gelegen

haben, als ich erwachte, war es dunkel um mich her, ich empfand einen

rasenden Schmerz in der Brust, und brennender Durst quälte mich, ich

versuchte, mich aufzurichten, aber stöhnend sank ich wieder zurück. Ich

sah über mir an dem dunkeln Nachthimmel einige Sterne glitzern, und

manchmal klang das Wimmern und Stöhnen derer an mein Ohr, die gleich

mir verwundet und verlassen auf dem Schlachtfeld lagen. Ich war so matt

und schloß wieder die Augen, und auf einmal klang wie aus weiter Ferne

Hilferuf an mein Ohr, und zugleich empfand ich wieder den rasenden

Schmerz. Ich öffnete mühsam die Augen, neben mir lag jemand, ich konnte

eine dunkle Gestalt erkennen, und dann hörte ich Worte, ein Flehen

war es um Wasser, ein jammervolles Bitten. Es war ein französischer

Offizier. Mühsam suchte ich meine Feldflasche, nur das Jammern meines

Nachbars gab mir die Kraft zu dieser Anstrengung. Ich fand die Flasche

und reichte sie dem Offizier, ich hörte noch seinen Dank, dann verlor

ich wieder das Bewußtsein.

Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage · 第 9 / 10 段