ich Stimmen, dann wieder hatte ich das Gefühl, als schwebte ich,
und dann war ich wieder in der Heimat, ich hörte alle eure lieben
Stimmen und dann wieder Schreien und Tosen. Als ich endlich zum
Bewußtsein kam, lag ich auf einem Wagen, der langsam dahinfuhr. Ich
richtete mich mühsam auf, und sah nun neben mir, vor mir, hinter mir
französische Soldaten. Stumm zogen sie ihres Weges, und es war ein
seltsames Bild, wie ein Gespensterzug, schweigend und finster zogen
sie einher. Ich lag auf Stroh, und mein Lager war keineswegs sehr
bequem, da der Wagen hin und her schwankte, außerdem schmerzten Brust
und Kopf mich heftig, ich drehte mich ein wenig zur Seite, da sah ich
einen französischen Offizier liegen, ihm war aus Stroh und Mänteln ein
etwas bequemeres Lager bereitet. Als er sah, daß ich wachte, richtete
er einige freundliche Worte an mich und winkte dann einem Soldaten,
der mir Brot und Wasser reichte; heißhungrig griff ich zu, und kaum
hatte ich mein Mahl beendet, da schlief ich schon wieder ein. Es kam
mir kaum zum Bewußtsein, daß ich in französischer Gefangenschaft war.
Anfangs fühlte ich auch die Härten der Gefangenschaft nicht allzu sehr.
General Maillard sorgte gut für mich, aus Dankbarkeit, daß ich ihm auf
dem Schlachtfelde die Flasche gereicht hatte. Wir kamen nach einem
Lazarett in eine kleine Stadt, dort lag ich viele Wochen schwer krank,
und während dieser Zeit wandelte sich mein Schicksal, mein Beschützer
starb. Fast schon genesen war er, da trat eine Verschlimmerung ein, und
gerade an dem Tage, an dem der Arzt mir sagte, ich würde vollständig
gesund werden, starb der General. Ich fühlte es bald, daß ich ihn
verloren hatte, auf seinen Befehl hatten mich damals die Soldaten vom
Schlachtfeld mitgenommen, nun war ich ein überflüssiger, verhaßter
»~Prussien~«. Er hat es gut mit mir im Sinn gehabt, mein Beschützer,
er wollte sich dankbar erweisen, und doch, welchem Elend hat er mich
ausgeliefert. Eine Zeitlang blieb ich noch in dem Lazarett, von dort
aus schrieb ich an euch. Einem Wärter opferte ich alles, was ich
noch an Wertsachen besaß, damit er den Brief befördere, daß er nie
angekommen ist, hat mir Hans-Heinrich erzählt. Später wurde ich mit
vier Leidensgefährten, einem preußischen, zwei österreichischen und
einem russischen Offizier nach St. J., einer kleinen Festung, nahe der
spanischen Grenze, gebracht. Wir schlossen uns bald aneinander an, wir
sprachen von unserer Heimat, von unserer Hoffnung, bald frei zu kommen,
aber meine Kameraden waren alle verwundet, und die feuchte, moderige
Luft in den Kasematten von St. J. zerstörte ihre schwache Lebenskraft.
Wir waren nicht lange zusammen, einer nach dem andern nahm Abschied für
immer, und eines Tages trug man den letzten meiner Gefährten hinaus, wo
er klanglos begraben wurde, und ich war allein.
»Allein! -- O, ihr könnt nicht ermessen, wie oft ich verzweifelt
dieses ›Allein‹ empfunden habe, wie oft ich die heiße Stirn an die
feuchte, kalte Mauer meines Gefängnisses gepreßt habe, und geweint in
ohnmächtigem Schmerz. Allein! -- Verlassen! -- Vergessen! --
»Die Tage schlichen hin, einer wie der andere, so trostlos, sie
wurden zu Wochen, zu Monaten und Jahren. Ich wußte in meiner engen
Zelle nicht, wie draußen der Welt Lauf war, ich wußte nicht, ob mein
Vaterland seine Freiheit errungen hatte oder ob noch die Hand des
Eroberers auf ihm lag. Ich saß in meiner Zelle, von der ich durch ein
stark vergittertes Fenster ein Stück Himmel und eine graue Mauer sehen
konnte, dies war meine Welt. Als besondere Gnade mußte ich es ansehen,
daß man mir einige Bücher gegeben hatte, es waren drei Stück, ein
Gebetbuch in lateinischer Sprache, ein altfranzösisches Legendenbuch
und einen Band Diderot. Wie froh war ich, liebe Mutter, daß Sie
mich Französisch gelehrt hatten, und wie oft habe ich früher darüber
gemurrt, daß ich es lernen mußte. Zuletzt konnte ich die Bücher fast
auswendig, und doch habe ich sie immer und immer wieder gelesen, nur um
die tödliche Einsamkeit zu überwinden. Manchmal habe ich auch laut mit
mir gesprochen, um eine Stimme zu hören, schaurig klang sie mir in dem
düsteren Raum. Wäre ich nicht so jung gewesen und hätte ich nicht immer
ein Stückchen des Himmels gesehen, so wäre ich völlig verzweifelt, so
aber kam immer wieder die Hoffnung in mein Herz.
»Ich sann auf Flucht. -- Ich begann mit den Händen an der
Mauer zu kratzen, sie schien mich zu höhnen in ihrer Dicke und
Undurchdringlichkeit, ich lag auf dem Boden und untersuchte die
Steinfliesen, sie spotteten meiner Kraft.
»Ich habe die abenteuerlichsten Gedanken gehabt, um frei zu werden,
aber was half mir alles. Ich zerschnitt mein Bettuch in schmale
Streifen, und wie ich mitten in der Arbeit war, kam mein Schließer
und nahm mir mit finsterem Lachen meinen halbvollendeten Strick fort.
Seitdem verdoppelte er seine Aufmerksamkeit. Er hatte, wenn er mir
meine Nahrung brachte, auf alle meine Fragen nur eine kurze, barsche
Antwort, sein finsteres Gesicht erhellte nie ein freundlicher Zug.
Einmal des Tages durfte ich für kurze Zeit auf dem Hof der Festung Luft
schöpfen, mein Wärter ging hinter mir her, mich unablässig bewachend,
öde, trostlos waren diese kurzen Gänge, und doch habe ich mich auf sie
gefreut, sehnte mich nach ihnen wie nach einem Glück.
»Und dann kam meine Befreiung!
»Eines Tages saß ich in finstere Gedanken vertieft und sah auf das
kleine Fenster, das mit seinem starken Gitter mich höhnte, da öffnete
sich plötzlich die Tür, und auf der Schwelle standen zwei französische
Offiziere. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung, was wollten sie
von mir, brachten sie mir Freiheit oder Tod? Ich konnte anfangs vor
Aufregung kaum sprechen, und als der eine der beiden sagte, ›er brächte
mir Freiheit‹, da weinte ich wie ein Kind.
»Endlich faßte ich mich soweit, um die Fragen der Offiziere zu
beantworten, und ich erfuhr von ihnen, daß bereits im November zum
zweiten Male Frieden geschlossen sei, jetzt war es April. Der alte
Kommandant der Festung hatte es unterlassen, meine Anwesenheit zu
melden, er überließ mich dem Schließer, der genau die Befehle befolgte,
die er am Tage meiner Einlieferung erhalten hatte. Hätten die beiden
Offiziere, die, auf einer Inspektionsreise begriffen, in die Festung
gekommen waren, nicht durch einen Soldaten erfahren, daß sich hier ein
Gefangener befände, man hätte mich ruhig weiter um meine Jugend, meine
Freiheit betrogen.
»Die Offiziere behandelten mich mit großer Höflichkeit, die ganze Sache
war ihnen sichtlich unangenehm. Einige Wochen mußte ich noch in St.
J. verweilen, dann kam eines Tages der Befehl, ich könne reisen. Ich
bekam eine kleine Summe Geld ausgehändigt, mußte mein Ehrenwort geben,
Frankreich so schnell wie möglich zu verlassen, man übergab mir noch
einen Brief an den französischen Gesandten in Berlin, und an einem
wundervollen Frühlingsmorgen fuhr ich von St. J. fort, hinein in die
Welt, ein freier Mann.
»Mein Weg führte mich über Bordeaux durch das schöne, blühende,
üppige Weinland hindurch, ich, der ich so lange nichts wie den öden
Festungshof gesehen hatte, befand mich wie in einem Traum, aber so viel
Schönes ich auch sah, so anmutig die Reise verlief, den rechten Genuß
hatte ich nicht, meine Sehnsucht nach der Heimat war zu groß. Und dann
kam ich an den Rhein, sah den schönen Strom wieder, den ich im Winter
einst überschritten hatte, überschritten in froher Siegeshoffnung. Ich
hörte zum ersten Male wieder seit vielen Jahren deutsche Laute. Ich
habe auf der Erde gelegen und den deutschen Boden geküßt. ›Heimat!‹
-- ›Vaterland!‹ -- Ich lachte den Leuten ins Gesicht, die mir einen
deutschen Gruß boten, und dabei liefen mir die hellen Tränen über die
Wangen.
»Ich mußte meinen Weg zum größten Teil in Deutschland zu Fuß
zurücklegen, da meine Mittel nicht ausreichten, die Post zu bezahlen;
so sehr dadurch meine Heimkehr sich verzögerte, so war es mir doch
ein Genuß, durch deutsche Länder zu wandern. Meine durch die lange
Gefangenschaft geschwächten Kräfte hoben sich, meine Haut bräunte sich,
ich wurde wieder jung und stark.
»In Leipzig, über das mich mein Weg führte, weilte ich einen Tag, ich
wanderte auf die Schlachtfelder hinaus, und freundliche Leute, die mir
artig Auskunft gaben, erzählten mir viel von jenen Schreckenstagen. Ich
sah die weiten Ebenen, die unser Blut getränkt hat, jetzt wogt das Korn
auf den Feldern und die Spuren sind zum Teil verwischt. Endlich kann
unser Volk aufatmen in Freiheit!
»Was soll ich noch weiter erzählen, von meiner Ankunft in Berlin, wo
ich mich meldete, den Brief an den Gesandten abgab, der die Wahrheit
meiner Worte bestätigte, von dem Wiedersehen mit Hans-Heinrich, von
meinem Glück, Kunde aus der Heimat zu hören. Und dann die Unruhe, die
immer mehr wachsende Ungeduld und Sehnsucht, als die Gegend bekannter
wurde; als unser See, der Wald auftauchte, und ich mich kurz vor dem
Dorfe trennte, um allein ins Vaterhaus zu gehen.«
Walter schwieg, und eine Weile lag tiefes Schweigen auf dem kleinen
Kreise. Auch der Heimgekehrte sann der vergangenen Zeit nach, der
trüben, schweren Zeit, doch die lag hinter ihm, und eine frohe
Gegenwart war da. Er sah auf Renate, und er begegnete ihrem warmen,
treuen Blick, da richtete er sich straff auf und sagte mit froher
Stimme: »Die Heimat hat mich gleich reich gemacht. Hier, an der
Schwelle des Vaterhauses, trat mir mein Glück entgegen, diejenige,
deren Bild in meinem Knabenherzen ich mit mir nahm, traf ich als
liebliche Jungfrau wieder. Sie, die fast noch ein Kind war, als ich
Abschied nahm, hat treu in ihrem Herzen die Liebe für mich bewahrt,
Vater, Mutter, darf der heimgekehrte Sohn euch auch die Tochter ins
Haus führen?«
Wie gern gaben die Eltern ihren Segen, wie strahlten ihre Augen in
dankbarem Glück, als sie die Kinder in die Arme schlossen, und wie
freudig bewegt zog auch Frau Friederike die beiden an ihr Herz, und
Luise flüsterte: »Brennende Liebe und Braut im Haar, o, Renate, was
sagte ich dir heute!«
Da traf Hans-Heinrichs Blick den ihren, und eine heiße Glut stieg ihr
in die Wangen, ihre Augen ruhten ineinander und ihre Herzen erfüllte
die glückselige Ahnung einer schönen kommenden Zeit.
»Meine Renate wird noch lange des Tages harren müssen, an dem ich
ihr ein Heim bieten kann,« sagte Walter dann ernst, »denn nun erst
muß ich beginnen, mir eine Lebensarbeit zu suchen. Als ich ein Knabe
war, erschien mir die Heimat eng, ich sehnte mich in die Weite, und
nun ich in der Ferne die Enge kennen gelernt habe, erscheint mir die
Heimat weit und schön, meines Herzens Wunsch ist, ich könnte in der
Heimat bleiben. Vielleicht hat die Heimat Raum für einen, der sich aus
vollem Herzen nach Arbeit sehnt. Auf welchen Platz mich das Schicksal
auch hinstellt, ich will arbeiten, danach habe ich mich gesehnt als
ich im Gefängnis lag, wie sehr kann nur der ermessen, der solche Zeit
durchlitten hat.«
»Die Zeit liegt noch nicht fern, da standen wir einmütig auf, einer
des anderen Bruder im Kampfe fürs Vaterland, so wollen wir es auch im
Frieden halten und einmütig zueinander stehen,« rief der Freiherr Franz
von Seeheim. »Braver Junge du, was ich tun kann, dir und meiner lieben
Nichte einen Hausstand zu gründen, soll geschehen, und wie mir scheint,
hegt meine liebe Base Friederike die gleiche Ansicht!«
Frau von Seeheim sah gütig auf das junge Paar, »wie gern, wie gern will
ich helfen!«
»Du bleibst hier bei uns,« rief Hans-Heinrich, »werde ein Landmann, wie
ich, damit auch wir zusammen bleiben können!«
»Ja,« sagte Walter froh, »ich will es gern, ich habe das Gefühl, als
könnte ich gar nicht Freiheit, Luft und Sonnenschein genug bekommen,
nach den dunkeln Jahren!«
»Nun, und eine Scholle für den künftigen Landwirt soll sich schon
finden,« sagte der Freiherr, »vorerst komm zu mir, mein Junge, und
lerne bei mir, willst du?«
Walter Flemming schlug fröhlich in die dargereichte Hand, und nun
begann ein frohes Planen und Sprechen von künftigen Tagen.
[Illustration]
Die Kerzen waren inzwischen niedergebrannt, und Luise löschte die
schwelenden Dochte, aber die Helle des neuen Tages breitete sich schon
im Zimmer aus. Der Osten flammte im tiefen Rot, vom Dorf her klang das
Krähen eines Hahnes, der den Morgen ankündete, und in den Zweigen der
alten Linde, die vor dem Hause stand, huben die Vögel zu zwitschern
an. Der Morgenwind strich leise über die Blumen im Garten und nahm
ihren süßen Duft und trug ihn durch das offene Fenster hinein zu den
Menschen, die da in stiller Glückseligkeit beieinander saßen.
»Die Sonne geht auf,« sagte Pfarrer Flemming, »ein neuer Tag bricht an
und wir wollen unsern lieben Herrgott bitten, daß es für uns ein Tag
werde voll fröhlicher Hoffnung, voll treuer Arbeit in stillem Frieden!«
[Illustration]
Inhalt
Seite
1. Im Herrenhaus zu Kloningken 5
2. Ungebetene Gäste 13
3. Eine kleine Heldin 24
4. Stille Tage 33
5. Warum Magister Fürchtegott Richter an einem
Wochentag die Schule schließt 41
6. Eine Neujahrsnacht 48
7. Vater und Sohn 55
8. Freunde werden zu Feinden, Feinde zu Freunden 67
9. Demoiselle Karoline sieht einen Geist 78
10. Liebet eure Feinde 90
11. Die Folgen einer Predigt 102
12. Luise unternimmt einen Spaziergang und eine
Abschiedsstunde schlägt 107
13. Das Vaterland ruft 116
14. Ein Kapitel, in dem viel von Angst, Sorgen und
Hoffnung geredet wird 137
15. Bei Leipzig 145
16. Eine Siegesbotschaft 154
17. Wiedersehen 166
18. Eine unterbrochene Geburtstagsfeier 175
19. Im Frieden 184
20. Durch Leid zum Glück 195
[Illustration]
* * * * * *
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.
Die Ganzseitenbilder wurden an entsprechenden Textstellen
verschoben.
Korrekturen:
S. 69: dagebracht → dargebracht
die der Pfarrer und seine Frau ihr _dargebracht_ hatten.
S. 113: die → du
Komm, Luise, _du_ bist ein liebes, tapferes Kind,