Wetter hatte die Wege noch schlechter gemacht und hier mehrten sich
auch die Spuren des Krieges, über Dennewitz und Zahna ging es und
niedergebrannte Häuser, verwüstete Dörfer bezeichneten die Straße. Hin
und wieder kamen ganze Züge von Landleuten, sie führten einen Teil
ihrer ärmlichen Habe bei sich, denn sie zogen aus ihren zerstörten
Wohnstätten fort, um für den Winter ein Unterkommen zu finden. Oft
konnten die Reisenden nicht weiter, da keine frischen Pferde vorhanden
waren, und Frau Friederike verzehrte sich vor Ungeduld, ihrem Ziele
näher zu kommen. Die traurigen Szenen, die sie sah, vernichteten
ihren Mut, und die Angst um ihren Sohn wuchs. Endlich näherten sie
sich Leipzig, eine weite Ebene dehnte sich um die Stadt, unaufhörlich
rieselte der Regen auf die Stätten des Jammers nieder. Noch sahen die
Reisenden Gefallene auf der braunen Erde liegen, in der Ferne sahen
sie dunkle Gestalten, die eifrig gruben, dort wurden die Toten in
Massengräbern beigesetzt.
Pfarrer Flemming, der noch nichts über das Schicksal seines Sohnes
wußte, schauerte zusammen. Über seine eigene Sorge hinaus dachte er
aber auch an den namenlosen Jammer, an die ungezählten Tränen, die um
diese Toten flossen. Und dann überkam ihn in allem Leid wieder eine
tiefe, unendliche Freude über diese Söhne des Landes, die so mutig
dieses große Werk vollbracht hatten.
Es war Mittag, als die Reisenden durch das Hallesche Tor in Leipzig
einfuhren, die Post rasselte durch die Straßen, und der Schwager auf
dem Bock blies ein fröhliches Liedchen. Hier in der Stadt sah man
weniger als in der Umgebung von den Folgen der furchtbaren Schlacht,
hier bargen die Häuser das Leid, denn es waren viele Häuser, in denen
noch Verwundete untergebracht waren. Für Frau von Seeheims Unruhe ging
alles viel zu langsam, sie ließ ihrem Begleiter kaum Zeit, für das
Gepäck zu sorgen, und endlos erschienen ihr die Straßen, durch die sie
gehen mußten, ehe sie das bezeichnete Haus erreichten. Sie fanden sich
leicht zurecht, da man ihnen auf ihre Fragen freundlich Auskunft gab,
und bald standen sie vor dem schmalen, grauen, mit altmodisch spitzem
Giebel gezierten Hause und ließen den Klopfer an die Türe fallen.
Eine ältere, freundlich aussehende Magd öffnete und führte sie in ein
zur Seite des Flurs gelegenes Zimmer. Dasselbe war dem Geschmack der
Zeit entsprechend eingerichtet, steife Möbel füllten es an, einige
schöne Kupferstiche an den Wänden und Efeu an den Fenstern machten es
behaglich. Einige Zeit verging, der Pfarrer hatte der Magd ihre Namen
gesagt, und nun harrten beide voll Angst, was die nächsten Minuten
ihnen bringen würden. Endlich öffnete sich eine Tür und die Frau des
Hauses stand auf der Schwelle. »Er lebt!« rief sie Frau Friederike
entgegen, und diese, die sich bis dahin mühsam aufrecht gehalten hatte,
brach bei diesen Worten in Tränen aus.
»Er lebt,« wie Engelsgesang klangen ihr diese Worte im Ohr, und ihre
zitternden Hände griffen nach denen der gütigen Frau, die sich ihr
entgegenstreckten. »Kommen Sie selbst,« sagte diese, »Sie werden mit
Ungeduld erwartet!«
Sie führte ihre Gäste eine Treppe hinauf und öffnete eine Tür, da rief
schon eine, ach so geliebte Stimme: »Mutter, meine Mutter!« Im nächsten
Augenblick kniete Frau Friederike vor dem Lager und hielt ihren Sohn in
den Armen, »mein Kind, mein einziges Kind!«
[Illustration: »Mein Kind, mein einziges Kind!«]
Die Professorin hatte den Pfarrer leise an der Hand genommen, sie
wollte dieses erste Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn nicht stören,
sie führte ihren Gast in ein nebenanliegendes Zimmer. »Jetzt ist der
Raum frei, die Franzosen, die hier lagen, sind zu meiner großen Freude
gesund geworden!« Gedankenvoll nickte der Pfarrer, »ich will auch
meinen Sohn suchen, ich habe keine Nachricht von ihm.«
»Ich kann sie Ihnen geben,« sagte die Professorin herzlich, »Ihr
Sohn ist gesund und mit seinem Regiment bereits auf dem Marsch nach
Frankreich. Mein Mann hat sich auf unseres Pfleglings Bitte erkundigt
und diese Auskunft erhalten. Er hat auch im Lazarette einen Soldaten
Strobeck aufgefunden, der auch aus Ihrem Heimatsdorf stammt.«
Der Pfarrer atmete tief auf, sein Sohn war gesund, freilich, noch
stand er im Felde, aber dem Vater ging es wie der kleinen Luise, seine
Hoffnung wurde wieder stark und groß. Er dankte der liebenswürdigen
Frau herzlich für ihre Auskunft, und sie, die die Schreckenstage der
Schlacht miterlebt hatte, erzählte ihrem Gast viel davon.
Unterdessen saß Frau Friederike am Lager ihres Sohnes, und sie konnte
sich nicht satt sehen an dem geliebten Gesicht. Es sah freilich so
anders aus als das frische Knabengesicht, das sie zuletzt gesehen
hatte, blaß und schmal war es geworden, die schwere Zeit, der Krieg
mit seinen Schrecken und die lange Krankheit hatten ihre Runen
hineingegraben und die kindlichen Züge hart gemacht. Ein Zug war darin,
der von tiefen Schmerzen sprach, und ergriffen strich die Mutter ihrem
Liebling sacht über das Haar, das hatte er so gern gemocht, als er
noch ein Kind gewesen war. Mit matter Stimme erzählte Hans-Heinrich
von den Tagen der Schlacht, daß Walter Flemming am Leben sei, aber
Franz Ragnit war tot, er war wenige Tage vor der Schlacht bei einem
Streifzug gefallen. Und Vogt Schwarze war tot, er war es gewesen, der
Hans-Heinrich vom Schlachtfeld getragen hatte, dann hatte ihn eine
Kugel getroffen, und er war unterwegs beim Transport gestorben. Daß
der Wagen umgestürzt war und Leutnant von Lühenaar ihn gefunden hatte,
wußte Hans-Heinrich nicht mehr, er war erst nach vielen Tagen wieder
erwacht, in dem freundlichen Zimmer, in dem er jetzt lag.
»Und du wirst wieder gesund, mein Herzensjunge, ich nehme dich mit nach
Kloningken, dort sollst du ganz genesen,« sagte Frau von Seeheim innig.
»Ja, Mutter,« die Stimme des Jünglings klang gepreßt und der Leidenszug
in seinem bleichen Gesicht verschärfte sich. »Ja -- ich werde gesund,
gewiß, aber --« und auf einmal versagte ihm die Stimme und die hellen
Augen wurden schwarz vor Tränen. »Mutter,« schluchzte er, »Mutter,
ich bin ja ein Krüppel.« Er schlug die Decke zurück, da sah Frau
Friederike, daß ihm ein Bein fehlte.
Sie weinte nicht, sie schrie nicht, sie nahm ihren Sohn in ihre
Arme, als sei er noch der kleine hilflose Bube von einst. Mit fast
übermenschlicher Kraft bezwang sie ihren Schmerz, um ihrem Sohn sein
Leid nicht noch schwerer zu machen. »Mein Junge, du,« murmelte sie,
»du, mein tapferer Junge, du wirst auch mit einem Bein ein ganzer Mann
werden, wie dein Vater.«
Hans-Heinrich hielt die Mutter umschlungen, ganz fest, und auch er
dachte daran, ihr den Schmerz nicht zu vergrößern, und ganz tapfer
sagte er: »Ich will es werden, Mutter, ein rechter Mann, wie mein
Vater. Es war ja mein Wille, in den Krieg zu ziehen, und, Mutter, --
wir haben ja doch gesiegt.«
Dann wollte er von Kloningken etwas wissen, und Frau Friederike
erzählte ihm von allem und allem, sie sprach und lächelte, und dabei
schrie immer in ihrem Herzen das Leid: »Mein Sohn ist ein Krüppel.«
Die Professorin nahm ihre Gäste liebevoll auf, und Frau Friederike
verband bald eine herzliche Freundschaft mit der wackeren Frau. Einige
Tage sollte Hans-Heinrich noch in Leipzig bleiben, dann erst sollte die
Rückreise angetreten werden. Pfarrer Flemming benutzte die Zeit, um
sich nach seinen Pfarrkindern umzusehen. Er fand Franz Strobeck bereits
auf dem Wege der Besserung, und mit strahlender Freude begrüßte dieser
den Geistlichen. Als dieser ihm das Geschenk seiner Frau übergab,
schluckte er ein paarmal und fragte dann rauh: »Hat sie neu Stroh aufs
Dach gelegt?« Der Pfarrer bejahte und erzählte dann noch mancherlei
aus dem Dorfe; als er Abschied nahm, hielt ihn der Schmied noch einmal
zurück. »Ich bin bald gesund, aber nach Hause komme ich nicht eher, als
bis ich das Franzosenland gesehen habe, aber sagt ihr, sie wäre ein
braves Weib, und der Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal mit
ihr schelte!« Dann drehte Franz Strobeck sich rasch um und lag steif
und stumm und hielt sein graues Tuch im Arm.
Christian Ragnit fand der Pfarrer nicht und Franz war tot, so übergab
er das Geschenk des Bauern dem Schmied, der es getreulich mit
seinen Kameraden teilte. Bei jedem Stück aber erzählte er ihnen von
Kloningken, »und wenn das Franzosenland das reine Paradies ist, wie ihr
sagt,« versicherte er oft, »schöner als unser Kloningken kann's eben
nicht sein, nichts auf der Welt ist schöner. Donnerschlag noch mal, und
so 'ne Frau wie ich hat keiner.«
In den ersten Tagen des Dezember wurde die Heimreise angetreten. Wohl
war Hans-Heinrich noch sehr schwach, aber da jede Gefahr vorbei war, so
konnte Frau Friederike ihn unbedenklich den Mühsalen der langen Reise
aussetzen. Schwer wurde den dreien der Abschied von den gütigen Wirten,
und Hans-Heinrich winkte noch, so lange er es sehen konnte, nach dem
schmalen Haus hin, das ihm wochenlang eine gastliche Heimat gewesen.
Und seine Mutter dachte tiefbewegt daran, was wohl aus ihrem Sohn
geworden wäre, wenn der Mann, den sie selbst einmal von der Schwelle
ihres Hauses gewiesen, sich seiner nicht angenommen hätte. Still
fuhren die drei Reisenden wieder zum Halleschen Tor hinaus. Der Winter
hatte unterdessen seinen Einzug gehalten, und Schnee bedeckte die
Felder, auf denen vor wenig Wochen der Kampf getobt hatte. Freilich,
die niedergebrannten Dörfer und Gehöfte waren noch nicht aufgebaut,
und die Reisenden bekamen so viel Leid zu sehen, daß Hans-Heinrichs
Klage um sein verlorenes Bein verstummte. Wie reich war er doch noch,
er, der eine Heimat hatte, den eine Mutter umsorgte, gegen alle die,
die heimatlos, elend all der Härte des Winters preisgegeben waren.
Er ertrug auch klaglos alle Beschwerden der Reise, und eine stille,
tapfere Heiterkeit kam über ihn. In Berlin hielt Frau von Seeheim ihr
Versprechen und führte dem alten General ihren Sohn zu, der diesen
voll Herzlichkeit in seine Arme schloß. Er konnte gar nicht genug von
ihm über den Krieg erfahren, am liebsten hätte er ihn einige Zeit bei
sich behalten, aber keiner der Reisenden wollte von einer Verzögerung
hören, sie hatten Sehnsucht, heimzukommen.
Ganz unerwartet kamen die Reisenden eines Nachmittags in Kloningken an.
Luise, die eigentlich in beständiger Erwartung lebte, war die erste,
die den herankommenden Wagen erblickte. Ihr Jubelgeschrei lockte die
anderen herbei, und bald waren die Ankommenden von allen ihren Lieben
umringt. Sie konnten kaum aussteigen, jeder wollte ihnen helfen, jeder
ihnen die Hand drücken, sie umarmen. Und dann standen sie doch endlich
vor dem Wagen, und nun sahen es alle, daß Hans-Heinrich ein Krüppel
war, sie hatten es gewußt, und der Anblick erschütterte sie doch.
Luise hatte ganz tapfer sein, ihren Kummer nicht zeigen wollen, nun
aber stürzten ihr doch die heißen Tränen aus den Augen, und weinend
umschlang sie den Freund.
»Liebe kleine Luise,« sagte Hans-Heinrich mit einem stolzen Lächeln,
»weine doch nicht, ich habe meinem Vaterland ein Opfer gebracht, andere
müssen viel mehr leiden als ich.«
Da hob Luise die dunkeln Augen zu ihm auf, und fast feierlich rief sie:
»Ach, Hans-Heinrich, du bist wirklich ein Held!«
[Illustration]
18. Kapitel.
Eine unterbrochene Geburtstagsfeier.
Die Winterstille lag nun wieder über Kloningken, und hohe Schneewälle
schlossen das Dorf gleichsam von der Außenwelt ab. Dennoch fanden die
Nachrichten von dem Kampf, der noch immer tobte, auch weiter ihren
Weg in die winterliche Einsamkeit. Noch kämpften ja Klonigkener Söhne
draußen für die Freiheit des Vaterlandes. Walter Flemming war zum
Leutnant befördert worden, nach wochenlanger untätiger Wartezeit war
er mit nach Frankreich gezogen. Er schrieb so oft er konnte, und er
bestellte dann jedesmal Grüße von Christian Ragnit, der mit ihm im
gleichen Regiment stand. Die Briefe, die der Herr Leutnant, denn anders
wurde der Pfarrerssohn im Dorf nun nicht mehr genannt, in die Heimat
sandte, bildeten immer tagelang das Gespräch der Leute.
Bei des Freundes Berichten wallte in Hans-Heinrich dann doch oft eine
zornige Ungeduld auf, daß er daheim sitzen mußte. Es waren schwere
Zeiten für ihn, er erlangte nach den Anstrengungen der Reise nur
langsam seine Kraft wieder, und wochenlang mußte er noch stilliegen.
Seiner Mutter verschwieg er seine Sehnsucht, um ihr nicht das Herz
schwer zu machen, nur Luise war die Vertraute seiner Schmerzen. Und
niemand verstand es auch besser als Luise, ihn immer wieder über trübe
Stunden hinwegzubringen. Sie saß mit nimmermüder Geduld an seinem
Lager, und sie war, zu Jungfer Karolines maßloser Verwunderung, kein
Quirl, kein Wirbelwind mehr. Ja, sie ließ sich sogar von Hans-Heinrich,
um ihn zu zerstreuen, in die Geheimnisse der lateinischen Sprache
einweihen. Das gab dann fröhliche Stunden, an denen auch Renate
teilnahm und bei denen der junge Lehrer oft alle seine Schmerzen vergaß.
So vergingen die Wintertage und der März kam mit warmen Winden, mit
Sonnenschein und Frühlingshoffen. Am zehnten März feierte man in
Kloningken den Geburtstag der Gutsherrin. In der Sorge und Not des
vergangenen Jahres hatte niemand an eine Feier gedacht, in diesem
Jahre aber hatte Frau Friederike selbst Gäste eingeladen, sie wollte
dem Sohn einen heiteren Tag schaffen. Die Bewohner des Pfarrhauses
waren gekommen, Magister Richter fehlte nicht, und aus Schönheide war
Frau von Seeheim mit ihren Töchtern auch zur Feier eingetroffen. Sie
hatte die Nachricht von ihrem Mann gebracht, daß er bald heimkehren
würde. Er hatte bei einem kleinen Gefecht eine unbedeutende Wunde
empfangen, die ihn aber doch zwang, sich einige Zeit zu schonen, und
da, wie er schrieb, die Hauptarbeit nun ja getan sei, hatte er um seine
vorläufige Entlassung gebeten, um daheim einmal nach dem Rechten zu
sehen. Seine Frau und seine Töchter erwarteten seine Heimkehr voll
froher Ungeduld, sie waren nur auf dringende Bitten Frau Friederikes
nach Kloningken gekommen, weil sie fürchteten, der Erwartete könnte
inzwischen heimkehren. Erst der Einwand, daß der Freiherr ja durch
Kloningken kommen müßte, hatte sie hergelockt. Nun hielten die größeren
Dorfbuben auf der Landstraße Wache, damit ja ungesehen kein Wagen
durchfuhr, und in die fröhliche Geburtstagsgesellschaft hinein platzte
allviertelstündlich ein kleiner Bote mit der Nachricht: »'s kommt nicht
wer!«
»Der Vetter wird wohl kaum just an meinem Geburtstag kommen,« sagte
Frau Friederike, aber Luise sagte hoffnungsfroh: »Ich glaube, er kommt
doch, und -- er bringt sicher Walter mit, oder eine Nachricht von ihm!«
Pfarrer Flemming und seine Frau sahen sich an, auf beider Gesichter lag
eine stille Sorge, denn seit Wochen hatten sie keine Nachricht mehr von
ihrem Sohn erhalten. Renate sah die sorgenden Blicke, und ihr stilles,
blasses Gesichtchen wurde noch um einen Schein bleicher. Je länger der
Krieg dauerte, je größer wurde ihre Angst um den Freund, seit sie ihn
in Frankreich wußte, schien ihr die Gefahr, in der er schwebte, noch
gewachsen zu sein.
»Der Krieg ist doch noch nicht zu Ende, Luise,« sagte Hans-Heinrich ein
wenig verweisend, »wie kann Walter denn da heimkommen.«
»Na,« rief Luise in ihrer sorglosen Unbekümmertheit, »er kann doch
sagen, ich will mal meine Eltern besuchen, Vater sagt doch, jetzt wäre
der Krieg nicht mehr so schlimm!«
Draußen auf dem Flur entstand plötzlich ein lautes Geschrei und Jungfer
Karoline riß die Türe auf, ihr nach stürmten etliche Dorfbuben mit dem
Rufe: »Nun ist er da!«
Im ersten Augenblick hielten es alle im Zimmer für einen Scherz, denn
im Grunde hatten sie alle nicht geglaubt, daß der Erwartete kommen
würde, aber da fuhr schon draußen ein Wagen vor, und wenige Sekunden
später lag Frau Henriette in den Armen ihres Gatten, und die Töchter
umringten jauchzend den heimgekehrten Vater. In der Freude der ersten
Minuten fragten und riefen alle durcheinander, und der Freiherr von
Seeheim erhielt so viele Küsse und Umarmungen, daß er schließlich
lachend und pustend sagte: »Erbarmt euch, Mariellchens, das ist ja
schlimmer als in einer Schlacht, uff, laßt mich nur mal los!«
Da ließen die Töchter vom Vater ab, seine Frau aber hielt seine Hand
fest, als würde er sonst wieder von ihr gehen. Nun begrüßte der
Freiherr seine Cousine und die andern. Hans-Heinrich schloß er bewegt
in seine Arme, und dann reichte er Frau Charlotte die Hand, er tat es
herzlich, wie immer, und doch fühlte die Pfarrerin, daß sein Blick
dem ihren auswich, und daß sein Gruß gezwungen klang. Und rasch, in
plötzlich erwachter heißer Angst fragte sie: »Haben Sie meinen Sohn
gesehen -- bringen Sie mir Nachricht von ihm?«
Der Freiherr schwieg, sein Gesicht war tiefernst geworden, und auf
einmal fühlten es alle, er brachte eine trübe Nachricht mit.
»Mein Sohn -- er --« flüsterte Frau Charlotte mit versagender Stimme.
Da nahm der Freiherr von Seeheim rasch ihre Hände in die seinen, und
traurig ruhte sein Blick auf der bleichen Frau. »Er starb wie ein
Held,« sagte er ernst und feierlich.
Niemand sprach, niemand fragte, der Pfarrer hatte in wortlosem Schmerz
sein Weib umschlungen, und Luise war neben Renate, die bleich, wie
erstarrt, am Fenster saß, weinend zusammengesunken. Da sagte der
Freiherr in die schwere Stille hinein noch einmal: »Er starb wie ein
Held.« Dann fuhr er fort: »Bei La Chaussee gab es am 3. Februar ein
Gefecht, dabei wurde sein Oberst verwundet, den er selbst aus dem
Feuer trug. Dann deckte er mit wenigen Kameraden, einem Transport
Verwundeter und der Fahne den Rückzug, bis Verstärkung kam. Dabei
fiel er, denn er focht als Anführer tollkühn und löwenmutig gegen die
Übermacht der Angreifer. Später haben dann seine Kameraden, die ihn
alle liebten, nach seiner Leiche gesucht, aber sie nicht mehr gefunden.
Ich selbst ritt zwei Tage später an der Stelle vorbei, in der Nähe
stand ein Haus, dessen Bewohner wir im Keller fanden. Als sie sich
überzeugt hatten, daß wir nichts von ihnen wollten und ihnen nicht
ihre kümmerliche Habe zu rauben gedachten, gaben sie uns Auskunft. Sie
behaupteten, ihre Landsleute hätten am nächsten Tage einen jungen,
fremden Soldaten, der neben einem hohen französischen Offizier gelegen
hätte, mit sich genommen. Ich beschrieb ihnen unsern jungen Freund, da
sagte die Frau: ›Herr, sie waren alle bleich, blutig, sie sahen alle
jammervoll aus, wer sollte da einen herauskennen.‹ Ich habe mich dann
noch da und dort erkundigt, aber niemand konnte mir weitere Auskunft
geben, und seine Kameraden, die an seiner Seite gefochten haben, waren
von seinem Tod überzeugt. Ich bin es auch!«
Der Freiherr schwieg und der Pfarrer gab ihm stumm die Hand. Frau
Charlotte aber erhob sich schwer, »wir wollen heimgehen,« sagte sie
leise, und ihr Blick suchte ihre Kinder. Schluchzend klammerte sich
Luise an die Mutter an, Fritzel weinte leise mit, obgleich er das
tiefe Leid erst ahnte. Niemand wagte die Eltern mit ihren Kindern
zurückzuhalten, sie fühlten alle, es war nicht die Stunde, um
Trostworte zu sagen, und so schied die vorher so fröhliche Gesellschaft
still voneinander.
Freiherr Franz von Seeheim fuhr mit den Seinen heim, die Freude,
einander wiederzuhaben, überwand, je näher sie Schönheide kamen, die
traurige Stimmung, und bei dem Jubel, mit dem die Schönheider Bauern
ihren Gutsherrn begrüßten, erhellte sich dessen ernstes Gesicht. »Es
ist doch gut sein in der Heimat, Henriette,« sagte er bewegt, »und daß
wir die Franzosen rausgejagt haben, dafür will ich jeden Tag meines
Lebens danken!«
In Kloningken saß Frau Friederike mit ihrem Sohn bis tief in die Nacht
hinein in schmerzlicher Trauer beisammen, sie sprachen viel von Walter,
der in fremder Erde ruhte, und Hans-Heinrich schämte sich der Tränen
nicht, die um den Freund flossen. Mutter und Sohn ahnten beide nicht,
daß nicht weit von ihnen ein junges Herz das schwerste Leid seines
Lebens trug. Renate war nach der Erzählung ihres Oheims still aus dem
Zimmer gegangen, und niemand hatte sonderlich auf sie geachtet. Es
wußte ja niemand, wie innig sie den Jugendfreund geliebt hatte. Nur
Frau Charlotte ahnte es, aber diese dachte in dieser Stunde auch nicht
an das einsame Kind. Und doch sehnte sich Renate unsagbar nach ihr.
Sie saß in tränenlosem Leid in ihrem Zimmerchen und dachte: Könnte ich
jetzt bei seiner Mutter sein und mich an ihrem Herzen ausweinen. Sie
dachte an all die frohen Stunden, die sie mit Walter verlebt hatte, an
seinen Ernst, und wie er, trotz seiner Jugend, schon in manchem ihr
Lehrer gewesen war. Ihr Jammer war so groß, daß sie nicht einmal Tränen
fand, und an diesen ungeweinten Tränen meinte sie fast zu ersticken.
Endlich sprang sie auf, sie hielt es in der Einsamkeit nicht mehr aus,
und sie lief, so wie sie war, in ihrem weißen Festkleid, hinunter. Zu
ihrer Tante wollte sie, als sie aber vor der Türe stand, hörte sie
drinnen Mutter und Sohn miteinander sprechen. Die zaghafte Scheu, die
ihr so oft den Mund verschloß, trieb sie auch jetzt hinweg, die beiden
da drinnen brauchten sie nicht, vermißten sie nicht, sie waren sich
selbst genug. So lief sie denn hinaus, und draußen umfing sie brausend
der Frühlingssturm. Sie schlug ganz unwillkürlich den Weg nach dem
Pfarrhaus ein. So wie damals im Winter den Verirrten, leuchtete auch
ihr heute das Licht entgegen, und sie ging sehnsüchtig dem Lichte
nach. Und dann stand sie draußen am Fenster, starrte in das trauliche
Zimmer hinein und wagte doch nicht einzutreten. Die Pfarrersleute saßen
still beieinander, Hand in Hand; Renate sah ihre traurigen, gramvollen
Gesichter, und sie sah auch Luise und Fritzel auf dem Sofa liegen, im
festen Schlaf, die beiden hatten sich wohl müde geweint. Ach, wenn sie
doch auch nur weinen könnte, sie lehnte den Kopf an die Mauer, und das
Weinspalier, das das Haus umzog, raschelte leicht.
Drinnen hob Pfarrer Flemming lauschend den Kopf. »Draußen ist jemand,«
sagte er zu seiner Frau. Die sah mit tränenschwerem Blick nach dem
Fenster, und sie sah ganz deutlich die weiße Gestalt des Mädchens
stehen. Da wußte sie es, ohne daß es ihr jemand gesagt hatte, daß es
Renate war, rasch stand sie auf und ging hinaus. »Renate, mein liebes
Kind,« rief sie, »komm zu mir.«
Renate schluchzte laut auf, jetzt kamen ihr die erlösenden Tränen, und
weinend sank sie in die Arme der Mutter, die sie ganz fest an ihr Herz
nahm.
Der Pfarrer und seine Frau verstanden beide das junge Leid, und sie
fanden auch den besten Trost dafür, sie umfingen Renate mit warmer
Liebe, und so fand diese in der schwersten Stunde ihres jungen Lebens
den köstlichen Schatz treuer Elternliebe.
[Illustration]
19. Kapitel.
Im Frieden.
Drei Jahre waren vergangen. Deutschland hatte den so heiß ersehnten
Frieden errungen, aber aus tausend Wunden blutend war es aus dem Kampfe
hervorgegangen. Sein Wohlstand war vernichtet, Städte und Dörfer zum
Teil zerstört, und Jahre schwerer Arbeit, harten Kampfes standen dem
geprüften Land noch bevor, ehe es glücklich den Frieden genießen konnte.
Über Kloningken strahlte die helle Sommersonne, und der kleine Ort lag
so friedlich da, von einem Kranze wogender Felder und früchtebeladener
Bäume umgeben, als hätten nie die Wellen des Krieges bis hierher
geschlagen. Und doch trugen auch hier die Bewohner noch an den Lasten
der verflossenen Kriegsjahre, die einstmals wohlhabenden Bauern waren
verarmt, und in Sorgen bestellte mancher sein Feld. Frau von Seeheim,
die selbst schwere Verluste an Geld und Gut erlitten hatte, linderte
trotzdem bereitwillig die Not der andern, und sie stand vielen mit
Rat und Tat hilfreich bei. Wenn möglich noch fester aber war in diesen
Jahren das Band der Freundschaft zwischen Herrenhaus und Pfarrhaus
geworden. Jetzt nahm Frau Friederike nicht mehr allein Liebe entgegen,
sie gab auch diese in reichlichem Maße, und besonders Luise war ihrem
Herzen immer teurer geworden. Es verging kaum ein Tag, an dem man
Luises helle Stimme nicht im Gutshaus hörte, und das halbe Jahr, das
diese auf Wunsch ihrer Mutter nach der Einsegnung in Königsberg bei
Verwandten zugebracht hatte, war allen unendlich lang erschienen.