Liebertwolkwitz tobte der Kampf, denn die verbündeten Heere waren mit
Napoleons Armee zusammengetroffen, und jene Riesenschlacht begann, die
unter dem Namen der Schlacht bei Leipzig ruhmvoll in der deutschen
Geschichte verzeichnet ist.
[Illustration]
Seit einer Stunde bereits lag die kleine Abteilung Soldaten auf dem
feuchten Boden, sie hatten den Befehl, ein gegenüberliegendes Gehölz
zu bewachen und, wenn möglich, das Vordringen der Feinde von dort
her, so lange es ging, zu verhindern. »Sterben kann man hier vor
Langerweile,« brummte ein graubärtiger Wachtmeister, »lieber ließ ich
mir die blauen Bohnen um die Ohren pfeifen, als hier im Schlamm zu
liegen, und dabei läßt sich keine Katze sehen.« Er stieß einen Soldaten
an, der erschöpft von dem langen Liegen und den anstrengenden Märschen
der vergangenen Tage eingeschlafen war. »Heda, jetzt ist keine Zeit zum
Schlafen, wachen, wachen heißt es, der Schlaf kommt vielleicht früher
als manchem lieb ist!«
Ein junger Fähnrich hob seinen dunkeln Kopf, und seine Augen sahen
gespannt nach jenem Gehölz hinüber. Er flüsterte seinem Kameraden zu,
der neben ihm auf der feuchten Erde lag: »Hans-Heinrich, siehst du
nichts? Mir ist es immer, als rege sich dort zwischen den Bäumen etwas.«
Der Angeredete schüttelte den Kopf. »'s ist nichts wie Dunst und Nebel,
ich glaube, wir können noch die ganze Nacht liegen, während die anderen
jetzt mitten im Kampf stehen.«
Wieder trat Stille ein, jeder hing seinen Gedanken nach, und der
Schläfer von vorher hatte wieder die Augen geschlossen und träumte.
»Dort, jetzt regt sich etwas, ich sehe es,« flüsterte der Fähnrich
plötzlich hastig.
»Wo, Flemming?« Der Leutnant, der den Trupp kommandierte, wandte sich
an diesen.
»Dort!« Walter Flemming zeigte auf eine Stelle, wo die Bäume etwas
weiter auseinanderstanden.
»Keiner darf sich rühren, die Gewehre schußbereit halten,« befahl
flüsternd der Offizier, und flüsternd pflanzte der Befehl sich von
Soldat zu Soldat.
Minute auf Minute verging, es wurde dämmeriger. Da plötzlich war
es, als fingen die Bäume des Waldes an, sich zu regen, es war als
führten sie einen Tanz auf, und dann lösten sich dunkle Gestalten
heraus und kamen näher. Aber wie das Brausen des Sturmes empfing sie
jäh das Geknatter von Schüssen. Sie schrien auf in der Überraschung,
sie drängten zurück, einige stürzten, und nun schwieg das Feuer
sekundenlang.
Da drängten die Feinde wieder vor, kampfbereit, entschlossen stürmten
sie vorwärts, sie erwiderten die Schüsse, und immer mehr und mehr
dunkle Gestalten kamen aus dem Walde empor.
Die kleine Schar der Preußen focht löwenmutig gegen die Übermacht der
Feinde. Einer nach dem andern fiel. Keiner kümmerte sich darum, sie
stürmten voran, vorwärts, nur vorwärts.
Da plötzlich klang's hinter ihnen wie Hurrarufen. »Die Unsern,« schrie
der Offizier, ein Schuß traf ihn, »vorwärts,« rief er noch und sank zu
Boden.
»Vorwärts!« Hans-Heinrich von Seeheim stürzte todesmutig vor. Ein
Schlag traf ihn an den Fuß, er taumelte, raffte sich wieder auf. Da
stürzte ihm der Helm vom Kopf, plötzlich lief es ihm warm über das
Gesicht, es flimmerte ihm vor den Augen, er stürzte zu Boden.
Er hörte Trompeten blasen, das Hurrarufen der Deutschen, dann, dicht
neben ihm klang sein Name. Mit Anstrengung öffnete er die Augen und sah
über sich geneigt Walter Flemmings Gesicht. Ein Freudenstrahl glitt
über des Todwunden Züge. »Grüße meine Mutter -- Kloningken -- alle,«
murmelte er und schloß die Augen.
Walter Flemming warf noch einen Blick auf den Freund, keine
Möglichkeit, ihn aus dem Getümmel zu tragen, ehe er noch recht zur
Besinnung kam, rissen ihn die Nachstürmenden fort, weiter, immer
weiter, hinein in den Kampf.
Drei Tage noch tobte die furchtbare Schlacht. Das Donnern der Geschütze
vermischte sich mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Stöhnen der
Verwundeten, und blutigrot beleuchteten die brennenden Dörfer das
trostlose Bild. Napoleon mußte fliehen. Die siegreichen Verbündeten
zogen in Leipzig ein, und die schwergeprüfte Bevölkerung empfing mit
dankbarem Jubel die Sieger.
Es war am Nachmittag des 19. Oktober. Durch das Grimmaische Tor ritten
die Truppen in die Stadt ein, eine Anzahl Offiziere, darunter ein
bayrischer Leutnant, waren genötigt, mitten in der Straße zu halten,
denn ein Transport Verwundeter versperrte ihnen den Weg. Tote lagen auf
der Straße und Verwundete klopften, um Einlaß flehend, an die zum Teil
mit Holz vernagelten Türen und Fenster. Es war ein schauriges Bild.
Ernst sah der junge Bayer darauf nieder, und vorsichtig hielt er sein
Pferd, damit es nicht auf die Körper der am Boden Liegenden träte.
Nachdrängende Truppen stürmten vor, und minutenlang stand er fest
eingekeilt, unfähig, sich zu rühren. Ein umgestürzter Wagen lag zur
Seite, eine Anzahl Verwundeter waren auf die Straße gestürzt, und
niemand war da, der sie aufhob, in wenigen Minuten waren vielleicht die
Wagen und Pferde der Nachkommenden über sie hinweggegangen.
Dicht vor dem Pferd des bayrischen Offiziers lag ein Verwundeter, oder
war es ein Toter. Unwillkürlich beugte sich der Offizier herab, er sah
in ein feines, schmales Knabengesicht. Das kam ihm bekannt vor, er
mußte es schon gesehen haben, nicht so starr und bleich, blühend und
frisch.
Eine Lücke entstand in dem Gewühl vor ihm. »Rasch vorwärts,« rief
ein Kamerad ihm zu. In diesem Augenblick wußte der Offizier, wer der
Verwundete vor ihm war, -- Hans-Heinrich von Seeheim.
Blitzschnell bog er sich herab und riß den Jüngling zu sich empor,
und schon ging es weiter, wie eine Vision sah er noch ein altes
Männergesicht, blaß, starr, das alte Gesicht kannte er auch, es war der
Vogt von Kloningken.
»Wenn Sie anfangen wollen, Tote zu sammeln, werden Sie heute nicht
fertig werden,« sagte ein höherer Offizier und schaute finster vor sich
hin.
Leutnant von Lühenaar ließ sich nicht beirren, er nahm den Geretteten
vor sich aufs Pferd, und so bahnte er sich langsam einen Weg durch die
Stadt. Aus einer Wunde am Knie quoll dem Jüngling noch immer das Blut,
da riß der Offizier seine Schärpe herab, er versuchte, so gut es ihm
in der schwierigen Lage gelang, das Tuch auf die Wunde zu pressen;
auf dem blassen Gesicht aber erschien kein Leben, unbeweglich lag
Hans-Heinrich in seinem Arm.
Weiter hinein ging's in die Stadt. Es war ein furchtbares Getümmel,
ein Schreien und Tosen, und von ferne tönte noch immer dumpfes Rollen,
noch immer stand ein mattes Rot am Himmel. Leutnant von Lühenaar erbat
sich einen kurzen Urlaub, um seinen Schützling unterzubringen. In den
Spitälern jedoch herrschte eine solche Überfüllung, und immer neue
Transporte mit Verwundeten kamen an, daß er bald die Unmöglichkeit
einsah, Hans-Heinrich dort ein Unterkommen zu schaffen. Er ritt nun von
Haus zu Haus und bat um Aufnahme, aber überall waren die Plätze, die
man hatte, längst besetzt. Viele Türen, an die er klopfte, blieben auch
verschlossen, die Bewohner wußten in ihrer Angst nicht mehr, wer Freund
und wer Feind war.
Der Abend brach herein. Verzweifelt sah der Offizier sich um, er hielt
in einer schmalen Gasse, die von der Petersstraße sich abzweigte, auch
hier schleppten sich Verwundete von Haus zu Haus. Schwer wie Blei lag
der Jüngling in seinem Arm. Er fühlte nach seiner Hand, vielleicht
war es ein Toter, den er da herumtrug. Aber noch klopfte leise der
Puls, noch war Leben in ihm. Und der junge Offizier dachte an die
stillen Tage in Kloningken, an sein eigenes Schmerzenslager, und fester
nahm er Hans-Heinrich in seinen Arm, er mußte ihn retten. Er klopfte
wieder an die Türen, endlich wurde ihm geöffnet und eine schlanke,
schwarzgekleidete Frau trat mit einer kleinen Laterne auf die dunkle
Straße hinaus.
»Madame,« rief Leutnant von Lühenaar rasch, »haben Sie Erbarmen. Geben
Sie dem Jüngling hier einen Platz, ich muß zurück zu meinem Regiment
und kann nirgends ein Unterkommen finden, helfen Sie mir, Madame, alle
Spitäler sind überfüllt!«
»Kommen Sie näher,« sagte die Frau, »ich wollte mir eben noch einige
Pfleglinge suchen, ich habe noch Platz in meinem Hause.« Kaum hatte
sie diese Worte gesagt, als sich schnell zwei Soldaten herandrängten,
der eine schleifte den Fuß nach, der andere hatte ein schmutziges Tuch
um den Kopf gebunden. »Nehmen Sie uns auf,« riefen sie. Sie taumelten
zwar erschrocken zurück, als sie den Offizier gewahrten, die Frau aber
sagte ruhig: »Ich habe Platz für alle.« Sie öffnete die Tür, eine alte
Magd kam zur Hilfe, und die beiden Frauen hoben Hans-Heinrich aus
des Offiziers Armen, während die beiden Soldaten über die Schwelle
schwankten. Leutnant von Lühenaar band sein Pferd an den eisernen Ring
der Haustür und trat dann ein, er war froh, daß er dieses Asyl für
seinen Schützling gefunden hatte.
In einem hellgetünchten, schlichten aber sauberen Zimmer waren Betten
aufgestellt, und in einem Nebenzimmer lagen bereits drei Verwundete.
»Ich nahm sie gestern auf,« sagte die Frau schlicht. »Es sind
Franzosen. Mein Mann ist Arzt, Professor an der Universität, er ist
in das Spital gegangen, um dort zu helfen, mir hat er die Pflege hier
überlassen, aber wir haben so viele Zimmer, da erschienen mir drei
Kranke zu wenig.«
Leutnant von Lühenaar drückte ihr dankbar die Hand und half ihr noch
seinen Schützling betten, dabei sagte er ihr kurz dessen Namen und
Heimat und erzählte, wie man ihn selbst dort einst gepflegt hatte.
»So jung ist er noch, ein Kind beinahe,« sagte die Frau, sie strich
mütterlich sanft über das blasse Gesicht. »Und einer Mutter letzter
Sohn ist es, sagen Sie; seien Sie ohne Sorge, was meine schwachen
Kräfte vermögen, soll geschehen, aber ich fürchte, es steht nicht gut
mit ihm.«
Der Offizier nahm Abschied. Am nächsten Tage schrieb er an Pfarrer
Flemming und meldete, wie er Hans-Heinrich gefunden hatte, und daß
dieser in guter Hut sei. Er selbst konnte nicht noch einmal nach ihm
sehen, denn seine Pflicht rief ihn fort, bereits am andern Tage mußte
er Leipzig verlassen.
[Illustration]
16. Kapitel.
Eine Siegesbotschaft.
Damals trug der Telegraph nicht wie heute die Kunde des großen Sieges
ins Land, es dauerte Tage und Wochen, ehe die Nachricht überallhin
gelangte, auch nach dem kleinen Kloningken kam sie viele Tage später.
Ein trüber, dunkler Tag war es, an dem der Regen in Strömen vom Himmel
floß, da kam von der nahen Stadt ein Bote, der den Sieg im Gutshaus
meldete. Wenige Minuten später wußte das ganze Dorf davon, und die
Nachricht rief eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Die sonst so
ruhigen, wenig zu Gefühlsäußerungen neigenden Dorfbewohner brachen
in Jubel aus, weinend vor Freude fielen sie einander in die Arme.
Magister Richter lief, so schnell es seine vor Aufregung zitternden
Füße erlaubten, zur Kirche, der alte Mann riß mit aller Macht am
Glockenseil, daß es laut in das Land hineintönte. »Sieg, Sieg, Sieg!«
[Illustration: Magister Richter zieht das Glockenseil]
Die Leute von Kloningken strömten zur Kirche wie sie waren, in ihrer
Arbeitskleidung, aus allen Häusern kamen sie daher, niemand wollte in
dieser Stunde fehlen. Die Mütter kamen mit ihren Kleinen auf dem Arm,
die Großmutter Romeike humpelte an ihrem Stock daher, und der alte
Scharwerker Stefan, der seit Jahren nicht weiter gekommen war, als
bis zu der Bank vor seinem Hause, ließ sich von seinen Enkeltöchtern
zur Kirche geleiten. Von der Kanzel herab verlas Pfarrer Flemming die
Siegesbotschaft, kurz und heiß, aus tiefstem Herzen kommend, war das
Dankgebet, das er sprach, und kniend betete die Gemeinde mit, aber
leise mischte sich in Dank und Jubel hinein die angstvolle Frage: »Wie
mag es den Unsrigen ergehen?«
Erst am Nachmittag des fünften Tages nach der Siegesbotschaft kam
der Brief Leutnants von Lühenaar nach Kloningken, der meldete, Hans
Heinrich lebt, aber er ist schwer verwundet. Frau Friederike brach
zusammen, als ihr Charlotte Flemming die Nachricht überbrachte. Sie
hatte immer geglaubt, es könne nicht geschehen, Gott könne ihr nicht
den letzten Sohn nehmen, nun riß diese neue Trauerkunde die alten
Wunden wieder auf. Vergebens war das Mühen der treuen Freunde, ihr
Trost zuzusprechen, noch sei der Sohn am Leben, noch sei die Hoffnung
nicht verloren, aber kein Trost fand anfangs den Weg zu dem Herzen der
verzweifelten Frau. »Er stirbt, er stirbt,« so jammerte sie nur immer,
und Charlotte Flemming saß die Nacht bei ihr und sprach immer wieder
von der Hoffnung, die noch sei, bis die verzweifelte Frau ruhiger
wurde und überlegte, was sie tun könne.
Während so die Pfarrerin der Freundin Trost zusprach, war ihr das
eigene Herz sehr schwer, Hans-Heinrich war verwundet, aber er lebte
und befand sich in guter Pflege, wo aber war Walter? Von ihm war keine
Kunde ins Elternhaus gedrungen, was war sein Schicksal?
Charlotte Flemming aber war eine jener starken Naturen, die nie
laut klagen, die in der Stille ihres Herzens ihr Leid tragen und
dabei unermüdlich sind in treuer Pflichterfüllung, die nach jedem
Leidenssturm, der über sie hinweht, uns schöner erscheinen in ihrer
schlichten Größe. So fand sie auch jetzt die Kraft, über die eigene
Sorge hinaus an andere zu denken. Und ihr Denken und Sorgen war
notwendig. Frau von Seeheim hatte nur den einen Gedanken, den, so bald
als möglich zu ihrem Sohne zu eilen. Der Pfarrer riet ab, denn eine
solche Reise war beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Der Mutter aber
schienen alle Hindernisse klein, sie hatte nur die eine Sehnsucht, den
Sohn wiederzusehen. Zuletzt stimmte ihr der Pfarrer zu, ja, er bot sich
zu ihrer Begleitung an, er wollte dabei gleich versuchen, Nachrichten
von Walter zu erhalten, denn von diesem hatten die Seinen noch
nichts gehört. Es wurde der Pfarrerin nicht leicht, ihren Mann diese
beschwerliche Reise antreten zu sehen, aber sie hielt ihn nicht durch
Bitten zurück, sondern traf umsichtig die notwendigen Vorbereitungen.
Der Geistliche fuhr noch am gleichen Tage nach der nächsten Stadt, um
alles zu besorgen, und auch nach einem Vertreter Umschau zu halten; so
sehr er auch eilte, so vergingen doch einige Tage, ehe er zur Reise
bereit war. Tage waren es, die für Frau Friederikes angsterfülltes
Herz lang wie Jahre währten, in denen sie rastlos durch ihre Zimmer
eilte und Anordnungen gab, die sie nach wenigen Minuten bereits wieder
änderte. Zuletzt kam Charlotte Flemming, sie sorgte in ihrer stillen
Ruhe dafür, daß alles Nötige verpackt wurde, und daß Jungfer Karoline
Weisungen erhielt, denn es konnten Wochen vergehen, ehe ihre Herrin
heimkehrte.
Auf Renate und Luise hatte die traurige Kunde einen tiefen Eindruck
gemacht, die ohnehin stille Renate sprach kaum noch ein Wort, sie half
mechanisch der Jungfer Karoline bei den Vorbereitungen, aber ihre
Gedanken waren so weit fort, daß sie alles verkehrt anstellte. Da ließ
die Jungfer, die selbst herzlich traurig über den Kummer ihrer Herrin
war, sie aufhören. Dann ging Renate in ihr Stübchen und starrte mit
tränenlosen Augen vor sich nieder, oft kam ein leichter Schritt herauf,
Luise war es, Luise mit rotgeweinten Augen und unerschütterlicher
Hoffnung im Herzen. Luise, die in diesen Tagen überall war, sie saß
bei Frau Friederike und weinte mit ihr und versicherte: »Hans-Heinrich
müsse gesund werden!« Sie huschte hinter ihrer Mutter her und küßte
deren Hand. »Walter kommt wieder, Mutterchen, glauben Sie es doch.«
Sie ging mit Jungfer Karoline, mit der sie längst wieder gut Freund
war, in die Vorratskammer und erzählte dort, auf einem Backtrog
sitzend, die wundersamsten Geschichten, wie Leute aus schwerer Gefahr
errettet wurden. Sie saß bei Stine Strobeck und sprach mit ihr über den
Sieg und sagte treuherzig: »Euer Mann kommt wieder, es ist ja gar nicht
anders möglich.«
An einem trüben, naßkalten Novembermorgen stand die altmodische,
schwerfällige Kutsche, die noch aus der Großeltern Zeiten stammte,
zur Abfahrt bereit und beinahe das ganze Dorf war versammelt, um der
Abreise der Gutsherrin und des Pfarrers beizuwohnen. Diejenigen, die
Angehörige im Kriege hatten, trugen Grüße auf, ja, in dem großen Koffer
der gnädigen Frau lag sogar eine Speckseite und eine Wurst, die Michael
Ragnit und sein Eheweib aus ihrem, in dieser harten Zeit selbst recht
dürftigen Vorrat mitgegeben hatten. »Für die, die es not haben,« sagte
die Bäuerin, »findet der Herr Pfarrer meine Jungen nicht, so gesegne es
Gott einem andern.«
Die alte Marie Romeike kam, und ihre gekrümmten Finger umschlossen
einige alte polnische Silbergulden.
»Nehmen gnädige Frau Baronin es mit,« bat sie, »damals wollte mein Sohn
das Geld nicht, aber nun kann er es vielleicht brauchen.«
Im letzten Augenblick kam noch Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, an,
sie trug ein dickes graues Bündel unter dem Arm, erst wischte sie
sich den Schweiß mit der Schürze vom Gesicht, dann stammelte sie:
»Wenn Gnaden, die Frau Baronin so gnädig wären, dem Franz das Tuchchen
mitnehmen, ich weiß nicht, ob es unten bei den Franzosen nicht recht
kalt ist, und -- und ein schönes Grußchen auch.« Sie knickste noch, als
sich der Wagen längst in Bewegung gesetzt hatte, und ihre Gönnerin,
Jungfer Karoline, führte sie endlich fort.
Der Wagen fuhr ganz langsam, Frau Charlotte ging noch einige Schritte
nebenher, mit ihr Renate und Luise. Im Wagen aber saß Fritzchen auf
seines Vaters Knien und schaute mit seinen großen Kinderaugen von einem
zum andern, er verstand noch nicht den Ernst dieser Stunde, aber da er
alle so traurig sah, war ihm sein kleines Herz auch schwer geworden.
Endlich mußte doch geschieden werden, die Zeit drängte, in der Stadt
wartete die Extrapost auf die Reisenden. »Der liebe Gott schütze euch!«
Mehr konnte Frau Charlotte nicht sagen, ein tapferes Lächeln aber lag
auf ihrem Gesicht, sie wollte nicht zeigen, wie schwer ihr der Abschied
wurde.
Der Kutscher zog die Zügel an, die Pferde setzten sich in Trab und fort
ging es; auf dem holprigen Wege schwankte der Wagen hin und her und
bald entschwand er im Nebel den Blicken der Zurückbleibenden. Still
ging die Pfarrerin mit den drei Kindern dem Hause zu, Renate sollte
während der Tante Abwesenheit bei ihr bleiben.
Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang, auf dem Gesicht der Hausfrau
lag immer die gleiche freundliche Güte, und sie hatte ein williges Ohr
für die Dorfbewohner, die mit ihren großen und kleinen Leiden zu ihr
kamen. Während sie so immer für andere sorgte, wurde in ihrem Herzen
die Angst um den Sohn immer größer, ein Tag nach dem andern verging und
keine Nachricht von Walter traf ein.
[Illustration]
Einmal, wenige Tage nach ihres Mannes Abreise, saß Frau Charlotte
allein in ihrem Zimmer und betrachtete wehmütig ein kleines, auf
Elfenbein gemaltes Bildchen, es stellte Walter dar, Friederike von
Seeheim hatte es ihr einst zu gleicher Zeit mit dem ihres Sohnes von
einem Königsberger Künstler malen lassen. Die Hand der Mutter zitterte,
die das Bild hielt, und ihre Lippen preßten sich darauf, sie war so
in den Anblick versunken, daß sie nicht das leise Geräusch an der Tür
hörte, und erst ein schluchzender Ton ließ sie aufschauen. Da sah sie
dicht hinter sich Renate stehen, der die hellen Tränen über das Gesicht
liefen. »Mein liebes Kind, was ist dir?«
Charlotte Flemming bekämpfte tapfer ihren eigenen Schmerz und zog
liebreich das Mädchen an sich.
»Ich weiß, o, ich weiß, daß Walter nie wiederkommt,« rief Renate
leidenschaftlich, »mir ist so bang um ihn.«
Das sonst so ruhige, scheue Mädchen war wie umgewandelt, und Frau
Charlotte enthüllte sich in dieser Stunde, wie groß die Liebe dieses
Kindes zu ihrem Sohne war; ihr einsames Herz hatte sich mit all seiner
tiefen Innigkeit dem Kameraden zugewandt. Der zarte Körper des jungen
Mädchens litt unter diesem heftigen Schmerz: Fieber stellte sich ein,
sie empfand einen Widerwillen gegen jegliche Nahrung, und die Pfarrerin
hatte sorgenvolle Tage, bis es endlich ihren liebevollen Trostworten
und Luises Plauderworten gelang, die Leidende etwas aufzurichten. Luise
besaß noch die ganze Hoffnungsfreudigkeit des Kindes, bei ihr stand es
fest, daß Walter und Hans-Heinrich gesund wieder heimkehren würden. Mit
ihrer sieghaften Beredsamkeit sagte sie dies immer und immer wieder,
und es gelang ihr auch oft, Mutter und Freundin hoffnungsvoller zu
stimmen. »Ein Brief konnte verloren gegangen sein, Walter war gewiß
frisch und munter, Vater findet ihn sicher in Leipzig,« tröstete sie.
»Wenn Walter gesund ist, erfährt Vater es bei seinem Regiment, ist er
aber verwundet, wer weiß, ob ihn Vater findet, Leipzig ist eine große
Stadt,« sagte die Mutter einst, »da ist es nicht so leicht, jemand zu
finden, wie in unserm Kloningken.«
Luise, die in ihrem jungen Leben noch nicht weit über die Kloningkener
Feldmark hinausgekommen war, breitete ihre Arme weit aus. »So, so viel
größer sicher, ich glaube es, aber Sie können sich darauf verlassen,
unser Vater findet sich zurecht, wenn er kommt, dann sagt man ihm schon
Bescheid!«
Unwillkürlich mußte Frau Charlotte über ihr kleines naives Mädel
lächeln. »Tausende von Menschen sind dort, und wohl so viele, viele
Verwundete, wer kann sie alle kennen, und Vater ist dort völlig
unbekannt, wohl kein Mensch, der ihn kennt.«
Dies leuchtete Luise nun nicht völlig ein, ihr Vater, der Inbegriff
aller Weisheit für sie, sollte dort unbekannt sein, man sollte nicht
wissen, wer Pfarrer Flemming aus Kloningken sei, nachdenklich saß sie
lange, dann leuchtete es in ihren Augen auf, und erleichtert sagte sie:
»Ach, so furchtbar viele Häuser werden schon nicht dort sein, daß
Vater nicht überall hineingehen kann und fragen, na, und der dortige
Pfarrer wird ihm auch schon helfen.« Und die felsenfeste Überzeugung,
daß ihr geliebter Vater den Bruder finden würde, blieb ihr Trost. Sie
war es auch, die zuerst den Boten traf, der einen Brief brachte, einen
Brief, der Walters Handschrift zeigte. Mit einem lauten Jubelruf rannte
Luise in das Zimmer, in dem die Mutter, Renate und Fritzchen saßen:
»Walter lebt, Walter lebt, er hat geschrieben,« jauchzte sie.
Ja, er lebte wirklich, er war auf dem Marsch nach Frankreich, und er
schrieb von der großen Schlacht, die ihm nur eine kleine Wunde gebracht
hatte. Nun lag er in einem Quartier in der Nähe von Frankfurt, und er
schrieb: »Wir alle möchten je eher je lieber nach Frankreich ziehen,
und unser Blücher möchte es auch, aber wer weiß, wann wir über die
Grenze kommen.« Walter schrieb auch, daß Hans-Heinrich gefallen sei,
daß der Freund gerettet war, wußte er noch nicht, und die Mutter teilte
es ihm gleich mit.
»Siehst du, Walter lebt doch, er ist gesund,« jubelte Luise immer
wieder, wenn sie mit Renate zusammensaß.
»Aber er ist noch immer im Kriege,« sagte diese leise, »er zieht nach
Frankreich, wer weiß ob er heimkommt?«
[Illustration]
17. Kapitel.
Wiedersehen.
Die Reisenden hatten ziemlich gut Berlin erreicht, dort rasteten sie
einige Stunden. Diese benutzte Frau Friederike, um einen Freund und
früheren Vorgesetzten ihres Mannes aufzusuchen, einen alten General,
der invalid war und den Feldzug nicht mehr hatte mitmachen können.
Der alte Herr empfing sie mit großer Herzlichkeit, als sie von ihrem
Sohn erzählte, und daß er verwundet in Leipzig liege, da nickte der
alte Weißbart, und in seinen hellen Augen leuchtete es auf, »braver
Junge,« rief er, »braver Junge, ganz wie sein Vater!« Bereitwillig
gab er seiner Besucherin mehrere Schreiben an verschiedene höhere
Offiziere mit, von denen er glaubte, sie könnten ihr nützlich sein, und
verabschiedete sich dann mit großer Herzlichkeit. Er bat sie noch, wenn
möglich, ihm auf der Rückreise Hans-Heinrich vorzustellen.