Es war der 16. Oktober 1813, um die Orte Markleeberg, Wachau und

Liebertwolkwitz tobte der Kampf, denn die verbündeten Heere waren mit

Napoleons Armee zusammengetroffen, und jene Riesenschlacht begann, die

unter dem Namen der Schlacht bei Leipzig ruhmvoll in der deutschen

Geschichte verzeichnet ist.

[Illustration]

Seit einer Stunde bereits lag die kleine Abteilung Soldaten auf dem

feuchten Boden, sie hatten den Befehl, ein gegenüberliegendes Gehölz

zu bewachen und, wenn möglich, das Vordringen der Feinde von dort

her, so lange es ging, zu verhindern. »Sterben kann man hier vor

Langerweile,« brummte ein graubärtiger Wachtmeister, »lieber ließ ich

mir die blauen Bohnen um die Ohren pfeifen, als hier im Schlamm zu

liegen, und dabei läßt sich keine Katze sehen.« Er stieß einen Soldaten

an, der erschöpft von dem langen Liegen und den anstrengenden Märschen

der vergangenen Tage eingeschlafen war. »Heda, jetzt ist keine Zeit zum

Schlafen, wachen, wachen heißt es, der Schlaf kommt vielleicht früher

als manchem lieb ist!«

Ein junger Fähnrich hob seinen dunkeln Kopf, und seine Augen sahen

gespannt nach jenem Gehölz hinüber. Er flüsterte seinem Kameraden zu,

der neben ihm auf der feuchten Erde lag: »Hans-Heinrich, siehst du

nichts? Mir ist es immer, als rege sich dort zwischen den Bäumen etwas.«

Der Angeredete schüttelte den Kopf. »'s ist nichts wie Dunst und Nebel,

ich glaube, wir können noch die ganze Nacht liegen, während die anderen

jetzt mitten im Kampf stehen.«

Wieder trat Stille ein, jeder hing seinen Gedanken nach, und der

Schläfer von vorher hatte wieder die Augen geschlossen und träumte.

»Dort, jetzt regt sich etwas, ich sehe es,« flüsterte der Fähnrich

plötzlich hastig.

»Wo, Flemming?« Der Leutnant, der den Trupp kommandierte, wandte sich

an diesen.

»Dort!« Walter Flemming zeigte auf eine Stelle, wo die Bäume etwas

weiter auseinanderstanden.

»Keiner darf sich rühren, die Gewehre schußbereit halten,« befahl

flüsternd der Offizier, und flüsternd pflanzte der Befehl sich von

Soldat zu Soldat.

Minute auf Minute verging, es wurde dämmeriger. Da plötzlich war

es, als fingen die Bäume des Waldes an, sich zu regen, es war als

führten sie einen Tanz auf, und dann lösten sich dunkle Gestalten

heraus und kamen näher. Aber wie das Brausen des Sturmes empfing sie

jäh das Geknatter von Schüssen. Sie schrien auf in der Überraschung,

sie drängten zurück, einige stürzten, und nun schwieg das Feuer

sekundenlang.

Da drängten die Feinde wieder vor, kampfbereit, entschlossen stürmten

sie vorwärts, sie erwiderten die Schüsse, und immer mehr und mehr

dunkle Gestalten kamen aus dem Walde empor.

Die kleine Schar der Preußen focht löwenmutig gegen die Übermacht der

Feinde. Einer nach dem andern fiel. Keiner kümmerte sich darum, sie

stürmten voran, vorwärts, nur vorwärts.

Da plötzlich klang's hinter ihnen wie Hurrarufen. »Die Unsern,« schrie

der Offizier, ein Schuß traf ihn, »vorwärts,« rief er noch und sank zu

Boden.

»Vorwärts!« Hans-Heinrich von Seeheim stürzte todesmutig vor. Ein

Schlag traf ihn an den Fuß, er taumelte, raffte sich wieder auf. Da

stürzte ihm der Helm vom Kopf, plötzlich lief es ihm warm über das

Gesicht, es flimmerte ihm vor den Augen, er stürzte zu Boden.

Er hörte Trompeten blasen, das Hurrarufen der Deutschen, dann, dicht

neben ihm klang sein Name. Mit Anstrengung öffnete er die Augen und sah

über sich geneigt Walter Flemmings Gesicht. Ein Freudenstrahl glitt

über des Todwunden Züge. »Grüße meine Mutter -- Kloningken -- alle,«

murmelte er und schloß die Augen.

Walter Flemming warf noch einen Blick auf den Freund, keine

Möglichkeit, ihn aus dem Getümmel zu tragen, ehe er noch recht zur

Besinnung kam, rissen ihn die Nachstürmenden fort, weiter, immer

weiter, hinein in den Kampf.

Drei Tage noch tobte die furchtbare Schlacht. Das Donnern der Geschütze

vermischte sich mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Stöhnen der

Verwundeten, und blutigrot beleuchteten die brennenden Dörfer das

trostlose Bild. Napoleon mußte fliehen. Die siegreichen Verbündeten

zogen in Leipzig ein, und die schwergeprüfte Bevölkerung empfing mit

dankbarem Jubel die Sieger.

Es war am Nachmittag des 19. Oktober. Durch das Grimmaische Tor ritten

die Truppen in die Stadt ein, eine Anzahl Offiziere, darunter ein

bayrischer Leutnant, waren genötigt, mitten in der Straße zu halten,

denn ein Transport Verwundeter versperrte ihnen den Weg. Tote lagen auf

der Straße und Verwundete klopften, um Einlaß flehend, an die zum Teil

mit Holz vernagelten Türen und Fenster. Es war ein schauriges Bild.

Ernst sah der junge Bayer darauf nieder, und vorsichtig hielt er sein

Pferd, damit es nicht auf die Körper der am Boden Liegenden träte.

Nachdrängende Truppen stürmten vor, und minutenlang stand er fest

eingekeilt, unfähig, sich zu rühren. Ein umgestürzter Wagen lag zur

Seite, eine Anzahl Verwundeter waren auf die Straße gestürzt, und

niemand war da, der sie aufhob, in wenigen Minuten waren vielleicht die

Wagen und Pferde der Nachkommenden über sie hinweggegangen.

Dicht vor dem Pferd des bayrischen Offiziers lag ein Verwundeter, oder

war es ein Toter. Unwillkürlich beugte sich der Offizier herab, er sah

in ein feines, schmales Knabengesicht. Das kam ihm bekannt vor, er

mußte es schon gesehen haben, nicht so starr und bleich, blühend und

frisch.

Eine Lücke entstand in dem Gewühl vor ihm. »Rasch vorwärts,« rief

ein Kamerad ihm zu. In diesem Augenblick wußte der Offizier, wer der

Verwundete vor ihm war, -- Hans-Heinrich von Seeheim.

Blitzschnell bog er sich herab und riß den Jüngling zu sich empor,

und schon ging es weiter, wie eine Vision sah er noch ein altes

Männergesicht, blaß, starr, das alte Gesicht kannte er auch, es war der

Vogt von Kloningken.

»Wenn Sie anfangen wollen, Tote zu sammeln, werden Sie heute nicht

fertig werden,« sagte ein höherer Offizier und schaute finster vor sich

hin.

Leutnant von Lühenaar ließ sich nicht beirren, er nahm den Geretteten

vor sich aufs Pferd, und so bahnte er sich langsam einen Weg durch die

Stadt. Aus einer Wunde am Knie quoll dem Jüngling noch immer das Blut,

da riß der Offizier seine Schärpe herab, er versuchte, so gut es ihm

in der schwierigen Lage gelang, das Tuch auf die Wunde zu pressen;

auf dem blassen Gesicht aber erschien kein Leben, unbeweglich lag

Hans-Heinrich in seinem Arm.

Weiter hinein ging's in die Stadt. Es war ein furchtbares Getümmel,

ein Schreien und Tosen, und von ferne tönte noch immer dumpfes Rollen,

noch immer stand ein mattes Rot am Himmel. Leutnant von Lühenaar erbat

sich einen kurzen Urlaub, um seinen Schützling unterzubringen. In den

Spitälern jedoch herrschte eine solche Überfüllung, und immer neue

Transporte mit Verwundeten kamen an, daß er bald die Unmöglichkeit

einsah, Hans-Heinrich dort ein Unterkommen zu schaffen. Er ritt nun von

Haus zu Haus und bat um Aufnahme, aber überall waren die Plätze, die

man hatte, längst besetzt. Viele Türen, an die er klopfte, blieben auch

verschlossen, die Bewohner wußten in ihrer Angst nicht mehr, wer Freund

und wer Feind war.

Der Abend brach herein. Verzweifelt sah der Offizier sich um, er hielt

in einer schmalen Gasse, die von der Petersstraße sich abzweigte, auch

hier schleppten sich Verwundete von Haus zu Haus. Schwer wie Blei lag

der Jüngling in seinem Arm. Er fühlte nach seiner Hand, vielleicht

war es ein Toter, den er da herumtrug. Aber noch klopfte leise der

Puls, noch war Leben in ihm. Und der junge Offizier dachte an die

stillen Tage in Kloningken, an sein eigenes Schmerzenslager, und fester

nahm er Hans-Heinrich in seinen Arm, er mußte ihn retten. Er klopfte

wieder an die Türen, endlich wurde ihm geöffnet und eine schlanke,

schwarzgekleidete Frau trat mit einer kleinen Laterne auf die dunkle

Straße hinaus.

»Madame,« rief Leutnant von Lühenaar rasch, »haben Sie Erbarmen. Geben

Sie dem Jüngling hier einen Platz, ich muß zurück zu meinem Regiment

und kann nirgends ein Unterkommen finden, helfen Sie mir, Madame, alle

Spitäler sind überfüllt!«

»Kommen Sie näher,« sagte die Frau, »ich wollte mir eben noch einige

Pfleglinge suchen, ich habe noch Platz in meinem Hause.« Kaum hatte

sie diese Worte gesagt, als sich schnell zwei Soldaten herandrängten,

der eine schleifte den Fuß nach, der andere hatte ein schmutziges Tuch

um den Kopf gebunden. »Nehmen Sie uns auf,« riefen sie. Sie taumelten

zwar erschrocken zurück, als sie den Offizier gewahrten, die Frau aber

sagte ruhig: »Ich habe Platz für alle.« Sie öffnete die Tür, eine alte

Magd kam zur Hilfe, und die beiden Frauen hoben Hans-Heinrich aus

des Offiziers Armen, während die beiden Soldaten über die Schwelle

schwankten. Leutnant von Lühenaar band sein Pferd an den eisernen Ring

der Haustür und trat dann ein, er war froh, daß er dieses Asyl für

seinen Schützling gefunden hatte.

In einem hellgetünchten, schlichten aber sauberen Zimmer waren Betten

aufgestellt, und in einem Nebenzimmer lagen bereits drei Verwundete.

»Ich nahm sie gestern auf,« sagte die Frau schlicht. »Es sind

Franzosen. Mein Mann ist Arzt, Professor an der Universität, er ist

in das Spital gegangen, um dort zu helfen, mir hat er die Pflege hier

überlassen, aber wir haben so viele Zimmer, da erschienen mir drei

Kranke zu wenig.«

Leutnant von Lühenaar drückte ihr dankbar die Hand und half ihr noch

seinen Schützling betten, dabei sagte er ihr kurz dessen Namen und

Heimat und erzählte, wie man ihn selbst dort einst gepflegt hatte.

»So jung ist er noch, ein Kind beinahe,« sagte die Frau, sie strich

mütterlich sanft über das blasse Gesicht. »Und einer Mutter letzter

Sohn ist es, sagen Sie; seien Sie ohne Sorge, was meine schwachen

Kräfte vermögen, soll geschehen, aber ich fürchte, es steht nicht gut

mit ihm.«

Der Offizier nahm Abschied. Am nächsten Tage schrieb er an Pfarrer

Flemming und meldete, wie er Hans-Heinrich gefunden hatte, und daß

dieser in guter Hut sei. Er selbst konnte nicht noch einmal nach ihm

sehen, denn seine Pflicht rief ihn fort, bereits am andern Tage mußte

er Leipzig verlassen.

[Illustration]

16. Kapitel.

Eine Siegesbotschaft.

Damals trug der Telegraph nicht wie heute die Kunde des großen Sieges

ins Land, es dauerte Tage und Wochen, ehe die Nachricht überallhin

gelangte, auch nach dem kleinen Kloningken kam sie viele Tage später.

Ein trüber, dunkler Tag war es, an dem der Regen in Strömen vom Himmel

floß, da kam von der nahen Stadt ein Bote, der den Sieg im Gutshaus

meldete. Wenige Minuten später wußte das ganze Dorf davon, und die

Nachricht rief eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Die sonst so

ruhigen, wenig zu Gefühlsäußerungen neigenden Dorfbewohner brachen

in Jubel aus, weinend vor Freude fielen sie einander in die Arme.

Magister Richter lief, so schnell es seine vor Aufregung zitternden

Füße erlaubten, zur Kirche, der alte Mann riß mit aller Macht am

Glockenseil, daß es laut in das Land hineintönte. »Sieg, Sieg, Sieg!«

[Illustration: Magister Richter zieht das Glockenseil]

Die Leute von Kloningken strömten zur Kirche wie sie waren, in ihrer

Arbeitskleidung, aus allen Häusern kamen sie daher, niemand wollte in

dieser Stunde fehlen. Die Mütter kamen mit ihren Kleinen auf dem Arm,

die Großmutter Romeike humpelte an ihrem Stock daher, und der alte

Scharwerker Stefan, der seit Jahren nicht weiter gekommen war, als

bis zu der Bank vor seinem Hause, ließ sich von seinen Enkeltöchtern

zur Kirche geleiten. Von der Kanzel herab verlas Pfarrer Flemming die

Siegesbotschaft, kurz und heiß, aus tiefstem Herzen kommend, war das

Dankgebet, das er sprach, und kniend betete die Gemeinde mit, aber

leise mischte sich in Dank und Jubel hinein die angstvolle Frage: »Wie

mag es den Unsrigen ergehen?«

Erst am Nachmittag des fünften Tages nach der Siegesbotschaft kam

der Brief Leutnants von Lühenaar nach Kloningken, der meldete, Hans

Heinrich lebt, aber er ist schwer verwundet. Frau Friederike brach

zusammen, als ihr Charlotte Flemming die Nachricht überbrachte. Sie

hatte immer geglaubt, es könne nicht geschehen, Gott könne ihr nicht

den letzten Sohn nehmen, nun riß diese neue Trauerkunde die alten

Wunden wieder auf. Vergebens war das Mühen der treuen Freunde, ihr

Trost zuzusprechen, noch sei der Sohn am Leben, noch sei die Hoffnung

nicht verloren, aber kein Trost fand anfangs den Weg zu dem Herzen der

verzweifelten Frau. »Er stirbt, er stirbt,« so jammerte sie nur immer,

und Charlotte Flemming saß die Nacht bei ihr und sprach immer wieder

von der Hoffnung, die noch sei, bis die verzweifelte Frau ruhiger

wurde und überlegte, was sie tun könne.

Während so die Pfarrerin der Freundin Trost zusprach, war ihr das

eigene Herz sehr schwer, Hans-Heinrich war verwundet, aber er lebte

und befand sich in guter Pflege, wo aber war Walter? Von ihm war keine

Kunde ins Elternhaus gedrungen, was war sein Schicksal?

Charlotte Flemming aber war eine jener starken Naturen, die nie

laut klagen, die in der Stille ihres Herzens ihr Leid tragen und

dabei unermüdlich sind in treuer Pflichterfüllung, die nach jedem

Leidenssturm, der über sie hinweht, uns schöner erscheinen in ihrer

schlichten Größe. So fand sie auch jetzt die Kraft, über die eigene

Sorge hinaus an andere zu denken. Und ihr Denken und Sorgen war

notwendig. Frau von Seeheim hatte nur den einen Gedanken, den, so bald

als möglich zu ihrem Sohne zu eilen. Der Pfarrer riet ab, denn eine

solche Reise war beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Der Mutter aber

schienen alle Hindernisse klein, sie hatte nur die eine Sehnsucht, den

Sohn wiederzusehen. Zuletzt stimmte ihr der Pfarrer zu, ja, er bot sich

zu ihrer Begleitung an, er wollte dabei gleich versuchen, Nachrichten

von Walter zu erhalten, denn von diesem hatten die Seinen noch

nichts gehört. Es wurde der Pfarrerin nicht leicht, ihren Mann diese

beschwerliche Reise antreten zu sehen, aber sie hielt ihn nicht durch

Bitten zurück, sondern traf umsichtig die notwendigen Vorbereitungen.

Der Geistliche fuhr noch am gleichen Tage nach der nächsten Stadt, um

alles zu besorgen, und auch nach einem Vertreter Umschau zu halten; so

sehr er auch eilte, so vergingen doch einige Tage, ehe er zur Reise

bereit war. Tage waren es, die für Frau Friederikes angsterfülltes

Herz lang wie Jahre währten, in denen sie rastlos durch ihre Zimmer

eilte und Anordnungen gab, die sie nach wenigen Minuten bereits wieder

änderte. Zuletzt kam Charlotte Flemming, sie sorgte in ihrer stillen

Ruhe dafür, daß alles Nötige verpackt wurde, und daß Jungfer Karoline

Weisungen erhielt, denn es konnten Wochen vergehen, ehe ihre Herrin

heimkehrte.

Auf Renate und Luise hatte die traurige Kunde einen tiefen Eindruck

gemacht, die ohnehin stille Renate sprach kaum noch ein Wort, sie half

mechanisch der Jungfer Karoline bei den Vorbereitungen, aber ihre

Gedanken waren so weit fort, daß sie alles verkehrt anstellte. Da ließ

die Jungfer, die selbst herzlich traurig über den Kummer ihrer Herrin

war, sie aufhören. Dann ging Renate in ihr Stübchen und starrte mit

tränenlosen Augen vor sich nieder, oft kam ein leichter Schritt herauf,

Luise war es, Luise mit rotgeweinten Augen und unerschütterlicher

Hoffnung im Herzen. Luise, die in diesen Tagen überall war, sie saß

bei Frau Friederike und weinte mit ihr und versicherte: »Hans-Heinrich

müsse gesund werden!« Sie huschte hinter ihrer Mutter her und küßte

deren Hand. »Walter kommt wieder, Mutterchen, glauben Sie es doch.«

Sie ging mit Jungfer Karoline, mit der sie längst wieder gut Freund

war, in die Vorratskammer und erzählte dort, auf einem Backtrog

sitzend, die wundersamsten Geschichten, wie Leute aus schwerer Gefahr

errettet wurden. Sie saß bei Stine Strobeck und sprach mit ihr über den

Sieg und sagte treuherzig: »Euer Mann kommt wieder, es ist ja gar nicht

anders möglich.«

An einem trüben, naßkalten Novembermorgen stand die altmodische,

schwerfällige Kutsche, die noch aus der Großeltern Zeiten stammte,

zur Abfahrt bereit und beinahe das ganze Dorf war versammelt, um der

Abreise der Gutsherrin und des Pfarrers beizuwohnen. Diejenigen, die

Angehörige im Kriege hatten, trugen Grüße auf, ja, in dem großen Koffer

der gnädigen Frau lag sogar eine Speckseite und eine Wurst, die Michael

Ragnit und sein Eheweib aus ihrem, in dieser harten Zeit selbst recht

dürftigen Vorrat mitgegeben hatten. »Für die, die es not haben,« sagte

die Bäuerin, »findet der Herr Pfarrer meine Jungen nicht, so gesegne es

Gott einem andern.«

Die alte Marie Romeike kam, und ihre gekrümmten Finger umschlossen

einige alte polnische Silbergulden.

»Nehmen gnädige Frau Baronin es mit,« bat sie, »damals wollte mein Sohn

das Geld nicht, aber nun kann er es vielleicht brauchen.«

Im letzten Augenblick kam noch Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, an,

sie trug ein dickes graues Bündel unter dem Arm, erst wischte sie

sich den Schweiß mit der Schürze vom Gesicht, dann stammelte sie:

»Wenn Gnaden, die Frau Baronin so gnädig wären, dem Franz das Tuchchen

mitnehmen, ich weiß nicht, ob es unten bei den Franzosen nicht recht

kalt ist, und -- und ein schönes Grußchen auch.« Sie knickste noch, als

sich der Wagen längst in Bewegung gesetzt hatte, und ihre Gönnerin,

Jungfer Karoline, führte sie endlich fort.

Der Wagen fuhr ganz langsam, Frau Charlotte ging noch einige Schritte

nebenher, mit ihr Renate und Luise. Im Wagen aber saß Fritzchen auf

seines Vaters Knien und schaute mit seinen großen Kinderaugen von einem

zum andern, er verstand noch nicht den Ernst dieser Stunde, aber da er

alle so traurig sah, war ihm sein kleines Herz auch schwer geworden.

Endlich mußte doch geschieden werden, die Zeit drängte, in der Stadt

wartete die Extrapost auf die Reisenden. »Der liebe Gott schütze euch!«

Mehr konnte Frau Charlotte nicht sagen, ein tapferes Lächeln aber lag

auf ihrem Gesicht, sie wollte nicht zeigen, wie schwer ihr der Abschied

wurde.

Der Kutscher zog die Zügel an, die Pferde setzten sich in Trab und fort

ging es; auf dem holprigen Wege schwankte der Wagen hin und her und

bald entschwand er im Nebel den Blicken der Zurückbleibenden. Still

ging die Pfarrerin mit den drei Kindern dem Hause zu, Renate sollte

während der Tante Abwesenheit bei ihr bleiben.

Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang, auf dem Gesicht der Hausfrau

lag immer die gleiche freundliche Güte, und sie hatte ein williges Ohr

für die Dorfbewohner, die mit ihren großen und kleinen Leiden zu ihr

kamen. Während sie so immer für andere sorgte, wurde in ihrem Herzen

die Angst um den Sohn immer größer, ein Tag nach dem andern verging und

keine Nachricht von Walter traf ein.

[Illustration]

Einmal, wenige Tage nach ihres Mannes Abreise, saß Frau Charlotte

allein in ihrem Zimmer und betrachtete wehmütig ein kleines, auf

Elfenbein gemaltes Bildchen, es stellte Walter dar, Friederike von

Seeheim hatte es ihr einst zu gleicher Zeit mit dem ihres Sohnes von

einem Königsberger Künstler malen lassen. Die Hand der Mutter zitterte,

die das Bild hielt, und ihre Lippen preßten sich darauf, sie war so

in den Anblick versunken, daß sie nicht das leise Geräusch an der Tür

hörte, und erst ein schluchzender Ton ließ sie aufschauen. Da sah sie

dicht hinter sich Renate stehen, der die hellen Tränen über das Gesicht

liefen. »Mein liebes Kind, was ist dir?«

Charlotte Flemming bekämpfte tapfer ihren eigenen Schmerz und zog

liebreich das Mädchen an sich.

»Ich weiß, o, ich weiß, daß Walter nie wiederkommt,« rief Renate

leidenschaftlich, »mir ist so bang um ihn.«

Das sonst so ruhige, scheue Mädchen war wie umgewandelt, und Frau

Charlotte enthüllte sich in dieser Stunde, wie groß die Liebe dieses

Kindes zu ihrem Sohne war; ihr einsames Herz hatte sich mit all seiner

tiefen Innigkeit dem Kameraden zugewandt. Der zarte Körper des jungen

Mädchens litt unter diesem heftigen Schmerz: Fieber stellte sich ein,

sie empfand einen Widerwillen gegen jegliche Nahrung, und die Pfarrerin

hatte sorgenvolle Tage, bis es endlich ihren liebevollen Trostworten

und Luises Plauderworten gelang, die Leidende etwas aufzurichten. Luise

besaß noch die ganze Hoffnungsfreudigkeit des Kindes, bei ihr stand es

fest, daß Walter und Hans-Heinrich gesund wieder heimkehren würden. Mit

ihrer sieghaften Beredsamkeit sagte sie dies immer und immer wieder,

und es gelang ihr auch oft, Mutter und Freundin hoffnungsvoller zu

stimmen. »Ein Brief konnte verloren gegangen sein, Walter war gewiß

frisch und munter, Vater findet ihn sicher in Leipzig,« tröstete sie.

»Wenn Walter gesund ist, erfährt Vater es bei seinem Regiment, ist er

aber verwundet, wer weiß, ob ihn Vater findet, Leipzig ist eine große

Stadt,« sagte die Mutter einst, »da ist es nicht so leicht, jemand zu

finden, wie in unserm Kloningken.«

Luise, die in ihrem jungen Leben noch nicht weit über die Kloningkener

Feldmark hinausgekommen war, breitete ihre Arme weit aus. »So, so viel

größer sicher, ich glaube es, aber Sie können sich darauf verlassen,

unser Vater findet sich zurecht, wenn er kommt, dann sagt man ihm schon

Bescheid!«

Unwillkürlich mußte Frau Charlotte über ihr kleines naives Mädel

lächeln. »Tausende von Menschen sind dort, und wohl so viele, viele

Verwundete, wer kann sie alle kennen, und Vater ist dort völlig

unbekannt, wohl kein Mensch, der ihn kennt.«

Dies leuchtete Luise nun nicht völlig ein, ihr Vater, der Inbegriff

aller Weisheit für sie, sollte dort unbekannt sein, man sollte nicht

wissen, wer Pfarrer Flemming aus Kloningken sei, nachdenklich saß sie

lange, dann leuchtete es in ihren Augen auf, und erleichtert sagte sie:

»Ach, so furchtbar viele Häuser werden schon nicht dort sein, daß

Vater nicht überall hineingehen kann und fragen, na, und der dortige

Pfarrer wird ihm auch schon helfen.« Und die felsenfeste Überzeugung,

daß ihr geliebter Vater den Bruder finden würde, blieb ihr Trost. Sie

war es auch, die zuerst den Boten traf, der einen Brief brachte, einen

Brief, der Walters Handschrift zeigte. Mit einem lauten Jubelruf rannte

Luise in das Zimmer, in dem die Mutter, Renate und Fritzchen saßen:

»Walter lebt, Walter lebt, er hat geschrieben,« jauchzte sie.

Ja, er lebte wirklich, er war auf dem Marsch nach Frankreich, und er

schrieb von der großen Schlacht, die ihm nur eine kleine Wunde gebracht

hatte. Nun lag er in einem Quartier in der Nähe von Frankfurt, und er

schrieb: »Wir alle möchten je eher je lieber nach Frankreich ziehen,

und unser Blücher möchte es auch, aber wer weiß, wann wir über die

Grenze kommen.« Walter schrieb auch, daß Hans-Heinrich gefallen sei,

daß der Freund gerettet war, wußte er noch nicht, und die Mutter teilte

es ihm gleich mit.

»Siehst du, Walter lebt doch, er ist gesund,« jubelte Luise immer

wieder, wenn sie mit Renate zusammensaß.

»Aber er ist noch immer im Kriege,« sagte diese leise, »er zieht nach

Frankreich, wer weiß ob er heimkommt?«

[Illustration]

17. Kapitel.

Wiedersehen.

Die Reisenden hatten ziemlich gut Berlin erreicht, dort rasteten sie

einige Stunden. Diese benutzte Frau Friederike, um einen Freund und

früheren Vorgesetzten ihres Mannes aufzusuchen, einen alten General,

der invalid war und den Feldzug nicht mehr hatte mitmachen können.

Der alte Herr empfing sie mit großer Herzlichkeit, als sie von ihrem

Sohn erzählte, und daß er verwundet in Leipzig liege, da nickte der

alte Weißbart, und in seinen hellen Augen leuchtete es auf, »braver

Junge,« rief er, »braver Junge, ganz wie sein Vater!« Bereitwillig

gab er seiner Besucherin mehrere Schreiben an verschiedene höhere

Offiziere mit, von denen er glaubte, sie könnten ihr nützlich sein, und

verabschiedete sich dann mit großer Herzlichkeit. Er bat sie noch, wenn

möglich, ihm auf der Rückreise Hans-Heinrich vorzustellen.

Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage · 第 7 / 10 段