Ganz vorsichtig nahm es Walter zwischen seine Finger und öffnete es,

»ach, es ist leer, doch warte!« Rasch zog er ein Messer aus der Tasche,

und ehe Renate wußte, wie ihr geschah, fing er an, eine Strähne ihres

blonden Haares abzuschneiden. Es ging nicht leicht mit dem stumpfen

Messer, aber das Mädchen hielt geduldig still, so sehr es auch riß.

Achtsam legte der Jüngling dann die Härchen in die kleine Kapsel und

barg das Kleinod in seiner Tasche, »nun bist du meine Herrin, Renate,«

sagte er ernsthaft.

»Ich will täglich für dich beten, Walter.«

»Vergiß mich nicht, Renate, liebe Renate,« bat Walter mit erstickter

Stimme. Einige Augenblicke lang standen sie Hand in Hand, sie sahen

sich tief in die Augen, und ihnen beiden war es, als könnte sie nichts

mehr auf der Welt trennen. »Nur der Tod kann unsere Freundschaft

scheiden,« dachte Walter, und ein seltsam banger Schauer durchrieselte

ihn. Er sprach das Wort aber nicht aus, beinahe heftig riß er sich los:

»Leb' wohl!« murmelte er, dann eilte er davon.

Renate blieb stehen, mit umflorten Augen sah sie dem Freunde lange,

lange nach. »Wenn er nicht wiederkommt,« klang es in ihrem Herzen, da

schluchzte sie auf und eilte rasch in ihr Stübchen, um allein zu sein

mit ihrem Schmerz.

Einer nach dem andern kam aus dem Dorf in das Pfarrhaus, die

mitkämpfen wollten in dem Kampf um die Freiheit. »Herr Pfarrer, ich

will mitziehen,« so meldeten sie sich schlicht und einfach. Der

Pfarrer schrieb ihre Namen auf, um die Liste dann dem Freiherrn Franz

von Seeheim zu geben, der alle freiwilligen Kämpfer nach Königsberg

geleiten wollte. Michael Ragnit kam und brachte seine beiden Söhne.

»Sie haben Kraft, Herr Pfarrer,« sagte er, »guten Willen, ihrem

Vaterlande zu dienen, haben sie auch, was ihnen sonst noch fehlt,

werden die Herren Obersten ihnen schon beibringen, am Dreinschlagen

wird es nicht mangeln.«

Franz Strobeck, der Schmied, kam. »Ich geh' mit, mein Weib, mit der ich

immer Streit hatte, sitzt und heult. Aber Hochwürden, ein gutes Weib

ist sie doch, das beste, was sie für mich schaffen kann, gibt sie her,

denn sie hat Angst, ich möchte nicht satt zu essen haben, und ihren

Patentaler hat sie mir als Zehrpfennig eingenäht.« Der Mann fuhr sich

verlegen durch die Haare, »wenn's Friede wird, und unser Herrgott läßt

mich heimkehren, dann will ich auch Frieden halten mit meinem Weib, ich

gebe mein Wort, und das halte ich.«

Vogt Schwarze kam, mit ihm der lange Friedrich, der als Pferdeknecht

diente, und der größte Mann im Dorfe war. Er hatte sich einst zwei

Finger seiner linken Hand abgehackt, um nicht unter Bonaparte kämpfen

zu müssen. »Unser gnädiger Herr König wird mich schon gebrauchen

können, dreinhauen kann ich auch mit acht Fingern,« sagte er und reckte

seine lange Gestalt empor, »und wenn ich nur eine Hand hätte, ich ging'

doch mit.«

Daniel Romeike kam mit Sohn und Schwestersohn, er war der reichste Mann

im Orte und führte darin eine gewichtige Stimme. »Hochwürdiger Herr

Pfarrer, schreiben Sie mich auch mit auf, ich gehe mit, ich will mich

nicht von meinem Jungen beschämen lassen.«

Viele kamen so, und Pastor Flemming sagte zu seiner Frau: »Wenn überall

in Preußen so wie bei uns das Volk zu den Waffen greift, so muß es doch

einen Sieg geben, denn jeder, der mitzieht, geht mit dem Bewußtsein,

daß es eine heilige Sache ist, für die er kämpft.«

Am zweiten Tage, nachdem Hans-Heinrich im Pfarrhaus gewesen war, kam

Frau Friederike mit ihrem Sohn. Sie kam mit festem, aufrechtem Schritt,

ungebeugt hielt sie das Haupt, dessen Haar völlig ergraut war in

diesen Tagen. In ihrem Gesicht standen die furchtbaren Seelenleiden

geschrieben, die sie durchlitten hatte. »Ich bringe Ihnen wohl den

jüngsten Kämpfer, mein Freund,« sagte sie, den Pfarrer, der ihr rasch

entgegengegangen war, an der Gartenpforte begrüßend. »Er ist mein

letztes Kind, doch sein Wunsch und unseres Vaterlandes Not treibt ihn

fort, so gehe er denn mit Gott, vielleicht vermag mein Segen und mein

Gebet, ihn zurückzuführen.«

Dem Pfarrer versagte die Stimme, voll Ehrfurcht küßte er die Hand

dieser Frau, die ihrem Vaterland das schwerste Opfer brachte. Mit

einem unendlich wehen Lächeln sah sie ihn an, »Mütter müssen leiden,

müssen das Glück, Kinder zu besitzen, mit tausend Schmerzen bezahlen,

ich leide nicht allein, Tausende tragen in dieser Stunde den gleichen

Schmerz!«

Pfarrer Flemming dachte an das Wort, das der Evangelist von Maria, der

Mutter Jesu, sagt: »Es wird ein Schwert durch ihre Seele dringen.«

Die Tage, die folgten, vergingen in Aufregung und Unruhe. Die

Hausväter, die mit auszogen, bestellten noch in aller Eile Haus und

Feld. Es wurde wacker geschafft in diesen wenigen Tagen. Mit viel

Abschiedsgedanken und Klagen gaben sich die Kloningkener Bauern nicht

ab, auch die Frauen waren tapfer und still. Die Gutsherrin ging ihnen

darin freilich mit gutem Beispiel voran. Seit Frau Friederike dem Sohn

die Erlaubnis gegeben hatte, mit in den Krieg zu ziehen, hatte sie

kein Wort der Klage mehr verloren. Aufrecht und ungebeugt ging sie

durch die Tage, allen denen, die zu ihr kamen mit Bitten und Fragen,

wußte sie zu raten und zu helfen. Ja, in der Gegenwart ihres Sohnes

beherrschte sie sich so, daß sie sogar ein Lächeln fand; sie wollte

ihm den Abschied nicht schwer machen. Und Hans-Heinrich ahnte bei

aller Liebe zu seiner Mutter nicht, daß das Opfer, das sie brachte,

riesengroß war.

Es wurden viele stille, schwere Opfer dem Vaterlande dargebracht, in

den Frühlingstagen von 1813. »Ach, wäre ich doch ein Junge und könnte

mitgehen,« seufzte Luise Flemming, als der Vater aus der Spenerschen

Zeitung den Seinen vorlas, wie man überall rüstete, und wie viele

ihre kostbarsten Sachen dem Vaterlande hingaben. Die Spargroschen,

das silberne Hausgerät, ja die Trauringe wurden geopfert. »Alle geben

etwas, nur ich habe nichts,« dachte Luise, als sie später in ihrem

Stübchen saß und versuchte, ihre dunklen Locken etwas zusammenzubinden.

Dabei fiel es ihr ein, daß der Vater neulich von einem schönen, armen

Fräulein erzählt hatte, das sich seine blonden Haare abgeschnitten und

sie verkauft hatte, um doch auch ein Scherflein dem Vaterlande geben zu

können. Das war noch etwas, und Luise sah im Geiste schon ihre braunen

Locken vor dem König liegen. Denn ihrer Meinung nach erhielt alles der

König, bekam alles zu sehen und zu hören. Denken und Handeln war bei

dem Wildfang Luise meist eins, und die Überlegung kam gewöhnlich mit

Reuetränlein hinterher. Auch jetzt überlegte sie nicht lange, geschwind

suchte sie eine Schere und dann schnitt sie, ritsch, ratsch, darauflos.

Sie säbelte, mit vor Eifer heißen Wangen, in ihren schönen Locken

herum, die fielen rechts und links zu Boden, auf ihrem Kopf entstanden

Treppen, Lücken, da blieb ein Schöpfchen stehen, da blinkte beinahe die

Kopfhaut durch, aber Luise schnitt unbekümmert weiter.

Als alle Haare herunter waren, band sie ein blaues Band um die braune

Fülle, und dann lief sie, ohne sich erst noch einmal in dem Spiegel

anzuschauen, hinunter. Im Wohnzimmer fand sie niemand, vom Garten her

aber tönten Stimmen, und mit gewohntem Ungestüm stürzte sie hinaus.

Dort standen, an der schon grün schimmernden Weißdornhecke, die Eltern

und Walter mit dem Freiherrn Franz von Seeheim und Hans-Heinrich.

»Aber, Luise, wie siehst du denn aus?« riefen alle erstaunt.

»Ja, Kind, was ist denn mit deinem Kopf geschehen?« fragte die Mutter,

sie sah entsetzt auf die angerichtete Verwüstung.

»Ich -- ich -- wollte doch auch etwas geben,« stammelte Luise, die bei

dem allgemeinen Erstaunen ihre fröhliche Sicherheit verlor, und der es

sacht zum Bewußtsein kam, daß sie vielleicht unüberlegt gehandelt hatte.

»Johanna von Kloningken,« sagte der Freiherr von Seeheim lächelnd, »es

fehlt nur noch, daß unsere kleine Heldenjungfrau mitzieht.«

Die Mutter aber nahm ihrem Kind still die Haare aus der Hand, sie

sah ein wenig wehmütig auf die seidige Fülle. Flehend blickte Luise

zu der Mutter auf. »Sind Sie böse?« flüsterte sie und schluckte die

aufsteigenden Tränen herunter.

»Nein, Kind, du wolltest ja etwas Gutes tun,« sagte Frau Charlotte,

sacht über den Strubelkopf der Kleinen streichend. »Daß man auch Opfer

mit Vernunft und Nachdenken bringen muß, das wird mein Wildfang schon

noch lernen!«

»Ach, Luischen, du bist aber doch ein Prachtmädel,« rief Hans-Heinrich,

»wenn du auch augenblicklich greulich aussiehst.«

»Ich glaube, es war sehr dumm,« sagte Luise mit einem tiefen Seufzer in

ehrlicher Selbsterkenntnis.

Sie lachten alle, und der Freiherr von Seeheim tröstete: »Na,

Mariellchen, für Dummheit kann niemand, vielleicht wächst mit den neuen

Haaren die Klugheit gewaltig. Nun gib deine Haare nur her, sie sollen

mit nach Königsberg gesandt werden. Du hast schließlich doch gegeben,

was du konntest, und es wäre recht, wenn dies alle täten.«

Da trug Luise fortan froh ihren Kahlkopf, und war glücklich, daß sie

dem Vaterland ein Opfer hatte bringen dürfen. Renate tat es ihr nicht

nach, aber ganz heimlich trug sie alle ihre Ersparnisse der Witwe

Kaslowsky hin, damit deren Sohn, der mitziehen wollte, ohne Sorge der

Mutter gedenken konnte.

Viel zu rasch für jene, die daheim blieben und ihre Angehörigen ziehen

lassen mußten, verging die Zeit, und der Tag des Abschieds kam.

In der kleinen Dorfkirche segnete der Pfarrer die Freiwilligen ein. Es

war eine stattliche Schar, die da vor dem Altar kniete, als erste die

drei Jüngsten: Hans-Heinrich von Seeheim, Walter Flemming und Franz

Ragnit. Die Sonne, die an diesem Tage so warm und hell schien, erfüllte

die Kirche mit ihren Strahlen und tauchte die Köpfe der Männer, die

ausziehen wollten zum Kampf, in blendendes Licht. Des Pfarrers Stimme

zitterte, als er den Segen sprach, als er seine Hand auf seines Sohnes

Haupt legte, dessen Augen in feuriger Begeisterung zu ihm aufblickten.

Renate und Luise sangen noch einmal den Scheidenden zum Abschiedsgruß

den Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege«, und zum Schluß sang die

ganze Gemeinde mit, dann gingen alle still auseinander.

Am nächsten Morgen zogen die Kämpfer fort, und weit über die Feldmark

des Dorfes hinaus gaben ihnen die Zurückbleibenden das Geleit. Nur Frau

Charlotte saß bei ihrer Freundin Friederike, die in tränenlosem Schmerz

zusammengebrochen war.

Renate und Luise gingen Hand in Hand mit ihren Freunden, über

Luise war wieder die Begeisterung gekommen, und am liebsten wäre

sie mitgezogen, ihre dunkeln Augen blitzten, und sie versicherte

Hans-Heinrich immer wieder: »Ich ginge schrecklich gern mit.« Als es

jedoch zum Abschiednehmen kam, da schwand plötzlich wieder ihr tapferer

Mut, und weinend hing sie an des Bruders und Freundes Hals. »Grüße

meine Mutter, Luise,« sagte letzterer, »und erweise ihr so viel Liebe

wie du kannst, versprich es mir!«

Luise nickte. »Ich gelobe es dir,« sagte sie ganz feierlich.

»Und wenn ich wiederkomme, dann wirst du meine Frau, ja, willst du?«

fragte Hans-Heinrich, mit halbem Ernst und halbem Lachen.

Da lachte Luise unter Tränen. »Ach ja, Hans-Heinrich, das wird schön!«

Sie schmiegte sich fest an ihn und sah treuherzig zu ihm auf: »Komme

nur recht, recht bald wieder.«

Renate und Walter gaben sich nur die Hand, leise sagte der Jüngling:

»Ich trage dein Amulett bei mir, Renate, ich werde dich nie, nie

vergessen!«

Die Zurückbleibenden sahen den Scheidenden nach, solange nur noch

ein Schatten in der Ferne sichtbar war, dann kehrten sie still in

die Heimat zu ihrer Arbeit zurück. Manche Frau ging in diesem Jahr

aufs Feld, führte mit kräftiger Hand den Pflug und versorgte dabei in

rastloser Arbeit das Haus, damit der Mann, wenn er heimkehrte, die

gewohnte Ordnung fände.

Frau Friederike irrte ruhelos durch Haus und Garten, sie konnte nicht,

wie Charlotte Flemming, in stiller Arbeit ihre Angst und Sorge in der

Stille ihres Herzens verbergen. Sie ging an die Lieblingsplätze ihres

Sohnes, sie nahm in seinem kleinen Zimmer jedes Stück in die Hand, die

Steine, die er gesammelt, die Bücher, aus denen er gelernt hatte, und

sie bedeckte all die kleinen Andenken an ihn mit zahllosen Küssen. Sie

ging auch in den Stall hinab und schmiegte ihren Kopf an das glänzende

braune Fell seines Ponys. Dann wieder irrte sie im Garten umher, sie

wollte zu der Bank gehen, auf der sie so oft mit dem Sohne gesessen und

seinen kindlichen Plänen gelauscht hatte. Als sie näher kam, gewahrte

sie, daß sich auf der Bank etwas Dunkles bewegte, nicht wie ein Mensch,

wie ein unförmiger Knäuel erschien es ihr. Sie ging darauf zu und

erkannte, daß es Luise war, die Nero, den großen Hund Hans-Heinrichs,

umschlungen hielt. Ein leidenschaftliches Schluchzen erschütterte das

Kind, in abgebrochenen Tönen klagte es: »Höre doch, Nero, Hans-Heinrich

und Walter sind fort, in den Krieg sind sie beide gezogen. O, Nero,

wenn sie nicht wiederkommen!«

[Illustration]

»Luise, mein Kind!« Erschüttert beugte sich Frau Friederike über die

Kleine, ihre Stimme hatte der noch nie so sanft geklungen. Sie richtete

sich auf und sah in die traurigen Augen der Frau. Eine Ahnung überkam

sie, von einem Leid, das viel, viel tiefer und schwerer war als ihr

eigener Kummer. Sie schlang zärtlich die Arme um den Hals der ernsten

Frau, und innig, tröstend flüsterte sie: »Tante, liebe Tante, ich habe

es Hans-Heinrich versprochen, ich will Sie sehr lieb haben, ich will

auch ganz still sein und Sie nicht kränken, und immer den lieben Gott

bitten, daß er Hans-Heinrich und Walter zurückkommen läßt.«

Frau von Seeheim preßte die Kleine fest an sich, »wir wollen geduldig

sein,« sagte sie leise, »und hoffen, daß unsere Lieben heimkehren.«

[Illustration]

14. Kapitel.

Ein Kapitel, in dem viel von Angst, Sorge und Hoffnung geredet wird.

Die Postverbindung in damaliger Zeit war langsam und durch die

Kriegsunruhen im Lande noch doppelt erschwert; dazu waren namentlich

die Landleute noch vielfach des Schreibens unkundig, und so geschah es,

daß nach dem kleinen Kloningken wenig Nachricht von den Ausgezogenen

kam. Einmal schrieb Franz Ragnit, der diese Kunst schon bei Magister

Ludwig Fürchtegott Richter erlernt hatte. In dem Brief, den der

Magister vorlas, stand: »Liebwertester Vater und liebwerteste Frau

Mutter! Ich und Gottlieb sind gesund. Bey einem Dorf, daß sich

Groß-Görschen nennt, haben wir den Franzosen ordentlich die Jacke voll

gehauen. Der lange Friedrich hat eins in die Rippen bekommen. Es hat

ihm keinen Schaden gemacht. Er grüßt Euch. Schmied Strobeck ist auch

bey und grüßt auch sein Weib und soll selbige nicht vergessen, die

Löcher vom Kuhstall doch mit Stroh frisch zu stopfen. -- Unser lieber

Herrgott gebe, daß wir die Franzosen bald verjagt haben, womit ich in

Ehrerbietung verbleibe

Euer und der Frau Mutter gehorsamer Sohn Georg.« Nachschrift: »Die gute

Frau Mutter mag ohne Sorge sein, satt werden ich und Gottlieb. Pfarrers

Walter und Herr Junker grüßen mit Gesundheit.«

Der Brief war ein Ereignis im Dorf. Michael Ragnit zeigte ihn jedem,

er ging damit zum Pfarrer und der gnädigen Frau und ließ ihn sich

von jedem noch einmal vorlesen. Schließlich konnte er und sein Weib

ihn auswendig, und seit der Zeit war ihre Achtung vor dem Magister

beträchtlich gewachsen. Wie gut, daß der dem Sohn das Schreiben

beigebracht hatte.

Aber auch vom Pfarrhaus und Herrenhaus wurden die Nachrichten, die

kamen, im Dorf verbreitet. In dieser schweren Zeit kettete die Not die

Bande fester, gleiche Sorge, gleiches Leid vereinte alle. Hans-Heinrich

und Walter schrieben einige Male, und aus ihren Worten sprach feurige

Begeisterung und die feste Hoffnung auf den Sieg. In einem Brief von

Walter Flemming standen einmal die Worte:

»O teurer Vater, so habe ich mir nicht den Krieg gedacht, ich schäme

mich nicht, Ihnen und der Mutter zu gestehen, daß Hans-Heinrich und ich

nach der Schlacht bei Groß-Görschen schlaflose Nächte verbracht haben,

und die schreckensvollen Bilder, die wir gesehen hatten, uns noch

verfolgten.« --

Aus der Stadt brachte der Pfarrer die Nachricht mit, daß bei Bautzen

eine große Schlacht stattgefunden habe; dann kam die Kunde von einem

langen, langen Waffenstillstand.

Eines Tages im Juli hieß es plötzlich: »Kosaken kommen!« Und wirklich

kam eine kleine Abteilung auf ihrem Marsche von Rußland nach dem

Kriegsschauplatz durch; sie hatten sich von ihren Kameraden abgeteilt,

um Lebensmittel aufzutreiben. Auf kleinen, flinken Pferden kamen sie

angeritten, ganz Kloningken war auf den Beinen, und scheu starrten die

Kinder die seltsamen Erscheinungen an. Die fremden Krieger machten

gerade keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Sie waren klein,

hatten struppige Haare und Bärte, und ihre Kleidung war zum Teil

unsauber und unordentlich. Aber trotzdem jubelten ihnen die Leute zu,

denn sie sollten ja helfen, dem Vaterland die Freiheit mitzuerringen.

Brot, Speck, was man hatte, trug man ihnen freiwillig entgegen, und

Luise, voller Begeisterung, brachte einen großen Strauß Zentifolien

an, der von dem ersten Offizier lachend in Empfang genommen wurde.

Als er sich aber vom Pferde herabneigte und Miene machte, Luise zu

küssen, da bekam diese doch einen gewaltigen Schreck vor dem Mann mit

den buschigen, schwarzen Brauen über den kleinen, tiefliegenden Augen.

Sie versteckte sich hinter ihrem Vater, und sie wurde glühendrot bei

dem rauhen Gelächter, das die Soldaten anstimmten. Dem Pfarrer gelang

es, eine Art Unterhaltung mit dem Offizier zu führen, der einige

französische Worte konnte. Stolz zeigte er auf seine Narben, die

glühendrot in seinem gelblichen Gesicht brannten, und sagte: »Smolensk!«

Der Geistliche mußte an seine winterlichen Gäste denken. Bei Smolensk

hatte der französische Kapitän sich seine schweren Wunden geholt.

So war jeder in seiner Art ein Held gewesen, ein treuer Sohn seines

Vaterlandes, vielleicht ein guter, ehrlicher Mensch. Sie hätten

vielleicht in Frieden miteinander gelebt, wären Freunde geworden, wenn

nicht der Wille eines ehrsüchtigen Eroberers sie gegeneinandergejagt

hätte.

Nach dem Durchmarsch der Kosaken trat wieder Stille ein, und unter

Hoffen und Zagen schritt der Sommer weiter. Das Korn hatte geblüht,

das Korn war gereift, und manche Frau schwang in diesem Jahre die

Sense, den goldenen Segen zu mähen. Der Wind strich bereits über die

Stoppeln, und aus dem Blättergewirr der Obstbäume leuchteten in bunten

Farben die Früchte hervor. Frau Friederike saß jetzt viel im Pfarrhaus,

ihre schönen weiten Zimmer schienen ihr verödet, seit Hans-Heinrich

fort war. Auch im Pfarrhause war es stiller denn sonst, selbst Luise

war ruhiger geworden. Die Ereignisse der Zeit, die Sorge um Bruder

und Freund, das bange Hoffen auf Nachricht hatte ihre Lebhaftigkeit

gedämpft. Sie saß jetzt oft stundenlang emsig bei einer Arbeit und

ging der Mutter auch wie ein sittsames Haustöchterchen zur Hand. Aber

dann kamen wieder Stunden, wo die sonnige Heiterkeit ihres Wesens den

Ernst durchbrach, wo ihr helles, frohes Lachen durch Haus und Garten

schallte. Frau Friederike, die sonst gerade die sprudelnde Lustigkeit

Luises so oft getadelt hatte, liebte sie jetzt darum; immer mehr und

mehr schloß sie das Mädchen in ihr Herz. Stundenlang saß Luise neben

ihr und plauderte, und immer war der Schluß ihrer Worte: »Hans-Heinrich

kommt wieder; er und Walter, beide als Sieger!«

Ach, und die geängstigte Mutter hoffte so gern, schöpfte so gern

Trost aus Luises kindlicher Zuversicht. Renate sah es wohl, wie die

Freundin der Tante immer mehr ans Herz wuchs, und in ihrer selbstlosen

Bescheidenheit fand sie es ganz natürlich. Es war ihr aber oft weh ums

Herz und sie fühlte sich einsamer als je. Ihr Freund Walter fehlte

ihr, niemand hatte sie so gut verstanden, als der ernste, kluge

Jüngling. Ihre Sehnsucht, ihren Kummer suchte sie durch Arbeit zu

bekämpfen. Pfarrer Flemming hatte ihr den Weg gewiesen, als er einmal

zufällig davon gesprochen hatte, daß es die Mütter der kleinen Kinder

in diesem Jahre besonders schwer hätten. Sie hatten wenig Zeit, sich

um ihre Kleinen zu kümmern, die größten Kinder mußten fleißig in Haus

und Feld helfen, und Magister Richter hatte beinahe ununterbrochen

Ferien. Renate nahm sich nun der Kleinsten an, und da ihre Tante ihr

nicht wehrte, versammelte sie die Kinder so oft sie konnte um sich,

entweder draußen im Garten oder bei Regenwetter in der großen Halle des

Herrenhauses. Luise half der Freundin, dann ging es freilich laut genug

zu, denn Luise fand die wildesten Spiele besonders schön. Manchmal,

wenn Renate zur Stille mahnte, sagte sie wohl seufzend: »Nein, Herz, so

gut wie du versteht es niemand, die kleinen Quälgeister in Ordnung zu

halten.«

Wirklich erfüllte auch Renate, mit einem für ihre Jugend seltenen

Ernst, die freiwillig übernommenen Pflichten. Sie ließ sich durch

nichts abhalten, und beinahe zögernd folgte sie an einem Oktobertag

der Aufforderung ihrer Tante, mit ihr einen Besuch in Schönheide

abzustatten. Sie war froh, als Frau Charlotte, die ihr schüchternes

Zögern merkte, sich erbot, an ihrer Stelle die Kinder zu überwachen.

Da fuhr sie freilich gern mit Frau Friederike und Luise nach dem

Nachbargut.

Es war ein stiller, trüber Herbsttag, an dem die Sonne nicht recht die

Wolkenschleier zerreißen konnte. »Wir wollen durch den Wald zu Fuß

wandern,« sagte Frau von Seeheim auf dem Heimweg. Sie ließ den Wagen

voranfahren und ging mit den beiden Mädchen die stillen Waldwege.

Anfangs sprachen sie alle drei von Schönheide, von den lieben Menschen

dort, allmählich aber verstummte das Gespräch. Selbst die lebhafte

Luise schritt still einher. Sie dachte daran, wie sie im vergangenen

Jahre zur gleichen Zeit mit Hans-Heinrich und ihrem Bruder durch den

Wald gelaufen war. Da hatten sie gelacht und gescherzt, hatten mit den

Füßen im welken Laub geraschelt, und heute war es so still, Freund und

Bruder waren fern.

Von der Erde stieg ein feiner Modergeruch auf, und weiße Nebelstreifen

schwebten zwischen den dunkeln Stämmen wie flatternde Schleier. Der

Wind schwieg, dennoch rieselten unablässig die gelben Blätter von den

Bäumen herab, still und lautlos sanken sie zu Boden, sie webten der

Erde einen dichten bunten Teppich. Plötzlich unterbrach ein gellender

Schrei die Stille, ein Raubvogel flog kreischend empor, und ferne

verklang der klagende Ruf einer Wildtaube. Ängstlich schmiegte sich

Luise an Renate an, »mir ist so bange heute,« flüsterte sie, leicht

zusammenschauernd. Frau von Seeheim hatte dieses »mir ist so bange«

gehört, und das Wort fand einen Widerhall in ihrem Herzen. Auch sie

hatte eine seltsame Bangigkeit erfaßt, eine heiße Angst um ihren Sohn

quälte sie, daß ihr, der sonst so Gefaßten, die Tränen in die Augen

stiegen. Sie zog die Mädchen mit ungewohnter Innigkeit an sich, und so,

fest aneinander geschmiegt, gingen sie durch den herbstlichen Wald.

Als sie heraustraten, war es bereits dämmerig geworden und dichter

floß der Nebel über Wiesen und Felder. Schon verschwand die Ferne in

Grau, und über Kloningken sanken die Abendschatten nieder. »Wir wollen

eilen,« sagte Frau Friederike unruhig. »Vielleicht ist irgendeine

Nachricht gekommen, vielleicht ist heute etwas geschehen!« Und wie

vorher Luise, sagte auch sie jetzt: »Mir ist es so bange heute.«

Es war aber kein Bote eingetroffen, und die Gutsherrin ging ins

Pfarrhaus, um sich Trost in dem friedlichen Kreise zu holen, aber auch

dort traf sie sorgenvolle Mienen. Der Pfarrer erzählte, daß er in der

Kreisstadt beim Posthalter gewesen sei, dort habe man davon gesprochen,

daß in Sachsen sich die feindlichen Heere zusammengezogen hätten, man

erwarte eine große Schlacht.

[Illustration]

15. Kapitel.

Bei Leipzig.

Um die gleiche Stunde lag, weit von Kloningken entfernt, im

Sachsenlande, in der Nähe eines Dorfes, ein Trupp Soldaten. Sie hatten

sich an einem Graben eine Art Schanze gemacht und lagen flach an

der Erde, ringsum wallten die ersten Nebelschleier der beginnenden

Dämmerung, ein dumpfes Krachen und Brausen erfüllte die Luft, und rings

am Horizont loderten die Feuersäulen auf.

Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage · 第 6 / 10 段