von der Pflicht gegen den hilflosen Feind, war übrigens auf guten
Boden gefallen. Es war ein harter Winter und die Not groß im Lande,
und dennoch verging kaum ein Tag, an dem nicht eine Bauersfrau an
des Pfarrhauses Tür klopfte und eine kleine Gabe für den Kranken
brachte, war es auch nur ein frisches Ei oder ein Töpfchen Milch.
»Unsern Franzosen«, nannten die Dorfleute den Fremden bald, und sein
Ergehen war Dorfgespräch. Als es ihm besser ging, kam immer ein Bauer
nach dem andern mit der Bitte, den Kranken sehen zu dürfen. Pfarrer
Flemming führte sie bereitwillig in seines jungen Gastes Zimmer, dem
reichten sie treuherzig die Hand und wünschten ihm in ihrer rauhen,
unbeholfenen Weise eine gute Genesung. Leutnant von Lühenaar erzählte
dann wohl von dem Todeszug durch Rußland, und ernsthaft lauschten die
Bauern seinen Worten. Der Schmied, Franz Strobeck, der, wie seine Frau
sagte, »ein Hitziger war«, konnte sich nicht enthalten zu rufen: »Alles
allein dem Bonaparte sein Werk!«
Der junge Offizier seufzte leise, und seine Augen sahen sehnsüchtig
ins Weite, er gedachte seines schönen Vaterlandes, das auch unter der
fremden Herrschaft litt, dessen Söhne im Gefolge des fremden Eroberers
in den Kampf ziehen mußten.
Auch die Bewohner des Herrenhauses kamen oft, den Kranken zu besuchen.
Als er Renate das erstemal sah, da fragte er lächelnd: »Kennt die
kleine Demoiselle mich noch?«
Renate bejahte hocherglühend, sie hatte sofort den Offizier
wiedererkannt, der im Frühling in Kloningken gewesen war, schüchtern
sah sie ihn mit ihren sanften Augen an, die lebhafte Luise aber rief:
»O, Renate, immer sagst du, ich hätte meine Augen überall, und doch
hast du dir den Herrn Leutnant viel besser angesehen als ich!«
Der junge Mann lachte. »Trotzdem wir, schon seit ich hier bin, so gute
Freunde geworden sind, hat Demoiselle Luise mich doch noch nicht als
alten Freund erkannt, sie war damals auch gar zu furchtsam!« Luise
wurde verlegen, sie schmollte etwas, als aber Hans-Heinrich sie später
neckend fragte: ob ihr Mund vielleicht spazieren gegangen sei, da
wurde sie wieder vergnügt und plauderte in alter Weise.
Walter und Hans-Heinrich waren bald unzertrennlich von dem Offizier,
wenn Frau Charlotte nicht oft Einspruch erhoben, so hätten sie ihre
ganze freie Zeit bei ihm verbracht. Die beiden waren unermüdlich im
Fragen, und Leutnant von Lühenaar erzählte ihnen viel von dem Feldzug.
Er schilderte den Übergang über den Niemen und wie schon von Anfang an
keine rechte Ordnung im Heer gewesen sei. Die Schlacht bei Borodino
hatte der junge Offizier mitgefochten, und verwundet war er in das
brennende Moskau mit eingezogen. »Es war eine Stadt des Todes,« sagte
er oft, »die meisten von uns haben es beim Einzug gefühlt, daß wir nur
besiegt aus diesem Lande heimkehren würden.« Der junge Offizier aber
selbst lauschte begierig jeder Nachricht, die von der Welt her in das
stille Kloningken drang. Er zagte und hoffte mit den andern, oft aber,
wenn die beiden Knaben begeistert von einem künftigen Befreiungskampf
sprachen, überschattete tiefe Traurigkeit sein Gesicht. Er war ein
Deutscher und durfte doch nicht deutsch fühlen, vielleicht mußte er gar
in den Kampf gegen Deutsche ziehen.
[Illustration]
12. Kapitel.
Luise unternimmt einen Spaziergang und eine Abschiedsstunde schlägt.
»Es riecht schon nach Frühling,« sagte Luise Flemming eines Tages. Sie
streckte das Näschen in die Luft und sog begierig den herben Erdgeruch
ein. Sonne und Tauwind hatten in den letzten Tagen dem Schnee ziemlich
den Garaus gemacht, überall sah die braune Erde hervor, und nur am
Waldesrand schimmerten noch einige schmutzigweiße Flecke. »Fritz,
glaubst du, daß es schon Schneeglöckchen gibt?« fragte Luise.
Fritz, der meist mit der Schwester in solchen Fragen übereinstimmte,
bejahte lebhaft, er machte den Vorschlag, sie wollten bis hinter das
Dorf gehen und dort am Wiesenabhang nachsehen. Luise überlegte. »Ja,
komm, Fritz,« sagte sie dann, »vielleicht finden wir schon einige
Glöckchen, die wir Herrn von Lühenaar zum Abschied geben können, morgen
will er nach Bayern zu seiner Mutter zurückkehren.«
Wohlgemut trabten die beiden die Dorfstraße entlang. Luise raffte
zierlich ihr Kleid hoch, denn sie sah zu ihrem Entsetzen, daß es
reichlich schmutzig draußen war. Fritz suchte dagegen mit einer
gewissen Freude die feuchtesten Stellen aus, und er patschte mit seinen
derben Stiefelchen wohlgemut durch manche Pfütze. Unterwegs begegneten
die Kinder der Jungfer Karoline, die auch mit hochgerafftem Kleid die
Dorfstraße entlang stapfte. Sie kam vom Herrenhaus und wollte der
Schmiedsfrau einen Besuch abstatten. Die Jungfer schüttelte bedenklich
den Kopf, als sie von dem Unternehmen hörte. »Luischen, du bist doch
ein rechter Unband,« sagte sie vorwurfsvoll. »Wie kann ein Mädchen
nur so wie ein Junge umherstreifen, sicher wird deine Frau Mutter
ungehalten sein.«
»Ach, Mutter wird nicht schelten,« tröstete Luise etwas leichtsinnig,
»ich werde ihr sagen, daß ich mit Demoiselle Karoline gegangen bin.«
Diese lächelte geschmeichelt und ließ sich nun herab, mit Luise eine
Unterhaltung zu führen. »Es war eine recht unruhsame Nacht für mich,«
begann sie mit einem Seufzer, »der Wind pfiff so sehr, und seit ich im
Dezember die horrible Erscheinung hatte, läßt jedes Geräusch mich im
Schlafe emporfahren.«
»Welche Erscheinung?« forschte Luise neugierig.
»Ach, Luischen,« sagte die Jungfer kläglich, »ich soll es ja nicht
sagen, Ihre Gnaden, die Frau Baronin, schilt mich sonst, es ist, weil
Ihre Gnaden nicht an dergleichen Dinge glaubt, aber ich lasse es mir
nun mal nicht nehmen, was ich gesehen habe, habe ich gesehen.« Luise
drängte sich dichter an sie heran. »Demoiselle,« bat sie, »sagen Sie es
mir doch, ich verrate sicher nichts.«
Eine Weile schien diese zu schwanken, dann als sie sah, daß Fritz sich
nicht weiter um sie bekümmerte, sondern sich damit unterhielt, mit
einem dicken Stock Löcher in die feuchte Erde zu stoßen, begann sie in
geheimnisvollem Flüsterton: »Einige Tage nach Neujahr war es, da bin
ich in der Küche, um einiges mit den Mädchen zu reden, da -- plötzlich
ist es mir, als husche etwas leise an der Tür vorbei. Du kannst mir
glauben, Luise, eiskalt lief es mir über den Rücken, ich aber, mutig
wie ich bin, gehe zur Tür und -- noch heute sträubt sich mir mein Haar,
wenn ich daran denke, da gleitet eine mächtige, dunkle Gestalt an mir
vorüber. Sie schleifte ein langes dunkles Gewand nach sich, ich hörte
ein fürchterliches Kettengerassel und sah -- ach, es ist horrible --
ich sah ein paar große glühende Augen!« Die Jungfer ächzte schwer,
und wenn es nicht so schmutzig auf der Dorfstraße gewesen wäre, dann
wäre sie vielleicht wieder in Ohnmacht gefallen, so war sie aber zu
vorsichtig dazu.
Luise hatte erst mit Spannung gelauscht, dann begann es in ihrem
Gesicht zu zucken, und kaum hatte Jungfer Karoline geendet, da brach
sie in ein helles, übermütiges Lachen aus. Erst ganz erstaunt, dann
streng und verweisend sah die Jungfer sie an, aber Luise lachte
und lachte, bis ihr die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Sie
schluckste und prustete, sie wollte sprechen, aber sie brachte kein
Wort hervor. Fritz hatte erst verdutzt zur Schwester aufgesehen, dann
fand er das Lachen sehr vergnüglich, er stimmte auch ein und lachte aus
vollem Hals mit, weil die Schwester lachte.
Jungfer Karoline warf einen niederschmetternden Blick auf beide, sie
reckte den Kopf hoch in die Luft und ging steif wie ein Grenadier ihres
Weges weiter, im Herzen tief empört über die dumme Mariell. Nachher
klagte sie der Schmiedsfrau ihr Leid. »Ich hätte die Luise wirklich
für klüger gehalten,« sagte sie giftig, »aber Ihre Gnaden, die Frau
Baronin, haben recht, sie ist ein Unband.«
Der Unband Luise lachte unterdessen mit Fritzchen um die Wette, hörte
die eine auf, fing der andere an, Fritz wischte sich mit seinen
schmutzigen Händchen schon die Tränen aus den Augen, die ihm das Lachen
erpreßt hatte. Von den Dorfleuten kamen etliche neugierig aus ihren
Häusern heraus, und als sie die Pfarrerskinder so vergnügt lachen
sahen, lachten sie mit. Endlich gelang es Luise, ihre Fassung wieder
zu gewinnen, und sie sah, daß sich ihre Begleiterin bereits ein gutes
Stück entfernt hatte, sie schämte sich, ihr nachzueilen, denn nun
schlug ihr das Gewissen, daß sie die gute Jungfer so ausgelacht hatte.
»Komm, Fritzel, wir wollen zurückgehen, ich glaube doch nicht, daß wir
Schneeglöckchen finden!« sagte sie.
Der Kleine faßte ihre Hand und sah mit glänzenden Augen zu ihr auf.
»Du, Luisel,« rief er, »war das nicht fein! Du, sage doch, warum haben
wir denn gelacht?«
»O, du Dummerchen,« jubelte die Schwester, sie hob den kleinen Buben
hoch empor und küßte ihn auf den roten Mund, »gelacht haben wir, weil
Jungfer Karoline mich für ein Gespenst gehalten hat.«
Der Kleine verstand nun freilich nicht recht den Zusammenhang der
Dinge, aber da er die Schwester so heiter sah, stimmte er wieder
mit ein. Beide unternahmen einen Wettlauf und sie langten in der
vergnügtesten Stimmung im Pfarrhause an. Dort hatten sich Frau von
Seeheim mit Hans-Heinrich und Renate eingefunden, sie saßen bei dem
jungen Offizier, der nun bald Abschied nehmen wollte, um über Thorn den
Rückweg in seine Heimat anzutreten. Es wurde ihm bitter schwer, von
dem Pfarrhause zu scheiden, das ihm eine so freundliche Heimat gewesen
war, dessen Tür sich dem Flüchtling geöffnet hatte, und in dem man ihn
pflegte wie einen Sohn.
»Was mag die kommende Zeit bringen?« hatte der Pfarrer gesagt. »Es
ist in diesen Tagen eine Unruhe in meinem Herzen, als müsse ein
Wetterstrahl herniederfahren, o, möge er Erlösung bedeuten für unser
armes, duldendes Land!«
»Und wenn ich meine Waffe führen darf, dann gebe Gott, daß es im Dienst
einer gerechten Sache ist,« hatte leise der junge Offizier erwidert.
Ein langes Schweigen herrschte; jeder hing seinen Gedanken nach. Die
Knaben standen Hand in Hand, und der Pfarrer, dessen Augen forschend
auf ihnen ruhte, verstand in ihren Seelen zu lesen; er wußte, sie
dachten daran, auch einst ihre Jugend, ihre Kraft in den Dienst des
Vaterlandes zu stellen. Seine Augen suchten Frau Friederike, und er
las in ihren sorgenden Zügen die Angst vor den kommenden Tagen. Renate
hatte sich an Charlotte geschmiegt; sie empfand die Sorge der anderen
tief.
In diese Stille hinein stürmte Luise mit dem kleinen Fritz, ihr helles
Lachen erklang schon von fern. Als sie die Stubentür öffnete, da drang
von draußen herein Sonnenlicht und weiche Frühlingsluft, und Luise
stand auf der Schwelle, mit einem so strahlenden Ausdruck in dem
lieblichen Gesicht, als brächte sie den Frühling selbst mit.
»Jungfer Karoline denkt, unsere Luise ist ein Gespenst,« rief Fritzel.
Er drängte sich mit drolliger Wichtigkeit hervor; als er aber die Frau
Tante aus dem Herrenhaus gewahrte, verkroch er sich schüchtern in die
Falten von Luises Kleid. Auch diese war verlegen geworden und helle
Glut überflog ihr Gesicht, die auf Renates Wangen ihren Widerschein
fand, denn diese war die einzige, welche Fritzels Worte verstand.
»Ein Gespenst!« Der junge Offizier brach zuerst das Schweigen, und
Walter rief nun auch: »Du ein Gespenst, Luise?«
»Erzähle uns! -- was soll das bedeuten,« gebot der Vater. Die
Kleine senkte verlegen den Blick, scheu schaute sie hastig zu Frau
Friederike hin. Die lächelte ein wenig und fragte: »Soll ich die
Gespenstergeschichte nicht erfahren, Luise?«
»Erzähl doch!« drängte Fritzel.
»Ist es so schlimm?« neckten Herr von Lühenaar und Walter.
»Nein,« sagte Luise mit schelmischem Trotz, »es ist nicht schlimm, und
ich wollte dem Vater ja nur eine Freude machen.« Geschwind erzählte sie
nun von ihrem heimlichen Besuch bei Renate und von der Begegnung an der
Küchentür und Jungfer Karolines heutiger geheimnisvoller Erzählung.
»Was die Jungfer für Kettenrasseln hielt, war doch nur ein alter
Spaten, an den ich anstieß,« schloß sie kichernd.
»Aber Luise, du wildes Mädchen,« rief die Mutter ein wenig erschrocken.
Doch Frau Friederike, die sonst so viel an der Kleinen zu tadeln hatte,
streckte die Hand nach ihr aus und sagte freundlich: »Komm, Luise, du
bist ein liebes, tapferes Kind, und der Gesang damals hat uns allen
eine große Freude gemacht!«
Mit stürmischer Innigkeit eilte Luise auf die Tante zu und küßte ihre
Hand. »Seien Sie nicht böse,« bat sie schüchtern, und dann fügte sie
mit einem treuherzigen Aufblick ihrer schönen braunen Augen hinzu: »Ich
habe Sie so lieb, Frau Tante.«
Gerührt zog diese das Kind an ihr Herz -- seit jener Stunde verstanden
sich die beiden.
Es war, als sei durch Luises Eintritt der Bann gewichen, der vorher
alle bedrückt hatte. Die Frühlingsluft, die hereingeweht war, hatte
die Sorgen verscheucht, und unter heiteren Gesprächen verfloß der Tag.
Zuletzt setzte sich Charlotte Flemming an das kleine, schon etwas
verstimmte Spinett und schlug die Tasten an; die Kinder sangen allerlei
Volkslieder, deren Text auch die Erwachsenen mitsummten. Dann aber ging
die heitere Melodie in eine ernste, feierliche über und wieder sangen
die Kinder, wie damals in der Kirche den schönen Psalm: »Befiehl dem
Herrn deine Wege.« Diesmal sang auch Walter mit; er war hinter seine
Schwester getreten und hatte den Arm um sie gelegt, Fritzchen hielt,
wie gewöhnlich, der Schwester Kleid, er sah mit seinen großen, blauen
Augen ernsthaft drein. Des Pfarrers Augen ruhten unverwandt auf seinen
Kindern, als müsse er sich dieses Bild tief in sein Herz einprägen.
»Befiehl dem Herrn deine Wege,« klang es in ihm nach.
Die Erinnerung an die Heiterkeit und den Frieden dieses letzten
Tages nahm Leutnant von Lühenaar mit, als er am nächsten Tage seinen
Gastfreunden »Lebewohl« sagte. Es war ein bewegter Abschied, wie teuer
waren ihm die Menschen geworden, die ihn so opferwillig aufgenommen
hatten. Von jedem Fleckchen nahm er Abschied, auch von dem Grab seines
Freundes, auf das Luise und Renate einen Buchsbaumkranz gelegt hatten;
er stand noch einmal an der Stelle, an der ihn der Pfarrer halbtot
gefunden, und er drückte den Dorfbewohnern die Hände und schämte sich
nicht der Tränen, die auf Frau Charlottens mütterliche Hand fielen. Bis
zur nächsten Stadt gaben ihm im Wagen Frau von Seeheims der Pfarrer,
Hans-Heinrich und Walter das Geleite. Dort nahm ihn die Post auf und
fort ging die Reise, durch das sich nach dem Frühling sehnende Land,
der fernen Heimat entgegen.
»So Gott will, sehen wir uns wieder!« rief er beim Abschied.
»Als Freunde!« gaben die Knaben zur Antwort, und der Schwager blies auf
dem Bocke ein Liedchen, das wehmütig in die Weite klang.
[Illustration]
13. Kapitel.
Das Vaterland ruft.
Kaum eine Woche nach der Abreise des jungen Offiziers war vergangen,
als der Freiherr von Seeheim nach Kloningken die Nachricht brachte, daß
Deutschland zum Kriege rüstete.
»Herr Pfarrer, es gibt Krieg!« rief er vom Pferde aus dem Geistlichen
zu, dem er auf dem Wege begegnete. »Hurra, Herr Pfarrer, unser König
selbst ruft sein Volk zu den Waffen. Mein Weib weint daheim, aber
segnend läßt sie mich ziehen, und so wahr ich Franz von Seeheim heiße,
meine Pflicht will ich tun wie der Jüngsten einer!«
Er reichte dem Pfarrer ein Blatt, das ein Kurier von Breslau gebracht
hatte, es war König Friedrich Wilhelm ~III~. Aufruf »An mein Volk« vom
17. März.
Es war, als brause der Frühlingssturm durch den Wald. Des Königs Wort
ging von Mund zu Mund und entflammte die Herzen und erweckte das
deutsche Volk zum Kampf. Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt flog der
Ruf, und die Begeisterung stieg wie eine Feuersäule zum Himmel empor.
Männer, in der Blüte der Kraft, und solche, denen schon der Schnee
auf dem Haupte lag, Jünglinge, die noch den Kinderblick in den Augen
hatten, alles griff zu den Waffen, in Scharen strömten die freiwilligen
Kämpfer nach Breslau, wo der König weilte.
Im Herrenhaus zu Kloningken lag Hans-Heinrich von Seeheim vor seiner
Mutter auf den Knien und bat:
[Illustration: »Laß mich ziehen, Mutter!«]
»Laß mich ziehen, Mutter, wenn ich auch noch so jung bin, mein Arm
ist stark und ich fühle meine Kraft. Mein Vaterland ruft, es gilt,
Vergeltung für Jena zu holen, unserer Heimat die Freiheit zu erringen,
Mutter, o laß mich ziehen!«
»Du bist noch mein einziger,« sagte Frau Friederike, und tiefer Schmerz
lag in ihrer Stimme. »Mein letzter bist du, ich kann dich nicht missen.
Dies Opfer ist zu schwer, ich kann nicht!«
»Walter darf auch mitziehen,« sagte Hans-Heinrich mit halbem Trotz.
»Er ist beinahe achtzehn Jahre, ist älter als du, und seine Eltern
haben noch zwei Kinder!«
»Mutter, meine Mutter,« bat der Knabe wieder, »wie kann ich zu Hause
bleiben, wenn alles zu den Waffen greift. Mutter, ich, ein Seeheim,
ich weiß, mein tapferer Vater würde nichts anderes von mir erwarten,
Mutter, laß mich ziehen!«
»Nein -- nein, o, du barmherziger Gott, ich kann nicht! Nicht alles
kann das Vaterland von einer Mutter fordern, du bist noch ein Knabe,
für dich besteht noch nicht die Pflicht, in den Kampf zu ziehen, deine
Pflicht ist, bei deiner Mutter zu bleiben! Hans-Heinrich, was ist
das Leben für mich ohne dich, was weiß ein Kind von den Schmerzen,
die einer Mutter Herz zerreißen. Bleibe bei mir, ich kann dich nicht
lassen!«
Hans-Heinrich schwieg. Die Liebe zu seiner Mutter, der heiße Wunsch,
zu den Waffen zu eilen, rangen in seinem Herzen miteinander. Wenn er
in der Mutter bleiches, vergrämtes Gesicht sah, dann rief es in ihm:
»Bleib hier, du darfst sie nicht verlassen.« Aber dann dachte er an
das Vaterland, das seine Söhne rief, und feige erschien es ihm, daheim
zu bleiben. Hinter dem Ofen sollte er hocken, während draußen um die
Freiheit des Landes gerungen wurde. Das konnte, das durfte doch nicht
sein. Er sprang auf, es wurde ihm zu eng in dem Zimmer, er mußte
hinaus. »Mutter,« bat er noch einmal, »laß mich ziehen!«
Frau Friederike, die sonst so Aufrechte, saß ganz zusammengesunken
auf ihrem Sessel. Bei den Worten des Sohnes richtete sie sich auf,
und ein wenig von der alten harten Festigkeit lag in ihrer Stimme,
als sie rief: »Ich kann nicht.« Und nach einer Weile sagte sie müde,
gebrochen: »Laß mich jetzt allein -- morgen -- werde ich dir Antwort
sagen!«
Bedrückt ging Hans-Heinrich hinaus. Er suchte einsame Wege auf und
lief durch den Park, über die Felder, aber er fand keine Ruhe. Endlich
ging er in das Pfarrhaus, vielleicht daß ihm dort Hilfe wurde. Er traf
die Familie im Wohnzimmer; still und ernst saßen sie beieinander, Frau
Charlotte, wie immer, eine Arbeit in den fleißigen Händen. Verstohlen
wischte sie manchmal eine Träne ab, die darauf fiel, niemand sollte es
sehen, wie furchtbar schwer es ihr wurde, ihren Sohn, ihren Ältesten
herzugeben. Ohne Widerspruch hatte sie, gleich ihrem Manne, dem Wunsch
Walters, als Freiwilliger ins Heer zu treten, beigepflichtet, klaglos
brachten die Eltern dem Vaterland das Opfer, das es forderte.
Ein freundlicher Gruß wurde Hans-Heinrich als Willkommen geboten.
Aber er fand nicht wie sonst Worte für das, was ihn bewegte, er saß
schweigend in dem lieben, vertrauten Kreise. Selbst mit Luise kam er
nicht, wie sonst, in ein Gespräch, diese saß heute mit ungewohntem
Eifer bei ihrer Arbeit, und aller schelmische Übermut war aus ihrem
Gesichtchen verschwunden.
Pfarrer Flemming sah, daß Hans-Heinrich niedergeschlagen war, und er
ahnte den Grund. Väterlich herzlich lud er ihn in sein Arbeitszimmer,
und dort löste sich des Knaben Stummheit, er vertraute dem Pfarrer
seinen Kummer an. Der sah ihn fest an und sagte ernst: »Hans-Heinrich,
du bist deiner Mutter einziger Sohn, sie hat für dich gesorgt in
selbstloser Treue bis zu diesem Tage, du bist ihr zuerst Gehorsam
schuldig; welche Entscheidung sie auch trifft, für dich muß es die
rechte sein. Deine Hoffnung, zwischen dir und deiner Mutter zu
vermitteln, kann ich nicht erfüllen, denn zwischen Eltern und Kinder
darf sich kein dritter drängen. Wohin dich dein Platz auch stellt,
denke immer daran, ein guter, pflichtgetreuer Mensch, sei es Mann, sei
es Weib, kann seinem Vaterland überall dienen, im Krieg und im Frieden,
wenn er seinen Posten mit rechter Treue ausfüllt.«
Hans-Heinrich senkte schweigend den Kopf; die ernsten Worte des
Pfarrers hatten Eindruck auf ihn gemacht. Der Entschluß wurde ihm zwar
bitter schwer, aber er nahm sich doch vor, möglichst ruhig seiner
Mutter Entscheidung zu ertragen.
Bald darauf brach er auf, und Walter gab ihm das Geleite. Arm in Arm
schritten die Freunde dem Herrenhause zu. Es war ein warmer Tag, hin
und wieder fielen einzelne Regentropfen, dann jagte wieder der Wind die
Wolken auseinander und die Sonne brach strahlend hervor. Der letzte
Schnee war verschwunden und wie grüne Teppiche schimmerten die Saaten.
An den Sträuchern und Bäumen waren die Knospen dick geschwollen, ja,
hie und da entfalteten sich schon ganz zarte grüne Blättchen. Von
fernher tönte das »Hüh, Hüh« eines Bauern, der hinter dem von einem
Ochsen gezogenen Pfluge herschritt, begleitet von einem Schwarm Krähen,
die in dem aufgewühlten Boden nach Nahrung suchten, um, wenn der Bauer
die Peitsche schwang, mit lautem Geschrei wieder in die Höhe zu fliegen.
Die Freunde sprachen wenig miteinander, Walter sah ringsum, und zum
ersten Male kam ihm recht zum Bewußtsein, wie schön doch die Heimat
sei. Dort im Osten der Wald, die blaugrünen Kiefern hoben sich dunkel
von den noch blätterlosen Birken ab, und daneben der See, der wie ein
schmales, silbernes Band auf dem braunen Kleid der Mutter Erde lag.
Vor ihm das Dorf, mit seinen mit Stroh gedeckten Häusern, auf dem Dach
von Michael Ragnits Gehöft war ein Storchnest, dessen Bewohner schon
zurückgekehrt waren, auf einem Bein stand der Storch und klapperte
eine lange Geschichte, der Frau Störchin zuhörte. Tief atmete der
Jüngling die linde Frühlingsluft ein. Er hatte in den letzten Wochen in
fieberhafter Aufregung gelebt. Die Gerüchte von dem nahen Krieg, das
Bange, Ungewisse hatten schwer auf ihm gelastet, nun die Entscheidung
gefallen war und die Eltern seinen Entschluß, in das Heer einzutreten,
gebilligt hatten, trat erst der Gedanke an die nahe Trennung vor seine
Seele. Eine weiche, wehmütige Stimmung überfiel ihn, und wenn er in
seinem törichten Knabenstolz nicht gemeint, Weinen sei eines künftigen
Kriegers unwürdig, und sich darum nicht gewaltsam beherrscht hätte,
in dieser Stunde wären ihm leicht die Tränen gekommen. Eine unendliche
Bangigkeit überkam ihn. »Hans-Heinrich,« sagte er leise, »es ist doch
schön zu Hause. Ich glaube, ich könnte noch so viel von der Welt sehen,
besser würde es mir nirgends gefallen.«
Hans-Heinrich sah den Freund an. »Ich wollte, ich wäre an deiner
Stelle, o, Walter, wie beneide ich dich,« rief er, »ich glaube, ich
ertrage es doch nicht, still zu Hause zu hocken, während ihr draußen
kämpft! Lebe wohl, Walter, du Glücklicher!« Er reichte diesem rasch die
Hand und eilte dem Hause zu, er wollte tapfer sein und nicht zeigen,
wie schwer ihm die Entsagung wurde.
Träumerisch ging Walter zurück, da kam es mit leichten Schritten
hinter ihm her, und als er sich umsah, stand Renate vor ihm. Sie trug
ein weißes, blumiges Kleid, ihr blondes Haar war vom Winde zerzaust
und umgab ihr Köpfchen wie ein Strahlenkranz, eine leichte Röte war
von dem eiligen Lauf in ihre sonst so blassen Wangen getreten, Walter
meinte, er habe sie noch nie so lieblich gesehen. »Ich sah dich mit
Hans-Heinrich kommen,« sagte sie, »und wollte dir gern guten Tag sagen.«
Mit einer ihm sonst fremden Scheu ergriff er ihre Hand und hielt sie in
der seinen. »Ich gehe nun bald in den Krieg, Renate, tut es dir leid?«
[Illustration: Walter erblickt Renate]
In ihre blauen Augen trat das Wasser. »O, Walter, der liebe Gott
beschütze dich, mir ist so angst um dich, so angst!«
»Renate!« des Jünglings Stimme schwankte bedenklich, »ich werde
wiederkehren als ein Mann, als ein Sieger. Aber weißt du, unsere
Vorfahren bekamen von ihren Damen ein Kleinod mit als Amulett, wenn sie
in den Kampf zogen, gib mir eins, Renate, eins zum Zeichen, daß du an
mich denkst!«
Verwirrt sah sie an sich nieder. »Ich habe doch nichts, oder da!« sie
nahm eine kleine goldene Kapsel, die sie an einem schmalen schwarzen
Bande um den Hals getragen, »nimm dieses hier.«