Gedanken bewegten ihre jungen Seelen, und der Wunsch nach segensvollem
Tun sproßte in ihnen auf wie die Knospen im Frühling. Endlich begann
Luise wieder: »Du weißt doch, daß der arme Vater so traurig ist, weil
die Frau Tante und alle Leute im Dorf böse mit ihm sind. Ach, ich weiß
es wohl, und ich habe immer gedacht, ich möchte ihm eine Freude machen,
nun ist mir etwas eingefallen. Du weißt doch, Vater hört uns so gern
singen, wollen wir nun nicht Sonntag in der Kirche unseren neuen Psalm
singen? Du, ich und vielleicht Hans-Heinrich, wenn der nicht so dumm
ist wie Walter. Sage, Renate, ist mein Plan nicht schön, wird Vater
sich nicht freuen? Der Magister ist auch einverstanden, ich war vorhin
bei ihm, er sagte, es werden vielleicht recht wenig Leute in die Kirche
kommen, und darum wird Vater doppelt froh darüber sein. Sag doch ja,
warum schweigst du?«
»Dein Vorsatz ist sehr schön,« sagte Renate mit gepreßter Stimme, »und
gewiß würde dein Vater eine herzliche Freude an unserem Gesang haben,
aber -- wenn -- du weißt doch, Tante Friederike, -- sie wird es sicher
nicht gestatten.«
Luise war ganz erschrocken, sie jammerte betrübt: »Daran habe ich
ja nicht gedacht, und ich hätte so gern meinen Vater erfreut.« Sie
begann wieder heftig zu weinen, und Renate wurde das Herz schwer, als
sie den Schmerz der kleinen Freundin gewahrte. »Luischen,« bat sie,
»höre doch auf zu weinen, wenn Hans-Heinrich ja sagt, will ich wohl
sehen, dir deinen Willen zu tun, sei nur oben bei der Orgel. Wenn wir
singen, bitte ich noch vorher den Magister, du kannst doch deine Stimme
sicher?« -- »O, gewiß doch,« rief Luise rasch getröstet, sie begann
gleich mit ihrer hellen Stimme zu intonieren: »Befiehl --«
Erschrocken hielt ihr Renate den Mund zu. »Wenn dich jemand hörte,«
sagte sie vorwurfsvoll.
Luise steckte vor Schreck den Kopf gleich in das graue Tuch, dann sagte
sie ein wenig ängstlich: »Ich will lieber gehen, sonst kommt am Ende
die Frau Tante doch noch, und das wäre schrecklich!« Sie hüllte sich
wieder in ihr dunkles Tuch, öffnete die Tür und lauschte auf den weiten
Flur hinab, ob jemand käme. »Renate,« flüsterte sie, »wenn mich jetzt
jemand erblickt, gebe ich mich als Gespenst der seligen Frau Berta von
Seeheim aus, weißt du, von der sie sagen, sie sei so böse gewesen, daß
sie keine Ruhe im Grabe fände.«
»Du bist ein nettes Gespenst,« sagte Renate mit leisem Lachen. »Brr,
wenn es solche zappeligen Gespenster gäbe!«
Luise kicherte leise vor sich hin, während ihr noch die Tränen an
ihren Wimpern hingen. Sie nahm zärtlichen Abschied von der Freundin,
dann huschte sie den Gang entlang. An der Treppe stand sie wieder
horchend still, aus der Küche klangen lebhafte Stimmen, aber noch
brannte kein Licht im Flur. Luise preßte die Hände an ihr klopfendes
Herzchen, vorsichtig stieg sie Stufe um Stufe herab. Da knarrte eine
derselben so laut, daß das Mädchen meinte, alle im Hause müßten es
hören, aber es regte sich nichts. Sie unterschied jetzt deutlich die
laute Stimme Jungfer Karolinens in der Küche, die anscheinend wieder
eine Geschichte aus ihrer glorreichen Vergangenheit erzählte, Luise
hielt an sich, um nicht zu lachen, am liebsten hätte sie jetzt die
Tür geöffnet und mit einem tiefen Knicks die Demoiselle begrüßt. Aber
wieder knarrte eine Stufe, und nun schwiegen drinnen die Stimmen. Da
bekam sie Angst und eilte mit einigen hastigen Sätzen die Treppe hinab
und verschwand gerade in dem kleinen dunkeln Gang, der sie noch von dem
Ausgang nach dem Garten trennte, als Jungfer Karoline die Tür öffnete.
»Alle Heiligen,« rief diese, erschrocken die Hände zusammenschlagend,
»ein Gespenst!«
In diesem Augenblick hatte Luise draußen die Tür erreicht, neben der
einiges Gartengerät stand, an das das Mädchen in seiner Hast stieß, es
klirrte und rasselte laut, und Luise erschrak selbst über das Gepolter.
»Ein Gespenst, ein Gespenst, huhu,« kreischte die Jungfer, und die
Mädchen kamen eilig aus der Küche zu ihrer Hilfe herbei. Wanda, die
Zweitmagd, ergriff resolut eine kleine Öllampe, um zu leuchten, aber
schon war Luise längst in Sicherheit, und sie kroch vorsichtig am
Gartenzaun entlang.
Jungfer Karoline aber wankte schreckensbleich in die Küche, und da sie
bei ihrer früheren Herrin mitunter eine Ohnmacht gesehen hatte, fand
sie es angebracht, auch eine zu bekommen. Sie sank ächzend auf einen
Stuhl, legte den Kopf hintenüber, streckte Arme und Beine steif aus und
schloß die Augen.
Die Mägde waren ganz verblüfft über das sonderbare Gebaren, da sagte
Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, die zum Besuche in der Küche weilte:
»Dem Jungferchen ist der Verstand alle geworden, man rasch ein Topchen
Wasser und ihr auf das linke Fußchen treten!«
Ehe nun Demoiselle Karoline Einspruch gegen solche Behandlung erheben
konnte, hatte Wanda, die Zweitmagd, ihr einen Schöpfeimer Wasser über
den Kopf gegossen und Stine Strobeck ihr kräftig auf den Fuß getreten.
Die freundlichen Helferinnen waren äußerst erstaunt, wie schnell der
Jungfer der Verstand wiederkehrte. Sie sprang wie besessen empor
und schwapp hatte Wanda einen Schlag auf der Backe, daß sie sich
vor Schreck gleich hinsetzte. Die Schmiedsfrau aber bekam eine Flut
Schimpfworte zu hören, die nicht gerade reichsgräflich klangen. Mit der
Jungfer war nicht zu spaßen, und ein richtiges Gespenst wäre vielleicht
vor ihr ausgerissen, wenn es das Schelten gehört hätte. Stine Strobeck
schaute mit richtiger Bewunderung drein, und ihr Respekt vor der
Jungfer wuchs beträchtlich.
Als sich die Erregung über diesen Zwischenfall etwas gelegt hatte,
kam nun wieder das Gespenst an die Reihe. »Große, glühende Augen hat
es gehabt,« erzählte die Jungfer, »wie mit Ketten hat es gerasselt,«
setzte Mareiken, die Küchenmagd, hinzu. Alle waren sich darüber einig,
daß nun sicher ein Unglück geschehen müsse. »Es hilft nun nichts, es
muß und muß was passieren,« sagte die Jungfer. An diesem Abend wurde
in der Küche des Kloningkener Herrenhauses, als nach dem Nachtessen
die Mägde saßen und spannen, von nichts weiter gesprochen als von dem
Schloßgespenst, und eine wußte immer noch schaurigere Geschichten als
die andere zu erzählen.
So ohne Hindernis kam Luise freilich nicht in ihr Elternhaus zurück:
Kurz ehe sie dieses erreichte, prallte sie mit jemand zusammen, und auf
einmal hatte Hans-Heinrich seine Arme um sie geschlungen.
»Luischen, habe ich dich endlich!« jubelte er auf, als er die Freundin
umfaßt hatte. Diese, glücklich über die Begegnung, erzählte ihm in
übersprudelnder Eile, wo sie gewesen, was geschehen sei und was sie tun
wollte. Wie ein Wasserfall ging es. Und Hans-Heinrich rief mitten drin
lachend: »Sag' doch, Luise, soll Jungfer Karoline singen oder wir? Du
redest ja alles untereinander!«
Und Luise lachte und schwatzte weiter. Sie standen beide am Eingang des
Pfarrgartens, mitten im Schnee, und hielten sich an den Händen gefaßt,
sie fühlten nicht die Kälte, nicht den scharfen Wind, der von Osten her
wehte, sie fühlten nur die Freude, einander wiederzuhaben. Als Luise
endlich heimkehrte, da nahm sie das feste Versprechen Hans-Heinrichs
mit, er wollte alles tun, seine Mutter zu versöhnen, und er wollte auch
am Sonntag den Psalm mit ihr und Renate singen.
Mit leichterem Herzen betrat Luise das Haus. Nur der kleine Fritz hatte
ihre lange Abwesenheit bemerkt und empfing sie ziemlich ungnädig, er
mochte es gar nicht sehr leiden, wenn sich die große Schwester nicht
um ihn kümmerte. Sie nahm rasch den Kleinen auf den Schoß und erzählte
ihm eine lustige Geschichte, und beide Kinder lachten hell darüber,
da trat die Mutter in das Zimmer und gebot ihnen ernst, sie sollten
stille sein. Luise sah betroffen auf, eine Frage wagte sie nicht, aber
die Mutter verstand ihren Blick und sie sagte: »Es steht schlecht mit
unserem Pflegling; darum haltet euch ruhig, damit er nicht gestört
wird.«
[Illustration]
10. Kapitel.
Liebet eure Feinde.
Der Sonnabend war gekommen. Pfarrer Flemming saß in seinem
Studierzimmer, er arbeitete an der Predigt für den Sonntag; noch nie in
den langen Jahren seiner Amtsführung war ihm dies so schwer geworden
wie an diesem Tag. Immer und immer wieder strich er das Geschriebene
durch, starrte vor sich nieder und begann von neuem.
Im Hause herrschte Stille. Frau Charlotte vermied in den Stunden,
da ihr Mann bei seiner Arbeit war, jedes unnötige Geräusch; am
liebsten saß sie freilich neben ihm an dem kleinen Tisch am Fenster
und nähte. Heute jedoch hielt ihre Pflicht sie in dem Krankenzimmer
zurück, und unermüdlich sorgte sie für das Wohl ihrer Schützlinge.
Der jüngere Offizier, ein Souslieutenant, ein geborener Bayer, war
bereits auf dem Wege der Besserung, wenn auch noch Wochen vergehen
konnten, bis seine Wunden völlig geheilt waren. Sein Kamerad dagegen,
ein Voltigeurkapitän, erwachte nur immer auf kurze Augenblicke aus
seinen wilden Fieberträumen, die dann wieder mit erneuter Heftigkeit
einsetzten. Immer kürzer und pfeifender wurde sein Atem und immer
geringer seine Lebenskraft. Er wimmerte, daß das Feuer ihn verbrenne,
dann stöhnte er wieder: »Ich erfriere, ich kann nicht weiter, ich bin
so müde.«
Frau Charlotte hatte den Leutnant in einer anstoßenden Kammer
unterbringen wollen, aber sie hatte seinen flehenden Bitten, ihn nicht
von seinem Gefährten zu trennen, nachgegeben.
Gegen Abend ließ dessen Fieber plötzlich nach. Mit seltsam klaren Augen
schaute der Kranke um sich, er erkannte seinen jungen Waffenbruder;
»~oh mon bon camarade~,« sagte er und streckte diesem mit sichtlicher
Anstrengung seine Hand hin.
Als Charlotte Flemming zu ihm trat, sah er sie lange groß und erstaunt
an; fragend irrten seine Augen im Zimmer umher, seine Lippen bewegten
sich, als wollte er etwas sagen, aber er war zu schwach, und er schloß
wieder die Augen. Sanft strich ihm Frau Charlotte über die feuchte
Stirn, da lächelte der Kranke matt, und mit diesem friedlichen Lächeln
schlief er ein, um nie mehr zu erwachen. Sein Kamerad preßte stumm den
Kopf in die Kissen, er wollte die Tränen nicht sehen lassen, die ihm
heiß aus den Augen strömten. Aber als seine gütige Pflegerin zu ihm
trat, linde tröstende Worte sprach, da schluchzte er auf: »Ich habe
meinen besten Freund verloren!«
Sie betteten ihn in eine kleine stille Kammer, ihn, der so sanft im
fremden Lande schlief. Lange stand Pfarrer Flemming mit seiner Frau an
dem Lager. Dann hob er den Kopf, und ein beinahe freudiger Klang war in
seiner Stimme, als er sagte: »Nun weiß ich, Charlotte, was ich meiner
Gemeinde sagen will!«
Walter wurde sehr bleich, als seine Mutter ihm den Tod des so bitter
gehaßten Feindes mitteilte. Er wollte sprechen, und er brachte doch
kein Wort heraus. Er hatte den fremden Mann, der in seinem Vaterhause
gestorben war, nie gesehen, und doch fühlte er dessen Tod wie eine
Last. Er wäre seiner Mutter am liebsten um den Hals gefallen und
hätte sich ausgesprochen, denn in ihm war alles unklar und verwirrt,
aber wieder schlossen Trotz und falsche Scham ihm den Mund. Beim
Gutenachtgruß küßte er ehrerbietig der Eltern Hand, ein Weilchen stand
er noch zögernd, aber die Bitte um Verzeihung, das Bekenntnis, daß er
unrecht getan hatte, kam nicht über seine Lippen.
Luise weinte so lange, bis der Schlaf ihre Tränen trocknete. Der
kleine Fritz, dem es ängstlich ums Herzchen war in dieser traurigen
Stille, kam zu der geliebten Schwester ins Bett gekrochen. Er schmiegte
sich dicht an sie an und bettelte um eine Geschichte. Weil aber die
Schwester nur immer leise weinte, entschloß er sich, ihr zum Trost,
selbst eine Geschichte zu erzählen. Er fing das wunderschöne Märlein
vom Dornröschen an, aber der böse Sandmann kam und streute so viel Sand
in des Fritzels Augen, und so kam der Prinz nur gerade in das Schloß
hinein, was drinnen geschah, erfuhr an diesem Abend die Schwester
nicht. Der Kleine lallte: »Und der Prinz gingte hinein, er gingte, und
da -- und da --« Und da schlief der Fritz schon fest. Auch Luises Augen
schlossen sich. Als kurz darauf die Mutter kam, da fand sie die Kinder
lieblich schlafend, auf den rosigen Wangen des Mädchens waren noch die
Spuren der vergossenen Tränen zu sehen.
[Illustration]
Bis tief in die Nacht hinein strahlte ein Licht aus dem Pfarrhaus in
die winterliche Stille hinaus. Schon begannen die Sterne zu verblassen,
als Pfarrer Flemming endlich seine Feder niederlegte und sich zu seiner
Frau wandte, die treu die Nacht bei ihm ausgehalten hatte. »Ich bin
fertig, Charlotte, Gott gebe, daß es gut ist, daß ich die rechten Worte
gefunden habe, und daß sie zu den Herzen meiner Gemeinde und meines
Sohnes dringen mögen!«
Klar und hell brach der Sonntagmorgen an. Die Sonne überstrahlte das
winterliche Land, das weiß und still in seinem Feierkleide dalag. Alle
Arbeit ruhte, und die Dorfstraße, auf der sich sonst die Kinder gern
mit lautem Geschrei tummelten, lag verlassen da.
Nun erhob die Glocke des Kirchleins ihre Stimme, rufend, mahnend,
und Türe auf Türe tat sich auf, und aus allen Häusern eilten die
Menschen zur Kirche. Sie kamen alle ein bißchen rascher als sonst,
alle etwas unruhig und aufgeregt, und mancher Blick ging schon den Weg
zum Pfarrhaus entlang. Auf dem kam Frau Charlotte mit ihren Kindern.
Luise und Fritz gingen an der Hand der Mutter, und Walter schritt mit
gesenktem Haupte hinter ihnen her. Ihm wurde das Herz immer schwerer
auf diesem Gange. Auch aus dem Herrenhause kam Frau von Seeheim mit
Knechten und Mägden, Hans-Heinrich hatte die Mutter darum gebeten, und
die Mutter hatte zu seiner Verwunderung sehr rasch eingewilligt. Sie
hatte auch keine Einwendung gemacht, als die Kinder um die Erlaubnis
baten, ob sie nicht oben auf dem Chor bei Magister Richter sitzen
dürften.
Überrascht blickte Pfarrer Flemming auf die zahlreich erschienene
Gemeinde, er sah die Unruhe und Erwartung in den Augen, er sah auch,
wie Stasiu Wietak keck und herausfordernd auf seinem Platze saß, und
wie manche ängstlich zu dem Stellmacher hinsahen. Da richtete er sich
stolz auf, frei und offen ruhte sein Blick auf seiner Gemeinde, keine
Unsicherheit, kein Schwanken war in seiner Stimme, als er begann:
»Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen, tuet wohl denen, die euch
hassen, so spricht unser Heiland zu uns, und ich, der ich mich seinen
Diener nennen darf, stehe heute vor euch, meiner geliebten Gemeinde,
und will mich rechtfertigen, warum ich nach diesen Worten unseres
Heilands handelte.«
Einige der Bauern rückten unruhig auf ihrem Sitze hin und her. Frau
Friederike neigte tiefer den Kopf, und Stasiu Wietak, der Stellmacher,
wollte sich erheben, aber die derbe Faust Michael Ragnits hielt ihn
zurück. »Schweig!« herrschte der ihn an. Sekundenlang ging es wie ein
leises Raunen durch die Kirche, dann trat wieder tiefe, atemlose Stille
ein, und der Geistliche fuhr fort:
»In der Nacht, da dieses neue Jahr begann, da kamen hilflos, halbtot,
zwei verirrte Wanderer zu mir, und ich nahm sie auf, weil es meine
Christenpflicht war. In jener Stunde durfte ich nicht denken, sind es
Franzosen, denen du hilfst, in jener Stunde waren sie meine leidenden
Brüder, denen ich meine Hand nicht versagen durfte. Heute nacht ist
einer jener beiden allem Erdenleid entrückt, er steht vor unserem
himmlischen Richter. Sein letztes Wort war ein Wort der Liebe für
seinen Kameraden, und dieser, den er durch seine Treue vor einem
elenden Tode bewahrte, ist ein Deutscher wie ihr und ich. Er ist
einer deutschen Mutter Sohn, die daheim wohl in Leid und Angst ihres
Ältesten gedenkt; ein Deutscher, der unsere Sprache spricht, den die
Pflicht zwang, unter fremden Fahnen zu dienen. Ich vermag euch nicht
die unsäglichen Leiden zu schildern, die die große Armee, die wir im
Frühjahr hier durchziehen sahen, in Rußland erduldet hat. Meine Sprache
ist nicht beredt genug, um für diesen Jammer, dieses ungeheure Elend
Worte zu finden. Von denen, die ausgezogen, sind wenige heimgekehrt,
heimgekehrt als Bettler, Flüchtlinge. Wir sind Deutsche, wir sehen
darin eine Vergeltung Gottes, und dankbar blicken wir zu ihm auf, der
uns in dunkler Nacht die Morgenröte der Hoffnung aufgehen läßt. Aber
unser Gefühl, unsere Liebe zu unserem Vaterland darf nicht das Mitleid
für den Menschen, sei es, wer es sei, der Hilfe heischend zu uns
kommt, ertöten. Der ist kein Vaterlandsverräter, der das Wort unseres
Heilandes zu seinem eigenen macht: ›Liebet eure Feinde!‹ Forderte
heute mein Vaterland meinen Sohn von mir, mit blutendem Herzen, mit
segnendem Munde würde ich ihn ziehen lassen und sagen: ›Gehe hin
und tue deine Pflicht!‹ Und klopfte am gleichen Tage ein verirrter,
hilfloser Feind an meine Tür, ich müßte ihm öffnen. Das Wort, ›Liebet
eure Feinde‹, darf in eines Christen Herz kein toter Klang sein, ins
Leben müssen wir es übertragen, mag es uns auch noch so schwer werden.
Und wenn ihr mich alle darum verachtet, heute, morgen, alle Tage will
ich barmherzig sein gegen den Franzosen, der meiner Hilfe bedarf.
Zwanzig lange Jahre habe ich unter euch gelebt, zwanzig Jahre Freude
und Sorge mit euch geteilt. Ihr kennt mein Herz, und ihr wißt, daß ich
tief die Schmach meines Vaterlandes beweint habe, soll da wirklich eine
Handlung, die mir meine Pflicht gebot, dieses Band, das zwanzig Jahre
festgeknüpft haben, zerreißen?
»Ich liebe mein Vaterland! Frei und offen will ich es bekennen, und so
ein Verräter unter euch ist, der gehe hin und zeige mich an, um meiner
freien Worte willen. Ein echter deutscher Mann[1] hat vor wenig Monaten
ein goldenes Wort geschrieben; es klinge nach in aller Herzen: -- ›_Auf
denn, redlicher Deutscher! bete täglich zu Gott, daß er dir das Herz
mit Stärke fülle und deine Seele entflamme mit Zuversicht und Mut_.‹ --
So ist auch mein Gebet, und dennoch, Herr mein Heiland, lehre mich, daß
ich dein Wort erfülle: ›Liebet eure Feinde!‹«
[1] Ernst Moritz Arndt.
[Illustration]
Es war totenstill in der Kirche geworden, nur manchmal wurde ein
leises Schluchzen laut. Still, mit gesenktem Kopf saßen Männer
und Frauen, Alte und Junge, selbst Stasiu Wietak wagte es nicht,
aufzusehen. Neben seiner Mutter saß Walter Flemming, seine junge
Seele war tief erschüttert und heiße Scham durchwogte ihn, daß er es
vermocht hatte, diesen gütigen Vater so zu kränken. Oben auf dem Chor
standen Renate, Hans-Heinrich und Luise, der Magister saß an der Orgel
und blickte mit umflorten Augen zu den Kindern hin, »könnt ihr singen?«
Aber diese kämpften noch immer mit ihren Tränen, endlich nahm sich
Luise krampfhaft zusammen und sagte mit bebender Stimme: »Vater soll
nicht um seine Freude kommen!« Sie trat an die Brüstung vor, da erhob
gerade der Pfarrer seine Augen und sah sein Kind stehen. Die kleine
hatte die Hände gefaltet und dann begann sie mit leiser, zitternder
Stimme: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es
wohl machen!« Erst klang es ängstlich, zagend, dann aber überwand sie
die Befangenheit, der Gesang wurde freier, Hans-Heinrich und Renate
fielen ein, die Stimmen schwollen an und vereinigten sich in lieblicher
Harmonie. Die drei hatten sich angefaßt, Hand in Hand standen sie
droben. Der Sonnenschein lag auf ihren jungen Häuptern, sie standen
ganz im hellen strahlenden Licht. Und ihre klaren Stimmen flehten und
jauchzten, sie fühlten es alle drei, so hatten sie noch nie gesungen,
und so im innersten Herzen bewegt hatte Magister Richter noch nie den
Gesang seiner Schüler begleitet.
Als der Geistliche die Kirche verließ, stand die Gemeinde wartend vor
der Tür, allen voran schritt Friederike von Seeheim auf ihn zu, sie
neigte das stolze Haupt, streckte beide Hände aus und sagte laut und
fest: »Verzeihung, mein Freund!«
Männer und Frauen drängten ihr nach, alle kamen sie an ihn heran, junge
und alte Hände streckten sich dem Pfarrer entgegen und er erwiderte
herzlich den Druck. Manche schwielige, harte Arbeitshand hielt er da
in der seinen, und seine Augen begegneten ehrlichen, um Verzeihung
heischenden Blicken. Worte wurden nicht viel gewechselt, der Pfarrer
erkundigte sich nur nach einigen Kranken und erhielt kurze, knappe
Antworten, aber er fühlte, das alte Vertrauen, die alte Liebe war
wiedergekehrt.
Ein tiefes Glücksgefühl erfüllte ihn, als er sein Haus betrat, dort
saß, wie so oft, Frau Friederike im Wohnzimmer. Am Ofen standen die
drei tapferen Sänger, und der Pfarrer trat zu ihnen und küßte die
klaren Stirnen, »ich danke euch,« sagte er, »ihr habt mir eine große
Freude bereitet.«
Den dreien war es, als wäre der größte Reichtum der Welt ihnen zu eigen
geworden, ja so groß erschien ihnen der Dank, daß sie ganz beschämt
waren. Luise hatte nur den einen Kummer, den, daß Walter nicht dabei
gewesen war. Der aber saß in seines Vaters Arbeitszimmer, denn was er
seinem Vater zu sagen hatte, vertrug keines andern Gegenwart. Als Frau
von Seeheim mit Renate und Hans-Heinrich das Pfarrhaus verlassen hatte,
ging der Geistliche in sein Zimmer. Dort fand er den Sohn, dessen
Abkehr sein tiefster Schmerz gewesen war. Schluchzend sank Walter in
des Vaters Arme, er wollte sprechen, aber er konnte es nicht. Und der
Vater verstand die stumme Bitte wohl, in dieser Stunde wurde es klar
zwischen ihnen beiden, und Walter wußte nun, daß er in seinem Vater
seinen treuesten Freund besaß.
[Illustration]
11. Kapitel.
Die Folgen einer Predigt.
Am nächsten Tage wurde der französische Offizier auf dem kleinen
Kloningkener Friedhof zur Ruhe bestattet. In ihren Feierkleidern
folgten alle Dorfbewohner, auch Frau von Seeheim ging hinter dem Sarge
des Franzosen, nur Stasiu Wietak fehlte. Es war eine kurze, stille
Feier, dann wurde der Hügel mit Tannenreis bedeckt. Die Kloningkener
vergaßen aber nicht den fremden Mann, der bei ihnen ausruhte von
seinen schweren Leiden. Lange, lange Jahre wurde sein Grab mit Blumen
geschmückt, das ein einfaches Holzkreuz bezeichnete.
Es war ein Jahr voll Hoffen und Zagen, das Jahr
eintausendachthundertunddreizehn. In den ersten Wochen des Jahres
durchschwirrten oft die seltsamsten Botschaften das Land. Einmal hieß
es: Der König sei tief erzürnt über die eigenmächtige Handlung des
Generals von York, und die Kunde wirkte wie ein eisiger Wasserstrahl
auf die Flammen der Begeisterung. Dann wieder ging von Mund zu
Mund das Gerücht, es sei nicht wahr, der General hätte mit seiner
Tat nur des Königs Willen vollführt. Auch nach Kloningken drangen
die verschiedensten Gerüchte, und sie wurden, wie überall, lebhaft
besprochen. Jetzt aber kamen die Männer ins Pfarrhaus mit ihren
Hoffnungen und Befürchtungen, und der Pfarrer konnte es jeden Tag von
neuem merken, daß das alte Vertrauen wiederhergestellt war.
Einmal im Februar kam Freiherr Franz nach Kloningken, und er erzählte
dem Pfarrer, es seien Erkundigungen nach ihm eingezogen worden, irgend
jemand habe eine Anzeige gemacht, er reize seine Gemeinde durch seine
Reden auf. Daraufhin setzte Magister Richter ein Schreiben auf, worin
gesagt wurde, daß kein ehrlicher Mann in der Gemeinde Grund habe, sich
über den Pfarrer zu beklagen. Der Magister schrieb die Namen aller
Dorfbewohner darunter, und jeder machte zum Zeichen seiner Einwilligung
drei Kreuze daneben, nur Daniel Romeike, der Schulze war, konnte seinen
Namen schreiben, auch die gnädige Frau von Seeheim unterschrieb.
Nachdem war alles still, keine Untersuchung, kein Tadel folgte, man
wußte wohl, man konnte das Gären im Volke nicht dämmen. Von jener Zeit
an aber wurde der Stellmacher Stasiu Wietak im Dorfe noch mehr denn
sonst scheel angesehen, und standen zwei zusammen, und er gesellte sich
als dritter dazu, dann ging man auseinander, zuletzt stand er ganz
einsam und zog schließlich von seinem Heimatsort fort, man erzählte
sich später, er sei als Spion erschossen worden.
Wenn auch des Landes Hoffnungen und Sorgen in dem einsamen Dorfe ihren
Widerhall fanden, so ging doch das tägliche Leben seinen stillen
Gang weiter. Der junge Offizier weilte noch immer als Genesender
im Pfarrhause, denn seine schweren Wunden heilten nur langsam. Die
Erschütterung über den Tod seines Kameraden hatte seinen Zustand
verschlimmert, und nur der aufopfernden Pflege seiner Wirte gelang es,
sein junges Leben zu retten. Aus seiner Heimat war ein Brief seiner
Mutter gekommen, ein dankerfüllter Brief, in dem die Mutter von ihrer
seligen Freude schrieb, daß der Sohn gerettet und in guter Pflege war.