bleischweren Schlaf umfangen, in den er nach seiner Ankunft verfallen
war, der ältere dagegen redete in wirren Fieberphantasien, er war
anscheinend Franzose, er mischte aber viele deutsche Brocken in seine
Reden. Frau Charlotte, die der französischen Sprache mächtig war,
lauschte oft schaudernd den furchtbaren Bildern, die die Fieberträume
des Kranken ihr enthüllten. Besorgt schritt sie ab und zu und legte
immer wieder im Schnee gekühlte Tücher auf die heiße Stirn des Kranken.
»Das Feuer brennt so hell,« schrie dieser, und »fort, fort, seht ihr
nicht, alles steht in Flammen, kein Wasser -- ach, ich verdurste!« Dann
wieder flüsterte er geheimnisvoll: »Seht, da sind Tote, da -- da --
immer mehr, alle, -- alle tot. Kamerad, komm doch, vorwärts, sieh, ein
Licht.«
Gegen Morgen erwachte der Jüngere aus seinem Schlaf. Er sah sich
erstaunt um in dem schlichten, sauberen Zimmer, wo war er nur? Da
erblickte er Frau Charlotte. »Mutter,« flüsterte er wie träumend,
»Mutter!« Erschüttert trat die Frau an sein Lager. »Ich bin nicht Ihre
Mutter,« sagte sie sanft, »aber,« beruhigte sie, als sie den verstörten
Ausdruck seiner Züge gewahrte, »Sie sind in guter Pflege, fürchten Sie
nichts!«
Der Kranke bedeckte die Augen mit der Hand und stöhnte, »wo bin ich,
ach, Madame sprechen Deutsch.«
»Sie sind auch in Deutschland, nicht mehr in Rußland.«
»Rußland!« Erschrocken fuhr er empor. »Mein Gott, was habe ich
gesehen!« Er wandte den Kopf und sah auf seinen Kameraden, der
gerade still lag und mit stieren, glänzenden Augen in die Weite sah.
»~Gréville!~« rief er, »~mon capitaine!~« Aber der hörte ihn nicht,
seine Lippen redeten schon wieder im Fieber, angstvoll schrie er auf
und fuhr von seinem Lager empor, um dann mit einem Schmerzenslaut
wimmernd zusammenzusinken. Der andere seufzte tief, er schaute seine
Pflegerin an und wollte sprechen, erzählen. Doch sanft verwehrte es
ihm die Frau. »Später, wenn Sie gesund sind, jetzt müssen Sie ruhen,«
sagte sie gütig. Da schloß der Kranke wieder seine Augen. Der Ausdruck
friedlicher Ruhe breitete sich über seine Züge. »Nicht in Rußland,«
murmelte er, »gottlob, nicht mehr in Rußland.«
[Illustration]
8. Kapitel.
Freunde werden zu Feinden und Feinde zu Freunden!
Der schweren Nacht folgte ein grauer, trüber Morgen, an dem die
Schneewolken fast bis auf die Dächer der Häuser herabhingen. An
diesem Morgen sprach Pfarrer Flemming mit seinem Sohne, er versuchte
es vergebens, von diesem Verständnis für seine Handlung zu erlangen.
Der Knabe stand trotzig vor ihm, und er sagte dem Vater, was er von
Hans-Heinrich erfahren hatte. Er sah wohl den Schmerz in den Zügen des
geliebten Vaters, er sah diesen leiden, wie gern hätte er, wie sonst,
die teure Hand geküßt, aber hatte diese Hand nicht den Feinden die Tür
geöffnet -- in verstocktem Schweigen wandte er sich ab.
Und als er wieder draußen stand, da wäre er am liebsten umgekehrt und
hätte sich an des Vaters Brust geworfen, denn immer lauter wurde die
Stimme in ihm, die rief: »Dein Vater handelte, wie er handeln mußte.«
Auf der Treppe begegnete er Luise. Die blieb stehen und sagte bittend:
»Walter, sag' doch den Eltern ein gutes Wort! Schäme dich doch, wie
kannst du so sein!«
In neu erwachtem Trotz rief er heftig: »Sei still, Mädchen verstehen
solche Sachen nicht!«
Doch Luise ließ sich nicht einschüchtern. »Gerade verstehe ich es,«
sagte sie ein bißchen hochmütig. »Ich verstehe, daß man Menschen nicht
einfach draußen im Frost umkommen läßt, und ich verstehe, daß unsere
Eltern die allerbesten, allergütigsten Menschen auf der Welt sind, und
daß du -- du -- ein -- dummer Junge bist.« Weg war Luise, und Walter
stand allein mit seinem Zorn, seiner Empörung und der immer lauter
mahnenden Stimme in seiner Brust.
Luise ging etwas niedergeschlagen zu ihrer Mutter, da war ihr nun mal
wieder die Zunge ausgerutscht, und sie hatte es doch gerade gut machen
wollen, hatte Friedensengel sein wollen, ach, es war doch recht schwer,
immer bedacht und richtig zu handeln!
Gegen Mittag ging Pfarrer Flemming in das Herrenhaus. Frau von
Seeheim hatte am Morgen geschickt und die Stunden der Kinder absagen
lassen, kein Wort hatte sie hinzugefügt, keinen Gruß gesandt. Als
der Geistliche auf den Hof kam, waren die Grüße, die die Leute ihm
zollten, kurz, fast verlegen, die Ehrerbietung, die man ihm sonst
entgegengebracht hatte, fehlte. Im Flur traf er Renate, die küßte wie
sonst seine Hand, aber als er nach Frau von Seeheim fragte, stieg
tiefes Rot in das zarte Gesicht des Mädchens, und sie senkte wie
schuldbewußt das Köpfchen, als sie dem geliebten Lehrer antwortete:
»Frau Tante ist nicht zu sprechen!«
Zurückgewiesen! An der Schwelle des Hauses, in das er so oft als Freund
gekommen war, als Tröster in schweren Stunden, da der Tod darinnen
weilte, und nun? Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen, ein
herbes Wort schwebte ihm auf den Lippen, er rang mit sich, aber es
gelang ihm, sich zu beherrschen. Stolz richtete er sich auf, »so grüße
deine Tante, mein Kind,« sagte er, »und behüte dich Gott!« Seine Stimme
zitterte ein wenig, einige Augenblicke ruhte seine Hand auf Renates
Haupt, dann schritt er ruhig, hochaufgerichtet aus dem Hause, kein
Gedemütigter, ein Sieger.
In ihrem Zimmer ging indessen Frau Friederike rastlos auf und nieder.
Sie hörte die Stimme des Pfarrers, sie hörte seinen verhallenden
Schritt, und sie schämte sich ihres Tuns. Wie klein, wie feige war
sie doch gewesen, weil im innersten Herzen ihre harte Tat, ihre
vorschnellen Worte sie reuten, hatte sie es nicht gewagt, dem Manne in
die Augen zu sehen. Nun ging er, und in dieser Stunde empfand die Frau
erst, wie groß die Freundschaft gewesen war, die der Pfarrer und seine
Frau ihr dargebracht hatten. Alle die Stunden wurden in ihr lebendig,
in denen sie an den beiden gütigen Menschen einen Halt gehabt hatte.
Tag und Nacht war die Freundin in allen schweren Stunden bei ihr
geblieben, und der Pfarrer war es gewesen, der ihren sterbenden Sohn
heimgeleitet hatte. Dennoch fand sie den Weg in das Pfarrhaus nicht,
ein falscher Stolz hielt sie zurück, dem Zuge ihres Herzens zu folgen.
Es war ein Leidensweg, den Pfarrer Flemming an diesem Morgen unternahm.
Nur finstere, scheue Blicke trafen ihn, kein Händedruck, kein
zutrauliches, freundliches Wort wie sonst, nur kurze, mürrische Grüße
wurden ihm zuteil. Die Kinder freilich, die kamen und begrüßten ihn so
fröhlich wie immer, und niemand verwehrte es ihnen. Und die alte Frau
Ragnit, die seit Jahr und Tag ihr Bett nicht mehr verlassen konnte,
freute sich auch wie sonst über den Besuch des Pfarrers. Der saß eine
Weile bei ihr, sprach freundlich mit ihr von vergangenen Tagen, und als
er ging, sagte die alte Frau schlicht: »Herr Pfarrer, rechte Liebe und
rechtes Vertrauen kann mal ein bißchen getrübt werden, vergehen tut's
aber nicht.«
Der Pfarrer schüttelte ihr die Hand, das gute Wort tat ihm wohl.
Draußen traf er dann den Stellmacher Stasiu Wietak, der begrüßte ihn
voll Demut, während ein Lachen auf seinem Gesicht lag. Dieser Gruß
tat dem Pfarrer weh, denn er wußte, es war nur Schadenfreude. In
schmerzliches Sinnen verloren ging er weiter, ging auf der Landstraße
hin dem nahen Walde zu.
Zwanzig Jahre hatte er in Kloningken gewirkt, zwanzig Jahre in frohen
Stunden und in sorgenvollen Tagen in gleicher Freudigkeit und Treue
seinen Beruf erfüllt, und nun vermochte eine einzige Handlung, zu der
ihn seine Christenpflicht gedrängt hatte, dieses Band zu zerreißen. Der
bitterste Tropfen in diesem Kelch aber war doch, daß der eigene Sohn
sein Tun nicht verstand.
Als Pfarrer Flemming wieder die Schwelle seines Hauses überschritt, da
stand Luise mit dem kleinen Fritz an der Tür, und mit einem Jubelruf
eilten beide dem Heimkehrenden entgegen. Frau Charlotte, die wohl
ahnte, daß es ein schwerer Gang sein würde, den ihr Mann gegangen war,
hatte zu Luise gesagt, sie solle dem Vater entgegengehen.
Diese nahm den kleinen Bruder zur Hand und sagte, die Mutter
verstehend: »Komm, Fritzchen, wir wollen Vater empfangen und ihn recht,
recht lieb haben, wenn er heimkommt!«
Aufatmend schloß der Pfarrer seine Kinder in die Arme, und Hand in Hand
ging er mit ihnen in das Haus, wo die Mutter sie schon erwartete.
»Charlotte, mein treues Weib,« rief er mit bewegter Stimme, »in dieser
Stunde bin ich arm geworden, und doch, welchen Reichtum hat mein
Heiland mir gelassen!« Mit klaren Augen trat er dann an die Betten der
Kranken, liebevoll verband er frisch ihre Wunden, die sollten es nie
fühlen, was er um ihretwillen zu leiden hatte.
Die Tage gingen. Im Pfarrhaus schlichen sie trübe dahin; die beiden
Kranken lagen noch immer schwer danieder und der ältere von beiden
wurde von Tag zu Tag schwächer. Einen Arzt zu erlangen war nicht
möglich gewesen, die Wege waren verschneit und der alte Wundarzt im
nahen Städtchen unternahm nicht mehr solche beschwerlichen Fahrten. Der
Pfarrer mußte daher allein, so gut er konnte, die Behandlung führen.
Der jüngere Kranke war zwar unendlich schwach, aber seine Wunden
begannen zu heilen und sein Geist war klar. Einmal, als der Geistliche
an sein Bett trat, sah er ihn lange forschend an und sagte dann mit
matter Stimme:
»Haben wir uns nicht schon gesehen?«
Prüfend blickte der Pfarrer in das junge abgezehrte Gesicht; wo war er
nur diesem Mann schon begegnet?
Da sagte der junge Mann leise: »Im Sommer, als wir nach Rußland zogen,
kamen wir in ein Gutshaus, da waren Kinder, mit denen ich sprechen
wollte, ein schwarzlockiger Knabe antwortete mir so trotzig und mutig,
ich habe die Szene nicht vergessen.«
»Mein Sohn war es und drüben im Herrenhaus geschah es, jetzt erinnere
ich mich.« Er sah erschüttert auf den Kranken nieder, dieser elende,
sieche Mensch war jener stattliche, blühende Offizier. »Sie haben
schwere Tage hinter sich,« sprach er mitleidig.
»Schwer, nein, grauenvoll, furchtbar, o mein Gott, was habe ich gesehen
und was gelitten,« rief der junge Offizier. »Wenn jener nicht gewesen
wäre,« er deutete auf seinen Nachbar, »ich läge heute auch erfroren
auf Rußlands Eisfeldern, dieser aber war ein guter Kamerad, er half
mir vorwärts, er war zäher als ich.« Und halblaut, in schmerzlichem
Erinnern sprach er weiter:
»Frierend, hungernd, so sind wir die Straße heimwärts gezogen, wir
brauchten keinen Wegweiser, die Leichen unserer Kameraden, die
niedergebrannten Dörfer zeigten uns den Weg. Als wir auszogen, waren
wir eine große glänzende Armee, und zurückgekehrt sind wir als ein
Häuflein elender, zerlumpter, verzweifelter Menschen. Keine Ordnung und
Zucht herrschte mehr, wer sich zusammenfand, der ging zusammen, keiner
wußte, wo sein Regiment war, wer noch davon lebte. Wir waren sechzig,
die wir uns so zusammengefunden hatten, als wir über das Schlachtfeld
von Smolensk zogen, vor Wilna waren wir noch zwölf, kaum wußten wir, wo
die andern geblieben waren. Manchmal sah man einen Kameraden taumeln,
niederfallen, und gleichgültig trotteten wir weiter, helfen konnten wir
nicht, so zogen wir müde und stumpf unseres Weges. Manchmal lagerten
wir uns am Abend, wenn wir das Glück hatten, Holz zu finden, um uns ein
Feuer zu machen, und wenn wir beim Tagesgrauen aufstanden, da lagen
wohl etliche Kameraden erfroren da.« Er schöpfte einige Minuten Atem
und starrte finster vor sich hin, dann fuhr er leise, müde fort:
»Zuletzt verloren Kapitän Gréville und ich die Richtung, ein
furchtbares Schneegestöber trieb unser Häuflein auseinander, wir
wanderten weiter und weiter, es war ein anderer Weg. Anfangs mieden
wir noch die Dörfer, die wir liegen sahen, denn wir wußten, die
Russen marterten die unseren erbarmungslos zu Tode. Zuletzt verloren
wir in einem Walde den Weg vollständig, wir irrten planlos umher,
es dämmerte schon, als wir einen Weg darin fanden, und an diesem --
einen Wegweiser. Wir lasen deutsche Namen, und wir haben geweint wie
Kinder vor Freude, unser Mut hob sich, und wir wanderten weiter, wie
lange, ich weiß es nicht mehr. Ich war so erschöpft, daß ich nur noch
taumelte, da sahen wir ein Licht, ich hörte Stimmen, und da verlosch
das Licht wieder, ein anderes tauchte auf, dann verlor ich das
Bewußtsein -- als ich erwachte, war ich hier.«
Der Kranke sank erschöpft zurück, und ein Blick unendlicher Dankbarkeit
traf den Pfarrer. »Hier ist es gut, ach so warm und still!« Als Frau
Charlotte an sein Bett trat, faßte er nach ihrer Hand. »Ich habe daheim
eine Mutter,« sagte er leise, »sie blieb in Trauer zurück, als ich
fortzog, aber ich mußte ja mit, ich ein Deutscher,« und heiß rollten
ihm die Tränen über die Wangen. Da schrie sein Nachbar auf: »~Les
Cosaques, les Cosaques!~« und leiser, »~mon camarade~, frierst du?«
»Mein bester Freund, mein Retter war ein Franzose,« sagte der junge
Offizier, die fieberheiße Hand des anderen in die seine nehmend.
Tag um Tag verging. Im Pfarrhaus war es viel stiller als sonst,
denn von den Dorfbewohnern kam niemand, um sich dort Rat oder Hilfe
zu erbitten. Der Pfarrer selbst ging, wie er es immer getan hatte,
auch jetzt täglich zu einigen Kranken, die hießen ihn willkommen, an
ihren Betten merkte er nichts von dem Groll, den man gegen ihn hegte.
Freilich, wenn er durch die Dorfstraße ging, fühlte er, wie groß die
Kluft geworden war, die ihn von seiner Gemeinde trennte.
Auch im Herrenhaus war es stiller als sonst. Frau Friederike ging stumm
und finster einher, sie sprach nie von den Bewohnern des Pfarrhauses.
Renate war bedrückt, und oft verrieten ihre roten Augenlider, daß
sie geweint hatte. Hans-Heinrich aber zog es nach dem Pfarrhaus, und
doch wollte er seine Mutter nicht kränken, die zwiespältige Stimmung
machte auch ihn still und scheu, er blieb am liebsten allein auf seinem
Zimmer. Seine Mutter empfand schmerzlich diesen Zwiespalt, und sie
hatte doch nicht den Mut, offen ihre Schuld einzugestehen.
In diese trübe Stille hinein kam eines Tages der Freiherr Franz von
Seeheim und brachte eine Kunde, die die Herzen höher schlagen ließ.
General von York hatte am 30. Dezember mit den Russen einen Vertrag
zu Tauroggen geschlossen, hieß der König ihn gut, so war er einer
Kriegserklärung an Napoleon gleich. Kein Jubel wurde laut, aber wie
ein Aufatmen ging es durch das preußische Land. Vom Herrenhaus zu
Kloningken aus verbreitete sich die Kunde rasch im Dorfe, es war am
Freitag in der Dämmerung, als Vogt Schwarze sie von Haus zu Haus trug,
und bald standen die Leute zusammen und redeten von der kommenden Zeit.
Herr von Seeheim erfuhr auch von seiner Base die Tat des Pfarrers, »er
hat recht gehandelt,« sagte er ruhig. Frau Friederike fuhr auf. »Du
verteidigst also auch diese vaterlandslose Tat?« rief sie, und eine
leise Angst klang in ihrer Stimme.
»Zwei verirrte, halbtote Flüchtlinge aufnehmen, ist Christenpflicht
und keine vaterlandslose Tat; kannst den Pfarrer grüßen und ihm sagen,
er hätte recht getan, liebste Base. Und nun gehab dich wohl, ich muß
fort, so gern ich noch im Pfarrhause vorspräche und mir die Flüchtlinge
anschaute,« sagte der Freiherr gelassen, dann ritt er davon. Hätte er
geahnt, wie tief die Erbitterung gegen den Geistlichen war, er hätte
sicher noch trotz aller Eile den Umweg gemacht und dem Flemmingschen
Ehepaar einen Besuch abgestattet.
Im Dorf Kloningken aber wurde es lebhaft besprochen, daß auch der
Freiherr von Seeheim diesmal nicht wie sonst im Pfarrhaus eingekehrt
war. Man fand nur die Erklärung, daß auch der Schönheider Herr die Tat
des Pfarrers verurteilte, und immer tiefer wurde die Erbitterung gegen
diesen im Dorf. Als am Abend die Männer versammelt waren, da drängte
sich Stasiu Wietak vor und rief:
»Seid ihr Männer, und duldet es, daß hergelaufenes französisches
Gesindel Aufnahme im Dorf findet, wir brauchen es nicht zu dulden; wir
haben das Recht, den Pfarrer zur Rede zu stellen. Laßt euch nicht von
euern Weibern bereden, daß es eine gute Tat ist, Sünde ist es, sage
ich. Seht die gnädige Frau, unsere Wohltäterin, an, sie ist auf unserer
Seite, und der Schönheider Herr auch.«
»So mag die gnädige Frau sprechen,« sagte Franz Strobeck bedächtig, und
einige Gutgesinnte stimmten ihm zu.
»Nein, einer von uns muß es sein, einer mag am Sonntag nach der Predigt
aufstehen und Rechenschaft fordern. Dem Pfaffen muß es eingetränkt
werden,« schrie Stasiu Wietak erbost.
Die andern schwiegen. Einzelne Stimmen wurden laut, die für den Pfarrer
sprachen. Michael Ragnit schlug vor, zwei sollten in die Pfarrei gehen
und mit dem Geistlichen sprechen, »er war immer gut und unser Freund,«
ermahnte der Bauer.
Der Stellmacher aber erhob wieder seine Stimme; er sprach so lange und
eindringlich, bis es ihm gelang, daß man ihn zum Sprecher wählte. Aber
erst sollte er am nächsten Morgen im Herrenhaus fragen, ob die gnädige
Frau einverstanden sei. Das versprach er, und er ging am nächsten
Morgen wirklich hin und brachte die Einwilligung Frau von Seeheims. Daß
er damit eine Lüge gesagt hatte, das erfuhren die Bauern erst, als der
Sonntag längst vorbei war.
[Illustration]
9. Kapitel.
Demoiselle Karoline sieht einen Geist.
Am gleichen Tage saß Renate in ihrem Zimmerchen. Das war so einfach,
daß manches adlige Fräulein von heute wohl verwundert dreinschauen
möchte, wenn man ihr zumutete, das Zimmer als das ihre zu betrachten.
Das blütenweis überzogene Bett, ein einfacher Tisch, ein Stuhl und eine
große buntgemalte Truhe bildeten die Einrichtung. Über dem Bett hingen
in schmalem Goldrahmen zwei auf Elfenbein gemalte Bildchen, die Renates
Eltern darstellten, darüber ein zierlich in bunten Farben ausgeführter,
durch allerlei Blumen und Schnörkel verzierter Spruch: »Sei getreu bis
in den Tod.« Dies Blatt stammte von ihrer Mutter, die noch kurz vor
ihrem Tode die mühsame Arbeit vollendet hatte, sie bildete nun der
Tochter größten Schatz.
Renate saß still, die Hände gefaltet, und sah durch das Fenster.
Weit und weiß dehnte sich die Landschaft vor ihren Blicken aus, und
der Wald, der sich rechts vom Gute hinzog, wirkte wie eine schwere,
dunkle Wolke in der Ferne. Düster hoben sich die Häuser des Dorfes
und die Wirtschaftsgebäude aus dem weißen Schneebett heraus, ein
rötlicher Feuerschein schwebte über dem einen, dort war die Schmiede,
und manchmal klangen die Schläge, die Franz Strobeck auf dem Amboß
führte, bis zu dem einsamen Mädchen hin. Renate hörte nicht darauf.
Ihre Gedanken gingen immer wieder schmerzlich und sehnsuchtsvoll den
Weg vom Herrenhaus zum Pfarrhaus. Am Morgen hatte sie versucht, die
Tante mit freundlichem Wort umzustimmen, und von ihr die Erlaubnis zu
einem Besuch im Pfarrhaus zu erhalten, aber ihre Bitte war vergebens
gewesen. Frau von Seeheim verharrte in ihrem Groll. Sie schämte sich,
ihr Unrecht einzugestehen, schämte sich, den treuen Freunden die Hand
zu reichen und zu sagen: »Ihr tatet recht, ich war ungerecht und hart.«
Renate litt schwer unter dieser Entfremdung. Sie fühlte das Unrecht
und konnte es doch nicht hindern. Ihr Herz hing an den Bewohnern des
Pfarrhauses, Frau Charlotte war ihr mehr eine Mutter als die Tante. Und
sie sehnte sich nach allen da in dem schlichten, weißen Haus. Und durch
nichts konnte sie ihre Liebe, ihre Treue beweisen, durch nichts ihnen
in diesen schweren Tagen eine Freude bereiten. »Wäre ich wie Luise mit
ihren Einfällen, ich hätte sicher schon einen Weg gefunden, dieses zu
tun,« dachte sie. Aber ungehorsam gegen die Befehle ihrer Tante zu
sein, wagte sie nicht. Sie war auf ihren Gängen nach dem Dorf freilich
schon mehrere Male dicht am Pfarrhaus vorbeigehuscht, mit der leisen
Hoffnung, jemand zu sehen. Einmal hatte sie sogar ein Weilchen still
am Gartenzaun gestanden, aber sie hatte niemand von den Bewohnern des
Hauses erblickt.
Die Sonne war längst untergegangen und die langen Schatten des Abends
sanken herab. Hier und da blitzte ein Licht auf, das unten im Dorfe
angezündet wurde, auch Renate nahm einen langen Span und kniete vor
dem kleinen eisernen Gestell nieder, auf dem ein eiserner Topf, mit
glühendem Torf gefüllt, stand, als Ersatz eines Ofens. Der Span
flackerte hell auf, und rasch entzündete sie ein kleines Öllämpchen.
Plötzlich wurde leise, vorsichtig die Tür geöffnet und eine dunkle,
verhüllte Gestalt glitt hinein. Renate sprang erschrocken auf, aber
schon belehrte ein leises Kichern sie, daß es ein ungefährlicher
Eindringling war, und Luises lachendes, rosiges Gesichtchen sah ihr
aus der Umhüllung entgegen. »Ich mußte warten, bis es dunkel ist, die
Frau Tante sollte mich nicht sehen, weil sie so böse ist,« sagte sie
wie zur Entschuldigung, und dann fiel sie der Freundin um den Hals, und
unter hervorbrechenden Tränen stammelte sie: »Ach, es ist schrecklich,
Renate!«
Diese strich ihr sanft das wirre Haar aus der Stirn. »Liebe kleine
Luise, wie bist du denn hereingekommen?«
In dem beweglichen Gesichtchen der Kleinen kämpfte schon das
Lachen mit den Tränen, und sie sprudelte hervor: »Wie ein Räuber
bin ich eingeschlichen, weißt du, hinten an dem Gartenzaun bei dem
Freundschaftstempel ist eine Lücke, da durch, dann immer am Zaun
entlang auf der Erde gekrochen, dann husch, hinten bei der Küche vorbei
ins Hans, die kleine Hintertreppe herauf, kein Mensch hat mich gesehen,
ach, es war eigentlich sehr schön.«
Nun mußte auch Renate lachen. »Du bist doch ein rechter kleiner
Kobold,« sagte sie, »aber rasch erzähle, wie es bei euch daheim geht.«
Sie zog die Freundin neben sich auf die Truhe, und beide Mädchen
hüllten sich in das große Tuch, das Luise umhatte, denn es war kalt
geworden in der Kammer. »Wird auch nicht die Frau Pate heraufkommen?«
fragte Luise ängstlich.
Aber die Freundin schüttelte den Kopf, »sie ist böse mit mir und
hat mir geboten, oben zu bleiben.« Ihre Stimme zitterte, und Luise
schmiegte sich zärtlich an sie an und streichelte tröstend ihre Wangen.
Dann begann sie von den Vorgängen im Pfarrhaus zu erzählen, flüsternd,
damit ihre Stimme nicht im Hause gehört wurde: »Ach Renate, du weißt
gar nicht, wie traurig es bei uns ist, Vater und Mutter sehen so
betrübt aus, und der dumme Walter.«
[Illustration]
»Luise!« Renate war rot geworden vor Entrüstung, aber die Freundin
ließ sich in ihrer schwesterlichen Erkenntnis nicht beirren, sie fuhr
gelassen fort: »Ja, dumm ist er, ich bin ihm so gram, er geht mit
einem so trotzigen Gesicht umher und ist noch nicht einmal bei den
beiden Kranken gewesen, und die haben doch so viele Schmerzen. Der
eine ist ein Deutscher, denke nur, und könntest du nur sehen, wie froh
er aussieht, wenn Vater oder Mutter kommen, der andere redet immer im
Fieber, und Vater sagt, er wird wohl sterben.« Luise schluchzte auf,
»es ist zu schrecklich!« Sie rückte noch dichter heran. »Ich habe
gehört wie Herr von Lühenaar, so heißt der Deutsche, aus Rußland
erzählt hat, o, es war furchtbar. Ich sollte es nicht hören, aber
Renate schilt nicht, ich habe gehorcht. Mutter hat mich nachher weinen
sehen, und als ich gesagt habe warum, da hat sie auch nicht gescholten.
Ach, wenn doch nie mehr Krieg käme, ich weine jeden Tag, wenn ich daran
denke.«
Sie brach in Tränen aus und Renate weinte mit. Eine unbestimmbare Angst
vor kommendem Unheil lag auf ihnen, und beide umschlangen sich und die
Tränen der einen feuchteten die Wangen der andern. Endlich raffte sich
Renate auf, und sich zu einem Scherz zwingend, sagte sie mit einem
halben, etwas trübseligen Lächeln: »Du wolltest doch immer mit in den
Krieg ziehen, wie Johanna von Orleans.«
Luise schüttelte ernsthaft den Kopf, mit einem ihr sonst fremdem Ernst
sagte sie: »Nun nicht mehr, wenn ich daran denke, ich sollte so viele
Menschen um mich her tot oder verwundet sehen, dann erfaßt mich eine
große Angst. Lieber möchte ich wie meine Mutter werden, so gut und
sanft, so geduldig die armen Männer pflegend.«
»Ja,« erwiderte Renate, »das möchte ich auch. Es muß schön sein, helfen
zu können, Schmerzen lindern zu dürfen.«