Rauchens besteht, unbeantwortet bleibt, denn es erscheint unerfindlich,
warum dieser Genuß geheimnisvoller und unerklärlicher sein soll als
irgendein anderer. Wenn auch niemand allgemeingültig die Umwandlung der
Erlebnisse unserer Sinnesorgane in eine Genußvorstellung formulieren
kann, so genügt doch bereits zur Beantwortung der Frage nach dem Genuß
des Rauchens der Nachweis, welche Sinnesorgane beteiligt werden,
und welche Wirkungen der Tabak auf den Menschen ausübt, sobald eine
wirkliche Genußempfindung zum Bewußtsein kommt.
Die vornehmste Aufgabe weist man fast allgemein dem Geschmackssinn
zu, ohne eigentlich recht das Kompetenzgebiet dieses Sinnesorgans
abzugrenzen. Die Geschmacksnerven werden nur von gelösten Substanzen
getroffen, und daraus erkennt man, daß die Zunge eigentlich recht wenig
an der Geschmacksvorstellung, die wir vom Tabakrauch haben, beteiligt
sein kann. Dies wird jeder leicht feststellen können, der sich beim
Rauchen die Nase zuhält, denn die vorher irgendwie vorhandenen
Geschmacksempfindungen verschwinden sofort. Nur für eine besondere,
jedem Raucher bekannte Erscheinung ist die Zunge verantwortlich, und
zwar für den Nachgeschmack. Er läßt sich dadurch erklären, daß der
Tabakrauch die Feuchtigkeit im Munde bis zu einem gewissen Grade
geschmacklich beeinflußt. Sobald nun die hauptsächlich durch das
Geruchsorgan erzeugte allgemeine Geschmacksempfindung vom Tabak
nachgelassen hat, und die Empfindungen der Zunge nicht mehr übertönt
werden, bringt sich der nach dem Ausstoßen des Rauches noch im Munde
zurückbleibende Speichel zur Geltung.
Die eigentlichen Geschmacksnerven können nur wenige einfache
Kontrastempfindungen vermitteln. Die einzigen Geschmacksarten sind süß,
sauer, bitter und salzig. Aus diesen vier Arten setzen sich alle auch
noch so komplizierten Geschmackserlebnisse zusammen, gleichwie aus vier
Grundfarben eine unendliche Anzahl von Mischungsfarben und Bildern
entstehen kann.
Der größte und wesentlichste Teil der Empfindungen, den wir allgemein
Geschmack nennen, wird durch das Geruchsorgan vermittelt. Die
Geruchsnerven sind ihrerseits wieder nur in der Lage, gasförmige Stoffe
wahrzunehmen, und zwar müssen diese gasförmigen Stoffe an den wie
feine Härchen die Schleimhaut überragenden Nervenenden in der dritten
obersten Muschelwindung der Nase vorbeistreichen, denn die Gerüche
von ruhenden Gasen können nicht wahrgenommen werden. Die Bewegung
der gasförmigen Stoffe wird durch die Atmung hervorgerufen. Das
menschliche Geruchsorgan ist vielleicht der empfindlichste Apparat, den
der Mensch besitzt, denn er übertrifft an Feinheit selbst die besten
chemischen Untersuchungsmethoden. So werden auch die wesentlichsten
Geschmacksempfindungen beim Tabakrauchen durch die Geruchsnerven
vermittelt, vor allem solche, von denen man ganz speziell bei einer
Geschmackskritik spricht.
Eine gewisse Rolle spielt bei dem Rauchgenuß auch das Tastgefühl,
denn es vermittelt das angenehme Gefühl der Wärme und des
Tabakrauchvolumens. Die verschiedene Brennart verschiedener Tabake
und das unterschiedliche Format der Brandfläche ergeben ganz
unterschiedliche Volumina des bei einmaligem normalen Ziehen gewonnenen
Rauches. Vor allem bei milden Cigaretten, die eine größere Rauchmenge
ohne Aufdringlichkeit zulassen, ergibt das Tastgefühl die Empfindung
der Völligkeit, die besonders im Verein mit dem Gefühl der Wärme
angenehm empfunden werden kann. Die Wärmegrade spielen ganz allgemein
bei Genußmitteln eine ganz außerordentliche Rolle. Zum Beispiel können
auch die raffiniertesten Weinkenner durch geschickte unterschiedliche
Temperierung der zu kritisierenden Weine völlig in Verwirrung gebracht
werden; und so angenehm der Tabakrauch im warmen Zustand empfunden
werden kann, so unangenehm ist die Wirkung des kalten Rauches, wie
wir ihn manchmal in schlecht gelüfteten Räumen antreffen oder aus
türkischen Wasserpfeifen kennen, wenn bei ihnen das Wasser im Gefäß
nicht mehr warm genug ist.
Alle Empfindungen, die durch die drei genannten Nervenarten des
Geschmacks, Geruchs und des Tastgefühls vermittelt werden, ergeben
zusammen den eigentlichen Geschmacksakkord. Genau wie bei Kunstwerken
der Musik, Literatur usw. nicht die einzelnen Teile, aus denen das
Erlebnis besteht, für den Wert maßgebend sind, genau so ist das,
was wir Geschmack nennen, jeweils aus vielen Einzelempfindungen
zusammengesetzt, die vielleicht jede für sich allein unerträglich sein
mögen, aber im Zusammenklang die höchste Befriedigung erzeugen können.
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Häufig hört man den Gedanken ausgedrückt, daß bei dem Genuß des
Rauchens vorzugsweise das Auge beteiligt sei. Man erzählt zum Beweis
die Beobachtung, daß man in völliger Dunkelheit ebenso wenig wie
ein Blinder am Rauchen Vergnügen finden würde. Zweifellos wird
man nicht bestreiten können, daß die Betrachtung der aufsteigenden
Rauchwölkchen ein beschauliches Gemüt in den genießerischen Zustand der
Gedankenlosigkeit zu bringen vermag. Aber es wäre durchaus verfehlt,
hierin einen Hauptgrund des Rauchbedürfnisses suchen zu wollen. Es gibt
sehr wohl Blinde, die rauchen, und sehr viele Menschen, die gar nicht
den Unterschied kennen, den man nach der vorhergehenden Behauptung
zwischen dem Tabakgenuß bei Licht und bei Dunkelheit machen müßte.
Gerade für die Geschmackskritik sind die Wahrnehmungen des Auges völlig
belanglos. Wenn Gründe gesucht werden sollen, weshalb die Tätigkeit des
Auges beim Rauchen nur ungern völlig ausgeschaltet wird, so sind sie
sehr leicht darin zu finden, daß jeder Mensch nur mit Unbehagen einen
Verbrennungsvorgang ohne vorsichtige Kontrolle der Augen zuläßt, zumal
wenn beim Anzünden des Tabaks wie in den weitaus meisten Fällen eine
offene Flamme verwendet wird.
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Zu den oben genannten mehr unmittelbaren Genußarten kommen noch einige
andere hinzu, die wir zwar als mittelbare Genußarten bezeichnen können,
die aber keineswegs unwesentlicher sind. Der Tabak würde für den
Menschen bedeutungslos sein, wenn er ausschließlich geschmackliche
Reize durch die genannten Sinnesorgane auslösen würde. Schon wenn
wir den spielerischen Reiz, den das Verfolgen der Tabakwölkchen
unter Umständen verursachen kann, als eine positive Genußmöglichkeit
des Tabaks erklären, so muß ein anderer ebenfalls vom Geschmack
unabhängiger Reiz noch mehr betont werden, und zwar liegt dieser in den
automatischen Bewegungen, die der Rauchvorgang mit sich bringt. Das
Saugen an dem Rauchobjekt in periodischen Abständen, die automatisch
gleichartigen Bewegungen der Hand usw. beschäftigen sehr häufig den
Raucher in einem gewissen beruhigenden Maße. Die Beschäftigung selbst
ist mühelos und stellt weder körperliche noch geistige Anforderungen,
so daß die periodische Tätigkeit eine Entlastung des Körpers und des
Geistes ergibt.
Dem gleichen Zweck der inneren Beruhigung dienen beispielsweise auch
die verschiedenen Perlenketten, die man vor allem bei arabischen
Kaufleuten häufig antrifft. Um jede Übereilung zu verhindern und
ein gewisses methodisches Vorgehen des Verstandes anzuregen,
lassen sie gedankenlos und automatisch an ihren Perlenketten eine
Perle nach der anderen langsam durch ihre Finger gleiten. Dadurch
wird die Zeit gewissermaßen fühlbar gemacht und in gleichmäßige
Intervalle eingeteilt. Jeder, der bei starker Beanspruchung seines
Denkvermögens einmal zu solch einem Hilfsmittel gegriffen hat, wird mit
Verwunderung die tatsächlich stark beruhigende Wirkung festgestellt
haben. Man kann auch in Europa bei sehr vielen Menschen irgendwelche
ganz unwillkürlichen gleichmäßigen Bewegungen bei schwieriger
Gedankenarbeit beobachten, so daß scheinbar ein instinktiver Drang
nach einer Rhythmisierung des Zeitablaufes a priori im Menschen
vorhanden ist. Der eine wippt mit den Fußspitzen, der andere klopft
mit dem Finger oder seinem Fingerring gedankenlos an seinen Stuhl
oder Tisch, die meisten aber greifen zu einem Rauchmittel, das heute
beinahe zu einem unentbehrlichen Konferenzrequisit geworden ist. Man
kann deutlich bemerken, daß ein langsam und scheinbar sorgfältig
genossenes Rauchmittel in Augenblicken starker geistiger Anstrengung
zu einem Instrument gleichmäßiger, automatischer, skandierender
Nebensächlichkeit wird, das alle störenden Beeinflussungen von Seiten
der Umwelt bindet und somit unschädlich macht.
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Mit dem eigentlichen Rauchgenuß hat diese Nebenerscheinung nichts
zu tun. Die beruhigende Einwirkung, die den eigentlichen Wert des
Tabaks ausmacht und weder durch Rosenketten noch durch ähnliche Dinge
ersetzt werden kann, beruht in seiner -- wenn auch noch so schwachen --
narkotischen Wirkung.
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Die narkotische Wirkung des Tabaks ist außerordentlich verschieden und
nicht unmittelbar von den Qualitätsgraden abhängig. Analytisch ist
der Nikotingehalt gerade bei den edelsten Dubec-Blättern prozentual
am geringsten und bei den ganz tief am Stamm sitzenden Blättern am
stärksten. Die Genußwürdigkeit dagegen steht hierzu im umgekehrten
Verhältnis.
Die Einwirkung des Tabakrauchens auf den Organismus erfolgt durch die
Atmungsorgane. Man hört häufig den Vorwurf gegen die Cigarette, daß
sie das Inhalieren des Tabakrauches gegenüber den früher verwendeten
Pfeifen und Cigarren begünstige. Demgegenüber muß festgestellt werden,
daß das Inhalieren bei Pfeifen und Cigarren zwar seltener ist, die
effektive Wirkung aber eher umgekehrt; und da sich überhaupt keine
andere Möglichkeit der Beeinflussung des Körpers durch den Tabakgenuß
auffinden läßt, ist schließlich letzten Endes die Wirkung selbst
entscheidend. Die amerikanischen Tabake und vor allen Dingen ihre
Gebrauchsformen, die sich durch besonders breite und große Brandflächen
gegenüber der Cigarette charakterisieren lassen, wirken bedeutend
schwerer als Cigarettentabake, und dementsprechend ist ihre Einwirkung
durch die Atmungsorgane auch erheblicher. Außerdem wird jedoch bei
jeder Tabakart und Rauchform die unmittelbare physische Wirkung auf die
Lunge ganz außerordentlich überschätzt. Man verkennt vollkommen das
enorme Anpassungsvermögen des menschlichen Körpers. Wenn den Wirkungen
nachgegangen werden soll, die ein unmäßiger Tabakgenuß hervorruft,
dann sind diese wohl kaum je in irgendwelchen Schädigungen der Lunge
zu suchen, sondern fast ausschließlich in den Beanspruchungen der
Nerven, denn durch die Lunge gewinnt der Tabak einen gewissen Einfluß
auf das Blut, das Blut selbst teilt diesen den Nervenenden mit, und
in den nachweisbaren Einwirkungen auf das Nervensystem müssen wir das
einzige sehen, wodurch eine Beeinflussung des menschlichen Organismus
durch den Tabakgenuß stattfindet. Wie sich manche törichten Menschen
an Lasten überheben, die ihre Kräfte bei weitem übersteigen, und
dadurch Schaden an ihrer Gesundheit nehmen, so gibt es auch Menschen,
die ihrer Genußsucht keine Grenzen setzen. Aber bei dem Tabakgenuß
weiß die Natur Mittel, um den Raucher zur Ordnung zu rufen. Sobald die
Beeinflussung des Körpers einen gewissen harmlosen Grad übersteigt,
macht der Körper eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen
mobil, die eine gründliche Reinigung vornehmen. Dies wird von einer
Erhöhung der Körpertemperatur begleitet, so daß der Raucher sich heiß
oder sogar fieberig fühlt. Dies ist ein Warnungsruf: »Halt, jetzt hör
auf!« Darauf muß der Raucher unbedingt achten, denn wenn er diese
Stimme der Natur überhört, wird sie sehr energisch und steigert dies
bei außergewöhnlichen Exzessen bis zu wirklichem Fieber, Frösteln,
Schwäche und Schwindelanfällen: eine sogenannte Nikotinvergiftung.
Gegen sinnloses Übertreiben und die Unvernünftigkeit der Menschen gibt
es allerdings keine Mittel, aber daran ist nicht der Tabak schuld.
Es ist eben hier auch so wie sonst überall im Leben. Wenn jedoch der
Warnung der Natur Folge geleistet wird, dann bleibt sie ohne die
geringsten Folgen. Als gutes Gegenmittel merke man sich Kaffee und Tee,
die als gerbsäurehaltige Stoffe das Alkaloid Nikotin binden und dadurch
unschädlich machen. Deshalb raucht der kluge Türke am liebsten seine
Cigarette zu einer guten Tasse Mokka, wobei sich beide Genußmittel
gegenseitig in sehr weitgehendem Maße aufheben.
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Die dem Mundspeichel durch den Tabakrauch mitgeteilten Stoffe, deren
Geschmackseigentümlichkeiten an dem sogenannten Nachgeschmack
erkannt werden, gelangen durch das gewohnheitsmäßige Schlucken in den
Magen. Man hört infolgedessen häufig die Annahme, daß der Einfluß
des Tabakgenusses auf den Raucher vorzugsweise hierdurch erfolgt.
Dies ist jedoch nicht der Fall, denn die dem Speichel mitgeteilten
Stoffquanten sind außerordentlich gering (wie wir an der bezeichnenden
Geringfügigkeit des Nachgeschmackes sehen), und außerdem würde
selbst ein Tabaksud einen gründlich verdorbenen Magen ergeben, aber
keineswegs die typischen Genußerlebnisse des Rauchens. Man hört hin
und wieder, daß die durch den Speichel aufgelösten Tabakstoffe eine
Förderung der Verdauung bewirken, also leicht abführend wirken, aber
von Beschwerden könnte nur dann die Rede sein, wenn der Magen nicht
in Ordnung und daher überempfindlich war, also sowieso eine ganze
Reihe von Dingen nicht vertragen hätte, die für einen gesunden Magen
sogar wichtige und unbestreitbar wertvolle Nahrungsmittel sein können.
Wenn jemand einen schwachen Magen hat, ist ihm wohl einerseits ein
starker Tabakgenuß nicht zu empfehlen, aber andererseits müßte man den
betreffenden gleichzeitig vor einer ganzen Anzahl schöner Dinge wie
Hummermayonnaise, Plumpudding u. a. warnen. Ähnlich wäre es, wenn
man von einem Einwirkungsweg des Tabaks auf den menschlichen Körper
reden würde, sobald irgend jemand bei starker Erkältung und übergroßer
Empfindlichkeit der Atmungsorgane durch den Tabakrauch Hustenanfälle
bekommt. Wenn jemand stark erkältet ist, so wird er tunlichst
seinen Tabakverbrauch auf ein Mindestmaß beschränken oder lieber
zeitweise überhaupt einstellen, ohne daß dies für die Frage nach der
Beeinflussung des menschlichen Körpers durch den Tabak von Bedeutung
sein kann.
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Die mittelbaren Arten des Tabakgenusses, die den unmittelbaren des
reinen Geschmacksgenusses gegenüberstehen, lassen sich in zwei
Gruppen teilen. Einmal handelt es sich um Anregungen des reinen
Einbildungsvermögens, und weiterhin um die obig beschriebene
Einwirkung auf die Nerven. Beide Arten sind sowohl unter sich als auch
von dem unmittelbaren Geschmacksgenuß untrennbar. Keine Art tritt
irgendwie allein auf, sondern erst alle zusammen ergeben in ihrer
außerordentlichen Kompliziertheit und Fülle von unkontrollierbaren
Einzelempfindungen dem Kenner den im einzelnen niemals restlos
definierbaren, beinahe geheimnisvollen Genuß an einem edlen Tabak.
Dem Menschen ist es nicht gegeben, eine größere Anzahl von
unzusammenhängenden Sinneseindrücken gleichzeitig empfinden zu können.
Es ist demnach natürlich, daß der Tabakgenuß einen bestimmten Bereich
des Vorstellungsvermögens des Menschen in Anspruch nehmen und den
Menschen dadurch von vielen störenden Dingen ablenken kann, die ihm
zwar vielleicht nicht zum Bewußtsein kommen, die aber in ihm ein Gefühl
der Unrast und der Konzentrationsunfähigkeit erregen. Die gleiche
Wirkung erzielt der Tabakgenuß durch seine Beeinflussung der Nerven.
Bei dem modernen Menschen existiert meistens eine außerordentliche
Überempfindlichkeit der Nerven. Der Tabakgenuß vermag nun diese
Überempfindlichkeit zu dämpfen. Es ist ähnlich wie bei den vielen
allopathischen und homöopathischen Beruhigungsmitteln, die Ärzte
zu verschreiben pflegen. Nur ist die rein organische Wirkung ganz
unvergleichlich schwächer, denn, wie gesagt, kommen beim Tabakgenuß
so viel mehr suggestive Momente hinzu, daß die praktische Wirkung
der Beruhigung und Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven in
den feinsten Graduierungen erreicht wird, ohne daß die tatsächlich
physische Beeinflussung der Nerven wesentlich zu sein braucht.
Die Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven zusammen mit der
Ablenkung, die alle physischen und psychischen Wirkungen des Tabaks
ergeben, lassen den Menschen eine Ruhe und eine Behaglichkeit kennen
lernen, die er anders sich nur durch stets recht wenig empfehlenswerte
Drogen verschaffen könnte. Es ist zu allen Zeiten bekannt gewesen
und auch gerade in dem letzten Kriege immer wieder bestätigt worden,
wie sehr der Tabakgenuß den Menschen über die Mangelhaftigkeit einer
Situation hinwegzubringen vermag. Er stillt Schmerzen, beruhigt den
Hunger und läßt die größten Aufregungen überwinden. Wie häufig bringen
starke geistige Beanspruchungen das menschliche Gehirn in eine Unruhe,
die schließlich keinen geschlossenen Gedanken ganz mehr aufkommen läßt.
Das durch starke Stöße angetriebene Räderwerk des Gehirns kommt nicht
zum Stillstand; selbst dann nicht, wenn die Aufgabe vollbracht ist,
also Hoffnung und Anrecht auf Ruhe und Erholung besteht. Der Tabak
dämpft die Unrast des Räderwerkes. Er verschließt die vielen Pforten
zu den Nebenwegen haltloser Gedankenabschweifungen und beseitigt die
ununterbrochene Ablenkung von beabsichtigten großen Gedankengängen,
die der moderne Mensch mit seinem häufig so mangelhaften
Konzentrationsvermögen, der Überreiztheit seiner Nerven und der daraus
sich ergebenden Zerstreutheit und gedanklichen Zersplitterung dauernd
erlebt. Der Tabakrauch wirkt wie das Öl im Kompaß; es verhindert nicht
die Zielrichtung der Kompaßnadel, aber es sorgt dafür, daß die Nadel
nicht von jeder Kleinigkeit abgelenkt wird und ununterbrochen unruhig
hin und her zittert, sondern daß sie ruhig, sicher und beständig ihre
Aufgabe erfüllt.
Die Schönheit des kultivierten Tabakgenusses liegt aber vor allem in
der sich aus dem Vorhergehenden ergebenden Anpassungsfähigkeit der
Wirkung an die jeweiligen Bedürfnisse. Demjenigen, der sich behaglich
ausruhen will und Ablenkung von allen vorhergehenden Beschäftigungen
sucht, ermöglicht er eine ruhige innere Behaglichkeit. Andererseits
ermöglicht der Tabakgenuß demjenigen, der die Anregung zu intensiver
Arbeit sucht, die notwendige Konzentration der Gedanken und die
Erfrischung seines körperlichen Befindens. Selbstverständlich ist
physisch die Wirkung des Tabaks immer wieder dieselbe, und nur nach
Stärkegraden abstufbar, aber gerade weil die Wirkung nicht wie bei
Schlafmitteln oder ähnlichen Drogen in starker physischer Beeinflussung
beruht, sondern weil sie beinahe nur andeutet und anregt, ermöglicht
sie die ruhige, sichere Grundfläche, auf der sich ungestört alles
das aufbauen läßt, worauf die Wünsche des Rauchers abzielen.
Selbstverständlich spielt hierbei die Einbildung eine große Rolle,
aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Tabakgenusses. Es ist keine
Einbildung, die auch ohne den Tabakgenuß konstruiert werden könnte,
sondern sie kann eben nur durch die wenn auch geringen Einwirkungen auf
die Nerven zusammen mit den wichtigen Geschmacksmomenten entstehen.
So ist es tatsächlich möglich, daß man in einem Falle durch den
Tabakgenuß lebhaft angeregt wird und in einem anderen Falle gerade
gegenteilig beruhigt wird. Diese mit verschiedenen Differenzierungen
möglichen verschiedenen Wirkungen kann der kultivierte Raucher durch
bestimmte Geschmacksdifferenzierungen unterstützen. Die Wichtigkeit
der verschiedenen Geschmacksarten ist gerade darin zu suchen,
daß sie das jeweilige Endergebnis der verschiedenen praktischen
Wirkungsmöglichkeiten bis zu einem gewissen Grade bestimmen.
Es ist gesagt worden, daß durch eine Auswahl der Tabake nach
verschiedenen Geschmacksakkorden die jeweilig beabsichtigte Wirkung
des Rauchgenusses bestimmt werden kann. Außer einer solchen
Anpassung an die jeweilig durch Augenblicksstimmungen bedingten
Geschmacksforderungen wird jedoch vor allem die Anpassung an die
jeweils individuellen Eigenarten des Rauchers vorauszusetzen sein.
Die individuellen Eigenarten eines Rauchers liegen einerseits in
der Eigenart jedes persönlichen Geschmacksempfindens begründet,
andererseits ist das Temperament und deshalb sogar die Lebensanschauung
des einzelnen von grundlegender Wichtigkeit. Es mag snobbistisch
klingen, wenn in scheinbarer Anlehnung an ästhetisierende Phrasenhelden
heutiger Mode »unproblematische« und »primitive« Genußmittel mit
weltanschaulichen Dingen zusammengezogen werden, aber die Tatsache des
innigen Zusammenhanges ist jedem Untersuchenden so unbestreitbar, daß
eine Tabakbewertung auch von dieser Seite aus zu vertreten ist.
Schon der alte Platon teilt alle Genußmöglichkeiten des Menschen in
zwei scharf voneinander zu trennende Arten, die den Zusammenhang des
Tabakgenusses mit den wesentlichsten geistigen Werten des Menschen
bedingen. Er unterscheidet einerseits die negativen Genüsse, d. h.
solche, die nur in der Beseitigung eines Mangels bestehen. Hierzu
rechnet er alle Genüsse des Essens, des Trinkens, der Liebe usw., die
Befriedigung aller körperlichen Bedürfnisse, die ja erst durch die
Voraussetzungen des Hungers, des Durstes, der Liebessehnsucht usw.
möglich werden. Die andere Art von Genüssen nennt er Geschenke der
Götter. Hierzu gehören nur zwei Formen: die Freude an Erlebnissen und
Ergebnissen des Verstandes und Narkotika. Unter Narkotika verstanden
die alten Griechen zwar noch nicht den Tabak unserer Zeit, aber ein
Rauschmittel, das praktisch für sie dieselbe Bedeutung hatte wie
für uns der Tabak, denn es waren wohlriechende Räuchereien, die zum
Zweck leiser Abdämpfung der Nerven und Befreiung des Geistes aus
den Hemmungen körperlicher Gebundenheit eingeatmet wurden. Solche
Genußmittel und die mannigfaltigen Betätigungen des menschlichen
Geistes waren die voneinander untrennbaren »Geschenke der Götter«.
Man lese im Symposion des Xenophon die Worte des großen Sokrates,
mit denen er den Segen dieser Göttergeschenke gegenüber der brutalen
Genußsucht seiner Zeit vertritt, und man wird verstehen, welchen
innigen Zusammenhang ein harmloses, primitiv erscheinendes Genußmittel
in Wirklichkeit mit den unsterblichen Worten und Werken der alten
Griechen beansprucht hat, vor denen wir heute noch voll Staunen und
ehrfürchtiger Bewunderung stehen.
Das göttliche Geschenk unserer Zeit ist der Tabak: in ihm liegt die
Philosophie unserer Zeit begründet. Aus seinen Erscheinungsformen
lassen sich die Stile und Charaktere der Jahrhunderte seiner Herrschaft
erkennen, denn die Innigkeit seines Zusammenhanges mit dem Wechsel
der Anschauungen verlangt eine Anpassung seiner Wirkungsarten, aus
denen wir heute rückwirkend psychologische Studien der Zeiten machen
können. Es wird wohl kein Genußmittel vorgewiesen werden können,
das derartig anpassungsfähig ist wie der Tabak. Nicht nur die
unendlich mannigfaltigen rein geschmacklichen Abstufungen, sondern
auch die mannigfaltigen Genußformen, z. B. in den verschiedenen
Pfeifenarten, als Kautabak, Schnupftabak, Cigarre, Cigarette und als
Räuchermittel, ergeben Varianten, die den weitest auseinanderliegenden
Genußbedürfnissen gerecht werden können.
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