Um innerhalb der Vielheit von Erscheinungsformen eine gewisse

Übersicht zu gewinnen, müssen wir uns auf einige wenige typische

Formen beschränken und jedem Leser überlassen, durch Ableitungen und

Mischungen unter den aufgestellten Beispielen nach eigenen Erfahrungen

die der Wirklichkeit entsprechende Mannigfaltigkeit zu ergänzen.

Weiterhin müssen wir die vielen Formen eines Tabakgenusses ausschalten,

die dem modernen Europäer fast unbekannt sind und niemals Einfluß

gewonnen haben. Streng genommen sind doch auch Opium, Haschisch,

Betelnuß, Kiff-Kiff und sogar Kokain und Äther Genußmittel, die durch

Rauchen, Kauen, Schnupfen genossen werden, tabakartige Narkotika, wenn

auch ihre Gleichstellung mit den Erzeugnissen aus der Tabakpflanze

sehr ungerecht sein würde. Für den Europäer sind jedoch eigentlich

nur die verschiedenen amerikanischen Tabake mit ihren süd- und

westeuropäischen, afrikanischen usw. Anbaugebieten einerseits und die

Orienttabake im Südosten Europas und Vorderasiens andererseits von

allgemeiner Bedeutung. Die Unterscheidung ist historisch nicht richtig,

aber praktisch durchaus anwendbar, so daß wir im folgenden zwischen

amerikanischen und orientalischen Tabaken unterscheiden wollen, ohne

dabei an entsprechend begrenzte Herkunftsländer zu denken.

Die beiden Tabakarten unterscheiden sich in ihrem Geschmack wie in

ihrer Rauchwirkung grundsätzlich. Sie entsprechen verschiedenen

Menschenarten und verlangen entsprechend unterschiedliche Genußmethoden.

Der Geschmacksakkord der amerikanischen Tabake wird besonders durch

seine hauptsächlichen Verbrauchsformen: in der Pfeife und als Cigarre

bedingt. Beide Formen ergeben gegenüber der Cigarette eine weitaus

größere Brandfläche, wodurch das Empfinden größerer Völligkeit und

größerer Wärme ausgelöst wird. Ohne das positive Gefühl größeren

Rauchvolumens beim normalen Ziehen an der Pfeife oder Cigarre würde

der Genuß des amerikanischen Tabaks unvollkommen bleiben müssen, denn

die Geschmackseigenarten sind meist sehr fein unter einer recht großen

Herbheit des Rauches verdeckt. Auch die eigentliche Rauchwirkung ist

nur langsam fortschreitend; sie würde bei zu geringer Völligkeit nur

ungenügend zur Entwicklung kommen. Dem Cigarettenraucher ist außer

der Wärme und der Völligkeit beim Rauchen der amerikanischen Tabake

besonders die schon genannte Herbheit auffallend. Die Nervenenden der

Nase scheinen mit ziemlicher Bitterkeit und Schärfe gereizt zu werden,

und nur langsam entwickelt sich daneben ein eigentliches Aroma, das

der richtige Cigarrenkenner jedoch gerade bei den ersten Zügen am

deutlichsten zu verspüren meint. Man muß sich zwei verschiedenartige

Stärkegraduierungen vorstellen, um sich ein Beurteilungsbild zu

schaffen. Ein Rauchmittel kann äußerlich und auch innerlich kräftig

sein. Äußerlich kräftig soll heißen, daß die beizende Wirkung

auf die Geschmacks- und Geruchsnerven sehr stark ist; innerlich

soll dagegen heißen, daß ihre Rauchwirkung ganz unabhängig vom

Geschmack kräftig oder nachhaltig ist. Dies entspricht verschiedenen

Geschmacksforderungen: die einen lieben ein mildes Aroma bei relativ

kräftigerer narkotischer Wirkung, die anderen wollen den Rauch vor

allem richtig »fühlen«. Im Bereiche auch aller der Tabakarten, die

wir aushilfsweise einfach amerikanische Tabake nennen, gibt es, wie

schon gesagt, eine übergroße Zahl unterschiedlichster Provenienzen,

Sortierungen und Mischungen. Zum Unterschied vom Orienttabak ist er

jedoch keineswegs auf so komplizierte Mischungsrezepte angewiesen, um

genossen werden zu können. Er ist relativ einfach. Die Unterschiede

der Tabake von Habana, Sumatra, Java, Portoriko, Mexiko, Varinas,

Manila, Maryland usw. beruhen zwar auch auf aromatischen Variationen,

aber hauptsächlich auf den verschiedenen Verhältnissen der äußeren

und inneren Kraft der Rauchwirkung. Bei den Habana-Tabaken ist das

Verhältnis zugunsten eines sehr edlen Duftes sehr weit nach der inneren

Kraft verschoben. Deshalb wird gerade dieser Tabak als hochwertiges

Würzmittel bei sehr vielen Mischungen verwandt. Aber auch bei ihm ist

die innere Wirkung an eine langsame Entwicklung gebunden.

Diesen Eigenarten des amerikanischen Tabaks entsprechen auch ihre

Freunde. Die langsame Entwicklung seiner inneren Kraft verlangt eine

relativ lange Dauer des Rauchvorganges und die entsprechende Zeit,

Ruhe und Aufmerksamkeit. So sehen wir den richtigen Cigarrenraucher

in unbeirrbarer Ruhe die ganze Entwicklung genießerisch auskosten.

Junge Leute verstehen selten, eine gute Cigarre richtig zu

genießen; sie haben weder die Zeit, die Ruhe, noch die beschauliche

Lebensphilosophie, die zur Cigarre gehört. Allerdings ist der intensive

Genießer der Cigarre ein Extrem, das nicht allzu häufig vorkommen mag,

aber mehr oder weniger hat jeder Cigarrenraucher von diesem Typ in

sich. Das vollkommenste Bild ergibt der genießerisch und kultivierte

Holländer der alten Zeit. In ihm hat eine jahrhundertelange Tradition

seiner Kolonialbeziehungen eine Rauchkultur entstehen lassen, die

nirgends sonst in der Welt gefunden wird. Die Einfachheit des Aromas

und das Konkrete der voluminösen Rauchwirkung edler amerikanischer

Tabake ergab die Weltanschauung saturierter Menschen. Sie lieben

positive und einfache Dinge. Die schweren Importen setzen einen

guten Magen voraus. Die Beschaulichkeit des Genusses bedingt ein

ruhiges, streng geregeltes Leben, das sich in der holländischen

Häuslichkeit und dem unbeirrbaren Konservativismus der Vertreter

alter Rauchkultur zeigt. Es bedingt das Bedürfnis eines soliden

Fundamentes auch eine Begrenzung der Interessen auf wenige Dinge

positiver Art. Daher die Abneigung gegen alles Genialische und die

häufige Abwertung der Menschen nach einseitigen Gesichtspunkten, z.

B. der jeweiligen Vermögensbasis. Aber die alten Herren haben einen

Stil und eine Lebenskunst bewiesen, die sie mit Recht jedem Angreifer

auf ihre etwaige Nüchternheit, ihr Spießbürgertum und ihre Verachtung

spekulativer Dinge zur Rechtfertigung vorweisen können.

In allen möglichen Abschattierungen findet man in aller Herren Ländern

Konsumenten amerikanischer Tabake, die dem Typ des alten Holländers

mehr oder weniger ähneln. Die Ähnlichkeit der Weltanschauungen nimmt

mit der Ähnlichkeit der Genußformen zu und ab. Von dem erklärten Typ

der edlen amerikanischen Tabake leichterer äußerer und schwererer

innerer Kraft laufen Ketten von Übergängen nach den anderen

Grenzfällen, die mehr durch kräftiges äußeres Aroma zugleich oder auch

ohne innere Kraft oder gar durch Verzicht auf Kraft in beider Hinsicht

charakterisiert werden.

Die äußerlich größere Milde der edlen holländischen Cigarren leistet

der beruhigenden Wirkung des Rauchgenusses mit dem Ziel der Erholung

Vorschub. Die Zunahme der geschmacklichen Reizung veranlaßt bei aller

Beruhigung der Nerven eine mehr anregende Wirkung. Infolgedessen werden

die Cigarren stärkerer aromatischer Art vorzugsweise in romanischen

Ländern geraucht, wo das lebhaftere Temperament keine rechte Würdigung

der geschmacklich weniger aufdringlichen Tabake aufkommen läßt. Dem

Nordländer erscheint der Romane sehr oft äußerlicher und manchmal

oberflächlicher, als objektiv zugegeben werden kann; aber dieser

Anschauungsunterschied prägt sich sehr deutlich in den Genußformen

des Tabaks aus. Eine Pfeffersuppe, wie sie der Spanier kennt, ist

in Nordeuropa eine Unmöglichkeit, aber trotzdem kann man nicht

allgemein von einem geringeren Geschmacksraffinement der Romanen

sprechen. Charakteristisch ist jedoch für sie das Bedürfnis stark

anregender Geschmacksreize, ohne die er keinen wirklichen Genuß

anerkennt. Der Romane ist selten fähig, ein Genußmittel fast um

seiner selbst willen zu verehren. Es ist ihm Mittel zum Zweck, ohne

Gedanken an Vertiefung. Er will einen unmittelbaren Reiz verspüren,

trotzdem er auch bei den schärfsten Reizen noch Unterschiede macht.

Es läßt dies den Verdacht aufkommen, daß seine Sinne schon sehr

abgestumpft und verbraucht sind, daß er Sensationen verlangt, die

den Stierkämpfen der Spanier und den Grausamkeitsinstinkten mancher

alten Völker entsprechen. Es liegt scheinbar eine Weltanschauung

zugrunde, die sich in äußerlichen Wirkungen, scharfen Genüssen,

extremen Vorstellungen und in einer Schärfe äußerer Gegensätzlichkeiten

auslebt, ohne daß große Beharrlichkeit, Methodik, ernste Vertiefung

und positive Fundierung gesucht wird. Es gibt dort Cigarren von einer

Giftigkeit des Geschmacks. daß deren Genuß schon beinahe pervers

genannt werden kann; es liegt manchmal -- cum grano salis -- fast ein

wenig genießerische Selbstquälerei zugrunde. Bei den noch möglichen

Unterschieden der äußerlichen Geschmacksmomente und den entsprechenden

individuellen Unterschieden der Raucher besteht trotzdem keine

betonbare Individualität. Die überraschend große Gleichförmigkeit

des Tabakgenusses verbürgt ein geringes Individualisierungsbestreben

innerhalb des Volksganzen als Masse. Die Kultur des Romanen ist

die schöne Kultur der Geste, der gedanklich unbeschwerten Form,

der den Nordeuropäern beneidenswert erscheinenden künstlerischen

Selbstverständlichkeit und scheinbaren Problemlosigkeit. Sie läßt eine

Kultur der Cigarre am holländischen Maßstab gemessen nicht zu, sie

ergibt keine Häuslichkeit, keine Beständigkeit und keine Intimität.

Weil dem Romanen an der Vertiefung der inneren Wirkung nichts

liegt, wertet er für die amerikanischen Tabake auch die sonst wenig

verständliche Form der Cigarette aus. In dieser Form verliert infolge

der kleineren Brandfläche und der kürzeren Genußdauer der amerikanische

Tabak seine innere Kraft fast ganz und gar. Der in der Cigarre durch

die Schärfe hindurch lebendige aromatische Geschmack wird gleichfalls

sehr vermindert; es bleibt das äußerliche Vergnügen am Rauchvorgang

selbst, an den automatischen Bewegungen und vor allem an der Sensation

des herben Tabakreizes, der nur wenig feinere Geschmackseigenarten

und Graduierungen empfinden läßt. Hier ist der Tabakgenuß zu einer

ganz nebensächlichen, lediglich anreizenden Aufgabe abgedrängt

worden. Sein Genuß ist völlig andachtslos geworden und dadurch kaum

entwicklungsfähig.

Außer diesen Grenzfällen äußerlicher und innerlicher Kraftentfaltung

des Tabaks gibt es noch eine Kategorie von Menschen, die zwar gern

Cigarren rauchen, aber in der immerwährenden Angst vor der Kraft leben.

Es sind die vielen besonders in Deutschland heimischen Raucher, die

stets nach kleineren Formaten und hellen Farben in der Hoffnung auf

große Leichtigkeit des Tabaks suchen. Sie kennen keine Intensität

genießerischer Rauchmethoden, auch nicht die Brutalität ätzender

Sensationen, sie suchen eine milde leichte Sorte und haben die Idee

aufgebracht, daß die Milde an der Helligkeit der Deckblattfarben

erkennbar sei. Diejenigen dieser Kategorie, die noch das Bedürfnis

aromatischer Erlebnisse mitbringen, sind eigentlich verloren gegangene

Cigarettenraucher. Sie haben die Cigarre von ihren Vorbildern

übernommen, ohne die Zeit und Ruhe für einen intensiven Genuß

aufbringen zu können oder einen Sinn für scharfe Anreize zu besitzen.

Diese Zwischengeneration versucht in ihrer Anschauung traditionell zu

sein, ohne auch nur eine Ahnung von dem Stil ihrer Vorbilder zu haben;

sie rauchen aus einem unklaren Verlangen heraus, pendeln ziemlich

wahllos zwischen scheinbaren Geschmackskulturen hin und her, ahmen mehr

nach, als sie selbst nachzuerleben vermögen. Sie sind so farblos wie

ihre Geschmacksbegriffe, trotzdem sie in verzeihlichem Selbstbetrug

sich für wichtiger halten, als sie sind. Sie haben keine Weltanschauung.

Wenn der Romane trotz seines Temperaments doch noch die eigentlichen

Formen des Genusses amerikanischer Tabake, vor allem die Cigarre

beibehalten hat, so liegt das daran, daß seine wenig intensive

Ausnutzung dieser Form seinem Temperament keine große Beschränkung

auferlegt. Die Zunahme des Lebenstempos in den letzten Jahrzehnten

mußte jedoch die jüngeren Europäer notwendig zur Abwendung von der

Cigarre überhaupt führen. Die Intensität des Genußverlangens blieb

dieselbe, so daß der amerikanische Tabak in Form der Cigarette nur

einen sehr unvollkommenen Ersatz gebildet hätte. Es mußte also ein

Tabak gefunden werden, der würziger, aromatischer und auch innerlich

kräftiger war als die bisherigen amerikanischen Tabake, und bereits

in der Form der Cigarette bei kürzerer Brenndauer und kleinerer

Brandfläche wirksam werden konnte.

Im Gegensatz zu den Orienttabaken müssen die meisten amerikanischen

Tabake außer der Fermentation noch einen Verwandlungsprozeß durch

Rösten, Zusatz von Beizen und Laugen aus Zuckerstoffen, Salzen,

Färbemitteln, Gewürzen usw. durchmachen. Dadurch konnte man die

Geschmackserscheinungen in weitem Maße künstlich variieren. Dies

benutzte man besonders bei den Virginia-Tabaken, um diese für die

Bedingungen der Cigarettenform brauchbar zu machen, so daß der Name

Virginia-Tabak heute bereits fast speziell den typischen englischen

Cigarettentabak bezeichnet, trotzdem Virginia-Tabak, der sogenannte

»echte« Tabak, die eigentliche Mutterpflanze fast aller edlen

Tabaksorten der Welt bedeutet. Der Virginia-Cigarettentabak ist heute

typisch für die angelsächsischen Länder, besonders Nordamerika. Eine

sehr große Kultur verrät dieses Zwischenprodukt nicht. Es ist im

Geschmack ziemlich gehaltlos und vorwiegend durch die künstlichen

Zusätze bestimmt, ist aber immerhin der Cigarettenform angepaßt

und ermöglicht bei kleinerer Brandfläche und kürzerer Brenndauer

einen bis zu einem gewissen Grade abgeschlossenen Geschmacksakkord.

Sicher ist die Virginia-Cigarette beinahe bis zur blonden Farbe des

Tabaks für die Angelsachsen charakteristisch: sie gehört zu einer

etwas sentimentalen Süßigkeit und auf die Dauer zu einer großen

Langweiligkeit. Variationsmöglichkeiten sind nicht viel gegeben, da

der süße Zuckergeschmack sich immer wieder vordrängt.

Geistig komplizierter organisierten Menschen kann der künstliche

Cigarettentabak wenig bieten. Die alte Cigarrenkultur ist im

Aussterben. Die Genußintensität der Pflanzer ist in unseren kalten

Ländern nicht möglich. Die modernen Menschen beanspruchen Echtheit,

Variabilität der Genußstärke, Schnelligkeit der Wirkung und einen

Reichtum von Geschmacksakkorden, wie sie keine der bisherigen Arten

des Tabakgenusses ermöglichen konnte.

* * * * *

Die Weltanschauung des modernen Europäers des zwanzigsten

Jahrhunderts ist nicht mehr wie in vergangenen Jahrhunderten

ausschließlich in begrenzten religiösen Vorstellungen begreifbar,

sondern in einer philosophischen Fundierung, die den Reichtum aller

naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Errungenschaften

aller Zeiten und Völker einbegreifen will. Das Wissen der Relativität

unserer Vorstellungen läßt uns die Vergänglichkeit aller Erscheinungen

tiefer empfinden, als es unseren Vorfahren möglich war. Heute suchen

wir das Absolute nicht mehr in real empfundenen Bildvorstellungen,

sondern in den Beziehungen der Dinge zueinander, im Kontrast, im Akkord

und in der ewigen Ausgleichssehnsucht, die uns als der göttliche Funke

lebendig hält. Dadurch gewinnen wir Kontakt mit der Philosophie des

Ostens, und analog dieser Annäherung in den Grundanschauungen eroberte

sich der Orienttabak mit seiner wundervollen reichen Geschmackskultur

die Gegenwart des jungen Europa.

Der Orienttabak ist im Laufe der Zeit von dem Bild des Türken

untrennbar geworden, dem er seine einzigartige Kultur verdankt, und

dessen Anschauungen er in vollkommenster Weise widerspiegelt.

* * * * *

Die Türken sind uns jungen Europäern gegenüber ein altes Volk, dessen

Stileinheit und Anschauungsreife dementsprechend allen modernen

Kulturerscheinungen Europas außerordentlich überlegen ist. Die

Gewandtheit im Verkehr, die Feinheit der Sitte, die Lebensweisheit und

Geschmackskultivierung in äußerlichen Dingen hat manchem ernsthaft

und objektiv beobachtenden Europäer Bewunderung und auch Beschämung

über den eigenen so unbegründeten Hochmut abgenötigt. Der Türke hat

das Erbe von Jahrtausenden uralter Kulturländer angetreten, ihre

Entwicklungskraft mag erloschen sein, aber sie verwalten ihr

geistiges Erbe gut.

Die Lebensanschauungen des feingebildeten Türken haben eine gewisse

Ähnlichkeit mit dem schon geschilderten holländischen Raucher. Es

verbindet beide eine gewisse bedächtige Gründlichkeit in ihrem

Lebensgenuß mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen bezüglich

der Charakterisierung; aber der Türke ist abgeklärter und noch weit

mehr Philosoph als sein holländisches Gegenstück, er ist vor allem

differenzierter, feingeistiger, raffinierter und weniger saturiert. Es

ist dies der Unterschied zwischen Cigarette und Cigarre, zwischen dem

Orienttabak und dem amerikanischen Tabak, beide Sorten vertreten durch

ihre vollkommensten Genießer.

* * * * *

Es ist nicht anzunehmen, daß die Cigarettenform schon frühzeitig bei

den Orientalen bevorzugt wurde. Auch hier wird die Pfeife die größte

Rolle gespielt haben. Aber die Variationsmöglichkeiten, die der

Orienttabak durch die Mischungsmöglichkeiten fand, ließen den Wechsel

zu dieser oder jener Genußform mühelos zu.

Das Bild des vornehmen Türken, fast bewegungslos, mit untergeschlagenen

Beinen auf seinen Polstern wie eine indische Buddha-Figur sitzend, mit

dem langen Rohr seines Tschibuk oder dem Schlauch seiner Nargileh,

seiner Wasserpfeife in den Fingern, umgeben von leichten blauen

Rauchwölkchen voll milden Duftes, ist uns das Bild des über alle

Lebensunwichtigkeiten erhabenen Philosophen. In kleinen Zeitabständen

sieht man den Tabak im Pfeifenkopf aufglühen oder hört das monoton

gurgelnde Geräusch der Wasserpfeife, Takte eines Zeitraums wohliger

Wunschlosigkeit und restloser Ruhe. Man glaube nicht, daß dies ein

primitiver Zustand ist; er ist ungeheuer kompliziert. Es ist eine

Überwindung der Mannigfaltigkeit menschlicher Triebe und keine

einfache Ablehnung derselben. Es ist nicht die Absonderung des »Nichts

erleben wollens«, sondern die Reife des »Alles erlebt habens«, die

Generationen unbändigen Lebens ermöglicht haben. Ganz analog ist der

Geschmacksakkord, der dieses Nirwana spiegelt. Er ist keine einfache

Terz oder Quinte, sondern eine berauschende Musik, die sich aber

immer wieder in seltsam volltönenden Harmonien auflöst. Es sind die

unbeschreiblichen Geschmacksakkorde der edlen milden Xanthi-Tabake, die

in ihren eigenen Abstufungen untereinander gemischt aus sich selbst

heraus, aus der Vielheit der Empfindungen, eine mild strahlende Einheit

zu ergeben vermögen. Die Müdigkeit, die dem Erlebnis zugrunde liegt,

ist uns heute nicht mehr fremd. Es ist doch alles eitel; mit diesem

Gedanken verbinden wir von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Erlösung,

die stärker ist als der Spott der Lebensgierigen, die ja doch auch

einmal still und andachtsvoll erkennen werden, was Ewigkeitswerte der

Erkenntnis bedeuten. Diese Ruhe des Wissens hat nichts mit Stumpfsinn

zu tun, es ist vielmehr die Grundlage einer stillen Heiterkeit und

genußvoller Gedankenspielereien. Die mohammedanische Spruchweisheit ist

berühmt und verrät eine Kraft in dieser scheinbaren Passivität, die die

Sprünge jugendlich begeisterter Welteroberer überleben wird.

Die philosophische Stimmung ist die Grundtendenz des zwanzigsten

Jahrhunderts. Die schon allgemeinere Erkenntnis der Relativität,

die früher erst der Weisheit des reiferen Alters entsprach, läßt

uns heute die Dinge des Lebens anders anschauen, als dies in den

vorhergehenden Generationen bei uns der Fall gewesen sein mag.

Trotzdem kann sich naturgemäß die heutige Jugend nicht auf die

gleiche Temperamentlosigkeit einstellen, die dem geschilderten Bilde

zugeschrieben werden muß, aber auf der aufgeklärten Grundstimmung

lassen sich alle dem Reichtum der orientalischen Tabake analogen

Eigenarten aufbauen, die zusammen das zwanzigste Jahrhundert

charakterisieren.

Gegenüber der älteren Zeit sind wir vor allem weitaus differenzierter

in unseren Empfindungsgleichnissen geworden; besonders in innerlich

individuellen Angelegenheiten. Die scharfen äußerlichen Reize,

die auch die beste Cigarre noch von der Cigarette unterscheiden,

bedeuten heute kaum noch einen Ausgleich zu gleichartig äußerlichen

Erregungen. Die Probleme sind tiefer, und nicht ohne Sinn erwacht

heute die Wissenschaft der Psyche zu überragender Bedeutung. Die

Empfindungsmannigfaltigkeit, die der Cigarette folgt, ist auch eine

mehr innerliche; ihr äußerlicher Reiz ist so gering, daß ein richtiger

Cigarrenraucher ihr Wesen nicht erkennt. Und doch vermag die innerliche

Kraft der Cigarette ein Tempo anzuregen, das niemals von der Cigarre

erreicht werden kann.

Von den milden Mischungen der Xanthi-Tabake bis zu den aufregenden

Schwarzmeer-Tabaken ist ein Spielraum gegeben, der der immer

stärkeren Individualisierung des modernen Europa die Zahl der

Graduierungen abläuft. Lassen wir dem Xanthi-Tabak beispielsweise

die Tendenz und mischen wir ihn mit edlen Cavalla-Basma-Blättern,

so entsteht ein Geschmacksakkord, der bei aller Ruhe einer gewissen

geistigen Hellhörigkeit Vorschub leistet. Würzen wir vorzugsweise mit

Smyrna-Tabaken, dann erleben wir den Rausch süßer Sinnlichkeit. Die

Samsoun-Tabake sind kriegerisch wie Janitscharenmusik, und manche

Russen-Tabake begleiten das verzehrende Feuer genialischer Nervosität.

Nun sind die meisten Menschen keine scharf umreißbaren Typen; es

lebt in jedem von uns mehr oder weniger Himmel und Hölle, innerhalb

des Grundcharakters unserer Zeit, und deshalb werden die modernen

Cigaretten nicht so einseitig wie bei den Türken gemischt und gewürzt,

sondern alle zur Verfügung stehenden Provenienzen werden mehr oder

weniger zu wechselnden Mischungen hinzugezogen, um dem komplizierten

Menschen unserer Zeit ein analoges Genußmittel zu verschaffen.

Der Charakter einer Cigarette und ihres Liebhabers prägt sich schon

in der unterschiedlichen Art zu rauchen aus. Der eine ahmt in der

Bedächtigkeit seiner Bewegungen die Methodik seines Handelns nach,

der andere zeigt die müde Geste resignierender Anschauungen. Wieder

ein anderer läßt beim Ziehen an der Cigarette die Intensität und

Aufmerksamkeit erkennen, mit der er jede Aufgabe angreift. Am

eigentümlichsten rauchen die Liebhaber russischer Provenienzen. Sie

saugen ein paarmal kurz, rasch und hastig, um dann sofort die Cigarette

wieder fortzuwerfen und im nächsten Augenblick sich wieder eine

neue anzuzünden. Trotzdem die russischen Cigaretten meist nur sehr

wenig Tabak enthalten, wird auch diese kleine Strecke nicht einmal

ausgenutzt. Danach kann man sich den Charakter der Raucher vorstellen,

genau so wie ihre Gegenpole, die die Cigarette bis zum letzten Ende

sorgsam auszunutzen suchen, während der eigentliche Sybarit ganz genau

die Entwicklung der Rauchwirkung verfolgt und mit Sicherheit weiß, wann

er am besten aufhört, um das Geschenk der Götter restlos und ungetrübt

auszukosten.

Die Cigarette · 第 4 / 4 段