Esehu Mekômon.
(Betrachtung über die Opfer, anstatt einer Übersetzung).
Meine Gedanken, o Herr, weilen bei den Opfergesetzen,
welche du unsern Vätern gabst, und mein
Herz wird voll des Dankes, indem ich deine Gnade erkenne,
daß du durch diese deine Gebote hast Israel fest an
dich knüpfen wollen; mögen sie deshalb mir auch zur
Richtschnur dienen bei der Anbetung deines heiligen
Namens. Wenn nun gleichwohl auch bei mir der tiefere
Sinn verborgen ist, und ich die göttlichen Geheimnisse
nicht zu erforschen vermag, die mit den Opfern, welche
du befahlst, verbunden sind, und nicht ergründen kann,
weshalb du sie mit so vielen Vorschriften anordnetest,
und wie sie dazu dienen sollen, den Sohn des Staubes
mit dir, dem Unendlichen, zu vereinen, ihn deiner Gnade
gewiß zu machen, denn »dir gehört das Verborgene, o
Ewiger, aber was du offenbart hast, ist für uns«,[95] und
wie herrlich ist nicht das, was uns offenbart worden ist!
Wenn ich all der Scheußlichkeit gedenke, die mit der Opfermahlzeit
der Heiden verbunden war, durch welche sie ihre
Schuld sühnen wollten, wie sie von dem Blute des Opfers
tranken und sich zu Wollust und Blutdurst reizten, wie
sie Menschenleben opferten, während sie das Tier als
heilig betrachteten, o, wie könnte ich da wohl anders, als
erkennen, daß bei Israels Opfer alles nur dazu dienen
sollte, die Reinheit des Glaubes zu beschützen, Sittlichkeit
und Gerechtigkeit zu wahren und alles fern zu halten,
was Sinnenlust und törichten Aberglauben fördern könnte.
Deshalb verbotest du in deiner Weisheit jeden Gebrauch
des Blutes, verbotest jedem, der unrein war, zu opfern,
deshalb konnte eine absichtlich begangene Sünde nicht
durch ein Opfer gesühnt werden, deshalb mußten die Vergehen
wider den Nächsten erst gut gemacht werden, bevor
das Opfer gebracht werden konnte. Ja, du lehrtest uns,
daß ein Opfer für sich allein nichts nützt, wenn es
nicht in Wahrheit von einem innern frommen Sinne zeugt,
und du und deine Propheten straften die, welche da
meinten, daß sie durch Darbringung eines Opfers allein
geheiligt werden könnten. Du ließest deine Propheten
verkündigen, »daß Gehorsam besser als Opfer ist«,[96] daß
»Opfer bei einem sündigen Wandel dir zuwider sind«,[97]
daß du Wohlgefallen an der Liebe findest, und nicht am
Opfer, und »daß die Erkenntnis deiner mehr ist, als
Brandopfer.«[98]
[Fußnote 95: 5. Mos. 29, 28.]
[Fußnote 96: 1. Sam. 15, 22. Ps. 40, 7. Spr. Sal. 21, 3.]
[Fußnote 97: Spr. Sal. 15, 8. Es. 11-17 Jer 6, 21. Amos 5, 22.]
[Fußnote 98: Hos. 6, 6]
Aber besonders sind es die täglichen Opfer,
welche den Männern der großen Synode[99] zum Muster
dienten bei der Anordnung des »Morgen-und Abendgottesdienstes«,
deren ich gedenken soll, und während ich
mich an ihr Wesen und an ihre Bedeutung erinnere, erwecke
ich in meinem Innern eine wahrhafte Erbauung
und die Sehnsucht darnach, dich beständig und richtig
durch meine Gebete zu verehren. Da tritt mir denn zuerst
der Gedanke entgegen, daß es--ein Opfer war, und
daß mein Gebet deshalb auch ein Opfer sein soll. Ja,
ich will im Gebet mich selbst zum Opfer darbringen,
will mich mit all meinen Wünschen, meinen Gelüsten und
Sehnen, mit all meiner Furcht und all meinem Hoffen
ganz und ohne Rückhalt dir hingeben, und wie das tägliche
Opfer ganz dargebracht wurde, so will ich jeden
Morgen und jeden Abend, wenn ich zu dir bete, mich
dir auch ganz hingeben und mich völlig deinem Willen
unterordnen.[100]
[Fußnote 99: Ansche keneseth hagdolo (ecclesia magna) setzten im Hinblick
auf die ständigen Opfer das Schacharith--, Mincha--, und
Maarib Gebet für jeden Tag, das Mussaph--Gebet für Sabbat-und
Festtage und das Neïlah--Gebet für den Versöhnungstag ein.]
[Fußnote 100: Taanith 27. Sanhedrin 43.]
Jenes Opfer konnte von keinem dargebracht werden,
der nicht vollständig rein war, der nicht durch seinen
Willen alle störenden Gedanken zu beherrschen und unangefochten
von der äußeren Welt, ganz mit seiner vollen
Seele sich der heiligen Handlung hinzugeben vermochte;
denn das Opfer wurde verworfen, wenn nicht sein eigentlicher
Zweck, die rechte Andacht, den Opfernden erfüllte.
So will denn auch ich mich zuvor prüfen, ob ich rein bin,
ob ich würdig bin, vor dich, den Allheiligen hinzutreten,
will deshalb zuvor Buße tun, will mich von allen weltlichen
Gedanken losreißen, will die tierischen Triebe in
mir töten und den irdischen Sinn abwerfen, jedesmal
da ich vor dich hintrete, da ich vor deinem Angesicht in
meinem, wie in der ganzen Gemeinde Namen erscheine.
Denn das tägliche Opfer wurde ja im Namen der
ganzen israelitischen Gemeinde gebracht und sollte dazu
dienen, was man so oft vergißt, für all das Gute zu
danken, das beständig in so reicher Fülle dem Menschen
zuteil wird; dir dafür zu danken, daß du über ihn in
der Nacht wachtest und ihm neues Leben schenktest, wenn
des Morgens Licht ihn auf seinem Lager weckte, und daß
du ihn den ganzen Tag alles finden läßt, dessen er bedarf.
Dieses Opfer sollte in Israels Heiligtum ein Lamm sein,
das dir als Dankopfer dargebracht wurde, der du
durch den Schlummer der Nacht alle gestärkt,
und wiederum am Abend, wenn es dunkelt als Dankopfer
für den glücklich verlebten Tag.
Und es war begleitet von einem Speiseopfer,
wohl um für das Brot zu danken, welches der Mensch
wiederum gefunden hatte, für Kraft und Schönheit
des Körpers, was durch das Öl bezeichnet wurde, für
die Gabe und den Vorzug des Geistes, was
bildlich der Wein andeutete. So will auch ich, o Herr,
jeden Morgen und jeden Abend deiner Wundertaten
eingedenk sein und dir danken, weil du meinen Geist und
meinen Körper erhältst, so will auch ich dir für alle zeitlichen
Güter, die du mir verleihst, für die Sonne,
welche ihre Strahlen auf meinen Weg sendet, für den
erquickenden Schatten der Nacht, wie für das
himmlische Licht, das Wort des Lebens, welches du
mir gegeben hast, das Dankopfer meines Gebets darbringen.
Aber das tägliche Opfer war ja auch ein Sühnopfer,
welches täglich für die Gesamtheit Israels,
wie für den Einzelnen, dargebracht werden sollte, nicht
offenbare Vergehungen, sondern für diejenigen, deren der
Mensch sich schuldig macht, ohne daß er sie sich zur Sünde
anrechnet, und so sollte täglich das Bewußtsein der
Sünde in der Brust des Israeliten geweckt werden.
Dein, o Herr! ist der Tag und dein, o Herr! ist die
Nacht, und beständig sollen wir dich vor Augen haben;
unsere Arbeit wie unsere Ruhe soll von dem Gedanken
an dich begleitet sein. Aber, wenn der Schlummer der
Nacht uns in seine Arme schließen will, bevor der Schlaf
unsere Sinne und Gedanken gebunden hält, da denken
wir nicht an dich, da benutzen wir die ruhigen Augenblicke
nicht dazu, dich zu erkennen und zu suchen; und in
des Tages geschäftigem Treiben richten sich nicht die Gedanken
auf dich, und wir vergessen es, deiner zu gedenken.
Deshalb soll am Morgen ein Opfer gebracht werden
für die Sünde der Nacht und am Abend für des
Tages Sünde. Aber außerdem kann die ganze Gemeinde
auch dem nicht entgehen, daß sie beständig sündigt,
und jede einzelne Seele ist mitschuldig der Sündenschuld
der großen Gesamtheit, und wer sich für unschuldig hält
wie ein Lamm, ist sündig. Aber was ehemals das
tägliche Opfer für mich wirkte, das soll jetzt durch mein
tägliches Gebet erreicht werden, daß ich nicht in Leichtsinn
wandeln möge, sondern das Bewußtsein der Sünde in
mir wecke, die Erkenntnis dessen, wie weit meine Gedanken
und Handlungen, meine Arbeit und meine Ruhe,
im Großen wie im Kleinen von der Pflicht Israels abweichen,
sodaß ich jeden Morgen und jeden Abend aufs
neue geheiligt werde und den Vorsatz fasse, deinem Dienste
zu leben, o Herr! ob ich nun meinen Erwerb mir
suche, oder danach trachte, meines Hauses oder
meines Namens Ansehen zu erweitern, oder ob ich
in Freude und Frohsinn weile, wo der Wein des
Menschen Herz erfreut.
Und endlich sollte das tägliche Opfer von Beständigkeit
im Glauben und in Gottergebenheit ein
Zeugnis sein, und jeden Morgen und jeden Abend sollten
Israels Kinder die Lebendigkeit dieses Glaubens zu erkennen
geben, ob nun das Glück ihnen zulächelte oder ob
Unglück sie in das Dunkel der Nacht hüllte. Ebenso
will auch ich es früh und spät an den Tag
legen, daß, welches Schicksal du mir auch sendest, ich
stets mit Vertrauen mich dir nähern will und es soll
stets nach Vorschrift am Morgen und am Abend geschehen;
und indem ich mich an die heilige Ordnung binde, will
ich den Geist des Gebetes in mir wecken und bewahren.
Denn wenn auch die Pflicht zu beten, das Opfer des
Herzens darzubringen, nicht an Ort oder Zeit gebunden
ist, sondern wir stets und überall beten sollen, so oft wir
uns dazu gedrungen fühlen, so sollen wir doch zu den
festgesetzten Zeiten beten, wenn auch unser Herz uns nicht
dazu drängt, weil wir sonst in dem Gewirre der Welt
vielleicht niemals dazu veranlaßt würden. Aber gerade
durch das tägliche Gebet, dadurch, daß wir mit aller
Kraft unseres Willens darnach streben, von dem Geiste
des Gebetes durchdrungen zu werden, sollen wir die
Unlust zum Gebete überwinden, die Hindernisse besiegen,
welche sich zwischen dich und uns stellen, o Gott, und
den Geist der Welt ertöten, der uns den höchsten Schatz
unserer Seele rauben will,--die Anbetung deines
Wesens.
So will ich denn dir mein tägliches Opfer darbringen,
mein Gott, will meinen Willen dir ergeben, will jeden
Morgen meinen Dank zu dir aufsteigen lassen und mich
deiner Leitung anvertrauen und mich jeden Abend sorglos
deiner Führung hingeben. Ich will Kränkungen ertragen,
will das Schlechte nicht vergelten, das mir zugefügt wird,
will um deinen Schutz bitten für alle, die auf Erden
wandeln, will darnach streben von jeder sündigen Lust
mich zu reinigen, will fest in meinem Glauben verharren,
und will, wenn auch die Menge der Versuchungen mich
umringt, wie manchen Kampf ich auch zu bestehen habe,
meine Standhaftigkeit als Israelit zeigen, der nicht
nach dem Lohne und der Ehre der Welt trachtet, sondern
allein darnach strebt, dir wohlzugefallen und der gewiß
ist, daß du den errettest, der dir beständig dient.[101]
[Fußnote 101: Dan. 6, 27.]