Eine Kranke.
1. Ewiger, der du lauter Erbarmen und Wahrheit bist, gar vielfach sind
die Wege, auf denen du den Menschen zu dir ziehst, wenn wir nur wüßten,
uns ihrer mit Nutzen zu bedienen. Lange hast du in deiner Güte mir
gesunde Tage geschenkt; ach, vielleicht habe ich dir nicht genugsam
dafür gedankt; vielleicht habe ich die Kräfte meines Körpers nicht
gebraucht, wie ich sollte, und habe nicht geachtet der Seufzer und
Klagen der Leidenden, daß ich ihnen zur Hilfe eilte und ihre Not
linderte; vielleicht achtete ich die eitlen Güter zu hoch;--siehe, da
führst du mich jetzt andere Wege. Krankheit hat meinen Leib ergriffen
und in Schmerzen liege ich danieder auf meinem Lager und wälze mich hin
und her in der schlaflosen Nacht und finde am Tage keine Ruhe. Du, der
du nur das Gute willst, hast mich vielleicht von Krankheit heimsuchen
lassen, damit ich, der in den Zerstreuungen der Welt sich verlor, mein
eigenes Herz läutere und prüfe und auf des Schmerzes hartem Lager lernen
sollte, dich zu suchen. Siehe des Fiebers Glut, die mich verzehrt, soll
mich vielleicht an meine Lauheit und Kälte in deinem Dienste erinnern,
in dem Beruf, den ich erfüllen sollte, in der Anbetung deines Namens,
und der brennende Durst meiner Zunge an die Versäumnis, die ich mir zu
schulden kommen ließ, daß ich nicht täglich den Labetrunk aus der
reichen Quelle deines Wortes schöpfte. Der eiskalte Schauer, der mich
schüttelt, soll vielleicht die glühende Leidenschaft strafen, mit der
ich die Befriedigung meiner Fleischeslust suchte, und diese Schwäche und
Ohnmacht soll meine Härte gegen die Schwachen und Bedrängten strafen,
denen ich keine hilfreiche Hand reichte; mein Bedürfnis nach der Pflege
und den Beistand anderer soll meine Seele mit Scham über all mein
törichtes Selbstvertrauen und meinen eitlen Stolz erfüllen, mit denen
ich geringschätzend auf andere herabsah. O Herr, ich unterwerfe mich mit
Ergebung deinem Willen und bitte nur: Gehe nicht hart mit mir ins
Gericht, sondern laß mich deine Gnade erfahren. Habe ich mich
versündigt, und ich verdiene deine Züchtigung, o, so erbarme dich über
mich, wie ein Vater, der sein Kind züchtigt; flöße mir den Trost
ein, »daß der Herr mich wohl züchtigt, aber mich nicht dem Tode
überliefert.«[78] Mache du selbst, o mein Vater, mein Krankenlager zu
einer Schule der Weisheit für mich und laß durch die Leiden meines
Leibes meine Seele genesen. Herr, ich werfe mich in deine Arme, stärke
mich, lehre mich mein Inneres läutern und mich mit meinem ganzen Herzen
zu dir zu wenden; schenke sowohl mir Geduld in den Stunden der
Schmerzen, als auch denen, die mich freundlich pflegen;»vergib mir alle
meine Sünden, und laß mich deine Gnade wieder schauen, die so groß ist
über den Staubgeborenen,« und ein Wandel, der dir gefällt, soll Zeugnis
davon sein, daß die Krankheit mich auf den rechten Weg zurückgeführt
hat, wie er in den Tagen der Gesundheit von denen betreten werden soll,
die »dich suchen und lieben.« Amen!
[Fußnote 78: Ps. 118, 18.]
Besonders in bedenklicher Krankheit.
2. Alliebender, ewiger Vater, du, »der alle Sünden vergibt und alle
Krankheiten heilt,«[79] auf mein Krankenlager niedergestreckt, sende ich
meine Gebete hinauf zu dir, o, sende mir Linderung und stehe mir bei in
der Stunde der Gefahr! Du, »der kein Wohlgefallen an dem Tod des Sünders
findet, sondern darin, daß er auf seinem Wege umkehre und lebe«, o, laß
es dein Wille sein, mir die Gaben der Gesundheit wieder zu geben, daß
ich noch in dem Lande der Lebenden wirken möge. Ach, ich bitte dich
nicht wegen meiner, nein, vielmehr um derer willen, die so innig an mir
hängen, und deren Herzen bluten würden, wenn du mich abriefest. (Ich
bitte dich um meines geliebten Gatten willen, um meiner unmündigen
Kinder willen, ich bitte dich um meiner alten Eltern willen, um der
heiligen Pflichten willen, die ich zu vollführen habe, errette mich!)
Ich weiß, daß die Menschen nichts vermögen, und daß alle irdische Kunst
und Wissenschaft nichts nützt, wenn du nicht, o himmlischer Arzt, die
Genesung von oben sendest. Ach, so laß es dir denn gefallen, mich zu
retten; o, sei mir gnädig und heile meine Seele; denn ich habe wider
dich gesündigt![80] Sollen meine Leiden noch lange währen, so sei du mir
nahe mit deinem Geiste, laß ihn am Tage über mich schweben und mir
Stärkung und Kühlung zufächeln und laß ihn in der Nacht um mich sein,
daß fromme Gedanken mir die Stunden der Dunkelheit verkürzen, und die
Schmerzen durch die Gewißheit, daß sie die Mittel meiner Seelenrettung
seien, gelindert werden. Aber sollte es der Wille deiner
unerforschlichen Weisheit sein, mich abzurufen, o, so erfülle meine
Seele mit Gedanken der Ewigkeit und stärke mich in meinem letzten Kampf
durch die Gewißheit des Trostes, daß du mein Leben an dem Grabe erlösen
und mich mit Gnade und Barmherzigkeit[81] krönen willst, daß du, der du
alles versorgst, was da lebt, in deiner Fürsorge dich der Meinen
annehmen und sie in den Schutz deiner Fittige nehmen mögest. Herr tue
mit mir nach deinem Willen!»Heile mich und ich bin geheilt, hilf mir und
mir ist geholfen, denn du bist mein Hort.«[82] Du wirst mich erlösen,
Herr, du treuer Gott.
Amen!
[Fußnote 79: Ps. 103, 3.]
[Fußnote 80: Ps. 41, 5.]
[Fußnote 81: Ps. 103, 4.]
[Fußnote 82: Jer. 17, 14.]
Bei derselben Veranlassung in Bibelversen.
3. Aus der Tiefe ruf ich zu dir, o Herr, neige dein Ohr meinem Rufe, du
Ewiger, höre meine Klage und mein Flehen. Schwer ruht deine Hand auf
mir, und meine Schmerzen suchen mich heim alle Zeit; von Angst und
Seufzer wird mein Fleisch verzehrt. Am Tage verschmachte ich, und viele
leidenvolle Nächte fallen in mein Los; o Allerbarmer, sieh meinen Jammer
und mein Elend. Wie Mutterlose, niedergeschlagen und verlassen, stehen
meine Kinder um mein Lager, und ich sehe Tränen die Wangen meines Gatten
netzen, wie sehr er es auch vor mir verbirgt. Ach Herr, warum so lange?
Am Tage rufe ich zu dir, aber ich bekomme keine Antwort und in der Nacht
höre ich nicht auf zu flehen. Wie ein Sklave, der nach Schatten seufzt
und wie ein Taglöhner, der sich nach der Ruhe des Abends sehnt, habe ich
Monate (Wochen) in Kampf und Schmerzen zugebracht. O Herr, lindre meine
Not und mein Leiden! Sollte keine Heilkraft in Gilead sein, du ewiger
Arzt, daß ich errettet würde? Ja, gewiß, wer auf dich hofft, ist nicht
verlassen! Du wirst in deiner Güte mich stützen und alle meine Krankheit
heben. Du hast mich ja so oft große Bedrängnis, Angst und Not schauen
lassen und mich doch aufs neue belebt und mich aus dem Abgrund der Erde
emporgezogen. Ja, ich sagte in meiner Qual: Ich bin vor deinen Augen
verstoßen; aber du hörtest meine verborgene Stimme, da ich zu dir rief,
und du tröstetest mich wieder. Und wenn auch noch mehr Weinen uns
bevorsteht, so werden ich und die Meinen am Ende doch deine Hilfe
erfahren, und »die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.« Ja, du
wirst mich von aller Sorge befreien, unter den Frommen hienieden oder
bei den Verklärten dort; ja, ich soll deine Taten verkünden!
Amen!
Vor einer gefährlichen Operation.
4. Mein Gott, meine Stärke und meine Hoffnung!»Du, in dessen Hand die
Seelen aller Lebenden und der Geist ist, der das Fleisch eines jeden
Menschen belebt, « du hast mir heute eine Stunde gesandt, voller
Schmerzen und Gefahr, in der versucht werden soll, mir meine Gesundheit
zurück zu gewinnen, (in der ich ein Glied meines Körpers verlieren soll,
um wo möglich mir dadurch das Leben zu erhalten), o, sei mir denn mit
deiner Liebe in diesen Augenblicken nahe. Stärke meinen Mut und lehre
mich den schwersten Schmerz in dem Gedanken ertragen, daß du es bist,
der »sowohl Wunden schlägt als auch sie verbindet,« daß deine Weisheit es
also beschlossen hat und es deshalb zu meinem Heile dienen soll. Ach,
daß du mich deines Beistandes und Trostes in diesem Kampfe würdig
hieltest! Vergib mir, o, vergib mir alle meine Sünden, (hier lese man
das Sündenbekenntsis, Oschamnu), laß meine Seele zu dieser Stunde sich
mit aller Welt versöhnen und laß mich alle Bitterkeit aus meinem Herzen
tilgen! Laß mich erfahren, daß»nur eine kleine Stunde über deinen Zorn
verrinnt, aber das Leben deine Lust ist. Du verläßt den Menschen nur
eine kurze Weile, aber du nimmst dich seiner mit großem Erbarmen wieder
an.« Rufe mir ins Gedächtnis, wie viele sich den schwersten Martern
unterworfen, um deinen Namen zu heiligen, und durch ihren festen Glauben
sich die Herrschaft über den Schmerz errungen haben, wie viele Mut und
Standhaftigkeit in den herbsten Leiden zeigten und unter deinem Segen
für ihre fromme Standhaftigkeit durch eine freundliche Zukunft belohnt
worden sind. Laß die Liebe und das Vertrauen zu dir, Allgütiger und
Allbarmherziger, mich keinen Augenblick verlassen; laß deine Rechte mich
halten. Nun wohlan denn! in deinem Namen!»In deine Hände befehle ich
meinen Geist« mit meinem irdischen Leibe. Gott ist mit mir, ich fürchte
mich nicht! Schéma Jisroel Adônai Elôhenu Adônai Echod!--Höre Israel,
der Herr unser Gott ist ein einziger Gott! Gelobt sei er in alle
Ewigkeit!
Amen!
Fürbitte für einen Kranken.
5. Herr! du selber hast gesagt:»Rufe mich an in der Not, so will ich
dich erretten, und du sollst mich preisen.« O, laß denn das Gebet meines
bekümmerten Herzens zu dir aufsteigen. Bei dir sollte ich wohl Stärke
finden unter der schweren Krankheit, die meinen lieben... (hier wird
der Name des Kranken genannt) an das Lager fesselt. Wohl weiß ich, daß
deine Wege nicht unsere Wege und daß die Ratschlüsse deiner Weisheit
unerforschlich sind und verborgen unserer Kurzsichtigkeit, und daß auch
diese Schmerzen, unter denen der Teure leidet, von dir gesandt sind;
aber ich weiß auch, daß du gnädig auf die herniederblickst, die in ihrer
Angst zu dir rufen, und daß die Tränen, die meinen Augen entströmen, dir
nicht mißfallen.--Du, der du selbst uns hast verkünden lassen, daß du
unser Arzt sein willst, wenn wir auf deinen Wegen wandeln, o, vergib dem
Kranken alle seine Übertretungen, tilge das Andenken seiner Sünden und
laß es dein Willen sein, daß mein....... wieder rasch geheilt werden und
noch lange leben möge zur Verherrlichung deines Namens. Lindre sein
(ihr) Leiden und laß ihn (sie) Erquickung und Ruhe finden. Erhöre die
Gebete, die er (sie) zu dir sendet und schenke mir ihn (sie) wieder, daß
ich dir danken möge, mein Helfer und Gott.
Amen!