(Heimlicher Kummer, Verfolgung, Verleumdung, Untreue der Freunde und
Anfechtungen.)
1. O, Gott der Liebe, der du so oft meine Gebete erhört hast, verstoße
mich nicht von deinem Angesichte, wenn ich in heimlicher Bekümmernis und
Betrübnis mich zu dir wende. Du allein kennst meine Sorge; du kennst die
Angst, die mich erdrücken will, und du weißt, was es ist, das mich
quält. Du weißt, unter welcher Bürde mein Herz seufzt, und du bist Zeuge
meiner Tränen, die ich heimlich weine; denn du bist es ja, der selber
mir diese Prüfung geschickt hat. O du, mein Gott, »auf den ich von Jugend
an meine Sorge geworfen habe,« sei du dann auch mein Trost und hilf mir.
Sei mir nicht ferne, sondern komm und stehe mir bei, o Herr, mein
Helfer, daß ich dir danken möge, wenn die Betrübnis von meiner leidenden
Seele wieder gewichen ist.
Amen!
2.»Wie lange, Herr, willst du mich so ganz vergessen? Wie lange willst
du dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange soll ich in meiner Seele
sorgen und tägliche Trauer in meinem Herzen fühlen?«[73] Vergebens
wende ich mich zur Rechten und vergebens zur Linken; ach Herr, mein
Gott, die Menschen sind nur schlechte Tröster, die fassen meinen Schmerz
nicht und wollen meine Klagen nicht hören, ja, selbst die, auf deren
Freundschaft ich rechnete, sind mir untreu geworden, und ihre Gunst und
Hingebung war nur auf flüchtigem Sand gebaut. O du, der du ewig derselbe
bist, »mein Herz bringt vor dich dein eigen Wort.«»Suche mein
Angesicht!« Nun suche ich dein Angesicht, Herr, und du hast ja gelobt,
daß du den nicht verlassen willst, der dir vertraut, und daß du deine
Hand nicht von ihm ziehen willst; o, so laß mich deine väterliche Liebe
zu mir auch in der Züchtigung erkennen, und »ich will schweigen und
meinen Mund nicht auftun, denn du bist es ja, der es getan hat.«[74]
Ja »ich will stille sein und auf dich hoffen und dadurch wahre Stärke
gewinnen.«[75] O, so zeige mir deine Gnade wieder; sprich zu mir:»Ich
bin bei dir in der Not; fürchte dich nicht, zage nicht, denn ich bin
dein Gott, ich stärke und erhalte dich.« Amen!
[Fußnote 73: Ps. 13, 1-2.]
[Fußnote 74: Ps. 27, 8.]
[Fußnote 75: Ps. 39, 9.]
3. Ewiger,[76] du bist mein Licht und meine Seligkeit, vor wem sollte
ich mich da fürchten? Du bist meines Lebens Kraft, o Herr, vor wem
sollte mir wohl grauen? Laß nur meine Feinde sich wider mich erheben und
wider meine Seele stürmen; denn sie werden stürzen. Wenn auch rings um
mich her Heere lagern, so soll mein Herz doch nicht verzagen; denn du
birgst mich in deiner Hütte in der schlimmen Zeit, und du öffnest deine
feste Burg mir als Zufluchtsstätte, daß ich ruhig und sicher leben kann
trotz aller Gefahr. Böse Zungen erheben sich wider mich und suchen mit
ihren giftigen Pfeilen mich zu treffen; aber du, o Gott, bist mein
Schild, so daß ich frei mein Haupt erheben kann, und du willst mich zu
Ehren bringen. O, so laß mich denn deine Gnade im Land der Lebenden
erfahren; laß mich ruhig meinen Weg wandeln und erfülle meine Seele mit
Geduld, daß ich auf dich vertraue, daß ich nicht verzage, und daß auch
dieses Ungemach meinem Geist zum Frommen und zur Rettung diene.»Laß
jedes unfreundliche Urteil, das über mich gefällt wird, jede Verkennung,
die mich trifft, eine ernstliche Erinnerung daran sein, daß ich einst
zur Rechenschaft gefordert werden soll, so daß ich Selbstprüfung über
meinen Sinn und meinen Wandel anstelle; laß mich einen Beweis darin
sehen, »daß ich Wohlgefallen vor deinen Augen gefunden habe,« und stärke
mich so in der sicheren Hoffnung, »daß du mich hier auf Erden erhältst
und mich einst zu ewiger Seligkeit bei dir erheben wirst.«[77]
Amen!
[Fußnote 76: Nach Ps. 27.]
[Fußnote 77: Ps. 41, 12-13.]
4. Trübe Gedanken umdunkeln meine Seele, und Angst und Verwirrung
überkommen mich. Ach Herr, was hab' ich doch getan, daß ich keinen
Frieden finden kann? Es ist, als wenn am Tage böse Geister mich bei
allen meinen Handlungen verfolgten und als ob sie bei Nacht mein stilles
Lager umschwebten und sich eindrängten, wenn ich meine Seele zu dir
erheben will. Vergebens kämpfe ich, alle die bösen und schrecklichen
Vorstellungen zu verjagen, aber es gibt nichts, das mich erretten
kann.»O, so erhöre du mein Flehen, und laß mein banges Seufzen nicht
unerhört von dir zurückkehren,« du, Allmächtiger, denn du allein nur
kannst alle meine Plagen enden. O, sei mir nicht ferne, sondern gib mir
durch deinen Geist Kraft, diesen finstern und bösen Gedanken zu
widerstehen. Auf dich setze ich meine ganze Hoffnung, ach, laß sie nicht
zu schanden werden, sondern laß das Licht deines Angesichtes mir
leuchten, wenn die bösen Stunden kommen, daß ich mich von deiner
Vaterliebe umgeben fühle und errettet werde.
Amen!