Am Sonntage.
Morgengebet.
6. Eine neue Woche hast du, o gnadenvoller Vater, für mich erscheinen
lassen, und eine neue Zeit schenkst du mir wieder, um für mein Wohl zu
leben und zu wirken. O, so beseele mich denn mit Ernst und Freudigkeit,
auf daß ich das Werk vollführe, das du mir angewiesen. Laß mich die neue
Woche damit beginnen, daß ich die heiligen Vorsätze ausführe, die ich
gestern gefaßt habe, laß es mir trotz meiner Schwäche gelingen, durch
meine Fürsorge und Arbeit das Wohl meiner Brüder zu fördern und zum
Wohle der menschlichen Gesellschaft mitzuwirken. Verleihe mir vor allem
deinen Beistand, daß ich denen ein gutes Beispiel gebe, in deren Mitte
ich wirke; stärke mich, daß ich auf reinen Wandel achte, jedes meiner
Worte wohl bedenke und auf jede meiner Handlungen wohl aufmerksam sei,
und in der Freude wie im Schmerze mich als ein gottesfürchtiges und
gottergebenes Kind zeige, das stets deinen Willen zu erfüllen sucht.
Stehe mir zur Seite bei den Mühen und Arbeiten dieser Woche, daß die
Mühsal des Tages mir zum Segen werde, und die Freuden, die du mir
bereitest, mich unaufhörlich erinnern an den Dank, den ich dir schulde.
Stärke mich, daß ich die Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten
duldend ertrage und selbst denen mich liebevoll erweise, die mich in
dieser Woche zu betrüben suchen. Lehre mich deine Weisheit anbeten und
deine Güte auch in der schmerzlichen Stunde preisen, die dein Wille mir
auferlegen sollte, und jede glückliche, freudenreiche Stunde im
Irdischen erinnere mich an die Ewigkeit, der ich entgegengehe. Herr!»laß
mit jedem Morgen mich deine Gnade erfahren; denn auf dich hoffe ich; tue
mir den Weg kund, den ich zu wandern habe, denn es sehnt sich mein Herz
nach dir!«[9]
Amen.
[Fußnote 9: Ps. 143, 8.]
Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 3-4.
7. Allmächtiger, allweiser Schöpfer! Am ersten Schöpfungstage nähert
sich meine Seele dir und danket dir, daß du die Finsternis hast
schwinden lassen und wiederum, wie einst, da du über die leblose Natur
das: »Werde Licht!« riefst, mich von deinem Licht umstrahlt sein läßt,
das allem um mich her Kraft spendet und Reiz verleiht. Ach Herr, mein
Gott! du, der du so unendlich bist, der du dich hüllest in Licht wie in
ein Gewand (Ps. 104), zerstreue du die Finsternis, die noch über so
viele ausgebreitet ist, auf daß das Licht der Liebe die Herzen aller
Lebenden erleuchte und erwärme! Hilf du mir, daß ich den Weg des Lichtes
wandre, daß kein trüber Zweifel meine Seele umschleiere, keine
Versuchung mich auf die dunkle Bahn des Lasters führe. Laß deine Gnade
und Huld mir und den Meinigen zu teil werden, auf daß wir unser
tägliches Brot finden und es in Freuden genießen. Erleuchte mich mit
deinem Lichte und deiner Wahrheit, daß sie mich leiten, dich zu suchen,
dir zu dienen mit allem, was ich in dieser Woche vornehme, daß keiner
meiner Gedanken und keine meiner Taten das Licht des Tages zu scheuen
nötig habe. Verschone mich und die Meinigen von großen Sorgen, die den
Sinn beschweren, ihn niederdrücken und irre leiten. Und so zuweilen die
Aussichten trübe sind, und Angst mein Herz beschleicht, dann laß mich
eingedenk sein, daß du gnädig und barmherzig bist, und daß den Frommen
ein Licht in der Finsternis aufstrahlt (Ps. 112); laß mich eingedenk
sein, daß wir hienieden nicht das volle Licht schauen können, daß es
aber in der Ewigkeit herrlich für diejenigen strahlen wird, die dich in
Wahrheit anbeten. So nimm mich denn in deinen Schutz, und möge all mein
Streben in dieser Woche dazu beitragen, daß ich einst würdig werde,
dieses Licht zu schauen,--»sei mir gnädig, segne mich und laß das Licht
deines Antlitzes mir leuchten!«[10]
Amen!
Abendgebet.
8. Wiederum habe ich einen Tag verlebt, an welchem du mir so viele
Beweise deiner väterlichen Fürsorge und deiner rettenden Gnade gegeben,
daß ich tief fühle, was ich dir schulde, und es tief erkenne, wie wenig
ich so viel Güte verdient habe. O! mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit
mir; denn vor dir ist kein Lebender gerecht, sondern vergib in deiner
Langmut und Barmherzigkeit meine Sünden, meine Vergehen und Irrtümer,
die ich mir im Laufe des Tages habe zu schulden kommen lassen. Erhöre
meine Seufzer, die ich in Demut emporsende, auf daß ich getrost mich zur
Ruhe legen, und nun zur Zeit, wo aller menschliche Beistand schlummert,
auf deinen Schutz vertrauen kann. O du, vor dem die Nacht hell ist wie
der Tag, sei du mein Beschützer in jeglicher Gefahr, das Licht meiner
Seele in der schaurigen Finsternis, bewahre mich vor den Schrecknissen
der Nacht, halte jegliche Krankheit von meinem Lager fern, und laß
deinen Geist mich beseelen, auch wenn ich schlummere, auf daß ich neue
Kraft gewinne, um die Kämpfe des Lebens zu bestehen, und gestärkt werde,
deinen Willen zu erfüllen. Erbarme dich der Menschenkinder und laß bald
die Nacht vor deinem himmlischen Lichte weichen, das Friede und Liebe
auf der ganzen Erde verbreitet; halte deine Hand über die, die unter dem
Dache meines Hauses schlafen, daß niemand sündige, niemand strauchle!
Dir empfehle ich alle meine Lieben, nahe und ferne, laß mich in Frieden
schlafen und wohl und gesund wieder erwachen, um dich zu loben und zu
preisen, daß du warst die Hilfe meines Antlitzes, mein Schild, mein
Gott.
Amen!
[Fußnote 10: Ps. 67, 2.]
Am Montag.
Morgengebet.
9. So bin ich denn wieder erwacht, ich rege mich und lebe in dir, du
Lebensspender, allgütiger Gott! Ach, mit welch drückenden Gedanken begab
ich mich zur Ruhe! Kaum hoffte und erwartete ich, von den mannigfachen
Sorgen befreit zu werden, die auf meinem Herzen lasteten und meine Seele
so unruhig machten; aber du bereitetest mir einen erquickenden Schlaf,
und mit den Schatten der Nacht, die vor dem Lichte des Morgens weichen,
war alles, was mich drückte, verschwunden. Nun fühle ich mich wie neu
geschaffen und schaue mit Vertrauen auf zu deiner unendlichen Güte, die
über mich wachet. Unschlüssig war ich und fürchtete den kommenden Tag;
aber siehe, es ist als ob du im Laufe der Nacht Entschlossenheit meiner
Seele eingegeben hättest, daß ich mit neuer Lust und freudigem Mute
heute wieder an mein Werk gehe. O, möchte doch mein Vertrauen auf dich
nie wanken, o, möchte es mich doch auch heute zu meinem Werke begleiten,
daß ich, was mir auch heute begegne, doch stets eingedenk bleibe und mit
ergebenem Sinne erkenne, daß du der Herr bist, und daß du tuest, was gut
in deinen Augen ist! Verleihe mir aber auch die Kraft, in meinem Streben
und Wirken würdig zu bleiben, das Auge zu dir erheben zu dürfen, daß ich
stets auf deine väterliche Hilfe und auf deinen Schutz vertraue, daß
kein falsches Vertrauen sich in mein Herz schleiche, und daß ich nicht
durch unermüdliches Jagen nach den vergänglichen Dingen, durch
Eigennutz, Genußsucht oder Eitelkeit das Glück und den Segen verscherze,
den du allen denen verheißen, die ihre Hoffnung auf dich setzen. So
stärke mich denn, daß ich arbeite, ohne zu ermüden, daß ich mit
dankbarem Sinn jede Freude genieße, die du mir schenktest, und ich zum
Segen wirke! Laß mich nie Ärgernis und Anstoß verursachen, sondern in
der Zeit als einen leben, der die Ewigkeit vor Augen hat! O, du ewiger
Gott, sei mir gnädig, segne und bewahre mich! Ja, ich will nicht
verzagen; denn meine Hilfe kommt von dir, der du geschaffen Himmel und
Erde.