Betrachtung über 1. B. M. 1, 6-8.
10. Allmächtiger Schöpfer, alliebender Gott! Ich danke dir, daß du mich
wieder den zweiten Wochentag hast schauen lassen den Himmel, der sich
noch über mir wölbt, wie du ihn einst am zweiten Schöpfungstage über die
Erde ausgespannt hast. So leuchtete sofort deine Herrlichkeit über dem
Staube, daß wir dadurch erinnert würden, daß die Seligkeit des Himmels
das Ziel für den Erdenkampf sei, und in der Ruhe und in dem Frieden, der
von dem sichtbaren Himmelsbogen widerstrahlt, spiegelt sich für den
Menschen der selige Friede des unsichtbaren Himmels ab. Bei aller Not
und Sorge des Lebens soll der Mensch zum Himmel empor schauen und dort
die Tröstung und Erquickung suchen, die die Erde nicht zu gewähren
vermag, und in den Versuchungen der Welt, in ihrem Kampf und Streit soll
er von deinem Himmel Kraft und Freiheit holen. Aber darf auch ich wohl
meinen Blick zum Himmel erheben?--O, nur der kann freudig empor in die
Höhe sehen, der das tut, was dir wohlgefällig ist! Hab ich dieses getan?
War ich stets eingedenk, daß ich überall in deinem Heiligtum bin, da
überall der Himmel über mir ausgebreitet ist, der deine Herrlichkeit Tag
für Tag verkündet? Habe ich mich wohl auf Geistesschwingen zum Himmel
gehoben, während mein Fuß zur Erde gestellt war--leuchtete ein Himmel
der Liebe aus meinem Auge, wenn ich mit meinen Menschenbrüdern
verkehrte? O Gott, sei mit mir heute, daß ich jede Versuchung besiege,
jede sündige Lust bezwinge, und daß jeder meiner Gedanken, jedes meiner
Worte und jede meiner Taten von der Klarheit des Himmels widerscheine,
daß mein Wandel dir wohlgefalle, und die Liebe des Himmels mich einst
verkläre bei dir, du, mein Gott, dessen Huld so erhaben ist, wie der
Himmel über der Erde, du, der du meine Sünden vergibst und mich krönest
mit Barmherzigkeit und Gnade.[11]
Amen!
Abendgebet.
11. Wie, o Gott, soll ich dir danken für alle Wohltaten, die du mir
heute erwiesen? O, nicht nur, daß du in Gnade deine Hand über mich
gehalten und mich das tägliche Brot für mich und die Meinigen hast
finden lassen--nein, sieh in reichlichem Maße hast du mir dasselbe
vergönnt, und vorzüglich danke ich dir für die besondere Tröstung und
Ermunterung, die mich heute so unerwartet erquickt hat. Ach wie
glücklich machte mich nicht der geringste Dank, den ich durch deine
Gnade erntete und die Freude, die der eine und andere meiner Mitwanderer
hier im Leben, mir, gewiß nach deiner gütigen Eingebung, bereitet hat.
Nein! ich kann mich nicht in die Arme des Schlafes werfen, ohne dich um
Vergebung zu bitten, daß ich so oft über die Bürden des Lebens und über
den Undank und die Verkennung der Welt geseufzt habe! Sah ich nicht
heute, wie hoch mein Herz sich freute und sich freuen mußte bei dem
geringsten Dank, bei dem aufmunternden Lohne, den ich zuweilen erntete,
und wie solch' selige Augenblicke gerade in Stunden der Ermüdung und
Erschlaffung eintreten! Und wenn ich noch bedenke die himmlischen
Augenblicke, in welchen es mir vergönnt war, die Hände der Schwachen,
die Knie der Wankenden zu stärken, wo ich durch deinen Beistand es
vermochte, zu trösten und zu beruhigen, durch meine Anerkennung der
Wirksamkeit anderer imstande war, sie zu erneuetem Fleiße
anzuspornen,--o, dann überströmt mein Herz von Dank und Freude; ich will
nicht mehr klagen, ich will jede Stunde recht benutzen, um so meine
Mitmenschen zu erfreuen, auf daß auch ihre Seelen Ruhe in dir finden.
Stärke mich hierzu, o mein Gott, dazu empfehle ich meinen Geist deinem
Schutze!
Amen!
[Fußnote 11: Ps. 103, 3.]
Am Dienstag.
Morgengebet.
12. Allgütiger Gott! Nimm das Morgenopfer meines Herzens als Dank
entgegen für die neuen Beweise deiner Gnade, die du mir in der
verflossenen Nacht gegeben. Ach, wie viele haben diese nicht in Unruhe
und Kummer verbracht, und von wie vieler Lager wurde nicht der Schlaf
durch Angst und Sorge verscheucht; ich aber wurde verschont, die
Meinigen hast du beschirmt! o, wie wenig habe ich doch so viele Gnade
verdient! So manchen Morgen erwachte ich nur mit neuen Wünschen und
vergaß es, wie sehr du mich bereits gesegnet, und wie vielen Dank ich
dir schulde; doch heute steht deine Güte mir vor Augen, und o, wie
glücklich macht mich dieser Gedanke! Ach, wie wenige fühlen doch das
Gute, das sie unablässig von deiner Hand empfangen, und wie innig muß
ich dir nicht danken, daß du durch deine heilige Lehre in mir die
Erkenntnis deiner Wohltaten geweckt hast! Und wenn ich ganz von deiner
göttlichen Lehre erfüllt wäre, o wie glücklich würde ich mich dann noch
fühlen, welch ein Born der Freude würde da unaufhörlich aus derselben
für mich fließen, selbst dann, wenn Kummer und Sorgen mich umgeben,
welche Seligkeit würde ich dann nicht aus jedem Gebote schöpfen, das ich
erfülle! O, du Ewiger! laß diesen Tag mich dem großen Ziele näher
bringen, dem ich nachstreben soll! Sei mit mir in all meinen
Bestrebungen, hilf mir in meiner Schwäche, erleuchte mich in meiner
Unwissenheit, umgürte mich mit der Kraft des Willens, laß meine Seele
alles in Klarheit schauen, mein Herz alles Edle und Heilige mit Wärme
umfassen! Rüste mich aus mit Standhaftigkeit und lege an diesem Tage
reichen Segen in meine Arbeit. Bewahre du, Ewiger, meinen Ausgang und
meinen Eingang, o, entziehe mir nicht deine Barmherzigkeit, sondern laß
deine Gnade und Treue mich stets beschirmen!
Amen!
Betrachtung über 1. B. M. 1, 9-13.
13. Wie könnte ich wohl am dritten Tage der Woche mein Auge der
Herrlichkeit des Tages öffnen, ohne dir für deine unendliche Güte zu
danken, mit welcher du die Erde erfüllt hast und sie mit jedem Morgen
aufs neue erfüllst? An diesem Tage, so ließest du uns in der
Schöpfungsgeschichte verkünden, riefst du Gras, Kräuter und Bäume
hervor, die Frucht und Samen tragen, jegliches nach seiner Art. So hast
du, allgütiger Gott, für jedes lebende Geschöpf seinen Bedarf bereitet,
bevor es noch ins Dasein gerufen war, so hast du auch an mich gedacht,
bevor ich noch das Tageslicht schaute, hast liebevolle Wesen bestellt,
die für mich sorgten, die mich kleideten und ernährten, mich erzogen und
leiteten, und die Erde, sie ist voll deiner Gaben. O, wie könnte ich da
verzagen und bekümmert fragen: woher soll ich Brot für meinen
Lebensunterhalt nehmen? O, getrost bete ich zu dir: Gib mir und den
Meinigen unser tägliches Brot, daß wir nie der Gabe eines Menschen
bedürfen, erhalte uns in Genügsamkeit, daß wir in bescheidenem und
prunklosem Wandel uns glücklich fühlen, jeglicher in seinem Berufe und
jeglicher in seinem Stande. Wache über die Bedürftigen und Notleidenden
und gewähre mir die Seligkeit, ihnen wie ein herrlicher Baum zu sein,
der Schutz und Erquickung über sie ausbreitet, ja, laß mich wie ein Baum
sein, der an den Wasserbächen deines göttlichen Wortes gepflanzt, reiche
Früchte trägt, und dessen Blätter nie welken. Laß, o Herr, mein Streben
und Wirken dir wohlgefällig sein und auch meinen Mitmenschen. Möchte
mein Sinn von dem Licht aus der Höhe erfüllt werden, und meine Rede wie
stärkende, erquickende Nahrung jedem sein, der darauf hört.--O, du, der
du nie den Gerechten verläßt und es ihm nie an Brot mangeln läßt, erhöre
mich und laß mich heute stark im Guten sein, errette mich von jeglicher
Sünde, auf daß du auch über mein Werk heute wie bei der Schöpfung sagen
könntest: »es war gut«,[12] gut für das zeitliche und gut für das ewige
Leben.
Amen!
[Fußnote 12: Buch Moses 1, 12]
Abendgebet.
14. Der Tag ist dahin gegangen, o, so schnell, so sehr schnell bei
Arbeit und Freude und unter deinem beschirmenden Segen, allbarmherziger
Gott und Vater! Und nun, da mein Tagewerk zu Ende ist, so kommt mir so
vieles in den Sinn, was ich vornehmen wollte, aber zu tun vergessen,
vieles, mit dem ich mich beschäftigt habe, aber nicht auf die rechte
Weise, so manches Wort, das ich gesprochen, das ich entweder lieber gar
nicht ausgesprochen haben möchte, oder doch nicht so, wie ich es getan,
mancher Mensch, dem ich begegnet, aber ohne darauf zu achten, wie
nützlich er für mich und ich für ihn hätte sein können. Ach ich muß
gestehen, wenn ich auch nur an eitlen Gewinn und eitle Lust denken
wollte:--könnte ich meinen Tag aufs neue beginnen, so würde ich meine
Zeit anders einteilen, so würde ich ganz anders mich verhalten; vieles,
was geschehen, würde ich ungetan lassen, vieles, was unterlassen ist,
würde ich zur Ausführung bringen--und wie viel mehr erst, wenn ich an
das Werk meines Seelenheils denke. O, muß ich nicht fürchten, daß es
einst, wenn mein ganzer Lebenstag dahingeschwunden ist, für mich so sein
wird, wie in dieser Stunde, muß ich nicht, weil es noch Zeit ist,
bestrebt sein, daß mein Lebenstag nicht vergeudet werde? Darum nähere
ich mich dir, mein Gott, mit dem Gebete:»tue mir kund den Weg, den ich
gehen soll, lehre mich nach deinem Willen handeln, dein gütiger Geist
führe mich Tag und Nacht auf die rechte Bahn!«[13] Laß mich auch in
dieser Nacht deine Güte erfahren, bewache, erquicke und segne sowohl
mich, als alle die Meinigen, und laß die Ruhe der Nacht aufs neue mir
Kraft schenken, um gegen alles zu kämpfen, was im Streite ist mit der
hohen Bestimmung meines Daseins, mit dem Werk, das ich zu vollführen
habe.»Herr! dein will ich gedenken, wenn ich auf meinem Lager liege,
über dich sinne ich in den Nachtwachen, meine Seele hängt an dir, deine
Rechte unterstützt mich.« Amen!
[Fußnote 13: Ps. 143, 8. 9.]
Am Mittwoch.
Morgengebet.
15.»Wenn ich auf meinem Lager bin, so denke ich an dich, o Gott, und
wenn ich erwache, spreche ich von dir, denn du bist mir eine Hilfe, und
im Schatten deiner Flügel fühle ich mich so sicher«,[14] früh suche ich
darum dich, und meine Seele dürstet nach dir, mein Gott. Ach, möchte
doch meine Seele dir anhängen, und möchte deine Rechte mich unterstützen
den ganzen Tag und mich leiten und aufrecht halten, wo ich auch wandre,
und mit wem ich auch verkehre. Ich möchte so gern mit Milde und Sanftmut
unter meinen Brüdern wandern, aber feindlich Gesinnte, Haßerfüllte,
Lieblose, denen ich begegne, könnten so leicht meinen Zorn aufflammen
lassen; ich möchte so gerne einen innigen, festen Glauben an den Tag
legen, aber Leichtsinnige und Gleichgültige könnten meinen Eifer kühlen,
und Scheinheilige all meinem frommen Streben in den Weg treten; es wird
so schwer, die heilige Flamme auf dem Altar des Herzens vom Morgen bis
zum Abend rein und jedes fremde Feuer fern zu halten; es wird so schwer,
einen schuldfreien und heitern Sinn zu bewahren; die Freuden, die deine
Güte uns bereitet, so zu genießen, daß keine sündhafte Neigung oder Lust
in die Seele dringe, und daß diejenigen, welche auf uns sehen, nicht in
ihrem Urteile über uns irre geleitet werden; es ist so schwer,
Freundlichkeit und Ernst, Nachsicht und Duldung mit unerschütterlicher
Festigkeit im Glauben zu vereinen. Wie leicht artet nicht ein
freundlicher, nachgiebiger Sinn zu einer eitlen Lust aus, den Menschen
zu gefallen! Wenn ich den Beifall der Welt ernte, so macht es mich so
hochmütig und stolz, und weniger vermag ich ihre Kälte, ihren Spott oder
ihre Geringschätzung zu ertragen, sie erbittert meinen Geist und lähmt
meine Kraft, und doch soll ich im Kampfe nicht schwanken und nicht
verzagen. Sieh! darum bitte ich: Herr, lehre mich deine Wege erkennen
und leite mich auf die rechten Pfade, nicht nur meiner selbst wegen,
sondern auch derentwegen, die auf mich schauen, und mit denen ich heute
verkehre, ja meiner Freunde und Verwandten und meiner Hausgenossen
wegen. Möchte ich in der Freude sowohl als im Schmerze, den du in deiner
Weisheit mir zusendest, mich als echter Israelit bewähren, der dein
göttliches Gebot in seinem Herzen trägt, daß all mein Wirken auf Erden
ein himmlisches Gepräge an sich trage und Zeugnis gebe von meinem
Streben, an deinem Reiche zu bauen. Laß einen freundlichen himmlischen
Strahl sowohl meine Lust als meine Arbeit beleuchten, laß den Tau des
Himmels auch bei der Mühe und Hitze des Tages mich erquicken, in dem
Kampfe des Lebens mich stärken und zu jeglicher Zeit mein Herz erfreuen!
O, so verlaß mich nicht, mein Gott, sondern segne mich und die Meinen
heute, laß mich nicht verzagen, wenn du mich väterlich züchtigest;
sondern lege in meine Seele das rechte kindliche Vertrauen zu dir, und
gib, daß mein Wandel der Lobgesang wird, womit ich unablässig dich
preise.
Amen!
[Fußnote 14: Ps. 63, 7. 8.]
Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 14-19.
16. Herr, allweiser, allgütiger Schöpfer! Ich danke dir, daß du mich
diesen vierten Tag der Woche hast erleben lassen, den Tag, der aus der
Schöpfungszeit Zeugnis gibt von deiner unendlichen Weisheit und Macht,
mit welcher du die Gestirne auf ihren Bahnen leitest, die Sonne, den
Mond und die zahllosen leuchtenden Welten, daß sie mit himmlischem
Glanze für uns leuchten, die Erde erwärmen und befruchten und in den
dunklen Nächten Wege auf dem öden Meere zeigen, ja daß sie uns dienen,
um unsere Wanderungstage zu zählen und unsere festlichen Zeiten zu
bestimmen. Sieh, du hast ihnen Ziel und Grenze gesetzt, daß sie nicht
von ihren Bahnen weichen, sondern jeder Himmelskörper seinem
vorgeschriebenen Gesetz folgt und nicht hinein schreitet in den Kreis
eines andern; wenn er verschwunden zu sein scheint, so leuchtet er in
einer anderen Welt oder beginnt aufs neue seinen Lauf, um deine
Herrlichkeit an dem unermeßlichen Himmelsgewölbe zu verkünden. O, mein
Gott!»wenn ich anschaue den Himmel, deiner Hände Werk, den Mond und die
Sterne, die du geschaffen,--was ist ein Sterblicher, daß du sein
gedenkst und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«[15] Und doch bin
ja auch ich von dir bestimmt, ein Glied in der Kette des All zu sein,
und auch meiner Bahn hast du Gesetz angeordnet, dem ich folgen soll, und
das ich nicht überschreiten darf. Ach, wie oft habe ich gerade den Weg
verlassen, der mir vorgezeichnet ward, wie oft unternahm ich nicht
gerade das, wozu ich nicht berufen war, und durchkreuzte da die Bahn
eines andern und richtete da Verwirrung an, wo ich über Gottes Ordnung
und Gesetz wachen sollte! O! ich will darum zum Himmel empor schauen und
zu seinem strahlenden Heere, daß ich von ihnen lerne, für meine Brüder
zu leuchten, und sie mit der vollen Liebe meines Herzens zu erwärmen;
daß ich vom Monde lerne, Erquickung, Trost und Friede in trübe und
angstvolle Seelen zu bringen, von der Sonne, die für alle, auch für die
Ungerechten aufgeht, lerne auch Sündern Mitleid zu zeigen und sie auf
den rechten Weg zurückzubringen! Aber, o mein Gott! was vermag ich ohne
deinen Beistand? Darum bitte ich dich: stärke mich in meinem Vorsatz,
hilf mir, männlich gegen alle Versuchungen zu kämpfen, stehe mir bei,
daß ich unermüdlich in der Erfüllung meines Berufes sei! Dein Geist und
Wort zerstreue, der Sonne gleich, jede Wolke, die meine Umgebung
verdunkeln will! Ja, all mein Tun und Wirken sei so, daß ich hoffen
darf, einst, wenn ich meinen Lauf hienieden vollendet, einzugehen in das
wahre himmlische Licht bei dir in der Ewigkeit.
Amen!
[Fußnote 15: Ps. 8, 4. 5.]
Abendgebet.
17. Allbarmherziger Vater! Auch diesen Tag habe ich unter deinem Schutz
und Segen glücklich zu Ende gebracht und deiner Obhut meine Seele und
meinen Leib anempfohlen; ja, in meinem Nachtgebet habe ich, wie es dem
Israeliten geziemt, bevor ich mich zur Ruhe begab, mich zu dir zu
erheben gesucht. Aber ach, je mehr ich mich selbst durchforschte, desto
mehr werde ich innerlich betrübt, indem ich mich des Gedankens nicht
erwehren kann, meine Aufgabe nicht erfüllt zu haben; denn ich habe das
heilige Bekenntnis des Israeliten abgelegt:»daß du der einzige, ewige
Gott bist«; aber habe ich auch heute dies in der Tat und in der Wahrheit
bewiesen, daß es das Bedürfnis meines Herzens war, dir für alles zu
danken, was mich erquickt, und deinen Namen zu preisen, und dich als den
Einzigen, Alliebenden anzubeten, bei allem, was mir widerfahren? Und
ich habe die Grundlage für die heiligsten Verpflichtungen meines Lebens
ausgesprochen, »daß ich dich lieben soll mit ganzer Seele, mit ganzem
Herzen, mit all meinem Vermögen«, aber wie oft hat nicht die Liebe zur
Welt mich dich vergessen lassen, und wie wenig war ich bereit, aus Liebe
zu dir alles zu opfern? Ja, in unerschütterlicher Liebe zu dir soll ich
meinen Nächsten lieben; aber wie schwach glühte doch eine solche
Liebesflamme in meinem Innern! Selbst wenn ich mich liebevoll gegen
meine Mitmenschen zeigte, war es doch zuweilen eine Scheinliebe und
nicht die heilige Flamme, die unaufhörlich auf dem Altar des Herzens
brennen soll. Durch mein Wort und mein Beispiel soll ich den Meinigen
(meinen Kindern, meinem Hausgesinde, meinen Freunden und meinen
Angehörigen) dein Wort einschärfen, aber bald wurde ich durch Eitelkeit
und Hochmut irre geleitet, bald verschloß Geiz, Zorn oder Neid das Herz
und die Hand; denn das Feuer der Leidenschaft brennt in meiner Brust und
betört meinen Geist. Und wenn ich sehe, wie wenig noch die Welt dich,
den Einzigen, kennt und anbetet, und wie wenig Liebe zu dir in der
Menschen Brust lebt, wie wenig sie sich in gegenseitiger Liebe äußert,
ach, da muß ich fast verzagen; ich gedenke meiner Sünden und der Schlaf
weicht von meinem Lager. Woher, o Gott, soll ich Kraft nehmen, um im
Kampfe zu bestehen? Und doch--mein Nachtgebet hat mich ja belehrt, daß
ein zerknirschtes Herz dir wohlgefällig ist, hat mich auch belehrt, auf
wen ich meine Hoffnung setzen soll: Herr, auf dich allein!»Du stehst zu
meiner Rechten: Wer wie du![16] so barmherzig, du bist meine Stärke[17]
du bist mein Licht[18] und du bist mein Arzt[19] sowohl für Leib als
Geist; deine Herrlichkeit umschwebt mich. Zuversichtlich spreche ich
darum:»auf deine Hilfe hoffe ich, ja, ich warte in Geduld auf deine
Hilfe und beuge mich in Demut vor dir, o Herr[20], der du über mich
wachen und mich wecken wirst,
Amen!
[Fußnote 16: Michael]
[Fußnote 17: Gavriel]
[Fußnote 18: Uriel]
Am Donnerstag.
Morgengebet.
18. Herr, mein Gott und Vater!»Du erneuerst jeden Morgen deine Güte
gegen mich, und deine Barmherzigkeit ist unendlich.« Darum erhebe ich in
der frühen Morgenstunde dankend meine Stimme zu dir, indem ich fühle und
erkenne, daß deine wachende Vorsehung in den Stunden der Finsternis
meinen Geist bewacht und mich aus dem Schlummer der Nacht zu neuem Leben
geweckt hat. O! möchte doch auch mein besseres Wesen mit jedem Morgen
sich erneuern, und möchte ich bei meinem Tagewerk nie verzagen, sondern
es vollenden, ohne zu ermatten; möchte ich doch jeden Tag mit neuer Lust
auf dein göttliches Wort lauschen und aus deiner heiligen Lehre
Seligkeit schöpfen; möchten doch alle guten Kräfte, die du in mich
gelegt, jeden Morgen sich erneuern, so daß ich nie müde werde, meinem
Bruder zu helfen, ihn zu erquicken, zu trösten und zu unterstützen, nie
müde werde, Sanftmut und Geduld gegen meine Freunde zu zeigen, und nie
aufhöre, Gutes denen zu erweisen, die mich hassen, und diejenigen zu
segnen, die mir fluchen; möchte doch ein liebevoller Geist jeden Tag in
mir erneuert werden, daß ich demütig und liebevoll gegen die Armen, mild
und nachsichtig gegen meine Diener mich zeige; ja, laß mich auch heute
aufs neue Kraft gewinnen, um gegen die Sünde, meinen ärgsten Feind, zu
kämpfen! Möge sich stets auch mein kindliches Vertrauen erneuern, mit
dem ich meinen Weg deiner väterlichen Fürsorge empfehle! O, erhöre mich
denn, Allgütiger! wenn ich dich bitte, mir die Ausführung dieses meines
heiligen Vorsatzes zu erleichtern. Laß keine drückende Sorge mir die
Freudigkeit in meinem täglichen Berufe rauben; stärke meinen Körper, daß
meine Seele sich frei zu dir erheben kann;»entbiete mir deine Engel,
mich zu behüten auf meinen Wegen, daß mein Fuß nicht strauchle;« laß in
jeder zeitlichen Freude sich für meine Seele die ewige, selige Wonne
abspiegeln und laß mich froh sein mit den Frohen! Segne, o Gott, Volk
und Land, segne alle, die mir lieb und teuer sind! Leite mich nach
deinem Rat, und nimm mich einst auf zur ewigen Seligkeit.
Amen!
[Fußnote 19: Rephael]
[Fußnote 20: lyshu'atcha (Auf deine Hilfe u. s. w.)]
Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 20-23.
19. Mein Gott und Vater! Nimm mit Wohlgefallen meinen kindlichen Dank
dafür entgegen, daß ich diese Nacht sicher unter deinem Schutz geruht
habe und mich wieder umgeben sehe von deinen Wohltaten, von den
unzähligen Geschöpfen, die du ins Leben gerufen, deren Anblick Ruhe in
die geängstigte Seele mir senkt und mein Herz mit Bewunderung erfüllt.
Heute ist ja der Tag, an dem in der Schöpfungszeit das Weltmeer mit
einem unzähligen Gewimmel kleiner und großer Tiere sich füllte und die
Luft mit dem zahllosen Geflügel, das unter der Wölbung des Himmels
fliegt.»Alle erwarten ihre Nahrung von dir, und du sättigst sie mit
allem Guten.«[21] O, wie kann ich da noch fürchten, daß du mich
vergebens um deine guten Gaben vom Himmel beten lassen solltest, wenn
ich nur treu arbeite, um sie zu gewinnen! Sieh', wie zahllos und wie
mannigfaltig sind nicht die lebendigen Geschöpfe des Himmels und des
Meeres, und doch bilden sie alle einen großen Einklang, um deine
Herrlichkeit zu verkünden; ist nicht das geringste bunte Würmchen eben
so wundervoll wie das starke Tier im Walde, und preisen nicht die
Millionen Geschöpfe im Wassertropfen eben so sehr deine Allmacht und
Wahrheit wie der Wallfisch im Meere? O, sollte ich da verstummen und
nicht beständig meinen Lobgesang darbringen, sollte ich nicht durch mein
Leben, durch mein Tun deine Herrlichkeit verkünden? Ach Herr! segne du
mich, daß meine Gedanken geläutert werden, und meine Taten dir gefallen.
Sieh, der Fisch schwimmt so lebensfroh im Meere, aber, wenn im nächsten
Augenblick ein Fischer ihn heraufzieht, da erlischt das Leben, so weiß
auch ich, daß der Fischer stets sein Netz und seine Angel nach den
Menschenkindern auswirft, um sie von dir, der Quelle alles Lebens, fort
und hin in den Tod zu führen; ach möchte ich doch der Lockspeise der
Welt Widerstand entgegenzusetzen stark genug sein und mich von den
lebenden Wassern nähren, die aus deiner himmlischen Lehre strömen! Laß
mich deiner Liebe eingedenk sein, die meine Väter auf »Adlerfittigen«,
getragen, und wenn die Sorge meinen Sinn umwölkt, wenn Leiden mich
treffen und Feindschaft mich verfolgt, oder wenn Verführungen mich
umringen, o, laß mich da auf die Vögel des Himmels sehen, die ihre Zeit
kennen, und laß mich von ihnen lernen, daß der Tag kommen wird, wo ich
dorthin zurückwandern werde, wo eine wärmere Sonne scheint, und Freude,
Wonne und Herrlichkeit weilt bei dir in aller Ewigkeit.
Amen!
[Fußnote 21: Ps. 145, 15.]
Abendgebet.
20. Durch deinen Beistand, allgütiger Gott, habe ich wiederum meinen Tag
zu Ende gebracht, und wie deine Güte mich heute vor jedem Unglück
bewahrt hat, so wirst du mir auch Erquickung in meiner nächtlichen Ruhe
verleihen. Im Schlaf will ich alle Mühe und Beschwerden, jeden Kummer
und jeden Schmerz vergessen. So wird deine ewige Liebe nicht müde, mir
Gutes zu erweisen, und doch erkenne ich dies so wenig. Ja, muß ich nicht
in dieser Stunde deiner Güte danken, daß, während du die Stille der
Nacht um mich her verbreitest und meinem müden Körper Ruhe schenkst, du
auch alles Toben der Leidenschaft und der Angst und Sorge in meiner
Brust verstummen läßt und meiner Seele Ruhe gibst? O »so wehet dein
schützendes Panier in Liebe über meinem Haupte«,[22] und nur im
Vertrauen auf diese Liebe wage ich es, dich zu bitten, mir Ruhe und
Erholung in dieser Nacht zu schenken. Denn sollte ich Rechenschaft über
das Werk des verschwundenen Tages ablegen, o, dann müßte ich ausrufen:
»Herr! gehe nicht ins Gericht mit mir!«--Ach, die Stille auf Erden sagt
mir:»Du wachest in deiner Wohnung!« Je weniger das Irdische meinen Geist
zerstreut und meine Gedanken verwirret, desto tiefer fühle ich meinen
Abstand von dir, doch ich weiß, du gedenkst, daß ich Staub bin und
erbarmst dich über mich wie ein liebender Vater, ich weiß, daß du gern
den Seufzer deines reuigen Kindes hörst und das erfüllst, was es
begehret. O, so verlaß mich nicht, du Israels Hüter, in dieser Nacht.
Breite aus das Banner deiner Liebe über mich (meine Gattin, meine
Kinder, meine Eltern u. s. w.); bewahre unsere Stadt vor allen
Schrecken, und erquicke mich mit einem ruhigen Schlafe, daß ich morgen
mit erfrischter Kraft erwache zu deiner Ehre. Nimm auch deinen Geist
nicht von mir, und laß mich noch lange Zeugnis ablegen, daß »deine Gnade,
o Herr, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt denen, die dich fürchten, und
deine Huld ihren Kindeskindern«.
Amen!
[Fußnote 22: Hohelied 2, 4.]
Am Freitag.
Morgengebet.
21.»Preise meine Seele den Herrn und vergiß nicht alle seine
Wohltaten!« so will ich heute, am letzten Arbeitstage der Woche, den Dank
meines Herzens vor dir, Alliebender, aussprechen. Denn du hast mich
diese Morgenstunde schauen lassen, und die ganze Woche hindurch habe
ichs erfahren, daß»du mir am Tage deine Güte entbietest und deine Liebe
über mich des Nachts wacht«; ja! ein Tag bezeugt es dem andern, und die
Nacht verkündet es der Nacht.--Jede Tat, die mir gelungen, jedes Wort,
das mich erfreut, jede Kraft zur Arbeit, die ich in mir gefühlt, und
jeder Lohn, den ich empfangen, war ein unverdienter Segen aus deiner
Hand, und selbst dann, wenn meine Seele in Sorge, Mißmut und in
Bekümmernis eingehüllt war, wenn ich seufzte über andere und über mich
selbst klagte, über Mangel an Kraft in der Stunde der Sorge, die du über
mich verhängt, oder die ich mit meinem trauernden Bruder trug, selbst
dann warst du, o Gott! mir ja nahe mit deinem Trost, und ich fühlte
deinen Geist, wie er bei mir weilte, und die Nacht mit all ihrer
Dunkelheit schien dem hellen Tage gleich für meine Seele, die von deiner
unendlichen Liebe berührt wurde. O Ewiger! wie soll ich dir für alles
dieses danken, nun da die Woche bald zu Ende ist? Muß nicht das
Bewußtsein, daß ich nicht in deinen Augen gewesen, was ich sein sollte,
schwer auf meinem Herzen lasten? Ja, so schnell schwand die Woche
hin, »eine kurze Spanne Zeit sind meine Tage vor dir, und mein Leben ist
wie nichts«, so schnell schwand die Woche hin, daß ich meine
Vergänglichkeit fühlen und die Pilgerzeit auf Erden, die du mir
zugemessen, benutzen muß. Ja, Herr, ich setze meine Hoffnung auf dich;
befreie mich von all meinen Sünden, leite du mich, daß ich am letzten
Arbeitstage der Woche zu deinem Wohlgefallen lebe, daß ich heute demütig
ergeben und dankbar gegen dich sei, liebevoll und versöhnlich gegen
meinen Nächsten mich zeige und mich als treuer und fleißiger Arbeiter in
deinem Dienst bewähre, wie es dem ziemet, der nach deinem Namen genannt
ist. (5. B. M. 28, 10.) Ja, möchte ich mit Recht noch Jude genannt
werden, daß das Zepter nicht aus meiner Hand weiche, ich vielmehr
Herrschaft über alle bösen Mächte gewinne, die um mich her ihr Lager
aufschlagen, so daß die Gleichgültigkeit der Welt mich nicht schlaff und
lässig in deinem Dienst mache, und ihr Widerstand oder ihr Spott mich
nicht in meinem Glauben erschüttern; o, laß mich die Woche damit
schließen, daß ich den Kampf gegen den Verführer in meiner eigenen Brust
bestehe, daß der Name Israelit, Kämpfer für das Göttliche, mir mit Recht
gegeben sei, und mir seliger Lohn werde, wenn ich vom Kampfplatz der
Erde zu ewiger Sabbatruhe im Himmel abgerufen werde.
Amen!
Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 24-31.
22. Dir, ewiger Quell des Lebens, dir danke ich am letzten Arbeitstage
dieser Woche, daß du mich so wunderbar erschaffen, und daß du mich bis
zu dieser Stunde so treu und sicher bewahrt hast! Dieser Tag war es ja,
an dem du in der Schöpfungszeit alle lebenden Tiere auf der Erde
geschaffen und zuletzt den Menschen, daß er herrsche über die Fische des
Meeres und die Vögel des Himmels und alles, was da lebt und sich regt
auf Erden. Ja, du hast den Menschen verherrlicht, indem du kund getan,
daß er nach deinem Bild und dir ähnlich geschaffen ist;»nur um ein
Geringes hast du ihn den Engeln nachgesetzt, und mit Ehre und Würde hast
du ihn gekrönt.«[23] Von dir erhielt ich die Kraft des Geistes, mich
über die Vergänglichkeit zu erheben und die Macht, mir die Erde
untertänig zu machen, sie zu verschönen und zu verherrlichen, aber auch
Macht, um die irdischen Begierden und die wilden Lüste des Fleisches in
mir zu bezwingen. O, mein Gott, ich kann Herrscher sein über den rauhen,
widerstrebenden Erdboden, über die wildesten Tiere, die in der Wüste
rasen, über die zügellosen, lieblosen Naturen in der Menschenwelt und
über die unbändigen Leidenschaften, die hier in meiner eigenen Brust
sich regen! Ja, ich bin in deinem Bilde geschaffen, ich kann denken,
glauben und beten und im Geiste mich zu dir emporschwingen; ich kann die
Macht der Begierden brechen, mit Liebe jeden widerstrebenden Geist
besiegen, mit Selbstverleugnung und Versöhnlichkeit jede lieblose
Gesinnung bezwingen, und mit Gedanken der Ewigkeit, die in meine
Seele--dein Ebenbild--niedergelegt sind, kann ich Ruhe und Frieden in
angstvollen Stunden und unter schweren Schicksalen gewinnen.--Aber, o
mein Gott! je höher du mich erhöhet hast, desto tiefer werde ich
gedemütigt, und sehe beschämt auf alles, was ich in der verflossenen
Woche getan und gedacht habe. Nicht war ich in meinem Denken, Sprechen
und Streben so wie es dem geziemt, der in deinem Bilde geschaffen; ich
habe es ausgelöscht, so daß es kaum noch kenntlich, daß kaum noch in mir
wahrzunehmen ist, daß ich das Meisterwerk deiner Schöpfung bin. O, möge
dieser Gedanke neue Kraft meinem Geiste verleihen, und sei du selbst mit
mir, daß ich als Ebenbild des ewigen Vaters aller Geister nicht meinen
Sinn auf eitles Streben richte, nicht an den leeren Freuden der Erde
hänge und nicht von zeitlichen Bekümmernissen geängstigt werde! Möchte
ich mit echter Liebe die heiligen Bande, die mich mit meiner Familie
(meinem Gatten, meiner Gattin, meinen Freunden usw.) vereinen, noch
fester knüpfen, daß ich sanftmütig und geduldig unter meinen Mitmenschen
wandere. Laß mich eingedenk sein, daß das Leben, wie der heutige Tag,
nur eine Vorbereitung zur Sabbatruhe, jener seligen Ruhezeit bei dir,
ist, und daß daher von mir unermüdliche, beständige Arbeit und
Wachsamkeit gefordert wird. Und wenn ich zweifeln sollte, weil ich nicht
die Frucht des Fleißes und den Segen der frommen Tat schaue, o, dann laß
mich erkennen, daß der Lohn erst nach vollendeter Arbeit genossen werden
soll, wenn der Sabbat sich einstellt. O du, der du mich geschaffen hast
zu deiner Verherrlichung, hilf du mir auch, daß ich dir aufrichtig diene
und mein Lebenswerk vollende, und daß ich vorwärts schreite von Kraft zu
Kraft, bis ich einst gewürdigt werde, zu schauen dein Antlitz in der
Ewigkeit.
Amen!
[Fußnote 23: Ps. 8, 6.]
Abendgebet.
23. Alliebender Vater! Schau wieder auf dein Kind, das seinen Dank
stammeln will, daß du es diesen heiligen Abend hast erleben und diesen
herrlichen Tag hast sehen lassen, der das Ziel der sechs Schöpfungstage
war, daß dein vollendetes Werk von uns geschaut, und deine Allmacht von
dem Wesen angebetet werden sollte, das du in deinem Ebenbild geschaffen.
Und so der Mensch im Laufe der Woche dieses dein Bild entheiligt hat,
suche er an diesem Tage es wieder zu heiligen und Seelenfrieden und Ruhe
nach der Anstrengung der Tage zu finden, und hebe seinen Blick vom
Staube empor zu dir! O, mein Gott! Wie soll ich alle deine Güte preisen
und von deiner Gnade sprechen, die über mir gewaltet hat? Wer bin ich,
und was ist mein Haus, daß du mich der Sabbatfeier teilhaftig werden
läßt, die du zur Heiligung des Menschen eingesetzt hast! O, möchte ich
doch mit dem rechten Geist erfüllt werden, den heiligen Tag nach deinem
Willen zu feiern. Schenke mir und den Meinigen volle Erquickung diese
Nacht, daß wir sicher ruhen, und daß unsre Seele gestärkt werde, die
himmlische Wonne zu genießen, die aus dem beseligenden Quell des Sabbats
strömt, daß unsre Seele Ruhe und Frieden finde in dir, o Gott und
Erlöser.
Amen!
Am Sonnabend.
Am Sabbat-Morgen.
24. Jeden Morgen fühlte ich den Drang, mich dir, Allgütiger, zu nähern,
mit jedem neu erscheinenden Tage habe ich dir mein Dankopfer
dargebracht;--und je mehr ich dadurch zu einem Leben in dir und mit dir
geheiligt worden, je mehr ich dadurch gelernt, mitten unter den
täglichen Arbeiten mich festlich gestimmt zu fühlen, desto mehr wird
mein Inneres auch in dieser heiligen Morgenstunde zu dir emporgehoben.
Ja, wenn ich alle Tage der Woche den Dank meines Herzens ausgesprochen
für die zeitlichen Güter, die du mir schenktest, um wie viel mehr muß
ich diesen an diesem Tag verkünden, den du zum Heil und zur Heiligung
unseres Geistes bestimmt und zur Erinnerung deines Namens eingesetzt
hast, und den du dadurch geheiligt, daß du ihn ein Bundeszeichen
nanntest zwischen dir, dem Unendlichen, und Israel, deinem treuen
Diener. An diesem Tage kann und soll ich jegliches Erdenjoch von mir
werfen, von jeder drückenden Last dieser Welt mich befreien und über
jeglichen Kummer und Schmerz des Lebens mich erheben; an diesem Tag soll
alles in mir von höherer Freude erfüllt sein, und alles um mich her
himmlische Wonne atmen, ja in Wahrheit ein seliger Tag! Dazu hast du uns
ja deine heilige Lehre (Thora) gegeben, daß wir darin an diesem Tage
lesen und forschen, damit wir in Gotteserkenntnis wachsen und in allen
guten Gesinnungen gestärkt werden, damit wir das Leben in dir erneuern
und in deiner Wahrheit beharren. O, so verleihe mir deine Gnade und
bewahre mich vor vorsätzlicher und unvorsätzlicher Entweihung dieses
Tages, laß deinen Geist auf mir ruhen, auf daß ich all die Herrlichkeit
deiner göttlichen Lehre schaue und begreife, und stärke mich, daß ich
den Sabbat auf die rechte Weise feiere und auch im Herzen meines Bruders
rechten Sabbatsinn erwecke!--Ich will in meinem eignen Hause unter
meinen Hausgenossen zeigen, daß ich das himmlische Kleinod zu schätzen
weiß, welches ich im Sabbat besitze, auf daß sie sehen, wie glücklich
und froh es mich macht. Und diesen Sinn will ich in der andächtigen
Versammlung der Gemeinde zu stärken suchen, wo dein Name für die
Herrlichkeit dieses Tages gepriesen wird. O Ewiger, laß diesen Tag um
mich her Frieden und Freude ausbreiten; laß ihn jeglichem Kranken
Erquickung und allen Betrübten Trost bringen, laß ihn die Irrenden auf
den Pfad der Seligkeit führen, und laß ihn mich in einen immer innigeren
Verkehr mit dir bringen und mir Seelenruhe und himmlischen Frieden
schenken, der dem gleicht, welchen diejenigen jenseits genießen, die
nach einem frommen Wandel hienieden von dir in die Wohnung der Seligen
gerufen werden.
Amen!
Beim Ausheben der Thora am Sabbat.
25. Dein, o Herr, ist alle Größe; was unser Auge und unser Gedanke
durchmessen kann, ist nichts vor dir. Dein, o Herr, ist alle Macht; alle
Wesen und alle Welten sind von deinem Willen abhängig, dir dienen alle
Kräfte der Natur und gehorchen deinem Winke. Dein, o Herr, ist alle
Herrlichkeit; der Himmel und die Erde und alles, was sie schmücket, ist
dein Werk. Dein, o Herr, ist alle Majestät, die sich offenbaret in den
Wolken droben, auf der Feste der Erde und in den Fluten des Meeres. Du
bist König, dein ist die Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Erhebet
den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch zum Staube vor ihm; denn er ist
heilig. Erhebet den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch vor dem Berge
seiner Herrlichkeit; denn heilig ist der Ewige, unser Gott.
O Vater der Barmherzigkeit! Erbarme dich des Volkes deiner Treuen,
gedenke deines Bundes mit den festen Säulen der Glaubenstreue. Hüte
unsere Seele vor bösen Stunden; laß an uns nicht herannahen böse
Begierde und Versuchung, sei immerdar unser Retter aus Gefahren und
erfülle die Wünsche unseres Herzens, so sie dir angenehm sind.
Amen!