5. Mein Gott! der Tag ist dahin; ich suche Erholung nach der Arbeit
desselben, und bevor ich mich den Armen des Schlafes übergebe, führt mir
die Stille der Nacht noch einmal alles vor die Seele, was ich heute
gesehen und erlebt, alles, was ich heute getan und vollbracht habe. Ach!
wie könnt' ich dir für die vielen Wohltaten genugsam danken, die du
heute wiederum mir und allen denen, die mir lieb und teuer sind,
erwiesen hast. Du hast nicht nur über meine Schritte gewacht, vor
Gefahren mich beschirmt, zu meinem Werke mich gestärkt, und mit allem
mich gesegnet, dessen ich bedarf, sondern du hast auch mit so mancher
Gabe mich erfreut, mit so mancher Freude mich erquickt; aber auch selbst
durch das, was mir für einen Augenblick Kummer und Schmerz verursachte,
hast du mich zu dir hingezogen und mich innerlich glückselig gemacht. O!
wie demütiget es mich, wenn ich alles dessen gedenke und dann vor meiner
Seele alles das vorüberziehen lasse, was ich heute gedacht und getan.
Wie oft habe ich nicht dein vergessen, wie oft wurde ich nicht von
sündiger Lust erfüllt, für die meine Seele keinen Raum gehabt, wenn der
Gedanke, daß du allgegenwärtig seiest, und daß du mein Inneres
erforschest, mich ganz erfüllt hätte; ach, und wie wenig geben die
Werke, die ich vollführt, wohl Zeugnis davon, daß ich von Liebe zu dir
beseelt bin, die mich eifrig und treu in meinem Berufe, unverdrossen
und liebevoll gegen meinen Nächsten hätte machen sollen. O, reuevoll
schaue ich auf den verflossenen Tag zurück, und mit aufrichtiger Buße
flehe ich um deine väterliche Vergebung. Ich will daher selbst, ehe mein
Auge sich zum Schlafe schließt, allen denen vergeben, die mir zuwider
gehandelt, und mich zu kränken und zu verletzen gesucht haben. Nimm du
mich in deinen gnädigen Schutz, schenke mir und den Meinigen nächtliche
Ruhe, daß wir durch einen ungestörten und erquickenden Schlaf für den
kommenden Tag gestärkt werden, der dir durch einen gerechten und frommen
Wandel geheiligt sein möge! Ja, laß die Nacht ihren erquickenden
Schatten über alle ausbreiten, daß der Müde und Bekümmerte Kraft und
Trost und der Gekränkte und Leidende Beruhigung und Stärkung in dem
Segen des Schlafes finde; und jedem, der auf dem Schmerzenslager
stöhnend klagt, der in Krankheit oder Bekümmernis ängstlich fragt:»Ist
wohl die Nacht bald vorbei?«[7] dem führe lindernde Hoffnung, Geduld und
inniges Vertrauen auf dich zu, auf dich, für den »die Nacht leuchtet
gleich dem Tage!« Bewahre mich vor Gefahr und Unglück und laß mich nach
der Erquickung der Nacht mit dem innigen Verlangen, dir zu dienen,
erwachen!»In deine Hand befehle ich meinen Geist, du beschirmst mich,
wahrhafter und gnädiger Gott!«[8]
Amen!
[Fußnote 6: Ps. 25, 5.]
[Fußnote 7: Jes. 21, 11.]
[Fußnote 8: Ps. 139, 12.]