Dein, o Herr, ist auch die Nacht. (Ps. 74, 16.)

5. Mein Gott! der Tag ist dahin; ich suche Erholung nach der Arbeit

desselben, und bevor ich mich den Armen des Schlafes übergebe, führt mir

die Stille der Nacht noch einmal alles vor die Seele, was ich heute

gesehen und erlebt, alles, was ich heute getan und vollbracht habe. Ach!

wie könnt' ich dir für die vielen Wohltaten genugsam danken, die du

heute wiederum mir und allen denen, die mir lieb und teuer sind,

erwiesen hast. Du hast nicht nur über meine Schritte gewacht, vor

Gefahren mich beschirmt, zu meinem Werke mich gestärkt, und mit allem

mich gesegnet, dessen ich bedarf, sondern du hast auch mit so mancher

Gabe mich erfreut, mit so mancher Freude mich erquickt; aber auch selbst

durch das, was mir für einen Augenblick Kummer und Schmerz verursachte,

hast du mich zu dir hingezogen und mich innerlich glückselig gemacht. O!

wie demütiget es mich, wenn ich alles dessen gedenke und dann vor meiner

Seele alles das vorüberziehen lasse, was ich heute gedacht und getan.

Wie oft habe ich nicht dein vergessen, wie oft wurde ich nicht von

sündiger Lust erfüllt, für die meine Seele keinen Raum gehabt, wenn der

Gedanke, daß du allgegenwärtig seiest, und daß du mein Inneres

erforschest, mich ganz erfüllt hätte; ach, und wie wenig geben die

Werke, die ich vollführt, wohl Zeugnis davon, daß ich von Liebe zu dir

beseelt bin, die mich eifrig und treu in meinem Berufe, unverdrossen

und liebevoll gegen meinen Nächsten hätte machen sollen. O, reuevoll

schaue ich auf den verflossenen Tag zurück, und mit aufrichtiger Buße

flehe ich um deine väterliche Vergebung. Ich will daher selbst, ehe mein

Auge sich zum Schlafe schließt, allen denen vergeben, die mir zuwider

gehandelt, und mich zu kränken und zu verletzen gesucht haben. Nimm du

mich in deinen gnädigen Schutz, schenke mir und den Meinigen nächtliche

Ruhe, daß wir durch einen ungestörten und erquickenden Schlaf für den

kommenden Tag gestärkt werden, der dir durch einen gerechten und frommen

Wandel geheiligt sein möge! Ja, laß die Nacht ihren erquickenden

Schatten über alle ausbreiten, daß der Müde und Bekümmerte Kraft und

Trost und der Gekränkte und Leidende Beruhigung und Stärkung in dem

Segen des Schlafes finde; und jedem, der auf dem Schmerzenslager

stöhnend klagt, der in Krankheit oder Bekümmernis ängstlich fragt:»Ist

wohl die Nacht bald vorbei?«[7] dem führe lindernde Hoffnung, Geduld und

inniges Vertrauen auf dich zu, auf dich, für den »die Nacht leuchtet

gleich dem Tage!« Bewahre mich vor Gefahr und Unglück und laß mich nach

der Erquickung der Nacht mit dem innigen Verlangen, dir zu dienen,

erwachen!»In deine Hand befehle ich meinen Geist, du beschirmst mich,

wahrhafter und gnädiger Gott!«[8]

Amen!

[Fußnote 6: Ps. 25, 5.]

[Fußnote 7: Jes. 21, 11.]

[Fußnote 8: Ps. 139, 12.]

Gebete für Israeliten · 第 11 / 46 题