8. KAPITEL.

Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet worden. Blanche war wieder

allein im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, nur um ein weniges

gedämpfter. Sie war zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt worden und

langweilte sich nun manchmal. Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen

können. Zwar war er außer Gefahr und ging der Genesung entgegen. Aber es

ging langsam. Er mußte wohl noch ein paar Wochen ruhig im Bette verbringen.

Sie hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch der Eltern, und einmal hatte

er sie auch grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, war nicht übermäßig

groß; es war mehr Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als eigentliche

Teilnahme. Er würde schon wieder besser werden, und dann würden sie im

Garten wieder zusammentreffen, und sie würde sich erst ein wenig vor ihm

schämen, und dann würde alles wie früher sein.

Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen durfte, schickte Frau Elisabeth

Blanche mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche fürchterlich, und sie

hätte am liebsten nein gesagt: doch trotzen durfte sie nicht.

Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber nicht über sich gewinnen, zu Lux

hineinzugehen. Sie gab die Blumen der alten Magdalene und log, ihre Mutter

habe gemeint, sie solle Lux lieber noch nicht guten Tag sagen. Natürlich

mußte die Unwahrheit herauskommen, und Frau Elisabeth war sehr böse und

schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer.

Jetzt vertrotzte sich Blanche.

»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe ich nicht.«

Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit bei ihr nicht gewohnt. Sie war

überrascht und überlegte, ob es nur kindischer Trotz sei, oder ob andere

Beweggründe dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung mit Gewalt zu

brechen, gehörte nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum sagte sie nur:

»Ich wundere mich über dich, Blanche, und bin sehr traurig. Ich hoffe,

du besinnst dich und siehst ein, daß der arme Lux ein Anrecht auf ein

freundliches Wort von dir hat.«

Diese Worte machten wohl einigen Eindruck auf Blanche, aber brachen doch

ihren Trotz nicht.

»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« befahl Frau Elisabeth nach ein

paar Tagen. »Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. Komm, ich werde

dich begleiten.«

Sie nahm Blanche bei der Hand und ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind

war blaß und schwankte zwischen Trotz und Tränen. Die alte Magdalene

lächelte gutmütig und rief:

»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß du kommst. Und die schönen Orangen!

Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade Orangen sind so gut für ihn.«

Das war freilich alles mit Überlegung gesagt und mit Frau Elisabeth unter

einer Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche doch und machte ihr

einigen Mut, als ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer schob und

die Türe hinter ihr schloß.

Da stand sie, ihr Körbchen Orangen in der Hand, mitten im Zimmer und sah

verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit großen Augen anleuchtete. Sie

hätte kein Wort herausgebracht, wenn nicht er das Schweigen gebrochen

hätte.

»Blanche! Du?« rief er.

Es lag ebenso viel Überraschung als Freude darin.

Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte:

»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht.«

»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich würde wohl bald wieder aufstehen

dürfen.«

Sie sagte nichts darauf, sondern stand mit ihrem Körbchen dicht vor seinem

Bett, und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig an, musterte das Bett,

die Wand, die Bilder daran, und dachte endlich an die Orangen.

»Die soll ich dir geben,« sagte sie.

»O wie schön!« rief Lux. »Danke, Blanche!«

Und er nahm das Körbchen und stellte es vor sich auf die Decke.

»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er.

Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Bett und sah bald das Körbchen,

bald den Kranken an, während Luxens Augen still auf ihrem Gesicht ruhten,

mit einem gespannten Ausdruck, als erwarte er ein Wort von ihr.

Es war merkwürdig, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Endlich fragte sie:

»Tut es noch weh?«

»Manchmal. Aber nur ein ganz klein wenig.«

Sie wurde mit einmal blutrot. Es war ihr, als müsse sie sich schämen, als

wäre sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie dumm! Sie konnte doch

nichts dafür.

Der Spanier: Novelle · 第 10 / 13 题