Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet worden. Blanche war wieder
allein im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, nur um ein weniges
gedämpfter. Sie war zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt worden und
langweilte sich nun manchmal. Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen
können. Zwar war er außer Gefahr und ging der Genesung entgegen. Aber es
ging langsam. Er mußte wohl noch ein paar Wochen ruhig im Bette verbringen.
Sie hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch der Eltern, und einmal hatte
er sie auch grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, war nicht übermäßig
groß; es war mehr Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als eigentliche
Teilnahme. Er würde schon wieder besser werden, und dann würden sie im
Garten wieder zusammentreffen, und sie würde sich erst ein wenig vor ihm
schämen, und dann würde alles wie früher sein.
Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen durfte, schickte Frau Elisabeth
Blanche mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche fürchterlich, und sie
hätte am liebsten nein gesagt: doch trotzen durfte sie nicht.
Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber nicht über sich gewinnen, zu Lux
hineinzugehen. Sie gab die Blumen der alten Magdalene und log, ihre Mutter
habe gemeint, sie solle Lux lieber noch nicht guten Tag sagen. Natürlich
mußte die Unwahrheit herauskommen, und Frau Elisabeth war sehr böse und
schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer.
Jetzt vertrotzte sich Blanche.
»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe ich nicht.«
Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit bei ihr nicht gewohnt. Sie war
überrascht und überlegte, ob es nur kindischer Trotz sei, oder ob andere
Beweggründe dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung mit Gewalt zu
brechen, gehörte nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum sagte sie nur:
»Ich wundere mich über dich, Blanche, und bin sehr traurig. Ich hoffe,
du besinnst dich und siehst ein, daß der arme Lux ein Anrecht auf ein
freundliches Wort von dir hat.«
Diese Worte machten wohl einigen Eindruck auf Blanche, aber brachen doch
ihren Trotz nicht.
»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« befahl Frau Elisabeth nach ein
paar Tagen. »Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. Komm, ich werde
dich begleiten.«
Sie nahm Blanche bei der Hand und ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind
war blaß und schwankte zwischen Trotz und Tränen. Die alte Magdalene
lächelte gutmütig und rief:
»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß du kommst. Und die schönen Orangen!
Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade Orangen sind so gut für ihn.«
Das war freilich alles mit Überlegung gesagt und mit Frau Elisabeth unter
einer Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche doch und machte ihr
einigen Mut, als ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer schob und
die Türe hinter ihr schloß.
Da stand sie, ihr Körbchen Orangen in der Hand, mitten im Zimmer und sah
verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit großen Augen anleuchtete. Sie
hätte kein Wort herausgebracht, wenn nicht er das Schweigen gebrochen
hätte.
»Blanche! Du?« rief er.
Es lag ebenso viel Überraschung als Freude darin.
Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte:
»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht.«
»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich würde wohl bald wieder aufstehen
dürfen.«
Sie sagte nichts darauf, sondern stand mit ihrem Körbchen dicht vor seinem
Bett, und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig an, musterte das Bett,
die Wand, die Bilder daran, und dachte endlich an die Orangen.
»Die soll ich dir geben,« sagte sie.
»O wie schön!« rief Lux. »Danke, Blanche!«
Und er nahm das Körbchen und stellte es vor sich auf die Decke.
»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er.
Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Bett und sah bald das Körbchen,
bald den Kranken an, während Luxens Augen still auf ihrem Gesicht ruhten,
mit einem gespannten Ausdruck, als erwarte er ein Wort von ihr.
Es war merkwürdig, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Endlich fragte sie:
»Tut es noch weh?«
»Manchmal. Aber nur ein ganz klein wenig.«
Sie wurde mit einmal blutrot. Es war ihr, als müsse sie sich schämen, als
wäre sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie dumm! Sie konnte doch
nichts dafür.