In diesem Augenblick wurde die Tür leise aufgemacht und gleich wieder
geschlossen. Blanche nahm das als Zeichen, abbrechen zu müssen. Sie erhob
sich und gab ihm ungelenk die Hand.
»Adieu, Lux!«
»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch. Willst du so gut sein und sie auf den
Tisch stellen?«
Sie stellte die Orangen auf den Tisch und nickte ihm noch einmal zu.
»Adieu, Lux!«
Dann schloß sich die Tür hinter ihr.
»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte Frau Elisabeth.
»Ja, sehr,« antwortete Blanche.
»Siehst du? Und du wolltest nicht zu ihm gehen.«
»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.«
Blanche war froh, den ersten Besuch hinter sich zu haben; nun würde es ihr
leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er wirklich nur wenig Schmerzen mehr
hätte? Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat er freilich immer. Aber doch
nicht so furchtbar blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder besser würde? So
ganz und gar wie früher?
Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter, daß Lux sich sehr über den Besuch
von Blanche gefreut habe, und er sagte es auch ihr selbst:
»Komm nur recht oft, Lux wird sich immer freuen. Er liegt so allein.«
Sie war fast glücklich. Wenn er sich wirklich freute, wollte sie ja gern zu
ihm gehen; meinetwegen jeden Tag.
»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,« sagte Frau Elisabeth.
Und sie ging am nächsten Tag mit einem Buch zu ihm.
»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie.
»Wenn du willst!«
Seine Augen leuchteten auf und sprangen von ihrem Gesicht auf das Buch
über.
Sie sah die Frage in seinem Blick.
»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst du das auch hören?«
»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche; es ist alles hübsch.«
Er legte sich in die Kissen zurück, und sie blätterte noch ein wenig,
obgleich sie sich schon für die Geschichte von der kleinen Seejungfrau
entschieden hatte, und fing endlich an:
»Weit hinaus im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der prächtigen
Kornblume und so klar wie das reinste Glas, aber es ist außerordentlich
tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müßten
übereinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser hervor zu
reichen. Dort wohnt das Meervolk.«
Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner Wellen, wie ihr leises Rauschen
und Plätschern am Strande. Und ihr eigenes Bild verfloß ihm mit dem der
jüngsten Meertochter.
»Sie war doch die Schönste von allen, ihre Haut war so durchsichtig und
zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das tiefste Meer, aber
wie alle die anderen hatte sie keine Füße, der Körper ging in einen
Fischschwanz aus.«
Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß er ihre Füße nicht sah, und er
lächelte ganz heimlich bei dem Gedanken und schloß die Augen.
Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte, sollte die kleine
Meerprinzessin Erlaubnis haben, aus dem Meere empor zu tauchen, im
Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen,
die vorbei segeln.
Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, so dachten sie beide, obgleich
Blanche doch keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, empor zu tauchen und
auf Klippen zu sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr nahm Blanche die
Gestalt der jüngsten Prinzessin an, sowohl für Lux, wie für sich selbst.
So knüpfte das Buch ein neues Band zwischen ihnen. Lux hatte nicht
geglaubt, daß er noch soviel Geschmack an Märchen fände. Und gerade diese
kannte er ja alle schon. Aber wie neu klangen sie aus dem Munde der
kleinen Blanche, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen auch das
Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit und herzlicher Betonung las. Sie
hatte einen lieblichen, singenden Klang in der Stimme und las so sicher und
fließend und versprach sich nicht ein einziges Mal. Doch! Als sie las,
wie die Störche nach Afrika zogen, da versprach sie sich sogar zweimal
hintereinander. Das machte, sie dachte dabei an Manuel und an dessen
Heimat, an die Brandung in dem Hafen von Tanger und an die braune Nushat.
Und dabei versprach sie sich, und Lux mußte lachen.
Aber Manuels Name wurde nie wieder zwischen ihnen genannt.
Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. Blanche würde nun nicht jeden Tag
kommen können. Die Schule nahm viele Stunden des Tages in Anspruch, die
Schule und die Hausarbeiten. Aber Lux würde ja auch bald ganz gesund sein,
und dann würden sie wieder zusammen im Garten spielen.
Und dann kam sie das letzte Mal mit dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal
das Märchen von der Nachtigall.«
Und sie las noch einmal das Märchen von der Nachtigall, und Lux hörte fast
die ganze Geschichte mit geschlossenen Augen an, während ein glückliches
Lächeln auf seinem Gesicht lag.
[Illustration]