Am anderen Tage berichtete Blanche ihm auf dem Schulwege, was Manuel ihr
von seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so lebhaft dabei, daß Lux dachte,
sie übertriebe, und nur verärgert zuhörte. Und die Folge war, daß er am
Mittag nicht in den Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem spanischen
Affen spielen; er fand ihn unausstehlich.
In Wahrheit aber imponierte ihm der über seine Jahre hinaus gewandte
Manuel, und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm entgegenzutreten.
Manuel sprach außer seiner Muttersprache ziemlich gut französisch und wußte
sich mit jedem Tage besser mit der deutschen Sprache abzufinden. Lux quälte
sich in der Klasse noch mit den Anfängen der alten und neuen Sprachen und
konnte noch in keiner drei zusammenhängende Sätze sprechen. Manuels
tiefere Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit gegen Luxens helle
Knabenstimme. Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung zu machen
und küßte Blanche die Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei sich
behalten können und hatte Lux dieses zarte Geheimnis anvertraut.
Die Hand küssen? Wie dumm! Nie würde er sich zu dieser Albernheit
verstehen. Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein glattes, schwarzes
Haar glänzte ordentlich wie ein Spiegel und verpestete die ganze Luft, wenn
er sich neu gesalbt hatte. Lux konnte das nicht leiden, während Blanche den
leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft liebte.
Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel sogar geraucht. Mit Neid und
widerwilliger Bewunderung fand Lux es empörend, während Blanche tat, als
wäre es selbstverständlich, daß Knaben in seinem Alter rauchten.
»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie.
Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben das Rauchen, und als er erklärte,
er habe schon oft geraucht und sein Vater wisse es, bat sie ihn, es ihr zur
Liebe zu unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile.
»Ich werde es lassen,« versprach Manuel, und er warf ohne Zögern seinen
ganzen Zigarettenvorrat in den Bach.
»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die Mutter, und Blanche plapperte
es ihr nach, obgleich sie keinen klaren Begriff hatte, was ein Gentleman
eigentlich sei. Daß Lux es nicht sei, stand bei ihr fest.
Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr empfand er den fremden Knaben als einen
Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese vertrieben hatte. Blanche teilte
zwar kindlich ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem neuen Freunde, aber
er sah nur den Anteil, der Manuel zufiel, und er sprach in verächtlichen
Ausdrücken von dem Spanier und schalt ihn einen Gecken.
Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz, als er hörte, daß Manuel zuhause
einen Pony habe und reiten könne. Er weigerte sich, das zu glauben, bis
Manuel heftig wurde und es ihm beweisen wollte, wenn er nur ein Pferd
hätte.
»So kleine Ponys haben wir hier nicht,« sagte Lux.
»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe gesehen, daß der Bauer einen Pony
hat.«
»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das ist nur ein etwas kleineres
Pferd.«
»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich zum Bauern. »Er will
immer alles nicht glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner! Ich sage
immer die Wahrheit!« Er funkelte Lux mit seinen schwarzen Augen böse an.
»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er soll nicht immer sagen, es ist
nicht so. Ich will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte sich gar nicht
beruhigen.
Da gingen sie zum Bauern und steckten sich hinter den Knecht und baten, ob
Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten dürfe.
Sie hätten gar keinen Pony, war die Antwort.
»Seht ihr!« triumphierte Lux.
»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte Blanche.
Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte der Knecht.
»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel. »Ich habe selbst Pferd.«
Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte Manuel Spaß zu machen. Auch
mochte es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so arg sein. Genug, Manuel
setzte es durch, daß er seinen Willen bekam.
»Es kennt mich schon,« sagte er, als das kleine hübsche Tier sich ruhig von
ihm streicheln ließ. Der Knecht führte es auf den Hof und hob Manuel auf
seinen Rücken. »Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche und Lux schrien
auch heftig: »Loslassen! loslassen!«
»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der dem Kleinen jedoch angesehen
haben mochte, daß er nicht zum ersten Male auf einem Pferderücken saß.
Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich an mit ihren großen Augen
und ihrem lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem Kopf daneben und ärgerte
sich, daß das Pferd überhaupt von der Stelle ging.
Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben und trug seinen Reiter zweimal
um den ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit lauten Zurufen an und schlug
ihm beständig mit den Hacken in die Weichen, bis es unruhig wurde. Da griff
der Knecht nach dem Zügel und gab nicht nach, er mußte herunter vom Pferd.
Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast stumm nebeneinander heim. Blanche
ärgerte sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung wohl verstand. Sie
hätte so gern gesehen, daß sie alle drei als gute Freunde zusammen hielten,
und nun konnten die Knaben sich nicht miteinander stellen. Und da sie
dunkel empfand, daß es ihretwegen war, wurde sie befangen und unsicher.
Von diesem Tage an haßte Lux den fremden Knaben.
[Illustration]