Eines Tages brachte der Vater den kleinen Manuel Negros aus der Stadt
mit; er war ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, glänzende
Haare.
»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und ich meine, er ist noch ein halbes
Jahr älter als Lux.«
Aber interessant war er. Und was er schon für Manieren hatte. Wie ein
junger Graf.
Und diese Augen! Große schwarze, für gewöhnlich etwas verschleierte Augen,
die aber wieder ordentlich leuchten und funkeln konnten.
Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden sagen würde? Ob er ihm wohl »über«
wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; er war nicht größer als sie
selbst, höchstens eben so groß und war doch fast zwei ganze Jahre älter.
Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand gegeben, und sie hatte zögernd ihre
weiße Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand gelegt.
»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, fremder Aussprache gesagt.
Ob er denn schon deutsch sprechen könnte? Ein wenig, wie es schien. Das
war schön. So konnte man sich doch verständlich machen. Und wie drollig es
klang, wenn er sprach. Wie er das R rollte und jede Silbe betonte.
Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner Ankunft entgegengesehen hatte, fand
ihn sehr nett und atmete erleichtert auf. Der reichte ihm ja nur bis an die
Nasenspitze.
Der kleine Fremde war ein wenig verlegen und musterte fast scheu den
größeren, blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften Ton an und
meinte, er solle sich nur nicht fürchten, sie würden schon gut miteinander
auskommen.
»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, und über sein feines, braunes
Gesicht lief ein hübsches Lächeln, und die dunklen Augen leuchteten auf.
»Ich spreche nur so schlecht die deutsche Sprache.«
Lux und Blanche beruhigten ihn aus einem Munde, er spräche schon sehr nett,
und sie verständen alles, was er sage.
»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« fragte Blanche auf dem Schulweg.
»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte Lux.
»Ja, nicht wahr?«
»Klein ist er ja nur.«
»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders gedacht.«
»Wie denn?«
»Ja, anders, ganz anders.«
Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und schwieg.
»Adieu Blanche!«
»Adieu Lux!«
Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer
Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros.
Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme
Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank
und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer
gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein
halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland
nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder
mit hinübernehmen in die Heimat.
Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von
Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der
Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter
und lauter waren.
Hier aber war Blanche!
Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine
kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein
paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von
der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und
wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht
gar nicht mehr da.
Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen,
in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon
mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch
keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten
sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie
niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren.
Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch
freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen
so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja
nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen
würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach
seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht
behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich
so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den
Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte
darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer
geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem
Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen
bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick,
der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und
von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den
Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben
und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen.
Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen
mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber
lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur
Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn
er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große
blaue mittelländische Meer.
Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich
aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel
in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem
Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf,
donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden
zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der
harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten
Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich,
unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war
er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats
und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große
blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und
er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der
Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen
Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen
Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von
weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt
der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne
Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.
Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa
hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren
braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als
sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer
großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg
alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern
der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht,
sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und
schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar
zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien,
schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie
hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend
und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen,
braunen Hände waren ganz kalt.
Wie gern hätte er sie zum Abschied noch umarmt. Aber das Boot tanzte auf
und ab an der Schiffstreppe, und sie hatten alle genug zu tun, sich auf den
Füßen zu halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr nur noch vom
Bord aus zuwinken können, und hatte gewinkt, so lange er sie unter den
Zurückfahrenden noch erkennen konnte.
Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen Schleiern und zog schnell wie
die glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, während das weiße Bild der
kleinen Blanche wie die Sonne selbst fest und unverrückbar im Mittelpunkt
seiner traumhaften Gedanken stand.
Da flog ein Steinchen neben ihm auf die Bank und schreckte ihn auf.
Sogleich ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche kam zögernd den Steig
herunter.
»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen blitzten unternehmungslustig,
während ihr ganzer Körper noch unter der Zügelung einer leisen Scheu stand.
Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. Da übermannte sie vollends
die Verlegenheit, und sie wurde blutrot, als sie ihm die Hand bot. Er aber
neigte sich schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. Sie hatte ihn auch
ihrer Mutter die Hand küssen sehen und dachte, das tut man in seiner Heimat
so. Aber den ganzen Tag fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen
flüchtig berührt hatten.
Sie gingen wieder in den Pavillon zurück und setzten sich auf die Bank,
und sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, steif und kerzengrade, und sie
führten eine kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit ja und nein und
wie und was? Aber ihre Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten oder wie
abwesend in die Weite sahen, ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren
Gesichtern.
»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer neuen Verlegenheitspause und stand
auf und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch zu, das die gegenüberliegende
Ecke des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige Zweige auseinander, und es
entstand ein Eingang, durch den man in das Innere gelangen konnte. Er sah
hinein und sah in den schattigen Raum ein Bänkchen aus Moos und Erde und
eine muldenartige Vertiefung, der man es ansah, daß sie oft als Lagerplatz
diente.
»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr
und befreite mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, das sich in den Zweigen
verfangen hatte. Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem grünen Hause;
die goldenen Sonnenstrahlen fanden hier und da Zugang und spielten nun auf
dem schwarzen Boden Haschen. Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen wie
silberne Säulen in dem Sälchen dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie
durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden Zweigen überschatteten.
Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen Moosbank Platz zu nehmen. Sie
konnten so eben nebeneinander sitzen.
»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« fragte er.
»Lux hat sie mir gemacht.«
»Spielt ihr oft zusammen?«
»Gewiß, jeden Tag.«
»Und dann sitzt ihr hier zusammen?«
»Manchmal.«
Und nach einer kleinen, peinlichen Pause setzte sie hinzu:
»Er erzählt mir dann Geschichten.«
Aber er sagte wieder nichts darauf.
»Weißt du auch Geschichten?«
»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd und nachdenklich. »Nushat hat mir
oft Geschichten erzählt, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir noch erzählen
kann.«
»Nushat? Wer ist das?«
Und er erzählte ihr von Nushat und von seiner Heimat, und sie wollte gar
keine anderen Geschichten weiter von ihm hören.
Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war wie aus tausend und einer Nacht.
Die Dattelpalmen ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte Kakteen breiteten
ihre schwammigen, glänzenden und stacheligen Blätter aus, und Rosen,
Kamelien und Oleander blühten und dufteten, reicher als hier die Veilchen
und Primeln. Kameele zogen schwer bepackt durch die Straßen, und Araber und
Neger und Kabylen, Leute von denen sie nie gehört hatte, begleiteten die
Karawanen durch die Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, und nur
auf den sich überstürzenden Wogen einer beständigen Brandung konnte man
zwischen ihnen und dem seltsamen Lande verkehren. Und hier war nun Manuel
aufgewachsen. Und seine Augen leuchteten, wenn er davon erzählte, und seine
Stimme wurde wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte.
Blanche sah den Erzähler bewundernd an. Sein gebrochenes Deutsch brachte
sie nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und Manuel, unter den bewundernden
Blicken seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger.
Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt am Heckenpförtchen, die
Hand unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine Stunde später aus der Schule
als Blanche. Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden Knaben gedacht, der
jetzt bei den Eltern seiner kleinen Freundin wohnte. Noch so lange, lange
Zeit wohnen sollte. Ja, während des Unterrichts selbst hatte er seine
Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er am Pförtchen und wagte auf
einmal nicht, in den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche war schon
seit einer Stunde frei, und sie würde nun mit dem fremden Knaben zusammen
spielen. Was sollte er nun noch dabei?
Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, und schlug gleich den kürzeren
Weg ein, der ans Wasser hinunter führte. Da hörte er Manuels Stimme.
Verwundert stand er still, da er die Beiden nicht im Pavillon sah. Er
horchte. Dann schlug er das Gesträuch hastig auseinander, und der helle
Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. Da saß Blanche mit dem fremden
Knaben, eng zusammen geschmiegt, auf der kleinen Moosbank und sah den
Störer mit großen, erstaunten Augen an, als erkenne sie ihn nicht gleich.
Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; Lux hatte dieses Bänkchen nur
für sich und Blanche berechnet.
»Willst du nicht hereinkommen?« rief Blanche.
»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er und blieb
draußen stehen. Da standen sie auf und kamen heraus und waren freundlich
mit ihm. Er aber blieb unlustig und wortkarg und wußte nichts mit ihnen
anzufangen.
[Illustration]