2. KAPITEL.

Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm

seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine

Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die

Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige

Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt,

hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum

im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war

ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am

Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten

Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück.

In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick

strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und

die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede,

der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis

wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten

widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und

Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche

Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen.

Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter

Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten,

niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer

kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte.

Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer

zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon

früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen?

Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht

entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar

wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen

Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh.

Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen

Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in

der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne

es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es

doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.

Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige,

herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den

Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne

gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel

arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer

härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn

nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in

ein Erziehungsinstitut zu tun.

Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das

Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher

Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten,

aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit

brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille

und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen

Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich

zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es

Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten.

Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar

besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber

dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung

seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde.

Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann.

Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch

jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem

Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die

Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und

da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß

ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich

mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich

sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse

und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren

Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben.

Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im

September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch

schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in

dem neuen Gartenheim genießen zu können.

Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag.

»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen Sie wohl, daß wir uns Ihnen

gleich vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau mit einer gewinnenden,

liebenswürdigen Schlichtheit.

»Gib auch hübsch dein Händchen, Blanche.«

Dr. Irmler hielt das kleine Händchen einen Augenblick in der seinen und

dachte, »welch ein schönes Kind!«

In der Tat war das kleine Wesen von holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche

Haare von einem seltenen Blond umrahmten ein Engelsgesichtchen, aus dem

eine unbefangene Schelmerei lächelte; sie spielte um den kleinen zierlichen

Mund und blitzte aus den hellen blauen Augen.

Er verglich das Gesichtchen mit dem der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit

fest.

»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, und zu Dr. Irmler gewandt, setzte

sie hinzu:

»Er bildet sich nämlich ein, das Kind hätte alles Gute von ihm.«

Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter Streit, den die Mutter mit der

Anerkennung beschloß, daß die kleine Blanche in der Tat viel von dem

Wesen ihres Vaters habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; »aber ein

süßer,« fügte sie hinzu und zog die Kleine zärtlich an sich.

Inzwischen war Lux herbeigerufen worden und näherte sich den Fremden mit

knabenhafter Scheu. Auf die kleine Blanche warf er einen verschämten Blick

und reichte ihr auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. Sie hingegen

begrüßte ihn mit großen unbefangenen Augen und einem zutraulichen Lächeln,

das aber gar keinen Eindruck auf ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr

hinter den Stuhl seines Vaters zurück. Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder

hervor, zog ihn an seine Seite, und legte fast unbewußt den Arm um seinen

Nacken. So geborgen, musterte Lux etwas dreister die kleine Nachbarin. Wie

niedlich ihr das weiße Atlashäubchen stand, unter dem das goldene Haar so

reich hervorquoll. Und wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues Jäckchen

mit weißem Seidenfutter war jedenfalls noch ganz neu. Und wie unbefangen

sie sich gab, als ob sie hier zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich

ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie eben so niedlich war.

Als sich der Besuch verabschiedete, gab er der Kleinen aus eigenem Antriebe

die Hand.

»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein

waren.

»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.

Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten

umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den

Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in

der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke

getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog.

Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide

gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot.

»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft

genug sehen.«

In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter

anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich

schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es

sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst

kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern,

stattgefunden hatte.

Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst

beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen

mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden

angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum

oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit

Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal

wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr.

Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm.

So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel

Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter

bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine

Freundin bewundern, da niemand ihn rief.

Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur

lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die

Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen

bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine

klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel

welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell

ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit

schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden

Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht

achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem

tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen,

wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte.

Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit

schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll

geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf

dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden

Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte,

fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt,

sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem

kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den

trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine

Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt,

aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die

überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust

stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als

sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell

wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen.

Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen

Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte

durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.

Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und

überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst

ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen

wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr.

Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile

von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die

Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten,

das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang

zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von

selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein

ans Wasser zu gehen.

Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin

gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er

von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten

sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl,

das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz

schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er

wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute,

nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an

die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden.

Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken

und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was

macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr

befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen.

Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche

Begehrlichkeit.

Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von

seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen

Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche

oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an

einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst

bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand.

Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein

Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal

über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner

kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres

Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem

sie lieb und gütig mit seinem Knaben war.

Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich

schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte,

kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche

Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder

spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen

eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten

in der Ligusterhecke angebracht.

Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern

seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für

die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von

der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes

Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit

um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke

Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig,

und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich

nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch

Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht,

denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte

wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in

seinem Herzen dafür.

So wuchsen denn die Kinder fast wie Bruder und Schwester miteinander auf,

und die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten Obstbäume gediehen und

ragten jedes Jahr höher und früchteschwerer über den bunten Flor der Blumen

und Stauden empor, die Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter der

Zucht der Schere gehalten, wurde immer breiter und dichter, und das kleine

Pförtchen darin stand oft tagelang offen.

Dann brachte die Schulpflicht den Kindern eine Einschränkung ihrer

köstlichen Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe auf den Rücken

nehmen mußte. Er gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war stolz auf einen

Freund, der schon lesen lernte und Buchstaben malen konnte, und sie war

gelehrig im Nachahmen dessen, was er frisch aus dem Unterricht mit nach

Hause brachte. So lernte sie mit ihm und von ihm.

»Was haben wir heute auf?«

Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon entgegen, wenn er aus der Schule

nachhause kam.

»Eine Seite ei schreiben und die Wörter auf Seite 10 buchstabieren.«

»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das doch alles? Ich dachte mir die

Schule viel schwerer.«

Dieses kindliche, spielende Lernen, das die verständigen Eltern nicht

gestört, sondern gern unterstützt und gefördert hatten, hörte nun freilich

auf, als Blanche selbst in die Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst

die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen hatte ja ganz andere Bücher als ein

Knabe. Und alles war anders. Nun konnten sie nicht mehr zusammen arbeiten;

jeder saß für sich und mühte sich, und waren sie fertig, konnten sie es

nicht einmal miteinander vergleichen. Blanche konnte wohl ihre Arbeit dem

Freund zeigen; aber dann ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders

gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen meinte, und daß Blanche irre

wurde. Dann mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche bringen.

»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib du nur immer recht acht, was die

Lehrerin sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben lernen manches anders als

kleine Mädchen.«

Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund mit anderen Augen. Er war ja ein

Knabe. Und die Jahre vergingen und brachten es mit sich, daß ihre

Spiele eine andere Färbung und Gestalt annahmen. Aber sie hielten

treue Kameradschaft und hatten sich gern. Lux war der Stille, Besonnene

geblieben, Blanche immer aufgeweckter, munterer und kecker geworden.

Hübsch war jedes von ihnen, und jedes schlank und blond, und Lux in seinem

vierzehnten Jahre nur eben einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige

Blanche.

[Illustration]

Der Spanier: Novelle · 第 4 / 13 题