Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, in weißem Kleide, ganz in Sonne
gehüllt, stand aufrecht darin und konnte sich nicht genug tun. Immer höher!
Immer höher! War das eine Lust!
Die Schaukel kreischte in den Angeln, und Blanche fand eine zeitlang an
dieser barbarischen Musik Vergnügen.
Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen all dem Sonnenschein auf und ab,
beständig von weißen Taubenflügeln umspielt. Die dummen und gierigen
Geschöpfe flatterten immer wieder von der Dachtraufe, oder der Laube,
oder dem Taubenschlag auf die Erde, um dort nach irgend etwas, was ihren
Schnabel reizte, zu picken, und alsbald, von der vorübersausenden Schaukel
erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. Es waren ihrer zwanzig, alle
schneeweiß mit roten Füßen und roten Schnäbeln, und leuchteten in der
Frühlingssonne, wie Blanche in ihrem weißen Kleide. Der ganze Frühling war
weiß und leuchtete. Aus dem Garten schimmerten die schneeigen Kronen der
vielen Obstbäume, und die hohe Bretterwand der Schaukel gegenüber war ganz
und gar mit Pfirsichblüten bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den Wangen der
kleinen Blanche.
Wie schön waren doch diese Tage! Es war nicht mehr das erste Knospen, das
die Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, die Vorfrühlingstage, wo
man still, mit einem erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten geht, zart
und zärtlich die kleinen winzigen Knospenkinder anblickt und fast behutsam
auftritt, als könnte man irgend etwas stören, und die ganze erwartete
Seligkeit könnte ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu erwarten, es war
schon alles da, der ganze, volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte sich
die Natur erschlossen; ein Blühen und Duften war es, und die Luft schwirrte
von den Flügeln der kleinen Insekten, die um die Honigtüten summten, und
den Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. Und über dem Allen wölbte sich
ein reiner, lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges weißes Wölkchen
wie in seliger Verträumtheit dahin schwamm.
Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein blonder Knabenkopf auf, ein
längliches, blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur.
»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« rief Blanche. »Ich habe dir etwas
Neues zu erzählen!«
Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, und Blanche sprang aus der
Schaukel. Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die Pforte eines niedrigen,
grün gestrichenen Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen den Garten
abschloß, und ging dann ein wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter,
den zu beiden Seiten die schlanken Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume
einfaßten. Dahinter erstreckten sich rechts und links sauber abgezirkelte
Gemüsebeete, gegen den Steig von einer schmalen Blumenrabatte begrenzt, auf
der gelbe Tazetten, weiße Narzissen und blaue Iriskelche still in der Sonne
standen und sich von einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den Hof machen
ließen.
Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch gewundene Äste weit
ausgriffen und eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, und in
dessen weißem Blütendach unzählige Sperlinge zankten, bog der Steig nach
rechts um und lief hart an der Grenze des Gartens weiter. Hier befand sich
in einer wohlgepflegten Ligusterhecke eine schmale Pforte, durch welche die
Nachbarkinder miteinander verkehrten. An ihr erschien nun Lux mit fragenden
Augen und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen müssen, um gleichzeitig
mit Blanche einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr Zier- und
Lustanlage, hatte gewundenere Wege.
Blanche winkte mit einem kurzen Ruck ihres hübschen Köpfchens den Knaben
herüber, und er trat durch die schmale Pforte an ihre Seite. Sie gaben sich
stumm die Hände, sahen sich einen Augenblick mit Wohlgefallen an und gingen
dann Hand in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie gewahrten nicht, daß
sich nebenan ein schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart ein wenig
aus einem niedrigen Strandstuhl vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen
hatte, einen Augenblick auf den Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem
leisen Lächeln in den sinnenden Augen nachblickte.
Der Weg führte die Kinder in eine parkartige Anlage, wo dann ein schmales,
schnellfließendes Bächlein die Grenze des Besitzes bildete. Jenseits dehnte
sich eine schöne, von hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die gehörte zu einem
Bauernhof, dessen Gebäude unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen
Baumwipfeln sichtbar wurden.
An diesem Bächlein ließen sich die Kinder nieder. Es stand hier, auf
einer kleinen künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, mit Stroh
bedeckter Pavillon. Seine drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz und
einen beschaulichen Blick auf das grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten
Hundeblumen ihre unzähligen goldenen Sterne eingestickt hatten. Aber nicht
auf eine dieser einladenden Bänke setzten sich Blanche und Lux, sondern
auf ein paar rohe Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. Und nicht eher
begann Blanche die Spannung ihres Freundes zu lösen, als bis sie es sich
auf diesem primitiven Sitz völlig bequem gemacht hatte.
»Rate mal, was wir bekommen,« begann sie kindlich und lebhaft.
»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den Lieblingswunsch seiner kleinen
Freundin wohl kannte.
»Nein, ganz etwas anderes!«
»Was schöneres noch?«
»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen wir. Und rate mal von wem.«
Lux sah sie hilflos an.
»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche heraus und legte den Kopf ein wenig
zurück, um sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden.
»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. »Wie heißt er?«
»Den Namen habe ich vergessen. Aber er ist der Sohn von Papas
Geschäftsfreund und soll hier die Schule besuchen.«
Lux schwieg und sah aufs Wasser, das in kleinen, hastigen Wellen vorüber
lief. Es war seine Art, zu verstummen, wenn ihn etwas innerlich sehr
bewegte.
»Ist er schon groß?« fragte er langsam.
»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte Blanche. »Ich freue mich
furchtbar darauf. Denke dir, wie nett wir dann zusammen spielen können.«
»Spricht er denn deutsch?«
»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird er es doch lernen. Wie könnte er
sonst hier die Schule besuchen.«
Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. Er wußte selbst nicht, warum er
sich zu dem neuen Kameraden nicht freuen konnte.
»Die Schule hat doch schon angefangen,« sagte er.
»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis eintreten, bis dahin soll er
sich hier einleben und an uns gewöhnen, sagt Mama.«
»So kommt er bald?«
»In acht Tagen. Denke, wie schön!«
Lux stand langsam auf.
»Du scheinst dich gar nicht ein bischen zu freuen,« sagte Blanche
vorwurfsvoll.
»O doch!« stieß Lux hastig heraus und errötete heftig. »Ich freue mich
schon. Ich habe nur so eine Angst, -- daß ich nicht spanisch verstehe.
Und dann sind Spanier immer so wild, weißt du. Es sind doch ganz andere
Menschen als wir. Sie sind ganz braun, glaube ich.«
»Das tut doch nichts!«
»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux.
Blanche war sitzen geblieben, neigte sich ein wenig nach vorn und ließ ihr
schönes blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein Nixchen sah ihr Bild aus
dem Wasser zurück, und sie ergötzte sich in unschuldiger Eitelkeit daran.
»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt.
»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht tief hier. Du meinst wohl, ich
ertrinke wieder wie damals. Aber dazu bin ich doch schon zu groß.«
»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« sagte er mit einem leisen
Schauder in der Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und konnte dich retten.«
»Heute käme ich allein wieder ans Land. Soll ich mal?«
Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften Beine aus, als wollte sie
direkt in den Bach steigen.
»Du bist imstande, es zu tun.«
Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie noch zu ganz anderen Streichen
fähig, erhob sich aber doch und meinte: »Ich finde es langweilig hier, ich
gehe wieder schaukeln.«
Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux in einigem Abstand hinter dem Mädchen,
gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein leiser Windstoß fuhr durch die
Zweige der Obstbäume und streute einen leichten Schnee weißer Blütenblätter
über Blanche aus; sie schüttelte sich lachend und sprang, wie fliehend, ein
paar lustige Sätze voraus.
Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein wenig.
»Kommst du mit?« fragte sie halb über die Schulter zurück.
Der Knabe besann sich.
»Ich muß zu Papa,« sagte er.
Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren Weg fort, während er unschlüssig
das Pförtchen öffnete und ihr noch einen schnellen Blick nachwarf, bevor
er hindurch schritt. Er sah suchend umher, entdeckte den Vater auf seinem
Strandstuhl und lief zu ihm.
[Illustration]