Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer
und Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische
bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus,
Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und
Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da
fängt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele,
nicht die Massenpsyche oder -psychose erst den Dichter zum Dichter.
Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er läuft,
und wer in derselben Richtung geht, den begrüßt er als seinen
Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege.
Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des
Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Weg, den ein anderer geht, von
vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm
nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der
Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter
naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter
expressionistischer und umgekehrt. -- Was wollte der Naturalismus? Er
entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte
Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur herrschenden geworden
war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab:
wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhüllung der
Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur
abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn der
Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging
er natürlich =a priori= einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann
es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit einem subjektiven
Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte
auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht
sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will
nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nämlich die
Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille ist, ist schon ein
persönlicher Stil. So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine Spielart
des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der
Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit
die Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der
Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert
programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite
Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der
Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die
Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese
Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele,
Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen äußert sich der
Gegensatz der beiden Strömungen derart: beim Impressionismus: Analyse
des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des
Geistes, Analyse der Form. -- Die Naturalisten waren für Deutschland die
Entdecker des Proletariers als »Gegenstand« der dichterischen
Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste
wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste Mensch,
blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und
expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den
entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier
identifizierten. Die proletarische Lyrik der _Henckell_ (geboren 1864),
_Mackay_ (geboren 1864) -- Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der
besten Prosaleistungen des Naturalismus -- usw. wirkt denn auch ziemlich
zahm bürgerlich. In _Arno Holz_' (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch
der Zeit« klingt sie kräftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber
nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem
er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und
eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand.
Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind,
manche noch lebendigen Leibes, gestorben. Des romantischen Naturalisten
_Max Halbe_ bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben
blieb der unverwüstliche, kräftige _Detlev von Liliencron_ (aus Kiel,
1844-1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der
plattdeutschen Lyrik exzellierte _Klaus Groth_ (aus Dithmarschen,
1819-1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen
österreichischen Bauerndramen _Ludwig Anzengruber_ (aus Wien, 1839 bis
1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen
Flügeln: _Gerhart Hauptmann_ (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum
zieht er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in
den Himmel, und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der
Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie
durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse
durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht,
arme, elende Menschen, geprügelt wie Hunde von der Peitsche des
Schicksals, hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht,
frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die
in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«,
zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« herauftönt,
Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen Weber, die
ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die
fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte
Frau auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu
beneiden, die, wie Hannele, so früh von dieser schmutzigen Erde zum
Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären -- wie
furchtbar! Wer will den ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt
nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann
Henschel«, zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erhängt? Alle
Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer
Emanuel Quint, der im neu erwachenden religiösen und sektiererischen
Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird.
* * * * *
Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der
Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und
Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der
Seele: die Schönheit verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das
Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort
in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und
Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. _Friedrich
Nietzsche_ (1844-1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa
seines »Zarathustra« der Lehrmeister der jungen und jüngsten Dichtung
geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten deutschen Lyrikern.
»Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft.
Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs
brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich
Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch
einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der
wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne
Ziel, der Schatten Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die
ersten grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter
naht.
Aus unbekannten Mündern bläst's mich an,
-- Die große Kühle kommt ...
Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er
schließlich nur noch sich selber zu, »damit er seine letzte Einsamkeit
ertrüge«.
Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
Und sprech ich -- niemand spricht zu mir.
War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die
trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben
mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder
zwitscherte, -- so ist _Stefan George_ (geboren 1868 in Büdesheim) der
strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder
asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche
eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den
moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation ferner als
fern.
»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten
Gedichte versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung: im
Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der
Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm
breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch
erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in
einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort
und schreitet weiter als ein Flammenträger des reinen Sinnes in einer
Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet,
die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig«
einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die
Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt
und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu
unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft
mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den
Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit
gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte ist auch das
Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan
George gesungen.
Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang _Hugo von Hofmannsthal_
(geb. 1874 in Wien) und _Rainer Maria Rilke_ (geb. in Prag 1875)
hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner
Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist,
im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine
purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der
Welt nicht verachtet.
Die »ersten Hergereisten«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration
die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. _Alfred Mombert_
(geboren 1872 in Karlsruhe) und _Theodor Däubler_ (geboren 1876 in
Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb
metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos
»Nordlicht«, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes
und des Reimes. _Richard Dehmel_ (aus dem Spreewald, 1863-1920) hält
sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der
deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied
in ihr, deren Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorläufiges Ende
Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine
Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als
alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied
neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich
suchen -- und sich finden.
_Christian Morgenstern_ (aus München, 1871-1915) schuf in seinen
»Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster
Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu
Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von
menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter
Kasernenhöfe der sagenhafte E. P. V. (auch Exerzierplatzvogel genannt).
Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und
v. Korfs fundamentale Melancholie -- immerhin -- noch gibt. Schade, daß
ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte
v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er
schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand,
deren Energien
ihm den Text zusammenziehn.
Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man -- nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst -- ein -- -- Fragezeichen!
Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind _Wilhelm
Buschs_, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern's
Nachfahren.
* * * * *
Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild
v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder
aufzuleben mit der Westfälin _Annette v. Droste-Hülshoff_ (1797-1848),
die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat.
Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht
verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn
Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten
Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind.
Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen.
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt' auf ein Grab ...
Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die
Judenbuche«. _Marie v. Ebner-Eschenbach_ (aus Mähren, 1830-1916) besitzt
ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist.
_Ricarda Huch_ (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im
Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. _Enrica von Handel-Mazetti_
(geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem
Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in _Else
Lasker-Schüler_ (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als
ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen
Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt?
_Emmy Hennings_ gab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in
kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiographie des weiblichen
Vaganten. _Eleonore Kalkowska_ ließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers
steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.
* * * * *
Man hat _Frank Wedekind_ (1864-1918) einen Bruder und Genossen der Lenz,
Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie
dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der
Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhaßt und widerwärtig.
Vor einer schönen Landschaft erfaßte ihn ein Brechreiz. Und er wurde
erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in
Umarmung, drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß ein Erotomane,
dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern
konnten. Er war ein genialer Spießer -- mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein
erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist,
Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure
von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch
aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte
dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem
schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers ...) fühlt er sich auch
seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner
Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden -- um sich dann an ihrem
Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im
Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern
verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie
sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings
Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben,
bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß
Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat
er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht
kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im
Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im
»Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im
»Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann)
--, dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist
die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame
Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust,
Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige
Gerechtigkeit. -- _Wilhelm Schmidtbonn_ (geboren 1876) behandelte im
»Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der
erste Akt gehört zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur.
Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. _Carl Sternheim_
zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen
Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische
Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In
seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber
ohne Herz, aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie
Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. _Herbert Eulenberg_
(geboren 1876 in Mühlheim) bemalt seine dramatischen Helden und
Heldinnen blaßrosa und blaßblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine
romantische Kulissenwelt. _Eduard Stucken_ (geboren 1865 in Moskau)
beschwört noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden,
mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen
Götter« erheischt Respekt. _Georg Kaiser_ (geboren 1878 in Magdeburg)
pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das
ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt.
Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie,
mit Ewigkeitsansprüchen. Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich
alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes
Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in
»Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form,
Konjunkturkommunistik zu entschleiern. Da ist mir _R. John Gorslebens_
(aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer
»Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich. _Hanns Johsts_
ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und
zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift.
Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei
indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die
sich da abspielen. _Walter Hasenclever_ (geboren 1890) im »Sohn« und
_René Schickele_ (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch«
gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr!
Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch
zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, _Unruhs_
»Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den
Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik
umkehrt -- den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen
(Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) --, sich aber nach der
anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum
Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.
_Paul Kornfelds_ »Verführung« gehört zu den typischen, monologischen
Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige
andere: Hanns Johst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«,
Klabund »Die Nachtwandler«.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das
Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen
Fridericus-Drama auch _Joachim v. d. Goltz_.
* * * * *
Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb _Friedrich Huch_ mit
seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik
blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der
schlechte materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in
seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat.
_Ouckama Knoop_ malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des
Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. _Hermann Löns_ jagte
den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des Schwaben _Emil Strauß_ (geb.
1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergeßlich. Der Halkyonier
_O. E. Hartleben_ (1864-1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen
ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus ist der
Psychologismus, wie ihn _Thomas Mann_ (aus Lübeck, geb. 1875) in seinen
ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in
Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die
Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders
_Heinrich Mann_ (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter
der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die
Armen«, »Der Untertan«. -- »Die kleine Stadt«, ein italienischer
Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine
kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des
deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die
prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als
Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als
hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichsten Gewalt.
Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn
sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.