Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft

gut werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder

gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der

Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich

bewußt wird. _Friedrich Hebbel_, ein Bauernsohn aus Dithmarschen

(1813-1860), war vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt.

Von Dämonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede

Rippe einzeln zählen konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung

ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er

schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne

die er krepiert wäre -- um der Idee zu dienen. Er war ein armer

Schächer, ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte Schuld auf

Schuld -- und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste

Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit,

während wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren.

Lieben können wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen wir

ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er sich noch in

seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, daß Hebbel selbst

seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er

selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner wie ein

Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte

sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem

noch über seine Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an

sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine

Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im

zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen.

Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am

nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem das Problem

des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und

Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar

gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine

Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen

war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als

Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik.

Sein Antipode, aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, _Christian

Dietrich Grabbe_ (1801-1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold,

wollte weniger -- aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke,

wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang

an die frische Luft geführt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den

grauen Himmel über sich, umschritten sie schweigend in ihren

Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllet

ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal,

haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres Gefängnisses

rütteln: vergeblich. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit

scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub

gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern

von Troja ... Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer

siegt Achilleus, grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die

realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich

im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI.,

Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich der durch

Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. Dieser Hannibal ist ein

ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen

Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde gehen muß. In

»Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen

und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel

»Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll

romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung

auftritt, bildet in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein

Gegenstück zu _Georg Büchners_ zartem und schwankem Schwank »Leonce und

Lena« mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Büchner

(aus dem Darmstädtischen, 1813-1837) konnte aber auch anders als sanft

lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block

schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von

sich. Auch in seiner von Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging

verloren) gehört es zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist

erstmalig, wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern«, ein

ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre, Danton sind seine

Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und

Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden

vermag: der Tod. Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frißt,

die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon

sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile ... Er hat

andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig

arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. -- Im Wozzek, der Fragment

geblieben ist, knüpft Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle

gewidmet hat). Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria

Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner mit

seinem Wozzek. Vom Wozzek läuft die Tradition zu Wedekind, der von

niemand mehr gelernt hat als von diesem Büchnerschen Aphorismus. Auch

als politischer Revolutionär ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine

Botschaft »Friede den Hütten. Krieg den Palästen!« ist das flammendste

deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre zu

früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden. Er wurde

nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des

Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter

Trompeter war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig

verdunkelt.

* * * * *

_Heinrich Laube_ (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke,

daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste

Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen

Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf

mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker

sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller

zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im

Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten

Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand. Zu meinen

erfreulichsten Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur gehören

auch _Willibald Alexis_ (aus Breslau, 1798-1871), in den

Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen »der Vortreffliche«

geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner

engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Der Roland

von Berlin«, und _Wilhelm Hauff_ (aus Stuttgart, 1802-1827), in den

Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben herab,

»der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm

nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern

haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen

genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die

Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer

Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn

auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig

unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff

ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein großer Dichter, aber

ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine

Märchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstück unserer novellistischen

Poesie gelang einem Franzosen: _Adalbert v. Chamisso_ (aus der

Champagne, 1781-1838) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen

Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und

sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf

meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt,

nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und

die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen

sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem jeden

gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer

Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen können:

du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es

eben nicht verstanden, dein Geschäftsinteresse wahrzunehmen. Dies

verstand auch _Adalbert Stifter_ nicht (aus dem Böhmerwald, 1805-1868),

der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf

kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und

gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare

Namen wie: »Studien«. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald

reist und läßt Stifters Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause,

der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben.

Reist er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von _Karl

Immermann_ (aus Magdeburg, 1796-1840) in den Rucksack stecken, oder,

falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen

»Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe

»Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem

Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen

sollte -- was tut's? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins

letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so

verständlich sein wie ein Gespräch über die teuren Zeiten im

Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den

Gordischen Knoten derart gewalttätig mit dem Schwert zu lösen, und

manchmal tut's nicht einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich,

wie =exempla docent=.

* * * * *

Abseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter

der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt

geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: _Eduard Mörike_

(1804-1875). Wie Büchner von Körner, so ist sein helles Gestirn von der

Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19.

Jahrhunderts haben wenige gewußt, was hinter dem biederen Pfarrer von

Kleversulzbach steckt. _Ferdinand Freiligrath_ (aus Detmold, 1810-1876),

und _Friedrich Rückert_ (aus Schweinfurt, 1788-1866), um noch die besten

zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll

ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel

und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack des deutschen

Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn Mörike

kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen

Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze,

bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre

Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine

Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die

politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch

Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wüstenkönig, der

Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenkönig an

der Kasse saß, wurde überlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst

Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, wurde

nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm

Meister: dem Roman Maler Nolten, begonnen, der nicht ohne Eindruck

blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit

seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben

Ohren. Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in

der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie

die Heineschen, geflötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife

Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt,

nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife Äpfel.

Der Sonnenblume gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner

friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach

schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik

schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzählungen (Mozart auf der

Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten

machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine

Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, daß

die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher

Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen.

* * * * *

Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer,

Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche

Literatur eingeführt, als sie mit _Jeremias Gotthelf_ (aus Murten, 1797

bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die

Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental.

Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch

ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge.

Die Schweizer können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch

städtisch, =à la mode= oder historisch gekleidet daherstolziert kommen,

wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.

_Gottfried Keller_ (aus Zürich, 1819-1890) läßt seinen »Grünen Heinrich«

in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die

deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt.

Das Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen

tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm

Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst

führt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle

fünf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da

und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den

Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrüpp,

Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muß froh sein, wenn man

schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank

schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte

trifft, wenn man z. B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und

schließlich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der

Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der

lebendigen Anschauung aller Dinge. Es kommt für den Dichter

nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den

Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wäre der

Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine

so klare Anschauung von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in

seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in

den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, »Züricher

Novellen«, »Das Sinngedicht« -- bedeuten einen Gipfel deutscher

Erzählerkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch

und mühsam klettern -- da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf

den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller

hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde,

geschrieben. Sein Landsmann _Heinrich Leuthold_ deren drei oder vier,

sein anderer Landsmann _C. F. Meyer_ (aus Zürich, 1825-1898) deren

viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen

und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes

(der Roman »Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine

Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als

Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er führte das

Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahre

war C. F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte,

veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben,

ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer

leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und

nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, die er mit

heiliger Scheu hütete.

Daß sie brenne rein und ungekränkt.

Denn ich weiß, es wird der ungetreue

Wächter lebend in die Gruft gesenkt.

Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und

Silen die liebsten.

In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,

Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,

Lieblich lauschend.

Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C. F. Meyer in der

Veltlinertraube.

Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die

deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht völlig unter die Räder

der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. _Carl Spitteler_ (aus

Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der

Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er

selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, einem

Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des

Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut er es den

schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der

bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine

Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz

analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter,

Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier

beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im

»Olympischen Frühling«, dem großen griechischen Epos, hat Spitteler sein

bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das

nicht von dieser Welt ist«. -- Von jüngeren Schweizern sind zu nennen:

der früh (1919) verstorbene _Karl Stamm_, ein Lyriker von vielen Graden,

der zarte Idylliker _Robert Walser_, der religiös vergrübelte _Albert

Steffen_ (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung.

* * * * *

Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist

_Otto Ludwig_ (aus Eisfeld, 1813-1865). Er sah sich zeitlebens im

Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur in seinem biblischen

Trauerspiel »Die Makkabäer« und in seinen Novellen über ihn hinaus, in

denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte

nicht schaden, wenn -- über Dostojewski -- Otto Ludwigs Prosa nicht

vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert. Wird _Gustav

Freytag_ (aus Kreuzburg, 1816-1895) aus der Gruft der Vergessenheit

auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und

Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt

ist. Des Mecklenburgers _Fritz Reuters_ (1810-1874) humoriges und

herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen

verständlich. (»Ut mine Stromtid.«) _Wilhelm Raabes_ (aus Escherhausen,

1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit,

seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche

Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm Raabe gibt es

kein besseres Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte:

deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden

bleiben wie des Friesen _Theodor Storm_ (1817-1888) rosenblätterige

Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine

Erzählung »Im Saal« -- eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms,

das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten

friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird,

wenn wir sie lesen, übermächtig in uns. Früher -- ja, das war freilich

eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch höflicher

gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen

Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in die Politik steckte,

den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so ließ man

die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch

alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande ... Aber

was wollt ihr denn?« fuhr die alte Großmutter fort, »wollt ihr alle

mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum

sind wir auch alle so unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen

zwischen Stern und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich.

_Paul Heyse_ ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken

wie _Geibel_ (aus Lübeck, 1815-1884), der einst so hochgefeierte. Geibel

wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber

Krieg und Sieg von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur

eine katastrophale Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, das

in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei,

Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus

seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger

gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern

lyrisch, von _Wildenbruch_, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß,

dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die

große Vergangenheit projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große

Zukunft abstrahierend (wie sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe

euch herrlichen Zeiten entgegen ...«), süßlich gesabberte Lyrik der

Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzählerkunst -- das

waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen Volkes.

Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich

hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den

ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C. F. Meyer, Fontane spendeten, nicht

recht munden wollte. Einzig _Theodor Fontane_ (aus Neuruppin, 1819 bis

1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen seiner großen

Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner

stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels

entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen

Typus steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter

geschlossenen Türen geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische

Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«.

Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm

seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt

abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er

wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist,

zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind

die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit

Mignon und Philine, Liane und Toni Häusler.

* * * * *

Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart · 第 5 / 7 段