Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach

viel Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das

den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab

aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser

neben die Hallen der Hehren; können wir's nicht im großen, so wollen

wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein.

Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten

in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gänge

an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene

waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten

sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, die sie nicht

gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie lernten das Leben der

unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe, beobachten und kamen

an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem

Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie brachten

es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine

Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten

die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim

Tod seiner Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein

rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst

den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem

Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von

der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist

klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der

Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der

extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung des Fragmentes

anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung

überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff,

jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch

der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich

selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und

heiteren Geselligkeit führen, bei der die Frauen -- wie sollte es anders

sein? -- das große und das kleine Wort führten. Ohne _Bettina von Arnim_

und _Rahel Varnhagen von Ense_ ist die Romantik nicht zu Ende zu denken.

Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben _Arnim_ (aus Berlin,

1781-1831) und _Brentano_ (aus Ehrenbreitstein, 1778-1842) jene

wundervollen Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten.

Sie selber freuten sich wie Kinder daran -- und Kinder waren alle

Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern

Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal)

Spiegelfechterei. Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein

typisches Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden,

Dichtung und Wahrheit, tief echt -- und dennoch da und dort, der

Wahrheit zuliebe -- verlogen. Arnim und Brentano machte es einen

Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene Gedichte einzuschmuggeln.

Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie

sich von den Gebrüdern _Grimm_ (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«)

erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im kleinen Liede

gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane rühmliche

Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich

gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren

Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber

sie hörten ihn längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die

kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. -- Hatte man

ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am Morgen in die Landschaft,

speiste draußen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und

traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man

disputierte über die Shakespeareübersetzung _August Wilhelm von

Schlegels_ (aus Hannover, 1767-1845) oder über _Friedrich von Schlegels_

(1772-1829) »Sprache und Weisheit der Inder«. Friedrich Schlegel sprach

mit Feuereifer über die östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht

gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz

in der katholischen Welt ging _Novalis_ (Friedrich v. Hardenberg aus

Wiederstedt, 1772-1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit

der Madonna.

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt.

In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik -- die

Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr

Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond -- gab Novalis sein

Tiefstes.

* * * * *

Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik.

Goethe ihre Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der

hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten

Verkündigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann,

gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im

Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte

Rose ausbrechend: durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff:

das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen

Menschen. Hölderlin: der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der

schönsten deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt

des ewigen Jünglings _Eichendorff_ (1788 geboren auf Schloß Rubowitz in

Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der

allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«, »Nachtgruß« -- so sind sie

überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt:

Nacht ist wie ein stilles Meer,

Lust und Leid und Liebesklagen

Kommen so verworren her

In dem linden Wellenschlagen.

Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond:

der schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus

weiter Ferne der Ton eines Posthornes -- zwei junge Gesellen wandeln

schattenhaft vorbei. --

Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker:

_Heinrich v. Kleist_ (aus Frankfurt a. O., 1777 bis 1811), vom

romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen

Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden.

Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum

verwirklichte. Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand.

Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der

verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser -- bis er

bricht. (»Der zerbrochene Krug.«) Den intellektuellen Frauen der

Romantiker stellt er jene süße, kindliche, unwissende, reine Gestalt des

Käthchens von Heilbronn gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die

unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die

gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch ein Gegensatz zwischen

ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf den Offa

türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich

als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich

stürzen sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der

grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des

Menschen, der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann.

Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg«

mit dem preußischen Gotte der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum

äußersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und

soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas

Unfaßbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es

gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht

erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu

einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der

sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so

braucht er nicht mehr zu sterben.

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie

flüssiges Feuer durchbraust er das Drama. Er schäumt wie ein Wolf von

den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm

der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit -- und nichts ertrug

Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen (Germania und ihre

Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkrieges an Blutdurst,

Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch übertroffen. Dieser

pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleist's empörten und verwundetem

Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held

der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl zum

Mörder.

Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein

Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der

genialistische _E. Th. A. Hoffmann_ (aus Königsberg, 1776-1822) aus. In

der Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht

seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat

leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu, sich vor sich

selbst zu fürchten. Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer

aus unserer eigenen Brust heraus.

* * * * *

Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit

der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt's auch in und

um Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der

Romantik. Geister und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch

was, das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit

solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein

Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und

unterhält und belehrt gleichzeitig. _Ferdinand Raimund_ (1790 bis 1865)

schrieb den Wienern solch scharmantes Geistertheater: »Der Alpenkönig

und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen _Nestroy_

(1802-1862) Volksstücke! Das ist Österreichertum, herzlich und ironisch,

von der besten Seite. _Franz Grillparzer_ (1791-1872) nahm das

österreichische Problem (in »König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer

Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer.

Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen,

teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas (Sappho, eine

Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig -- Das goldene Vließ --

Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie).

Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den

alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes

Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse

selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht

aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zu

tiefst verspürt hätte.

Elegisch beschließt die österreichische Romantik _Nikolaus Lenau_

(1802-1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn,

nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines

Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche

gesungen.

* * * * *

Die Dichter der Befreiungskriege _Theodor Körner_ aus Dresden,

(1791-1813, »Leier und Schwert«), _Max v. Schenkendorf_ (aus Tilsit, von

1783-1817), _Ernst Moritz Arndt_ (von Rügen, 1769-1860) und viele andere

standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten,

lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nämlich dazu, die

wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu

verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für

Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit jedoch

für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der

Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die

mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe

ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813

der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht

gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und

E. M. Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten das

unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der

aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie,

um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung

der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten

Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer wie

Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist

aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Träger des

revolutionären deutschen Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu

gewärtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht?

* * * * *

Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen

Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend

auf den Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das

»junge Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie

weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber

stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie

Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und

setzte ihn hinter Festungsmauern. Das »junge Deutschland« ist viel

angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die

Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, _Herwegh_

(aus Stuttgart, 1817-1875) einzig schwingt sich über die andern empor

»wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei der

Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo

sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der

heutigen Zeit: des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher,

Hasenclever, hat viele Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen,

wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im

Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine

gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung wegen im

Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die

besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und

Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren.

Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen

These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener

Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst

können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt

Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht,

Politiker zu werden: vermöge seiner geistigen und moralischen Kräfte,

angesichts seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber auch

die Pflicht, Dichter zu bleiben, d. h. mythischer Diener der

Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist gewiß eine

respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol

des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene

Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein

kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die

schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern.

Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens

von größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von

Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der

Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich

wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von _Heinrich

Heine_ (aus Düsseldorf, 1797-1856): »Die schlesischen Weber«:

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

Deutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch:

Wir weben, wir weben!

Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen

entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in

die tiefste Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier

war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten

des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört

mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes:

jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer

Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe

sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf

Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schönsten

Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu

suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen

Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt

nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß

jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die

Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und

schlägt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in

seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren.

Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister überhaupt und den

Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten

Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit _Ludwig Börne_ (aus

Frankfurt, 1786-1837) und _Karl Gutzkow_ (aus Berlin, 1811-1878)

bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen

Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf

vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den

deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten Pfeilen

Deutschland in den Rücken schieße) hat man ihm besonders übel genommen,

und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies

sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (»Französische

Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und

adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutezia« die europäische

Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den

»gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und

England--Frankreich--Rußland. »Doch das wäre nur der erste Akt des

großen Spektakelstückes, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die

europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit

der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität, noch

von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die

Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden ...«

Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als

solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht

leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp des

Zeitungskorrespondenten: der erste europäische Journalist und

Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir's ihm

ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und anmaßenden Epigonen?

Freilich, auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten

Polemiken (gegen Platen z. B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in

seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett

fesselten und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich selber der

»Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine

echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in

ihnen bloß. Er war schon lange des Lebens müde geworden. Die vielen

Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war

bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und eine kleine letzte Freundin: die

Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu

fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war

so sterbensmüde geworden:

Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser -- freilich

Das Beste wäre nie geboren sein.

Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:

Der Tod, das ist die kühle Nacht,

Das Leben ist der schwüle Tag,

Es dunkelt schon, mich schläfert ...

* * * * *

Über den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer

Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in

Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus.

Wenn ihrer trefflichen, wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder

die Spätzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die

Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung.

Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl über die Quasten und

Bommeln ihres Schlafrockes. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die

Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da

schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt

ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte und

Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu

dichten. _Ludwig Uhland_ (1787-1862) ist in Tübingen geboren, und der

Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine. Ernste

Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der

Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in

den Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der

schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der

Mensur für »das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und

Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde

1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion in das

Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er schon 1833 seine Tübinger

Professur für deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der

württembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche

poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens. Da sang er

jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind: »Ich

hatt' einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«. Als

Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier _Moritz Graf Strachwitz_

(1822-1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener

edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die der

schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden. Die Ballade

nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken

der weinselige _August Kopisch_ (1799-1853), dessen »Heinzelmännchen«

wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie von Noah« wir als

Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner

roten Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit

der einen Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger

und sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die

Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,

dieweil darin ersäufet sind

all sündhaft Vieh und Menschenkind ...«

Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des

schwermütigen und schwerblütigen Grafen _Platen_ (aus Ansbach,

1796-1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen

Kopisch nötig wie Kopisch -- den Wein. Um sich in der Misere seines

Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal

war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn

zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens

verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er

gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen

Götterjünglings.

* * * * *

Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart · 第 4 / 7 段