_Friedrich Schiller_ (1759-1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist

ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem

konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein.

In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit

der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches

Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution,

der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die

Realität weit hinter der Idee zurückblieb, -- wie es in Revolutionen

immer zu sein pflegt -- angewidert wegwandte.) Diese Räuber wollen die

ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue, bessere

Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch

Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des

Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die

konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In

Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert.

Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen

Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch

seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen

heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert

werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« -- aus dem freien Gedanken

wird die freie Tat sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium

der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck

gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ,

werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert

und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen

geschrieben scheinen. Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799,

vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des

Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das

Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber =faute de mieux=. Er kann

einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich

das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat

seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom »Wallenstein« ist

Schillers Werk gegipfelt. Den vielen männlichen Rebellen in Schillers

Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche

Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die

revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria

Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der

Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im

»Tell«, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die Idee der

»Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller

Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem

Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische

Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses

Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja

verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung,

vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier

seine glänzendste Gloriole. -- Tell scheint mir eine aus der Tiefe von

Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen

Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des

deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig

von ihm zu befreien ... Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm

verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine

Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er

hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte

sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist

er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in

die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches

Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte. Gegenüber

solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam

wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.

* * * * *

Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der

Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der

liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen

Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: _Matthias Claudius_

(1740-1815), der »Wandsbecker Bote«, und _Johann Peter Hebel_ (1760 bis

1826), der »Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe der Schriften

des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von

Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist

der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht

er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war

ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er

bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten.

Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied. Schon in der Schule

haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel,

als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem

Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte. _Johann Peter

Hebel_, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder.

Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie

der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er predigt

Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher

und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben

werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie

nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die

Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er

betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen

Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der

Dämmerung in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: die Venus

oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater,

was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« -- dann wird er uns über

die Haare streicheln und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch

über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel

darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die

goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht

verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat ...« Ein solcher Dolmetscher

ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.

* * * * *

Wenn _Goethe_ (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die

kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner

Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb

nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er

trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle

bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des

deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer

pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte

sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee

zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor

jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu

sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir

und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das

über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und

Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer

Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben

Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem

deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt. Er war

der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in

jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele

einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und

schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz

der Welt gerichtet. Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich

abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so

rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich

und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in

Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zu Hilfe,

um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten.

Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher

seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht

erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete

mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der

Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.

In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine

Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw.

waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur

Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns

Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein

Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die

lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens

hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber

immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die

unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle

Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und

sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie

zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, seine

Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber

launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer

Pfarrerstochter; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes

Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie

aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die

glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute

Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen

Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der Minister, als

Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem

sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte

und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche

Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer

Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen

Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in

Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Diwans«, die den

alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft

entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer

achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des

Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.

Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten

Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa

durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik

durch »Ganymed«, »Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der

Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile.

Sang wie ein Kind zu Kindern:

Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!

Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen

aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von

Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen:

Sieh, die Sonne sinkt!

Eh sie sinkt, eh mich Greisen

ergreift im Moore Nebelduft;

entzahnte Kiefer schnattern

und das schlotternde Gebein --

Trunkener vom letzten Strahl,

reiß mich, ein Feuermeer

mir im schäumenden Aug',

mich Geblendeten, Taumelnden,

in der Hölle nächtliches Tor.

Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich

wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem

meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er

wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch

Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der

Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für

einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die

Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln

entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der

Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des

Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern

erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe,

Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen:

Pindar, Li-taipe --!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters,

der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem

Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller

Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von

der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein

wird):

Ihr Märtyrer für Menschenwürde,

Vertraut der Wahrheit und der Zeit.

Vergänglich ist des Druckes Bürde,

Doch ewig die Gerechtigkeit!

Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den

Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit

Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf

den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung

der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als

irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen

Grundformen sie sich berührt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind

läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß

ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion

auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch

notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk

braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur

dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen

Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen,

der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen

wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden,

vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eins das andere

nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher,

Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und

manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu

lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach

eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl

die alternde Brust wärmt.

Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer

wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins

Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied

des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der

beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama

schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge

Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger

Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen hat, die hübschen

Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen

Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er

unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt,

der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als

Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon

einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewißheit, daß er die

Ernte bis zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust

ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er

empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf

dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen,

aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg -- das ist das Ziel. Der Wille --

das ist der Zweck.

Wer immer strebend sich bemüht,

den können wir erlösen,

singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend.

Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch

umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast

ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm

stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im

Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine

Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel

künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust:

den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens

nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des

Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch

von Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. -- In

»Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach

shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen

Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in

der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788

erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und

Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der

Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe

Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu

Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege

zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale:

Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. -- Neben dem Faust gebührt

der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im

Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und

Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt

und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit.

Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht

durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist

das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten

Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je

einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie

lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist

der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll

an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht

eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren

seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer

dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von

der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt

die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine

neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des

Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen.

Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie

und der Schrei des Dichters im Tasso:

Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse,

sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein

politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm

Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde

seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder

Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt

des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom

Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon,

begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer

berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zum Faust bilden, so die

»Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das

Seitenstück zur Iphigenie.

Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März

1832.

* * * * *

Mit Heinse und Geßner bildet _Jean Paul_ (aus Wunsiedel, 1763-1825) das

Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden

Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie

bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit

sie's gebracht. Jean Paul ist der größte unter den dreien, und einer der

größten deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu

ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und

Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte,

glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die

Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt,

wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts,

wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine

Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn

menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da

der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen,

winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen

strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die

Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und

die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den

Narzissen der Morgendämmerung.

Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste,

geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die

schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in

den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs«

vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer

Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei

aller Empfindlichkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer

Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und

Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem

Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde

davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und

der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. Seinem lyrischen Bruder im

Geiste: _Friedrich Hölderlin_ (aus Lauffen am Neckar 1770-1843), genannt

der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er

über die Wogen der Welt segeln.

Wünscht ich der Helden einer zu sein,

Und dürfte es frei bekennen,

So wär ich ein Seeheld.

Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und

höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte,

wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch

dichtete. Als er begann, seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich

von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns

auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß

gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als

Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte

fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem

Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe

des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux

zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er

den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das

Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen

hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er

mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer

eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach

der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte

in den Wolken und wußte von dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein

verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn

wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehören zum

Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen

ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.

* * * * *

Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart · 第 3 / 7 段