ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem
konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein.
In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit
der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.
Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches
Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution,
der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die
Realität weit hinter der Idee zurückblieb, -- wie es in Revolutionen
immer zu sein pflegt -- angewidert wegwandte.) Diese Räuber wollen die
ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue, bessere
Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch
Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des
Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die
konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In
Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert.
Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen
Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch
seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen
heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert
werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« -- aus dem freien Gedanken
wird die freie Tat sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium
der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck
gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ,
werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert
und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen
geschrieben scheinen. Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799,
vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des
Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das
Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber =faute de mieux=. Er kann
einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich
das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat
seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom »Wallenstein« ist
Schillers Werk gegipfelt. Den vielen männlichen Rebellen in Schillers
Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche
Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die
revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria
Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der
Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im
»Tell«, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die Idee der
»Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller
Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem
Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische
Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses
Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja
verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung,
vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier
seine glänzendste Gloriole. -- Tell scheint mir eine aus der Tiefe von
Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen
Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des
deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig
von ihm zu befreien ... Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm
verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine
Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er
hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte
sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist
er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in
die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches
Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte. Gegenüber
solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam
wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.
* * * * *
Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der
Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der
liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen
Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: _Matthias Claudius_
(1740-1815), der »Wandsbecker Bote«, und _Johann Peter Hebel_ (1760 bis
1826), der »Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe der Schriften
des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von
Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist
der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht
er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war
ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er
bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten.
Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied. Schon in der Schule
haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel,
als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem
Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte. _Johann Peter
Hebel_, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder.
Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie
der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er predigt
Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher
und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben
werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie
nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die
Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er
betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen
Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der
Dämmerung in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: die Venus
oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater,
was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« -- dann wird er uns über
die Haare streicheln und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch
über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel
darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die
goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht
verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat ...« Ein solcher Dolmetscher
ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.
* * * * *
Wenn _Goethe_ (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die
kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner
Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb
nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er
trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle
bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des
deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer
pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte
sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee
zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor
jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu
sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir
und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das
über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und
Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer
Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben
Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem
deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt. Er war
der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in
jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele
einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und
schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz
der Welt gerichtet. Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich
abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so
rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich
und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in
Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zu Hilfe,
um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten.
Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher
seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht
erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete
mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der
Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.
In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine
Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw.
waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur
Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns
Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein
Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die
lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens
hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber
immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die
unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle
Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und
sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie
zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, seine
Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber
launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer
Pfarrerstochter; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes
Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie
aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die
glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute
Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen
Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der Minister, als
Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem
sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte
und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche
Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer
Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen
Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in
Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Diwans«, die den
alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft
entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer
achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des
Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.
Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten
Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa
durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik
durch »Ganymed«, »Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der
Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile.
Sang wie ein Kind zu Kindern:
Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!
Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen
aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von
Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen:
Sieh, die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich Greisen
ergreift im Moore Nebelduft;
entzahnte Kiefer schnattern
und das schlotternde Gebein --
Trunkener vom letzten Strahl,
reiß mich, ein Feuermeer
mir im schäumenden Aug',
mich Geblendeten, Taumelnden,
in der Hölle nächtliches Tor.
Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich
wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem
meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er
wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch
Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der
Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für
einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die
Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln
entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der
Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des
Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern
erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe,
Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen:
Pindar, Li-taipe --!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters,
der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem
Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller
Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von
der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein
wird):
Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
Vergänglich ist des Druckes Bürde,
Doch ewig die Gerechtigkeit!
Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den
Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit
Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf
den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung
der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als
irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen
Grundformen sie sich berührt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind
läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß
ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion
auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch
notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk
braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur
dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen
Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen,
der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen
wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden,
vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eins das andere
nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher,
Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und
manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu
lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach
eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl
die alternde Brust wärmt.
Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer
wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins
Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied
des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der
beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama
schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge
Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger
Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen hat, die hübschen
Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen
Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er
unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt,
der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als
Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon
einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewißheit, daß er die
Ernte bis zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust
ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er
empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf
dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen,
aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg -- das ist das Ziel. Der Wille --
das ist der Zweck.
Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen,
singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend.
Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch
umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast
ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm
stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im
Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine
Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel
künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust:
den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens
nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des
Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch
von Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. -- In
»Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach
shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen
Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in
der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788
erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und
Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der
Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe
Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu
Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege
zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale:
Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. -- Neben dem Faust gebührt
der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im
Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und
Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt
und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit.
Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht
durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist
das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten
Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je
einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie
lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist
der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll
an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht
eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren
seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer
dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von
der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt
die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine
neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des
Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen.
Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie
und der Schrei des Dichters im Tasso:
Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.
Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse,
sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein
politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm
Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde
seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder
Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt
des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom
Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon,
begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer
berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zum Faust bilden, so die
»Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das
Seitenstück zur Iphigenie.
Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März
1832.
* * * * *
Mit Heinse und Geßner bildet _Jean Paul_ (aus Wunsiedel, 1763-1825) das
Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden
Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie
bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit
sie's gebracht. Jean Paul ist der größte unter den dreien, und einer der
größten deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu
ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und
Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte,
glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die
Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt,
wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts,
wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine
Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn
menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da
der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen,
winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen
strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die
Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und
die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den
Narzissen der Morgendämmerung.
Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste,
geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die
schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in
den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs«
vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer
Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei
aller Empfindlichkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer
Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und
Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem
Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde
davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und
der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. Seinem lyrischen Bruder im
Geiste: _Friedrich Hölderlin_ (aus Lauffen am Neckar 1770-1843), genannt
der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er
über die Wogen der Welt segeln.
Wünscht ich der Helden einer zu sein,
Und dürfte es frei bekennen,
So wär ich ein Seeheld.
Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und
höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte,
wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch
dichtete. Als er begann, seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich
von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns
auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß
gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als
Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte
fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem
Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe
des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux
zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er
den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das
Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen
hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er
mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer
eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach
der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte
in den Wolken und wußte von dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein
verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn
wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehören zum
Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen
ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.
* * * * *