(1700-1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und
deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du
nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther
gekannt hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer
bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische.
Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte die Poesie
zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst für die
Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte Theorie auf und
verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter -- immer
mal wieder -- strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm
eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds
dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst
sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums
wurde _Christian Fürchtegott Gellert_ (aus Sachsen, 1715-1769). Denn er
vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds
Steifheit, Bodmers »moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und
eine milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus
der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner
Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter
bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der
Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der
deutschen Dichtung absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich
huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und
Moral. Seine Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht
und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen,
gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. Weh tun wollte diese
personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur ein Fürchtegott,
sondern auch ein Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie
in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel
durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische
Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust
recht und wahrhaft leben zu können wie _Friedrich von Hagedorn_ (aus
Hamburg, 1708-1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren,
die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und
die Anbetung der Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig
vereinten.
* * * * *
Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen
gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren
ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen
hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter
Schürzenjäger, Horaz im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus
witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden,
dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die
schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er
sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig. Anakreon und
Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen Rokoko: die
griechischen Götter, nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen
führten den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen
gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden Schäferinnen:
Phyllis oder Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war
nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war
von der Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur
und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider,
die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf
wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß gewaschene, saubere
Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und
die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die
anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den
Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, einer der sogenannten
Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen
entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute
_Philipp Harsdörffer_ gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters«
(mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich
eintrichtern wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je
eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter
als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und
Dränger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier
angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer Goethe gelang es noch einem
Lyriker, seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene Töne
zu entlocken: _Johann Georg Jacobi_ (aus Düsseldorf, 1740-1814). »Ihm
war die Grazie (-- übrigens das Lieblingswort der Epoche! --), die so
mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte, angeboren« heißt es im
Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes
Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie von Goethe
sein könnten.
Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein
reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Zürcherische
Dichter _Salomon Geßner_ (1730-1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald
seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der
deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen
seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er
gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen
Dichtung. Geßner war einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht
besser werden in der Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden
erst dann den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er
wahrhaft populär geworden sind.
* * * * *
Ist Opitz als Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor
der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man _Gotthold Ephraim
Lessing_ (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen
Professors und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht
vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm
langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und
Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam
und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen
Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmerige und
nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte
er besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da
rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit,
zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den
Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volkslied
und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift
Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit
alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare
Unterscheidung von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz
zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte
beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt, von Haller,
Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren Auswüchsen
die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu
verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich
(nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch
Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er
rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen! Ruhe, Beharrung ist das
Zeichen der bildenden Kunst. Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in
die Bude bringen. =En avant!= Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät
hier in Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis 1769)
zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den französischen
Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus den Perücken
fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische
Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der
Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen
nachzuleben. In »Miß Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von
jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht
bürgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine
Prinzessin, sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie
erleben kann. Die französischen Klassiker reservierten prinzipiell das
Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Göttern. In »Minna von
Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine
wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und
sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major
von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in
der deutschen Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der
Maske des Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei
hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In »Nathan dem
Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen:
hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die
allgemeine Toleranz, die große Liebe. Der christliche Tempelherr, der
Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der
Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken
heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan vollendete
sich Lessing selbst.
* * * * *
Das Größte an _Klopstock_ (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein
patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon Schulpforta mit
neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner
Abschiedsrede klingt das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich
will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! -- Und er ist es
geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester
hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, die
=Bardiete=, singend, den deutschen Göttern opferte, war das Gotteshaus
gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den
Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst,
sahen. Er goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen
»Oden«, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er
ist spröder als Hölderlin und unserem Empfinden schwerer zugänglich
-- aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf.
Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung gut tun. Die
jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt
etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fühlte sich zeitlebens als
»der Lehrling der Griechen«. Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«,
ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen.
Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hölle zur
Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen hymnischen und
lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat
zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.
* * * * *
Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts
einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine
rebellische. Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge:
dem Hainbund (Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis,
Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften
empor, und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber aber
nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) betitelten Drama eines
der ihren, des Maximilian Klinger: Stürmer und Dränger. Klinger war ein
Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem
Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle überstürmen
und zurückdrängen sollte: Goethe. Wie die Bruderbünde der heutigen
jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie die Stürmer und Dränger
die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen
geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die
bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren _Johann Heinrich Voß_ aus
Mecklenburg (1751 bis 1826) und _Ludwig Hölty_, der 1776 im jugendlichen
Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes:
gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die Redaktion des
Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm, darf eigenen
dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste
Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war
er angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und
Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in
Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische
Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so
volkstümliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus
und Hera in der Götterwelt Wodan und Freya den Rang streitig machen, so
ist's das Verdienst von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im
olympischen Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen möge!
* * * * *
Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und
Herder, dagegen erscholl an die Adresse _Wielands_ (1733-1813, aus
Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifach kräftiges Pereat.
Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien.
Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser, klingender Stil, spielend
wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht
Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der
Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten
sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre
Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling
Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in
Flammen auf. Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel
mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie
ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie -- aber er
ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien
hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester
bis zum Anbeter der mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein
kann. Was seine vielen Wandlungen verklärt: er war alles mit der
gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die
Hainbündler für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. Sein
großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich
selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird
immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein,
die auch durch den komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine
Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von
allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) den Lorbeer, und
zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen
Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben Mahler
Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik
nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander
über wie die wirkliche und die Geisterwelt.
* * * * *
Unter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden,
innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen. Unter
ihnen ist vor allem _Gottfried August Bürger_ (1747-1794, aus
Ballenstedt) zu nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten
Stürmern und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden
war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen
Himmel und Erde, bis ihn die Erde gnädig in ihren Schoß zurücknahm. Er
war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine
Lieder an Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die
Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen bewährte
er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von »Münchhausens
wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt werden, so wie wir
dankbar bei dieser Gelegenheit des alten _Musäus_ (1735-1787) gedenken
müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom
grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals grade sammelte
und nacherzählte.
* * * * *
Waren die Hainbündler mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer
und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr
politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen
und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das
er über »Die Räuber« setzte: =In tyrannos!= kann man über die ganze
Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren die deutschen Vorläufer
und Brüder der französischen Revolutionäre von 1789. Wie Wilhelm II. dem
Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach
dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur
Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch
gegenüberstand -- denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche
der Tat auf dem Fuß zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem
Ansturm der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging ums
Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es
handelte sich darum, ob die deutschen Fürsten ihre Untertanen als
Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um
aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten,
oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche
»Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, der nicht ein
Hundsfott oder Lump sein wolle. In den »Räubern« und in »Kabale und
Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder. Und es ist nicht zu
verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung
gegenüber ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung
paßt mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft«
genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, weiterhin
»Komödie« zu schreiben, machte Schiller dieser Komödie ein Ende und floh
aus Württemberg ins Ausland. Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe
_Christian Schubart_ (1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die
Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg
büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der »Fürstengruft« wie
Pfeile entgegen.
_Jakob Reinhold Lenz_ (aus Seßwegen, 1751-1792) schrieb sein Drama »Die
Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte.
Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen.
Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der
Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt
verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr
auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz geblieben, der er
war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wäre! Aber
er wollte ein Goethe werden.
_Maximilian Klinger_ (aus Frankfurt, 1752-1831), dessen eines Drama der
Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine
Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter
resigniert er. In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und
Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen
geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker _Georg
Christoph Lichtenberg_ (aus Darmstadt, 1742-1799) den Stürmern nahe,
besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen.
Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß _Wilhelm Heinse_
(1749-1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und
die glückseligen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der
leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit.
Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von
Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht wird,
bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch
die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht.
Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie
muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut
paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher
ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und
gefestigt durch sie hindurchgehen.
* * * * *
_Johann Gottfried Herder_ (1744-1803, ein geborener Ostpreuße) ist einer
der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der
Deutschen alle geartet wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der
Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech;
also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der
sie in den Abgrund führt. Über der festen Grundlage einer allgemeinen,
philosophischen und philologischen Bildung wölbte sich bei Herder in den
Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines großen Geistes und eines
hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der
geistigen Urheber der Französischen Revolution, kennen. In Straßburg
geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: der schwärmerische
Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den
mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des
Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen
Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel
wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und
lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden. Sein »Briefwechsel
über Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch
die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und
Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in
seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten
Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des
deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schöpfer dieses Wortes:
Volkslied. 1778-79 durfte er in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker
in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der
Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder
in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten
über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei
gegen die französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das
Rousseausche »Zurück zur Natur!« für die deutsche Dichtung formuliert:
»Zurück zur Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und
deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der
Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, und laßt das
freie Wetter über die Blüten eures Geistes brausen! Welche Blüte darin
umkommt, die ist nicht wert, daß sie geblüht hat.« -- 1777 kam Herder
auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier
schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt,
die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den ersten
groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik
von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der
erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft
vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelüberschrift
wie diese: Die Erde als Stern -- wieviel besagt und beleuchtet sie schon
im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1430-1450), der üblichen
Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen
Geschichtsschreibung. -- Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte
seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den
Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend überwunden. Als er
die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen
Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als
Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!
* * * * *