Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbeweg

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_Nummer 12 der_

_Zellenbücherei_

_Copyright 1922 by_

_Dürr & Weber m. b. H._

_Leipzig_

*

Dritte, vom Autor neu durchgesehene und überarbeitete Auflage

20.-30. _Tausend_

_Klabund_

Deutsche Literaturgeschichte

in einer Stunde

* * * * *

Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart

[Illustration]

1922

_Dürr & Weber m. b. H._ * _Leipzig_

Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch

philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen,

volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die

Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk

haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer

»völkisch« sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der

tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den

allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel

aber ist allen Völkern gemeinsam.

Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Winde da- und dorthin

getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben.

Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird

ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken.

* * * * *

Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wodans

niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in

halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich

erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen

sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche

Dichter.

Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne

entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als

geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand in seinem

Munde wie nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen

beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er

neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde,

Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort

wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur

Liebe führt durch Haß und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß

gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. Er

singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die

dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und nur die Sonne ist ihre

Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag

neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige

Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und

seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und

das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus

Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die

Wolken, bis an Gottes Thron selbst.

* * * * *

Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das _Wessobrunner

Gebet_, um 800 entstanden, voll großer Anschauung und starker

dichterischer Kraft. Karls des Großen Biograph _Einhart_ (+ 840)

erzählt, daß Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen.

Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen

aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet

wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als

Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und

Christusgeschichten aufgetischt. Unter den Nachfolgern Karls des Großen

blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur

von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört

sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens

dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen.

Das stolzeste Epos der Deutschen ist das _Nibelungenlied_ (um 1210). Die

sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den Rittern der Völkerwanderung

noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held

seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben.

»Welch ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der

Nibelungen auf«, schreibt A. W. von Schlegel. »Mit einer jugendlichen

Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein

leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der

Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure

Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht

von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie

vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und

Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.«

Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener

Seele verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und

Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in

Trümmer gebrochen.

Das _Gudrunlied_ (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender

aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das

Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in

eine rosenrote Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.

* * * * *

Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gepflegt und in

Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romanischen

Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die

Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, wie man

ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde

weihte. Von Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von

Kürenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein

Jahr gezähmt und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann,

genannt der _Spervogel_ (+ 1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche

und Fabeln, z. B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich

Leben führen wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hüten der Schafe

an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht

besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe -- und derartige Schafe sind

leider heute verbreiteter denn je.

Von 1160-1230 ritt Herr _Walter von der Vogelweide_ durch die Welt. Er

kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen,

wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen

mageren, schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die

Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein

Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnüsse an den

tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem

Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker der er war, daß die

Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die

deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der

Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie

blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch

lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und

geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts,

selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich

und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen,

die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz,

sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich und sprach:

Nehmt, Fraue, diesen Kranz,

So zieret ihr den Tanz

Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.

Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, strich den

Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein.

Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter,

Gottesschwester, Gottestochter all in eins.

Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den

Kreuzzug. Er haßte die Pfaffen und den falschen Gott in

Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang

den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie:

Jetzt erst bin ich beseligt, da mein sündig Auge die heilige Erde

betrachten darf.

Dahin kam ich, wo den Pfad

Gott als Mensch betreten hat.

Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen

Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war

sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und

Bitternis überall. Die Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem

deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er, den Blick auf den

fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste

Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu miniu jâr! Im

Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das Sterbliche

von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem

Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main

und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem

Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke

Körner zu kaufen seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner

und Wasser vorfinden sollten.

Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte

den Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden!

Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im

kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben

pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide!

Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein.

Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez', der taet mir leide,

rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab.

* * * * *

Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester

_Mechthild v. Magdeburg_ (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden

Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren

Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich

lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur

Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre

Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war

der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene

höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes

Prinzip. »Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der

Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so

stark, noch also vollkommen als die Minne.« Mechthild von Magdeburg ist

trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist

ihr zärtliches Gespiel und sie seine Tänzerin. _Meister Eckhard_

(1260-1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu

ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war

ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und ein

Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war

ihm eine Station zum Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen

oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut

fließe. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle

Kapuzen übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der

göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben

leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann aus Böhmen«

sein, den _Johannes von Saaz_ 1400 in die Welt schickte. Der Dichter

kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen

einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem

Gottesgericht) sein Weib von dem Räuber und Mörder Tod zurück.

»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott,

der Euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung treffe Euch; Unglück hause

bei Euch mit Macht; ganz entehret bleibt für immer!« so beginnt der

Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet: »Du fragst, wer wir sind: wir

sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune,

rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen und Gras

hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge

ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.« In immer verzweifelteren

Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel

des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu

hausen scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die

Stellung des Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht:

»Kläger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem

Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben

verpflichtet.«

* * * * *

Mit den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt.

Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die

öffentliche Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das

erste Recht der Beurteilung für sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die

_Hartmann von Aue_ (+ 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von

schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf

ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich

seine eigene Mutter. Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu

sühnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach

siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er wird von ihnen

im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben

und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene

Mutter ihrer Schuld ledig.

Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes.

Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu

retten: das Blut einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet

sich ein Mädchen, für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das

Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen

des Mädchens Gott der Liebenden: er macht den armen Heinrich gesund und

zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten.

Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist _Wolfram von Eschenbach_ (etwa

1170-1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war ein armer

Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen

von Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den

Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt,

vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich,

in sich. Er hatte die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment

entwickelte, dessen Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von

Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus

unverzerrtem Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette

auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war.

Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger Herr« tituliert

wurde, sondern mit dem er reiten und jagen und spielen durfte wie mit

sich selbst. Er hatte 1200-1210 in 24810 Versen im »Parzival« den

Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel

vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in

ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten

Willens einer Epoche, der er schon längst nicht mehr angehört. Der Stoff

ist französischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der

Erlösung: christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival

gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind

zum seiner Seele bewußten Mann ist ganz Wolframsche Prägung. Er ist den

Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.

_Gottfried von Straßburg_ (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse, war

auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren,

ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im

Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer

leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz

der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von

seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und

Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe und Schiller, zwei

dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker.

Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung

und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein,

Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und

Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.

* * * * *

Während die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung

entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das

Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten

der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten

Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüder

Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner,

Vagabunden und Gott weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier

und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten

kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke

des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen.

Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der war voll von Träumen wie ein

Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die

Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der

Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge

Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame

Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich

rieche, rieche Menschenfleisch ...«, aber dann ließ er sich doch von

seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!).

Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand:

Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönste im ganzen Land?

Und der Spiegel antwortete:

Frau Königin, Ihr seid die schönste hier.

Aber Sneewittchen über den Bergen

Bei den sieben Zwergen

Ist noch tausendmal schöner als Ihr.

Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:

Kywitt, kywitt,

wat vörn schöön Vagel bün ick ...

Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein Mensch, der sich

nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen

sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele

wandern. Vogel und Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen

Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie

pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber

böse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln

von Märchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit

zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von

Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm war

der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tür fällt ins

Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag.

Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Die waren eins. Die Märchen

und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über

Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen

Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber

(der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie die zwei Königskinder,

die zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«.

Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu

denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die

kommen mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde

der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll

vollendeter Klassizität, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch

Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den

Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Männer schichteten.

Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen

Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn

er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den

dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel

in ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.

* * * * *

Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen vor

sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der

Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von

der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem

Nibelungenliede hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht,

von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel

und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische

Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh

barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde der

Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16.

Jahrhundert fällt die Blütezeit des deutschen Volksliedes. Zuweilen nahm

sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche

Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei

braven Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab

wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie

meinten, die Dichtung würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem

Dunst satter Behäbigkeit recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen

mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie

erbrach. Von der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie

Gottfried oder Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus fiel

auseinander -- was Hebung, was Senkung --, man zählte einfach die Silben

zusammen. Aus dem Minnesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler

_Oswald v. Wolkenstein_ (+ 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen

Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen

nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem verendenden Tier.

Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich

nun ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel

zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit

irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten

aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden

und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist

lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling,

dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und

Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als

die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das

Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in

Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich in fast allen

größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten

sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der

Vollender und Überwinder des Meistersanges ist _Hans Sachs_, geboren

1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein

eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber

Nunnenbeck die Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging

wie ein rechter Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so

viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine

Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem

Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen

Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend, da und dort überraschen sie

durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet

sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren

kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer

zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg

zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000)

Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen

Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein

82. Jahr hinübergerettet. Er hat es in seinen Schwänken auf moralische

Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem

Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen

die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie

sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen

brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform

trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem

Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der

Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt, und keinen Jäger,

der sie beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur nebenbei

zu Hans Sachs.

* * * * *

Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation

kündeten eine neue Ära an. _Sebastian Brant_ aus Straßburg (1458-1521)

hatte als Sohn eines Gastwirtes früh offene Augen für die

Lächerlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In

Übergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines

Kartenspieles durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen

Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite

zu verzerren und zu vergröbern. Sebastian Brant studierte Recht -- ohne

es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität Basel. 1494

erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast

gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als

zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die

Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den

Rand. Auch du, lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns

gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian

Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich

abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel

stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden. -- Zwanzig

Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen

die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den

Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren

nicht über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn

deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische,

Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg?

Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische

Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich

wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomödien war er ja

schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man

seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen

Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung

der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück- oder

Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust,

titanischen Ringer um die letzten Probleme, zeigt. Eulenspiegel tritt

auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken

seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert

und Möglichkeit dadurch =ad absurdum= geführt werden. Er ist zugleich

leicht- und tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie

dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck

gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken

berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch heute sein

Grabstein gezeigt wird. Vorher waren schon Schwankbücher wie _Jörg

Wickrams_ »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders _Johannes Pauli_

»Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder

moralische Anekdoten erzählten, die sich nicht um einen einzelnen Narren

gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen.

Wobei zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war

als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und

witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz

und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest

man folgendes: »Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und

mit viel Gewehren, wie es denn Sitte ist; da stund ein Narr da und

fragte, was Lebens das wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der

Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer und

gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot. Der

Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Frieden mache!

Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit

solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde ich

vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich

witziger als Eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes

Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems »Eisernem

Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten uns

dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.

* * * * *

_Luther_ wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters

geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, störrisch, verprügelt, und

richtete schon früh sein Auge von der Misere außen nach innen. Sein

Vater hat ihn hart geschlagen: daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz

schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer

Kern. Sein »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir,

Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer sein. Sein

Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie

wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

Bismarcks Werk schien auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten,

es zu unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach

zusammenstürzte. Auch über Luthers Reformation ist das letzte Urteil von

der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige evangelische Kirche

spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, gottlosen Nüchternheit nicht

für eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein

religiöser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder

rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur-

und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das

Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige

Christenheit, unterstützt von der humanistischen Vorrevolution des

Geistes, von der römischen Knechtschaft befreit, aber er hat den

Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen

Partei für die Fürsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung

der Bibel im monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers

ist ... es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr

untertan sein ...«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Fürsten

brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren

trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm

gezüchtete und herangeprügelte Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der

»Untertan« den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst

die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum

wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns:

Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther aber war ihr

bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine

historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine

Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefügt.

Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelübersetzung kann

nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche

Sprache überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der

sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart zimmerte er

wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzückt und

berauscht wir heute noch spielen dürfen. Er aber war der Töne Meister

wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der

Esel lauschend den behaarten Kopf -- dann verstummten selbst die

Humanisten mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten

konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. »Ich

hab's gewagt.« Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu

grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts

mit dem Pöbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, daß man sie

in der Menge nicht verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum

erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei über

der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind in den

Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem

andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und

griechisches Lexikon in den Bücherschrank zurück und legte die

Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und

sein Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines

Christenmenschen«, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straßen

sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. Und sie, die tumben

Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat

umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie

Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm

verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner, mit

dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott ...« Luthers kernige und

fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden,

beweisen, was für ein großer Redner er war. Er steckte damit wohl alle

heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, daß er selber kein

Volks-, sondern ein Fürstentribun war.

* * * * *

Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das

evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schönsten geistlichen

Lieder verdankt die evangelische Kirche _Paul Gerhard_ (1607-1676, starb

in Lübben als Prediger). Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem

streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl.

Wir alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr ...) sind,

haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig

gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das

kindliche Gemüt Gott wahrhaft nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich

uns, wenn der lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über

die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende

Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein Erlöser

lebt ... Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter

und mit den Knechten und Mägden vor der Tür in der lauen Sommerluft

saßen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange

hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und wir

fielen alle leise ein:

Nun ruhen alle Wälder,

Vieh, Menschen, Städt' und Felder ...

Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat _Angelus Silesius_

(aus Breslau, 1624-1677), der cherubinische Wandersmann, über. Er

schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die

»ägyptische Plage« des Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten,

überaktuellen Ausdruck fand.

Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine

lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich über eine Menge seiner

Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung

des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein

Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.

_Paul Fleming_ (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte

als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen,

eigene Bahnen zu finden und sie zu überstrahlen. Seine zärtliche Liebe

zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schönsten

Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbüchern haben es

sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu

versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu

verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und wenn im Liede

Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in: »Jesus gibt sein Ja auch

drein«. Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein

gegeben. Er wird im Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine

Pfaffenheimer.

* * * * *

In der Lyrik der Schlesier _Hofmann von Hofmannswaldau_ (1617-1679) und

_Daniel Caspar von Lohenstein_ (1635-1683) spielt Venus, prunkvoll

aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei

Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes Geschmeide abtut

und ein hübsches Breslauer Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig,

rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr

ins Gras und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes

Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen.

Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern

Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher

Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der

Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht gerade günstig. Im

großen und im kleinen wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Der

Fürst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten

des Vaterlandes und zu höherer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten

Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner _Abraham a Santa Clara_ (1644-1709)

wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme

und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die

Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elsässer

_Moscherosch_ (1601 bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von

Sittewald« die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische

Formung in _Christoph von Grimmelshausens_ (aus Hessen, 1625-1676)

»Abenteuerlichem Simplizissimus« fand. Neben dem Grübler Faust, dem

weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parsival als die

dritte Verkörperung der deutschen Seele ansprechen. Parsival heißt bei

Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen

besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß und einfach in

sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des

Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreißigjährigen

Krieges. _Andreas Gryphius_ (aus Großglogau, 1616-1664) erlebte das

allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht

typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es

bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das Leitmotiv seiner

Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen

und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und

fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten

grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden

Resignation und eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die

grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute

gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete

keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. =Vanitas!

Vanitatum vanitas!= Es ist alles eitel. Daß auch der Seelen Schatz so

vielen abgezwungen -- dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der

große Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus

und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da

sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums goldene Kalb ganz frei

davon geblieben? Stoßt das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weiße

Marmorstatue der Göttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe

an seiner statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das

Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren Zeit. --

Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius' Lustspiel

=»Horribilicribrifax«= schwingt er spöttischen Mundes die Geißel über

Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der Überschätzung alles

Militärischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der

aufschneiderische Maulheld =Horribilicribrifax= ist eine köstliche

Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. -- Einen

bürgerlichen Maulhelden nahm sich _Christian Reuter_, ein Leipziger

Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im

Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius

Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche

Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und

akkurateste er an den Tag gab. Diese lügenhafte Reisegeschichte, die

Schelmuffski über Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie

ist dem hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten Könige

oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet ...), ist einer der besten

komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergötzlicher

Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegelten die Zeit.

Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Träne ins Lid.

* * * * *

Wie ein Sturmwind braust _Johann Christian Günther_ (aus Striegau,

1695-1723), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung.

Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den

himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne

Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein

Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant

François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer

Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der

Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und

Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese

Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht

immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und

Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach

ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende

Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie

Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig:

das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. Der nie ein alter

Günther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz.

Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn

und ging gekräftigt aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut

verströmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und

Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb der

bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten

Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig

zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen

Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht,

von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich

gegenüberstellte, und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn in den

Eltern mit dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und

Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier wünschten

Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. Wie ein von allen

gemiedener räudiger Hund lief er durch Deutschlands Straßen. Da

übermannte ihn die Verzweiflung, daß er zu sterben wünschte, weil

Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reißt sich wieder empor, die

Tränen versiegen, die Faust ballt sich:

Ich will hoffen, Hoffnung siegt.

Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun

stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und

sang ihr zu:

Schönen Kindern Liebe singen

Ist das Amt der Poesie,

und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder

auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der

Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan.

Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er

eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen

das schönste deutsche Studentenlied:

Bruder, laßt uns lustig sein,

Weil der Frühling währet ...

Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name

dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.

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Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart · 第 1 / 7 段